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Wenn aus Regen ein Lied wird

OneshotHumor, Liebesgeschichte / P12 / Het
Adam / Jonas Kahnwald Noah / Hanno Tauber OC (Own Character)
02.01.2021
02.01.2021
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Wenn aus Regen ein Lied wird



gewidmet Paddy in Liebe und in der Gewissheit, dass wir uns in allen Zeiten wiederfinden/finden werden/gefunden haben. (Mal wieder) ein frohes neues Jahr! Deine twu.

PS: Verdammt, irgendwie wusste ich, dass ich mich hier spoilere wenn ich in die Charakterliste gucke

PPS: Muuuuhaha das IST ein Oneshot! Glaub es oder glaub es nicht. Er spielt in einer Zeit vor etwa 100 Jahren.



Luise Meminger warf einen raschen Blick auf die alte Taschenuhr ihres Großvaters. Ihr blieb nicht mehr viel Zeit, wie sie mit leichtem Schrecken feststellte. Eine Gänsehaut kroch ihre Arme hinauf, als sie über das kühle Metall der kleinen, goldenen Uhr strich. Noch einmal kontrollierte sie den Inhalt der großen Tasche und verglich die sich darin befindlichen Gegenstände mit einer vergilbten, maschinell getippten Liste, die vor ihr auf dem Dielenboden lag.

„Verbandszeug, Desinfektionsmittel, eine Flasche Wasser. Abgehakt.“, murmelte sie und schloss die Laschen der Umhängetasche. „Schaufel. Eimer.“, nickte sie und berührte die beiden Sachen daneben. Dann ging sie nochmal den zweiten Papierbogen durch. Sie konnte das alles längst auswendig, aber es gab ihr Sicherheit, wenn ihre Augen über die schwarzen Buchstaben und Zahlen glitten.

Wenige Minuten später stiefelte Luise durch die staubigen Straßen von Winden, vorbei an Pferdekutschen und Backsteinhäusern. Die Tasche hatte sie umgehängt, die Schaufel in der rechten und den Eimer in der linken Hand. Ernas Worte hallten noch in ihren Ohren nach. Als sie die Schankstube eben verlassen hatte, hatte diese ihr noch hinterhergerufen, sie solle Milch beim Bauern Möller holen. Und dass das Bier bald alle war und man neues bestellen müsse. Aber Luise hatte jetzt keine Zeit für derartige Banalitäten. Sie hatte eine Mission.

„Auf Schatzsuche, Luise?“, witzelte der junge, blonde Mann, der ihr entgegenkam, wahrscheinlich war er auf den Weg zu Ernas Schankstube.

„Mach nur Witze, Hanno, am Ende finde ich noch eine Goldader in den Höhlen! Und das, obwohl du derjenige bist, der ständig dort herumbuddelt.“, gab sie zurück und ging raschen Fußes weiter, vorsichtshalber warf sie einen Blick auf die Taschenuhr – was schwierig war, da sie Eimer und Schaufel kurz mit einer Hand halten musste. Nicht mehr lange, dann war es soweit.


Die junge Frau passierte ein Weizenfeld, auf dem einige Arbeiter mit der Ernte beschäftigt waren. Die goldgelben Ähren strahlten im Licht der Mittagssonne. Sogar die Schatten erschienen in diesem Licht hell erleuchtet. Goldgelbes Licht, eine Farbe, so wie dieses Kleid, dass sich Katharina kaufen wollte. Schon seit Wochen schlich ihre Freundin um das Schaufenster von Wenzels Bekleidungsgeschäft herum und fragte sich, wie sie das Geld für ein solches Kleid zusammenkratzen konnte.

Luise, konzentrier dich Bei den drei schiefen Tannen links in die Wiese, und dann bis zur toten Eiche, riss sie sich in die Gegenwart zurück und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf den steinigen Feldweg vor sich. Hoch oben in den Ästen der nahen Tannen sangen unbedarft ein paar Vögel. Noch ein paar Minuten.


Die Schaufel grub sich tiefen in den staubigen Boden. Luise stellte ihren Stiefel auf die Kante und trat zu, um zusätzlich Kraft auf die trockene Erde auszuüben. Der Sommer war bisher warm und trocken gewesen und die Erde nur schwer zu bearbeiten. Es hatte schon lange nicht mehr geregnet. Trotzdem gelang es der jungen Frau, ein kleines Loch auszuheben. Mit dem Ärmel ihres Leinenkleids wischte sie sich die Schweißtropfen von der Stirn. Das Loch war schließlich fertig, also legte sie die Schaufel beiseite und überprüfte ein letztes Mal ihre Uhr. Ein paar Sekunden noch…

Obwohl Luise wusste, was kam, zuckte sie zusammen. Es war eben ein Unterschied, ob man etwas gesagt bekam oder ob man etwas selbst erlebte. Ein ganz gewaltiger Unterschied, wie Luise fand. Die Gestalt sah aus wie nicht von dieser Welt, röchelnd und japsend riss er sich den gelben Helm vom Kopf. Auf die Sekunde genau.

„Hallo“, sagte Luise und hakte zufrieden einen Punkt auf ihrer gedanklichen Liste ab, „Raus aus dem Anzug, du kannst ihn hier reinlegen.“

„Was?“, schnaufte der Junge verstört, sein dunkelblonder Haarschopf war ganz durcheinander.

„Der Anzug. Wir müssen ihn vergraben. Hier.“

Nach einer kurzen Phase der Desorientiertheit schien das Leben in den Jungen zurückzukehren, denn er schälte sich aus dem merkwürdigen gelben Material und stopfte es mit Luises Hilfe in die Erde. Sorgfältig bedeckten sie alles wieder, sodass vom Anzug nichts mehr zu sehen war.

Der Junge versuchte, sich aufzurichten, was ihm sichtlich schwerfiel. Seine Beine zitterten und er schwankte bedenklich.

„Eimer“, murmelte Luise.

„Hm?“, keuchte der Junge verwirrt und musste ganz plötzlich würgen.

Luise hielt ihm – keine Sekunde zu spät – den Eimer unter die Nase.

Seine Finger gruben sich angespannt in die Rinde des toten Baumes, während er sich von seinem Mageninhalt verabschiedete. „Gl… glaube e-es geht wieder…“, presste er heraus, schon halb dabei, sich den Mund abzuwischen.

Luise schüttelte bloß den Kopf. „Warte kurz. Da kommt noch was.“

Und es kam.

Schließlich stellte die junge Frau den Eimer ab und widmete sich dem Inhalt der Tasche. Der Junge hatte eine üble Wunde am Hals. Die Verletzung am Bein war zwar schwerer zu erkennen, aber auch darauf war sie vorbereitet. Er lehnte erschöpft am Baumstamm, während sie gewissenhaft seine Wunden versorgte.

„Danke“, murmelte er leise und zuckte zusammen, als Luise die Schusswunde desinfizierte. Seine Stimme klang angestrengt, das Sprechen fiel ihm schwer. „Das… das ist jetzt vielleicht eine merkwürdige Frage, aber… welches Jahr haben wir?“

„1921“, gab Luise ihm die gewünschte Antwort, schon sah sie den Schrecken in seinen Augen aufblitzen. Helle, grünblaue Augen. „Und nein, du bist nicht falsch. Genau hier solltest du sein. Komm mit, ich bringe dich jetzt zu Erna. Sie hat ein Herz für Streuner wie dich.“

„Ich habe solchen…“

„Durst? Ah, Moment, hier. Wasser.“

*


Nachdem der fremde Junge mit Luises Unterstützung ins Dorf gehumpelt war, drei große Portionen von Ernas Eintopf verspeist und sich den gröbsten Dreck aus dem Gesicht gewaschen hatte, war er in einem der Gästezimmer völlig entkräftet eingeschlafen.

Er schlief, und das schon seit fast dreiundzwanzig Stunden. In der Zwischenzeit hatte Luise Milch beim Bauern Möller geholt und neues Bier bestellt. Außerdem hatte sie ihrer Freundin Katharina ein paar Geldscheine zugesteckt, damit diese ihrem Traum von einem goldgelben Kleid in einem Schaufenster etwas näher kam. Luise hatte die Zöpfe der kleinen Agnes neu geflochten und die Schankstube gefegt. Sie hatte sich Ernas Beschwerden über die Brotpreise angehört.

Nun saß sie wieder am Bett des Jungen und fragte sich, was der wohl erlebt hatte. Woher seine Verletzungen stammten. Ob er ein Heimkehrer war. Darüber hatte sie kein Wort verloren. Draußen brauten sich dunkle Wolken zusammen. Aber Luise war ganz versunken in der Betrachtung des schlafenden Jungen und in ihren Gedanken. Sie hatte zwar gesagt, dass sie all das nicht verstehen müsse und das Verstehen mit der Zeit kommen würde, aber trotzdem konnte Luise nicht anders, sie grübelte über all das nach. Sie wollte verstehen. Wollte begreifen, was das alles zu bedeuten hatte. Im Schlaf waren die Gesichtszüge des Jungen friedlich, entspannt, kein Anzeichen für den gehetzten Blick, den sie gestern bei ihm gesehen hatte.

„Luise! Ich brauche deine Hilfe!“, brüllte Erna von unten und seufzend ergab sich Luise ihrem Schicksal. Sicher gab es in der Küche eine Menge zu tun.

Nachdem die junge Frau eine Hühnersuppe angesetzt, einige Schüsseln und Teller abgespült und Ernas Stiefel geputzt hatte, wollte sie nachschauen, ob der fremde Junge inzwischen aufgewacht war.

Im Treppenhaus kam ihr Hanno entgegen, die alte Holztreppe quietschte und knarzte unter seinen Schritten. „Ich habe ihn mir anders vorgestellt… Jonas.“, erklärte er mit einem merkwürdigen, weltentrückten Blick.

„Er heißt Jonas? Ist er wach?“, fragte Luise und wunderte sich ein wenig über Hannos Worte und die Art, wie er das sagte.

„Ja“, nickte dieser gleichmütig, „Ist eben aufgewacht.“


Luise Meminger warf einen raschen Blick auf die alte Taschenuhr ihres Großvaters. Es war nun schon über vierundzwanzig Stunden her, dass sie den Jungen draußen bei den Feldern gefunden hatte. Gestern Mittag hatte noch die Sonne geschienen. Sie klopfte zaghaft an die Tür des Gästezimmers und trat ein. In diesem Moment setzte draußen der Regen ein.

Der Junge saß auf dem Bett und schaute schon wieder so verstört und desorientiert drein wie gestern auch.

„Hallo“, sagte Luise und setzte sich auf den Sessel neben das Bett, „Du bist wach.“

Er fuhr sich angestrengt durchs Haar und kniff dann die Augen zusammen. „Bist du vielleicht… Nein. Nein, vergiss es.“ Stöhnend lehnte er sich zurück an die Wand und schloss die Augen ganz. Seine Brust bewegte sich wieder gleichmäßiger, sein Atem beruhigte sich. Draußen prasselte der Regen auf die Straßen.

Eine Weile schwiegen beide und Luise begann, den Stoff ihrer verkleckerten Schürze zu kneten. Hin und wieder warf sie dem Jungen einen neugierigen Blick zu, doch der konzentrierte sich nur auf seinen Atem. Ob ihm das dabei half, sich zu beruhigen?

Schließlich hielt Luise die Stille nicht mehr aus. „Sie… sie hat mir so vieles gesagt. Aber das nicht.“

„Was nicht?“ - Der Junge öffnete die Augen einen Spalt breit und linste in Luises Richtung.

„Dass du so… putzig bist.“ – Hitze schoss in Luises Wangen und färbte sie rot. Sie hatte das gar nicht laut sagen wollen. Es war einfach so aus ihrem Mund gepurzelt, ohne dass sie etwas dagegen hatte tun können. Ein Gefühl, ein Gedanke, und jetzt war es raus. Nicht mehr zurücknehmbar.

„Putzig? Ich?“ – heiseres Lachen - „Moment mal… wer hat dir das nicht gesagt?“ Der Junge blinzelte ein paar Mal und öffnete seine Augen wieder ganz. Außerdem rappelte er sich hoch und setzte sich aufrecht hin.

Luise räusperte sich und versuchte, sich zu sammeln. „Lange Geschichte“, sagte sie, doch der Junge schien davon nicht abgeschreckt. Ganz im Gegenteil, er nickte ihr aufmunternd zu und lächelte leicht. Seine grünblauen Augen blitzten freundlich auf.

„Wer hat dir von mir erzählt? Sag es mir – bitte!“

Sie räusperte sich wieder und versuchte, ihre Gedanken zu sortieren. Wo sollte sie beginnen? Am besten… beim Anfang. „Nun“, begann sie, „Da war diese Olle, sie kam letzte Woche hier reingeschneit. Hat sich ein Zimmer genommen, nur für eine Nacht. Die war sicher schon hundert Jahre alt, bei all den Falten. Sie hat mir diese Liste gegeben, die Anweisungen und hundert Mark dafür, dass ich dich aufpäpple. Dachte, du kennst sie.“

„Wie sah sie denn aus? Irgendetwas komisches?“

„Na ja“, überlegte Luise, „Eine alte Frau eben. Uralt. Graue Haare, schulterlang. Wobei… ihre Jacke… das war komisch. Letzte Woche hat es kein bisschen geregnet, aber trotzdem hat sie die ganze Zeit ihre Jacke anbehalten. So ein Regenmantel. Gelb.“

„Gelb?“ Luises letzte Worte hatten den Jungen offenbar erschreckt, seine Finger krallten sich ins Leintuch, in die Matratze. „Eine Olle mit gelber Regenjacke also? Bist du dir sicher?“

„Sicher sicher“, bestätigte Luise, „Kennst du sie denn oder nicht?“

Jonas schüttelte den Kopf: „Nein… Aber… Sie hat dir nicht zufällig… ihren Namen verraten?“

Luises Blick schweifte zum Fenster, wo dicke Regentropfen am trüben Glas zerplatzten. „Hm… doch. Sie hieß Luise. Witzig, oder? So wie ich. Aber der Nachname war anders. Irgendwas mit Kahl… Kahlbaum? Kahle Tanne…“

„Kahnwald?“

„Ja! Genau! Das war es!“, freute sich Luise.

„Oh“, sagte Jonas und wurde ganz still.

Sie runzelte plötzlich misstrauisch die Stirn und sagte mit leichtem Trotz in der Stimme: „Diese Luise Kahnwald. Woher weißt du ihren Nachnamen? Und du sagst eben noch, du kennst sie nicht!“

„Tu ich auch nicht. Das ist mein Name. Kahnwald. Jonas Kahnwald.“

„Oh“, sagte Luise und versuchte, die eben gewonnene Information zu verarbeiten. Immer noch gelang es ihr nicht, irgendwelche sinnvollen Zusammenhänge zu erkennen. Vielleicht sollte sie mal mit Hanno reden, der mochte solche Dinge, die man nicht in einem Satz beantworten konnte. „Und was bedeutet das?“

Jonas vergrub resigniert sein Gesicht in den Händen: „Das bedeutet, dass alles gerade zehntausend Mal komplizierter geworden ist. Wer zur Hölle hat sich das alles ausgedacht?“

„Entschuldige… ich glaube, ich verstehe das alles nicht.“

Er lachte heiser auf und blickte in Luises große, verwunderte Augen. Sie hatte schöne Augen, sturmgrau und wach und neugierig, das fiel ihm eben zum ersten Mal auf. Das heisere, leicht irr anmutende Lachen gerann zu einem kratzigen Husten (man konnte, wenn man ganz genau hinhörte, die Worte River Song und Doctor Who heraushören), und als Jonas seine Stimme endlich wiederfand, sagte er: „Keine Sorge. Ich auch nicht.“

Draußen fiel immer noch der Regen aus sturmgrauen Wolken und aus den Tropfen, die unaufhörlich gegen die Scheiben von Ernas Schankstube prasselten, bildete sich kaum merklich eine Melodie heraus.


~~~


Eben (oder gestern? Oder in der Zukunft?) habe ich eine kleine Fortsetzung zu diesem Oneshot fertiggestellt, ihr findet sie hier:
… entsteht vielleicht eine neue Geschichte.
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