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Sieben Kolosse

von Eccho
GeschichteRomance, Horror / P18 / MaleSlash
Eren Jäger Levi Ackermann / Rivaille
04.01.2021
09.08.2021
32
155.513
46
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Dieses Kapitel
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02.08.2021 4.715
 
31. Byakko

Levi saß auf dem Rücken seines Pferdes und starrte von der Anhöhe über das karge Tal zu der Felswand, in die ein Portal geschlagen war. Selbst über die weite Entfernung konnte er auf dem steinernen Querbalken die eingravierten Worte seines Vorfahren lesen: Lasst, die Ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!

//Das ist er also. Sein Tempel//, hörte er Eren denken und nickte zustimmend.

Sie hatten nur fünf Stunden hier her gebraucht. Fünf Stunden. Wäre Byakko nicht Ragnaroks Regeln unterworfen gewesen, hätte er jeder Zeit sein Zuhause verlassen und ihr Königreich terrorisieren können.

Der Ton und die dadurch ausgelösten Schmerzen waren nun verschwunden. Dafür erwachte ihre Angst und Unsicherheit wieder zum Leben. Obgleich sie wussten, dass sie Byakko töten würden, hielten die Furcht und das damit verbundene Trauma sie davon ab, so mutig wie zu vor sich dem Dämon zu nähern. Wo war nur diese grenzenlose Wut geblieben, wenn man sie einmal brauchte?

Sich zusammenreißend, trieb Levi sein Ross an, auf dass sie gemächlich von der Anhöhe hinunter ritten. Sie durchquerten langsamen Schrittes das Tal und merkten schon bald, wie riesig das Portal eigentlich war. Eren hätte es beinahe in seiner Titanenform durchschreiten können, wenn er geduckt gegangen wäre. Somit war klar, dass er in der Höhle als Titan kaum agieren konnte. Es sei denn, die Decke der dahinter liegenden Höhle wäre höher als der Querbalken des Portals.

Da sie nun einen besseren Blick auf das Innere des Tempels hatten, konnten sie die schwarzen Ziegelsäulen sehen, die zu einer steinernen Wand führten, in der ein bogenförmiger Durchgang geschlagen war. Dahinter musste die Höhle liegen, doch was sie sahen, war nur pure Finsternis, da das Sonnenlicht den hinteren Teil des Tempels nicht erreichte.

Levi stieg gemächlich vom Pferd ab und blickte abermals in die Dunkelheit der Höhle. Er hatte Angst. Nicht so, wie vor und während den Kämpfen gegen die Götter. Nein, seine Furcht kam von ihm selbst und vermischte sich mit der von Eren. Der Junge war an seine Seite getreten und hatte seine Hand ergriffen, um sich wie so oft zu beruhigen, doch das negative Gefühl blieb bestehen.

„Armin, du bleibst hier und bewachst die Pferde“, sagte Levi schließlich an den Blonden gewandt.

„Warum?“, protestierte Armin, da er wohl mit seiner Teilnahme im Kampf gegen Byakko gerechnet hatte.

„Weil ich es so sage“, bestimmte Levi und fügte in Gedanken an, dass im Falle des Falles wenigstens einer von ihnen überleben sollte.

„Sollte nicht besser Mikasa draußen bleiben?“, meinte Jean, doch Levi schüttelte den Kopf.

„Es kann nicht schaden, wenn eine weitere Ackermann mich im Kampf unterstützt.“ Und damit war alles gesagt.

Armin ging mit den Pferden zur linken Seite vor dem Eingang, während Levi und Eren sich Hand in Hand dem riesigen Portal näherten. Sie blieben wenige Meter davor stehen, sodass der Dunkelhaarige den Kopf in den Nacken legen und den Schriftzug noch einmal lesen konnte. Sein Blick wanderte über die einzelnen Zeichen und ihm erschien plötzlich seinen Gedanken ein Bild.

In diesem hing sein Ebenbild an einem Seil über dem Eingang und schlug die Worte in das Gestein. Byakko streckte seinen Kopf aus dem Portal und drehte ihn wie auch den vorderen Teil seines Körpers 180 Grad, um den Dunkelhaarigen für sein Vorhaben zu verhöhnen. Sie schienen nicht verfeindet, sondern viel mehr vertraut zu sein, da Levis Ebenbild sich nicht durch Byakkos Worte verunsichern ließ, irgendetwas erwiderte und stetig weiter die Zeichen mit Hammer und Meißel in das Gestein schlug.

Verwirrt blinzelnd, strauchelte Levi zurück, bevor er Erens Blick bemerkte und ihn erwiderte.

//Was ist los?//, fragte der Braunhaarige, da er die Szene nicht gesehen hatte.

//Ich hatte eine Vision//, erklärte Levi und schaute wieder nach oben. //Von meinem Vorfahr, der die Worte in den Stein gemeißelt hatte. Byakko war auch da und hatte ihn dafür verspottet. Er hatte ihn aber nicht aufgehalten.//

„Was steht da, noch gleich?“, fragte Jean auf einmal und Levi erkannte, dass er und Mikasa neben ihnen standen und ebenfalls nach oben starrten.

„Lasst, die Ihr eintretet, alle Hoffnung fahren“, las Mikasa völlig ungerührt vor. Es schien so, als würde ihr der bevorstehende Kampf gar keine Sorgen bereiten, obgleich sie Stunden zuvor bei Byakkos Anblick wie alle anderen zurückgeschreckt war.

„Das klingt ja viel versprechend“, meinte Jean im sarkastischen Ton und Levi setzte sich in Bewegung.

Seine linke Hand war mit Erens verschränkt, in seiner rechten befand sich sein Schwert. Der Tempel war riesig und ging mehr in die Breite als in die Länge. Es sah so aus, als wäre er im Berg entlang der Felswand aufgebaut worden. Levi wagte es sehr zu bezweifeln, dass Byakko die einzelnen Ziegeln der Säulen selbst gesetzt hatte. Nein, das war die Arbeit von Menschen gewesen. Menschen, die ihm einst huldigten oder unter seinem Einfluss standen.

Ein leises Rauschen, gleich dem sanften Atmen eines Riesen, erfüllte den Tempel, als die Luft ihn durchströmte. An manchen Säulen waren Fackeln in ihren Halterungen angebracht, doch ihr Feuer war schon vor langer Zeit erloschen. Das erinnerte Levi und willkürlich an die erste Begegnung mit Byakko. Auch in der Höhle war eine Fackel angebracht gewesen, doch diese hatte gebrannt.

„Wir sollten uns ein paar der Fackeln holen“, wies er alle an, woraufhin Mikasa und Jean zu der linken Säule des Hauptweges gingen und Eren zur rechten. Der Dunkelhaarige folgte ihm sogleich, damit dir Verbindung ihrer Hände nicht abriss, musste später jedoch loslassen, damit die Fackel mittels der 3D-Manöver-Ausrüstung geborgen werden konnte. Diese hatte einen starken Eigengeruch, den sie nicht einordnen konnten, und ließen sich leicht entflammen.

Mit ihnen in den Händen trafen sie sich in der Mitte vor dem riesigen Durchgang zur Höhle. Noch einmal tauschten sie Blicke, sodass Levi die Sorge in den Augen der anderen sehen konnte, bevor er den Griff um Erens Hand verstärkte und mit ihm voranschritt. Er fühlte die Angst des Jungen, als dieser sich unwillkürlich beim Anblick der Höhle an ihre erste Begegnung mit Byakko erinnerte. Auch im Dunkelhaarigen stiegen grausame Bilder dieses Moments hoch, doch er drängte sie mit aller Macht zurück. Er musste Eren noch nicht einmal dazu anhalten, es ihm gleichzutun, da er schon bald merkte, dass der Junge sich auf alle schönen Dinge, die sie bisher geteilt hatten, konzentrierte.

Da Eren mit ihrem Wohlergehen beschäftigt war, blieb Levi für sie beide wachsam und konzentrierte sich auf jedes Geräusch und jede Bewegung, die er wahrnehmen konnte. Er bemerkte, dass die Klinge seines Schwerts von selbst schwach leuchtete, obgleich er es nicht über den Kopf gestreckt hielt. Bislang waren nur ihre Schritte und ihr Schweigen ihre Begleiter, doch das änderte sich, als die in der Ferne etwas über den steinernern Untergrund schleifen hörten. Sie blieben sofort wie angewurzelt stehen, erstarrt vor Angst, während irgendwo in der Höhle etwas Festes über den Fels scharrte.

Byakko sprach nicht zu ihnen, doch durch den Anstieg der göttlichen Angst wussten sie, dass dieses Monster nicht mehr all’ zu weit von ihnen entfernt war. Vorsichtig gingen sie weiter und kamen zu einer riesigen Gabelung, die sie zu vier möglichen Pfaden führte. Dort standen sie nun und lauschten, aber kein Laut drang an ihre Ohren. Der Dämon blieb im Verborgenen.

Levi war im Begriff, das Schwert über den Kopf zu heben, als er etwas hörte.

„Eren …“, schallte plötzlich eine weibliche Stimme durch die Höhle. Ein Schreck schnalzte durch Erens Brust und spiegelte sich in Levis wieder. Der Dunkelhaarige schaute zu seinem Liebsten, als die Stimme abermals dessen Namen rief in ihm die Tränen in die Augen trieb als auch seinen Zorn entfachte.

„Hör auf, meine tote Mutter zu simulieren, du krankes Arschloch!“, brüllte er voller Wut in die Finsternis hinein und erhielt von der Ferne ein hämisches Kichern. Dieses schallte durch alle Gänge und war deswegen nicht zu lokalisieren.

„Levi …“, hauchte plötzlich eine andere weibliche Stimme und in diem Dunkelhaarigen zog sich alles zusammen.

//Die Stimme deiner Mutter?//, wollte Eren, dessen Wut noch immer zu spüren war, wissen und Levi nickte. Er hätte auch mit Wut reagieren können, doch ihre Stimme nach so langer Zeit wieder zu hören, erfüllte ihn zum einen mit einer lang vergessenen Sehnsucht und zum anderen mit Trauer.

„Mikasa~!“, ertönte die nächste weibliche Stimme, als würde sie die Dunkelhaarige zum Essen rufen. Diese wandte betroffen den Blick ab, woraufhin Jean sich vor sie schob und in die Finsternis rief: „Ja, toll! Du kannst die Stimmen verstorbener Mütter imitieren! Hast du nicht mehr auf Lager?!“

Da war es wieder. Dieses widerliche Kichern, das durch die ganze Höhle hallte.

„Ich könnte euch schon mit anderen Dingen quälen“, schnarrte Byakko und seine Stimme schien aus dem zweiten Gang von links zu kommen, ehe sie plötzlich aus dem äußersten auf der rechten Seite kam.

„Ach, wir haben noch so viele wunderbare Stunden vor uns. Womit soll ich anfangen?“

Seine Stimme wechselte wieder den Standort und kam dieses Mal von links.

„Wie wäre es, wenn ich euch den Tod euerer Liebsten wieder und wieder zeige?“

Dieser Vorschlag weckte in Eren und Levi eisiges Grauen, dass sich in dem Gefühl des jeweils anderen spiegelte. Der Dunkelhaarige festigte seinen Griff um die Hand des Jüngeren und fragte: „Was meinst du damit, dass wir noch so viele Stunden haben? Hast du etwas geplant?“

„Aber nicht doch.“ Alle vier wirbelten herum, weil die Stimme nun hinter ihnen ertönte, aber dort stand niemand. „Es ist mehr … Vaters Plan. Ich amüsiere mich nur.“

„Dann weißt du, dass du sterben wirst“, sprach Mikasa das Thema direkt an und ein vergnügtes Kichern erfüllte die Höhle.

„Bei Sonnenaufgang wird mein Vater erwachen. Das gibt uns die ganze Nacht. Viele Stunden, in denen ich euch quälen kann.“

Nun konnten sie nicht mehr bestimmen, wo Byakko sein könnte, da seine Stimme direkt in ihren Köpfen zu hören war. Vielleicht war sie das auch von Anfang an gewesen. Levi war sich dessen bewusst, dass dieses Monster nur mit ihnen spielte. Er sagte indirekt, er würde gegen Sonnenaufgang sterben, aber warum sollte er das geschehen lassen? Noch dazu war nicht gesagt, dass alle diesen Kampf überlebten, doch Levi hatte nicht vor, auch nur einen von ihnen sterben zu lassen.

„Oh, das ist aber nobel von dir, Levi“, ertönte Byakkos Stimme nun klar und deutlich von ihnen. Es war so, als würde er soeben einen Tarnschleier lüften, denn auf einmal stand er unvermittelt vor ihnen.

Alle vier wichen automatisch einen Schritt zurück, während die Bestie im Schein der Fackeln mit ihren blutroten Augen auf die hinabstarrte. Es war erstaunlich, welche unwichtigen Details einem auffallen konnten, wenn man sich in unmittelbarer Lebensgefahr befand. Nun bemerkte Levi die langen, welligen Hörner, die aus Byakkos Kopf ragten und in Richtung des Körpers gewachsen waren. Er sah die roten Linien auf den schwarzen, spitzen Zähnen. Er sah das Siegel, welches kreisrund unter dem Fell auf seinem Bauch, zwischen dem vorderen und mittleren Pfotenpaar, schwach aufleuchtete.

Levi wie auch Eren waren von ihrer und der göttlichen Angst gelähmt, sodass sie zu nichts anderem fähig waren, als zu Byakko hinaufzustarren und zu zittern. In ihnen wollten sich Erinnerungen von der ersten Begegnung hochdrängen, doch sie versuchten sie mit aller Macht zurück unterdrücken. Wieder und wieder blitzten vor Levis geistigem Auge Bilder von dem Moment auf, als er mit Byakko alleine war und versuchte am Bauch von ihm wegzurobben. Er hörte wieder die Laute des Monsters und roch Blut.

Byakkos Lachen brachte ihn wieder in die Gegenwart zurück.

„Es freut mich zu sehen, dass ich bei euch einen bleibenden Eindruck hinterlassen habe“, schnarrte er höhnisch und bleckte dabei seine Zähne. Sie waren in der Vision so scharf gewesen.

„Du willst alle retten“, sprach er zu Levi, bevor er zu Jean schaute und sagte: „Und du willst sehen, was ich auf Lager habe.“

Seine Lefzen verzogen sich zu einem Unheil bringenden Grinsen, ehe sein rattenförmiger Schweif nach vorne schnellte und zwischen Levi und Eren schlug, sodass die beiden ihre Hände loslassen mussten.

„Lasst uns ein Spiel spielen. Und das heißt … Finde die anderen. Wenn Levi euch vor mir findet, dürft ihr Leben. Wenn ich euch vorher finde- …“

Er musste nicht weitersprechen, da sein sadistisches Grinsen und der durchdringende Blick alles sagten.

Binnen eines Wimpernschlags verschwand er und mit ihm das Licht. Levi wirbelte erschrocken herum, als er erkannte, dass alle anderen weg waren und er sich in einem anderen Teil der Höhle befand. Einzig das kühle, blaue Licht seines Schwerts diente ihm als Lichtquelle.

//Das ist nicht real//, dachte Levi und ging in die Richtung, in der er Eren vermutete, doch …

Seine Verbindung zu Eren sagte ihm deutlich, dass der Junge weiter weg war, und die Felswand vor ihm fühlte sich verdammt echt an.

//Er hat uns getrennt. Ich bin ganz alleine//, schallte Erens Stimme in Levis Gedanken wieder und eine Welle der Panik schwappte zu Levi hinüber.

//Der Mistkerl muss uns irgendwie manipuliert haben//, entgegnete der Dunkelhaarige und setzte sich in Bewegung. Er hob das Schwert über seinen Kopf, woraufhin der Strahl in die entgegengesetzte Richtung ging.

//Er ist irgendwo hinter mir. Ich komme jetzt zu dir//, informierte er den Jüngeren, als er dorthin ging, wo er seine Nähe wahrnahm.

//Ich komme dir entgegen//, erwiderte Eren und schien nun wieder beruhigter zu sein. Zumindest nahm Levi seine Panik nicht mehr wahr.

Gerade in diesem Augenblick, alleine in der Finsternis und mit Aussicht auf wenig Hoffnung, war Levi froh, um seine Verbindungen zu Eren. Sie gaben ihm die Zuversicht, voranzuschreiten und an ein Morgen zu glauben. Wenn sie es hier jemals lebend herausschaffen sollten … fall sie Ragnarok … nein … sie würden ihn nicht überleben. Da Levis Vorfahr und beide von Erens Titanen von ihm abstammen, würden sie mit ihm sterben, doch …

//Was ist, wenn man uns wiederbelebt?//, hörte er den Jüngeren seinen Gedanken aussprechen. //Glaubst du, das könnte funktionieren?//

//Ich weiß es nicht//, erwiderte Levi ehrlich und ein Funken Hoffnung erwachte in ihm zum Leben. Sie würden sicher mit Ragnarok sterben, doch niemand wusste, ob man sie direkt danach wieder ins Leben zurückholen konnte. Da man Annie und Reiner viel zu spät gefunden hatte und Berthold wie auch Zeke getötet wurden, blieb nie der Raum, um aus an diese Option zu denken und sie auszutesten. Falls es jedoch möglich war-

//Ich habe Jean gefunden!//, schallte Erens erfreute Stimme durch seinen Kopf, während Levi in der Ferne Mikasa mit einer Fackel in der Hand stehen und sich zu ihm umdrehen sah. Erneut hob er das Schwert über den Kopf und dieses Mal deutete der Lichtstrahl in die andere Richtung.

//Mikasa ist bei mir. Passt auf! Er scheint bei euch in der Gegend zu sein//, warnte er Eren, bevor er vor Mikasa stehenblieb. Die Dunkelhaarige sagte nichts, als sie sich zusammen in Bewegung setzten, wobei Levi nochmals das Schwert hob. Byakko befand sich nach wie vor ins Erens Richtung, schien jedoch nach links und nach rechts zu laufen.

„Geht es Eren gut?“, fragte Mikasa plötzlich und Levi nickte stumm. Danach wurde es wieder ruhig zwischen ihnen, da sie sich nach wie vor nicht viel zu sagen hatten.

//Er ist bei uns!//, brüllte Eren plötzlich in Levis Kopf, auf dass der Dunkelhaarige erschrocken zusammenfuhr.

Levi fluchte laut, ehe er zu laufen begann. Mit der 3DMA wären sie deutlich schneller gewesen, doch weder das Schwert noch die Fackel boten ihnen genug Licht, um sich sicher mit hoher Geschwindigkeit in der Höhle fortbewegen zu können. Bevor Mikasa ihn fragen konnte, rief er: „Er ist bei ihnen!“

Daraufhin warf Mikasa die Fackel bei Seite und aktivierte ihre 3DMA. Levi fluchte abermals laut, bevor er ebenfalls seine 3D-Manöver-Ausrüstung aktivierte und ihr hinterher flog. Dank dem veränderten Griff konnte er das Schwert in dessen Halterung legen und wie die Abbrechklingen verwenden. Dies war Hanjis letztes Geschenk an ihn, bevor der letzte Angriff auf das Königreich erfolgt war.

Der Wind rauschte an seinen Ohren vorbei, als er Mikasa durch die Finsternis folgte und beide wären bei der scharfen Rechtskurve beinahe gegen die Wand geklatscht. Dank ihrer guten Reflexe konnten sie die Flugbahn umlenken, sodass ihre Füße nur minimal beim Wenden die Wand streiften. Unterdessen hielt Eren ins seiner Panik Levi permanent auf dem Laufenden.

So wusste der Dunkelhaarige, dass beide ebenfalls die 3D-Manöver-Ausrüstung verwendeten, was in ihrem Fall noch gefährlicher war, da beide noch zusätzlich die Fackeln in der Hand hatten. Eine von ihnen wurde soeben in Byakkos offenes Maul geworfen, was gar keinen Effekt auf diesen hatte. Wie er durch Erens Gedanken vernahm, verhöhnte Byakko die beiden nur und erinnerte sie daran, dass einer seiner Brüder ein Drache gewesen war und die Geschwister einander keinen Schaden zufügen konnten. Somit war klar, warum Kankras Panzer feuerfest war.

Mikasa erreichte als erste den Raum mit den vielen Abzweigungen und hielt in dessen Mitte an. Levi landete neben ihr und blickte zum zweiten Gang von rechts, aus dem viele Geräusche drangen und wo Erens Präsenz zu spüren war. Mikasa begab sich zur linken Wand neben dem Gang und Levi zur rechten. Der Dunkelhaarige musste Eren noch nicht einmal Bescheid geben, damit dieser wusste, was sie vorhatten.

Er und Jean schossen in den Raum hinein, wo Eren in dessen Mitte die Fackel fallen ließ, und flohen zur gegenüberliegenden Wand. Knapp hinter ihnen kam Byakko aus dem Gang und wurde von Mikasa und Levi zugleich attackiert. Die Dunkelhaarige konnte nichts ausrichten und wurde schnell gegen die nächstbeste Felswand geschleudert, während Levi mit dem Schwert den Rücken des Monstrums durchdringen konnte.

Byakko gab einen unmenschlichen Schrei vor sich und begann wie ein wildes Pferd hin und her zu springen und sich zu schütteln, um Levi abzuwerfen. Bevor ihm das jedoch gelang, packte der Dunkelhaarige eines seiner Hörner und hielt sich an diesem fast. Aus dem Augenwinkel sah er, dass Mikasa sich nicht mehr regte und Jean wie auch Eren vom Rattenschweif bewusstlos geschlagen wurden. Der plötzliche Schmerz hätte ihn beinahe mitgerissen, doch er verklang mit Erens Ohnmacht.

Levi war im Begriff, das Schwert zu erheben, um Byakko den Kopf abzuschlagen, als dieser den Kopf ruckartiger hin und her wirbelte, sodass Levis Hand abrutschte und er quer durch den Raum gegen die Wand geschleudert wurde. Schmerz durchzuckte seinen Kopf, Nacken und Rücken, bevor er hart am Boden aufschlug und das Licht beim Verlieren des Schwertes erlosch. Benommen tastete er nach dem Griff und berührte etwas Glattes, Kühles. Fahles Licht erhellte den Raum, sodass Levi in seiner Umnebelung Byakko langsam und raubtierähnlich auf sich zukommen sah, kurz bevor sein schwerer Kopf wieder auf den steinernen Boden sackte und er das Bewusstsein verlor.

Als er wieder zu sich kam und erschrocken hochfuhr, war Byakko wieder weg. Rasch nahm er das Schwert an sich und erhob sich auf wackeligen Knien.

„Eren“, röchelte er benommen und wankte in die Richtung des Jungen. Die Nachwirkungen der Ohnmacht hafteten noch an ihm, als er neben dem Braunhaarigen auf die Knie sank und ihn zu sich umdrehte, sodass er ihn im Arm halten konnte. Er musste nicht nach seinem Puls tasten, da er spürte, dass Eren noch lebte.

Er zog die Beine etwas an, um den Oberkörper des Jungen besser stützten zu können, während er das Schwert etwas anhob und zu Jean sah. Dieser atmete noch und schien, abgesehen von der Kopfverletzung, unbeschadet zu sein. Dann hob Levi den Arm, woraufhin der Lichtstrahl ihm den Weg in Richtung des Tempels wies, ehe sein Blick zu Mikasa wanderte, die sich langsam aufrichtete und eine Hand an ihren Kopf legte. Auch sie lebte noch. Byakko hatte niemanden getötet, obwohl er alle hätte töten können.

Warum? Warum hatte er sie am Leben gelassen?

Was Levi und Eren anging, war es klar, aber warum auch Mikasa und Jean? Dem Dunkelhaarig war bewusst, dass Byakko es nicht aus Nettigkeit getan hatte. Vermutlich wusste der noch nicht einmal, was das war. Also, warum dann? Um dem Plan seines Vaters zu folgen? Spielten die beiden bei Ragnaroks Erweckung noch eine größere Rolle?

„Wie geht es dir?“, fragte Levi die Dunkelhaarige, während sie sich gemächlich erhob.

„Der Kopf dröhnt“, erwiderte sie leise, als sie zu ihnen hinüber kam und sich neben ihm auf den Boden setzte. Nun begannen auch die anderen sich zu regen und Levi erkannte mit Erleichterung, dass Eren keine größeren Schmerzen hatte.

„Wir leben noch“, kam es leise vom Braunhaarigen, als er sich mehr Levi zuwandte und die Umarmung erwiderte.

„Ja, aber warum?“, wollte Jean wissen und hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Kopf.

„Wegen der Bestimmung“, entgegnete Mikasa leise und es wurde wieder ruhig.

Sie waren alle zu benommen, um die Motive für Byakkos Handlungen nachvollziehen zu können. Es war sehr wahrscheinlich, dass es etwas mit der Weissagung zu tun hatte, aber sicher wussten sie es nicht. Ebenso stellte sich dem Dunkelhaarigen die Frage, wie spät es war. Wie lange waren sie bewusstlos gewesen?

Er hatte großen Durst und sein Magen signalisierte Hunger. Da sie zuletzt knapp vor der Besprechung etwas gegessen und getrunken hatten und Levi ziemlich lange ohne beidem auskam, nahm er an, dass die halbe Nacht bereits um war. Vielleicht hatten sie in der Finsternis das Zeitgefühl verloren, aber auf die körperlichen Reaktionen war verlass.

Alle nahmen sich Zeit, um erst wieder richtig wach zu werden, bevor sie sich erhoben und in Richtung des Tempels aufbrachen. Zum Glück hatte niemand eine Gehirnerschütterung und ihre Kopfschmerzen ließen sich gut aushalten. Byakko hatte den Tempel nicht verlassen, als würde er sie dort zum Sterben erwarten. Am Ende ihres Weges sahen sie ihn bereits im schwachen Licht der brennenden Fackeln zwischen den Säulen liegen, den Kopf auf den Pfoten und die Augen geschlossen, als würde er schlafen. Seine Wunde und das Blut waren verschwunden, als hätte Levi ihn nie verletzt.

Der Dunkelhaarige bedeutete den anderen zurückzubleiben, bevor er alleine den Gang verließ. Genau in diesem Moment öffnete Byakko sein Auge und verzog seine Lefzen zu einem Grinsen. Er erhob sich gemächlich nur schnarrte: „Du hast mich ganz schön warten lassen.“

„Du hast uns am Leben gelassen“, erwiderte Levi, frei von jeder Angst und blieb direkt vor Byakko stehen. „Warum?“

„Oh …“, machte das Biest und grinste mit einer diebischen Freunde. „Sehe ich da den Geist meines großen Bruders in dir durchkommen?“

Levi stockte, als er bemerkte, dass sich in ihm tatsächlich etwas geändert hatte. Es schien so, als würde sein Vorfahr bei ihm sein und mit Zuversicht wie auch Unerschütterlichkeit erfüllen. Er sollte Byakko fürchten. Nicht nur wegen der göttlichen Angst, sondern auch wegen dem, was er ihm angetan hatte, doch er stand ihm als Ebenbürtiger gegenüber. Er verstand nicht, warum es so war, doch er nahm dieses Geschenkt mit Freuden an.

Er gab das Schwert wieder in den Griff er 3D-Manöver-Ausrüstung, bevor er die Anker abschoss und sich in die Höhe zog. Draußen war es noch finster, als Byakko sich aufrichtete und nach Levi zu schnappen versuchte. Dieser entkam nur knapp seinen scharfen Zähnen und wirbelte um ihn herum, wobei er mit dem Schwert eine tiefe Wunde in den Nacken des Gottes schnitt.

Trotz der Schmerzen, die empfinden musste, sprang Byakko abermals mit dem vorderen Teil seines Körpers in die Höhe und drehte ihn um 180 Grad, während er Levi mit der Schnauze folgte. Bevor er ihn jedoch schnappen konnte, zog der Dunkelhaarige sich zur anderen Säule und die, vor der er sich bis dahin noch befunden hatte, musste daran glauben. Lautes krachen ertönte, als die mehrere Ziegel und einzelne Gesteinsbrocken zu Boden krachten.

//Lauft raus!//, wies Levi Eren an, als er der Byakko weiter beschäftigt hielt. Das war nicht so leicht, da dieser ihn, trotz des Wissens, dass er diesen Kampf verlieren würde, mit tödlicher Absicht angriff.

„Sagtest du nicht, dass Ragnarok bei Sonnenaufgang erwachen würde?“, keuchte Levi zwischendurch, während die anderen mit der 3DMA aus dem Tempel flohen. Byakko schnappte abermals nach ihm, bremste jedoch kaum merkbar vorher ab. Dieser Bastard!

„Ja, du hast nur noch wenige Minuten Zeit, aber erwarte nicht, dass ich es dir einfach mache“, schnarrte Byakko, als er Levi aus dem Portal nach draußen folgte, während hinter ihm der Tempel immer mehr zusammenstürzte. Gute 10 Meter links vom Eingang befanden sich die anderen mit den Pferden, doch Byakko schenkte ihnen keine Aufmerksamkeit, als er sich zu Levi umwandte, der er mittels 3DMA an der Wand über dem Eingang hing.

Der Dunkelhaarige spürte in jeder Faser seines Körpers, dass er Byakko sogleich töten würde. Er drückte sich von der Wand weg und löste die Anker, als das Biest zugleich mit dem vorderen Teil des Körpers in die Luft sprang und sich aufrichtete. In diesem Moment schoss Levi die Anker erneut ab und bohrte sie in Byakkos Bauch, bevor er sich mit einer rasenden Geschwindigkeit zu ihm zog und das Schwert tief in das leuchtende Siegel stieß.

Aus dem Augenwinkel hatte er im Vorbeifliegen das triumphierende Grinsen des Dämons gesehen, und stürzte nun mit diesem gen Boden. Byakko lag verwundet auf der Seite und atmete schwer, als der Dunkelhaarige das mit schwarzem Blut befleckte Schwert aus dem Körper des Wesens zog. In seinen letzten Augenblicken drehte Byakko den Kopf, legte ihn in den Nacken, als wollte er zu Ragnarok sehen und röchelte: „Vater … erwache …“

Sein Blick wurde fahl, als er ausatmete und verstarb. Aus dem Siegel drang keine Kugel, sondern gleich die schwarzen Seile, welche in Erens und Levis Brust fuhren. Die Melodie erklang, doch sie wurden nicht bewusstlos. Verwirrt blickten sie sich an, während sie aufeinander zugingen und der Musik lauschten.

„Ich kann die Melodie hören“, sagte Armin mit versteinerter Miene, als die ganze Gruppe zusammen gekommen war. Levis Blick ruckte zu Jean und Mikasa und beide nickten. Verwirrt drehte der Dunkelhaarige sich zu Byakkos leblosen Körper um, als sich seine Sicht plötzlich veränderte.

Er sah horizontal auf eine Straße, als würde er dort stehen. Menschen kamen nach und nach aus ihren Häusern, weil die Melodie auch in dieser Gegend zu hören war. Viele waren noch in ihrer Schlafkleidung, manche waren bereits umgezogen. Ihre Gesichter waren von Verwunderung erfüllt, während sie aufeinander zuliefen und tuschelnd versuchten das Mysterium der Musik zu ergründen.

Auf einmal bewegte sich die Sicht nach unten, sodass man für eine kurze Weile nur Erde und Gestein erblicken konnte. Dann konnte man eine felsige Decke mit einigen Stalaktiten sehen, bevor einige heruntergekommene Häuser, die vom spärlichen Licht so mancher Laternen beleuchtet wurden, erschienen.

Sie tauchten wieder in den Boden ein und sahen dieses Mal viel länger Erde und Gestein. Schlussendlich erblickten sie eine riesige Halle, die vom kühlen Licht der sechs Halbkugeln erfüllt war. In ihrer Mitte befand sich ein riesiges, schwarzes Ungetüm, dessen Oberkörper noch nach vorne gebeugt war. Auch in diesem Raum spielte die Melodie klar und deutlich, sodass das Wesen langsam seine roten Augen öffnete.

Es richtete sich auf, ehe es sich umwandte und auf die Lichter blickte. Dann schaute es nach oben, bevor es wieder den Kopf senkte und sich plötzlich der ganze Körper nach oben bewegte und damit die Decke über ihm durchbrach. Levi wurde schlecht, als er mit ansah, wie Ragnarok sich erhob und damit den Boden in der Untergrundstadt durchbohrte. Für einen flüchtigen Augenblick hörte man laute, von Todesangst erfüllte Schreie, die binnen eines Wimpernschlags verstummten.

Die Sicht wechselte und man sah nun wieder die Straßen von Mitras. Die Menschen dort schauten einander verschreckt an, als hätten sie die Schreie von unten gehört. Der Boden erbebte, bevor er aufbrach und Ragnaroks riesiger Kopf das Schloss, die Hauptquartiere der Militärzweige, die Kirche und einige Häuser zerstörte. Einige Straßen weiter, versuchten viele Menschen dem Monstrum zu entkommen, doch ihnen wurde im wahrsten Sinne des Wortes, der Füßen unter den Boden weggerissen, als auch Ragnaroks restlicher Körper an die Oberfläche stieg.

Der Alptraum schien nicht enden zu wollen, während mehr und mehr von Mitras zerstört wurde, bis der Sockel aus dem Erdreich erschien und damit auch den Rest von Mitras dem Erdboden gleich machte. Ragnarok verharrte regungslos im Licht der aufgehenden Sonne, als einige Gebäudeteile wie Krümel von seinem Körper fielen. Dann öffnete er die Augen, hob den Kopf und die Vision von ihm endete.

tbc

Ich schätze, damit ist die Frage “Was kostet Freiheit?” aus meiner Kursbeschreibung beantwortet. Mich interessiert, wer von euch schon vorher wusste/ahnte, dass Ragnarok sich unter Mitras und der Untergrundstadt befand.

Vielen Dank an alle, die mir ein Review hinterlassen haben. Es ist wirklich nicht selbstverständlich, dass ihr euch mir mitteilt. Daher… Danke!

Für alle, die sich dafür interessieren, wie der Eingang von Byakkos Höhlentempel aussieht:
https://www.instagram.com/p/CSEUvr_tL2n/

Musiktipp:
Kolhoosi 13 - Uprising of the Spirit
Dark Tension Rising Music
Revolt Production Music - Rise Of Justice (während der Vision am Ende des Kapitels)
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