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Block King Kong

von Jadina
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Het
Chiyo Shuzenji / Recovery Girl Chizome Akaguro / Stain OC (Own Charakter) Tensei Iida / Ingenium Tenya Iida
01.01.2021
11.01.2022
19
68.053
8
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Dieses Kapitel
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01.07.2021 3.567
 
~~ Kapitel 8: Rendezvous mit einem Helden ~~



Zu sagen, ich wäre nervös, fühlte sich schon beinahe untertrieben an. Paranoid traf es besser. Einfach lächerlich! Absolut lächerlich, wie ich an dem Verschluss meiner Handtasche herumspielte, während ich vor dem Restaurant auf Tensei wartete.

Dieses Lokal war sein Vorschlag gewesen. Sich hier zu treffen, darauf hatte ich bestanden. Eigentlich hatte er mich abholen wollen, aber ich wollte nicht, dass er meine Adresse kannte. Dazu erschien mir das alles als viel zu neu und unbeständig und bescheuert.

Neuerdings ging das Licht an meinem Auto nicht mehr, weshalb ich mit dem Taxi gefahren war. Wahrscheinlich würde mir die Werkstatt bald vorschlagen, ich sollte mich nach einem neuen Wagen umsehen. Dieser Gedanke tat weh. Ich liebte meinen Sirion.

Für einen Abend im April schien die Sonne noch ungeahnt warm. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite konnte ich auf einem Fernseher in einem Schaufenster die Nachrichten sehen. Gestern hatte die Schurkenliga einen Anschlag auf die Klasse 1-A der Heldenabteilung der Yūei verübt. Es handelte sich um die Topmeldung schlechthin. Alle Welt fragte sich, wie zur Hölle die Schurken auf das Schulgelände gelangen konnten.

Natürlich hatte All Might, die Nummer eins der professionellen Helden und neuerdings Lehrer an der Yūei, seine Klasse gerettet. Der Klassenlehrer Eraser Head war bei dem Attentat allerdings fast draufgegangen.

Heimlich und ziemlich böse dachte ich, dass die Liga All Might ruhig hätte ausschalten können. Ich fand ihn zwar nur halb so unsympathisch wie Endeavor, aber trotzdem blieb er ein dämlicher Held. Seine Markenzeichen – das überbreite Grinsen und dieser bescheuerte Spruch – gingen mir einfach nur auf die Nerven. Wenn ich seinen Namen schon hörte, wünschte ich mir, er würde abkratzen.

Jedoch erwischte ich den ungünstigsten Zeitpunkt überhaupt, um dermaßen über Helden zu sinnieren. Genau in diesem Moment sah ich nämlich einen Helden auf mich zukommen. Einen, der ziemlich gut aussah und dessen Lächeln meine Beine zu Pudding werden ließ.

Es war amtlich – ich hatte den Verstand verloren! Wo versteckte ich noch einmal diese bunten Pillen?

„Shuzenji-hakase, danke, dass Sie gekommen sind.“ Tensei verbeugte sich zur Begrüßung. „Ich hoffe, dieses Restaurant ist in Ordnung. Ich kenne die Besitzer und ... Na ja, sie werden hoffentlich keine Leute von der Presse neben uns gesetzt haben.“

Meine nervige, teeniehafte Euphorie erhielt den nötigen Dämpfer. Daran hatte ich gar nicht gedacht! Auch wenn Tensei mir am Abend der Gala versichert hatte, dass er selten in Talkshows auftrat und deshalb nicht jeder ihn gleich erkannte, so war er trotzdem kein Unbekannter. Wenn ich morgen auf der Titelseite einer Klatschzeitung erschien, konnte ich mich gleich selbst vergiften. Von dieser Verabredung wusste nämlich immer noch keiner meiner Mitstreiter abgesehen von Hidemi.

„Es ist absolut in Ordnung, Iida-san“, beruhigte ich ihn. Da ich eine Viertelstunde zu früh gewesen war, hatte ich in aller Ruhe die ausgehängte Speisekarte überblicken können. Es gab einige Gerichte, die meinem Geschmack entsprachen. „Sie müssen mich übrigens nicht ständig mit meinem Titel ansprechen. Da fühle ich mich wie auf der Arbeit.“

„Alles klar. Ich werde mir Mühe geben, daran zu denken“, versicherte er mir.

Tensei hielt mir die Tür auf, als wir eintraten, und nahm mir auch meine Jacke ab. Das Lokal erwies sich als kleiner als erwartet. Der herbei geeilte Kellner begrüßte Tensei zwar höflich mit Anrede, aber doch irgendwie in vertrautem Tonfall. Diverse Pflanzen verliehen dem Restaurant einen üppigen Dekor. Wir bekamen einen Tisch hinter einer Reihe Vasen mit Schilfgras, das uns etwas von den anderen Gästen abschirmte.

Wir setzten uns und bestellten unsere Getränke. Erst danach fielen mir die Augenringe in seinem Gesicht auf. Einen Moment lang sahen wir einander schweigend an. Dann fragte ich: „Müde?“

Er blinzelte und wich aus: „Harter Tag.“

„Großen Schurken dingfest gemacht?“ Diesem halbherzigen Gespräch wohnte eine Spur von vertrauter Zwischenmenschlichkeit inne, die ich nicht beschreiben konnte.

„Nein.“ Er schüttelte den Kopf.

Unsere Getränke kamen an den Tisch. Weil ich die Speisekarte bereits überflogen hatte, konnte ich bestellen, ohne einen einzigen weiteren Blick in die Karte zu werfen. Tensei tat es mir gleich. Wenn er öfter herkam, besaß er wahrscheinlich Lieblingsgerichte.

Wie bei der Gala auch, herrschte für einen Augenblick Stille zwischen uns, die mir ein unangenehmes Gefühl bescherte. Es handelte sich nicht um dieselbe Art von Stille, wie ich sie beispielsweise mit Daisuke ohne Anstrengung ertragen konnte.

„Es wäre nicht schlimm gewesen, Sie hätten abgesagt, wenn Sie sich heute nicht gut fühlen, Iida-san“, sagte ich plötzlich.

Mindestens so sehr, wie ich mich selbst über meine Worte wunderte, überraschten sie ihn. Schnell entgegnete er: „Nein! Um ehrlich zu sein, habe ich mich schon den ganzen Tag lang auf das Treffen mit Ihnen gefreut.“

Das vage Lächeln kam mir zumindest ehrlich vor. Vielleicht war er auch einfach überarbeitet oder hatte Kopfschmerzen. Ich musste ja beinahe dankbar dafür sein, heute keinen Besuch meiner Migräne erhalten zu haben. Meinerseits hatte ich nicht damit gerechnet, dass er das Thema doch vertiefen würde.

„Ich nehme an, Sie haben von dem Angriff auf die Yūei gehört?“ Da ich nickte, fuhr er fort: „Die betroffene Klasse ist die meines kleinen Bruders Tenya. Es geht ihm gut, er ist nicht verletzt worden. Aber das hat mich doch mehr mitgenommen, als ich dachte.“

Ich sah die Bilder aus den Medien vor mir. Das zerstörte U.S.J., von dessen Eröffnung meine Großmutter mir damals so stolz berichtet hatte. Die unzähligen, festgenommenen Schurken. Die Schüler, die teilweise im Hintergrund herumliefen. Man hatte keinen von ihnen vor die Kamera gelassen, aber wenn sie zufällig auf dem Bild auftauchten, stand ihnen der Schreck ins Gesicht geschrieben.

Ich konnte ihn verstehen. Wirklich! Die Sorge um seinen Bruder war mehr als nur legitim. Brüder bedeuteten etwas Besonderes, egal, ob jünger oder älter. Einen Bruder konnte man nicht ersetzen.

„Ich verstehe das.“ Vorsichtig streckte ich den Arm aus und berührte seine Hand. „Ich bin froh, dass ihm nichts passiert ist.“

Sanft hielten seine Finger meine fest, als er sagte: „Diese Sache mit der Schurkenliga macht mich nicht nur als Held wütend, sondern auch als Bruder. Zum Glück hat er direkt danach angerufen. Tenya tut immer so erwachsen, aber eigentlich ist er noch ein Kind. Ich dachte, in der Yūei wäre er sicher. Muss ich mir jetzt ständig Sorgen um ihn machen?“

In Augenblicken wie diesen wünschte ich mir mehr als alles andere, dass mein Bruder noch am Leben wäre. Ich würde dieses Gefühl wirklich gerne teile können. Doch ich vermochte es nur noch in der Vergangenheitsform nachzuvollziehen.

„Ich denke nicht. Wie auch immer sie beim ersten Mal durch die Sicherheitsbarriere gekommen sind, ein zweites Mal wird die Liga es nicht auf das Schulgelände schaffen. Das Personal der Yūei wird alle Vorkehrungen treffen, die nötig sind, um die Schurken draußen zu halten.“

Ich gab mir alle Mühe, ihn aufzumuntern. Es funktionierte. Sein Lächeln strahlte schon wieder etwas mehr.

„Danke, Shuzenji-san. Lassen Sie uns über etwas anderes reden! Ich habe Sie ja nicht eingeladen, weil ich mich über meine Familiensorgen beschweren will. Ich will Sie kennenlernen!“

Der Stich in der Brust, den ich verspürte, kam ungeahnt heftig. Ich identifizierte mich zwar nicht als Schurkin, aber ich war kein unbeschriebenes Blatt. Allerdings konnte ich ihm das kaum offenbaren. Es galt also, das Spiel mitzuspielen, auch wenn ich es nicht ganz fair spielen würde.

„Ich fürchte, ich bin kein spannender Mensch“, wollte ich abwiegeln.

Jedoch machte er mir da einen Strich durch die Rechnung. Spitzbübisch funkelten seine Augen. „Das glaube ich kaum. Was machen Sie in Ihrer Freizeit? In welches Land würden Sie gerne einmal reisen? Welche Filme mögen Sie?“

Kurz darauf vertieften wir uns in ein Gespräch über Hawaii. Dorthin wollte Tensei auch einmal reisen, in erster Linie deshalb, weil ihn die hawaiianische Kultur faszinierte, insbesondere der Hula-Tanz. Lachend erzählte er von einer Wette, die er kürzlich mit seinem Vater abgeschlossen hatte. Wenn der sie verlor, würde dieser Hula lernen müssen, um beim nächsten Familienfest eine Darbietung zum Besten zu geben.

Obwohl ich Tenseis Vater nicht kannte, lachte ich bei dieser Vorstellung. Ich musste mir meinen Vater in traditionellen Gewändern beim Tanzen vorstellen. Das war einfach zu lustig! Auch ich spielte schon länger mit dem Gedanken, mir in den Semesterferien einen längeren Urlaub auf Hawaii zu gönnen.

Anschließend wurde ich daran erinnert, warum ich die Wohltätigkeitsgala mit ihm als Tischherrn nicht halb so schlimm gefunden hatte wie erwartet. Er war einfach ein guter Zuhörer und Gesprächspartner. Kein einziges Mal kam unsere Unterhaltung mehr zum Erliegen. Selbst als wir aßen, plauderten wir die ganze Zeit miteinander. Ich erfuhr, dass er neben seinem einwandfreien Englisch auch noch ganz passabel Koreanisch sprach, weil er nach dem Schulabschluss an der Yūei für ein Jahr in Seoul gelebt hatte.

„Ist es dort sehr anders als in Japan?“, fragte ich ehrlich interessiert.

„Es gibt definitiv viele Unterschiede. Beispielsweise ist das Essen in Südkorea ganz anders gewürzt, das ist spannend. Auch in Sachen Nachtleben hat gerade Seoul eine Menge zu bieten. Dafür finde ich die Landschaften unserer Heimat schöner und wir haben definitiv die besseren Freizeitparks.“ Tenseis Erklärung uferte etwas aus. Er zog dabei nachdenklich die Stirn kraus, wodurch er kleine Fältchen rund um die Augen bekam. Auf einmal wirkte er unwahrscheinlich niedlich.

Die Argumente mit dem Essen und den Landschaften verstand ich. Für das Nachtleben fühlte ich mich nicht mehr zu haben. Mich wollte wirklich keiner tanzen sehen. Dafür war ich zu alt. Ob Tensei noch Klubs besuchte? Er war ja nur ein Jahr jünger als ich, es könnte also durchaus sein.

Auch Freizeitparks waren nicht mein Ding. Mich gruselte es vor Achterbahnen, selbst vor denen, in die schon kleine Kinder durften. Isamu hatte mich immer gezwungen, mit ihm gemeinsam zu fahren, und hinterher war ich heiser gewesen, weil ich so geschrien hatte.

„Ich hoffe, diese Frage ist nicht zu persönlich, aber wo sehen Sie sich in zehn Jahren?“, fragte Tensei plötzlich völlig aus dem Zusammenhang gerissen.

„In zehn Jahren?“ Ich blinzelte verdutzt. Eine gute Frage! Überraschend! Wie sollte ich sie beantworten?

Eigentlich plante ich nicht, mit Block King Kong aufzuhören. Ich konnte ihm aber kaum sagen, dass ich in zehn Jahren wahrscheinlich immer noch Jagd auf falsche Helden machte. Ebenso wenig konnte ich von meinen privaten Forschungen erzählen. Ich würde es also auf mein Arbeitsleben beschränken müssen.

„Ich sehe mich auf jeden Fall noch als Dozentin an der Tōdai. Eventuell könnte ich habilitieren, aber ich weiß derzeit nicht, ob ich dafür genug Motivation aufbringe“, antwortete ich mit etwas Verspätung.

Für einen Augenblick blieb seine Mimik völlig unlesbar. Anschließend offenbarte er: „Eigentlich meinte ich das eher bezogen auf Ihr Leben außerhalb der Arbeit.“

Mist! Das mit der Beschränkung zwecks Verschwiegenheit war also schon mal schiefgegangen. Wo sah ich mich privat in zehn Jahren, das er wissen konnte?

„Keine Ahnung. Ehrlich gesagt, habe ich darüber bisher nicht groß nachgedacht.“ Direkt im Anschluss startete ich zwecks Verschleierung meines Ausweichens den Gegenangriff. „Wo sehen Sie sich denn?“

Glücklicherweise hatte ich gerade mein Glas abgestellt. Ansonsten hätte er mit Sicherheit das Zittern meiner Hände gesehen, dass sich in meinem ganzen Körper ausbreitete, als er mit einem ungeahnt warmen Leuchten in den Augen gestand: „Gerade leite ich meine eigene Agentur und bin viel im aktiven Heldendienst unterwegs. Aber das soll nicht immer so bleiben. Ich würde schon gerne kürzertreten und dafür mehr Zeit in eine eigene Familie investieren. In zehn Jahren will ich auf jeden Fall zwei oder drei Kinder haben.“

„Du magst Kinder?“, platzte es aus mir heraus. Irgendwie hatte ich das nicht erwartet. Versteiften Helden sich nicht immer schrecklich auf ihre Karriere? Gehörte er etwa zu denen, die eine Zuchtstute suchten, die dann zu Hause blieb und sich um den Nachwuchs kümmerte? Nein, das konnte ich mir bei ihm eigentlich nicht vorstellen.

„Ja, sehr sogar. Du auch?“

Mein Herz schlug so kräftig, es tat fast schon weh. „Ich liebe Kinder!“

Das war die Wahrheit. Ich wünschte mir seit Langem, Hidemi würde endlich einen Mann finden und Mutter werden, damit ich die Rolle der Patentante übernehmen konnte.

Jedes Mal, wenn Isamu eine Freundin mitgebracht hatte, war ich gleich mit dem Gedanken beschäftigt gewesen, ob sie eine gute Mutter wäre. Wie albern, wenn ich daran dachte, wie jung wir damals gewesen waren.

Vor zwei Jahren und unter dem Einfluss einer Feier mit sehr viel Wein hatte ich sogar darüber nachgedacht, eine Scheinehe mit Daisuke einzugehen, damit ich ein Kind adoptieren konnte.

Jeder brauchte eine Familie! Jeder brauchte ein Zuhause! Es gab einfach viel zu viele arme Seelen, die darunter litten, dass es keinen Ort gab, wo sie hingehörten. Mein Gehalt fiel üppig aus, meine Arbeitszeiten verkraftbar, mein Haus groß genug. Ich konnte mir längst ein Kind leisten, egal ob ein eigenes oder ein adoptiertes Kind. Nur der Mann dazu fehlte.

„Wow!“ Tensei wirkte erstaunt. „Das hatte ich nicht erwartet. Du hast bisher immer viel über deine Arbeit geredet. Ich dachte, du bist eine Karrierefrau, und dass da nicht viel Platz für Familie ist.“

„Es wirkt so, weil es mir einerseits wichtig ist, auf eigenen Füßen zu stehen, und ich andererseits nicht viel Familie habe, für die Platz ist“, entgegnete ich aufrichtig. „Ich liebe meine Großmutter sehr und ich habe ein paar Freunde, die für mich wie meine Familie sind. Ich hätte wirklich gerne Kinder, aber bisher hat es nicht zu meinem Leben gepasst. Das heißt aber nicht, dass sich das in den nächsten Jahren nicht ändern kann.“

Dieses Thema passte eindeutig nicht zu einer ersten Verabredung. Das vorsichtige Beschnuppern lag längst hinter uns. Wenn er schon Zukunftspläne abgleichen wollte, musste er mehr an mir interessiert sein als gedacht. Trotzdem störte es mich kein bisschen.

Hidemi hatte recht. Ich mochte Tensei, auch wenn das idiotisch war. Er und ich, das würde niemals funktionieren. Zumindest nicht solange Block King Kong existierte. Nicht, wenn es ernst sein sollte. Ob ich eine lockere Affäre mit ihm eingehen würde?

„Du siehst schön aus heute Abend. Das Dunkelgrün der Bluse steht dir“, sagte er und wirkte verlegen. „Eigentlich sollte man ein Kompliment zu Beginn der Verabredung machen, ich weiß. Aber wir waren noch beim Sie, da habe ich mich irgendwie nicht getraut. Jetzt kann ich das freier sagen.“

Ich spürte, wie ich errötete. Den bewussten Übergang vom Siezen zum Duzen hatte ich gar nicht wahrgenommen. Wie war das denn passiert?

Auf einmal herrschte eine beidseitige Verlegenheit, die auch zu zwei fünfzehnjährigen Teenagern gepasst hätte. Ich wollte sein Kompliment gerne erwidern, aber ich bekam einfach nichts zustande. Tensei sah gut aus und benahm sich höflich, freundlich und zuvorkommend. Er war unterhaltsam und die Zeit mit ihm verflog im Nu. Aber all das hatte er sicher schon tausend Mal gehört. Langsam begann ich mich zu fragen, wie so ein Mann überhaupt alleinstehend sein konnte. Noch dazu als Held. Sollte er nicht einen Haufen Fangirls haben, die um seine Gunst wetteiferten?

„Kam das unpassend?“, brach Tensei die Stille und rieb sich nach wie vor verlegen über den Nacken. „Tut mir leid! Ich bin nicht besonders gut darin, Komplimente zu machen. Das kriegt jeder Grundschüler besser hin als ich.“

„Nein, nein! Es ist ...“ Ich suchte nach den richtigen Worten, fand aber keine. Also beließ ich es schlicht: „Danke.“

All meine Freundinnen würden mich auslachen. Diese Verabredung überbot keine von ihnen. Sie war nicht mies, keinesfalls, aber ich fühlte mich unsicher, zugleich gut aufgehoben. Was für eine abstruse, seltsame Mischung.

„Möchtest du noch etwas bestellen?“, fragte Tensei, da der Kellner gerade an unserem Tisch vorbeiging.

Ich verneinte und bat stattdessen: „Bitte entschuldige mich kurz!“ Anschließend erhob ich mich und suchte die Damentoilette auf.

Dort verriet mir ein Blick in den Spiegel, dass sich auf meinen Wangen immer noch Farbe abzeichnete. Ich war lange nicht mehr so heftig errötet. Galt das als ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?

Als ich von der Toilette zurückkehrte, fand ich einen abgeräumten Tisch vor. Tensei stand auf, um mir in meine Jacke zu helfen. Verwirrt sah ich ihn an. „Wir müssen noch zahlen!“

„Müssen wir nicht.“

„Ehrlich?“ Verdutzt blinzelte ich. „Kennst du die Besitzer so gut, dass du umsonst hier essen darfst?“

Er lachte knapp auf. „Nein, das nicht. Ich habe schon bezahlt. Die Rechnung ging auf mich.“

Wie vom Donner gerührt starrte ich ihn an. Er hatte bezahlt, während ich auf der Toilette gewesen war? Unfair! Bei der ersten Verabredung bestand ich grundsätzlich darauf, die Rechnung zu teilen. Ich besaß meine eigenen Prinzipien.

„Ich weiß, du bist eine unabhängige Frau. Aber ich habe von Anfang an von einer Einladung gesprochen“, amüsierte Tensei sich über mich. „Und genauso bestehe ich darauf, dich nach Hause zu bringen. Um diese Uhrzeit lasse ich eine Frau nicht alleine mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren.“

Langsam wurde mir klar, warum meine Großmutter dieses Rendezvous als eine fabelhafte Idee bezeichnete.

Gemeinsam machten wir uns zum Gehen auf. Tensei trat als Erster nach draußen und hielt mir die Tür auf. Als ich das Lokal verließ, kam zeitgleich ein neues Pärchen herein. Versehentlich stieß ich mit der Schulter die Frau an. Sofort wandte ich ihr den Kopf zu, um mich zu entschuldigen, aber erstarrte augenblicklich. Entsetzen machte sich in mir breit.

Schwarzbraune Augen blickten mich überrascht an. Sie hatte ein bisschen dunkelblauen Kajal aufgetragen und ihre Haare zusammengesteckt. Ihr Begleiter sah sich nach ihr um und Naeko öffnete den Mund, wollte etwas sagen, da trat in diesem Augenblick Tensei zu mir heran.

„Ich bitte vielmals um Entschuldigung. Das war keine Absicht.“ Er lächelte Naeko höflich zu, bevor er mich am Arm nahm und an ihr vorbeiführte.

Mein Herz raste. Ob sie ihn erkannt hatte? Bisher war nur Hidemi auf Ingenium angesetzt gewesen, weshalb der Rest von Block King Kong nichts wusste. Ausgerechnet heute Abend sah sie mich in seiner Begleitung. Das konnte in einer schwierigen Sache enden.

„Alles in Ordnung?“, fragte Tensei mich besorgt.

„Ja. Die Frau kam mir nur so bekannt vor“, stammelte ich und versuchte, meinen Herzschlag irgendwie unter Kontrolle zu bringen.

Nur, weil Naeko mich mit Tensei gesehen hatte, musste das noch lange keine Katastrophe bedeuten. Selbst wenn sie ihn als den Turbo Hero erkannt hatte, konnte ich ihr immer noch als Ausrede auftischen, ich hätte ihn für Block King Kong ausspioniert. Es war alles gut. Es gab keinen Anlass zur Panik.

„Vielleicht eine deiner Studentinnen“, witzelte Tensei und führte mich um den Block, wo er seinen Wagen geparkt haben musste.

Damit lag ich falsch.

Das vermeintliche Auto erwies sich als ein Motorrad. Zum Glück hatte ich keinen Rock angezogen. Ich war seit Ewigkeiten nicht mit einem Motorrad mitgefahren und nahm den weißen Helm, den er unter dem Sitz hervorholte, zögernd an.

„Was ist mit dir?“, fragte ich, als mir bewusst wurde, dass er gar keinen Helm trug.

„Da du in Tokyo wohnst, fahren wir sicher nicht lange. Für die kurze Strecke brauche ich keinen Helm“, erwiderte er und stieg auf sein Motorrad, steckte den Schlüssel ein und startete den Motor.

Eine Erwiderung lag mir auf der Zunge. Das war gefährlich! Gefährlich und gegen das Gesetz! Aber ich schluckte den Kommentar herunter. Ich wollte diesen selten schönen Abend nicht versauen. Also nannte ich ihm stattdessen meine Adresse. Navigationshilfe schien er nicht zu brauchen, aber als Einheimischer kannte er sich hier wohl bestens aus.

Ein wenig mulmig zog es in meinem Bauch, als ich hinter ihm auf dem Motorrad Platz nahm und die Arme um ihn schlang. Sein Rücken kam mir riesig vor, viel breiter als der von Stain. Moment! Fing ich jetzt etwa schon an, die beiden miteinander zu vergleichen? Dabei hatte ich heute nicht mal ein Glas Wein getrunken, sondern nur Sprudelwasser.

Wenige Wolken zeichneten den Himmel, während wir durch das nächtliche Tokyo fuhren. Ich erwischte mich bei dem Wunsch, diese Fahrt würde niemals enden, was absurder war als alles andere an diesem Abend. Leider tat sie das. Vor meinem Haus angekommen stiegen wir beide vom Motorrad und ich gab ihm den Helm zurück.

„Danke, Iida-kun“, sagte ich und meinte es ehrlich so. Vor einer Woche hatte ich Hidemi dafür verflucht, dass sie mir diese Verabredung eingebrockt hatte. Inzwischen spielte ich schon gedanklich mit der Frage, wann ich ihn das nächste Mal sehen durfte.

„Ich danke dir.“ Im Mondlicht lächelte er umwerfender als je zuvor.

Wir befanden uns mitten in diesem Moment, der alles entschied. Der den Ausschlag gab, ob man einander ein zweites Mal sah oder nicht. Ob man für die nächsten Tage über dem Boden schwebte oder sich lieber den Rest des Wochenendes mit der Bettdecke über dem Kopf verkrümelte.

Mein Herz pumpte und pochte und pulsierte. Ich traute mich kaum zu atmen. Die Luft blieb mir gänzlich weg, als er sich plötzlich vorbeugte und der Hauch einer Berührung auf meiner Wange landete.

„Ich rufe dich an“, versprach Tensei mir. Sein Atmen streifte meine Wange.

Wie in Trance nickte ich, drehte mich um und betrat mein Grundstück. Ich hörte ihn erst davonfahren, als ich den Schlüssel aus meiner Handtasche gekramt und die Haustür aufgeschlossen hatte.

Befremdet stellte ich fest, dass mir der Kuss auf die Wange nicht genug gewesen war. Ich hätte ihn gerne richtig geküsst. Vielleicht auch mehr, wenn ich dem Kribbeln im Bauch vertrauen konnte.

Ich sollte Hidemi anrufen. Nicht mehr heute Nacht, aber morgen definitiv. Ich brauchte meine beste Freundin. Ich musste ihre Stimme und ihren Rat hören.

Was, wenn ich mich gerade tatsächlich von null auf hundert in einen Helden verliebt hatte?


~~*~~*~~


Preview: An einem Sonntag wird Mika überraschend in die Tōdai beordert. Was ist in ihrem Büro geschehen? Spricht Naeko sie auf die Verabredung an? Wird es einen großen Knall bei Block King Kong geben? Das alles erfahrt ihr in Kapitel 9: Chaos voraus. Bis dahin – Plus Ultra! ;D
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