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Schattenband

von Sorakura
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P18
01.01.2021
20.01.2021
4
10.113
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13.01.2021 4.112
 
Kane sah erst die Hand voller Verwirrung an, dann den Mann in der seltsamen Rüstung.
„Aufnehmen? Ich kenne dich nicht mal.“
Der Mann blinzelte leicht und lachte dann leise. Wie für ein Kind aus einem Bauerndorf üblich, vermisste auch dieser Junge die Höflichkeitsformen. Zu rau war der Umgangston auf ländlichem und armem Gebiet, als dass bei der Erziehung Wert daraufgelegt werden würde.
Er ließ seine Hand fallen und lächelte Kane dann wieder an.
„Natürlich. Entschuldige. Darf ich hereinkommen und mich vorstellen?“

Der Möchtegern-Ritter – ganz ehrlich, Kane hatte keine Ahnung, was die Rüstung sollte – sah sich in seinem Haus um.
So richtig konnte sich Kane noch nicht entscheiden, was er von dem Mann halten sollte. Sein Aussehen war eher einschüchternd, seine Stimme allerdings so sanft, dass es ihn an seine Eltern erinnerte, bevor diese in ihm ein Monster sahen. Hinzu kam ein seltsames Gefühl, dass den Jungen überkam, als er in seine Augen gesehen hatte. Als würde er diesen Mann vor sich schon seit Jahren kennen und als würde die zwei etwas verbinden. Sein Bauchgefühl gab ihm sofort zu verstehen, dass er dem Mann vertrauen konnte, doch Kanes rationaler Verstand konnte diese schnelle Einsicht nicht so recht verstehen.

Auch wenn der Mann sich nichts anmerken ließ, so konnte Kane dennoch erahnen, was er dachte. Alles, was er sah, war das Nötigste vom Nötigsten und selbst das war teilweise kaputt. Doch der Mann äußerte sich nicht dazu.

„Ich heiße Veight und ich kann, so wie du, die Schatten kontrollieren. Nur, dass es bei mir etwas anders abläuft, aber das erkläre ich dir, wenn du dich mir anschließen möchtest.“
Kane blinzelte. Zumindest kannte der Mann keine Zurückhaltung und fiel direkt mit der ganzen Wand statt nur der Tür ins Haus. Verstanden hatte er aber so gut wie nichts.
„Warte, stopp, woher willst du das alles über mich wissen?!“
„Die Schatten haben es mir gesagt.“

Als wäre es vollkommen selbstverständlich.
Kane musste ihn wohl gerade wie der größte Vollidiot angaffen. Der falsche Ritter – Veight – bemerkte es allerdings und fuhr mit einem leichten Schmunzeln fort:
„Wie bereits gesagt, das alles erzähle ich dir im Detail, wenn du dich mir anschließt. Worüber ich mich sehr freuen würde. Ich denke, auch für dich wäre es die bessere Option.“
Sein Blick glitt noch einmal kurz über das Haus. Kane spürte, wie ihm leicht das Blut in die Wangen schoss, versuchte allerdings, das Gefühl schnell abzuschütteln. Er konnte schließlich nichts für seine Armut.
Stattdessen konzentrierte er sich auf das Angebot des Mannes. Der Mann, der angeblich den gleichen Fluch, oder wie er es nannte, Fähigkeit, besaß, wie Kane. Vor allem aber der Mann, der gerade behauptete, mit Schatten zu reden.

Kanes Blick fiel auf die seltsame Rüstung und für einen kurzen Moment verlor er sich in das Wabern. Er machte einen Schritt nach vorne und streckte leicht die Hand aus.
„Deine Rüstung ist seltsam. Dass du überhaupt eine hast, aber das Ding wirkt so…“
„Lebendig? Das sind die Schatten.“ Veight überbrückte die letzten Meter zwischen ihnen. „Du kannst sie gerne berühren.“

Kane ließ es sich nicht zweimal sagen und berührte sofort die Rüstung. Er erwartete, auf kühles, glattes Metall zu stoßen. Stattdessen griff er in etwas, dass sich wie kalter Nebel anfühlte. Nebel, der allerdings so fest war, dass er selbst bei bestem Willen nicht hindurchgreifen konnte. Die Rüstung waberte stärker und Kane sah, wie sich aus dem Nichts Schatten über seine Hand schlängelten. Mit einem Schlag fühlte es sich so an, als würde er seine Hand in Schnee stecken. Er fröstelte kurz und zog sie sofort weg, starrte sie ungläubig an. Die Schatten zogen sich bei seiner Bewegung direkt zurück in die seltsame Rüstung.
Schatten. Es waren tatsächlich lebendige Schatten.

Zugegeben, Kane wusste nicht viel über Fähigkeiten. Über die Schattenfähigkeit noch viel weniger - hatte er sie bisher doch immer unfreiwillig aktiviert und sie kein Stück unter Kontrolle bringen können. Doch er kannte Fähigkeiten als etwas nicht Lebendiges, etwas, was gesteuert werden musste, ob nun bewusst oder unbewusst. So wie er damals aus Wut und Enttäuschung auf seine eigene Schattenfähigkeit zurückgegriffen hatte, ohne gewusst zu haben, dass er sie besaß.

Doch bei Veight wirkte es so, als würden die Schatten nach ihrem eigenen Ermessen handeln, verschwamm die Rüstung doch ständig vor seinen Augen. Würde Veight das tatsächlich steuern, würde es ihm unendlich viel Kraft kosten. Doch das musste heißen, dass die Schatten einen eigenen Willen besaßen und das war eine Erkenntnis, die Kane den Atem raubte.

Langsam sah er wieder zu Veight.
„Die Rüstung und du, ihr seid beide echt merkwürdig! Und ich weiß echt nicht, ob ich das gut oder böse meine!“
Stille.
Dann durchbrach Veights Lachen die Leere des Raums.


Wider Veights heimlicher Hoffnungen entschied sich Kane nach einigen Stunden Bedenkzeit dazu, mit ihm mitzugehen. Kane begründete es damit, dass er in diesem Dorf sowieso kein Zuhause sah und die Bewohner wahrscheinlich ein Fest veranstalten würden, sobald er seine Sachen packte.
Es stimmte, Veight bemerkte die hoffnungsvollen Blicke, als er mit dem Jungen auf den Dorfausgang zu schritt. Aber das war nicht der einzige Grund.
Veight erkannte ein hoffnungsvolles Leuchten in Kanes Augen, als dieser erfuhr, dass es noch andere mit der Schattenfähigkeit gab. Sein Körper hatte sich instinktiv nach vorne gerichtet und seine Augen hatten sich geweitet, als hätte Veight ihm das tollste Geschenk der Welt angeboten.
Der Meister der Schatten konnte nur allzu gut erahnen, woran das liegen könnte. Es war selten, dass die Schatten einem ungeübten Menschen Gutes brachten. Nicht, dass die Fähigkeit an sich schwer zu meistern war. Doch die kleinste negative emotionale Regung konnte ein verheerendes Chaos auslösen.
Veight schüttelte leicht den Kopf. Er wollte vorerst nicht darüber nachdenken. Es war eine Erinnerung, die er tief verschlossen hatte.


Kane war unerwartet still, während sie das Dorf verließen und einen neuen Weg einschlugen. Veight wollte dem Jungen baldmöglichst Antworten auf seine Fragen geben und ihm die Angst vor den Schatten nehmen. Ein wichtiger Schritt, dachte er an die Zukunft.
Dafür wollte er ihm einen Ort zeigen, der jedoch für normale Reisende einige Tage entfernt in der Region Kentia sein würde. Er wollte dem Jungen diesen Weg nicht zumuten. Dafür kannte er ihn nicht ausreichend, wusste nicht, wie belastbar er war. Wahrscheinlich beherrschte er nicht einmal die Kampfkünste, dafür war das Dorf einerseits zu friedlich, andererseits zu arm.
Dachte Veight an all die Monster und Gestalten, die in der Welt existierten, überkam ihn die Sorge, dass Kane etwas zustoßen würde.
Hinzu kam, dass Kane gerade mit einem Fremden in eine ungewisse Zukunft hineinging. Veight an seiner Stelle wäre vermutlich äußerst ängstlich gewesen.
Nein, die langen Reisen konnten warten, bis er Kane besser kannte und bis Kane ihm vertraute.
„Ich werde es etwas abkürzen für uns“, kündigte er an und hob seine Hand. „Erschrick bitte nicht, es wird vermutlich merkwürdig für dich aussehen, aber es ist nur eine Art Teleportation.“

Als würden plötzlich all die Farben und Texturen von der Welt verdrängt oder gar verschluckt werden, entstand ein immer größer werdender Riss direkt vor ihnen. Aus dem Riss wurde ein schwarzes Loch, so groß wie ein erwachsener Mensch. Aus dem Loch schienen Nebelschwaden zu kommen und sah man hinein, bekam ein Fremder der Schatten vermutlich einen Schwindelanfall, fühlte es sich doch so an, als würde man in die unendliche Finsternis schauen.

Kane schnappte nach Luft und starrte es an. Unwillkürlich ging er einige Schritte zurück, doch wie schon vor einigen Stunden bei Veights Erscheinen, meldete sich sein Bauchgefühl und versicherte ihm, dass er keine Angst haben musste. Nicht, dass es Kanes Nerven wirklich beruhigte, viel eher verwirrte es ihn noch mehr.
„Was ist das denn?!“
„Ein Schattentunnel. Damit kann ich die ganze Welt innerhalb weniger Sekunden überqueren.“
Kane konnte kaum glauben, was er da hörte. Für ihn war die Schattenfähigkeit bisher nur ein Chaos stiftendes Unheil gewesen, doch schon jetzt offenbarten sich ihm die vielen Möglichkeiten, die mit dieser Fähigkeit einherkamen. Rüstungen aus lebendigen, eigenwilligen Schatten und Tunnel, die einen teleportieren ließen.
Kane fragte sich, welche Möglichkeiten es noch alles geben würde. Zum ersten Mal mischte sich Aufregung und Neugierde in die Verwirrung und in die Angst gegenüber der Fähigkeit.

„Gehen wir“, sprach Veight und hielt ihm die Hand hin. „Du brauchst keine Angst zu haben.“
Kane sah seine Hand an. Mit einem Schlag fühlte er sich wie ein kleines Kind, welches zu verängstigt war und sich nichts zutraute. Etwas, was er nie sein wollte. Er hatte die letzten Jahre nicht überlebt, nur, um jetzt vor einem Schattentunnel zurückzuschrecken, der den Anschein machte, die Welt vor seinen Augen verschluckt zu haben.
Nun, etwas nervös war er doch.
„Ich hab‘ keine Angst“, erwiderte er dennoch trotzig und lief einfach durch das Portal.


Für ein oder zwei Sekunden fühlte es sich so an, als wären all seine Sinne taub geworden. Er sah nichts, hörte nichts, spürte nichts. Als würde Kane durch eine unendliche Dunkelheit fallen. Doch die Dunkelheit machte ihm keine Angst, viel eher hatte sie eine seltsam beruhigende Wirkung auf ihn.
Ehe er das Gefühl greifen konnte, kamen all seine Sinne mit einem Schlag zurück und er fand sich an einem komplett anderen Ort wieder.


Die beiden landeten an einem Ort, der einmal ein idyllisches Dorf gewesen sein musste. Kane sah sich mit offenem Mund um.
Das ehemalige, von einem dichten Wald umgebene Dorf befand sich am Fuße eines hohen Berges, im Hintergrund rauschte ein riesiger Wasserfall hinab und stürzte in einen See, welcher sich wiederum in zwei Flüsse aufteilte, die das Dorf spalteten. Somit gab es eine linke Flussseite, die Mitte und eine rechte Flussseite, an denen sich Ruinen ehemaliger Häuser befanden. Es gab kaum Lichteinfall und Kane erschauderte bei der Kälte, die an diesem Ort herrschte. Er schlang die Arme um seinen Körper, während er langsam das kleine Dorf passierte und jedes Detail betrachtete.

„Was ist das für ein Ort?“
Er sah zu Veight und stockte kurz, war doch die seltsame Rüstung verschwunden, die der Mann die ganze Zeit getragen hatte. Nun stand er mit einfacher, schwarzen Stoffkleidung vor ihm und sah aus wie jeder andere Mensch.
„Die Rüstung verschwindet, wenn ich an sicheren Orten bin“, beantwortete Veight Kanes stumme Frage. Dann fuhr er fort: „Das hier war einmal meine Heimat. Früher war es noch schöner hier. Lebendiger.“
„Was ist passiert?“
In Veights Gesicht huschte kurz ein Schatten der Erinnerungen, zu schnell allerdings für Kane, als dass er Emotionen hätte herauslesen können. Veight sah den Jungen an und lächelte.
„Das erzähle ich dir irgendwann.“
Kane schnaubte und ahnte, dass er diesen Satz wohl bald hassen würde.


Veight zeigte ihm ein wenig das Dorf, doch es brauchte nicht allzu viel Zeit, bot es doch lediglich Platz für zehn Häuser. Neun von diesen waren Ruinen, die nur noch erahnen ließen, wie sie einst aussahen.

Das zehnte Haus allerdings wirkte beinahe fehl am Platz. Veight erzählte ihm, dass er das Haus erst vor kurzem neu erbaut hatte - und scheinbar halfen die Schatten selbst bei so etwas! - und dort wohnte, wann immer er die Möglichkeit dafür hatte. Viel gab es in dem Haus nicht, es war äußerst leer und besaß nur wenige Möbel. Es erinnerte Kane für einen kurzen Moment an seine eigene Armut, doch bei Veight wirkte es eher so, als hätte er bewusst nur wenige Möbel. Es gab die nötigsten Möbel, damit es gerade so noch bequem war und alle waren in einem tadellosen Zustand. Auch an Geschirr mangelte nicht - die erste Ware, die man verkaufte, fehlte es einem an Geld.

Nach der kurzen Erkundungstour, hatte sich Veight dazu entschlossen, mit ihm ein Feuer anzuzünden. Mittlerweile war es schon Abend geworden und die Temperaturen sanken etwas. Kane spürte deutlich jeden Luftzug durch sein viel zu dünnes und altes Bauerngewand und er war froh um die Wärme des Feuers. So froh, dass er beinahe im Feuer saß, so nah rutschte er heran.

„Wir können gleich in eine Gaststätte gehen, um etwas zu essen“, sagte Veight, während er kniend das Spiel der Flammen betrachtete.
Kane nickte nur zustimmend und blieb für eine Weile still. Er versuchte, seine Gedanken zu sortieren und den Tag und die Informationen Revue zu passieren. Er hatte so viele Fragen, die alle aus ihm herauswollten, doch bei einigen traute er es sich schlicht noch nicht. Blickte Kane in Veights sanfte, blaue Augen überkam ihn zwar jedes Mal das Gefühl des Vertrauens, doch das hieß nicht, dass sich sein rationaler Verstand, der ihn ermahnte, dass er Veight noch nicht lange kannte, ausschaltete.
Eine Frage allerdings brannte so stark in seiner ganzen Seele, dass er sie unbedingt endlich stellen musste.

„Erklärst du mir jetzt die Schattenfähigkeit?“

Das Holz knisterte und von dem wärmespendenden Feuer stoben immer wieder Funken auf. Kanes Blick folgte ihnen und beobachtete, wie die heiße, glühende Glut in der Luft erkaltete und schwarz wurde, ehe sie auf den Boden fiel. Er war zu nervös, als dass er sich traute, Veight direkt anzusehen.

Die Sekunden verstrichen und ein Holzscheit zerbrach genau in der Mitte. Das unerwartete laute Knacken betonte zu gut die Stille, die von dem Mann ausging.

Veights Blick blieb auf dem Feuer fixiert. Kane konnte ganz leicht das Feuerspiel in seinen Augen sehen, doch noch interessanter waren die Schatten in Veights Gesicht, die hin und her huschten. Es waren nicht nur die Schatten, die das Feuer warf, aber auch nicht nur die lebendigen Schatten. Kane hatte den Eindruck, als würde er in Veights Gesicht die Schatten von Erinnerungen erkennen und er wünschte, er könnte Veight fragen, woran er gerade dachte.
Veight fing endlich an zu erzählen und durchbrach sowohl die Stille als auch Kanes Gedankengänge.

„Auf der Welt gibt es nur sehr wenige magische Fähigkeiten. Eine davon ist die äußerst bekannte Schattenfähigkeit.
Mit dieser Fähigkeit kannst du die Schatten kontrollieren und manipulieren. Du kannst nicht nur auf die bestehenden Schatten zurückgreifen, sondern auch ganz eigene erschaffen.”

Um seine Worte zu veranschaulichen, streckte Veight die Hand aus. In seiner Handfläche bündelten sich aus dem Nichts Schatten und bildeten eine schwarze, wabernde Kugel. Er ließ sie wieder verschwinden und legte dann seine Hand auf den Schatten, den sein Körper durch das Feuer warf. Der Schatten zitterte und fing dann an, sich zu bewegen, als wäre er plötzlich lebendig geworden.

„Das kannst du selbst im gleißenden Sonnenlicht, wobei dich das sehr schnell ermüden wird. Es erfordert eine gute Konzentration, um die Schatten zu befehligen und eine noch bessere, um Schatten zu erzwingen.”

Veight ließ ihm kurz Zeit, die Informationen zu verarbeiten, ehe er fortsetzte. Auf Kane wirkte es allerdings auch so, als müsste er selbst überlegen, wie er seine Worte formulieren sollte.

„Allerdings gibt es ein Kriterium für die Schattennutzer”, fuhr Veight fort. „Normalerweise entstehen Fähigkeiten aus dem Nichts. Ein Mensch wird damit geboren und besitzt sie normalerweise sein Leben lang. Die Schattenfähigkeit jedoch ist nur dann möglich, wenn es einen Meister der Schatten gibt. Der derzeitige Meister bin ich und irgendwann werde ich einen neuen erwählen.
Der Meister der Schatten beherrscht die Fähigkeit am genausten. Die Schatten sind lebendiger und, nun, nennen wir es gehorsamer als für normale Schattennutzer. Das beste Beispiel wäre wohl meine Rüstung. Ich muss sie nicht aktiv steuern, die Schatten tun es aus ihrem eigenen Willen. Sie wollen mich beschützen. Stirbt der Meister ohne einen Nachfolger-“, Veight stockte kurz, „-sagen wir, es würde nicht gut enden.
Aber um solche Dinge musst du dich noch lange nicht kümmern.“

Kane hörte ihm aufmerksam zu und versuchte, all diese Informationen abzuspeichern und keine einzige zu vergessen. So, wie Veight sie beschrieb, klang die Fähigkeit harmlos. Unweigerlich musste Kane an die Unfälle denken.
„Ich habe die Fähigkeit als Fluch gesehen. Ich hätte fast meine Mutter… getötet“, flüstert Kane, beschämt über sich selbst.
„Die Schatten können sehr gefährlich werden“, Veight sprach mit einer so sanften Stimme, dass Kanes negative Gedanken sofort verschwanden, „aber dafür bin ich gekommen. Ich werde dich trainieren und dir zeigen, wie du sie kontrollieren kannst. Es ist gar nicht so schwer und ich bin sicher, du wirst großartig darin sein.“
Kane sah den Meister der Schatten an und lächelte hoffnungsvoll.
„Das würde mich freuen.“


Bevor die Nacht einbrach und die meisten Lebewesen in ihren Schlaf schickte, ging Veight mit Kane in die Kleinstadt Soutton der felsigen Region Kentia. Wie für die Region üblich, war auch diese Stadt von einer Mauer umgeben, um sich vor Monstern zu schützen. Gerade in steinigen Umgebungen schienen die Monster stärker und gepanzerter zu sein, als würden sie sich der rauen Umgebung anpassen.
Menschen konnten die Stadt allerdings problemlos betreten.

Kane betrachtete Soutton mit großen Augen. Jeder Winkel wurde genauestens untersucht und Veight musste immer wieder anhalten und auf ihn warten - nicht, dass er sich beschwerte.
Für Kane war die Welt außerhalb Tilburys bisher immer ein großes Mysterium gewesen. Er hatte das Dorf nie verlassen, höchstens ein paar Meter um in den Wald zu gehen und dort Beeren zu sammeln oder frisches Wasser zu besorgen.
Für ihn war die heutige Reise mit Veight, als hätte ihm jemand die Augen geöffnet und er konnte endlich die Welt so sehen, wie sie war - groß, laut, überfüllt mit Menschen. Aber auch ruhig und idyllisch wie an Veights Ort.
Überall gab es etwas Interessantes, was er noch gar nicht kannte und er überhäufte Veight mit tausenden Fragen.
„Wie nennt man das Ding hier?”
„Das ist ein Verkaufsstand, Kane.”
„Was ist das für ein großes Gebäude?”
„Das ist die Kirche, Kane.”
„Warum trägt der Mann da so ein langes Kleid?”
Veight stockte und hob schnell entschuldigend die Hand, als der Priester der Kirche mit einem entrüsteten Blick zu ihnen sah.


Es gab so vieles, was Kane noch nie gesehen hatte: Die Kleidung in Soutton schien wertvoller und war nicht so verschlissen wie Kanes. Die unzähligen Gerüche, die Kane nicht zuordnen konnte und die von Gewürzen und Essen stammen, von denen Kane noch nie etwas gehört hatte. Die vielen Geschäfte, die unterschiedlichen Häuser, die Gebietseinteilungen - Marktplatz, Wohnbereich, Altstadt und noch so viele mehr.

Doch unter all diesen Eindrücken verpasste er eine Seltsamkeit nicht, die ihm immer wieder auffiel:
Kane bemerkte, dass die Blicke der Bürger auf Veight fixiert waren und die meisten davon hatten keinen friedlichen Ausdruck. Manch einer ging sogar einen Schritt zurück, als würde er etwas Schlimmes erwarten.
Es verwirrte Kane. Natürlich, die Rüstung war gewöhnungsbedürftig und auch sonst waren solch prächtige Rüstungen eher in reicheren Umgebungen zu sehen, dennoch fand er die Blicke zu feindselig und ängstlich für reine Neugierde.
„Warum starren die alle so?“
Veight ging unbekümmert seines Weges, beantwortete aber Kanes Frage: „An der Rüstung erkennen sie, dass ich ein Schattennutzer bin. Das gefällt den Wenigsten.“
„Aber wieso? Du tust doch gar nichts. Du trägst nicht mal eine Waffe.“
Veight sah den Jungen an. Für einige Sekunden war er still, dann fiel der bald schon gehasste Satz Kanes:
„Das erzähle ich dir irgendwann einmal.“


Das merkwürdige Verhalten der Bewohner blieb auch in der Gaststätte, in welcher sie zu Abend essen wollten, nicht aus. Während Veight die Bestellung aufgab, beäugte die Wirtin seine Rüstung misstrauisch und ging mit den Worten, er solle bloß keinen Ärger machen.
Veight sah deutlich die Fragezeichen in Kanes Gesicht, doch er war noch nicht gewillt, ihm Antworten dazu zu geben. Stattdessen versuchte er, das Thema zu wechseln.
„Hast du ein Lieblingsessen?“
„Mh.“
„Das Essen in der Region Kentia ist meistens sehr gepfeffert. Wusstest du das?“
„Mh.“
„Wenn du irgendetwas brauchst, sag mir Bescheid, dann kaufe ich es dir.“
„Mh.“

Veight zog eine Augenbraue hoch. Ein richtiges Gespräch würde es heute wohl nicht mehr geben, zumindest nicht, solange Veight nicht auf Kanes Frage einging.
Veight musterte Kane, der ihm gegenübersaß und sich direkt auf das Steak stürzte, als es serviert wurde.
Doch Kane hatte nicht nur Hunger. Er konnte in seinen Augen und in seiner Körpersprache, hing er doch mehr über dem Tisch, als dass er saß, eine deutliche Müdigkeit erkennen. Es war viel passiert und die Kräfte des Jungen mussten erschöpft sein. Sein Leben hatte sich mit einem Schlag geändert und er war mit so viel Neuem konfrontiert worden, dass Veight sich wunderte, dass er überhaupt noch stehen konnte.

Also begnügte sich Veight mit dem Schweigen, machte sich derweil aber Gedanken darum, wie er Kane am besten trainieren wollte.


Am nächsten Morgen wachte Kane vor dem Meister der Schatten auf, was zukünftig eine Seltenheit werden sollte. Doch zu gewaltig waren die vielen neuen Eindrücke und Informationen, als dass der kleine Schattennutzer lange einen ruhigen Schlaf halten konnte. Viel eher hatte ihn ein wirrer Albtraum geprägt, in der monströse Schatten, seine Eltern und der Bäcker Tilburys aufgetaucht waren. Als dann noch Veight in einer noch auffälligeren Rüstung und auf einem schwarzen Pferd auftauchte, war es endgültig zu viel für Kane und er wachte in Veights Haus auf.

Er entschied sich dazu, einen Spaziergang durch das ehemalige Dorf Veights zu machen, um seinen Kopf freizubekommen, den wirren Traum abzuschütteln und über den gestrigen Tag nachzudenken. Sie hatten hier geschlafen, da Veight es liebte, seine Zeit in dieser Umgebung zu verbringen. Zumal es auch weitaus kostengünstiger war, als jedes Mal eine Gaststätte aufzusuchen und weitaus gemütlicher, als in der freien Natur zu schlafen. Durch Veights Schattentunnel konnten sie von jedem Standort aus zu dem Dorf gelangen – eine Technik, die Kane mehr als nur begrüßte und die er so schnell wie möglich erlernen wollte. Allerdings hatte Veight ihm die Freude etwas geraubt. Anscheinend konnte nur der Meister der Schatten einen solch weitläufigen Schattentunnel erschaffen.
Kane würde nur wenige Kilometer überbrücken können, selbst wenn er ein äußerst starker Schattennutzer werden würde.

Kane ging auf den Wasserfall zu und betrachtete ihn eine Weile in Gedanken versunken. Anfangs drehten sie sich um die Schattenfähigkeit, welche er noch immer mit Skepsis behandelte.
Noch wusste er nicht wirklich, was er mit solch einer Fähigkeit anfangen sollte, ganz abgesehen davon, dass er in Zukunft scheinbar keine teuren Kutschen bezahlen musste, um sicher von einem Ort zum anderen zu kommen. Sicherlich würde er sich mit genug Übung auch vor den Monstern dieser Welt verteidigen können, aber wollte er es überhaupt darauf ankommen lassen?

Er sah sich vor seinem inneren Auge gegen einen Riesen mit bloßen Händen und der Schattenfähigkeit kämpfen. Natürlich gewann er diesen Kampf und der Riese wurde von ihm niedergestreckt. Er sah sich selbst siegreich auf der Leiche des Riesen, jubelnd die Hände nach oben reißend, während der Applaus der beeindruckten Zuschauer in seinen Ohren dröhnte.

Da fiel ihm mit einem Schlag die seltsamen Reaktionen der Bewohner Souttons ein. Er konnte nicht verstehen, warum sie so feindselig schienen. Die Wirtin war sogar davon ausgegangen, Veight würde etwas anstellen!
Schätzte er den Meister der Schatten so ein?
Nein.
Aber, ermahnte Kane sich selbst, er kannte Veight kaum. Einige Stunden, mehr aber auch nicht. Dennoch… Kane dachte an sein Bauchgefühl. Teilweise hatte es sich so angefühlt, als kannte er diesen Mann seit vielen Jahren. Er fühlte sich geborgen. Diese Art von Gefühl, wenn jemand nach einer sehr langen Reise endlich wieder nach Hause kam und von einem sanften Lächeln empfangen wurde.
Lag es vielleicht daran, dass die Schatten sie miteinander verbanden?


Er wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen, als aus dem Nichts die Welt neben ihn von Schwärze verschluckt wurde und ein Schattentunnel erschien. Ein fremder Mann trat hinaus und sah Kane sofort mit einem kühlen Blick an.
Kane stolperte erschrocken einige Schritte zurück und starrte den Fremden an.
„Wer bist du?!“

Der Mann hatte ein vollkommen normales Erscheinungsbild. In einem Dorf würde er komplett untertauchen können. Er hatte normales blondes Haar, normale grüne Augen und trug normale hellblaue Stoffkleidung. Doch da er einen Schattentunnel erschaffen hatte, musste er, so wie Veight und Kane, ein Schattennutzer sein. Erst jetzt fragte sich Kane, wie viele es wohl gab. Doch anders als bei Veight hatte er bei diesem Mann kein Gefühl des Vertrauens. Ganz im Gegenteil.

„Ich heiße Jake. Du bist wohl der neueste Schattennutzer, wie mir die Schatten verraten haben.“
Der Blick Jakes wanderte kurz über das Dorf und fixierte für eine Sekunde die Richtung, in der sich Veight befand.
„Ich bin hier, um dich zu warnen.“
„Warnen?“
„Vor Veight.“ Die grünen Augen sahen wieder zu Kane. „Du solltest dir überlegen, wem du dich anschließt. Veight ist ein armseliger Mann. Er würde dich nur in den Untergang reißen. Mit einem Schattennutzer wie mir oder Tyren wärst du besser aufgehoben.“
Kane starrte den Mann vor sich an. Er registrierte die Worte, doch wirklich verarbeiten konnte er sie nicht.

„Jake.“
Die eiskalte Stimme Veights, die das Blut in Kanes Adern gefrieren ließ, unterbrach Jakes verwirrende Worte. Ohne, dass die beiden ihn auch nur ansatzweise wahrgenommen hatten, war er hinter Kane aufgetaucht. Kane stockte kurz, kannte er Veight bisher nur als einen sanft sprechenden Mann.
„Verschwinde. Sofort.“

Jake sah den Meister der Schatten an und grinste so kalt wie Veight sprach.
„Denk an meine Worte, Kane“, sagte er, ehe er so schnell im Schattentunnel verschwand, wie er aufgetaucht war.
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