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Tokyo Devils, Tokyo Sharks

von Motoshai
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P18 / MaleSlash
01.01.2021
11.06.2021
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69.963
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11.06.2021 4.197
 
Folge 024: Gute Stimmung kann schnell umschlagen. Manche Streiche bleiben folgenlos, während andernorts ein unbedachtes Wort die vorangegangenen Erfolge zunichte macht. Jōdan da yo, jōdan!


In der Pflanzenruine, dem Hauptquartier der Sharks, hieß das Freizeitzimmer Bereitschaftsraum. Mittlerweile wurde dieser Begriff nur noch gewohnheitshalber verwendet, zu Anfang hatte er aber seine Berechtigung gehabt. Vieles lief bei den Sharks genauso wie bei den Devils, manches aber auch nicht. So waren ihre Einsätze anfangs nicht geplant, und wenn es etwas zu tun gab, sah man in diesem Raum nach, wer gerade anwesend und bereit war. Inzwischen agierten auch die Sharks nicht mehr so spontan, aber der Name war geblieben.
„Also. Was haben wir?“ Jay Portland hatte sich verkehrt herum auf einen Stuhl gesetzt und verschränkte die Arme auf der Rückenlehne. Natürlich saß er dadurch breitbeinig, und da er heute eine Trainingshose anhatte, bot er einen höchst verführerischen Anblick. Und sein Muskelhemd wirkte übrigens auch nicht gerade abschreckend. Seine Haare fixierte er mit zwei oder drei Bändern.
„Da sind diese Graffiti, richtig? Ein sharksfeindliches und ein devilsfeindliches, und beide sind nich’ auf unserm Mist gewachsen.“
Grey nickte und ergänzte:
„Und die Devils waren’s auch nicht, da bin ich mir sicher. Mal ehrlich, wenn sie uns ärgern wollten, dann müßten sie wohl kaum in ihrem eigenen Revier ein Graffito zur Ablenkung sprühen. Das ergibt keinen Sinn.“
„Also will einer uns beide ärgern“, fuhr Jay fort.
„Dafür spricht auch diese Chat-Angelegenheit“, bemerkte Shinichi. Der Kōhai genoß die Zeit, in der Daiichi in seiner versifften Bude lag und seinen Rausch ausschlief. „Ich habe das selber nicht gesehen, aber es sollen Chats gewesen sein, in denen die Leute sich nicht mal einig waren, ob die Übeltäter nun Sharks oder Devils waren, weil beide Namen gefallen sind.“
Jay schlug sich mit der Faust in die Handfläche. Wer dabei zusah, war froh, daß sein Kopf sich nicht dazwischen befand.
„Wir könnten diese Wichser platthauen und seh’n, ob sich dann immer noch was tut. Wenn ja, sind die wirklich unschuldig.“
„Du hältst schön die Füße still!“ stellte Grey klar. Freundlich war der Blick, den Jay ihm sandte, nicht. Grey wandte sich den anderen zu.
„Es nützt überhaupt nichts, auf diese Provokationen hereinzufallen.“ Shinichi und der ebenfalls anwesende Dennis hatten Mühe, ernst zu bleiben, denn Jay schnitt dem Offizier hinter seinem Rücken Grimassen.
„Jay Portland! Entweder du läßt dein bewegtes Mienenspiel sein, oder wir gehen mal vor die Tür!“ Jay machte große Augen. Er hatte nicht bemerkt, daß er sich im ausgeschalteten Fernseher spiegelte; es war Grey aufgefallen, als das Verhalten der anderen beiden ihn irritiert hatte.
„’zeihung, Sensei!“
„Du schaufelst dir noch dein eigenes Grab!“
„Ich will zwar bald, aber dafür wenigstens blöd sterben!“ rief Jay und legte sich dabei die Hand auf die Brust. Shinichi schmunzelte, aber Dennis lachte los. Grey seufzte, lächelte aber ebenfalls.
„Jay. Devils verkloppen macht uns allen Spaß. Aber genau deswegen machen wir das auch – weil es uns Spaß macht. Nicht weil irgendwer uns dazu bringen will. Oder?“ Da wurde auch Jay ernst.
„Hast recht, Sensei. Hab’ ich noch gar nich’ so geseh’n. Wenn da irgend ’n Fremder seine Pfoten drin hat – den geht das doch gar nix an!“
„Genau das mein’ ich. Und auch wenn uns das nicht paßt: Gegen Fremde halten wir zusammen, selbst wenn wir dazu mit den Devils gemeinsame Sache machen müssen. Danach können wir die immer noch an die Wand klatschen – aber nicht, weil irgendwer uns wie Marionetten an Strippen bewegt!“ Jays Augen verengten sich immer weiter.
„Jau. Was wir mit den Pennern zu klären haben, klären wir auch mit denen. Aber benutz’n lass’n woll’n wir uns alle nich’!“
Innerlich atmete Grey auf, Dennis und Shinichi aber nicht minder.
„Ganz genau!“ rief der Österreicher. „Und deswegen sollten wir ganz schnell rausfinden, wer uns da in die Wanne hauen will!“ Etwas verdutzt blickte er dann auf die drei Kollegen, die sich vor lachen ausschütteten.
„Was ist denn nun wieder?!“
„Ach, nichts, nichts“, prustete Shinichi.
„Hat denn dein neuer Offizierskollege noch nichts herausgefunden?“ grinste Jay.
„Nicht, daß ich wüßte, aber ich hake mal nach. Der arbeitet sich ja noch ein.“
„Wann sehen wir den eigentlich mal?“ wollte Shinichi wissen. Grey zuckte mit den Schultern.
„Wenn es dem Sultan, Scheich al-Khaz’uma, gefällt. Aber ihr werdet ihn mögen. Hat auf mich einen sympathischen Eindruck gemacht.“
„Dann soll er auf mich mal ’nen fähigen Eindruck machen“, ließ Jay sich wieder hören. „Noch unsympathischer als Lagi geht sowieso nich’, aber wir woll’n ihn nich’ heiraten, sondern nutzen!“
„Und wen möchtest du gerne heiraten?“ frug Dennis.
Eine Sekunde später konnte er eine überreife Tomate mit Augen bewundern, die eine wilde Frisur trug und ihn anstarrte.
„Geht ’n dich das an?!“ gurgelte Jay und verließ fluchtartig den Raum. „Ich muß ma’!“ tönte es gerade noch herüber.
„Interessante Reaktion“, bemerkte Shinichi leicht verwirrt.
„Ja“, machte Grey, „da scheint es wohl jemanden zu geben …“

Hatschumm!
„Nanu? So kalt ist es doch gar nicht …“
Der sympathische neue Offizierskollege, bewaffnet mit Sonnenmütze und Schirmbrille (oder umgekehrt), lehnte lässig an einem geparkten Fahrzeug, als dessen neuer Besitzer angehastet kam.
„Tut mir leid, daß Sie warten mußten. Heute war alles ein bißchen … Hier, bitte schön!“ Er ließ einen Briefumschlag rüberwachsen, in dem es wohlig knisterte. Der Shark steckte ihn in seine Lederjacke.
„Wollen Sie nicht nachzählen?“
„Aber ich vertraue Ihnen doch! Und glauben Sie mir – falls die Summe nicht stimmen sollte, hören Sie von uns. Ganz bestimmt!“ Der Kunde sah ihn unsicher an, nahm dann aber das ausgesprochen hübsche Geschenkschächtelchen entgegen, in dem sich die Schlüssel und die Fahrzeugpapiere befanden. Anders als in anderen Ländern, wo man dem Kunden solche Dinge einfach lieblos auf den Tisch wirft, macht man das in Japan etwas stilvoller.
Freundlich winkte der Shark dem Kunden hinterher, genau wie am Tag zuvor, als er das andere Auto geliefert hatte. Der dritte der Aufträge, die er als Antrittsgeschenk mitgebracht hatte, dauerte tatsächlich länger, wie Kazuma sofort erkannt hatte. Das gewünschte Modell war selten, man mußte es also erst mal finden und dann alles so einrichten, daß man es nicht mehr identifizieren konnte.

Ungefähr zur selben Zeit wälzte Daiichi sich durch seine Siffbude und ließ sich schließlich seine letzten Mahlzeiten noch mal durch den Kopf gehen, ebenso wie den Alkohol, mit dem er sich für sein Fitneßtraining belohnt hatte. Das Gemisch stank entsetzlich, aber das war nicht weiter schlimm. Erstens war das längst nicht die erste Kotzfontäne, die durch diesen Raum sprudelte, hier roch es mittlerweile permanent ein wenig so; und zweitens hatte Shinichi dadurch wenigstens eine Aufgabe. Selbstverständlich war er dafür zuständig, Daiichis kleines Malheur umgehend und restlos zu beseitigen. Wie immer.

Die ZERO Knights waren keine kleine Jugendbande und hatten auch kein „Hauptquartier“ (als hätten Sharks oder Devils auch „Nebenquartiere“!) in einem aufgegebenen Gebäude. Da sie ernsthaft im Geschäft waren, brauchten sie ein bißchen mehr Sicherheit. Tatsächlich hatten sie ein Gewerbe angemeldet, und um das Klischee auszureizen, hatten sie „Im- und Export“ gewählt. Aber so konnten sie ein Gebäude mieten und mußten ihren brennbaren Abfall nicht zu dem der Nachbarn stellen.
Wohnbüros gab es in diesem Firmensitz auch, aber kein Freizeitzimmer wie bei den Schülerbanden. Die ZERO Knights waren Kollegen, nicht Kumpels. Das Gebäude verfügte über eine Kantine, in der manchmal Knights beisammensaßen, dann aber eher für Besprechungen und Informationsaustausch. Wer gerade nicht im Einsatz war, hielt sich entweder gar nicht im Haus auf oder aber in seinem privaten Bereich.
Eine Zentrale für die Förderung der Mitarbeitergesundheit (das sind bestimmt mindestens zehn Kanji!) gab es jedoch auch hier, einen mit Sportgeräten gut ausgestatteten Raum im Erdgeschoß. Mark Stevens, der Captain, ertüchtigte sich dort gerade unter der Anleitung seines Partners und Vorgesetzten Takahashi Raiden, des Colonels.
Anders als bei Sharks und Devils waren die Knights fest eingeteilt – militärische Organisation eben. Das war sinnvoll, denn eine Handvoll Bandenmitglieder kannten einander gut, da konnte sich jeder auf jeden einstellen, wie es gerade nötig war, wie ein Einsatz es erforderte; die ZERO Knights waren aber, rechnete man alle Beteiligten zusammen, über hundert Mann – da kannte nicht einmal jeder jeden überhaupt vom Sehen. Nur ein eingespieltes Team arbeitet effizient, so hatten sie sich früh zur Bildung fester Einheiten entschieden – es gab Teams von zwei bis acht Leuten und auch einige Einzelkämpfer, zum Beispiel die Zagis der Knights, die Spitzel und Informationsbeschaffer. Die arbeiten ja nun traditionell eher allein.
Raiden kannte sich gut aus und leitete Mark an, damit jener effizient und ohne nachteilige Begleiterscheinungen wie Zerrungen, Prellungen oder auch nur Muskelkater, die seine Einsatzfähigkeit schmälern würden, trainieren konnte. Dabei hatte der Japaner auch keine Berührungsängste, er griff nicht selten zu, um Marks Bewegungen zu lenken.
Und der Amerikaner mußte sich eingestehen, daß ihm das nicht unangenehm war. Allerdings hütete er sich, seinen Vorgesetzten das merken zu lassen. Man weiß ja schließlich nie. Takahashi Raiden hatte nie etwas von Weibergeschichten angedeutet, aber das hieß ja nicht, daß er von ’nem Kerl betatscht werden wollte.

„Na, hier geht’s ja fröhlich zu!“
„Bis eben war dies der Fall, ja“, parierte der Kōshi. Der Neuankömmling trat auf ihn zu.
„Und jetzt nicht mehr oder so?“
„Ach, die Zeiten ändern sich heutzutage ja so rasant …“
„Man denke!“ Zagi war nicht gerade Kim Seungs größter Fan. Der Senpai stand natürlich unter ihm, aber leider stellte der das nie in Frage und verhielt sich stets entsprechend, so daß man ihm keinen Strick daraus drehen konnte – und genau das nervte Zagi. Zumal der Kerl sich nicht aus der Ruhe bringen ließ und dennoch stets eine freche Antwort zu geben verstand, die man nicht gegen ihn verwenden konnte. Und Koreaner war der auch noch (wenn auch nur zur Hälfte, was Zagi gern ignorierte). Unter der Dusche träumte Zagi regelmäßig davon, dem Kōshi die Lunte anzuzünden.
„Gibt’s was zu feiern oder so? Daß sogar der Boß da ist?“
„Brauch’ ich dafür v’leicht ’ne Erlaubnis, oder was?!“ Es gab viele Gründe, warum Vicious Zagi nicht ausstehen konnte. Als der zweite Boß, Dangerous, noch dagewesen war, hatte der immer mit ihm kommuniziert. Andererseits war es genau deswegen die Auseinandersetzung mit dem Spitzel, die Vicious daran erinnerte, daß Danger nicht mehr da war. Und damit konnte Zagi nur verlieren.
„Aber wo denkst du hin? Es ist eben nur so ungewöhnlich, daß ich mich frage, ob manche von den Jungs dich überhaupt gleich erkannt haben!“ Plötzlich hatte Zagi eine Bierdose in den Fingern und eine Hand auf der Brust.
„Jetzt setz dich da hin und sei lieb“, sagte Takuto ruhig und bestimmt. „Dann können wir anderen so tun, als ob du gar nicht da wärst!“
„Ach, und –“
„Prooost!“ Takuto stieß mit ihm an und machte sich garantiert nicht zu Zagis bestem Freund, aber die anderen Devils liebten ihn gleich noch ein wenig mehr für seinen selbstlosen Einsatz. Die Rangfolge unter den Offizieren war ein wenig kompliziert, aber Takuto war – nun – der dritthöchste der drei, er war als letzter in diesen Rang aufgestiegen. Zagi war am längsten dabei, er war immerhin Gründungsmitglied, und der Offiziersrang war mehr oder weniger für ihn geschaffen worden, damit er nicht mehr mit Vicious auf derselben Stufe stand, womit der Boß ja nun gar nicht klargekommen war. Dennoch galt Vincent als der Ranghöchste, was bei einem ersten Offizier naheliegt.
Den Vogel schoß aber sowieso jemand anders ab. Es war Toshios Hand, die sich sanft auf Zagis Oberschenkel legte – und nicht unbedingt auf der Außenseite, und nicht unbedingt in Knienähe.
„Aber Sensei!“ schnurrte der Kōhai dabei, und Zagi zuckte deutlich sichtbar zusammen und gab einen höchst seltsamen Laut von sich, was die meisten anderen Devils lachen machte und Masao, Matt und sogar Vicious immerhin zum Glucksen brachte.
„Bist du nicht eigentlich auf Patrouille?“ erkundigte Takuto sich süßlich.
„Ja, siehst du doch – Umgebung und Inneres der Stadtfestung. Glaube, das trifffft zu, oder?!“ Toshio bewegte nur leicht die Fingerspitzen, aber Zagi hätte es mal wieder nötig gehabt, und so ließ ihn nicht mal das kalt.
„Ich fühle mich gleich viel sicherer, wenn du uns beschützt!“ säuselte Toshio. Misaki legte zwei Finger auf ihn an, entsicherte sie und –
„Peng!“
Matt amüsierte sich eher über Zagis Verlegenheit.
„Und ich fühl’ mich gleich viel sicherer, wenn ich dir die Griffel amputiert habe!“ Nachdrücklich legte Zagi Toshios Hand zurück in dessen Schoß.
„Hast du denn irgendwas Besondres bemerkt?“ erkundigte sich Katsuo.
„Nee. Sollte ich?“
„Na ja. Auch nich’ in der Umgebung des verfluchten Grabes?“
Seine Stimme hatte sich verändert, und zusammen mit Wörtern wie verfluchtes Grab machte das klar, was die Anwesenden erwartete – die darüber offensichtlich nicht böse waren.
„Aaaah!“ rief Rock. „X-Faktor - das Unfaßbare! Präsentiert von Kimura Katsuo. Wir leben in einer Welt, in der Traum und Wirklichkeit nahe beieinander liegen, in der Tatsachen oft wie Phantasiegebilde wirken, die wir uns nicht erklären können. Könnt ihr Wahrheit und Lüge unterscheiden? Dazu müßt ihr über euer Denken hinausgehen und euern Geist dem Unglaublichen öffnen!“ Matt schmunzelte, er war der einzige, der den Vorspann der Serie Beyond Belief erkannte. (Dawn war zwar auch Amerikaner, aber ein ungewöhnlicher – ein praktisch niemals fernsehender.) Die anderen lächelten eher etwas verwirrt, gingen aber nicht auf Rocks Worte ein.
„Verfluchtes Grab?!“ knurrte Zagi.
„Wißt ihr das nicht? Ihr kennt doch die kreisrunde Stelle in der Nähe der Einfahrt, wo niemals Gras wächst?“
Die gab es tatsächlich. Dort war eine runde Betonplatte in den Boden eingelassen, die einmal als Fundament für ein Schild gedient hatte. Die Bodenschicht darüber war so dünn, daß sich nicht mal Gras darauf halten konnte. Tatsächlich wurde sie bei starkem Regen manchmal fortgewaschen, und später deckte der Wind die Stelle dann wieder mit ein wenig Sand und Erdreich zu.
„Kla‘ kenn’ ick die. Latsch’ ick ja imma drüba.“
„Oh, da wäre ich an deiner Stelle vorsichtig, Neji“, sagte Katsuo dumpf, „sogar sehr vorsichtig!“
Ausgerechnet Masao meldete sich zu Wort:
„Ist da nicht die Urne beerdigt von diesem …“
„Ganz genau, Masa-chan!“ Katsuo freute sich riesig, daß gerade der Eisprinz sich auf die Geschichte einließ. Zuhören tat er immer, aber daß er sogar mitmachte, war neu. Er warf ihm einen dankbaren Blick zu, änderte aber nicht seine Miene, denn er war ja im Erzählmodus. „Der unselige Schatzmeister. Es is’ schon viele hundert Jahre her“, vor vielen hundert Jahren war Tōkyō oder Edo noch gar nicht Sitz des Kaisers, und das Land, auf dem die Stadtfestung stand, noch nicht einmal aufgeschüttet, „da fielen Unregelmäßigkeiten im kaiserlichen Haushalt auf. Natürlich mußte der Schatzmeister Bericht erstatten, und er war kein beliebter Mann. Ehrlich und treu, aber der biederte sich nich’ an. Deswegen gab es niemanden, der sich auf seine Seite schlug. Man konnte nicht herausfinden, wo das, was fehlte, geblieben war, und da er schließlich die Oberverantwortung hatte, wurde er verurteilt. Er mußte rituellen Selbstmord begehen.“ Katsuo verstummte, kniete sich hin und ahmte die Bewegungen nach; er trieb das unsichtbare Schwert in seinen Leib, riß es zur Seite, wechselte die Richtung und zog es hoch, ehe ihn die Kräfte verließen. Derweile stand der Kōshi auf und stellte sich neben Katsuo; als der sterbend innehielt, erhob Seung sein ebenso unsichtbares Schwert, um es zu Ende zu bringen und Katsuo zu enthaupten.
„Woah“, machte Takuto und fröstelte.
Hastig nähte Matt Katsuos Plauze zu und schraubte seine Rübe wieder fest, damit sie zum interessanten Teil der Geschichte kommen konnten.
„Bevor er das Urteil vollstreckte, beteuerte der Schatzmeister aber noch mal, daß er sich nichts hatte zu Schulden kommen lassen, und dann sagte er, daß auf seinem Grab so lange nichts wachsen würde, bis der Kaiser sich für das Fehlurteil entschuldigt! Und seitdem“, Katsuos Stimme senkte sich nun selbst ins Grab, „hat nie auch nur ein Grashalm auf dieser Fläche gestanden! Der damalige Kaiser verfügte, daß das Grab so weit draußen wie möglich angelegt werden mußte, angeblich weil der Schatzmeister ja so ehrlos war. Aber es wird gemunkelt, daß sogar der Kaiser den Fluch gefürchtet hat und kein Risiko eingehen wollte. Trotzdem soll der nich’ mehr lange regiert haben …“
„Voll kraß, Alta!“
„Viele Devils haben schon erlebt, daß es an der Stelle kälter is’ als drumrum. Und manchmal, in finstren Neumondnächten, kann man ein fahles, unstetes Licht sehen, wie von einer flackernden … Totenkerze!“
„Irks!“ machte Rock.
„Manche woll’n auch was gehört haben. Eine heisere Stimme, die flüstert: ‚Hat er sich entschuldigt?‘“
„So findet der doch nie seinen Frieden!“ Dawn litt mit. Matt genoß die Geschichte auch, sah sich aber gleichzeitig unter den Anwesenden um. Sogar Zagi hörte zu, auch wenn er versuchte, eine spöttische Miene zu machen, was er aber nicht permanent durchhielt. Besonders lustig fand Matt aber, daß Vicious voll auf Katsuo konzentriert war. Der Boß kannte dessen Gruselleidenschaft natürlich, aber die meisten Geschichten verpaßte er ja nun mal. Matt stand Rocks Operation Jūgokuagari ausgesprochen wohlwollend gegenüber.
„Aber ihr wißt ja, wie das ist. Gibt immer ein’n, der’s besser weiß, der keine Angst hat und ganz kuhl is’. So einen hatten wir auch mal. Erklärt uns groß, daß er das Ganze nicht glaubt und daß er’s uns beweist, indem er bei Neumond auf der kahlen Stelle schläft!“
„Ey, kraß!“ wiederholte Misaki. „Dit is’ do’ jarantiat ne’ jutjejang’, oda?!“
„Mir schwant Übles!“ stimmte Kim Seung zu.
„Ach“, ließ Masao sich wieder hören, „du meinst Yūta? Furchtlos, mutig, dumm?“
„Genau den!“ Katsuo nahm sich vor, Masao aus lauter Dankbarkeit abzuknutschen, sobald es keiner sah. „Packt seinen Futon mitten in den Kreis und legt sich seelenruhig schlafen.“ Er machte eine Pause.
„Was ist aus ihm geworden, Senpai?“ rief Toshio. „Spann uns doch nicht so auf die Folter!“
„Ist er gestorben?“ riet Rock atemlos. Er ging mehr mit, als er merkte, aber Katsuo erzählte auch wieder meisterhaft.
„Yūta is’ nich’ gestorben, aber … Na ja, wir haben ihn am nächsten Morgen vorgefunden, wie er auf dem Futon saß. Kalkweiß. Die Augen weit aufgerissen. Die Spucke lief ihm aus’m Mund. Und gezittert hat der! Aber wir haben ihn nie wieder auch nur ein Wort sag’n hör’n. Wir wußten nich’, was wir machen sollt’n, also haben wir ihn ins Krankenhaus gebracht. Und … na ja. Nach sechs Tagen is’ der verschwunden. Sein Bett war einfach leer. Die Schwestern, die Ärzte, keiner wußte was. Die hatten ihn nich’ entlassen, der war einfach weg. Sechs Tage … das war auch die Zeit dazwischen, wo die Unregelmäßigkeiten entdeckt wurden und wo der Schatzmeister sich umgebracht hat …“

Etwas gelangweilt streiften Chika und Souta durch die Pflanzenruine, als ihnen etwas auffiel: ein Paar Schuhe, das vor einer Klosettkabine stand. Souta hätte es nicht bemerkt, aber Chikas Blick entgingen die abgetragenen Treter nicht. Die riesigen Dinger (nächste Nummer: Kindersarg) konnten nur Sai gehören, und Souta konnte kaum so schnell gucken, wie Chika sie sich geschnappt hatte und die Schnürsenkel verknotete. Schon war die Klospülung zu hören, und die beiden Kōhais nahmen nun die eigenen Beine in die Hand, um wenigstens hinter der nächsten Ecke zu verschwinden. Da war das Rumpeln der Klotür zu hören, dann ein Rascheln, als Sai in die Botten kletterte – und kurz danach ein Poltern, das mit Sicherheit die lokalen Seismometer ausschlagen ließ.
Viele Japaner binden ihre Schuhe locker, so daß sie heraus- und hineinschlüpfen können, ohne die Schnürsenkel anzufassen. Das geht eben schneller, wenn man dauernd aus den Latschen raus und wieder rein muß. Sai tat das ebenso, und nur deswegen war er auf den Streich herein- und voll auf den Pinsel gefallen. Die beiden Lausbuben konnten ein Kichern nicht unterdrücken, unterschätzten aber offensichtlich Sais feines Gehör.
„Aotsuki Chika! Tsugikage Souta! Bei Fuß!!“
„Shimatta!“ zischte Chika, aber ihnen blieb nichts anderes übrig, als dem Befehl zu folgen. Sai saß auf dem Boden und deutete auf seine Schuhe.
„Fällt euch da irgendwas auf?“ Chika beugte sich hinunter und tat, als studierte er Sais Schuhwerk aufmerksam.
„Hmmm … ja … also, ich glaub’, deine Schnürsenkel haben sich irgendwie verheddert …“
„Und weißte denn auch, wie so was kommt?“
„Nä!“ kam es wie aus der Pistole geschossen. „Keine Ahnung! Du, Souta?“
„Was? Wie? Ich?“
„Nee, Detektiv Kanone, du Stoffel!“
„Nein, ich weiß das auch nicht, Sensei!“
Sais Blick heftete sich auf Chika.
„Ähm, äh, na ja, also wart ma’, Sensei, ich helf’ dir mal, ja?“ Er knotete die Schuhbänder wieder auf, und langsam und genüßlich erhob sich Sai. Er überragte Chika um ein paar Zentimeter Höhe, aber viel deutlicher in der Breite, und er ließ seine Präsenz für sich sprechen.
„Äh … du, Sensei … tu jetzt nichts Unüberlegtes, ja?“
„Da bettelt doch wer um ’ne Doppelschicht im Wachzimmer, oder?“
Der Wachdienst am Eingang war bei den Sharks genauso beliebt wie bei den Devils und rangierte auf der Skala ungefähr zwischen Steuerprüfung und Fußpilz.
„Äh – also weißt du, ehrlich gesagt …“
„Ihr macht beide ’ne Doppelschicht. Keine Widerrede!“ Und damit setzte der massige Shark sich in Bewegung. Kaum hinter einer Ecke verschwunden, grinste er über sämtliche Backen. Er liebte „seine“ Jungs, einen wie den anderen (nur Daiichi vielleicht eher nicht). Deswegen hatte er die beiden Racker zur gemeinsamen Schicht verdonnert. Das wurde denen garantiert nicht langweilig, im Gegenteil.

Wie schon bei der reparierten Stelle in der Decke des Wachkabuffs hatte Katsuo es geschafft, daß die Devils in Zukunft nun auch die kahle Stelle vor der Stadtfestung mit anderen Augen sehen würden. Um den Schrecken ein wenig herunterzuspülen, hatten die Jungs sich mit frischen Getränken versorgt, es wurde nicht gespart, aber das hatten sie ja auch nicht nötig.
„Trink ma’ wat Richtjet!“ befahl Misaki und drückte Vicious ein Sake-Schälchen in die Hand, ehe er ihm mit seinem baugleichen Exemplar zuprostete. Natürlich war es nicht so, daß der Boß noch nie japanischen Reiswein getrunken hätte (Ume, also Pflaumenwein, war dagegen nicht so seine Welt), aber üblich war es für ihn nicht.
„Hmm … nicht schlecht.“
„Hier, Chefchen, noch eena. Uff een Been kamman do’ nich’ steh’n!“
„Neji, du bist unerquicklich aufdringlich“, bemerkte der Kōshi.
„Wie heeßt ’n dit uff Japanisch?!“ Toshio lachte.
„Na, das fragt ja der Richtige!“
„Ey, Bursche, du hast glei’ ’n Problem, weeßde, wa’?!“
„Boß“, der Kōshi blieb unbeirrbar, „du mußt dann auch mal hiervon probieren.“ Er goß ihm einen Jinro ein, den koreanischen Likör. Das war schon recht mutig, bedachte man Vicious’ Abneigung gegen die Nachbarn im Westen, aber immerhin ging es um was zu picheln, und da konnte der Oberteufel ja mal ein Auge machen und eine Ausnahme zudrücken.
„Uah!“ machte er und verzog das Gesicht. „Das sauft ihr?! Das erklärt ja einiges!“
„Also das war jetzt aber nicht nett, Boß.“ Der Kōshi stellte sich in seiner vorbildlich aufrechten Haltung vor Vicious auf. „Bist du denn mit meiner Arbeit unzufrieden?“
„Hab’ ich das gesagt?!“ Matt schmunzelte, weil Vicious sitzenblieb. Normalerweise wäre er, wenn sich jemand vor ihm aufbaut, aufgestanden – aber der Kōshi war zwar genauso schwer wie der Boß, aber zwei Zentimeter größer, was Vicious sehr wohl wußte. Also hütete er sich, das auch noch zu zeigen.
„Boah, aus dem Mund vom Boß war das ’n Komplimäng!“ tönte Katsuo. Rock fiel es allerdings auf, daß der Senpai bei Vicious nicht auf Tuchfühlung ging. Normalerweise hing er einem ja immer gleich auf den Schultern, Freund und Feind, wie Chika und Souta bestätigen konnten, aber beim Boß wagte er das offensichtlich nicht, sogar in dieser lockeren Situation. Rock hätte das selber gern gemacht, aber wenn nicht mal Katsuo es sich traute …
„Also wenn man bedenk–“ Weiter kam Zagi nicht, da drückte Takuto ihm einen feuchten Schmatz auf.
„Prost, mein Schatz!“ rief der Computeroffizier hinterher und wedelte mit seinem Getränk.
„Takuto-sensei, wir wissen deine Aufopferung zu schätzen!“ Vom Eisprinzen war dieser Satz nicht zu erwarten gewesen, und nicht nur Katsuo machte große Augen.
Vicious gab sich währenddessen Mühe, es sich nicht anmerken zu lassen, aber er hatte Spaß. Als Dangerous noch da war, hatte Vicious viel öfter mit den anderen abgehangen, war aber überzeugt gewesen, daß er eigentlich nur bei Danger war und die anderen bloß zufällig anwesend waren. Jetzt stellte er fest, daß es gar nicht übel war, Zeit mit den Jungs zu verbringen.
Rock unterbrach seine Gedanken, indem er ihm eine weitere Bierdose reichte.
„Is’ dir doch am liebsten, oder?“ Vicious lächelte schief und saugte die Dose gleich erst mal halb leer.
„Hat alles seinen Reiz“, antwortete er dann.
„Wirklich alles?“ hakte Kim Seung nach, aber in sehr versöhnlichem Ton.
„Hab’ ich doch gesagt, oder?“ Der Kōshi lächelte warm. Vicious wandte sich wieder Rock zu.
„Du bist doch echt ’ne Pest! Wan dee I’ll get yū!“ Vicious’ Englisch war auch nicht besser als Katsuos, Rock war sich sicher, wenn die beiden sich auf Englisch unterhalten würden, könnten sie vor einer Gruppe CIA-Agenten Anschlagspläne schmieden, ohne auch nur Verdacht zu erregen … Trotzdem antwortete er locker:
„Beware! I’m too dangerous for you!“
Die Devils hielten den Atem an.
Vicious’ Faust schloß sich um die Dose und zerquetschte sie, bis sie riß. In das restliche Bier, das herauslief, mischten sich Blutstropfen.
Es dauerte einen Moment, aber dann begriff Rock, daß er gerade einen Faux pas begangen hatte.
„He, Wurzelgnom! Mach ’n Mund zu, wir haben eh schon schlechte Luft hier!“
„Sach dit no’ ma’, wennde sterb’m willst!“
„WUATSCHI!“ Katsuo tat natürlich nur so, als müßte er zufällig genau jetzt niesen.
„Oh je!“ ging der Kōshi darauf ein. „Jemand verletzt?“
Vicious sprang auf und verließ den Raum, auch wenn sein Blick Rock nicht gerade beruhigte.
„Puh“, atmete Takuto auf, „ein Glück – nichts passiert!“ Zagi machte ein spöttisches Gesicht.
„Du meinst, da ist gerade nichts passiert? Hast du Tomaten auf ’n Augen oder so?“
 
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