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Tokyo Devils, Tokyo Sharks

von Motoshai
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P18 / MaleSlash
01.01.2021
24.09.2021
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121.594
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08.01.2021 2.131
 
Folge 002: Rock lernt zwei der Offiziere kennen, und keinen von beiden würde er heiraten wollen. Muß man eigentlich ein Arsch sein, um Devils-Offizier zu werden? Senseitachi ga bakayarō to omou!


Als ihr Gespräch unterbrochen wurde, fuhr Rock herum und blickte zur Tür. Dadurch entging ihm Katsuos Miene. Der hatte die Stimme natürlich erkannt.
„Wie bitte?!“ Rock musterte den Neuankömmling. Der steckte in einem engen schwarzen Kleidungsstück, von dem Rock nicht hätte sagen können, aus welchem Material es war – Leder, Kunstfaser, Latex, es betonte als zweite Haut jedenfalls einen appetitlichen Körper, aber die Miene paßte bestens zu der ätzenden Stimme. Das war Abneigung auf den ersten Blick, soweit es Rock betraf.
„Ich bin die linke. Vincent ist die rechte. Ich bin mir sicher, die hirnlosen Fäuste haben dir schon von mir erzählt.“
„Die hirnlosen Fäuste?!“ Rock sah noch immer den Stinker an, blickte dann aber zu Katsuo, um einen ganz anderen Ausdruck auf dessen Gesicht zu sehen. Diese beiden Devils waren offensichtlich keine Freunde.
„Wart mal … du bist Zagi-sensei, der Informationsmensch, oder?“
„Ach – ‚Spitzel‘ hat er sich nicht zu sagen getraut?!“
„Masao-senpai hat dich erwähnt!“ stellte Rock klar. Zagi zog die Brauen hoch.
„Der Eisprinz hat meinen Namen in den Mund genommen? Was ist denn mit dem los?! ’ne unheilbare Krankheit diagnostiziert oder so?“
„Dann wärst du doch wohl der erste, der das wüßte, oder?“ grollte Katsuo. Mit spöttischer Miene blickte Zagi ihn an.
„Touché, mon cher ami. Hast du dir am Azonas eine Gehirnzelle bestellt oder so?“
„Also –“, setzte Rock an, aber Zagi wandte sich ihm zu.
„Sprich’s ruhig aus, wenn du das Echo verträgst.“
„Überleg dir das“, knurrte Katsuo. „Mach dir nich’ die Pfoten dreckig an dem!“
Zagi sagte nichts. Lächelnd kam er auf Katsuo zu und blieb vor ihm stehen. Er war Offizier, Katsuo bloß Senpai. Zagi mußte gar nichts tun. Er stand nur da – knapp so groß wie Katsuo, aber fast zehn Kilo leichter, und Katsuo war nicht fett – und starrte ihn an. Schließlich mußte Katsuo den Blick abwenden. Eine Demütigung vor dem Bewerber, die Zagi genoß.
Auch Rock wußte, daß er sich bremsen mußte, um seine Aufnahme in die Bande nicht zu gefährden. So beherrschte der Schmächtigste der drei Anwesenden die Situation.
„Ich sehe, wir verstehen uns“, stichelte Zagi schließlich leise. „Der Bewerber hält sich jetzt bereit zur Musterung. Er wird abgeholt.“ Er wandte sich ab, um den Raum zu verlassen, drehte sich an der Tür jedoch noch einmal um.
„Das wird ein Spaß!“ gluckste er, ehe er verschwand.
„Also wenn du den abstichst“, sagte Rock, „gib mir bescheid, ich schwöre unter Eid, was immer du willst, damit du ein Alibi hast!“
„Eines Tages komm’ ich drauf zurück.“
„Warum behaltet ihr so ein Arschgesicht?“
Katsuo seufzte.
„Weil dieses Arschgesicht sehr, sehr viele Augen und Ohren hat. Was immer es mitzukriegen gibt, Zagi kriegt es mit. Ohne den würden wir ganz schön alt aussehen. Und wie du gemerkt hast, weiß der das auch – und nutzt es schamlos aus.“
„Aber dem kann man doch nich’ trauen!“
„Ich weiß, was du meinst. Aber eins muß man Zagi lassen, der trennt Pflicht und … Dings. Also ich meine: Der Kerl is’ das letzte, aber er is’ auch ’n Meister in seinem Fach, und das nimmt der ernst. Auf seine Informationen kann man sich blind verlassen. Wenn der sagt, der Mond is’ne riesige Erdbeere, die übrigens nächste Woche auf die Erde fällt, dann würde ich mir aber ganz fix ’nen Platz auf der ISS besorgen, wenn ich nich’ in Erdbeersaft ersauf’n will!“
„Verstehe … Aber vermutlich will keiner auch nur eine Sekunde länger als nötig mit dem zu tun haben!“
„Garantiert nich’!“ Katsuo schwieg einen Moment, bevor er leise anfügte:
„Eigentlich muß der ziemlich einsam sein …“
Rock sagte nichts, aber seine Miene rief: Schuld eigene!
Schon wieder kam ein Devil hinzu. Das Gebäude war geräumig, Rock hatte gestaunt, als er angekommen war; in Tōkyō sind Wohn- und Gewerbeviertel ziemlich strikt getrennt, und das Hauptquartier der Devils befand sich in einem Gebäude, das einmal Gewerbe beherbergt hatte. Darin konnten sich sicher eine Menge Devils aufhalten, ohne daß man gleich über sie stolperte; und Rock hatte nicht einmal eine Vorstellung, wie groß diese Bande eigentlich war.
Der Junge, der hereinkam, war Asiate, und Rock war nicht überrascht, denn trotz allem schien die Mehrzahl der Bandenmitglieder Japaner zu sein.
„Vincent-sensei erwartet den Bewerber zum Gespräch. Folge mir bitte.“
„Drück mir dir Daumen!“ warf Rock über die Schulter.
„Ich wünsch’ dir was!“ kam es zurück, und das meinte Katsuo auch so. Er mochte den Bewerber und würde sich freuen, mit ihm auf Einsätze zu gehen. Das würde bestimmt nicht langweilig!

Rock wurde von dem Devil durch das Gebäude geführt und bekam das Gefühl, sie würden Umwege machen. Es ging auf- und wieder abwärts, und Rock war sicher, daß sie sich das auch hätten sparen können. Aber endlich klopfte sein Führer an eine Tür, wartete das herrische „Haire!“ ab und öffnete. Jedoch trat er nicht ein, sondern wies Rock den Weg, ehe er buchstäblich die Türe von draußen zumachte.
Zwei gelbhaarige Langnasen allein im Raum, sogar beide Amerikaner, und dennoch sprachen sie in einer Fremdsprache miteinander. Vincent Sherwood, der erste Offizier der Devils, erhob sich hinter seinem Schreibtisch, umrundete das Möbel und kam langsam auf Rock zu, ehe er ihn auf Japanisch begrüßte. Rock erwiderte den Gruß und nahm die Erscheinung seines Gegenübers fasziniert auf. Etwa so groß wie er selbst und auch wie Zagi, also knapp einsachtzig (Katsuo und Masao waren etwas größer), ein bißchen muskulöser, aber nicht viel, eine blonde Fönwelle, die zwar nicht mehr modern war, dem jungen Mann jedoch sehr gut stand –
– und ein unwirklich adrettes Äußeres. Kein Fussel auf der Kleidung, kein abstehendes Haar, die schwarzen Stiefel blankgeputzt; glattrasiert wie ein Kinderpopo, die Augenbrauen gezupft, die Finger sorgfältig manikürt. Das wäre eine Traumschwiegersohn gewesen, hätte er nicht dreingeschaut, als wollte er Rock gleich auffressen.
„Wer mustert hier eigentlich wen?“ kam es nach ein paar Augenblicken vom Offizier, aber ohne scherzhaften Unterton.
„Äh – oh – Verzeihung. Also, ich bin Ro–“
„Habe ich danach gefragt?!“
Rock machte große Augen – und gelangte zu der Überzeugung, daß man Arschloch sein mußte, um bei den Devils Offizier zu werden.
„… Verzeihung. Nein.“
„Dann rede nur, wenn du gefragt wirst.“ Rock sparte sich die Bemerkung, daß Vincent ihn durchaus gefragt hatte – freilich nicht nach seinem Namen. Fast erwartete er, einen Anamnesefragebogen an einem Klemmbrett ausgehändigt zu bekommen, wie wenn man als neuer Patient in eine Arztpraxis kommt. Zu diesem geschniegelten Beamten hätte das gepaßt.
„Schön, Rock Harvard-san. Du möchtest ein Devil werden. Ich frage mich, ob du dir im klaren darüber bist, worauf du dich da einläßt?!“ Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen …
„Du redest wohl nicht mit jedem, wie?“
„Was?! Äh, Verzeihung … ich habe nicht mitgekriegt, daß du mir … mich … also –“ Klar, Rock sollte nur reden, wenn er gefragt wurde, aber Vincent hatte ja gesagt: Ich frage mich
Kein guter Anfang.
„Die Devils“, begann Vincent zu dozieren, „sind auf verschiedenen Gebieten tätig. Waren und Dienstleistungen. Diskretion ist äußerst wichtig, und ein gewisses Risiko besteht immer. Die meisten unserer Angebote sind nicht ganz legal, werden aber umso häufiger nachgefragt. Weder das Auge des Gesetzes schläft, noch die Konkurrenz. Hier herrschen keine Bronx-Verhältnisse, so eine Bande besteht nicht aus schweren Jungs; hier wird man nicht gleich abgestochen, aber gelegentlich gut aufgemischt. Hast du dich überhaupt schon mal geprügelt?“
Da mußte Rock grinsen.
„Das kannst du laut sagen. Und ich verliere dabei ziemlich selten!“
„Das ist gut“, bemerkte Vincent anerkennend. „Du siehst nicht so aus, aber das ist ja kein Nachteil. Wir bekommen manchmal Aufträge, jemandem … Grüße auszurichten.“ Er schlug sich mit der Faust in die Handfläche. „Schön … Erfahrungen mit Drogen?“
„Mmh … eher nicht so.“
„Einfach so oder aus Prinzip? Hast du ein Problem mit ungesetzlichen Handlungen?“
Da wurde auch Rocks Gesicht ernst.
„Nee. Mein Vater ist groß in dem Gewerbe. Allerdings hab’ ich mit dem nichts zu tun. Dafür bin ich ’ne Zeitlang auf der Straße aufgewachsen. Legal, illegal, scheißegal!“
„Verstehe. Und Berührungsängste hast du ja anscheinend auch keine?“
„Nicht, daß ich wüßte. Ist doch schön, mit so vielen netten Leuten zu tun zu haben und Kunden zu bedienen und so!“
„Gut, gut. Und weiter?“
„Also ich glaube, ich kann ganz gut Japanisch. Und die Japaner meinen doch immer, wir Ausländer können das nicht. Manchmal reden sie dann ziemlich offen miteinander, weil sie ja denken, daß ich sie nicht verstehe …“
„Nützlich. – Na schön, ich frage nach, ob der Boß Zeit für uns hat.“
„Auf in den Tempel!“
Vincent zog die Brauen zusammen.
„Tempel?!“
„Na ja“, zuckte Rock mit den Schultern, „ich bin ein Bronze-Saint, ich hab’ schon zwei Silber-Saints kennengelernt und dann zwei Gold-Saints, nämlich Zagi-sensei und dich – und jetzt treffe ich Athena!“
Vincent gab keine verbale Antwort. Langsam trat er auf Rock zu und starrte ihm in die Augen, und der Bewerber fühlte sich mehr und mehr unwohl. Schließlich wandte auch er den Blick ab, und sein Eindruck, daß Devils-Offiziere keine Herzchen waren, verstärkte sich. Endlich kam doch noch eine Äußerung von Vincent, leise und drohend:
„Einen Witzbold haben wir schon. Zwei davon brauchen wir nicht!“
„Verstanden!“ machte Rock, ohne Vincent wieder anzusehen. Der trat einen Schritt zurück.
„Hosen runter und auf den Bauch legen!“
Rock glaubte, sich verhört zu haben.
Warst du schon mal schwanger?
„… wie bitte?!“
„Verstehst du vielleicht meinen Akzent nicht? Oder möchtest du es einfach gern noch mal hören?! Laß die Hosen runter und leg dich auf den Bauch!“ Und Vincent griff bereits nach seinem Gürtel.
Rocks Gesicht konnte sich nicht entscheiden, ob es kalkweiß oder glutrot werden sollte. Das konnte doch nicht wahr sein!
Wollte dieser Geleckte ihn allen Ernstes testficken?!
Rocks Blutdruck erreichte Werte, mit denen man mittelständische Dampfmaschinen betreiben könnte, und hinter seiner Stirn jagten sich so die Gedanken, daß seine Haarsträhnen sich in ihrem Luftzug bewegten.
Eine Bande. Hierarchie. Entweder man gehorcht, oder man geht unter. Wenn Rock sich schon bei der Musterung einer Anordnung widersetzte, konnte er sich die Aufnahme in die Bande abschminken, zumal nach diesem holprigen Verhör.
Aber.
ABER!
Sollte das denn allen so gegangen sein? Der nette Katsuo? Oder gar der unterkühlte Masao? Hatten auch sie sich unter Vincent einfinden müssen? Das war doch –
Rock interessierte sich mehr für Jungs denn für Mädchen, das hatte er nicht erst gestern bemerkt. Warum sollte er hier nicht zufällig an jemanden geraten sein, dem es ebenso ging? Vincent war erstens alles andere als unattraktiv und zweitens niemand, der einen mit Tripper und Sackflöhen zu beglücken drohte. Nur daß er anscheinend gelegentlich mal zu fragen vergaß.
Rocks Finger zitterten so sehr, daß er seine Hose kaum aufbekam. Wovor hatte er mehr Angst – davor, daß Vincent ihm mit Gewalt seine Unschuld nehmen würde, oder davor, daß Rock im Begriff war, das zuzulassen? Und wenn er jetzt ablehnte? Würde er nicht einfach nur rausfliegen und fertig? Er hatte doch noch nichts erfahren, weswegen die ihn nicht mehr gehen lassen konnten. Daß hier leichte Drogen vertickt wurden, war keine Information, mit der Rock irgend jemanden hinterm Ofen hervorlocken konnte. Wenn er sich verweigerte, könnten die Devils ihn in hohem Bogen rauswerfen. Und das wäre doch wohl allemal besser als das, was hier gleich abging! Klar suchte er Freunde. Aber was waren das für Freunde, die …? Wie sollte er, nachdem ihm das widerfahren war, den Devils in die Augen sehen können? Oder gar Vincent?
Oder seinem eigenen Spiegelbild?
Da wäre ein Rauswurf doch das beste, was ihm passieren konnte!
Warum nestelte er dann immer noch an seinem Gürtel herum und streifte schließlich die Hosen von seinem knackigen kleinen Hintern?
Ja, er interessierte sich für Jungs, aber Erfahrungen hatte er noch keine. Das … das mußte doch wehtun, oder? Würde er sogar bluten? Und … und was war denn … na ja … mit der normalen Funktion jener Körperöffnung? Wurde man davon vielleicht inkontinent? Darüber macht man sich keine Gedanken, wenn man einem hübschen Kerl hinterherguckt. Darüber macht man sich erst Gedanken, wenn es zu spät ist.
Rock schaffte es nicht einmal ansatzweise, seine Panik zu kaschieren, doch Vincent weidete sich nicht daran. Es dauerte einige Zeit, aber schließlich kauerte Rock, ein bebendes Häufchen Elend, verkrampft in der geforderten Position.
Irgendwo draußen jaulte die Sirene eines Krankenwagens. Irgendwo drinnen schlug eine Tür zu. Das Leder seiner Hose knarrte leise, als er ein Bein bewegte. Gebannt verfolgte Rock ein Stäubchen, das vor seinen Augen tanzte.
„Steh auf und zieh dich wieder an.“
„… was?“
„Sag mal, hast du was an den Ohren?!“
„Äh … nein, Sensei. Verzeihung!“ Auf die Füße springen und den Unterleib verbarrikadieren benötigte kaum ein Hundertstel der Zeit, die Rock zum Befolgen des ersten Befehls gebraucht hatte.
Nur ein Test … nur ein Test … nur ein … verdammter, beschissener Test!
„Na gut, Rock Harvard-san. Gehen wir zu Vicious.“
Viel schlimmer … viel schlimmer konnte es doch nicht mehr werden, oder?
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