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Sieben Kolosse

von Eccho
GeschichteRomance, Horror / P18 / MaleSlash
Eren Jäger Levi Ackermann / Rivaille
04.01.2021
09.08.2021
32
155.513
48
Alle Kapitel
185 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
12.07.2021 3.907
 
Warnung:
Dieses Kapitel beinhaltet die (meiner Meinung nach) schlimmste Szene der ganzen Fanfiction. Eren und Levi werden sich in einer Situation befinden, in der ihnen schreckliches widerfährt und sie absolut wehrlos sind. Wenn solche Szenen bei jemandem negative Gefühle oder Gedanken auslösen, rate ich dem-/derjenigen davon ab, die Stelle zu lesen. Ich habe sie (mit einem Absatz bevor es losgeht und nachdem sie endet) mit * markiert. Somit könnt ihr die Szene leicht überspringen.

28. Das Gesicht des Teufels

Der Raum wirkte wegen der vielen Anwesenden kleiner als im leeren Zustand und es war dementsprechend laut. Levi saß neben Eren und teilte dessen Nervosität. Seit Abaddons Tod sind mittlerweile sieben Wochen vergangen und ihre Feinde haben bisher nichts von sich hören lassen. Es war merkwürdig, da sie doch wissen mussten, dass ein weiterer ihrer Götter vernichtet worden war. Ihre komplette Abwesenheit gab der Regierungsriege die Gelegenheit, um diese Besprechung zu organisieren. Von den drei Militärzweigen waren nur jene mit den höchsten Rängen geladen und selbstverständlich war auch Historia hier.

Levi ergriff unter dem Tisch Erens Hand, um ihn wieder zu beruhigen, und nahm aus dem Augenwinkel seinen Blick wahr. Zu seiner linken saß Hanji, der er die Gewährleistung einer sicheren Heimreise inklusive versorgter Wunde zu verdanken hatte. Der Rest des Teams befand sich in der Reihe hinter ihnen.

„Ruhe!“, rief Zackly, nachdem er sich erhoben hatte, und es wurde im Raum ruhiger. Alle Blicke waren auf den General gerichtet, der nun wieder neben der Königin Platz nahm.

„Wir alle …“, begann Historia und gewann somit die Aufmerksamkeit aller. „… haben uns heute hier eingefunden, um zu besprechen, welche Fortschritte und Informationen wir in den letzten Monaten erlangt haben, und zu beschließen, wie wir weiter verfahren werden.“

Es war totenstill im Raum. Levi fühlte Erens Anspannung steigen und streichelte als Gegenmaßnahme sanft über seinen Handrücken.

„Vor fast drei Monaten haben unsere Feinde unser Königreich abermals angegriffen und wurden erfolgreich verjagt. Wir rechneten mit einem weiteren Angriff, doch der blieb aus“, erzählte Historia weiter. „Wir wissen nicht, ob es daran lag, dass sie bei ihrem letzten Angriff hohe Verluste zu verbuchen hatten, oder, ob sie irgendwie mitbekommen hatten, dass Captain Levi, Eren und das Schwert sich nicht mehr in unserem Königreich befunden hatten. Da unsere Feinde ihnen weder auf ihrer Reise zum Gott Abaddon noch auf dem Weg zurück begegnet waren, gehen wir von der ersten Annahme aus. Captain Levi, bitte berichten Sie von der Reise.“

Levi straffte sich etwas, ließ jedoch nicht von Erens Hand ab, da dieses bisschen Körperkontakt ihn etwas beruhigte.

„Stunden bevor wir unseren Zielort erreichten, kamen wir an einem Dorf vorbei. Die Menschen dort waren seltsam. Obwohl es noch ein bis zwei Stunden vorm Sonnenaufgang war, traten alle mit lethargischem Blick aus ihren Häusern und starrten uns mit leeren Augen an. Nur ein Mann sprach mit uns, und er war der Einzige, der normal zu sein schien. Dann kam ein Junge zur Gruppe und wiederholte ein Wort. Kreise. Von da an war uns klar, dass wir dem Gott ziemlich nahe waren.“

Die vielen Blicke wunden unangenehm, je länger sie auf Levi ruhten. Obgleich er bisher nie ein Problem mit solchen Besprechungen gehabt hatte, fühlte er sich jetzt unwohl. Ihm wurde klar, dass das nicht an seiner Zuhörerschaft sondern an dem Thema lag. Trotzdem berichtete er weiter.

„Wir erreichten schon bald einen abgestorbenen Wald und durchritten diesen, bis wir bei einem grünen Wald ankamen. Das Lager errichteten wir auf einem Hügel, der in guter Entfernung zum grünen Wald stand. Von dort aus, konnten wir das Gebiet überblicken. Der grüne Wald hatte in etwa die Größe von einem Hektar und war kreisrund. Um ihn herum lag der tote Wald. In 15 bis 20 Metern Entfernung vom Rand des grünen Waldes, und parallel zu unserem Lager, lag eine Lichtung mit einem großen Baum. Weiter hinten – exakt in der Mitte – lag eine weitere Lichtung, die ebenfalls kreisrund war.
Dieser Wald war der Gott Abaddon. Wir erkannten das nur leider viel zu spät, da wir mit einer kleinen Gruppe hineingeritten waren und angegriffen wurden, kaum dass ich das Schwert gezogen hatte. An diesem Tag starben vier unserer Pferde, doch der Rest der Gruppe konnte entkommen.
Eren und ich waren die Einzigen, die gesehen hatten, was sich in der Mitte des Waldes befand, und ich bitte um Verständnis, wenn ich sage, dass es so grausam war, dass wir nicht darüber reden wollen. Um Ihnen wenigstens etwas Information zu dem ganzen zu geben: dort war sein Schlund.“

Ein Raunen ging durch die Menge. Vielleicht wollte die Meute wissen, wie dieser Schlund ausgesehen oder auf welche Weise der Gott angegriffen hatte, doch die bloße Erinnerung daran, ließ Levi und Eren übel werden. Der Dunkelhaarige spürte sogar, dass er etwas blasser geworden war, und ein Blick auf Eren zeigte ihm, dass es diesem nicht besser erging.

„Im Lager überlegten wir dann, wie wir den Gott angreifen konnten. Eren kam der Gedanke, wir könnten ihn mit Brandbomben bewerfen, doch wir wussten nicht, ob der Wald feuerresistent war. Wir testeten es aus und erkannten, dass Abaddon sehr wohl mit Feuer anzugreifen war und darüber hinaus Schmerz zu empfinden schien. Da es Nacht war, konnte ich mit der Hilfe des Schwertes herausfinden, dass der große Baum auf der näheren Lichtung das Siegel war.
Nun brauchten wir nur noch genug brennbare Stoffe, über die wir nicht verfügten. Ich ritt mit Hanji ins Dorf, ließ aber das Schwert bei Mikasa. Da ich mit Eren auf vielfältige Weise verbunden bin, war es mir möglich jederzeit mit ihm zu kommunizieren und ihm mitzuteilen, falls etwas schiefläuft. In dem Fall hatten sie Befehl, zum Königreich zurückzukehren.
Im Dorf konnten wir mit dem Mann reden und dieser klärte uns über die Umstände des Dorfes auf. Nicht nur für Eren und mich gibt es eine Weissagung, sondern auch für ihn und das Dorf. Die Menschen dort waren nicht immer lethargisch gewesen, doch es war ein Teil ihrer Weissagung. Ebenso wie, dass wir Abaddon töten und dieses Dorf wie auch die anderen neun Dörfer, die um den Gott herum lagen und eigentlich Wanderer von Abaddon fernhielten, mit ihm sterben würde. Deswegen half uns der Mann und wir durften uns an ihren Torfvorräten bedienen. Damit konnten wir den Gott ablenken, während ich mich alleine mit der 3D Manöver Ausrüstung auf den Weg zum Siegel machte und dieses mit meinem Schwert durchbohrte.“

Kaum hatte Levi seine Ausführungen beendet, war es wieder totenstill im Raum. Dawk war der Erste, der das Wort ergriff.

„Heißt das, ihr habt mit dem Gott indirekt ganze 10 Dörfer ausgelöscht?“

„Wie es aussah, haben sind fast alle Dorfbewohner tot umgefallen. Einzig der Mann, der sie führte, hat sich augenscheinlich selbst erstochen“, warf Hanji und wieder ging ein Raunen durch den Raum.

„Das ist verrückt“, wandte General Zackly ein, der scheinbar auch nur schwer glauben konnte, war er da hörte. „Warum sollten so viele Menschen einfach so tot umfallen?“

„Weil es ihre Bestimmung war“, entgegnete Levi mit ruhiger Stimme. „Ich glaube, dass sie in irgendeiner Form mit Abaddon verbunden waren. Und was den Führer des Dorfes anbelangt … Irgendwas hat ihn dazu gebracht es zu tun. Genauso wie er gegen seinen Willen das Dorf nicht verlassen konnte. Und das hat mir klar gemacht, dass Eren und ich-“

Melodisches Summen erfüllte den Raum, als sich die Umgebung veränderte. Levis und Erens Puls ging in die Höhe, kaum dass sie sich an einem dunklen, höhlenartigen Raum wieder fanden. Gut zwei Meter von ihnen entfernt saß eine Frau mit langem, schwarzen Haar auf einem Polster am Boden und kämmte sich diese vor einem kleinen Spiegel, durch den man ihr schönes Gesicht sehen konnte.

//Das ist der nächste Gott?//, kam es von Eren, der ängstlich wie auch verwirrt war.

//Ich … weiß es nicht//, entgegnete Levi ebenso konfus und schüttelte den Kopf.

Die Sicht änderte sich und der Raum mit den Lichtern kam langsam zum Vorschein.

„Ihr wollt doch nicht schon gehen.“

Levis Herz schlug noch schneller und ein Beben erfasste ihn, als er die Stimme hörte. Sie rau und dennoch weich, schrill und trotzdem sanft. Ragnaroks Raum verschwand und sie befanden sich wieder in der Höhle.

„Ich störe euch doch nicht bei etwas Wichtigem wie … einer Besprechung?“

Panik ergriff Eren und Levi, als ihnen klar wurde, dass dieser Gott nicht nur ihre Vision von ihm beeinflussen konnte, sondern darüber hinaus auch wusste, was sie gerade taten.

„Wollt ihr euch nicht umdrehen und mich ansehen? – Nicht so schüchtern. Ich fresse euch nicht“, lockte der Gott und kicherte im Anschluss, als hätte er einen Scherz gemacht.

Levis Sicht verschwamm, als er zu Eren sah und dessen angsterfüllten Blick bemerkte. Er fühlte, dass sein Hals pulsierte, während er über seine Schulter nach hinten sah. Als er das Monster erblickte, drehte er sich mit einem entsetzten Keuchen um und Eren tat es ihm gleich. Völlig erstarrt, hielten beide den Blick auf das Biest gerichtet und wagten es kaum, zu atmen.

Es hatte schneeweißes Fell, einen langen Körper und einen Kopf der an einen Drachen oder Wolf erinnerte. Seine Pfoten wie auch der Schweif waren kahl und blutrot wie seine Augen und Lefzen. Es hatte sechs oder acht Pfoten mit scharfen Krallen und sein unheimliches Lächeln gab ihnen Sicht auf die schwarz glänzenden, spitzen Zähne. Dieses Wesen war riesig und berührte mit seinem Rücken beinahe Decke der Höhle.

„Ihr wart in den letzten Monaten fleißig gewesen und habt meine Brüder und Schwester getötet. Wären sie mir nicht absolut egal, wäre ich jetzt richtig böse auf euch“, sprach es mit einem nicht zu deutenden Ausdruck in den Augen. Eren und Levi strauchelten langsam zurück, während es gemächlich auf sie zukam. Lauernd, bedrohlich, als wollte es jeden Moment angreifen.

„Ihr habt mich lange genug warten lassen, aber nun möchte ich mich bei euch richtig vorstellen. Mit wem fange ich wohl an … ach, ich nehme einfach den jüngeren“, sagte es und sein Grinsen wurde diabolisch wie auch sadistisch.

*

Levi wandte den Kopf zu Eren, doch bevor er ihn ansehen konnte, fand er sich in einem anderen Teil der Höhle wieder, das vom schummrigen Licht einer in der Wand steckenden Fackel erhellt wurde.

„EREN!“, schrie er, während Panik ihn ertränkte.

In seinen Gedanken hallten die Schreie des Jungen wieder und ein Wimmern drang über seine Lippen. Er konnte nicht spüren, was Eren spürte, doch er hörte wie sich seine Stimme überschlug und fühlte seine Angst und Verzweiflung. Was auch immer dieser kranke Bastard gerade mit ihm machte, musste schrecklich sein. Das Schlimmste an der Sache war, dass Levi noch nicht einmal etwas machen konnte, um seinen Liebsten zu retten. Dessen Schreie gingen in haltloses Schluchzen über und seine Verzweiflung vermischte sich mit der des Dunkelhaarigen.

Auf einmal hörte er hinter sich ein Knirschen. Voller Angst erkannte er, dass das Scheusal nun bei ihm war. Das Fell um sein Maul war blutverschmiert und es grinste sadistisch. Levi griff instinktiv nach dem Schwert, doch es war natürlich nicht da, weshalb er auf dem Absatz herumwirbelte und die Flucht antrat.

//Wach auf!//, hörte er Eren aus der Ferne rufen. Eine Welle der Verzweiflung schwappte zu ihm herüber, um sich mit seiner Furcht und der Gewissheit, dass ihn nichts vor dem, was jetzt folgen würde, schützen konnte, zu vermischen.

Ein scharfer Schmerz schnellte über seinen Rücken, sodass er stürzte und auf den harten Untergrund fiel. Er fühlte die warmen Pfoten an den Außenseiten seiner Oberschenkel, als die Stimme nun in einem tieferen Ton sagte: „Du willst doch nicht schon gehen. Ich fange gerade erst an.“

Ein reißender Schmerz ging durch Levis Taille, auf dass er in Agonie aufschrie.

„Mmh~ … du schmeckst noch besser als dein Freund“, höhnte die Bestie voller Freude.

Bebend wandte Levi seinen Kopf und Oberkörper und erkannte voller Grauen, dass sein Unterleib abgetrennt worden war. Das Monster hatte ihn in zwei Stücke gerissen und beugte sich nun hinab, um den unteren Leib voller Genuss zu fressen. Fassungslos keuchend und bebend, wandte der Dunkelhaarige den Kopf wieder nach vorne und begann wegzurobben, während ihm heiße Tränen unaufhörlich über die Wangen liefen.

Im Hintergrund höre er das Scheusal schmatzen und grunzen. Erens verzweifelte Stimme drang erneut zu ihm durch und flehte ihn an, endlich aufzuwachen. Er hörte Eren schluchzen, robbte immer mehr aus dem Lichtschein der Fackel, die Taille vom reißenden Schmerz erfüllt und den widerlichen Lauten des Monsters lauschend.

Warum lebte er noch? Warum war er nicht bewusstlos oder tot?!

Ein stärkeres Beben erfasste Levi und ein leises Schluchzen drang aus seiner Kehle. Er wollte hier nicht mehr sein! Er wollte nicht mehr die Laute des Scheusals hören!
Sein Bauch schmerzte, als er sich über den felsigen Untergrund zog, und der Geruch von Blut – seinem Blut – schwängerte die Luft.

Warum war er noch hier? Warum war er noch-?

Seine Gedanken verstummten und Entsetzen kam über ihn, als er die kahlen Pfoten neben sich sah. Das Schmatzen hatte aufgehört. Byakko stand nun genau über ihm. Er hörte ein tiefes Grollen und fühlte warme Flüssigkeit auf seinen Nacken tropfen. Levi stieß einen spitzen Schrei aus, als das Monster mit aufgerissenem Maul nach unten schnellte und ihm den Kopf abbiss.

„Wach auf!“, hörte er Eren schluchzen und wurde an der Schulter geschüttelt.

*

Levis Sicht war verschwommen und wurde klarer, als sich beim drehen des Kopfes die Tränen lösten. Benommen sah er Eren an, dessen Augen vollkommen gerötet waren, und wurde in dessen Umarmung gezogen. Der Junge schluchzte haltlos und klammerte sich an ihn, während Levi klamm die Umarmung erwiderte und vor lauter Angst es kaum wagte zu atmen.

Hanji ging um sie herum, sodass Levi sie sehen konnte. Die Menge tuschelte aufgeregt im Hintergrund. Eren erbebte unter seinen Schluchzern und klammerte sich fester an Levi, der völlig starr war und unaufhörlich stumm weinte.

„Hey, Levi“, hörte er Hanji im sanften Ton sagen und blicke in ihre von Sorgen erfüllten Augen. „Habt ihr soeben den nächsten Gott gesehen?“

Die Frage genügte, um Eren vor Angst aufheulen zu lassen und Levi an den Rand des Nervenzusammenbruchs zu treiben. Seine Unterlippe bebte, als er nickte und das Murmeln in Hintergrund wurde lauter. Sie mussten sicherlich einen merkwürdigen Anblick für viele der Anwesenden geben, aber sie hatten derzeit größere Probleme, als sich um solche nichtigen Details zu sorgen.

Levi wollte einfach nur vergessen, was ihm gerade widerfahren war, aber es hatte sich in seiner Seele eingebrannt, sodass der Schmerz und das Grauen ihn nahezu erdrückten. Ihm klar, dass Hanji versuchte, so behutsam wie möglich mit ihnen umzugehen, da sie ihrem Zusammenbruch nach der ersten Begegnung mit Abaddon beigewohnt hatte und wusste, wie sensibel sie gerade waren.

„Sah er schrecklich aus?“, versuchte sie vorsichtig herauszufinden, während es immer stiller im Raum wurde.

Nun konnte auch Levi nicht mehr an sich halten und schniefte leise, bevor er mit gebrochener Stimme sprach: „Er hat mit uns gesprochen ...“

Es war totenstill im Raum und aller Augen waren auf Eren und ihn gerichtet. Das Grauen, das diese simple Botschaft barg, sank nach und nach in das Bewusstsein der anderen ein. Sie wurden blass und starrten voller Entsetzten zu ihnen hinüber. Selbst Hanji, die es zu verbergen versuchte, erschreckte diese Nachricht.

„Er wusste, was wir gerade machen, und … er konnte-“ Levis Stimme brach und ein Schluchzen drang über seine Lippen, während er flüchtig die Lider schloss. „Er hat die Vision kontrolliert, …  uns getrennt und-“

Weiter kam der Dunkelhaarige nicht, da nun auch er zusammenbrach und schluchzend sein Gesicht an Erens Schulter vergrub. Beide wollten vergessen, was sie erlebt hatten, doch der Schmerz war da. Stark und wie eine offene Wunde, aus der unaufhörlich Blut floss. Sie wollten die Welt nicht mehr sehen. Wollten nicht mehr sein. Im Hintergrund wurde das Getuschelt wieder lauter und wenige furchterfüllte Wortfetzen drangen zu Levi durch, doch er wollte es nicht hören.

Eine Hand legte sich auf seinem Kopf und streichelte über diesen, ehe Hanjis sanfte Stimme noch einmal ertönte: „Ich gehe und hole euch ein Beruhigungsmittel.“

Dann sprach sie etwas lauter, dieses Mal scheinbar zum Rest von Levis Squad. „Bleibt bei ihnen und … ihr wisst schon.“

„Wir lassen sie nicht alleine“, versicherte Armin ihr und kurz darauf wurde ein Stuhl verschoben.

„Hey, Eren“, sagte Armin schließlich mit ruhiger Stimme und fügte nach kurzem Zögern ein „Hey, Levi“ hinzu. Eine Hand legte sich auf dem Oberarm des Dunkelhaarigen und fing an über diesen zu streicheln. Offenkundig machte Armin mit Eren dasselbe, doch es half ihnen herzlich wenig, auch wenn sie diese Geste zu schätzen wussten.

Im Hintergrund wurde es lauter, sodass General Zackly die Menge schließlich zur Ruhe aufrufen musste, aber die Meute wollte sich nicht beruhigen. Ihre Angst war nicht zu überhören, berührte Eren und Levi jedoch nicht, da beide mit ihren Zusammenbrüchen genug ausgelastet waren. Die Besprechung wurde auf unbekannt verschoben und die Anwesenden gebeten zu gehen. Viele Stühle scharrten über den Boden und einige Schritte wie auch die aufgeregten Stimmen verließen nach und nach den Raum.

Alle drei Commander wurden von Historia gebeten, die Menschen draußen zu beruhigen, woraufhin sich weitere Schritte entfernten. Danach sprach wieder die Königin, dieses Mal zu Armin, doch Levi hörte ihr gar nicht zu. Er war damit beschäftigt, Herr seines Nervenzusammenbruchs zu werden, aber die Tränen wollten einfach nicht versiegen. Das lag unter anderem daran, dass Eren und er ihre Gefühle teilten und sie jedes Mal mit dem anderen im wahrsten Sinne des Wortes mitlitten.

Schon bald wünschten sich beide in die Geborgenheit ihres Zimmers zurück, doch dieses würden sie nicht so bald sehen, da die Besprechung innerhalb von Mauer Maria abgehalten worden war.

„Ich habe das Beruhigungsmittel“, hörte der Dunkelhaarige Hanji nach einiger Zeit sagen.

„Nicht erschrecken, ich werde es euch jetzt spritzen“, meinte sie und umfasste sanft Levis Handgelenk, um den Arm auszustrecken und den Ärmel hochzuschieben.

Etwas Kühles wurde über die Armbeuge gestrichen, bevor ein kleiner Stich folgte. Levi fühlte, wie sich die kalte Flüssigkeit durch den Arm zog, merkte aber noch keine Veränderung. Armin wurde gebeten, die Wunde zu versorgen, während Hanji sich Eren widmete. Levi spürte, dass der Blonde behutsam einen Wattebausch auf die Einstichstelle drückte und im Anschluss ein Pflaster darüber platzierte.

Es waren noch keine zehn Minuten vergangen, da spürte er, wie sich seine Anspannung langsam löste, und konnte endlich zu weinen aufhören. Er lag ausgelaugt mit dem Kopf auf Erens Schulter und blickte auf Armin, Jean, Connie und Sasha, die voller Sorge zurückschauten. Auch Erens Schluchzen verstummte. Beide waren fertig und wurden zunehmend benommen.

Langsam lösten sie sich voneinander und nahmen die Taschentücher an, die ihnen gereicht wurden. Levi hätte an Ort und Stelle einschlafen können und Eren erging es nicht anders. Ihnen wurde auf die Beine geholfen und sie wurden aus dem Raum begleitet und in eine Kutsche bugsiert. Sie waren zwar auf Pferden angereist, doch auf diesen würden sie sich nun in ihrem Zustand nicht mehr halten können.

Hanji nahm ihnen gegenüber Platz und sie fuhren los. Schon bald sank Eren gegen den Dunkelhaarigen, woraufhin dieser sich ihm zuwandte und die Arme um ihn schloss. Kuscheln war jetzt das Beste, das sie machen konnten, denn es fühlte sich einfach nur gut an. Der Junge erwiderte die Umarmung und schloss gelöst ausatmend die Augen, während Levi ihm träge durchs Haar strich.

Er fühlte sich so ruhig und geborgen wie schon lange nicht mehr, woraufhin ihm flüchtig die Augen zu fielen. Als er sie wieder öffnete und benommen zu Hanji blickte, schenkte diese ihm ein beschwichtigendes Lächeln und meinte: „Schlaf nur. Ich wecke euch, wenn wir da sind.“

Diese Zusicherung genügte, damit Levi sich fallenlassen konnte. Er schloss seine Augen und atmete tief durch. Eine Weile lauschte er noch dem Traben der Pferde und genoss die Wärme, die von Eren ausging, bevor er in einen traumlosen Schlaf fiel.

oOo

Eren befand sich im Bett und wechselte zwischen schlafen und dösen. Hinter ihm lag Levi und hatte den Arm um seine Taille gelegt. Beide erholten sich von dem gestrigen Vorfall und genossen die gegenseitige Wärme. Dank ihrer neuen Verbindung spürten sie die Nähe und des Herzschlag des anderen in abgeschwächter Form, was zu ihrer derzeitigen Entspannung beitrug. Unter anderem waren sie auch deswegen so gelöst, weil Hanji sie in der Nacht mit einem Schlafmittel und am Morgen mit einem Beruhigungsmittel versorgt hatte. So konnten sie gut verdrängen, was passiert war, und sich in den Schlaf flüchten.

Niemand erwartete von ihnen, dass sie heute präsent wie sonst waren. Selbst, wenn es von ihnen erwartet worden wäre, hätten sie den Tag im Bett verbracht. Die Begegnung mit Abaddon und Byakko lastete zu schwer auf ihrer Seele, weshalb sie all’ das verdrängen wollten. Eigentlich hatten sie ihren Aufenthalt bei dem verfluchten Wald fast schon verarbeitet gehabt.

Einzig der Moment, in dem sie den Schlund entdeckten und mit ansehen mussten, wie ihre unschuldigen Pferde brutal ermordet wurden, belastete sie nach wie vor. Dass ihnen etwas widerfahren würde, das dieses schreckliche Ereignis und jedes andere aus ihrem Leben in den Schatten stellen würde, hätten sie nicht gedacht. Zum Glück träumten sie nicht oder bekamen es zumindest nicht mit. Selbst auf diese Weise den Monstern wieder zu begegnen, war ihnen in ihrer derzeitigen Verfassung zu viel.

Heute Morgen hatten sie von Hanji erfahren, dass Soldaten gemerkt hatten, dass die Mauern leer waren. Somit war klar, dass der erste Kolosstitan ihr Schöpfer war. Warum sie überhaupt in den Mauern gewesen waren oder wie sie dort hingekommen waren, war ihnen noch immer ein Rätsel. Es gab die Theorie, dass der erste König, der über die Koordinate verfügte, ihnen befahl still zu stehen, bis die Mauer um sie herum erbaut war. Doch warum sollte er das tun?

Mauern mit Wächtern als Gefängnis.

Das hatte Levi einmal als Kind in dem geheimen Raum in der Untergrundstadt eingeritzt. Diese Worte ergaben trotz allem neuen Wissen für sie nach wie vor keinen Sinn. Darüber hinaus war es nicht mehr relevant. Die Wächter, oder mehr, die Kolosstitanen waren verschwunden. Ausgelöscht wie ihr Gott. Viele Titanen waren durch die Ausrottung der Götter getötet worden.

Die Welt schien nun freier als je zu vor, doch mit Byakkos Aktivwerden wurde diese Freiheit vom Neuen bedroht. Sie wussten nicht, ob er neben der Vision noch etwas anderes beeinflussen konnte. An jenem Tag hatte er gewusst, was sie getan hatten, bevor sie den ersten Blick auf ihn bekamen. Hieß das, dass er sie jetzt auch sehen konnte? Oder waren sie nur für den Zeitraum der Vision miteinander verbunden gewesen?

So und so, war das nichts womit sich Eren und Levi befassten. Der Braunhaarige wandte sich in der Umarmung um, woraufhin Levi es ihm gleich tat und sich im Anschluss mit dem Rücken an den Jüngeren ankuschelte. Ihre Muskeln entspannten sich wieder und sie dösten weiter. Nichts und niemand konnte sie dazu bringen, diese Geborgenheit, die sie soeben erlebten, aufzugeben. Sie erholten sich, und das war gut so, denn schon bald würden sie ihre Kräfte für das nächste schreckliche Ereignis benötigen.

tbc

Kennt ihr das schreckliche Gefühl, wenn man einen Unfall sieht, ihn aber nicht verhindern kann. So geht es mir beim Hochladen dieses Kapitels. Dennoch werde ich euch nicht den Rest der Geschichte vorenthalten.
Wie auch immer. Es kann sein, dass manche von euch die markierte Szene als harmlos empfunden haben. Ich persönlich fand sie schrecklich, da ich beim Schreiben gefühlt habe, was Levi gefühlt hat. Schön war das nicht.

Danke an alle, die mir ein Review geschrieben haben. Ich freue mich nach wie vor sehr über jedes einzelne ^.^
Danke!

Und mal „Hallo“ an alle Schwarzleser*innen, die meine Geschichte seit dem Anfang lesen oder erst vor Kurzem entdeckt haben ^.^

Musiktipp:
Little Nightmares "Lady Humming"
Game of Thrones - White Walkers theme
Dandy Warhols - Sleep
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