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out of hell

GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P16 / Gen
Inspektor Cotta Skinner "Skinny" Norris
04.01.2021
04.03.2021
18
30.101
21
Alle Kapitel
53 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
04.01.2021 2.093
 
Wer "sometimes suffering is just suffering" und/oder "black vultures" gelesen hat, weiß vielleicht, dass Skinnys Kampf mit Depressionen und Selbstmordgedanken ein Thema ist, das mir sehr am Herzen liegt. Aber ich habe gesagt, ich will nicht mehr darüber schreiben, wie er leidet, sondern lieber darüber, wie er sich wieder aufrappelt. Und genau das soll er hier mit Cottas Hilfe tun. (Weil ich auch einfach einen soft spot dafür habe, dass Cotta sich um ihn sorgt und für ihn da ist xD)
Die Story ist bereits zum größten Teil fertig, nach aktuellem Plan sollen es 15 Kapitel werden, die aber alle "nur" einen Word Count zwischen 1.3k und 1.6k haben. Deswegen gibts Updates diesmal zweimal die Woche, wahrscheinlich montags und donnerstags.
TW: Depressionen und Selbstmordgedanken, Schusswaffen, Selbstmordversuche, Kindesmisshandlung und Erwähnung von häuslicher Gewalt.

OUT OF HELL

When the world gave up on him
He gave up on himself.
He said, Is anybody out there?
Does anybody care?

[In This Moment – Out Of Hell]

KAPITEL EINS

Es war dunkel um Skinny. Dunkel und still. Das hasste er vielleicht am meisten daran, wieder im Haus seiner Eltern festzusitzen. Diese verdammte Totenstille.

Er konnte nicht schlafen. Schon seit drei Stunden drehte er sich von der einen Seite auf die andere, starrte abwechselnd die Wände und die Decke an.

In Little Rampart drangen immer irgendwelche Geräusche durch die dünnen Wände – Musik, Streits, Kinder, die herumrannten.

Hier hörte er nicht mal das Rauschen von Autos auf der Straße, weil das Haus zu weit zurück gesetzt stand und sein Fenster zum weitläufigen Garten hinaus ging.

Nur in manchen Nächten tanzte eine entfernte Melodie an sein Ohr, und er war sich noch immer nicht sicher, ob das besser oder schlimmer war als die Stille. Zu wissen, dass seine Mutter allein im Erdgeschoss im großen Wohnzimmer an ihrem Flügel saß und Tschaikowsky spielte, mit einer Leichtigkeit, die sie ganz sicher nicht fühlte. Währenddessen schnarchte sein Vater zweifellos im Ehebett vor sich hin und hatte nicht einmal mitbekommen, dass seine Frau sich wieder in die Musik geflüchtet hatte.

Als Kind war Skinny manchmal nachts wachgeworden und hinunter gegangen, hatte in der halb offenen Tür gestanden und die schmale Gestalt beobachtet, die in der Dunkelheit am Klavier saß.

Seit er sie eines Nachts dabei hatte weinen hören, war er nicht mehr hinunter gegangen.

Heute wünschte er sich fast, sie würde spielen, damit er zumindest nach der Musik lauschen könnte.

Denn immer wieder wanderten seine Gedanken zu der Waffe auf seinem Kleiderschrank.

Vor ein paar Wochen war sie ihm gleichsam in den Schoß gefallen. Dylan hatte sie loswerden müssen, und Skinny hatte angeboten, sie eine Weile zu verwahren.

Er hatte sie oben auf den Kleiderschrank geschoben, hinter den Stapel alter Comichefte, die sein Vater nie kontrollierte, wenn es ihm mal wieder einfiel, das Zimmer auf den Kopf zu stellen auf der Suche nach etwas, das Skinny eigentlich nicht haben sollte – meistens Zigaretten, Drogen, Alkohol, aber auch Geld oder Essen, je nachdem in welcher Stimmung er war.

Das Magazin hatte er gesondert versteckt. In der Schublade, in einem Paar dicker Socken. Drei Patronen waren noch darin.

Und immer wieder musste Skinny daran denken, wie leicht es wäre.

Wie leicht es wäre, aufzustehen, die Waffe vom Schrank zu holen, sie zu laden, sie sich an den Kopf zu setzen und abzudrücken.

Ein Knall, dann würde sich sein Gehirn über die hellblaue Tapete verteilen, die er schon immer gehasst hatte, und er wäre endlich durch mit diesem ganzen Elend.

Er war es schon lange leid, dieses Leben, diesen ständigen Kampf – mit seinem Vater, gegen sich selbst, um jeden verdammten Dollar.

Und besonders schwer wurde es in den Nächten, wenn er nichts hatte, um sich davon abzulenken.

Die Vorstellung kam ungebeten. Der harte Plastikgriff in seiner Hand, das Geräusch, wenn er die Waffe lud, das unnatürlich laut in dem stillen Zimmer nachhallen würde. Das Metall des Laufs wäre kalt auf seiner Haut, er könnte die Mündung gegen seine Schläfe pressen, bis es wehtat.

Abzudrücken wäre dann so einfach. Eine winzige Bewegung, nur ein kleines Zucken des Fingers, und er wäre erlöst.

Keine Wut mehr, kein Hass, keine Angst, keine Leere.

Nur noch Ruhe.

Endlich Ruhe.

Er stand auf. Ohne Licht zu machen griff er seine Jeans und einen Pullover vom Schreibtischstuhl und zog sich an.

Mit den Schuhen in der Hand ging er im Dunkeln die große Treppe hinab. Seine Socken machten kein Geräusch auf dem kalten Stein. Im Erdgeschoss schlug gerade die Standuhr, doch das erschreckte ihn schon lange nicht mehr.

Anstatt die Haustür zu benutzen ging er durch die Küche, und durch die Seitentür nach draußen. Hier sprang wenigstens nicht sofort der Bewegungsmelder an. Er wusste nicht, ob er das harsche Licht gerade ertragen würde.

Regen fiel in ganz feinen Fäden, aber sich die Kapuze aufzusetzen hätte irgendwie mehr Energie erfordert, als Skinny gerade aufbringen konnte.

Langsam ging er die verlassene Straße hinab. Spätestens ab Mitternacht war in dieser Gegend nichts mehr los. Genauso gut hätte man die Gehsteige hochklappen können.

Die Hände in den Taschen und den Kopf gesenkt wanderte er ziellos durch die Stadt.

Seine Gedanken drehten sich im Kreis. Fast wünschte er sich, er hätte die Waffe eingesteckt. Müde zuckten seine Mundwinkel bei der Vorstellung, wie sehr es Cotta anpissen würde, wenn er es direkt vor dem Polizeirevier zuende bringen würde.

Aber gleichzeitig wusste er, dass er das niemals tun würde. Wenn er es beendete, dann würde er es allein tun. Vielleicht in seinem Zimmer, damit seine Eltern wenigstens einmal in ihrem Leben hinterfragen mussten, wie sie mit ihm umgegangen waren. Vielleicht irgendwo an den Klippen zum Meer, weit weg von allen, wo ihn so schnell niemand finden würde.

Doch genau deswegen hatte er die Waffe nicht mitgenommen. Um sich der Versuchung zu entziehen.

Halbherzig steuerte er das Freeman-Gelände an. Vielleicht würde er dort ein wenig Ablenkung finden, zwischen Minas Horrorgeschichten, Pauls Gitarrenspiel und ein paar Dosen Bier.

Doch kurz bevor er es erreichte, fiel ihm auf, dass er eigentlich gar keine Lust auf die Chaoten hatte. Falls dort überhaupt noch jemand wach war. Also bog er die nächstbeste Straße in eine andere Richtung ab, ohne so recht darauf zu achten, wohin er ging.

Immer noch nieselte es, die Feuchtigkeit sammelte sich in seinen Haaren und drang durch den Kapuzenpullover. Als ein Tropfen über seine Stirn rann, an seinem Auge vorbei und hinab über seine Wange, kam der Vergleich zu Tränen ganz von selbst.

Niemand würde den Unterschied bemerken, doch Skinny war nicht der Typ, der weinte. Das hatte man ihm gründlich abgewöhnt, und inzwischen hatte er das Gefühl, es gar nicht mehr zu können. Wo andere anfingen zu heulen, ballte sich die Hoffnungslosigkeit in ihm nur zu einem immer festeren Knoten, der ihm wie ein Stein im Magen lag und das Atmen schwer machte.

„Skinny?“, fragte jemand, und er zuckte zusammen.

Er sah sich um, und war überrascht, Inspektor Cotta in der Dunkelheit auf der Veranda neben sich stehen zu sehen. Während er in Gedanken gewesen war, musste er Seven Pines durchquert und das Haus des Inspektors erreicht haben, auch wenn er sich beim besten Willen nicht daran erinnern konnte.

„Was machst du denn um die Uhrzeit hier draußen?“, wollte Cotta wissen, als Skinny nicht reagierte.

Müde zuckte er mit den Schultern. „Könnt ich Sie auch fragen.“ Seine Stimme klang selbst in seinen eigenen Ohren ausdruckslos. Am liebsten hätte er die Worte zurück genommen, ihm war nicht nach einer Unterhaltung zumute. Doch jetzt war es zu spät.

Cotta lachte leise, hob dann eine Zigarette, die Skinny bisher noch gar nicht aufgefallen war. „Vorm Zubettgehen noch eine rauchen“, antwortete er.

Jetzt trieb die Nachtluft auch den Geruch zu Skinny herüber, und unwillkürlich sog er ihn ein, leckte sich die Lippen. Er konnte sich im Moment keine Kippen leisten, und er merkte den Entzug nur zu deutlich.

Offenbar hatte Cotta es gesehen denn im nächsten Moment deutete er zu der Schachtel, die vor ihm auf einem kleinen Tisch lag. „Willst du eine?“, bot er zu Skinnys Überraschung an.

Sein erster Impuls war, abzulehnen. Einfach weiter zu gehen, den Inspektor Inspektor sein zu lassen. Aber das Verlangen war stärker, und ehe er es sich versehen hatte, war er die Stufen zur Veranda hinauf gegangen.

Vielleicht war das sogar ganz gut so, schoss es ihm durch den Kopf. Vielleicht würde das Nikotin helfen, die Sehnsucht nach dem Ende ein wenig betäuben.

Er folgte Cottas auffordernder Geste, schüttelte sich eine Zigarette aus der Packung, griff das Feuerzeug, das daneben lag, zündete sie an. Der erste Zug stieg ihm direkt zu Kopf, und wie er gehofft hatte, brachte es seine kreiselnden Gedanken zur Ruhe. Seufzend schloss er die Augen, atmete den Rauch langsam wieder aus.

Für einige, wertvolle Sekunden dachte er an gar nichts. Dann holte ihn das Geräusch, mit dem Cotta sich bewegte, sich gegen die Wand lehnte, wieder in die Wirklichkeit zurück.

Er beobachtete, wie der Inspektor einen halbvollen Aschenbecher vom Fensterbrett auf den Tisch stellte.

„Warum sind Sie eigentlich noch wach?“, erkundigte er sich ohne echtes Interesse. Als er das Haus verlassen hatte, hatte es gerade zwei geschlagen, und er war sicher schon eine halbe Stunde unterwegs.

„Ich hab so viele Nachtschichten gearbeitet in meinem Leben“, antwortete Cotta mit einem Seufzen, „Mein Schlafrhythmus ist ein für alle Mal im Eimer.“ Dann warf er Skinny einen viel zu aufmerksamen Blick zu. „Warum bist du noch wach?“

Schon bereute Skinny seine Frage. Er wollte jetzt nicht über sich reden. „Geht Sie nichts an“, murmelte er. Er hatte keine Lust, zu erklären, warum er nicht schlafen konnte, und dass er selbst hier, auf der anderen Seite der Stadt, noch das leise Locken der Pistole hören konnte, die ihm zuflüsterte, dass sie allem ein Ende setzen und ihn erlösen konnte.

„Sollten Sie nicht eigentlich Leute vom Rauchen abhalten?“, lenkte er ab. „Vorbildfunktion und so?“

Cotta zuckte mit den Schultern. „Du sahst aus, als könntest du es brauchen“, sagte er leise. Dann zupfte ein halbes Grinsen an seinem Mundwinkel. „Außerdem kenn ich dich gut genug.“

Vielleicht war es als Scherz gemeint, doch Skinny hatte das Gefühl, der Inspektor hätte ihm eine gelangt. Auf die Erinnerung hätte er verzichten können.

Ihm war ja selber klar, dass er in dieser Stadt der Inbegriff der gescheiterten Existenz war, des Jugendlichen auf Abwegen, ohne Perspektiven, obwohl er eigentlich mit etwas in dieses Leben gestartet war, das von Außen nach besten Voraussetzungen aussehen musste.

Er warf dem Inspektor nur einen müden Blick zu, bei dem diesen plötzlich der Ernst zu packen schien, und trat den Rückzug an. Er dachte nicht einmal daran, sich für die Zigarette zu bedanken.

Cotta sagte seinen Namen, mit einem Ton, den Skinny nicht deuten konnte, versuchte vielleicht, ihn aufzuhalten, doch Skinny ging stumpf die drei Stufen zur Veranda hinab und wandte dem Haus des Inspektors den Rücken zu.

Anstatt nach Hause zu gehen, steuerte er nun den Strand an. Die Zigarette leistete ihm nicht so lange Gesellschaft, wie er gehofft hatte, war viel zu schnell zu Ende, und auch ihre Wirkung ließ viel zu schnell nach.

Skinny fand eine Bank, ein paar Meter von der dunklen Brandung entfernt. Er setzte sich, starrte hinaus auf den Ozean. Obwohl er hier aufgewachsen war, war ihm das Meer nie ganz geheuer gewesen. Zu groß, zu fremd, zu unberechenbar.

Kälte kroch in seine feuchte Kleidung, doch er blieb einfach sitzen. Vielleicht würde er einfach erfrieren. Das wäre zwar nicht, wie er sich vorstellte zu gehen – kein letzter Akt der Gewalt, kein schnelles, heftiges Ende – aber wenn es so kam, würde er es nehmen.

Er wusste nicht, wie lange er dort saß, die Ellbogen auf den Knien abgestützt und den Kopf gesenkt. Ein paar Mal dämmerte er weg, gnädig eingelullt vom Geräusch der Wellen, und als er das dritte Mal aufschreckte, stahl sich hinter ihm bereits der Morgen in den Himmel.

Er lebte immer noch. Eine weitere Nacht, die er überstanden hatte. Mit einem seltsamen Gefühl der Enttäuschung stand er auf, mit steifen Gliedern und klammen Sachen, und trat langsam den Rückweg an.

Als das Haus seiner Eltern in Sicht kam, brannte im Erdgeschoss bereits Licht. Mit tauben Fingern schloss er die Seitentür auf, doch er wusste bereits, dass er sich nicht ungesehen zurück in sein Zimmer schleichen können würde. Durchs Fenster hatte er seine Eltern gesehen, die schweigend am Küchentisch saßen, sein Vater mit der Zeitung in der Hand, seine Mutter noch im Bademantel.

Er konnte seinen Vater schon hören, der ihn kalt und herablassend fragte, wo er schon wieder gewesen war, und wünschte sich unwillkürlich, er wäre doch auf der Bank sitzen geblieben.
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