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Tokyo Devils, Tokyo Sharks

von Motoshai
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P18 / MaleSlash
01.01.2021
23.09.2022
72
240.550
4
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Dieses Kapitel
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23.09.2022 3.275
 
Folge 071: Gut’ Ding will Weile haben, auch die schönsten Revolutionspläne klappen nicht von jetzt auf gleich – derweilen geht das Leben aber weiter, und Kollege Trübsal gehört nicht zu jenen, die geblasen werden. Isogashii maininichi da yo!


四月二十六日(月)
Montag, 26. April

„Ihr Ermittler Shinomiya … Bringt er Ergebnisse?“
„Oh ja, Herr Kommissar, tut er. Die Bande hat gerade wieder ein neues Mitglied aufgenommen … Die Ermittlungen sind vielversprechend. Womöglich würde es für eine Anklage schon reichen, aber sicherer wäre, noch weiter zu ermitteln.“
„Haben wir so lange gewartet, kommt es darauf auch nicht an. Ich sagte schon mal, bei Jugendlichen brauchen wir eine gute Evidenzbasis. Hauptsache, Ihr Mann arbeitet sorgfältig. Wir dürfen nicht vergessen, daß wir an ihn nicht die gleichen Maßstäbe anlegen können wie an unsere japanischen Mitarbeiter.“
„Natürlich, Herr Kommissar. Aber die ganze Abteilung hat vollstes Vertrauen in Shinomiya-san!“
„Ich verlasse mich auf Sie!“

Das Leder knirschte und übertönte manchmal sogar die leisen Geräusche, die die flachen Absätze der Stiefeletten auf den Gehwegplatten machten. So unauffällig Zen sich zu bewegen wußte, so gnadenlos vereitelte sein Aussehen seine Bemühungen. Ein fast hüftlanger weißer Zopf, der unablässig über den Rücken einer schwarzen Lederjacke tanzt, bleibt nicht unbemerkt, und wenn diese Hüften dann auch noch so schön schmal sind, daß sie fraglos kein Kinderzimmer beherbergen können, dafür aber den Ausgangspunkt langer, schlanker Beine bilden, die dem Gesamtkunstwerk eine Höhe von einem Meter achtzig verleihen …
… dann werden sogar rote Augen zu einem Accessoire degradiert.
Tatsächlich hatte Zen den niedrigsten Body-Mass-Index von allen Sharks und Devils, sogar der von Souta war um null Komma eins höher, der von Takuto sogar um null Komma drei. Aber obwohl man Zen das Vaterunser durch die Rippen hätte blasen können, gelang es ihm nicht, der Aufmerksamkeit zu entgehen. Attraktivität ist ein Fluch … und Monsteraussehen sowieso.
Schon den ganzen Tag war er unterwegs, um Informationen zu sammeln, schien aber keinen Erfolg dabei zu haben. Jedoch war er sich der Erkenntnis bewußt, daß keine Information eben auch eine Information ist; und daß so absolut niemand schon mal von Uchihara Shinobu, genannt Shin, gehört hatte, war interessant. Tōkyō ist kein Dörfchen, in dem jeder jeden kennt, aber andererseits gibt es dort so viele Gesprächspartner, daß man früher oder später immer jemandem begegnet, der …
Zen hatte sogar Bilder dabei, die am Wochenende entstanden waren; aber leider hatte Shin so ein bißchen vergessen zu erwähnen, daß seine Schulzeit in Yokohama, nicht in Tōkyō stattgefunden hatte. Und dennoch hatte Zen sogar mit einem einzigen jungen Mann gesprochen, der Kaya tatsächlich kannte; nur daß jener den noch nie mit kurzen Haaren und rasiert gesehen hatte und auch seinen neuen Namen nicht kannte. Keine Chance, da zusammenzufinden.
Selbst die Buschtrommel lieferte kein Ergebnis. Mit Absicht ging Zen nicht allzu zaghaft vor, dann spricht es sich oft schnell herum, wer von wem gesucht wird, und jemand fühlt sich bemüßigt, von sich aus auf den Suchenden zuzukommen. Doch auch das geschah nicht.
Mit einem leisen Seufzen beschloß er, zur Pflanzenruine zurückzukehren. In Akihabara, parallel zu den Gleisen der Chūō-sen (des Locals mit dem gelben Streifen; der orange Expreß biegt schon vorher in Richtung Kanda ab), kam er an der Wand mit der wundervollen Aufschrift „SANKYODENK“ vorbei, die jedoch keineswegs eine japanische Denkfabrik bewirbt, sondern einen Elektronikhandel – der Buchstabe I ist abgefallen, „denki“ bedeutet „Elektro-“. (Wörtlich bezeichnet 電気 übrigens „Blitz-Geist“.) Und dort stand er plötzlich Rock Harvard gegenüber.
„Du bist das!“ grollte der Amerikaner. Zen wich dem Blick aus. „Ich muß schon sagen –“
„Rock, please listen –“
„Ich mag Katsuo-senpai sehr gerne!“ Rock schlug Zens Angebot, seine Muttersprache zu benutzen, aus und redete weiter Japanisch. „Und ich finde –“
„Ich mag ihn auch sehr gerne, Rock! Denk nicht, daß mir das leicht gefallen ist! Und was glaubst du, wie froh ich war, als es herausgekommen ist und ich diese Nummer nicht mehr spielen mußte!“ Er wandte sich wieder ab. „Katsuo ist so ein lieber Mensch … Nach diesem Abend im Inner Circle, wo er so verletzt ausgesehen hat, konnte ich den ganzen Tag lang nichts essen. So war das alles nicht geplant gewesen …“
Nach dem Tod seiner Mutter war Rock auf der Straße aufgewachsen, bis ein freundlicher junger Mann ihn unter seine Fittiche genommen hatte (Rock hatte ihm auch kaum eine andere Wahl gelassen …), und das hatte Rock einen interessanten Charakter verschafft. Er wußte sich zu wehren, er wußte sich zu behaupten, und er wußte, was er von den Menschen zu halten hatte. Trotzdem war er positiv eingestellt, und Zens Worte nahmen ihm den Wind aus den Segeln. Sicher, der Shark hatte noch zusätzlich damit zu kämpfen, daß er der Spitzel war und somit Zagis „Kollege“ – auch das förderte nicht die Sympathie. Doch selbst das schaffte Rock auszublenden, obwohl es seine Zeit dauerte. Auf Knopfdruck umschalten konnte auch der Jungdevil nicht.
„Is’ mir ja klar, daß du deine Aufgabe erledigt hast und so. Aber du hast Katsuo-senpai echt wehgetan! Er läßt es sich natürlich nicht anmerken, aber an dem Abend … Ich habe noch nie so einen Ausdruck auf seinem Gesicht gesehen, und den möchte ich auch nie wieder sehen!“
„Rock, ich habe sein Gesicht auch gesehen. Aber im Gegensatz zu dir weiß ich, daß ich dafür verantwortlich war! Glaubst du, ich wäre stolz drauf?“ Heftig klappte Zen den Mund zu. Er hatte noch etwas sagen wollen, bremste sich aber im letzten Moment. Eine Bemerkung wie weil ein Monster wie ich Spaß an so was hat? wäre jetzt unangebracht gewesen, das wurde ihm gerade noch klar.
„Na ja …“ Rock war nicht begeistert, aber besänftigt. „Ändern können wir es jetzt nicht mehr.“
„Leider … Rock, magst du was mit mir trinken? Du weißt, ich bin der hinterhältige Agent der Sharks, ich will die Gelegenheit nutzen und dich gnadenlos aushorchen!“ Er versuchte ein Lächeln. Der Devil sah ihn zweifelnd an.
„Is’ das so ’ne gute Idee?“
„Ich mag jetzt nicht alleine sein …“
„Mir bleibt aber auch nix erspart. Kennst du hier irgendwas?“
„Ehrlich gesagt …“
„Mann, hier ist dein Revier, nicht meins! Na schön, gehen wir zu Doutor und essen auch gleich ’nen Happen.“ Rock sah sich keiner Gefahr ausgesetzt. Er wußte, daß Zen der Spitzel der Sharks war, und er würde ihm sicherlich keine Geheimnisse anvertrauen – ebenso wenig wie umgekehrt. Aber neugierig war er auf diesen Vogel schon.
Während Rock sich ein klassisches Sandwich mit Würstchen aussuchte, war Zens Wahl cremig und süß.
„Kleines Leckermäulchen, wie?“
„Na ja“, machte Zen und lächelte entschuldigend. Rock hielt in seiner Bewegung inne und betrachtete den Shark. Keine Gefahr, keine Bedrohung strahlte der Albino aus, vielmehr registrierte Rock verwirrt, daß …
So spack, wie er war, wirkte Zen ohnehin zerbrechlich; die helle Haut erinnerte an Porzellan, die weichen Gesichtszüge fügten sich nahtlos in das Gesamtbild. Und Rock errötete, als er verstand, daß dieser Shark seinen Beschützerinstinkt weckte.
Wie um es für seine Reaktion zu bestrafen, biß Rock riesige Stücke aus dem Leib seiner bedauernswerten Mahlzeit. Zen beobachtete das, merkte aber nicht, daß er selbst diese Reaktion hervorgerufen hatte.
„Würdest … würdest du Katsuo denn von mir ausrichten, daß es mir leidtut? Mir hört er nicht zu, hast du ja selber gesehen.“
„Gamm ip per– mmpf!“ Nachdrücklich kaute Rock, und nachdem der Happen sich an den Abstieg in die säurehaltigen Katakomben des Devils gemacht hatte, setzte der Junge erneut an:
„Kann ich versuchen. Aber sag mal, was hast du dir dabei eigentlich gedacht?!“
Zen ließ den Kopf hängen und schaute kreuzunglücklich drein. Wieder fühlte Rock den Drang, ihn tröstend in den Arm zu nehmen.
„Gar nichts, das ist es ja. Ich hab’ so was noch nie gemacht, und ich dachte, das wäre doch ein toller Einstand. Aber … mit dem Betroffenen habe ich nicht gerechnet. Wie das für ihn ist. Ich hab’ das aber ziemlich schnell mitgekriegt. Habe natürlich bemerkt, daß Katsuo … äh … sich sehr darauf eingelassen hat. Da hat sich mein Gewissen pretty soon gemeldet. Eigentlich wollte ich ihn natürlich ausfragen – ich habe nicht mal damit angefangen.“ Zen ließ unerwähnt, daß Katsuo ihm womöglich sogar ungefragt etwas verraten hätte, wenn Zen ihn nicht jedes Mal gebremst hätte. „Kazuma war nicht begeistert!“ fügte er mit verschmitztem Lächeln hinzu.
„Kann ich mir vorstellen!“ Auch Rock grinste. „Aber mir wird langsam klar, warum Katsuo-senpai deinetwegen so am Rad gedreht hat. Trotzdem!“ Er zwang sich, sachlich zu bleiben. Sein leidvoll erlerntes Mißtrauen meldete sich; was, wenn Zen ihn gerade genauso einwickelte, wie er es bei Katsuo geschafft hatte?
Zens Gesicht war bei Rocks Worten jedoch ernst geworden. Er hatte seine Mahlzeit gerade beendet und begann nun mit fahrigen Bewegungen, seinen Platz aufzuräumen.
„Verknall du dich nicht auch noch in mich, Rock. Ich bin nicht gut für dich. Entschuldige, ich muß zurück in die Pflanzenruine. Mach’s gut!“
Rock, der noch nicht mal ganz aufgegessen hatte (obwohl er sich anfangs einen solchen Vorsprung erkämpft hatte), starrte ihm entgeistert hinterdrein.

四月二十七日(火)
Dienstag, 27. April

„Irasshai– yo, kleiner Affenarsch!“
Dunkle Wolken ballten sich über „Robins“ Haupt zusammen.
„Also wenn ich überlege, wie schwer ich mich schon an deinen ersten Spitznamen gewöhnen konnte, erweckt der zweite in mir den Eindruck, ich könnte für den ersten geradezu dankbar sein!“
Grey machte große Augen.
„My goodness! Für einen Amerikaner war das ein ausgesprochen komplexer Satz mit ganz, ganz vielen Wörtern! Du bist wirklich etwas Besonderes!“
„Du weißt, daß du dich um Kopf und Kragen redest, oder?!“
Nun grinste der Brite von Ohr zu Ohr.
„Aber klar. Los, schlag mich, beiß mich, kratz mich! Gib mir Tiernamen!“
Robin war rechtschaffen bemüht, so sauer wie möglich dreinzuschauen, aber er war viel zu glücklich, um dabei auch nur annähernd erfolgreich zu sein. Wie üblich um diese Uhrzeit war das Hombre leer und bot den beiden Verliebten die Möglichkeit, sich frei von allen Zwängen zu verhalten.
„Lustmolch, Sackmilbe, Schwanzlurch!“
„Ihre Auswahl, Okyaku-sama, offenbart eine gewisse Hinwendung zum Bereich der intimen Interaktion –“
„Krieg’ ich hier vielleicht mal ’n Bier, oder muß ich erst böse werden?!“
„Nun klingst du schon viel amerikanischer! Holst du jetzt deine Pistole aus dem Halfter?“
Sosehr Robin es auch versuchte, er konnte nicht vermeiden, rot anzulaufen. Grey lachte und ging an den Kühlschrank, denn das Hombre schenkte Flaschenbier aus.
„Bitte schön. Ich würd’ ja sagen, geht aufs Haus, aber andererseits verdienst du doch nun wirklich gut genug, um deine Rechnung zu bezahlen, oder?“
Robin schnalzte mit der Zunge.
„Ich werde doch nicht einen im Schweiße seines Angesichts Arbeitenden um seinen wohlfeilen Lohn prellen!“
„Du meine Güte“, seufzte Grey erneut, „mit wem verbringst du denn so deine Zeit?!“
„Sag mal, sind die dummen Sprüche alles, wozu die Schnute gut ist?“
„Aber nein! Ich kann damit auch Speis’ und Trank genießen sowie Briefmarken anlecken!“
„Briefmarken?!“
„Ja. Postwertzeichen, du weißt schon. Muß ich doch nicht jemandem erklären, in dessen Herkunftsland es allen Ernstes noch etwas so Vorsintflutliches wie Schecks gibt!“
„Grey Skullcaster! Es wird wohl langsam Zeit, daß ich dir’s Maul stopfe!“
„Na, endlich!“ grinste Grey. „Mir fällt so langsam schon nichts mehr ein!“

Wieder so ein Abend, an dem viele Devils in der Stadtfestung abhingen. Das war nicht immer so, schließlich hatten die meisten auch ein Leben außerhalb der Bande, aber es ergab sich immer wieder einmal; vielleicht sogar noch öfter, seitdem auch Vicious dabei war. Hatte darüber zu Anfang noch Verunsicherung geherrscht, hatten manche Devils schon bald die Möglichkeit erkannt, sich zu profilieren; und der Boß erwies sich nach anfänglicher Zurückhaltung auch nicht gerade als Spaßbremse. Eigentlich der Sinn der Sache, schließlich waren die Devils kein Wirtschaftsunternehmen mit zu fürchtenden Vorgesetzten; und über ein Nachlassen des Respekts konnte der Boß sich nicht beschweren.
Aber nicht jeder Abend war gleich.
Kurz beobachtete Vicious, wie Katsuo den Eisprinzen anhimmelte, der den Einäugigen nicht so abblitzen ließ wie früher. Steter Tropfen höhlt die Leber … ach nee, den Stein! Rock unterhielt sich angeregt mit Takuto, die beiden verstanden sich gut; Rock hatte nicht viel Erfahrung mit Computern, interessierte sich aber dafür und hörte gar nicht auf zu fragen, und er mochte Takutos anschauliche Art, Dinge zu erklären.
Knirsch! KNACK!
„… ja jeder behaupten, Wurzelgnom! Beweis das mal!“
„Wuahaha! Da hasde aba lange wat von, wennde dir wat uffhebst! Wenn ick dir dit sage, denn kannste mir dit ruhich jloob’m!“
„Ehe ich dir was glaube, lasse ich mir ’nen Knopf an die Backe nähen!“
„Also ick sach’ ja – bei dir ha’mse irjentwat vawechselt! Dit looft do’ vorwärts und rückwärts ne’ rund!“
Ganz egal, womit die anderen Devils gerade beschäftigt gewesen waren, wenn die zwei Spezialisten die Bühne betraten, drängten sie alles andere in den Hintergrund.
„Guck mal in den Spiegel und versuch, nicht in die blöde Fresse reinzuschlagen, die du da siehst!“
„Dit Bedürfnis ha’ck jedet Mal, wenn du dabei hinta mia schdehst!“
„Als ob ich dauernd hinter dir stehe, wenn du in den Spiegel glotzt!“
„Ey dit womma domma seh’n!“
„Womma domma?“ machte Rock konsterniert. „Ramalama dingdong?!“
„Wollen wir doch mal sehen“, übersetzte Dawn hilfsbereit.
„Du verstehst wirklich, was der sagt … Warst du denn schon mal auf seinem Planeten?“
„Ey, boah, do, dit sacht die eene jelbe Ratte zu die andre! Eua Planet is’ doch am Arsch von’t Weltall!“
Knirsch! KNACK!
Fast völlig unauffällig wandten alle sich der Tür zu, um zu sehen, wer diesmal dazustieß; endlich wurde Kuragins Aufmerksamkeit belohnt, denn es war Monty, der hereinkam. Der degradierte Stinkstiefel warf sich in die Brust und rief:
„Yo, Xiě Lì!“
Montys Brauen krochen unter sein Stirnband, denn Kuragin hatte seinen Namen dank Takutos Drill ziemlich gut ausgesprochen – und seine Haltung und seine Miene ließen keinen Zweifel daran, daß er jetzt gelobt werden wollte. Monty seufzte.
„Was hab’ ich mir da bloß eingetreten …“ Aber dann ging er zu dem unleidlichen Devil hinüber, und auch wenn die beiden leise sprachen, war doch erkennbar, daß die Unterhaltung harmonisch war.
Vicious saß am Rande und verfolgte das Treiben. Nicht zum ersten Mal wanderte sein Blick hinüber zu dem abgewetzten, rotbraunen Ledersessel in der Ecke, in dem niemals jemand saß.
In dem schon lange niemand mehr saß.
Zagi beobachtete aufmerksam, wie es seine Art war. Für ihn waren Vicious’ Gedanken beinahe sichtbar, aber so erstaunlich war das wieder nicht, der Spitzel war ja immerhin Gründungsmitglied.
Zagi hatte oft jemanden in dem Sessel sitzen gesehen.

四月二十九日(木)
Donnerstag, 29. April

Hiroyuki, der Informationsvollstrecker, hatte extra gewartet, bis Yūto, der Adjutant, den Raum verlassen hatte.
„Boß … Butarō hat mich gestern aufgesucht und viele seltsame Fragen gestellt, alle über zwei Banden in Tōkyō.“
„Wieso das denn?!“
„Das war nicht herauszubekommen. Er wollte möglichst viel über die Devils und die Sharks erfahren.“
Akihito dachte kurz nach.
„Mit denen haben wir doch überhaupt nichts zu tun?!“
„Eben. Ich dachte mir, du solltest das wissen.“
„Ja … in Ordnung, Hiro … Devils, Sharks, Butarō. Wie kommt der denn darauf?!“
„Soll ich versuchen, es aus ihm herauszukriegen?“
„Hmmm … Ja, aber vorsichtig. Möchte ich schon gerne erfahren. Butarō ist manchmal nicht doof. Wenn der was ausheckt, würd’ ich das lieber wissen – und er wird’s uns nicht einfach sagen. Was der wohl mit diesen Typen zu schaffen hat …“
Yūto stieß sich von der Wand neben der Tür ab und fingerte nach einer Zigarette, während er über den Flur schlenderte.

„Butarō hat was erfahren.“
Und das interessierte auch Shin, also hörte er zu.
„Daiichi heißt jetzt Ichirō, das weißt du wahrscheinlich schon. Der Boß hat ihn zu den ZERO Knights geschickt, und die hat er auch aufgemischt, aber danach ist er wohl auf den Geschmack gekommen und hat sich seinen eigenen Boß vorgenommen.“ Erwartungsvoll sah King seinen Mittäter an, doch der blieb eine Reaktion schuldig. Shin mochte Akihito und respektierte ihn als Boß, ganz im Gegensatz zu King. Im körperlichen Vergleich war klar: Shin – oder Kaya – hätte Akihito übel zurichten können; aber daran hatte er keinerlei Interesse. Für ihn war der Boß ein Hänfling, aber seine Qualitäten lagen auf anderen Gebieten, und Shin war sich bewußt, daß er die Bande nicht so erfolgreich führen könnte.
King traute sich das offensichtlich zu.
Unwillig ob der ausbleibenden Antwort fuhr der ambitionierte Umstürzler fort:
„Jedenfalls haben sie ihm ordentlich ein paar übergezogen, und er hat das Gedächtnis verloren. Wäre gut, ihn mal daran zu erinnern, was für schlechte Leute die Devils sind!“
„Kapiert. Mach’ ich!“
„Und der Typ mit den extrem gebleichten Haaren, diese Stachelrübe –“
„Chika.“
„– genau. Der ist Kurierfahrer geworden für so einen halbseidenen Klub namens Intercity oder so ähnlich. Karrt irgendwelchen Kram durch die Gegend, sicherlich nix Legales. Kennst du dich mit Mopeds aus?“
Shin sah King an.
„Wieso – muß was dran gemacht werden?“
„Dringend!“ grinste King.

Hiroyuki schnupperte, als er den Flur entlangging. Nicht viele Vollstrecker rauchten, und der gräßliche Mief, der in dem engen Gang träge von Wand zu Wand schwappte, war ihm nur allzu vertraut. Dieses Bahndammkraut tat sich nur ein einziger an.
Das war jetzt aber nicht wichtig, denn Hiroyuki war auf der Suche nach Butarō. Doch er konnte ihn nicht finden.

四月三十日(金)
Freitag, 30. April

Auch in der Pflanzenruine gab es eine Gemeinschaftsküche, und auch hier war das kein Wunder, handelte es sich doch um ein aufgegebenes Bürogebäude. Woran es den Sharks gebrach, das waren nicht Räume, sondern Fachleute. Sie hatten bereits erkennen müssen, wie vorteilhaft es für die Devils war, einen Medizinstudenten bei der Truppe zu haben – und auch ein Handwerker vom Schlage eines Iyada „Neji“ Misaki ging ihnen ab.
Das bemerkte Andy gerade. Der mochte kein Fünf-Sterne-Koch sein, aber er wußte der Küche solide, schmackhafte Hausmannskost zu entlocken. Er war alleinstehend und sagte auch zu einem leckeren Bentō, dem Fertiggericht aus dem Supermarkt, nicht nein, aber er war eben auch in der Lage, selbst etwas Genießbares zu zaubern. Und da er ein „Haafu“ war, kreierte er gern, was ihm gegenüber mal jemand „Crossover Cuisine“ genannt hatte. Er hatte sogar eine Schürze dabei; seine saubere, adrette Kleidung war den Sharks schon aufgefallen, und die wollte er ja nicht mit einem Wochen-Speiseplan bebildern. Obschon nicht zu leugnen war, daß ein einsvierundachtzig großer trainierter Halbjapaner in einer Küchenschürze ein ungewöhnliches Bild abgab.
„Was ist denn jetzt los?!“ Andys Versuch, Gemüse zu putzen, entlockte dem Auslaßventil statt des ersehnten fröhlich plätschernden Dihydrogenmonoxids nur gar gruselige Geräusche, und erschreckt drehte er den widerwilligen Wasserhahn wieder zu.
„Na, wundervoll. Soll ich das jetzt in der Kloschüssel …?“ Er benützte dankenswerterweise statt dessen das Handwaschbecken, aber dann rief er Sai an.
„Alle klar, ich hol’ den Klempner.“
„Vielen Dank, Sensei.“
„Is’ nich’s erste Mal, da müßt’n wir mal was mach’n.“
Typisch Japan, dachte Andy bei sich. Das geht so nicht, da muß sich etwas ändern!… aber nichts passiert. Das gibt es in vielen Ländern – der Dennis aus Österreich hätte auch einiges dazu sagen können –, aber in Japan ist es Standard. Schließlich hat jeder Vorgesetzte einen weiteren Vorgesetzten, und irgendwann kommt man so beim Präsidenten an; der hat keinen Vorgesetzten, kümmert sich aber auch nicht um die Reparatur von Wasserleitungen. Ein todsicheres System, um nichts zu erreichen.
Nun – dann würde er eben dafür sorgen. Müßte er dem Klempner halt Beine machen, damit diese Leitung endlich ordentlich repariert würde!
Vorausgesetzt, Sai bestellte auch wirklich einen …
„Riecht ja so lecker hier!“
Andy wandte sich um. Ach je, der unleidliche Neue. Aber immerhin hatte der eine freundliche Bemerkung gemacht – die erste, die Andy von ihm gehört hatte.
„Danke schön. Einfache Küche, aber dafür wird man davon satt.“
„Ich find’ einfache Küche super, und wenn’s bloß halb so gut schmeckt, wie’s riecht, haste meine Stimme!“
„Dann mach’ ich dir ein Angebot, Shin: Wenn du mir ein bißchen hilfst, wird es schneller fertig, und dann haben wir Zeit, noch vor den anderen zu kosten und können uns die besten Sachen rauspicken!“
Shin begann zu grinsen.
„Du gefällst mir! Sag an, was is’ zu tun?“
Andy stellte fest, daß der Neue sich nicht mal dumm anstellte. Insbesondere mit dem Besteck hantierte er sehr geschickt.
 
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