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bare bones

von memoirst
Kurzbeschreibung
DrabbleAllgemein / P16 / Gen
01.01.2021
31.12.2021
52
16.007
26
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Dieses Kapitel
5 Reviews
 
22.01.2021 676
 
ancient


adjective
–uralt





musikempfehlung: experience von ludovico einaudi



Sie würden niemals gemeinsam alt werden.

Wenn es eine Konstante, einen roten Faden, eine unumstößliche Gewissheit in diesem Wirrwarr gab, dann war es diese.
Sie würden niemals gemeinsam alt werden.

Das erste Mal war Folter gewesen.
Es wurde nicht leichter, ganz egal, wie oft es geschah. Natürlich wurde es nicht leichter.
Aber dieses erste Mal … das hatte sie kaum ertragen können.

Seine Hände waren bereits kalt gewesen, als sie ihn schließlich erreicht hatte, seine Augen trüb und nebelig.
Ihre Knie waren feucht, durch den Leinenstoff ihres Chitons hindurch.
Der Pfeil in seiner Brust hatte den Staub rot gefärbt. Aber bei ihrem Anblick hustete er Blut und ein Lächeln gleichermaßen hervor.

»Wag es nicht.«
»Ich wünschte, ich könnte
»Wag es nicht«, hatte sie eindringlich geflüstert. »Lass mich nicht allein
Sein Blick war unwahrscheinlich weit weg. »Nie.«

Dreck und Sand zwischen ihnen. Und dieses Rot – entsetzliches, tiefes, warmes Rot – das mehr und immer mehr wurde.

»Ich finde dich.« Das war der Augenblick gewesen, an dem sie zu weinen begonnen hatte, und mit bebenden Fingern seine Hand umschloss. Da war keine Trauer. Bloß die blanke Wut. »Und wenn es eine Ewigkeit dauert. Im nächsten Leben finde ich dich
Ein letzter rasselnder Atemzug in seiner Brust. »Ich kann es kaum erwarten.«

Er war mit einem Lächeln auf dem Gesicht gestorben.

Fünfzig Jahre später, ihrer beider Gräber längst verwittert und mit Wildblumen überwachsen, fernab von dem, was sie früher unter Heimat verstanden hatten, trafen sie sich auf dem Marktplatz wieder.
Sie erkannte ihn, genauso wie er sie erkannte – nicht ihr Gesicht, nicht ihre Gestalt, nichts so Vergängliches, das längst durch etwas Neues, etwas Anderes ersetzt worden war.

Irgendetwas tief unter alldem erkannte sich wieder.
Und es war, als finge die Welt seit fünfzig Jahren zum ersten Mal an, sich um die eigene Achse zu drehen.

Jung in Kopf und Körper, jedes Mal und jedes Mal aufs Neue.
Jung in Wort und Tat, in Entscheidungen, in Erleichterung, in Vertrautheit, in Zuneigung.
Jung in der Liebe.

Nur die Erinnerungen – die Erinnerungen waren uralt.

Nenn es Herzen, die im Gleichklang schlugen.
Nenn es Seelen, die zusammenpassten wie Puzzleteile, die sich finden würden, immer und immer wieder, egal, wie lange es dauerte, egal, wie weit sie voneinander entfernt waren.

Nenn es Schicksal.

Nenn es das Universum, das sich einen grausamen Scherz erlaubte.

Denn sie würden niemals gemeinsam alt werden.

Ein Speer im Rücken, ein Schlangenbiss, der Galgen, an dem die Stricke flatterten wie zwei Fahnen.
Er ertränkt und sie verbrannt, erstochen und erdrosselt und verhungert und erfroren. Seine zehn Schwindsuchttode auf ihre Pest und spanisches Fieber. Ein Sturz aus großer Höhe, ein Raubüberfall mit furchtbarem Ende, ein Messer in dunklen Gassen und Gift im Tee.
All die Kriege – die Kriege, die Kriege, die Kriege, die sich nie änderten, die bloß Waffe gegen Waffe tauschten, bloß Stich gegen Schuss.
Der Krieg war die bevorzugte Art und Weise, mit der man sie auseinanderriss.
Das Universum liebte ihn am meisten als Soldaten und nie war sie schöner, als wenn sie der Welt mit nassen Wangen ins Gesicht schrie.

Händefassen wurde zu Händelösen zu Händefassen zu Händelösen.
Der Tod war ihre Anstandsdame.

Habt ihr nicht genug?, schien da etwas zu fragen. Ist es das wert? Ist es das? Ist es das?

Liebe konnte vieles sein.
Blumensträuße und plätschernde Brunnen, Tintenflecken auf parfümiertem Papier und ein Bild in einem Medaillon, das man ganz nah am Herzen trug.
Liebe konnte sanft sein, zart und behutsam.

Und sie war all das, in den Momenten, in denen Schmerz und Leid und Blut, die sich durch jedes Jahrhundert seit Menschengedenken zogen, kaum mehr als ferne Erinnerungen waren.
Ferne, uralte Erinnerungen.

Liebe konnte sanft sein. Aber meistens war sie es nicht.

Sie würden niemals gemeinsam alt werden.

Liebe war Dreck im Mund, Liebe war Schulter an Schulter stehen, war der pure Trotz im Angesicht dieses Rabenvaters von Universum.
Liebe war die Gewissheit, dass jeder Triumph nur von kurzer Dauer war.
Liebe war Kriechen. Liebe war Bluten.

»Ich finde dich

Liebe war eine verdammte Kampfansage.



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