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What if?

Kurzbeschreibung
SammlungFreundschaft / P12 / Gen
Ellen Bannenberg Nikolas Heldt
03.01.2021
02.02.2021
3
8.847
11
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03.01.2021 1.732
 
ELLEN

Frustriert wälze ich mich im Bett hin und her. Spiele mit dem Stromkabel der Nachttischlampe auf dem verschnörkelten Tischchen neben mir. Waren meine Andeutungen nicht deutlich genug? Hätte ich Nikolas mehr Zeichen geben sollen? Aber ich hätte ihn doch nicht so ganz direkt darauf ansprechen können, in meinem Zimmer vorbeizukommen. Nachts. So ganz ohne fadenscheinigen Vorwand. Nein. Das wäre zu plump gewesen! Ich kann doch nicht sagen: „Herr Heldt, hätten Sie vielleicht Lust auf einen Schlummertrunk, ja? Oder darf‘s vielleicht sogar ein bisschen mehr sein?“

Ich liebe unser Geplänkel, unser Geflirte, dieses vorsichtige Herantasten der letzten Wochen. Sehr sogar. Ich merke doch, dass da mehr ist. Bei mir und bei ihm. Und endlich bin ich mir außerdem sicher, dass wir beide wissen, was wir wollen. Dass wir uns wollen. Was fehlt, ist der letzte Schritt. Weg von ebenjenem unverbindlichen Geplänkel. Und so sehr ich das genieße, umso mehr sehne ich es herbei, endlich ohne Scheu und ohne Zurückhaltung Nikolas zeigen zu können, wie sehr ich ihn wirklich begehre. Und wie viel er mir wirklich bedeutet.
Ich dachte ja, er hätte meine Blicke, meine Gesten, meine Worte heute und die letzten Tage richtig gedeutet. Ich meine, hätte ich sonst ernsthaft so auf die Sprüche dieses Schnösels Dr. Pringel reagiert? Das sollte doch nur eine Reaktion von Nikolas provozieren!

Und ich dachte ja, er hätte vielleicht den Mut, dieses letzte kleine Quäntchen mehr, das mir gerade fehlt. Dann würde ich wohl offensiver auf ihn zugehen und den Fakt, dass wir hier keine 100 Meter voneinander entfernt in unseren Betten liegen, zu unserem Vorteil zu nutzen.
Aber selbst, wenn es mir nicht fehlte – ich kann ja wohl schlecht zu ihm gehen, wenn er sich das Zimmer mit dieser Schleimbacke teilt. In meinem Negligé, das am besten noch vielfältige Phantasien bei dem falschen Mann im Raum auslöst. Mir fiele zudem auch kein Vorwand ein, der dazu führen würde, Nikolas alleine aus dem Raum und zu mir lotsen zu können. Geschweige denn, dass es Dr. Pringel vermutlich brennend interessieren würde, warum Nikolas eventuell – nach meinem Wunschdenken – so lange wegbliebe.

Ich merke, wie ich langsam wegdämmere, in einen unruhigen, leichten Schlaf. Ich schrecke auf, bei jedem Geräusch, das ich wahrnehme. In diesen alten Gemäuern zieht und knarzt es ständig! Zudem scheinen doch einige unserer Kollegen des Nachts hier umher zu wandeln, aber an meiner Tür passiert nichts. Irgendwann muss ich doch ein wenig tiefer eingeschlafen sein, denn das nächste, was ich wahrnehme, ist Kommissarin Harth, die scheinbar auf der Suche nach Essbarem das ganze Schloss zusammenschreit.
Ich seufze. Es ist wohl Zeit, aufzustehen und sich dem zweiten Tag dieser Farce hier zu stellen.


NIKOLAS

Ich wache auf, als der Schleimbolzen der Nation im frühmorgendlichen Überschwang irgendwelche komischen Sportübungen vor seinem Bett macht. Herrgott, sein überhebliches Getue geht mir immer mehr auf den Zeiger! Und dieses ewige Anbaggern von Ellen! Das verschafft ihm wirklich keine Sympathiepunkte meinerseits!
Ich verdrehe die Augen, gehe kurz ins Bad und ziehe mich dann an, um zum Frühstück zu gehen. Vielleicht hilft mir ja ein bisschen was im Magen, um es besser mit Dr. Pringel aushalten zu können!

Ich betrete die Küche, in der die Kollegen Harth und Schubert bereits schweigend über ihren Tellern brüten, während Pringel Monologe schwingt, um Ellen, die ihm gegenübersitzt, einzulullen. Ihre Laune scheint mindestens genauso im Keller zu sein wie die der Kollegen, weshalb ich ihr ein aufmunterndes Lächeln schenke, das hilft bekanntlich immer!
Doch diesmal scheinbar nicht. Verdutzt merke ich, dass sie mich zwar anschaut, als ich mich neben ihr am Kopfende des Tisches niederlasse, auf mein Lächeln aber gar nicht reagiert, sondern mir nur ihren Todesblick schenkt. Normal wirft sie mir den nur zu, wenn ich mal wieder irgendwelche Paragraphen außer Acht gelassen hab bei meinen Recherchen. Und diesmal hat sie ihn offenbar noch perfektioniert.
Meine Irritation steigt, ich hab doch gar nichts gemacht! Oder? Kurz überlege ich, was ich gestern hätte falsch machen können. Aber mir fällt wirklich nichts ein, was Ellens Zorn hätte hervorrufen können. Ich schüttele leicht den Kopf und widme mich meinem Brot. Darum kümmere ich mich später, erstmal was in den Magen bekommen!

Während des Frühstücks führt die Ungehobeltheit der Kollegin Harth dazu, dass mir das letzte fehlende Puzzlestück zur Lösung unseres ‚Falls‘ auf dem Silbertablett serviert wird. Aber selbst die Tatsache, dass Ellen und ich damit als Team Bochum diesen komischen Wettbewerb hier gewonnen haben, scheint ihre Laune nicht aufzuhellen.
Ich frage mich langsam wirklich, was dahinterstecken könnte! Irgendetwas muss über Nacht passiert sein, das ihre Laune komplett ruiniert hat. Mit Emily kann es nichts zu tun haben, wir haben ja unsere Handys immer noch nicht wieder. Vielleicht aber auch gerade deshalb?
Oder hat es was mit diesem Schnösel zu tun, der nach unserem Sieg genauso kariert aus der Wäsche guckt wie seine Kollegin? Aber das hätte ich doch mitbekommen, wenn der heute Nacht doch noch zu Ellen gegangen wäre! Oder?

Mir bleibt keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, denn mit einem Mal wird uns allen bewusst, dass irgendetwas faul ist. Unser Seminarleiter meldet sich nicht mehr, ihm muss etwas passiert sein.
Wir teilen uns auf, suchen ihn im ganzen Haus und der Umgebung, doch außer den Blutspuren in seinem ursprünglichen Versteck gibt es nirgendwo einen Hinweis auf den Verbleib des Mannes. Die einzige Erkenntnis, die sich über die Zeit in mein Bewusstsein schleicht ist die, dass Ellen wieder voll im Modus der Staatsanwältin ist und ihre schlechte Laune auf einmal keine Rolle mehr spielt. Plötzlich ist sie wieder gewohnt professionell distanziert, konzentriert sich auf die Fakten und bespricht sich sogar ganz normal mit mir. Auf der einen Seite erleichtert mich das, die professionelle Staatsanwältin Bannenberg kann ich deutlich besser einschätzen. Andererseits verwirrt es mich im Unterbewusstsein noch mehr.
Der Tag zieht an uns vorbei, plötzlich überschlagen sich die Ereignisse.

Schubert ist ein erstaunlich angenehmer, wenn auch sehr eigener Zeitgenosse, aber Menschen mit Eigenwilligkeit mag ich ja.
Gemeinsam streifen wir durch den Wald um das Schloss, finden heraus, was dieser geleckte Schnösel alles abgezogen haben muss und in mir steigt eine latente Wut auf.
Deswegen hat er versucht, Ellen einzulullen! Diese schmierige Art, alles Fassade, um seine illegalen und menschenverachtenden Machenschaften zu verdecken! Und jetzt ist er gemeinsam mit ihr im Haus unterwegs, wer weiß, wie sehr er sich noch an sie ranzumachen versucht.

Mich drängt es, sofort ins Haus zurückzukehren und dafür zu sorgen, dass Ellen in Sicherheit vor diesem Typen ist, aber gleichzeitig weiß ich, dass es jetzt wichtiger ist, ihn und seine Hintermänner dingfest zu machen, mit den Beweisen, die wir im Wagen der Duisburger Staatsanwältin gefunden haben, sollte es dann ein Leichtes sein, ihn für immer wegzusperren.
Mein wunderschöner Plan, der in meinem Kopf schon sehr konkrete Formen angenommen hatte, wird auf dem Platz vor dem Schloss von meinem Kollegen vereitelt. Hatte ich vorher nicht gerade festgestellt, dass ich Schubert mag? Naja, wie dem auch sei.
Mit der Haushälterin im Schlepptau suche ich im alten Stall fieberhaft nach einer Möglichkeit, Pringel doch noch überlisten und auch seinen Gehilfen von dieser Menschenschlepperbande im Schach halten zu können. Gar nicht so einfach, wenn das Temperament in mir am liebsten in dieses Haus rennen und erstmal nachsehen wollen würde, ob Ellen in Sicherheit ist. Aber eins nach dem anderen – sonst ist uns wohl allen nicht geholfen.

Zwanzig Minuten später habe ich es zu meiner eigenen Überraschung geschafft, den Typen gefechtsunfähig zu machen, Ellen hat gleichzeitig äußerst imposant diesen Idioten Pringel festgesetzt und die gesamte Kavallerie aus Bochum ist angerückt – inklusive Herrn Grün und Mario. Inzwischen sitzen beide Straftäter in Streifenwagen, auf ihren Abtransport wartend.
Für alle Verletzten sind Krankenwagen angerückt und Ellen und ich stehen mit den Kollegen Harth und Schubert zusammen und rekapitulieren all das, was in den vergangenen zwei Tagen passiert ist.
Zu meinem Unbehagen merke ich, wie Ellen sich neben mir stehend langsam wieder immer mehr in sich zurückzieht. Sie löst sich immer mehr von ihrer Rolle als Staatsanwältin, wird wieder mehr und mehr Ellen, die Privatperson, die sich aus irgendeinem Grund mir gegenüber total kalt und abweisend verhält. Ich beschließe insgeheim, dass das so nicht mehr lange weitergehen kann und kann es plötzlich kaum erwarten, mit ihr gemeinsam zurück nach Bochum zu fahren und so vielleicht einen Moment zu finden, mit ihr zu sprechen.

Herr Grün kommt zu uns hinübergelaufen nachdem sich die Kollegen der anderen Dienststellen verabschiedet haben und lädt Ellen ein, ihn zurück nach Bochum zu begleiten. Ich spüre förmlich, wie sie geneigt ist, seine Einladung anzunehmen. Nichts da, wir müssen dringend reden!
„Ähm Frau Bannenberg, ich habe Ihr Gepäck bereits in meinen Wagen geladen, ich dachte, ich nehme Sie wieder zurück mit nach Bochum? Also ich meine, ich muss ja sowieso bei Ihnen vorbeifahren auf dem Weg zu meiner Wohnung, für Herrn Grün wäre das ein immenser Umweg, also da ist es doch deutlich einfacher, ich nehme Sie wieder mit zurück, nicht wahr? Wir können auch direkt los, also... kommen Sie?“ schießt es aus mir heraus.
Ellen zögert ein wenig, ich merke, dass es ihr alles andere als recht ist, mit mir mitfahren zu müssen, aber gleichzeitig sehe ich ihr genau an, dass ihr kein Gegenargument einfällt, sodass sie sich letzten Endes geschlagen gibt, die Arme zum Zeichen der Zustimmung sinken lässt und sich mit einem „Also dann... schönes Wochenende, Herr Grün.“ von meinem Vorgesetzten verabschiedet und mir in Richtung meines Wagens folgt, zu welchem mir unser Spielleiter schon zwischenzeitlich die Schlüssel ausgehändigt hatte, damit ich unser Gepäck darin verstauen kann.

Ich atme tief durch, werfe einen Blick zu Ellen hinüber. Ihr ist es deutlich unangenehm, mit mir alleine sein zu müssen. Wieder eine Feststellung, die mich irritiert, so ein Verhalten hat sie zuletzt an den Tag gelegt, als sie die absurde Anwandlung hatte, nach Passau gehen zu wollen. Und ich dachte, dass wir über die Phase echt lange hinaus sind. Im Gegenteil sogar, ich hatte in letzter Zeit das Gefühl, dass wir endlich so weit sind, langsam aber sicher weiter zu kommen, als wir es jemals vorher waren. Ich mein, mir ist sonnenklar, dass Ellen mir mehr bedeutet, als jede andere jemals zuvor. Und ich dachte, sie würde für mich ähnlich empfinden. Und dann zieht sie sich von jetzt auf gleich wieder hinter ihre Fassade zurück? Das kann nicht sein. Irgendetwas muss passiert sein. Aber egal, was es ist. Wir haben jetzt eine Stunde um herauszufinden, was Ellen umtreibt. Und wie wir vielleicht doch noch endlich am Ziel ankommen können.
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