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Hurrikan der Gefühle III

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16
Dr. Matteo Moreau Dr. Niklas Ahrend OC (Own Character)
02.01.2021
13.01.2021
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6.209
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13.01.2021 2.252
 
„Mama? Hast du mal eine Minute?“, fragte Emilia etwas später.
„Klar. Was gibt es denn?“
„Ich habe gerade mit Tilda ein bisschen Mathe gemacht. Sie hat sich sehr angestrengt.“
„Das ist schön. Vielleicht bessert sich ihre Note etwas“, sagte Judith.
„Ja, und … Na ja, ich wollte dich fragen, ob sie heute Abend dafür mit mir ins Kino gehen darf.“
„Mit dir?“, hakte die Mutter aufmerksam nach.
„Ja, mit wem denn sonst?“
„Ach, ich dachte mit ihren Freunden. Sie hat dir doch sicher erzählt, dass sie Hausarrest hat.“
„Das hat sie, Mama. Aber könntest du das heute bitte aussetzen? Tilda und ich haben sonst so wenig Zeit zusammen.“
„Ich würde dir so gerne glauben, aber irgendetwas sagt mir, dass ihr nicht alleine dorthin gehen werdet“, erwiderte Judith.
„Wir können doch nichts dafür, falls wir dort jemanden treffen“, zog sich Emilia aus der Affäre.
„Nein, das nicht. Aber ich kenne deine Schwester. Sie plant doch schon, dass ihre Freunde dort sein werden.“
„Das weiß ich nicht, aber ich verspreche dir, Tilda rechtzeitig nach Hause zu bringen.“
Judith seufzte. Die Mutter war hin- und hergerissen. Einerseits gönnte sie ihren Töchtern die Zeit zusammen, andererseits wusste sie genau, dass die Mädchen nicht alleine ins Kino gehen würden. Und ihre Autorität gegenüber Tilda würde es auch nicht unbedingt gut tun, wenn sie jetzt nachgeben würde.
„Bitte, Mama“, wiederholte Emilia da abermals.
„In Ordnung“, gab Judith nach.
„Danke!“, freute Emilia sich und umarmte ihre Mutter fest.
„Aber ihr seid bitte um 21 Uhr zuhause. Du erinnerst Tilda daran, ja?“
„Mache ich, versprochen.“
„Gut. Auf dich kann ich mich verlassen“, sagte Judith lächelnd und strich ihrer Tochter über die Wange.
„Und ich bin das Stiefkind“, bemerkte Tilda von der Treppe aus.
„So meinte ich das überhaupt nicht.“
Judith hatte jedes Mal das Bedürfnis, sich sofort zu verteidigen. Sie wusste selbst nicht, woran das lag, vermutete aber, dass es mit der Adoption zusammenhing. Bei Emilia musste Judith keine Angst haben, sie zu verlieren. Emilia war schließlich ihr leibliches Kind. Bei Tilda gestaltete sich die Situation ganz anders. Schon seit ein paar Jahren hatte Judith das Gefühl, dass Tildas Interesse an ihr verschwand. Stattdessen stürzte sie sich auf alles, was mit Julia zu tun hatte.
„Doch, genau so meintest du das. Dem Stiefkind kann man nicht vertrauen“, setzte Tilda noch einen drauf.
„Das interpretierst du so. Ich liebe dich genauso wie Emilia und vertraue dir auch, wenn du mein Vertrauen nicht ständig auf die Probe setzen würdest.“
„Heute Abend habe ich ja einen Aufpasser. Dann kannst du später ja fragen, was alles gelaufen ist.“
„Ich will dich doch nicht überwachen“, sagte Judith ernst.
„Es fühlt sich aber so an. Gleich verbietest du mir wieder die hohen Schuhe.“
Hohe Schuhe setzte Tilda dabei in Anführungszeichen. Judith wusste selbst, dass die besagten Schuhe nur einen kleinen Absatz hatten, dennoch war es ihr zu früh. Immerhin war Tilda gerade 14 Jahre alt. Die Zeit mit den hohen Schuhen würde noch kommen.
„Du kannst doch deine neuen Sneaker anziehen“, schlug Judith vor.
„Genau. Das sind doch die von der einen Sängerin, oder?“, unterstützte Emilia ihre Mutter.
„Ja, aber die sind doch schon wieder out“, meinte Tilda und griff nach den Schuhen mit dem leichten Absatz.
Judith wusste, dass sie sie nur damit provozieren wollte. Also griff Judith entschieden dazwischen und nahm die Schuhe an sich.
„Die darfst du bei Geburtstagen der Familie tragen und zu Weihnachten. Wenn du 15 bist, kannst du damit ins Kino gehen“, hielt sie fest.
„Ernsthaft? Meine Mutter wäre nicht so spießig gewesen“, haute Tilda ihr gleich um die Ohren.
„Deine Mutter steht vor dir“, ließ sich Judith gar nicht erst auf die Spitze ein.
„Nein, meine Mutter ist tot. Du hast dich doch nur aufgedrängt, damit Papa sie vergisst.“
„Das habe ich nicht“, sagte Judith etwas leiser und sichtlich verletzt.
„Darüber wollten wir doch gar nicht reden“, mischte Emilia sich ein, um die Situation zu retten.
„Wieso? Sie soll ruhig wissen, dass Papa sie nie geliebt hat. Sie war doch nur Ersatz. Würde Julia noch leben, wäre er mit ihr zusammen“, behauptete Tilda.
„Du tust Mama damit weh“, erwiderte Emilia.
„Sie tut mir mein ganzes Leben lang schon weh. Und jetzt komm, wir wollen los.“
Tilda griff notgedrungen nun doch die Turnschuhe, zog sie eilig an und nahm ihre Jacke.
„Gibst du wieder einen aus?“, fragte sie Judith angreifend.
„Ich lade dich ein“, löste Emilia die Situation auf und Tilda verschwand schon mal vor die Haustür.
„Sie meint das nicht so“, sagte der Teenager dann tröstlich zu Judith und strich ihr über den Arm.
„Sie meint es genauso. Sie hasst mich, weil ich nicht ihre Mutter“, flüsterte Judith.
„Tilda liebt dich sehr. Sie kann es im Moment nur nicht zeigen“, widersprach Emilia.
„Du solltest dir darüber keinen Kopf zerbrechen, mein Schatz. Geh jetzt mit ihr ins Kino und habt eine schöne Zeit, ja?“, beendete Judith das Gespräch und zwang sich zu einem Lächeln.
„Danke, Mama. Hab dich lieb“, sagte Emilia.
„Ich dich auch.“
Judith schloss die Tür hinter ihrer jüngeren Tochter und wischte sich eine Träne weg, die dann doch noch aus ihrem Auge gekullert war.
„Warum weinst du, Mami?“, fragte Finn besorgt und schmiegte sich an ihr Bein.
Sie hatte ihren Sohn gar nicht kommen hören, aber das sah ihm ähnlich. Er war ein Meister darin, sich anzuschleichen.
„Mir ist nur etwas ins Auge geflogen“, log sie und nahm ihn auf den Arm.
Mit seinen drei Jahren war er zwar schon recht groß, dafür aber immer noch sehr zierlich. Sie wollte ihren Jüngsten so lange es ging ganz eng bei sich haben. Finn war ohnehin sehr sensibel und suchte die Nähe zu seiner Mutter auch noch. Ab und an stand er auch nachts im Elternschlafzimmer und kuschelte sich zu ihr ins Bett. Ganz anders Oskar, der relativ schnell beschlossen hatte, in seinem eigenen Bett schlafen zu wollen.
„Das war aber ein böses Staubkorn, wenn es dich zum Weinen bringt“, bemerkte Finn.
„Ja, da hast du recht. Wollen wir etwas spielen?“, lenkte sie ihn ab.
„Oskar baut gerade unsere Eisenbahn auf. Wir wollten Lokführer spielen, aber dann war es hier unten so laut und ich musste gucken, was los ist.“
„Ich weiß, dass du es nicht so gern laut hast. Ich werde Tilda noch einmal daran erinnern“, versprach Judith ihrem Sohn und küsste ihn auf die Stirn.
„Danke, Mami. Spielst du dann mit uns mit?“
„Aber natürlich doch. Eisenbahn sagst du?“
„Ja! Papa macht das sonst mit uns, aber er ist ja noch in dem armen Land und muss den Menschen dort helfen.“
„Du meinst Afrika“, sagte sie, während sie mit ihm die Treppe hinauf ging.
„Genau, so hieß das. Wenn er wieder da ist, kann er wieder Eisenbahn mit uns spielen.“
„Das macht er ganz bestimmt“, versprach Judith ihm.
Sie hoffte, dass sich die Situation zuhause entspannen würde, sobald Niklas aus Afrika zurückkam. Wirklich daran glauben konnte sie allerdings nicht .

Es war spät geworden. Mal wieder hatte Matteo seine Arbeitszeit deutlich überzogen. Es kam ein Notfall herein, danach noch mehrere Verletzte von einem Autounfall auf der Autobahn. Da wurde jede Hand gebraucht und leider war in der Klinik nahezu immer Personalmangel. Jetzt aber konnte er endlich nach Hause.
Bin auf dem Weg. Ist das Badewasser noch heiß? - schrieb er seiner Frau.
Er zog seine Jacke bis oben hin zu und verließ das Klinikgebäude. Für den Herbst waren die Nächte schon verdammt kalt geworden. Vielleicht war Matteo aber auch nur eine kleine Frostbeule.
Wenn ich darin liege, wird es kochen. - schrieb Tamara ihm da zurück.
Er musste grinsen. Ja, seine Frau war ausgesprochen attraktiv. Da könnte kein Badewasser der Welt kalt werden.
Matteo wollte gerade auf den Parkplatz gehen, da stolperte er fast über einen Karton. Zunächst traute er seinen Augen nicht, aber bei genauerem Hinsehen erkannte er, was in dem Karton lag. Ungläubig beugte er sich herunter und nahm den Säugling auf seinen Arm. Das Baby war zwar in eine Decke eingewickelt, aber er wusste doch nicht, wie lange es schon hier neben der Klinik lag. Schnurstracks drehte er also um und eilte in das Krankenhaus zurück.
Wer setzte denn bitte sein Kind aus? Wofür gab es denn eine Babyklappe am JTK? Das Kleine musste doch komplett durchgefroren sein!
„Schwester, organisieren Sie mir bitte einen Strampler, ja?“
Die Schwester nickte und machte sich auf den Weg. Wie gut, dass das Krankenhaus für solche Notfälle über ein paar Erstausstattungen verfügte. Dafür hatte sich besonders Judith eingesetzt, aber das war jetzt nicht wichtig. Matteo war froh, dass sie die Kleidung angeschafft hatten.
Er ging mit dem Säugling, der nun kräftig zu schreien anfing, direkt auf die Kinderstation. Dort suchte er sich ein freies Untersuchungszimmer und legte das Kind kurz ab.
„Ja, ich weiß, das gefällt dir gar nicht“, sprach er leise und wickelte das Baby aus der Decke.
Matteo konnte erst jetzt das Geschlecht des Säuglings feststellen. Es handelte sich um einen kleinen Jungen, höchstens ein paar Tage alt. Er konnte das nicht sonderlich gut schätzen, erinnerte sich aber noch gut an die kleine Tilda. Vielleicht war der Junge auch schon eine Woche alt, aber definitiv nicht älter. Seine Nabelschnur war nicht sehr fachmännisch abgetrennt worden und auch sonst wirkte der Säugling eher schmächtig.
„Ja, ist doch gut“, flüsterte Matteo ihm zu, während er mit einem Stethoskop die Herztöne des Kindes checkte.
„Das klingt doch normal. Warum hat dich deine Mama denn nur bei uns vor die Tür gelegt?“
Er streichelte behutsam über den kleinen Körper und nahm sich anschließend ein Maßband, um die Umfänge des Babys feststellen zu können.
„Du hast gar nichts bei dir. Keinen Brief, keinen Strampler … Gar nichts. Dabei bist du so niedlich.“
„Professor?“, sagte die Krankenschwester da und stellte eine Erstlingsausrüstung auf einem Tisch ab.
„Vielen Dank, ich komme klar.“
Er wartete kurz, bis die Schwester die Tür geschlossen hatte, und widmete sich dann wieder dem Kleinen.
„Na, wir versuchen mal, ob wir deine Mama oder deinen Papa noch finden. Und wenn nicht, dann warten bestimmt irgendwo ganz tolle Eltern auf dich“, versprach er dem Jungen, der sich nun langsam beruhigte.
Erst, als Matteo ihn auf die kalte Waage legen musste, schrie er erneut.
„Tut mir leid, tut mir wirklich leid“, entschuldigte sich der Mann und drückte das Kind liebevoll an seine Brust.
„Das muss man leider immer machen. Du wiegst ganz schön wenig, mein Süßer. Hast du deine Stupsnase von deinen Eltern? Ich hätte auch gerne eine so süße Nase. Meine ist dick und knubbelig.“
Er kramte aus der Ausstattung einen Strampler raus und zog den Jungen damit an. Zum Glück schien der Kleine bis auf das Untergewicht recht gesund und stark zu sein, sonst hätte er die Zeit in der Kälte wohl kaum überlebt.
„Wir machen dir als nächstes mal eine Flasche, was hältst du davon?“
Ohne zu zögern ging er mit dem Kind in die Küche, in der sich immer Milchpulver samt Flaschen befanden. Schließlich war es hier auf der Station nicht selten, dass die Mütter keine oder nicht genug Milch für ihre Neugeborenen geben konnten.
Matteo wusste mittlerweile, wie man eine Flasche machte. Schließlich war er der weltbeste Onkel und hatte nicht nur einmal auf die Zwillinge seiner Schwägerin aufgepasst. So war es ein Kinderspiel für ihn und er schaute dem Kleinen zufrieden dabei zu, wie er gierig am Sauger nuckelte.
„Langsam, langsam. Wir haben hier genug zu essen für dich. Sonst bekommst du gleich noch Bauchweh“, bremste er den Säugling etwas.
Er wusste nicht, wieso, aber irgendetwas faszinierte ihn an diesem Kind. Er konnte den Blick nicht von dem Jungen wenden und fragte sich, wie verzweifelt die Eltern wohl gewesen sein mussten. Und dann dachte er daran, dass seine Frau und er sich so sehr ein Kind wünschten und es einfach nicht klappen wollte. War das nicht unfair? Hätten sie den Kleinen bekommen, wäre er sicherlich nirgendwo ausgesetzt worden.
„Na, hat es dir geschmeckt? Jetzt machen wir aber noch ein Bäuerchen, ja?“
Er legte das Kind sanft über seine Schulter, legte ein Spucktuch darunter und klopfte leicht auf den Rücken des Babys. Der Junge war so zart, Matteo hatte Angst, ihn zerbrechen zu können. Es brach dem Mann das Herz zu wissen, dass das Kind in einem Heim enden würde, wenn man die Eltern nicht ausfindig machen könnte. Und da der Kleine keinerlei Hinweise auf seine Herkunft bei sich trug, würde das sicherlich schwer werden.
„Ich kümmere mich jetzt um ein schönes Bettchen für dich und dann schaue ich morgen sofort als erstes nach dir“, flüsterte er dem Baby zu.
Er hoffte, dass die Klinik vielleicht ein paar Pflegeeltern finden würde, die sich solange um das Wohl des Jungen kümmerten, bis eine Familie für ihn gefunden war. Doch Moment … Warum war er eigentlich noch nicht auf die Idee gekommen, mit Tamara die Pflege zu machen? Es wäre immerhin eine Möglichkeit, um Kindern zu helfen, zumindest so lange, bis sie schwanger werden würde. Vielleicht würde man sie im Falle, dass es doch nicht klappte, auch eher bei einer Adoption berücksichtigen. Und wenn Matteo das Baby in seinem Arm so anschaute, konnte er sich vorstellen, Kindern wie ihm ein Heim auf Zeit zu bieten. Wobei er sich bei dem Zwerg auch vorstellen konnte, ihn direkt mitzunehmen und einfach zu behalten. Doch das ging nunmal nicht.
„Überwachen Sie ihn engmaschig und rufen Sie mich an, sollte es zu Komplikationen kommen“, wies er eine der Schwestern noch an und überreichte ihr den Kleinen.
Jetzt musste er sich aber beeilen, nach Hause zu kommen. Was würde seine Frau wohl zu seiner Überlegung sagen? Konnte sie sich auch vorstellen, Kindern auf Zeit Liebe zu schenken?
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