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Block King Kong

von Jadina
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Het
Chiyo Shuzenji / Recovery Girl Chizome Akaguro / Stain OC (Own Charakter) Tensei Iida / Ingenium Tenya Iida
01.01.2021
19.06.2022
29
102.620
9
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Dieses Kapitel
1 Review
 
10.07.2021 3.536
 
~~ Kapitel 9: Chaos voraus ~~



Mein erster Gedanke am Sonntagmorgen galt meiner besten Freundin. Ich konnte es kaum erwarten, sie anzurufen und ihr von meiner Verabredung zu berichten.

Mein zweiter Gedanke galt Naeko. Sollte ich sie ebenfalls anrufen? Konnte ich Schadensbegrenzung betreiben? Es existierte keine neugierige Nachricht von ihr im Messenger, also war vielleicht alles halb so wild. Abgesehen davon, interessierte es mich auch, um wen es sich bei ihrer Begleitung handelte. Ich hatte immer angenommen, ihr Liebesleben wäre derzeit nicht existent.

Guter Laune schlurfte ich ins Bad und unter die Dusche, anschließend hinunter in die Küche, wo ich mir zum Frühstück Rühreier einverleibte. Anschließend setzte ich eine Kanne Tee auf und rief Hidemi an.

„Wie war es? Hat er sich anständig benommen? Habt ihr euch geküsst? Habt ihr miteinander geschlafen?“, sprudelte es zur Begrüßung aus ihr heraus.

Nur bei dem Gedanken daran, dass wir theoretisch hätten in der Kiste landen können, wurde mir ganz anders zumute. Schnell antwortete ich: „Nein, wir hatten keinen Sex, und nein, wir haben uns nicht geküsst. Nicht richtig. Zur Verabschiedung habe ich einen Kuss auf die Wange bekommen.“

„Das zählt nicht!“, lautete Hidemis Kommentar. „Wow, also war das echt eine anständige Verabredung? Ich dachte immer, Helden wären nur auf schnelle Nummern aus.“

„Scheint bei ihm nicht so zu sein“, entgegnete ich und berichtete ihr im Anschluss, worüber wir während der Verabredung so alles gesprochen hatten.

Danach war es kurz erst einmal still am anderen Ende der Telefonleitung. Schließlich meinte meine beste Freundin: „Nichts für ungut, Mika, aber ich habe das Gefühl, dass dieser Tensei ein Volltreffer sein könnte. Seine Arbeit verkompliziert die Sache zwar enorm, aber ...“

„Ich weiß!“ Fast hätte ich geseufzt. „Wenn nur das nicht wäre, könnte es so einfach sein!“

Wir rollten diesen Sachverhalt noch einige Mal von rechts nach links, kamen aber zu keinem vernünftigen Schluss. Letzten Endes würde ich erst einmal abwarten, wie sich das zwischen ihm und mir entwickelte.

Nachdem ich aufgelegt hatte, stutzte ich. Das Anklopfzeichen, wenn ich während eines Telefonats von jemand anderem angerufen wurde, schaltete ich grundsätzlich stumm. Umso erstaunter blickte ich nun aufs Display. Der Name meines Chefs blinkte auf.

Ein Anruf von der Tōdai. An einem Sonntag ...

Fieberhaft überlegte ich. Hatte einer meiner Studenten wegen der korrigierten Hausarbeiten Beschwerde beim Prüfungsamt eingelegt? Aber dann würden die sicherlich eine E-Mail schicken und nicht am Wochenende persönlich anrufen.

Es musste wichtig sein. Sehr wichtig! Anders konnte ich mir dieses seltsame Verhalten meines Arbeitgebers nicht erklären.

Der Dekan des Fachbereichs Naturwissenschaften, zu denen untergeordnet auch die Toxikologie gehörte, ging nicht direkt dran. Als er sich meldete, klang er ziemlich außer Atem. Er entschuldigte sich sofort: „Shuzenji-hakase, es tut mir schrecklich leid, Sie an einem Sonntag anzurufen. Sie müssen unbedingt in die Tōdai kommen! Die Polizei braucht Informationen von Ihnen.“

Ich stutzte und runzelte die Stirn. „Die Polizei?“

„Ja, genau. Aber das sollte ich Ihnen besser nicht am Telefon erklären. Kommen Sie einfach zu meinem Büro! Es muss nicht jetzt gleich sein, die Spurensicherung ist noch tätig, aber im Laufe des Mittags wäre ein guter Zeitpunkt“, fuhr er fort.

„In Ordnung. Ich komme später vorbei“, sagte ich zu. Nachdem er aufgelegt hatte, starrte ich noch eine halbe Ewigkeit lang auf das Display, bei dem sich die Tastensperre automatisch einschaltete.

Was war geschehen, dass der Dekan mich am Wochenende einbeorderte? Polizei? Spurensicherung? War jemand eingebrochen? In den Trakt der Naturwissenschaften?

Darüber grübelte ich noch nach, während ich schon umgezogen im Auto saß und zu meiner Arbeitsstätte fuhr. In den Naturwissenschaften gab es Labore, in denen selbstverständlich auch Versuche gemacht wurden. Es wäre möglich, dass Schurken dort eingebrochen waren, um Chemikalien zu entwenden. Aber was hatte das mit mir im Speziellen zu tun?

Diese Frage sollte mir alsbald beantwortet werden. Nachdem ich in der Tiefgarage geparkt hatte, suchte ich wie besprochen das Büro des Dekans auf. Bereits im Trakt der Naturwissenschaften traf ich jede Menge Polizisten an. Einer von ihnen hielt mich an, weshalb ich ihm meinen Mitarbeiterausweis zeigte. Er eskortierte mich dann zu meinem Zielort.

Der Dekan, Herr Ikamura Tatsuya, saß mit einem Mann zusammen. Die beiden unterhielten sich mit gedämpften Stimmen, verstummten aber sofort, als ich eintrat. Der Dekan blickte auf. Erleichterung zeichnete sich schlagartig in seinem Gesicht ab.

„Shuzenji-hakase! Danke, dass Sie so schnell kommen konnten.“ Er stand auf, umrundete seinen Schreibtisch und stellte mich dem anderen Mann vor. „Tomioka-san, dies ist Doktor Shuzenji Mika. Das betroffene Büro teilt sie sich mit einem Kollegen, der derzeit im Ausland ist. Shuzenji-hakase, dies ist Inspektor Tomioka.“

Höflich verneigte ich mich zur Begrüßung. Da der Inspektor mich bat, ihn zu meinem Büro zu begleiten, der Dekan aber nicht mitkam, trat eine unangenehme Stille ein. Je näher wir meinem Büro kamen, desto eher hegte ich das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Dieses Gefühl erwies sich als goldrichtig. Als wir dort ankamen, verschlug es mir für einen Moment die Sprache.

Die Tür war aus den Angeln gehoben worden und lag achtlos irgendwo auf dem Gang herum. Brandspuren kennzeichneten sie und ein muffiger Geruch nach Asche lag in der Luft. Wir durften den Raum nicht einfach so betreten, da die Leute von der Spurensicherung dort arbeiteten, aber trotzdem konnte ich das Chaos sehen. Sämtliche Schubladen an allen Möbeln waren aufgerissen worden. Papier flog kreuz und quer umher, lag auf den Tischen, auf dem Boden, einfach überall. Okumuras Stuhl lag völlig demoliert auf dem Boden, meiner glich nur noch einem Häufchen Asche.

„Ich habe mir vom Dekan sagen lassen, dass in der Toxikologie wesentlich weniger Personen studieren als in den anderen Fachbereichen ihrer Fakultät. Da sie auch noch im hinteren Teil des Gebäudes gelegen sind, also weniger einfach zugänglich, war dies wohl keine zufällige Randale“, erklärte Tomioka mir. „Vielmehr wirkt es, als hätte der Einbrecher gezielt nach etwas gesucht. Haben Sie eine Vermutung, was es sein könnte?“

„Nicht im Geringsten“, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen. Ich bewertete Klausuren und Hausarbeiten immer fair. Natürlich waren Studenten manchmal unzufrieden. Aber würde einer von ihnen wegen einer von seiner Erwartung abweichenden Bewertung so ein Chaos verursachen?

Eine Mitarbeiterin der Spurensicherung erschien neben uns. Auf ihr Geheiß hin schlüpften wir mitsamt Schuhen in Plastiküberzüge, setzten Haarnetze auf und zogen Latexhandschuhe über. Anschließend betraten wir das Büro.

„Bitte sehen Sie nach, ob Ihnen etwas fehlt“, bat der Inspektor mich.

Langsam ließ ich den Blick durch mein Büro wandern. Die Fachbücher waren zwar aus dem Regal gerissen worden, aber die wenigen, die mir gehörten, erkannte ich auf Anhieb. Davon fehlte keines. Klausuren hatte ich keine mehr zu korrigieren. Der Wust an Papier gehörte größtenteils Okumura.

Ich versuchte angestrengt mich zu erinnern, was ich an wichtigen Unterlagen im Büro lagerte. Meistens tat ich das nicht. Aber ich hatte plötzlich eine innere Eingebung, die mich dazu brachte, die Schubladen meines kleinen Aktenschranks sorgfältiger unter die Lupe zu nehmen.

Meine Eingebung wurde bestätigt. Ich schluckte schwer. Natsuos Mappe fehlte! Ich hatte sie Tanaka nie zurückgegeben, damit sie nicht versehentlich damit auf dem Campus erwischt wurde.

Das konnte ich dem Inspektor aber keineswegs sagen. Wie sollte ich ihm erklären, warum sich eine Mappe in meinem Büro befunden hatte, in der Zeitungsartikel über Stains Anschläge gesammelt waren? Nein, das musste ich für mich behalten. Die Brandspuren passten zwar zu Natsuo, aber selbst wenn ich richtig lag, dann war er sowieso schon über alle Berge. Mit dem Kerl stimmte etwas nicht. Gut, dass Tanaka keinen Kontakt zu mehr zu ihm hielt.

„Nein, es fehlt nichts, Tomioka-san“, log ich den Inspektor an, nachdem ich alibihalber auch meine Ablage durchgesehen hatte.

Tomioka nahm es so hin und entgegnete, ich könnte wieder zum Büro des Dekans gehen. Ein Kollege würde dort noch ein paar Angaben brauchen. Während ich also mit Plastik an den Füßen, an den Händen und auf dem Kopf durch den Gang lief, ratterten meine Gedanken.

Der Täter konnte nur dieser Natsuo gewesen sein. Wer sonst sollte ausschließlich die Mappe mitgehen lassen? Aber eine Sache verstand ich nicht. Woher hatte Natsuo gewusst, dass sich seine Mappe in meinem Büro befand? Er kannte mich doch gar nicht!

Zwangsläufig ließ das nur einen Schluss zu: Er musste Tanaka irgendwie dabei beobachtet haben, wie sie Kontakt zu mir gesucht hatte. Nach ihrer kleinen Auseinandersetzung hatte er dann wohl eins und eins zusammengezählt, wobei ich es recht mutig fand, gleich einen Einbruch zu begehen.

Die Sicherheitsvorkehrungen in der Tōdai fielen nicht gerade lasch aus. Natsuo musste entweder sehr durchtrieben oder ein sehr guter Schurke oder beides sein, wenn er an den Hausmeistern, dem Wachpersonal und den Kameras ungesehen vorbeigekommen war.

Vor dem Büro des Dekans entledigte ich mich des ganzen Plastiks. Ikamura sah weniger blass aus als zuvor, aber schrecklich müde, wie er da in seinem Stuhl hing. Er wurde gerade befragt, doch kaum, dass ich eintrat, wandte der Beamte sich mir zu.

Geduldig beantwortete ich alles, was ich ohne Umschweife beantworten konnte. Es ging vor allem darum, wann ich das letzte Mal im Büro gewesen war, ob ich etwas Ungewöhnliches bemerkt hatte und so weiter. Nach einer halben Stunde endete mein Verhör und ich konnte gehen.

„Ich informiere Herrn Okumura, sobald er wieder im Lande ist“, sagte der Dekan zur Verabschiedung zu mir. Das kam mir gelegen. Ich verstand mich gut mit meinem Kollegen, aber ich wollte wirklich nicht diejenige sein, die ihm von der Demolierung seines Büros berichtete.

Sobald ich wieder im Auto saß, wartete die nächste Überraschung des Tages auf mich. Naeko hatte zweimal angerufen und anschließend eine Nachricht geschickt.

„Wo bist du?“, las ich laut vor. Ich schickte ihr zurück, ich wäre unterwegs gewesen und nun auf dem Heimweg.

Ihre Antwort kam sofort. »Gut. Ich warte seit einer halben Stunde vor deinem Haus. Wir müssen reden!«

Ein ungutes Gefühl beschlich mich. Bestimmt forderte sie das wegen meiner Verabredung mit Tensei. Es fehlte nur noch, dass sie es bereits Daisuke und Tanaka erzählt hatte. Aber von deren Seite blieb es glücklicherweise still. Laut ihrem Status schien Tanaka sich gerade nicht mal in der Präfektur zu befinden. Zumindest hatte sie etwas gepostet, das nach einer Sehenswürdigkeit in Ōsaka aussah.

Während der Rückfahrt nach Hause bekam ich Magenschmerzen. Einerseits war das sicher dem Hunger geschuldet. Langsam rief meine innere Uhr nach einem Mittagessen. Andererseits wusste ich, dass es an dem bevorstehenden Gespräch mit Naeko lag.

Wie sollte ich ihr die Sachlage erklären, wenn ich selbst nicht einmal wusste, was genau mit mir nicht stimmte?

Das Unwohlsein verstärkte sich nur noch mehr, als ich vor meinem Haus parkte, ausstieg und sie auf der Bank in meinem Garten sitzen sah. Vermutlich war sie einfach über das Tor geklettert. Da niemand die Polizei gerufen hatte, schienen weder die Itōs noch Herr Minamisaki zu Hause zu sein.

Naeko sah ungewohnt ernst aus. Die Haare hatte sie zu einem strengen Pferdeschwanz zurückgebunden. Im Sonnenlicht glänzten ihre Augen wie Onyxe. Niemand sonst besaß so dunkle Augen. Am heutigen Tag schien die Schwärze mich regelrecht zu verschlucken.

„Hallo Mika“, sagte sie in bemüht normalem Tonfall.

„Hallo Naeko.“ Dieses Aufeinandertreffen fühlte sich jetzt schon seltsam an. „Warum hast du so lange vor meinem Haus gewartet?“

„Ich dachte, du bist da und willst mir nur nicht aufmachen. Das Licht in der Küche ist an.“ Sie zeigte mit dem Finger auf das entsprechende Fenster. „Wo warst du?“

„In der Universität. Jemand ist in mein Büro eingebrochen“, berichtete ich ihr. „Ich vermute, es hat mit diesem Kerl zu tun, hinter dem Tanaka neulich her war. Ich habe eine brisante Mappe von ihm dort gehortet. Die ist jetzt weg. Aber das lässt sich nicht ändern und ist auch kein Weltuntergang.“

„Oh.“

Gemeinsam zogen wir die Schuhe aus und betraten den Flur. Ich legte meine Tasche weg, ging in die Küche, schaltete das Licht aus und holte Getränke für uns. Naeko, die sich sonst immer sofort aufs Sofa fläzte, stand im Wohnzimmer herum. Die Arme verschränkte sie wie einen Schild vor der Brust.

Ich schenkte uns ein und setzte mich. Dann brach es aus ihr heraus: „Wieso warst du gestern mit Ingenium in diesem Restaurant?“

Sie hatte ihn also erkannt. Was sollte ich antworten? Die Wahrheit? Dass ich derzeit nicht wusste, was da zwischen ihm und mir lief? Nein, das würde sie nicht verstehen. Sie war nicht Hidemi.

„Ich habe ihn als mögliches Ziel von Block King Kong vor Augen. Zufälligerweise habe ich ihn bei dieser Wohltätigkeitsgala kennengelernt. Ich dachte, das wäre eine gute Möglichkeit, um an Informationen zu kommen“, offenbarte ich die halbe Wahrheit und hoffte, sie würde die verschwiegene Hälfte nicht erahnen.

Eine gefühlte Ewigkeit lang sagte Naeko gar nichts. Schließlich warf sie mir vor: „Mein Gefühl sagt mir gerade, dass du mir etwas verschweigst.“

Verdammt!

„Weißt du, Mika, ich würde mir nicht so große Sorgen machen, wenn du einfach ganz normal reagiert hättest. Klar, dass du überrascht warst, mich dort zu sehen. Ich treibe mich ja nicht jeden Tag in Tokyo herum. Aber du hast so entsetzt dreingeschaut, als hätte ich dich bei etwas Verbotenem erwischt. Das ist es, was mir Bauchschmerzen macht.“ Sie trat einen großen Schritt auf mich zu und automatisch erhob ich mich. „Denkst du darüber nach, mit Block King Kong aufzuhören?“

„Was?“, japste ich. „Nein! Was zur ... Nein, Naeko! Das ist lächerlich!“

Ihre Oberlippe kräuselte sich ein wenig. „Wie oft hast du dich mit Ingenium schon privat getroffen? Ihr wirkt sehr vertraut miteinander.“

„An diesem Abend zum ersten Mal“, antwortete ich aufrichtig. Weil sie nicht überzeugt dreinsah, setzte ich hinterher: „Frag Hidemi, wenn du mir nicht glaubst! Sie weiß Bescheid. Ich hatte sie beauftragt, sein Profil in der Heldenkartei abzurufen.“

Dies wiederum schien sie etwas zu besänftigen. Sie blickte nicht mehr ganz so misstrauisch drein wie zuvor, als sie meinte: „Mir gefällt nicht, wie er dich angesehen hat, Mika. Bitte sei vorsichtig! Nicht, dass du da in etwas reinrutschst, aus dem du nicht wieder rauskommst.“

„Ich werde mir Mühe geben, alles im Lot zu halten“, versicherte ich ihr, obwohl ich nicht den blassesten Schimmer besaß, wie ich das eigentlich hinkriegen sollte. Die Situation war schon an sich prekär genug. Mit ihr als Zeugin bekam der Sachverhalt noch einen ganz anderen Beigeschmack.

Inzwischen schien ihr Unmut abgeflaut zu sein. Das schloss ich jedenfalls daraus, dass sie sich nicht mehr vor mir aufbaute, sondern sich neben mich setzte und einigermaßen friedlich meinte: „Halte mich auf dem Laufenden, ja? Wenn du Hilfe brauchst, bin ich zur Stelle!“

Das war meine Naeko, meine Judoka, meine Mitstreiterin. Obwohl ich sie aus vielen Dingen heraushielt, um sie zu schützen, konnte ich mich immer auf ihre Unterstützung verlassen.

Da das Thema mit Tensei somit ein Ende fand, erachtete ich es nun als die passende Gelegenheit, um sie auszufragen. Also wollte ich wissen: „Wer war eigentlich der Kerl, mit dem du im Restaurant warst?“

Augenblicklich räusperte sie sich verlegen. „Ach der. Er heißt Ryota. Er kommt manchmal ins Wettbüro.“ Ich musste ziemlich entsetzt gucken, jedenfalls versicherte sie mir sofort: „Er ist kein Stammkunde, der all seine Kohle verprasst. Keine Sorge!“

„Wie kommt es, dass du mit ihm ausgegangen bist?“, fragte ich neugierig. Normalerweise hielt Naeko sich von ihrer Kundschaft fern. Die zeichnete sich ja auch meist durch zwei Eigenschaften aus: versoffen und pleite.

„Er hat gefragt.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Nicht so wie die Idioten, die dich nur rumkriegen wollen, sondern ganz normal. Ob er mich mal einladen darf. So eben.“

Ich überlegte zu fragen, ob sie sich etwas Ernstes mit ihm vorstellen konnte, tat es jedoch nicht. Sie wirkte nicht besonders angetan, wenn sie von ihm sprach. Naeko war während ihrer Zeit bei Block King Kong zweimal richtig heftig verliebt gewesen. Ich wusste, wie sie dann guckte. Das schien hier nicht der Fall zu sein.

„Männer sind komisch.“ Naeko schenkte sich Wasser nach. „Ich verstehe Männer nicht.“

Zu gerne hätte ich ihr erzählt, dass es auch andere Männer gab. Solche, die zuhören konnten. Die nicht nur von sich selbst redeten und mit ihren Erfolgen prahlten, als hinge ihr Leben davon ab. Die sich auch für ihr Gegenüber interessierten. Aber leider konnte ich das in Anbetracht unseres vorigen Gesprächs nicht.

„Ja, Männer sind komisch“, stimmte ich einfach zu. „Manchmal will ich sie auch gar nicht verstehen.“

„Ich glaube, das mit Ryota ist dumm von mir. Es war ein netter Abend, aber nett ist eben nur die kleine Schwester von du weißt schon. Schmetterlinge? Fehlanzeige!“ Sie lächelte gequält. „Hoffentlich hat er das auch gemerkt und macht sich jetzt keine falschen Hoffnungen. Das wäre blöd.“

Ich musste auflachen, was sie verdutzt dreinsehen ließ. Naeko war achtundzwanzig Jahre alt, groß, schlank und sportlich. Die dunklen Augen ließen sie geheimnisvoll wirken. Obwohl sie eine aufrichtige, verträumte Seele war, gab es Momente, in denen man nicht erahnen konnte, was sie dachte. Ihr Lachen klang unfassbar sympathisch. Ich kannte keinen Mann, wirklich keinen, der nicht alles dafür geben würde, ihr Herz für sich zu gewinnen.

„Was?“, fragte sie, weil ich noch eine ganze Weile vor mich hin gluckste.

Amüsiert wiegelte ich ab. „Nichts!“

Sie musste es irgendwie in den falschen Hals gekriegt haben, jedenfalls brummte sie: „Es kann halt nicht immer wie in Liebesfilmen sein. Hattest du noch nie ein Date, das einfach nur okay war? Nicht schrecklich, aber auch nichts Besonderes?“

Beherzt nickte ich. „Doch, klar! Aber deshalb lache ich nicht. Ich denke nur bloß, dass dieser Ryota sich auf jeden Fall Hoffnungen machen wird. Wer würde das nicht? Du bist eine wundervolle Frau!“

Naeko lief rot an und sah weg. „Wir sollten ihn Hidemi vorstellen. Er ist ein netter Kerl. Vielleicht funkt es ja zwischen den beiden.“

Unwillkürlich musste ich an Sleimok denken und an das, was meine beste Freundin in näherer Zukunft noch bevorstand. Naeko hingegen schien nichts von der Anzeige zu wissen. Das verwunderte mich. Hatte Hidemi es den anderen Mitgliedern nicht erzählt? Zumindest bei Daisuke erwartete ich das. Wegen der gemeinsamen Wohnung musste ihm zwangsläufig auffallen, dass Hidemi neuerdings nicht mehr zur Arbeit ging. Wenn Naeko es aber nicht wusste, so war Tanaka vermutlich auch nicht informiert.

„Ach, ich glaube, die hat gerade genug an der Backe“, sagte ich, ohne Details zu verraten. „Du kannst ihn dir ja warmhalten. Vielleicht funkt es beim zweiten oder dritten Date.“

„Hauptsache ist, es funkt nicht bei dir und Ingenium“, neckte sie mich zurück und stand auf. „Danke für das Gespräch, Mika. Ich will dich nicht weiter stören. Du wurdest schließlich schon deines halben Sonntags beraubt.“

„Du störst nicht“, versicherte ich ihr, aber das hielt sie nicht davon ab, zwanzig Minuten später mein Haus zu verlassen.

Nachdem sie gegangen war, zauberte ich mir in der Küche irgendetwas halbwegs Essbares auf den Teller, aß in Windeseile und ging anschließend hinunter in mein Labor.

Das Gespräch mit Naeko hatte mir die Augen geöffnet. Egal, wie sympathisch ich Tensei fand, er war immer noch ein Held auf meiner Abschussliste. Ich hatte ihn damals nicht umsonst ausgewählt und Hidemi zwecks Informationsbeschaffung beauftragt. Wenn ich es auch nur ansatzweise ernst mit Block King Kong meinte, durfte ich mich nicht von meinen verrückt spielenden Hormonen beeinflussen lassen.

Ingenium gehörte getötet!

Seine Spezialität bestand aus Motoren in seinen Armen. Ein Gift würde mir nicht dabei helfen, dieser übernatürlichen Fähigkeit den Garaus zu machen. Wie sollte das funktionieren? Ich wusste ja nicht, woraus die Motoren ihre Energie speisten, also konnte ich nichts hineinkippen, das den Kreislauf zerstörte.

Bei seiner Ermordung an sich würde ein Gift mir hingegen sehr wohl helfen. Normalerweise war es schwierig, Zielpersonen von Block King Kong zu vergiften. Da ich ihn allerdings persönlich kannte, traf in diesem Fall der Umkehrschluss zu.

Am besten würde ein Gift funktionieren, das zeitversetzt wirkte. Einige Stunden später, nachdem ich es ihm verabreicht hatte, wäre ich längst gegangen und damit wären alle Spuren verwischt. Ich besaß so ein Gift. Eine eigene Kreation, die den einfallslosen Namen S14 trug.

In meinen Überlegungen fehlte nur noch ein geeigneter Tatort. Es musste etwas möglichst ohne Zeugen sein. Da es schwierig sein würde, einen Ort in Tokyo zu finden, an dem keine anderen Menschen uns beobachteten und von dem ich schnell fliehen konnte, musste ich die Sache umkehren. Ich brauchte einen Ort, an dem sich so viele Menschen herumtrieben, dass niemand groß auf uns achtete.

Es dauerte eine Weile, aber bald kam mir eine Idee. Ich kannte da eine Bar in Shibuya, in der ich mich einmal mit einem Händler vom Schwarzmarkt getroffen hatte, um Schusswaffen für Daisuke und mich zu kaufen. Wenn ich dem Barkeeper genug Kleingeld in die Hand drückte, würde er das Gift sicher für mich in Tenseis Drink kippen. Anschließend würde ich nur noch dafür sorgen müssen, dass er sich an einem uneinsehbaren Ort befand, sobald es zu wirken begann.

Erschreckend schnell stand ich wieder im Wohnzimmer und hielt mein Handy in der Hand. Ich pfiff auf diese sogenannte Drei-Tage-Regel. Die war sowieso dämlich! Ich brauchte auch nicht auf seinen Anruf zu warten. Ich war eine erwachsene Frau.

Meine Hände zitterten, während in der Leitung das Freizeichen ertönte, und mein Herz klopfte rasend schnell, als sich seine Stimme meldete. Wir verabredeten uns für nächsten Freitagabend.

Jetzt gab es kein Zurück mehr.


~~*~~*~~


Preview: Mika trifft sich mit Tensei in einer ominösen Bar in Shibuya. Welche Rolle spielt der Barkeeper? Kann sie sich zu einer Fahrt mit dem Nachtbus überwinden? Wird sie Tensei tatsächlich vergiften? Das alles erfahrt ihr in Kapitel 10: Der Tanz bei Nacht. Bis dahin – Plus Ultra! ;D
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