Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Unkraut vergeht nicht

von ugh
GeschichteAbenteuer, Übernatürlich / P16 / MaleSlash
J-Hope Jimin Jungkook Kim Seokjin Suga V
01.01.2021
24.03.2021
4
40.411
8
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
01.01.2021 3.542
 
Verzweifelt raufte Taehyung sich die Haare. Es war zum verrückt werden. Klar, er hatte Mathematik immer schon gehasst, aber Teufel noch eins, er war doch nicht komplett unfähig. Aber so kam er sich im Moment vor. Misstrauisch äugte er die Bilanz, die vor ihm auf der Theke lag, und über die er sich seit den letzten beiden Stunden den Kopf zerbrach. Sie ging nämlich nicht auf, die Scheissbilanz. Da waren Gewinne verzeichnet, die aber nicht tatsächlich in seiner Kasse existierten. Seufzend fuhr er sich zum wiederholten Mal mit den Händen durch das Gesicht. Zwar musste er sich vor niemandem verantworten, denn sein Laden gehörte ihm. Aber das war trotzdem kacke. Eine falsche Bilanz zeugte von mangelnder Seriosität. Taehyung murmelte einen leisen Fluch.

„Wow, wow, wow, halt mal die Luft an, Mister. Das könnte ins Auge gehen.“

„Halt die Klappe. Ich will dich ja mal sehen, wie du so ‘ne blöde Bilanz aufstellst,“ fauchte Taehyung, ohne sich zu seinem Hut umzudrehen. Sein Hut machte eh immer viel zu viele unnötige Kommentare, und meistens bemängelten sie Taehyungs Fähigkeiten.

„Ich will dich ja nur warnen. Das letzte Mal, als du so sorglos herumgeflucht hast, musstest du deinen Spiegel aus Versailles entsorgen, weil der plötzlich angefangen hat, alle Fledermäuse zu essen. Das hat dich ein Vermögen gekostet, wenn ich dich daran erinnern darf.“

„Darfst du nicht. Das war nämlich ein Einzelfall.“

„Ach ja? Und was war denn das, als du, weil du dir den Fuss gestossen hast, so laut rumgeflucht hast, dass sich dein Saxophon verselbständigt hat und abgehauen ist? Darf ich dich daran erinnern, dass wir wegen diesem Höllenlärm, den es veranstaltet hat, beinah den Laden schliessen mussten, wegen Hausfriedensbruch? Hör einfach auf, zu fluchen, Taehyung. Ist für ‘ne Hexe ’ne verdammt schlechte Angewohnheit.“

Taehyung schloss die Augen und massierte sich gestresst seine Schläfen. Eigentlich hatte sein Hut  ja recht. Eigentlich sollte er es sich wirklich abgewöhnen, zu fluchen. Es war schlecht für’s Geschäft, wenn er aus Versehen alles verfluchte, der Fluch sich verselbständigte und dann sein Ladeninventar verwüstete. In solchen Fällen wünschte er sich manchmal, ein Mensch und keine Hexe zu sein. Menschen können so viel rumfluchen, schimpfen und zetern, wie sie wollen. Und sie brauchen sich nicht mit nervigen Hüten herumzuschlagen. Andererseits, das Dasein als Mensch hatte definitiv zu viele Nachteile. Der grösste war wohl, nicht zaubern zu können. Denn das war schon verdammt praktisch. Der zweite war, dass Menschen verdammt kurzlebig sind. Der dritte, Menschen sind viel zu engstirnig. Glauben einem alles, was man ihnen vor die Nase setzt. Zum Beispiel, dass sie alle Hexen ausrotten konnten. Ja, genau. Am Arsch. Keine Hexe, die noch ganz bei Trost war, würde sich von einem Menschen hopsnehmen lassen.

Der riesige Nachteil am Hexendasein hingegen war jedoch ohne Frage, dass alles, was nicht mit zaubern zu tun hat, unglaublich anstrengend ist. Wie zum Beispiel diese beschissene Bilanz seines Ladens namens „Omelas", die einfach nicht aufgehen wollte.

Böse starrte Taehyung das Papier mit der Excel-Tabelle an. Er mochte Excel nicht. Im allgemeinen von Menschen gemachte Technologie, da war er Old-School. Oder, wie sein Hut stets zu sagen pflegte, ein alter Knacker. Wobei das nicht stimmte. Mit seinen läppischen 659 Jahren war Taehyung eine der jüngeren Hexen, die es gab.

Ach verdammt. Das hatte doch so keinen Zweck. Taehyung seufzte. Er brauchte ‘ne Auszeit. Er musste seine Gedanken etwas lüften. Und dann würde er sich wieder mit dieser verschissenen Excel-Tabelle herumschlagen, die, sehr zu seinem Leidwesen, unterschiedliche Zahlen aufwies. Kurzentschlossen packte er sich seinen Hut, der heute die Form eines braunen Perrets hatte, und schnippte mit den Fingern, um seinen Besen zu rufen. Während er auf ihn wartete, betrachtete er sich nachdenklich in seinem (neuen) Ikea-Spiegel, der irgendwie immer noch fehl am Platz in seinem doch eher verwunschen anmutendem Laden  aussah. Ihm war deutlich anzusehen, dass er gestresst war, wie er fand. Seine Haare waren heute pechschwarz und leicht gewellt, so, als hätte er eine Dauerwelle und nicht einfach vor lauter Stress unabsichtlich seine Haare mit Zauberkraft gelockt. Er trug sein Lieblings-Pyjama-Shirt, das cremefarbene, von Gucci. Na, es würde schon niemandem auffallen, dass er darin gepennt hatte.

Taehyung hatte sich so sehr selber im Spiegel für seine heute mal nicht ganz so makellose Erscheinung bemitleidet, dass er erst nach einer ganzen Weile bemerkte, dass sein Besen noch nicht die Treppe heruntergesegelt war. Lief denn heute alles schief?

„Ich glaube, der häutet sich grade“, brummte sein Hut vor sich hin.

Taehyung runzelte die Stirn. „Heute schon? Ich dachte, der hätte noch eine Woche?“

„Hm, ja. Aber ich glaube, das war nötig, weil du vor kurzem diese seltsamen Fucolevas sammeln gegangen bist. Er hat wohl die Hitze nicht so recht vertragen.“

Taehyung schnaubte. „Weichei.“

Naja, zugegeben, das Feuerkraut Fucoleva zu sammeln, war, gelinde gesagt, eine heisse Angelegenheit gewesen. Denn Fucolevas wachsen nur in den Öffnungen von Vulkanen. Dafür haben sie eine stark heilende Wirkung und schmeckten zudem hervorragend zu Tacos. Aber Taehyung konnte nicht leugnen, dass sowohl seinem Besen als auch ihm trotz Hitzeregulierungszauber wohl das eine oder andere Haar abgefackelt war, und er darum verstehen konnte, dass er sich jetzt schon häutete.

Besen von Hexen häuten sich in regelmässigen Abständen, um sich zu reparieren und zu erneuern. Man könnte das vielleicht mit einem Auto vergleichen, das ja auch regelmässig getankt werden muss. Nur lagen bei den Autos nachher nicht überall Holzspäne herum, die Taehyung dann wegmachen durfte. Aber wenn er sich gerade häutete, dann war er mieser Laune. Keine Chance, dass Taehyung ihn heute gebrauchen konnte.

Einsehend, dass heute ein beschissener Tag war, seufzte Taehyung und verliess nun halt zu Fuss seinen kleinen Laden.


Ein empörend warmer und sonniger Novembernachmittag erwartete ihn vor der Tür, der überhaupt nicht zu seiner miesen Stimmung passte. Wenn er eine Wetterhexe wäre, würde er es jetzt wie aus Eimern giessen lassen. Aber das wäre auch das einzig lustige, das er als Wetterhexe machen könnte. Zu viele Bauernbeschwerden und Wetterfroschzuchten. Auf das konnte er liebend gerne verzichten. Sein eigener Wetterfrosch war schon nervig genug, da brauchte er nicht ein ganzes Studio voll davon.

Eigentlich war es ganz angenehm, sich zu Fuss fortzubewegen. Aus Faulheit benützte Taehyung eigentlich immer seinen Besen, aber es war auch ganz schön, einmal alles, was ihm so über den Weg lief, eingehend betrachten zu können. Heute war sein Laden offenbar in Busan gelandet, einer Millionenmetropole an Südkoreas Küste. Taehyung fragte sich, wie lange sein Laden wohl hierbleiben würde. Manchmal blieb er mehrere Jahre. Manchmal auch nur ein paar Stunden.

Taehyung hatte ihn mit dem sogenannten Commeral-Zauber belegt, der ihn immer dort erscheinen liess, wo am meisten Nachfrage herrschte. Ein Zauber, der zwar gut für’s Geschäft war, allerdings kacke, wenn er sich gerade nicht im Laden aufhielt und diesen dann am anderen Ende der Welt wieder aufstöbern durfte. Allerdings war das oft nicht ein so grosses Problem, wegen dem magischen GPS-Tracker. Wenn er nicht gerade in der Sahara landete. Ist vielleicht schwer zu glauben, aber in der Sahara war Taehyung öfters. Meistens, um sich Waren zusammenzusuchen (diese alten ägyptischen Magier hatten ganz schön was auf dem Kasten gehabt), aber dort tummelte sich auch viel Kundschaft. Um der alten Zeiten willen, vielleicht. Grundsätzlich mochte Taehyung die Sahara nicht. Zu heiss, zu viel angestaute magische Energie. Explosiv. Besser, wenn man dem fernblieb.

Gedankenverloren kickte Taehyung einen Kieselstein vor sich hin und hing in Gedanken seiner Bilanz nach, obwohl Ziel seines Ausflugs eigentlich genau die Ablenkung von ebendieser gewesen war. Aber Taehyung mochte solche Probleme nicht. Eine falsche Bilanz war nicht mit einem einfachen Zauber wieder zu richten. Buchhaltung konnte man nicht einfach wieder geradezaubern. In solchen Fällen wäre es von sehr grossem Vorteil, wenn er einen menschlichen Freund hätte. Denn alle seiner nicht-menschlichen Freunde hatten keinen blassen Dunst von Buchhaltung, genau wie er. Andererseits - einem Menschen würden wahrscheinlich die Augen aus dem Kopf fallen, wenn er sah, womit Taehyung sein Geld verdiente. Neongelbe Weissagungskugeln (im Moment besonders bei Teenager-Hexen im Trend) waren da noch das harmloseste Produkt. Und genau das war das Problem. Die Bilanz aufzustellen war jedes Jahr eine echte Schwergeburt. Taehyung hatte sich durchaus überlegt, sie einfach wegzulassen. Aber wo kam man denn hin, ein Geschäft ohne Bilanz, da konnte er auch gleich ein Drogenkartell aufmachen. Taehyung war sehr stolz auf den guten Ruf, den sein Laden und seine Produkte und somit auch er selbst genossen. Und er würde den Teufel tun und ihn wegen so einem Makroproblem wie einer unlösbaren Bilanz auf’s Spiel zu setzen. Bis jetzt hatte er es auch noch jedes Jahr irgendwie geschafft.

„Au, verdammt, pass doch auf!“

Überrascht hob Taehyung den Kopf, aufgeschreckt von der empörten Stimme. Da stand ein junger Mann, wahrscheinlich Mitte zwanzig oder so, der sich den Knöchel rieb und ihn böse anstarrte. Ein Mensch. Oder jemand, der seine magische Energie sehr, sehr gut tarnen konnte. Jedenfalls konnte Taehyung auch mit einem kurzen Blick in die Aurae keine magische Präsenz feststellen.

Die Aurae ist eine Art Dimension, die über der Realität liegt. Nur ist in der Aurae magische Kraft sichtbar. In die Aurae zu schauen könnte man etwa damit vergleichen, sich eine Sonnenbrille aufzusetzen. Die reale Welt ist immer noch sichtbar, nur liegt halt eine Art Filter darüber. Ein Filter, der magische Kraft sichtbar macht.

Taehyung blinzelte die Aurae weg. „Verzeihung“, sagte er mit einem entschuldigenden Lächeln, „Ich war in Gedanken versunken.“ Sein Gegenüber blinzelte einige Male verwirrt. Dann breitete sich langsam ein strahlendes Lächeln auf seinem Gesicht aus.

„Kim Taehyung!“

Taehyung runzelte die Stirn. Sein Gegenüber verdrehte die Augen und schnippte mit den Fingern. Seine Präsenz flammte auf. Ein kurzer Blick in die Aurae liess erkennen, dass sein Gegenüber nun so stark und warm leuchtete, als sei er eine kleine Sonne. Verblüfft schaute Taehyung den Strahlemann an. Er war ganz offensichtlich ein Naturgeist, wahrscheinlich eine Art von Feuernymphe, oder so. Er war offensichtlich recht begabt mit Magie, sonst hätte er sich nicht vor Taehyung verstecken können. Nichtsdestotrotz, das klärte gar nichts.

„Kennen wir uns?“

Sein Gegenüber brach in ein amüsiertes Lachen aus, das die gesamte Landschaft zu erhellen schien.

„Natürlich“, immer noch strahlend hielt der Naturgeist Taehyung seine Hand unter die Nase. „Jung Hoseok, Elementarkonferenz 1800, erster Januar.“

Taehyung konnte ihn immer noch nicht einordnen, was Hoseok nach einem Blick in sein verwirrtes Gesicht auch einzusehen schien. Er seufzte, das Lächeln immer noch auf den Lippen.

„Okay. Silvesterparty? Du, ich, One-Night-Stand? Boston? Champagner und Gilloutine?“

Taehyungs Augen wurden gross. „Oh. Ja. Klar. Hi, Hoseok. Was für ein Zufall, dich hier anzutreffen.“

Vor ihm stand der einzig wahre Jung Hoseok, auch bekannt als der CEO der Naturgeistvereinigung seit 1693, somit auch stärkster aller Naturgeister, äusserst seriös in seiner Arbeitszeit, unglaublich unseriös in seiner Freizeit, und vom Charakter her - wenig überraschend - ein echter Sonnenschein.

Er und Taehyung hatten sich an dieser vermaledeiten Konferenz um 1800 getroffen, das Thema war die Industrialisierung gewesen. Damals war Taehyung noch Vorsitzender der Hexenvereinigung gewesen. Das hatte er allerdings nach einigen weiteren Jahren aufgegeben. Zu viel Stress. Zu viele Beschwerden. Nein, eigentlich nur Beschwerden. Niemandem konnte man es recht machen. Da war er mit seinem kleinen Laden tausendmal glücklicher. Denn, ohne angeben zu wollen, aber auf witchstore.hg, der Internetabteilung für magische Geschäfte, hatte er ganze zehn von zehn Sternen. Was nicht viele von sich behaupten können. Wie gesagt, sein guter Ruf war Taehyung sehr, sehr wichtig.

„Ach, von wegen Zufall. Ich wollte dich besuchen kommen, ich hab vor ‘ner Weile an dich denken müssen.“

Taehyung blinzelte den Sonnenschein vor sich überrascht an. „Was verschafft mir die Ehre?“

„Ich bin beurlaubt.“

„Du bist was?“

„Beurlaubt.“

Taehyung hob die Brauen. „Also. Du meinst. Gefeuert.“

„Ganz bestimmt nicht. Beurlaubt.“

„Ach ja? Und wie kam es dazu? Du hattest doch in den vergangenen 500 Jahren auch keinen Urlaub.“

Hoseok runzelte die Stirn. „Ich bin erst seit 427 Jahren im Amt gewesen.“

„Was auch immer. Lenk nicht ab.“ Das war definitiv eine von Taehyungs schlechteren Angewohnheiten. Die Bohrerei. Manchmal, wenn er etwas wissen wollte, übertrieb er es etwas. Das hatte ihm zwar, bevor er Vorstand der internationalen Hexenvereinigung geworden war, die Leitung des Departements des Hexengeheimdienstes und des Antidämonenbekämpfungsdienstes (kurz: HUAD) eingebracht, aber jetzt, als Ladeninhaber, mahnte ihn sein Hut immer, mehr berufliche Diskretion gegenüber seinen Kunden an den Tag zu legen. Kunden schätzten es, wenn ihre Privatsphäre respektiert wurde.

Hoseok schien zu zögern. Das Lächeln war ein Stück weit von seinem Gesicht gewichen, was sehr seltsam aussah, denn das war, wie in eine Sonne zu schauen, die nicht schien. Unnatürlich.

„Du bist immer noch derselbe nervige Pseudodetektiv wie vor 200 Jahren.“

Taehyung ging auf das Ablenkungsmanöver in Form einer Beleidigung nicht ein, sondern schaute die Feuernymphe vor ihm nur abwartend an.

Hoseok seufzte ergeben. „Na gut. Meine Ansichten wurden als zu radikal eingestuft und darum hat der Vorstand beschlossen, mir ein Jahr freizugeben“, er vorzog das Gesicht, „angeblich, damit ich mich etwas abkühlen kann.“

Taehyungs Hut gab einen Laut von sich, der verdächtig nach einem Schnauben klang.

Hoseok schien ihn gehört zu haben und verdrehte die Augen. „Schon klar. Ich hab auch Humor, weisst du? Ne Feuernymphe abkühlen, sehr witzig.“

Taehyung verpasste seinem Hut einen Kopfnuss (und damit auch sich selber, aber er würde niemals zugeben, dass er jetzt schon spürte, wie sich auf der Höhe seines Scheitels begann, eine Beule zu bilden, diese Blösse wollte er sich nicht geben) und warf Hoseok, dessen Lachen mittlerweile völlig einem bekümmerten Gesichtsausdruck gewichen war, einen aufmunternden Blick zu.

„Witzige Formulierungen war schon immer ihr Ding gewesen. Verdammter Bürohumor. Aber was waren denn das für hitzige Ansichten, die du hattest?“

Hoseok blinzelte, und es sollte wohl unschuldig aussehen, aber in seinen Augen glitzerte etwas verschlagenes. „Na, ich hab einfach einen Vorschlag gemacht, wie wir den Klimawandel schnell und unkompliziert aufhalten könnten.“

Taehyung schaute ihn zögernd an. „Und lass mich raten: Bei diesem Lösungsvorschlag wären Massen an Menschen gestorben, hob ich recht?“

Hoseoks Präsenz in der Aurae zuckte ertappt zusammen, äusserlich liess er sich jedoch nichts anmerken. „Nur, wenn sie sich dumm angestellt hätten. Aber das wäre ja dann ausserhalb meines Verantwortungsbereichs gelegen.“ Er fuhr sich durch die Haare. „Ich meine, mein Vorschlag wären ein paar heftigere Sonnenstürme gewesen, zack, ein Hitzeschock, zack, Klimawandel weg.“

Taehyung verschränkte die Arme. „Und Zack, jedes Lebewesen auf der Erde auch. Ganz ehrlich, ausnahmsweise kann ich den Vorstand verstehen.“

Hoseok warf ihm einen empörten Blick zu. Taehyung ignorierte ihn geflissentlich. „Gib’s zu, das ist auf Yoongis Mist gewachsen, oder?“

Hoseoks Blick wechselte von empört zu empörter, „Ist es nicht. Ich kann meine eigene Entscheidungen treffen, weisst du?“

„Ja, und lass mich raten: Ein grosser Teil eurer Beziehung machen eure angeregten Diskussionen aus, was? Ich sag’s dir nur ungern, Hoseok, aber Yoongi kann gar nicht anders, als ein schlechter Einfluss zu sein.“

Min Yoongi, seit ungefähr frischen 50 Jahren Hoseoks Freund, ebenfalls ungefähr der mächtigste Schwarzmagier, den Taehyung kannte. Während seiner Zeit als Leiter der HUAD und dann vor allem auch als Vorstand der internationalen Hexenvereinigung war er einige Male mit Yoongi aneinandergeraten. Mittlerweile war er jedoch, soweit Taehyung wusste, (berufliche Diskretion und so, ging ihn ja jetzt nichts mehr an, was der schwärzeste aller Schwarzmagier so trieb) Besitzer eines Nachtclubs und arbeitete dort wohl als Barkeeper. Und bei dieser Gelegenheit hatten sich Hoseok und Yoongi wohl auch kennengelernt. So war es zumindest im „Hexpres“, der meistgelesensten magischen Klatschzeitung, gestanden. Wie schon gesagt, von der Seriosität, die die Feuernymphe sonst während seiner Arbeitszeit an den Tag legte, war nach Feierabend keine Spur mehr zu sehen. Na, jedenfalls schien Yoongi also mittlerweile nicht mehr im Sinn zu haben, die Welt zu übernehmen, sondern nur noch, Hoseok hirnrissige Ideen einzupflanzen, die ihn dann den Job kosteten. Nicht gerade die feine Art, aber naja, wohl allemal besser als zu seinen Zeiten als Schwarzmagier.

„Als ob ausgerechnet du ‘ne Ahnung von Beziehungen hast, Taehyung.“ Hoseok wirkte nicht böse (das wäre nun wirklich nicht gegangen, böse Naturgeister sind etwa so selten wie schwarze Schimmel. Also inexistent), eher verständnisvoll.

Taehyung zuckte mit den Schultern. Er war nicht auf Streit aus, eigentlich freute er sich, den Sonnenschein, der Hoseok nun mal war, wieder zu sehen. Und es freute ihn auch, dass Hoseok an ihn gedacht hatte, auch wenn es vielleicht nur war, weil er gefeu- ähm, beurlaubt wurde. Taehyung betrachtete die Feuernymphe nachdenklich. Es war zwar unwahrscheinlich, aber vielleicht…

„Du, Hoseok?“

„Hm?“

„Kennst du dich zufälligerweise…mit Bilanzen aus?“

„Was?“ Hoseok schaute ihn auf die Art neugierig an, wie man jemanden neugierig anschaut, der gerade von einer unbekannten Delikatesse aus einem fernen Land gesprochen hatte.

„Bilanzen. Jahresabrechnungen. Buchhaltung. Betriebswirtschaft. So’n Zeug halt.“

Bei jedem Wort, das Taehyung aufzählte, hatte sich Hoseoks Gesicht ein wenig mehr vor Ekel verzogen. Okay, dann wohl nicht.

„Ach so. Bilanzen. Ne, die kann ich nicht ausstehen. Immer, wenn Yoongi die Ende Jahr macht, ist er extrem gestresst und reizbar. Darum, bleib mir weg mit diesem Teufelszeug.“

Taehyungs Hut regte sich „Aber er steht doch auf so’n Teufelszeug, oder etwa nicht?“

„Halt die Klappe,“ zischte Taehyung.

Hoseok schien glücklicherweise von dem kurzen Wortwechsel zwischen Hut und Hexe nichts mitbekommen zu haben, denn er blickte Taehyung nur neugierig an

„Warum fragst du?“

„Ich muss meine Bilanz für dieses Jahr aufstellen, aber ich kann dir sagen, das ist mühsamer, als  Elfen und Zwerge an einen Verhandlungstisch zu bringen. Hoseok“, Taehyungs Stimme klang für seinen Geschmack zwar etwas zu verzweifelt, aber irgendjemandem musste er ja sein Leid klagen. Abgesehen von seinem Hut, denn von dem konnte er bestimmt kein Mitleid erwarten. „Es ist zum Haare ausreissen. Es geht und geht einfach nicht auf, und ich sitze jetzt schon ganze drei Tage an dieser beschissenen Tabelle, aber ich komme einfach auf keinen grünen Zweig.“

„Mhm.“ Hoseok nickte fachmännisch. „Kein Problem. Ich kenne mich zwar nicht selber mit Bilanzen aus, aber ich weis zufälligerweise von jemandem, der das tut.“

Halleluja. Taehyung hätte Hoseok küssen können, und er hätte das vielleicht auch sogar getan, wenn er dann nicht einen eifersüchtigen Ex-Schwarzmagier (und nun Barkeeper) am Hals hätte. Darauf konnte er dankend verzichten, er hatte sich für ein Leben lang genug mit Yoongi herumgeschlagen.

Ohne Taehyung weiter aufzuklären, begann Hoseok, in der Aurae herumzuwerken. Taehyung beobachtete ihn dabei eher misstrauisch, denn er wirkte nicht unbedingt, als habe er eine Ahnung von dem, was er da tat. Andererseits, Hoseok war der (wegen Weltvernichungsplänen gefeu- ähm, beurlaubte) Vorsitzende der Naturgeistvereinigung, wenn ein Naturgeist wusste, was er tat, dann Hoseok. Aber, wieder andererseits, Feuernymphen waren nicht gerade dafür bekannt, stabile Portale zu schaffen. Sie waren oft zu explosiv. Und Taehyung konnte seine beiden Körperhälften nicht einfach so wieder zusammenschmelzen lassen wie Hoseok, wenn er, naja, explodierte.

Hoseok holte ihn aus seinen Gedanken, in dem er strahlend (natürlich) auf das Portal zeigte, das er mittlerweile in die Aurae geschnitten hatte. Es sah eigentlich ganz solide aus. Taehyug löschte nur kurz unauffällig eine falsche Formulierung in der Portalformel, die anstatt „reisen“ „reissen“ bedeutete, und die bestimmt dafür gesorgt hätte, dass seine Einzelteile verstreut in der Aurae herumgeschwebt wären, sobald er das Portal betreten hätte. Aber ansonsten sah das Portal wirklich vertrauenswürdig aus, was Hoseok wohl genauso erstaunte wie ihn selber, denn er konnte gar nicht mehr aufhören, sein Werk zu betrachten, wie eine Mutter ihr Neugeborenes.

„Okay, wow. Ich wusste nicht, dass Naturgeister Portale schaffen können.“

Hoseok bedachte ihn mit einem Blick, der wohl vorwurfsvoll sein sollte, dafür aber viel zu überrascht war. „Pfft. Nichts leichter als das. Nur weil Naturmagie unser Expertisengebiet ist, bedeutet das nicht, dass wir in Handwerksmagie absolut unbegabt sind. Was gar nicht mal so eine Selbstverständlichkeit ist“, sein Tonfall wurde etwas selbstgefällig, „weil wir die gar nicht nötig haben.“

Taehyung machte sich nicht die Mühe die Jahrhunderte alte Diskussion aufzurollen, was jetzt besser sein soll, Naturmagie oder Handwerksmagie, darüber hatten schon Generationen von magischen Wesen vor ihnen gestritten. Und im Übrigen stimmte es, Naturgeister hatten Transportmagie nicht nötig, denn wo Natur ist, da können Naturgeister hin. Und sei es auch nur ‘ne Topfpflanze auf dem Balkon eines Betonklotzes. Von diesem Standpunkt aus betrachtet war es schon bemerkenswert, dass Hoseok ein (mehr oder weniger) sicheres Portal geschaffen hatte.

„Und…wohin geht die Reise?“, fragte er Hoseok in all seinem Glück über die potentielle Lösung seiner Bilanz dann doch noch. Er hatte einmal, als er noch junge und naive 519 Jahre alt gewesen war, einem Post-Yeti mit einem Portal vertraut. Nun, alles was zu dieser Episode zu sagen bleibt: Taehyung kannte sich seit dem Tag hervorragend mit der Topografie des Nordpols aus.

Hoseok strahlte ihm freudig entgegen. „Keine Sorge. Zu einem alten Bekannten.“

„Der sich mit Bilanzen auskennt?“

„Der sich mit Bilanzen auskennt.“ Hoseok blickte ihm zuversichtlich entgegen.

Taehyung musste nur kurz überlegen. Mit magischen Kuriositäten kannte er sich aus. Damit kam er klar. Mit seiner Bilanz hingegen nicht. Also zuckte er nur ergeben mit den Schultern, folgte dann kurzerhand Hoseoks einladender Armbewegung und betrat das Portal, das er hoffentlich vorher gründlich genug auf Formulierungsfehler untersucht hatte. Aber wenn nicht, dann war es jetzt eh zu spät, daher - fuck it, Nichts konnte schlimmer sein, als seine beschissene, unmagische und daher auch unlösbare Bilanz.


***

Herzlich willkommen zu meiner neuen, diesmal etwas längeren Geschichte:) Lasst mich gerne wissen, was ihr von ihr haltet, und was ihr denkt, wohin Hoseok Taehyung bringt.

Liebe Grüsse und frohes, neues Jahr,
h.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast