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Block King Kong

von Jadina
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Het
Chiyo Shuzenji / Recovery Girl Chizome Akaguro / Stain OC (Own Charakter) Tensei Iida / Ingenium Tenya Iida
01.01.2021
11.01.2022
19
68.053
8
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Dieses Kapitel
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12.06.2021 3.378
 
~~ Kapitel 7: Omas Kekse ~~



Einige Tage später fand ich mich an einem Nachmittag in einer Personaltoilette der Universität wieder, auf den Fließen kniend, den Kopf über der Kloschüssel. Nach dem Mittagessen war alles in Ordnung gewesen, doch während meines letzten Seminars hatten diese Kopfschmerzen begonnen. Inzwischen plagten mich nicht mehr normale Kopfschmerzen, sondern ich schlug mich mit einer handfesten Migräne herum.

Just in diesem Augenblick würgte ich erneut, aber nichts kam mehr heraus. Meine Sicht verschwamm, meine Ohren dröhnten. Jedes noch so leise Geräusch ertrug ich nicht. Auch die Helligkeit quälte mich. Am liebsten hätte ich mich an Ort und Stelle hingelegt. Wenn mich Migräne plagte, brauchte ich es dunkel und still.

Der Inhalt meiner Handtasche lag auf dem Boden der Kabine ausgebreitet. Ich schleppte eigentlich immer Notfallmedikamente mit mir herum, aber ausgerechnet heute fand ich sie nicht. Entweder hatte ich beim letzten Taschenwechsel vergessen, sie einzuräumen, oder die Packung war leer gewesen und ich hatte nicht daran gedacht, eine Neue zu kaufen.

Wie lange ich auf der Toilette ausharrte, vermochte ich nicht zu sagen. Irgendwann schaffte ich es, aufzustehen, ohne erneut brechen zu müssen. Nachdem ich mir die Hände gewaschen hatte, torkelte ich aus dem Raum und zurück zu meinem Büro. Glücklicherweise lief mir niemand über den Weg. Meine Kollegen müssten sonst meinen, ich wäre besoffen.

Anschließend lag ich halb auf meinem Schreibtisch. Unter dem ungewöhnlich nach vorne verlagerten Gewicht ächzte mein Drehstuhl. Obwohl die Ziffern vor meinen Augen verschwammen, schaffte ich es irgendwie mein Handy zu entsperren.

Unter normalen Umständen hätte ich sie nach der langen Zeit der Funkstille niemals aus diesem Grund angerufen, aber im Augenblick fiel mir nichts Besseres ein, um der Lage Herr zu werden.

Es tutete und tutete. Niemand ging ran. Erschöpft und enttäuscht ließ ich das Telefon sinken. Da rief man einmal seine Großmutter an, um sie um Hilfe zu bitten, und dann war sie natürlich nicht zu Hause. Wahrscheinlich hockte sie immer noch in dieser Missgeburtenanstalt namens Yūei, um sich um irgendwelche Nachwuchshelden zu kümmern. Dabei schlug die Uhr schon nach fünf.

Was sollte ich jetzt tun? Maxalt, so hieß das Medikament, bekam man nicht rezeptfrei in der Apotheke. Ich würde es in diesem Zustand jedoch unmöglich zu meiner Hausärztin schaffen. Deren Praxis befand sich am anderen Ende der Stadt.

Sowieso würde ich mir ein Taxi bestellen müssen. Ich konnte kaum selbst Autofahren, schließlich wollte ich noch nicht ins Gras beißen. Außerdem konnte ich sonst niemanden anrufen. Daisuke musste arbeiten, Tanaka besaß keinen Führerschein. Bis Hidemi oder Naeko in Tokyo ankamen, würde es zu lange dauern.

Als ich gerade die Nummer vom Taxiservice wählen wollte, klopfte es an meiner Bürotür und mein studentischer Mitarbeiter Chiba trat ein.

„Ich bin es. Tut mir leid, wenn ich störe. Es geht um die letzte Vorlesung. Ich habe gerade beim Zusammenschneiden festgestellt, dass die Tonspur der Aufnah-“, er stockte bei meinem Anblick, „Shuzenji-hakase, geht es Ihnen gut?“

„Migräne.“ Ich bemühte mich gar nicht erst um einen entspannten Gesichtsausdruck. Das hätte sowieso mehr ausgesehen wie die Grimasse eines Feuer spuckenden Drachen.

„Oh.“ Eine Sorgenfalte erschien auf seiner Stirn. „Kann ich etwas für Sie tun?“

Aus Reflex wollte ich erst verneinen, doch dann kam mir ein anderer Gedanke. Keine Ahnung, ob ich damit unsere Arbeitsbeziehung überschritt, aber in dieser Situation zu verbleiben löste mein Problem auch nicht. Also fragte ich: „Kannst du Autofahren und hast etwas Zeit, Chiba-kun?“

Zunächst wirkte er überrascht, aber im Anschluss stellte er unter Beweis, was für ein schlaues Kerlchen er war. Er verstand sofort, warum ich das wissen wollte. „Ja. Soll ich Sie irgendwo hinbringen?“

„Das wäre großartig von dir.“ Nun brachte ich doch irgendwie ein verzerrtes Lächeln zustande. „Hast du ein eigenes Auto? Ich zahle natürlich das Benzin.“

„Nein, tut mir leid.“ Er schüttelte den Kopf. „Soll ich Ihnen dann vielleicht ein Taxi rufen?“

Ein netter Vorschlag, aber ich hatte noch einen anderen parat. „Wie wäre es hiermit: Du fährst meinen Wagen und ich bezahle dir das Taxi zurück zum Campus?“

Schlagartig wurde Chiba rot im Gesicht. „Das müssen Sie nicht, Shuzenji-hakase.“

„Ich bestehe darauf!“, betonte ich, da eine solch bescheidene Reaktion typisch für ihn war.

Damit machte ich Nägel mit Köpfen. Wenig später sperrte ich mein Büro zu und gemeinsam traten wir den Weg in die Tiefgarage der Universität an. Ich hoffte, dass wir nicht von irgendwelchen Kollegen aus den Geisteswissenschaften gesehen wurden. Die waren die Plappermäuler schlechthin. Bei meinem Glück ging an der Tōdai sonst bald per Flurfunk das Gerücht um, ich hätte eine Affäre mit meinem studentischen Mitarbeiter.

Chiba stellte sich einfach zu goldig dabei an, wie er sich vorsichtig in den Fahrersitz meines Sirions sinken ließ und damit begann, den Rückspiegel zu verstellen. Als er den Motor startete, diktierte ich ihm die Adresse meiner Großmutter für das eingebaute Navigationsgerät. Danach fuhren wir los.

Er erwies sich als ein ungeahnt guter Chauffeur, ganz vorsichtig, gab nie zu viel Gas oder bremste zu heftig. Trotzdem wurde mir nach kurzer Zeit wieder speiübel. Einerseits schämte ich mich etwas, so von meinem Mitarbeiter gesehen zu werden. Andererseits läge ich ohne seine Hilfe immer noch wie ein sterbender Schwan auf meinem Schreibtisch.

Meine Großmutter wohnte ganz in der Nähe ihrer Arbeitsstelle, nur einen Block vom Schulgelände der Yūei entfernt. Da sie eh die meiste Zeit mit ihrer Arbeit verbrachte, hatte sie damals meinem Vater das Haus überlassen und war in eine kleine Wohnung über einem Elektronikgeschäft gezogen. In dieser brannte Licht, als wir dort ankamen.

Chiba fand einen Parkplatz nicht unweit entfernt. Ich bestellte ihm ein Taxi und drückte ihm einige Scheine in die Hand, die für die Rückfahrt zum Campus nach Tokyo ausreichen sollten.

„Danke, Chiba-kun. Du hast mich gerettet!“, sagte ich und meinte es auch so.

Seine Gesichtsfarbe glich der einer überreifen Sauerkirsche, als er das Geld entgegennahm und mir den Autoschlüssel aushändigte. Er fragte noch, ob er mich zur Wohnung bringen sollte, aber das lehnte ich ab. Meine Großmutter war sehr bekannt und ich wollte nicht, dass sich die Kunde über unser Verwandtschaftsverhältnis in der Universität herumsprach.

Mit zittrigen Beinen kämpfte ich mich vor zum Geschäft, betrat den Seiteneingang und klingelte Sturm, bis mir endlich die Tür geöffnet wurde. Stufe um Stufe erklomm ich die Treppe, hätte am liebsten jeden Moment gespuckt. In meinem Magen rumorte es schlimmer als zuvor.

„Mika-chan!“, rief meine Großmutter aus, als sie mich erblickte. „Was ist denn mit dir passiert?“

„Migräneanfall“, antwortete ich kurz angebunden. „Könntest du ...?“

Keinen Wimpernschlag später hatte sie mit ihren faltigen Lippen einen dicken Schmatzer auf meiner Stirn hinterlassen. Prompt fühlte ich mich etwas besser. Ich schaffte es sogar, meine Schuhe auszuziehen, ohne dass mir schwindelig wurde.

„Danke Oma“, sagte ich und spürte ein beklemmendes Gefühl in meiner Brust.

Seit über einem Jahr hatte ich sie nicht mehr gesehen, ihre Stimme nur kurz bei Anrufen gehört, die auch selten stattfanden. Sie schien kein bisschen gealtert zu sein. Ich bekam ein schlechtes Gewissen, weil ich ihre Gesellschaft so lange gemieden hatte.

„Ach Mika-chan!“ Die Haustür fiel ins Schloss und ich fand mich in einer festen Umarmung wieder. „Du warst lange nicht mehr hier. Komm, mein Schatz! Setz' dich aufs Sofa und ruh' dich etwas aus!“

Das tat ich nur zu gerne. In ihrem Wohnzimmer hatte sich im vergangenen Jahr nichts geändert, sogar die Fotos auf der Kommode standen in derselben Reihenfolge wie immer. Ich schluckte schwer, als ich relativ weit links ein vergilbtes Bild von mir und Isamu sah. Wir waren darauf zehn beziehungsweise dreizehn und grinsten beide mit Zahnlücken in die Kamera.

Mit klopfendem Herzen ließ ich mich in die weichen Kissen sinken und schloss die Augen, um tief durchzuatmen.

Als ich sie wieder öffnete, stand vor mir auf dem Tisch eine Kanne Tee auf einem Stövchen, daneben eine Schale voll selbst gebackener Haferkekse. Großmutter Chiyo saß in ihrem alten Ohrensessel und blätterte in einem medizinischen Fachmagazin. Durchs Fenster sah ich den Abend aufziehen.

„Bin ich eingeschlafen?“ Verwirrt blinzelte ich.

„Du warst ganz schön fertig, mein Mädchen“, sagte Chiyo und blätterte um. Beiläufig fügte sie hinzu: „Arbeitest du zu viel?“

„Eigentlich nicht. Ich habe dieses Semester sogar ein Seminar weniger als in den letzten beiden“, antwortete ich und griff nach der Schale mit den Keksen. „Das mit den Kopfschmerzen geht schon länger so. Ein paar Monate. An manchen Tagen habe ich gar nichts und dann überrascht mich die Migräne aus dem Nichts.“

Nun klappte sie die Zeitschrift zu und legte diese weg. „Hast du dich einmal gründlich untersuchen lassen? Ich weiß, du tust dir schwer mit Ärzten, aber chronische Kopfschmerzen können ganz verschiedene Ursachen haben.“

„Ich weiß. Aber zur Zeit habe ich einfach“, ich suchte nach den richtigen Worten, „viel zu tun.“

„Gibt es Neuigkeiten?“, fragte sie mit diesem wissenden Blick, den ich an ihr schon immer unheimlich gefunden hatte. Wenn ich nicht genau wüsste, was ihre Spezialität wäre und wie diese funktionierte, hätte ich bei ihr eine Art Gedankenleserei vermutet.

Eigentlich wollte ich nicht mit ihr über Tensei reden, schließlich kannten die beiden sich. Sie anzulügen kam aber nicht infrage. Wir pflegten eigentlich ein gutes Verhältnis zueinander. Es war hart genug, ihr seit zehn Jahren Block King Kong verschweigen zu müssen. Daher entschied ich mich in diesem Fall für die halbe Wahrheit.

„Am Samstag habe ich eine Verabredung mit einem Mann, den ich auf der Wohltätigkeitsgala der Tōdai kennengelernt habe“, sagte ich und biss in den Keks. Meiner Meinung nach bedeutete eine Verabredung zum Essen wirklich nichts Besonderes.

Das schien meine Großmutter aber ganz anders zu sehen. Ihr Gesicht leuchtete auf, sie strahlte mich regelrecht an. „Oh, wunderbar! Erzähl mir von ihm! Wer ist es? Wie heißt er? Kenne ich ihn?“

„Es ist nur ein Abendessen, Oma. Ich wollte das eigentlich gar nicht, aber Hidemi hat mich dazu überredet“, gestand ich ihr.

„Aha, ich kenne ihn also!“, frohlockte sie. „Ansonsten würdest du mir nicht ausweichen. Also, mein Schatz, wer ist es? Schlimmer als Akaguro kann er ja nicht sein.“

Da ich in sehr jungem Alter mit Stain zusammengekommen war und das auch sehr lange gehalten hatte, wusste selbstverständlich jeder in meiner Familie darüber Bescheid. Meine Eltern schwiegen das Thema tot, da vor allem meine Mutter die Tatsache nicht ertragen konnte, dass ihr einziges verbliebenes Kind mit einem Serienmörder liiert gewesen war. Nicht so meine Großmutter, die in ihrer Arbeit ständig mit dem Phänomen des Hero Killers in Kontakt kam.

„Er ist das genaue Gegenteil.“ Ich seufzte. Leider begriff ich erst im Nachhinein, was für einen Hinweis ich ihr damit gegeben hatte.

„Sag bloß, Mika-chan!“ Sie strahlte beinahe noch eine Spur heller, dabei mischte sich Ungläubigkeit in ihren begeisterten Blick. „Ist er etwa ein Held?“

Ich biss mir auf die Zunge. Verdammt, wieso hatte ich das gesagt? Jetzt war sie auf den Zug endgültig aufgesprungen. Bevor ich ihr nicht Rede und Antwort stand, würde ich diese Wohnung nicht mehr verlassen.

Zähneknirschend nickte ich. Sie blinzelte mich an, sagte einige Zeit nichts. Dann brach sie urplötzlich in schallendes Gelächter aus. Meine eigene Großmutter lachte mich für meine Verabredung mit Tensei aus.

„Nicht zu fassen! Ausgerechnet du! Du und ein Held?“ Es fehlte nicht viel und sie hätte sich noch auf die Oberschenkel geklopft.

Mit diesem Spott musste ich wohl leben. Er fiel noch gering aus im Gegensatz zu dem, was mich erwartete, sollten Tanaka und Daisuke hiervon erfahren. Also schwieg ich, bis ihr Lachanfall verklang.

„Tut mir leid, mein Schatz. Es kam nur so unerwartet. Seit deiner Trennung dachte ich, du würdest mir nie mehr einen Mann vorstellen. Vielleicht werde ich ja doch noch Uroma“, schmunzelte sie. „Gehe ich recht der Annahme, dass Chie und Matzuki davon nichts wissen und auch nichts wissen sollen?“

Bei Matzuki und Chie handelte es sich um meine Eltern. Ich stimmte ihrer Annahme zu: „Ich wäre dir dankbar, wenn du ihnen nichts sagst.“

Nun verschwand das Strahlen aus ihrem Gesicht und machte einem müden Eindruck Platz, der zum ersten Mal ihrem Alter angemessen erschien. „Es ist also alles beim Alten?“

Ich nickte, ohne weiter darauf einzugehen. Der Kontakt zu meinen Eltern beschränkte sich seit mehreren Jahren auf Anrufe zum Geburtstag und zu Neujahr. Am Tag meiner Promotion waren wir das letzte Mal gemeinsam als Familie in ein Restaurant gegangen. Das Problem bestand in meiner Mutter und ihrer Einstellung zu Helden. Mein Vater dachte teilweise anders als sie, traute sich aber leider nie, seine Meinung offen zu äußern aus Angst vor Streit mit seiner Gattin.

„Nun gut. Ich verspreche, dass sie von mir kein Sterbenswörtchen erfahren“, sagte sie und nahm sich ebenfalls einen Keks. „Jetzt reden wir Klartext, Mika-chan! Es ist also ein Held, den ich kenne. Ist es Eraser Head?“

Fragend zog ich die Augenbrauen hoch. „Nie gehört.“

„Hm. Schade, ihr beide hättet gut zusammengepasst. Ich weiß, dass Nezu ihn und Ectoplasma auf diese Gala geschickt hat, da er selbst nicht hingehen konnte. Ectoplasma kann es allerdings nicht sein, der ist verheiratet“, sinnierte meine Großmutter vor sich hin. „Es ist also niemand vom Personal, sondern jemand, der selbst einmal Schüler an der Yūei gewesen ist.“

Bei ihrer Kombinationsgabe und meiner Fähigkeit, sie mehr schlecht als recht anzulügen, würde sie es bald herausgefunden haben. Vielleicht war mir auch danach, dieses kleine Geheimnis mit jemand anderem als Hidemi zu teilen. Ich wunderte mich jedenfalls über mich selbst, als ich es ihr schlussendlich doch erzählte: „Es ist Ingenium.“

„Iida Tensei?“ Vor Erstaunen wurden ihre Augen ganz kugelrund. „Ojemine! Wie ist das denn passiert?“

Bei ihrer Wortwahl musste ich auflachen. „Er war mein Tischherr und Kubota, mein Kollege, kennt die Familie näher. Weißt du, ich bin mir nicht so sicher, ob das mit ihm und mir eine gute Idee ist. Aber wie ich schon sagte, Hidemi hat mich dazu überredet.“

„Eine gute Idee? Mika-chan, ich finde, das ist eine fabelhafte Idee!“, korrigierte Chiyo mich. „Tensei ist so ein anständiger Mann. So einen findest du kein zweites Mal.“

Na toll! Jetzt schlug sie sich also auf der Seite meiner besten Freundin. Ich hätte es wissen müssen. Nur wenige Mal waren die beiden bisher aufeinandergetroffen, aber sie hatten sich schon immer gut verstanden.

„Mal sehen. Es ist ja nur ein Abendessen“, wehrte ich ab und wollte das Thema wechseln, bloß wusste ich nicht, was ich ansprechen sollte.

„Ich finde das einen sehr lustigen Zufall. Über ein Jahr warst du nicht mehr hier und tauchst ausgerechnet jetzt mit dieser Neuigkeit auf, da ich es an der Yūei gerade mit seinem jüngeren Bruder zu tun bekommen habe“, plauderte meine Großmutter weiter. „Ich muss allerdings sagen, dass der kleine Tenya ihm nicht so ähnlich ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Tensei war jedenfalls zu mehr Schabernack aufgelegt und nicht ganz so regeltreu.“

„Ach ja?“ Erstaunt sah ich sie an. Erst hinterher wurde mir bewusst, wie ich ihr auf den Leim ging. Nichts anderes als das Gespräch über mein anstehendes Rendezvous fortzuführen, hatte sie doch im Sinn.

„Oh, er hat sehr viel Unfug gemacht. Ein braver Streber war er keinesfalls, sehr zum Leidwesen seiner strengen Eltern.“ Sie giggelte in sich hinein und schenkte sich Tee nach. „Aber ich habe seine Ehrlichkeit sehr geschätzt. Wenn er etwas verbockt hatte, stand er dazu.“

Das klang schon wieder dermaßen nicht nach einem Helden, dass ich kaum meinen Ohren traute. Niemals würde ich vergessen, wie das damals bei Isamu gelaufen war. Das passte überhaupt nicht zueinander.

Vielleicht sollte ich Tensei fragen, warum er ausgerechnet diesen Beruf gewählt hatte. Bei seinem Familienhintergrund könnte es durchaus sein, dass er diesen Werdegang unbewusst eingeschlagen hatte. Wie Kinder, die nur deshalb Medizin studierten, weil ihre Eltern eben auch als Ärzte arbeiteten. War doch möglich, oder?

„Sag mir unbedingt, wie eure Verabredung gelaufen ist“, bat meine Großmutter und wechselte, gleichermaßen zu meinem Erstaunen und meiner Erleichterung, endlich das Thema. „Wie geht es deinen Freunden?“

Nun musste ich vorsichtig sein mit dem, was ich erzählte. Wie bereits zuvor gesagt, kannte sie Hidemi. Gleiches traf auf Daisuke zu, den sie allerdings sehr lange nicht mehr gesehen hatte. Tanaka war ihr nur aus Erzählungen über meine Mentorenzeit bekannt und von Naeko wusste sie gar nichts.

Außerdem wollte ich nicht zu genau auf die Lebensumstände meiner Mitstreiter eingehen. Sie war ja kein Mitglied von Block King Kong, also ging sie das eigentlich nichts an. Zudem wollte ich auch nicht, dass die anderen mit irgendwelchen Leuten über mein Privatleben aus dem Nähkästchen plauderten.

Da sie jedoch ohne große Schwierigkeiten etwas über Hidemis Situation herausfinden könnte, wenn sie es wollte, begann ich hier mit meiner Erzählung. „Hidemi hat ihren Chef wegen sexueller Belästigung angezeigt und ist gerade vom Dienst freigestellt.“

„Recht so! Es gibt immer noch Schweine, die denken, Frauen müssten sich alles gefallen lassen“, antwortete Chiyo. Ein derart ernstes Gesicht trug sie nicht häufig zur Schau. Dessen ungeachtet fragte sie nicht weiter nach Details, was wiederum auch typisch für sie war. „Wie geht es Rumi?“

„Daisuke“, korrigierte ich sie rasch. Den alten Namen hatte er schließlich vor Ewigkeiten abgelegt. „Dem geht es gut. Er arbeitet im Supermarkt halt so vor sich hin.“

„Ich wundere mich ja darüber, wie man sich nach so langer Zeit in der Luftwaffe mit einem Job im Supermarkt begnügen kann. Aber wahrscheinlich ist es nötig, um mit der Vergangenheit abzuschließen“, sagte sie und hielt mir auffordernd die Schale mit den Haferkeksen unter die Nase. „Hast du was von deiner kleinen Tanaka gehört?“

Die kleine Tanaka. Ich musste schmunzeln, während ich mir einen zweiten Keks griff. Was ich mir wohl anhören durfte, wenn ich sie so nannte? Ich erzählte ihr: „Ja, wir haben ab und zu Kontakt. Sie studiert fleißig vor sich hin. Bald muss sie anfangen, sich mit ihrer Abschlussarbeit zu beschäftigen.“

„Schön zu wissen, dass es allen gut geht.“ Den letzten Keks nahm meine Großmutter sich, begleitet von einem Blick aus dem Fenster. „Ich will dich nicht loswerden, Mika-chan, aber es ist schon spät und du musst morgen früh raus. Wie geht es deinem Kopf? Kannst du Autofahren?“

„Ja, das geht schon“, versicherte ich ihr. Inzwischen schien ihre Spezialität die volle Wirkung entfaltet zu haben. Ich verspürte nur noch ein schwaches Pochen im Hinterkopf.

„Hast du noch Maxalt zu Hause?“, wollte sie weiterhin wissen. „Ich glaube, hier habe ich nichts, aber vielleicht liegt irgendwo in meinem Büro in der Yūei noch eine Packung herum.“

„Danke, Oma, aber falls ich zu Hause nichts finde, werde ich morgen Abend bei meiner Hausärztin vorbeifahren und mir ein Rezept besorgen.“ Ich verputzte den Keks und stand auf. „Du hast recht, ich sollte fahren. Inzwischen müsste der Feierabendverkehr sich beruhigt haben.“

Bevor ich die Wohnung verließ, ging ich noch einmal zur Toilette. An der Tür verabschiedete meine Großmutter mich mit einer Umarmung und einem zweiten Schmatzer, der nicht mit ihrer Spezialität zusammenhing.

Erst, als ich wieder im Auto saß und die Spiegel zurückstellte, fiel mir auf, wie gut es mir getan hatte, sie zu besuchen. Einfach mal mit jemandem reden zu können, der seine Nase nicht in Angelegenheiten steckte, die ihn nichts angingen. Der nicht nach unnötigen Details fragte. Der es aushalten konnte, eben nur die Hälfte zu wissen.

Als ich losfuhr, fiel mir auf, dass keiner von uns beiden mit nur einem Sterbenswörtchen den zehnten Todestag meines Bruders erwähnt hatte. Dabei stammte die weiße Rose auf dem Grab bestimmt von ihr.

Meine Eltern mieden den Friedhof in Musutafu. Zu tief saß der Schmerz darüber, ihren fröhlichen, klugen, allseits beliebten Sohn verloren zu haben. Allerdings saß dieser Schmerz wohl nicht tief genug, damit insbesondere meine Mutter begriff, dass sie diesen Verlust dem kopflosen Einschreiten eines Helden verdankte. Ansonsten würde sie ihrem Beruf als Verwaltungschefin einer Agentur nicht immer noch nachgehen.

Ich drehte den Autoschlüssel herum, der Motor sprang an, und schaltete das Licht ein. Es hieß, die Sterne am Himmel funkelten besonders hell, je schwärzer die Nacht war. Als ich auf die Schnellstraße nach Tokyo auffuhr, konnte ich einen von ihnen ganz besonders intensiv strahlend sehen.

Ich habe Oma besucht. Es geht ihr gut. Ich darf mir mit dem nächsten Besuch nicht wieder so viel Zeit lassen, Mu-chan, dachte ich und blinzelte die glückseligen Tränen weg. Ihre Kekse sind immer noch kleine Wunder für die Seele.


~~*~~*~~


Preview: Mika hat endlich ihre Verabredung mit Tensei. Wie wird der Abend verlaufen? Werden sie sich näherkommen? Um welchen gefährlichen Zeugen muss Mika sich bald kümmern? Das alles erfahrt ihr in Kapitel 8: Rendezvous mit einem Helden. Bis dahin – Plus Ultra! ;D
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