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Roots

GeschichteAbenteuer, Drama / P16 / Gen
03.01.2021
15.04.2021
40
130.954
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03.01.2021 3.409
 
Fast im Gleichschritt gingen die Zwillinge Mario und Marion nebeneinander her. Jeder seinen eigenen Gedanken nach hängend, doch beide glücklich darüber, sich nach so langer Zeit wiedersehen zu können. Es wirkte fast als wäre die ganze Zeit, die sie ohne ihre zweite Hälfte hatten verbringen müssen, nun nicht mehr so schlimm gewesen.  
Mario seufzte laut, als eine kühle Brise ihm die Haare ins Gesicht wehte und ein wenig Abkühlung an diesem warmen Herbsttag brachte. Blätter tanzten in einem Wirbel zu seinen Füßen und er blieb kurz stehen. Seine Schwester blieb ebenfalls stehen als sie es bemerkte.
„Alles okay?“, fragte sie ihn und er sah sie an, sah in ihren dunkelbraunen Augen das Spiegelbild seiner eigenen Augen. Besorgt lächelte sie.
„Hast du immer noch Angst davor wie sie reagieren werden?“
Unsicher hob er die Schultern und ging langsam weiter.
„Eigentlich sollte es mir egal sein. Ich habe ihnen erzählt dass ich eine Schwester habe, sie haben es nur nicht geglaubt weil du ja nie da warst.“
„Aber?“, hakte sie nach und legte kurz eine Hand an seinen Oberarm.
„Ich möchte eigentlich nur, dass ihr miteinander klar kommt. Wenn sie dich nicht leiden können, müsste ich mich entscheiden. Und das will ich nicht.“
Wieder lächelte sie aufmunternd.
„Das wird schon nicht passieren. Sie wären nicht deine Freunde wenn sie damit nicht klar kommen würden, oder?“
Mario seufzte erneut. „Ja, da hast du Recht...“ Nun lächelte auch er.
„Vielleicht sind sie eingeschnappt, weil ich mich über einen Monat lang nicht gemeldet habe. Ich bin nicht zum Training gekommen und habe nie erklärt warum ich nicht kommen wollte.“
„Nun, Familie ist trotz allem wichtiger. Und es sind Ferien, die meisten verbringen da auch Zeit mit ihrer Familie, oder haben keine Zeit weil sie weg fahren. Und nachdem was du mir erzählt hast habt ihr nicht mal eine Handvoll Leute die das Training so ernst nehmen dass sie deswegen eingeschnappt wären wenn du nicht da bist und ihre Hand hältst.“
Nun musste er lachen. Dabei war es eigentlich traurig, wie wenig Motivation die Jungs teilweise hatten und wie wenig ihnen eigentlich daran lag, sich weiter zu entwickeln. Sie fanden oft Ausreden dafür, warum es nicht so gut lief, und die, die er am häufigsten hörte war, dass sie gar keinen Trainer hatten und niemand eine Fußballmannschaft aus Mittelschülern – teilweise sogar noch Grundschülern – ernst nehmen würde wenn sie so schlecht waren sie sie es waren. Manchmal hatte Mario das Gefühl gehabt, dass außer ihm und Henry niemand bemerkte, dass sie eigentlich doch Fortschritte machten und besser wurden. Oft genug hatte er sich darüber am Telefon bei seinen Gesprächen mit seiner Schwester ausgelassen.
Ihm waren die Verde Vente Ricona jedenfalls verdammt wichtig. Er liebte es Fußball zu spielen und es war das, was den Großteil seiner Freizeit ausmachte.
Er wusste dass es Henry und Cesario genauso ging. Henry war der älteste von ihnen und einer der besten Leute die sie hatten. Cesario war der jüngste und ebenfalls einer der besten. Beide waren jedoch noch kein Jahr dabei und leider hatte dieser frische Wind nicht gereicht den Rest zu motivieren. Mario war nahe dran aufzugeben und sich eine andere Mannschaft zu suchen. Auch das wusste Marion. Eigentlich wusste sie alles, was in ihm vorging. Und er wusste ebenso alles, was in ihr vorging. Sie hatten immer über alles geredet. Und daran hatten sie auch die über 1000km die sie sieben Jahre lang voneinander getrennt hatten, nichts ändern können. Und das war immerhin ihr halbes Leben gewesen.
Es war etwas dran an diesem besonderen Band, das Zwillinge miteinander verband. Oft genug hatten sie auch ohne miteinander zu reden gemerkt, wenn es ihrer anderen Hälfte schlecht ging. Sie hatten vieles gemeinsam, und dazu zählte auch der Fußball.
„Guck nicht so traurig“, meinte Marion dann, strich ihre langen schwarzen Haare nach hinten und stellte sich ihm in den Weg, damit er stehen blieb. Ihm war es gar nicht aufgefallen dass er so ernst drein gesehen hatte.
„Jetzt bin ich da. Ich habe viel gelernt in Madrid, wir waren eine große erfolgreiche Mannschaft mit mehreren Trainern. Ich hoffe ich kann deinen Jungs davon etwas vermitteln. Und ich kann ihnen viele Beispiele liefern, wie scheiße es mit einem Trainer auch laufen kann.“
„Das liegt ja nicht nur am fehlenden Trainer. Don hat so viel kaputt gemacht...“
„Don wird noch richtig was aufs Maul bekommen, glaub mir.“
Erschrocken sah er sie an. Sie lachte auf.
„Hey, ich habe nicht vor ihn zu verprügeln. Ich meinte das im übertragenden Sinn. Irgendwann wird jemand mehr unternehmen wollen wenn er wieder Schiedsrichter und Spieler besticht. Und irgendwann wird er das ganz schön zu spüren bekommen, glaub mir. Irgendwer wird ihn verprügeln, und das hat er dann verdient.“
„Harte Worte...“, brummte Mario, der aber eigentlich der gleichen Meinung war, es aber nie anderen gegenüber aussprechen würde. Einige der Veveri würden das nämlich ernst nehmen und sie nur in noch größere Schwierigkeiten bringen.  
Sie trat wieder neben ihn und hakte sich bei ihm unter. Dann gingen sie weiter.
„Willst du ihnen erzählen warum du so lange weg warst?“, hakte er dann nach.
Marion schüttelte den Kopf. „Das geht niemanden was an. Ich kenne die Jungs kaum. Und selbst wenn, will ich nicht dass sie es wissen. Wenn die Menschen wissen dass man irgendwas durchmachen musste, behandeln sie einen anders. Als wäre man zerbrechlich und würde nichts vertragen.“
„Ja, da hast du Recht...“ Wieder seufzte er.
„Ich bin so froh dass du wieder da bist“, meinte er dann leise und lächelte.
Sie lächelte ebenfalls.

Dann wurde er wieder ernst, als er die Stimmen seiner Freunde erkannte, die er an einer der Mauern im Park treffen wollte – dort wo sie immer trainierten wenn sie den Platz auf der Schule nicht nutzen konnten.
Er bemerkte natürlich die überraschten Blicke der drei Jungs, als sie näher kamen und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
„Hey“, begrüsste er sie.
„Was ist denn das?“, fragte Cesario in seiner gewohnt naiven Art.
Das ist ein Mädchen“, klärte Henry ihn grinsend auf und musterte sie eingehend.
„War das etwa ernst dass du eine Schwester hast?“, brachte Matteo hervor und fuhr sich durch die Haare, die wie immer in alle Richtungen abstanden weil sie einfach nicht zu bändigen waren.
„Du hast nie erwähnt dass ihr Zwillinge seid“, beschwerte Henry sich amüsiert. „Und ich hätte nicht gedacht dass es eine hübsche Version von dir gibt.“
Die Zwillinge grinsten.
„Das ist Marion.“
Henry hob eine Augenbraue.
„Marion“, echote er. „Ernsthaft? Eure Eltern haben euch Mario und Marion genannt?“
Entschuldigend grinste er. „Gebt nicht uns die Schuld für die unkreative Namenswahl unserer Eltern.“
„Wir waren oft genug bei Mario zu Hause. Du warst nie da...“, meinte Cesario.
„Nein. Ich habe sieben Jahre lang bei einer Tante in Madrid gelebt.“
„Oh, wieso das?“, wollte Henry wissen.
Marion lächelte entwaffnend. „Das geht euch nichts an.“
„Okay... und bist du dann nur zu Besuch, oder...“, hakte der Amerikaner weiter nach.
„Nein, Marion bleibt jetzt hier bei uns. Und sie würde gerne bei den Veveri mitmachen.“
„Na, das überrascht mich jetzt gar nicht dass du auch Fußball spielst“, murmelte Matteo.
„Welche Position? Wie lange spielst du schon?“
„Ein paar Jahre, im Mittelfeld. Aber ich habe viel mehr Erfahrung und ich hoffe ich kann euch einiges davon beibringen. Wir waren eine professionelle Mädchenmannschaft.“
„Also, wenn es euch nicht stört dass ein Mädchen mitspielt...“, begann Mario.
„Quatsch. Je mehr desto besser. Mir ist nach der letzten Aktion von Tino nämlich fast die Lust vergangen überhaupt noch mit diesen Idioten spielen zu müssen.“
Mario rollte mit den Augen. „Was hat er wieder angestellt?“
„Tino und Danielo haben in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Wände der Santa Madeira mit Grafitti vollgeschmiert. Und natürlich haben sie nachher damit angegeben und gleich die ganze Mannschaft mit rein gezogen.“
Mario fluchte leise. „Das ist nicht deren Ernst, oder?“
„Leider, doch“, fuhr Henry fort. „Aber ich hab mir die beiden vorgenommen und auch mit ihren Eltern geredet damit die das klar stellen dass der Rest von uns nichts damit zu tun hat. Sie müssen ein paar Stunden ableisten und das Grafitti entfernen. Die beiden wissen dass sie keine harten Strafen zu erwarten haben, aber sie sollten wissen dass die älteren von uns sehr wohl bestraft werden können.“
Mario sah seine Schwester an mit einem Blick, der seine Verzweiflung deutlich machte.
„Uns wird keiner mehr ernst nehmen wenn das so weiter geht. Wir sind für die meisten nur noch unreife unfähige Idioten und wir bekommen kaum Chancen, das Gegenteil zu beweisen. Wir haben es gerade erst geschafft den Spitznamen Veveri perditori los zu werden“, maulte er und trat gegen ein Grasbüschel, das daraufhin gebrochen seine Halme hängen lies. Genauso fühlte er sich gerade.
„Nein, jetzt nennen sie uns nur noch Veveri delinquente“, brummte Matteo.
„Haben sie euch nicht damals wegen Don so genannt?“
„Ja. Aber sowas bringt die Gerüchte von damals nur wieder hoch. Der Rest von uns konnte überhaupt nichts dafür. Das hat Leonardo doch bewiesen! Und eigentlich haben wir mit Cesario und Henry oft genug gezeigt, dass sich unser Niveau verbessert hat!“ Mario redete sich in Rage und wurde immer lauter. „Ein verdammtes halbes Jahr hat gereicht, um alles was wir bis dahin aufgebaut hatten kaputt zu machen! Ein weiteres halbes Jahr...“, er stockte und sah Henry an.
Der groß gewachsene Amerikaner mit italienischen Wurzeln sah ihn mit zusammen gepressten Lippen an, wusste er doch genau was Mario sagen wollte.
„Don konnte gut Fußball spielen, wirklich. Er hat anfangs dafür gesorgt dass wir ernster genommen wurden. Dann kam der Skandal mit der Bestechung, die er uns allen in die Schuhe geschoben hat und seitdem ist es egal ob wir besser werden, weil es sofort wieder mit so einem Mist in Verbindung gebracht wird!“
Marion legte ihrem Bruder eine Hand auf die Schulter. Er sah sie an und hielt dann inne.
„Das ist Vergangenheit. Menschen vergessen negative Dinge nicht so schnell wie positive. Das liegt leider in ihrer Natur. Und die, die uns nicht ernst nehmen für das was wir wirklich leisten, denen können wir es eh nie recht machen. Wir müssen uns darauf konzentrieren es erst einmal uns selbst recht zu machen“, erklärte sie ihm und den anderen Jungs.
„Da hast du verdammt Recht, Marion“, stimmte Henry ihr zu.
Sie kamen sich langsam dumm vor, dort so rum zu stehen mit ihren Fußbällen in den Händen und beschlossen, ein wenig durch den Park zu gehen.

Henry ging irgendwann neben Marion her, während Mario mit Cesario und Matteo diskutierte.
„Hat Mario dir alles über die Veveri erzählt?“, fragte er sie leise.
Sie sah ihn an. „Wenn du auf die Sache mit dir damals anspielen willst, ja, die hat er mir erzählt. Er hat mir immer sehr viel erzählt. Aber ich würde es trotzdem gerne aus deiner Sicht hören.“
Herny nickte und fuhr sich durch die hellbraunen Haare.
Dann erzählte er ihr, wie er vor knapp einem Jahr von Amerika nach Ricona gekommen war. Er hatte Probleme gehabt Freunde zu finden, weil er zwar in Ricona geboren, jedoch den größten Teil seines Lebens in Amerika verbracht hatte und sein italienisch sehr eingerostet gewesen war. Viele hatten sich über ihn lustig gemacht, vor allem über seinen Italo-Yankee-Dialekt, wie sie es immer genannt hatten. Er hatte fast sofort bei den Veveri angefangen, doch die jüngeren unter ihnen hatten ihn nicht akzeptieren wollen. Henry hatte schnell aufgegeben zu versuchen sich einzugliedern, hatte sich nur noch austoben wollen und seine Wut am Ball auslassen wollen.
Es hatte nicht so geklappt wie er es gewollt hatte, und aus Wut darüber -  und wohl auch weil Cesario, der nur zwei Monate vor ihm dazu gekommen war, ernsthaft versucht hatte sich mit ihm anzufreunden und Henry das nicht glauben wollte – hatte er sich den Serpente angeschlossen. Diese Mannschaft war für ihre egoistischen Spieler bekannt gewesen. Den Namen hatten sie sich nicht einmal selbst gegeben, ihn aber angenommen, weil sie ihn „cool“ fanden.
Henry hatte diese Mannschaft erfolgreicher werden lassen, weil er mit Abstand einer der besten Spieler dort gewesen war, und dort waren fast alle Einzelgänger und eigentich verband sie alle nur, dass sie wütend auf irgendwen oder irgendwas waren.
Damals hatte er die ganze Mannschaft gegen die Veveri aufgehetzt. Mario und Cesario jedoch hatten schnell gemerkt, was wirklich in ihm vorgegangen war und ihm immer wieder die Hand gereicht. Es hatte gedauert bis Henry ihnen hatte glauben können und wollen und aus Schuldgefühlen war er für ein halbes Jahr nicht mehr in der Nähe der Schule oder der Spieler aufgetaucht. Er hatte sich auf eine andere Schule versetzen lassen um nicht mit Mario in einer Klasse sitzen zu müssen.
„Irgendwann nach einem halben Jahr stand er dann plötzlich wieder auf der Matte und wollte mitspielen, diesmal aber vernünftig“, schloss Cesario, der mit den anderen dazu gekommen war, die Erklärung und boxte dem Freund auf die Schulter.
„Jetzt ist Don der Kapitän der Serpente. Er hat allen anderen die Schuld gegeben und wollte die Bestechungen Matteo und mir in die Schuhe schieben. Zum Glück hat Leonardo das Ganze auffliegen lassen können. Don hat sich dann zurückgezogen und stänkert gegen alle anderen Mannschaften. Manchmal haben die sogar mehr Spiele als wir, weil jeder ihnen eins aufs Maul geben will.“
Marion sah ihren Bruder an.
„Von Leonardo hattest du mir auch erzählt, oder? Hat er nicht für die Schülerzeitung geschrieben und euch gestalkt?“
„Naja, stalken war es nicht wirklich, aber ja, er war manchmal nervend aufdringlich“, bestätigte ihr Bruder.
„Und sonst hattet ihr keine anderen Mitspieler?“
„Bis auf Don, Cesario und Henry waren alle von Anfang an dabei“, erklärte Matteo.
„Jamie...“, unterbrach Mario ihn dann seufzend.

Der Gedanke an Jamie hinterließ bei den Freunden ein flaues Gefühl im Bauch, allerdings aus einam ganz anderen Grund als Don es tat.
Jamie war ein Jahr jünger als Cesario gewesen als er bei den Veveri aufgetaucht war. Er war klein, schmächtig und sah aus als hätte er viel durchmachen müssen.
Er war irgendwann einfach da gewesen, hatte am Spielfeldrand gestanden, gefroren und zugeschaut. Stundenlang war er geblieben und war jedes mal etwas näher gekommen, bis er sich dann zu Mario gesetzt hatte wenn dieser das Training vom Rand aus geleitet hatte. Mario hatte schnell gemerkt, dass der Junge einfach nicht nach Hause wollte oder konnte. Sogar in der Kälte draußen zu sitzen und in seinen dünnen Klamotten zu frieren schien für ihn angenehmer gewesen zu sein. Mario und Henry hatten angefangen sich Sorgen um ihn zu machen und Mario hatte ihm dann ein paar seiner Sachen geschenkt, die der Junge dankbar angenommen hatte.
Nach ein paar weiteren Tagen hatte Mario ihm angeboten mitzumachen. Jamie hatte sich darüber total gefreut, aber er war eigentlich viel zu schwach um richtig mitmachen zu können und das war ihm selbst am meisten bewusst gewesen.
Mario hatte ihn sogar über Weihnachten mit nach Hause genommen damit er dort schlafen konnte. Er hatte seinen Eltern nichts erklären müssen, sie hatten sich sofort um den Jungen gekümmert, sein Vater hatte ihn untersucht und danach immer sehr ernst und betroffen drein geschaut. Jamie war ein verdammt schlauer Junge. Er hatte mit Marios Eltern so oft über Dinge diskutiert, die Marios Verstand überstiegen dass er meistens nur dabei saß und zuhörte. Er fand es faszinierend, was für eine Austrahlung der Junge in seinem Alter schon hatte.
Eigentlich hatten sie ihn auch nicht mehr gehen lassen wollen.
Doch nach einigen Wochen war Jamie dann verschwunden. Sie wussten nicht, was aus ihm geworden war, aber er hatte manchmal Andeutungen gemacht, dass ihn wohl bald jemand finden und wieder zurück nach Mailand holen würde.
Hätte Mario diese Worte die bei Jamie meistens wie ein Scherz geklungen hatten, doch nur ernst genommen...

Marion erinnerte sich daran, wie ihr Bruder in dieser Zeit drauf gewesen war und wie selbst sie sich Sorgen und Gedanken um den Jungen gemacht hatte. Sie hatte mit ihrem Vater darüber geredet und ihn direkt gefragt, ob sie mit ihren Vermutungen richtig lag. Er hatte es ihr bestätigt und gemeint, dass er nicht viel tun kann, denn in Mailand ein Straßenkind zu finden dass nicht gefunden werden soll, war unmöglich.

Einige Augenblicke lang hingen sie in den Erinnerungen fest und starrten nur vor sich hin.

„Und nun?“, holte Marion die Jungs aus ihren Gedanken.
„Ich habe überlegt, Flyer zu verteilen“, erklärte Herny. „Andere Mannschaften machen das auch. Aber wir haben nichts womit wir werben können. Wir vier hier sind die besten Spieler der Mannschaft und wir alle sind nicht überragend gut und haben eigentlich kaum richtige Spielerfahrung. Die beiden Turniere, die wir bisher mitgemacht haben, waren immer ein Desaster. Im Oktober ist das nächste Turnier, ich will mich nicht nochmal blamieren...“
„Eigentlich müssten wir nur zwei, drei Spieler dazu bekommen, die etwas reißen können. Das könnte für den Anfang schon reichen, um auf uns aufmerksam zu machen. Wir müssen unser Image endlich los werden“, meinte Mario.
„Brauchen wir dazu nicht einen Trainer?“, fragte Cesario in die Runde.
„Nicht zwingend. Wir müssen nur jemanden haben, der uns glaubhaft vertreten kann und sich mit den Erwachsenen unterhalten kann. Das kann von uns keiner so richtig. Und die meisten anderen Mannschaften haben – selbst wenn sie keinen richtigen Trainer haben – eine Schule die quasi die Managerrolle übernimmt. So wie die Diabolos.“ Mario starrte kurz in den Himmel. „Allerdings ist Vittorio selbst auch gut darin, Dinge zu verhandeln. Er ist ein besserer Mannschaftskapitän als ich.“
„Vittorio ist auch einer der wenigen, der uns ernst nimmt“, maulte Matteo. „Er und sein Team spielen noch am häufigsten gegen uns und er gibt uns öfter Tipps.“
„Ja, wenn unsere Jungs die nur erst nehmen würden!“, schimpfte Mario.
Er trat wieder gegen das Gras und ließ ein paar Grasbüschel fliegen.
„Dieser verdammte Ruf, der uns anhängt. Es ist ein verdammter Teufelskreis. Wir müssten einen besseren Ruf haben um Spieler zu bekommen. Aber um einen besseren Ruf zu bekommen müssen wir uns in Spielen beweisen, was wir ohne neue Spieler kaum schaffen können. Wir haben doch eigentlich bewiesen dass wir besser geworden sind und erstzunehmender! Wir haben andere Teams die uns unterstützen, aber das scheint keiner zu sehen! Die Diabolos haben einen verdammt guten Ruf, und Vittorios Wort zählt echt viel bei anderen Mannschaften!“
Mario suchte sich etwas anderes, schwereres um es weg zu treten und fand einen faustgroßen Stein, der dessen Wut dann abbekam.
„Was, verdammt, sollen wir denn noch tun?!“
„Als erstes... nicht so sehr aufregen, Brüderchen“, meinte Marion und legte ihm wieder eine Hand auf die Schulter. Er beruhigte sich fast sofort und erntete dafür ein paar irritierte Blicke der Jungs, die er jedoch ignorierte.
„Hast du eine bessere Idee?“
„Wie ich bereits sagte, vor allem müssen wir erst einmal bei uns selbst anfangen. Es uns selbst recht machen. Wenn dafür ein paar Leute gehen müssen, dann ist das eben so. Wir müssen mit unserer Teamstruktur zufrieden sein und vor allem muss jeder jedem vertrauen können und jeder jeden einschätzen können. Anders kann man nicht aufeinander eingehen.“
Sie verschränkte die Arme und lächelte ihren Bruder an.
„Ich habe genug in meiner Mannschaft in Madrid erlebt. Mädchen sind viel schlimmer wenn sie sich streiten als Jungs, glaubt mir. Die meisten sind ganz nett und lieb und gute Teamplayer, aber wenn mal etwas nicht läuft, werden sie zu zickigen nachtragenden Biestern.  Die sagen nicht offen, dass sie was stört wie ihr Jungs das macht. Die sind viel hinterhältiger. Mit dem Ärger den Jungs in eurem Alter machen komme ich schon klar, keine Sorge.“
Marion war wie immer sehr überzeugend mit dem, was sie sagte. Ihr Bruder bewunderte sie dafür, wie gut sie sich immer in andere hineinversetzen konnte und wie gut sie auf andere eingehen und ihnen helfen konnte. Wenn sie sagte dass sie es konnte, glaubte er ihr.
Die Blicke seiner Freunde zeigten ihm, dass auch sie beeindruckt von ihren Worten waren.
„Manchmal braucht man nur ein paar starke Frauen, um etwas zu erreichen“, grinste sie und zwinkerte den Jungs zu. „Und manchmal findet man Hilfe, wo man sie nie erwarten würde. Uns ist eine unserer besten Spielerinnen in einem Park wie diesem begegnet. Und…“
Marion hielt inne, als sie ein lautes Geräusch hinter sich hörte und zusammenfuhr. Sie sahen sich um, konnten aber zwischen den Büschen nichts erkennen. Schnell jedoch wussten sie was das für ein Geräusch war: Ein Ball, der gegen eine Mauer prallte und das in sehr regelmäßigem Rhythmus.
Mit großen Augen sahen die Jungs sich an und eilten los.
Marion folgte etwas langsamer, lächelte und dankte dem Zufall dafür, sie in einem Moment wie diesem so zu unterstützen. Hoffnung war nie verkehrt.
 
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