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bare bones

von memoirst
Kurzbeschreibung
DrabbleAllgemein / P16 / Gen
01.01.2021
31.12.2021
52
16.007
26
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131 Reviews
Dieses Kapitel
6 Reviews
 
10.01.2021 413
 
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noun
–das Haus; das Zuhause




tw: erwähnter suizid





Sie hätten das Haus nicht auf dem Hügel bauen sollen.

Verbrannte Erde, narbig und gesalzen, so durchtränkt von Erinnern und Vergessen und Erinnern und Vergessen, dass nicht mehr auszumachen war, was Quelle und was Echo war.
Alte Dinge, totgehofft, zuckten im Schlaf, sobald man den ersten Stein legte.
Da war Blut im Boden gewesen und nun war es im Fundament. Nun war es im Holzgeländer der Veranda, in den Dielenbrettern, in der Wendeltreppe, im Dachgiebel.

Einmal durchgeblutet.

Und all diese alten Dinge, schwer fassbar und noch schwerer zu benennen, wenn man sich ihnen gegenübersah – Gott bewahre, Gott bewahre – wurden zu Haus.
Das Haus auf dem Hügel.

Es hasste sie nicht. Nicht anfangs, zumindest.

Und wer weiß, vielleicht, wenn zärtliche Worte statt wütender Schreie durch die Eingangshalle geschallt wären, wenn Hände sich geöffnet hätten, statt harte Fäuste zu machen, wenn man es mit Hingabe und Zuneigung und Liebe gefüttert hätte – vielleicht wäre es dann anders ausgegangen.

Aber stattdessen gaben sie ihm Gift.

Und das Haus gab Gift zurück.

Also hatte sich Tante Ada nicht selber im Keller erhängt und John war nicht freiwillig auf den Dachboden gestiegen, hatte sich mit zitternden Händen die Pistole unter das Kinn gesetzt, Augen weit auf, das Bittebittebitte genauso viel wert wie der Staub hier oben.
Also war Emily nicht verrückt geworden, als man sie schreiend und um sich schlagend durch die Eingangstür geschleppt hatte – »Es ist das Haus, es ist das Haus, lasst mich los, es ist das Haus!« – und das Blut an Mutters Schürze war nicht ihr Werk gewesen.

Schuld, Schuld, Schuld.
Schuld war ein falscher Freund. Wer war schon schuld?
Das wäre ja auch zu einfach.

Sie hatten nicht verdient, vom Haus begraben zu werden, und das Haus hatte es nicht verdient, an Gift zu ersticken.
Da saß etwas Tragisches unter dem Küchenboden, auf der Kellertreppe, in der Wandtapete.
So etwas wie Bedauern.

Das Haus auf dem Hügel hätte ein Zuhause sein können.
Stattdessen war es ein Totenacker.

Sie brannten es nieder, danach, bis auf die Grundmauern, und wandten sich ab, als in der Feuersbrunst Dinge sichtbar wurden, die sie ihren Lebtag nicht vergessen würden.
Erneut verbrannte Erde und Blut im Boden und Erinnern und Vergessen und Erinnern und Vergessen, Quelle und Echo gleichzeitig.
Und dann schließlich der Schlaf.

Und vielleicht, wenn sie Jahrzehnte später wieder auf dem Hügel bauen würden, würde ihnen die rote Färbung des nächsten ersten Steins eine Warnung sein.

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