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Block King Kong

von Jadina
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Het
Chiyo Shuzenji / Recovery Girl Chizome Akaguro / Stain OC (Own Charakter) Tensei Iida / Ingenium Tenya Iida
01.01.2021
11.01.2022
19
68.053
8
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
08.04.2021 3.120
 
~~ Kapitel 6: Entscheidungsmacht ~~



Die kommenden beiden Wochen verliefen ungewohnt ruhig. Daisuke kehrte aus dem Urlaub zurück, Block King Kong hielt die Füße still und nach der Arbeit widmete ich mich meinen privaten Forschungen.

Kubota ging mir auf die Nerven. Viermal in zehn Tagen schneite er in mein Büro, nur um scheinheilig zu fragen, ob es Neuigkeiten gäbe. Wahrscheinlich wollte er von mir hören, dass ich begonnen hatte, mich mit Tensei zu treffen. Jedoch blieb dessen Nachricht tatsächlich von mir unbeantwortet.

Ich konnte keinen Partner gebrauchen, der als Held arbeitete. Das kam überhaupt nicht infrage! Außerdem war das bei ihm noch einmal eine spezielle Sache, die mir Bauchschmerzen bereitete, wann immer ich daran denken musste, wie freundlich und warmherzig er mich angelächelt hatte.

Die Ruhe verging im Nu, als ich an einem Freitagnachmittag nach der Arbeit von Tanaka angerufen wurde. Das erschien ungewöhnlich, zu dieser Uhrzeit nahm sie eigentlich beim Universitätssport am Ballettkurs für Fortgeschrittene teil.

„Hallo Mika“, begrüßte sie mich. Anhand ihrer Tonlage hörte ich sofort, dass etwas nicht stimmte. Normalerweise zeichnete Tanaka sich durch einen unerschütterlichen Optimismus aus, aber nun klang sie, als plagte sie sich seit Monaten mit einer Schlafstörung – völlig kraftlos.

„Was ist passiert?“, fragte ich und legte das Buch, das ich gerade auf dem Sofa sitzend bei einer Tasse Tee angefangen hatte, zur Seite.

Sie gab ein Seufzen von sich, bevor sie beichtete: „Ich habe es verschissen. Mit Natsuo oder wie auch immer er mit echtem Namen heißt.“

Eine Weile hatte es gar keine neuen Informationen über ihre Bekanntschaft gegeben und demnach war ich halbwegs mental darauf vorbereitet gewesen, dass Block King Kong wahrscheinlich doch kein neues Mitglied bekommen würde. Trotzdem traf mich diese Nachricht.

„Erzähl!“, forderte ich sie auf, legte das Lesezeichen ins Buch und klappte es zu. Das hier würde länger dauern.

„Na ja, viel zu erzählen gibt es da eigentlich nicht“, fing sie zögernd an. „Ich hatte mir die Mappe als Trumpfkarte aufgehoben, so wie du es mir gesagt hast. Als ich ihn dann heute Mittag alleine auf dem Campus erwischt habe, dachte ich, es wäre der geeignete Zeitpunkt, um sie auszuspielen. Aber er ist völlig ausgeflippt und hat mich bedroht.“

„Bedroht?“, wiederholte ich ungläubig.

Tanaka schniefte und meinte dann wehmütig: „Das wäre eh nichts geworden mit ihm und uns. Er hat doch eine Spezialität. Eine Feuer-Spezialität, um genau zu sein, und er hat mir gedroht, er würde mir die Augen ausbrennen, wenn ich ihm noch einmal auf die Nerven gehe.“

Ich musste schlucken. Was für eine heftige Androhung! Noch dazu kam sie von jemandem, der eine übernatürliche Fähigkeit besaß, wohingegen sich Tanaka als Normalo kaum zur Wehr setzen konnte.

„Hat er dich angefasst?“

Ich spürte, wie ich wütend wurde. Wenn er ihr wehgetan hatte, sollte dieser Natsuo das büßen. Den würde ich im Nullkommanichts auf dem Campus aufspüren und jämmerlich vergiften.

„Nein, hat er nicht“, beruhigte sie mich. „Nachdem er das gesagt hat, ist er stinkwütend abgerauscht.“

Ich atmete erleichtert auf. Wenn es um meine Kameraden ging, kannte ich keinen Spaß.

Plötzlich sagte Tanaka: „Weißt du, ich glaube sowieso, dass er ein Hochstapler ist. Er war immer alleine unterwegs und manchmal hat es so gewirkt, als würde er sich auf dem Campus nicht gut zurechtfinden. Wahrscheinlich gehört er zu irgendeiner dämlichen Schurkengruppe und er ist nur dort gewesen, um jemanden auszuspionieren.“

Gänsehaut bildete sich auf meinen Armen bei dem Gedanken daran, dass Tanaka vielleicht viel zu nahe an eine feindliche Schurkengruppe herangekommen war. Vorsichtig äußerte ich: „Meinst du das ernst?“

„Jap.“ Im Hintergrund raschelte es. „Ich weiß, du machst dir jetzt Sorgen, Mika. Aber es ist wirklich alles in Ordnung! Ich wette, ich sehe ihn sowieso nie wieder.“

Es klang danach, als würde noch etwas folgen, also kommentierte ich ihre Worte nicht. Ich sollte recht behalten.

„Es ist nur schade, weil ... Na ja, trotz seiner Heimlichtuerei mochte ich ihn irgendwie. Ich habe zwar nie sein Gesicht gesehen, weil er seinen Schal immer bis über seine Nase hochgezogen und eine Sonnenbrille getragen hat, aber ... Egal!“

Langsam dämmerte mir, worum es hierbei wirklich ging. Tanaka hatte für ihre ominöse Bekanntschaft eine Schwärmerei entwickelt und war nun geknickt davon, dass er nicht nur eine Spezialität besaß, sondern sie auch in den Wind geschossen hatte. Wer wollte es schon erneut mit jemandem versuchen, der einem drohte, einem die Augen auszubrennen? So bescheuert konnte keiner sein!

„Mach dir nichts aus ihm! Er ist ein totaler Idiot, wenn er gleich so ausgerastet. Wenn er wüsste, dass du seine Meinung über Helden teilst, hätte er nicht so reagiert“, tröstete ich sie. Ich agierte längst nicht mehr als ihre Mentorin und schon gar nicht als ihre Mutter, aber trotzdem sah ich Tanaka als meinen Schützling an. „So einen Kerl brauchst du nicht. Du bist eine tolle Frau! Du hast etwas viel Besseres verdient!“

Ein lautes Schniefen ertönte. „Ich weiß, er ist es nicht wert. Aber ich mochte ihn wirklich. Seine Aura war anziehend. Gefährlich, aber anziehend.“

„Die bösen Jungs sind meistens die anziehenden“, äußerte ich und dachte an meinen Heulanfall von vor zwei Monaten, als sich die Wege von Stain und mir ein für alle Mal getrennt hatten.

„Männer sind scheiße!“ Tanaka lachte bitter auf. „Sagt Naeko auch! Aber wir können halt nicht alle Daisuke heiraten.“

Ich musste schmunzeln. Das hätte sie so nicht gesagt, wenn sie die Wahrheit wüsste. Stattdessen antwortete ich allerdings: „Keine von uns wird Daisuke heiraten. Das wäre gruselig! Der Richtige kommt schon noch.“

„Danke Mika. Ehrlich! Du bist die Beste“, erwiderte sie und ich hätte schwören können, dass das freche Grinsen auf ihr Gesicht zurückkehrte. „Tut mir leid, wenn ich dich gestört habe. Was machst du denn so?“

„Ach, du hast nicht gestört. Ich mache gerade eine Teepause. Später kommt Hidemi vorbei und wahrscheinlich bleibt sie über Nacht.“ Ich spähte zur Uhr. Noch eine Stunde, bis meine beste Freundin auftauchte.

„Cool! Dann lege ich jetzt auf. Du hast sowieso immer recht. Wer weiß, was für ein Psycho dieser Natsuo in Wahrheit ist“, plauderte Tanaka schon wesentlich fröhlicher. „Bis bald!“

„Bis bald“, antwortete ich, doch da legte sie schon auf.

Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass Tanaka kein Kind von Traurigkeit war. Sie würde schnell über ihre geplatzte Schwärmerei hinwegkommen und jemand Neues finden, den es sich anzuhimmeln lohnte. Da machte ich mir bei ihr weniger Sorgen drum.

Vielmehr beunruhigte mich diese Drohung. Vielleicht sollte ich ihr auftragen, ihre Auskundschaftungen erst einmal einzustellen. Wir brauchten auch nicht dringend neue Mitglieder. Je weniger Risiko wir eingingen, desto besser.

Noch einmal atmete ich tief durch und trank einen Schluck Tee. Anschließend nahm ich mein Buch zur Hand und schlug es wieder auf. Zwei oder drei Kapitel schaffte ich locker, bis Hidemi vor der Tür stand.

Genau so kam es dann auch. Auf die Minute pünktlich klingelte es an meiner Haustür. Ich packte mein Buch weg und ging in den Flur, um meiner besten Freundin die Tür zu öffnen. Sie begrüßte mich mit einer festen Umarmung und rettete gleich einmal den Tag, da sie vom Konditor Kuchen mitgebracht hatte.

Ich mochte zu süße Backwerke nicht, aber die Ananascremeschnitte dieses KondItōrs war ihr Geld wert! Genüsslich mampfend saßen wir wenig später auf dem Sofa. Wir plauderten über ganz verschiedene Dinge. Anschließend berichtete ich, dass es sich mit diesem Natsuo erledigt hätte, ohne die Drohung an Tanaka zu erwähnen.

Hidemis Gabel verharrte einen Augenblick lang regungslos über ihrem Kuchen. Sie wirkte kurzzeitig abwesend. Schließlich blickte sie auf und rang unter einem zaghaften Lächeln hervor: „Weißt du, Mika, ich muss dir jetzt auch etwas Wichtiges erzählen.“

Gebannt sah ich sie an. Da ich erwartete, dass sie eine neue romantische Bekanntschaft gemacht hatte, traf es mich völlig unvorbereitet, als sie äußerte: „Ich habe es getan. Ich  habe Sleimok angezeigt.“

Kein Wort drang über meine Lippen. Ich musste dieses Geständnis erst einmal verarbeiten. Zwar hatte sie mir erzählt, dass sie mit diesem Gedanken spielte, aber dass sie ihren unausgegorenen Plan so rasch in die Tat umsetzen würde, erschien mir als ziemlich waghalsig. Jedenfalls überstieg das Tempo des Geschehens meine Erwartung.

Besorgt entgegnete ich: „Und jetzt?“

„Heute Morgen bin ich aus ermittlungstechnischen Gründen für unbestimmte Zeit vom Dienst freigestellt worden“, erklärte sie. „Watanuki hat natürlich alles geleugnet, aber ist aufgrund der Kameraaufnahme suspendiert worden. Wahrscheinlich wird die Sache vor Gericht landen.“

Vor Gericht. Ich musste schwer schlucken. Gerichtssäle fielen unter meine persönlichen Albträume.

Die Atmosphäre darin war fürchterlich, ganz abgesehen von dem Tuscheln der Leute, insofern die Verhandlungen nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfanden. Ich hatte mir dieses Martyrium bei meinem Bruder gegeben und mir danach eigentlich geschworen, nie wieder einen Fuß an solch einen Ort zu setzen. Aber ich konnte Hidemi in dieser Situation auf keinen Fall alleine lassen.

„Na ja, mal sehen. Wenn er spitzkriegt, dass sich die Schlinge zuzieht und er nicht herauskommt, schlägt er ja vielleicht einen Vergleich vor“, sagte sie und stupste mich an. „Schau nicht so, Mika! Wenn die Aussage meiner Kollegin ihn auch belastet, sieht es wirklich gut für mich aus. Wer weiß, wer in unserer Abteilung noch alles von ihm belästigt worden ist. Eventuell bin ich ihn bald los und muss ihn nie wieder sehen.“

„In jedem Fall wäre das die beste und einfachste Lösung“, antwortete ich, ohne meine Bedenken oder Befürchtungen durchklingen zu lassen.

Ich wollte Hidemi nicht verletzen. Dieser Schritt war unfassbar mutig von ihr und erforderte sehr viel Kraft und Ehrlichkeit. Sie präsentierte all die seelischen Wunden, die Watanuki ihr zugefügt hatte, auf dem Silbertablett. Albträume hin oder her, als ihre beste Freundin galt es als meine Pflicht, ihr zur Seite zu stehen.

„Apropos, bevor ich freigestellt wurde, habe ich noch schnell meinen letzten Auftrag abgeschlossen“, sagte sie plötzlich und schnappte sich die Mappe, die neben dem Kuchen auf dem Wohnzimmertisch lag.

Schon die ganze Zeit hatte ich mich gewundert, worum es sich handelte, aber ich war geduldig genug gewesen, um abzuwarten. Früher oder später würde sie darauf schon zu sprechen kommen. Neugierig nahm ich die Mappe an mich, als sie mir diese reichte.

„Ich hoffe, die Informationen sind ausreichend. Die Kollegen konnten mir nicht sagen, wie lange ich befreit bin, also haben wir vorerst keinen Zugang mehr auf die Heldenkartei“, fügte Hidemi noch an. Sie lächelte optimistisch. „Das kriegen wir aber gebacken, versprochen!“

Mein Magen zog sich ungewohnt zusammen, als ich die Mappe aufschlug und mir sein Bild entgegenleuchtete. Der freundliche Gesichtsausdruck, das breite Lächeln und die dunkelblauen Haarsträhnen, die ihm in die Stirn fielen, blieben unverkennbar. Unter Hunderten hätte ich ihn erkannt.

„Turbo Hero Ingenium, mit bürgerlichem Namen Iida Tensei, geboren und wohnhaft in Tokyo. Leiter der Team Idaten-Agentur in Hosu, dreißig Jahre alt“, ratterte Hidemi herunter, wie sie es immer tat, wenn sie Bericht erstattete.

Sie erzählte noch weiter, über seinen schulischen Werdegang und seine Familienangehörigen, die alle im selben Bereich arbeiteten, aber ich hörte nicht richtig hin. Ich konnte den Blick einfach nicht von seinem Foto abwenden.

Vor zwei Monaten hatte ich Hidemi einen ausgeschnittenen Artikel mitsamt Bild aus der Tokyoer Morgenpost gegeben, damit sie über ihn Informationen einholte. Wie hätte ich ahnen sollen, dass ich ihn wenig später persönlich kennenlernen würde? Verdammt! Bei allen Aktivitäten von Block King Kong hatte es nie zur Debatte gestanden, das Opfer zu kennen. Das war noch nie zuvor passiert.

„Mika?“ Verwundert schaute Hidemi mich an. „Was ist los? Du sagst ja gar nichts!“

Ich atmete tief durch. Mir war von vorneherein klar gewesen, dass ich es jemandem erzählen musste. Die Entscheidungsmacht von Block King Kong oblag mir. Obwohl ich meinen inneren Kreis auf Augenhöhe behandelte, hatte ich das letzte Wort, was unsere Anschläge anging. Die Befugnis zur Entscheidung besaß der Boss, also ich. Aber konnte ich diese Entscheidung überhaupt noch objektiv treffen?

„Ich muss dir auch etwas sagen“, sagte ich, unwissend, wie ich beginnen sollte.

„Hast du dich umentschieden?“, riet Hidemi und legte eine Hand auf meinen Arm. „Kein Problem, Mika! Das mit Collide ist ja auch nichts geworden, weil er wieder in seine Präfektur zurückgegangen ist. Ich bin dir nicht böse, ehrlich! Die Recherche über Ingenium hat nicht mal fünf Minuten gedauert.“

„Nein, das ist es nicht.“ Ich schluckte und entschied, es möglichst schnell und schmerzlos hinter mich zu bringen. „Ich kenne diesen Iida Tensei inzwischen. Er saß bei der Gala neben mir.“

Hidemi blinzelte und ihre Augen weiteten sich überrascht. „Oh!“

Ob das reichte, damit sie begriff, in welchem Schlamassel ich steckte? Ich hatte sie mit der Informationseinholung beauftragt mit dem Plan im Hinterkopf, Ingenium umzubringen. Aber seit diesem Abend, an dem er sich so gar nicht wie andere Helden verhalten hatte, geriet dieser Entschluss mehr und mehr ins Wanken.

Ich konnte nicht so tun, als hätte ich keinen Unterschied festgestellt. Er war höflich, gebildet, freundlich und aufrichtig an seinen Mitmenschen interessiert. Er unterschied sich in beinahe allen Punkten von seinen Kollegen. Ich konnte ihn nicht mit den restlichen Bastarden über einen Kamm scheren.

„Verstehe.“ Hidemi rückte zu mir auf und nahm mich in den Arm. „Du hattest einen schönen Abend mit ihm und weißt nicht mehr, ob du ihn immer noch ausradieren willst.“

„Er war so anders! Er hat überhaupt nicht über sich oder seine Arbeit reden wollen. Von den Presseleuten hat er sich ferngehalten und überhaupt hat er sich verhalten, als wäre er nur zufällig eingeladen worden und nicht, weil er ein erfolgreicher Held ist“, rechtfertigte ich mich. Es gab noch einen weiteren Grund, den ich etwas kleinlauter anfügte: „Außerdem ist seine Familie mit der von Kubota befreundet.“

Hindernis Nummer zwei. Dass ich meine Opfer normalerweise nicht kannte, war gut so, aber für gewöhnlich gab es auch keine weiteren Verbindungen zu ihnen. Ich mochte meinen alten Kollegen und der Gedanke daran, den Sohn eines Schulfreunds seines Sohnes umzubringen, ließ mich frösteln. Sie hegten keine extrem enge Verbindung, aber sie bestand. Ich konnte nicht so tun, als existierte sie nicht.

„Du magst ihn.“ Diese Feststellung kam aus Hidemis Mund.

Vehement schüttelte ich den Kopf und wehrte ab: „Nein, so ist es nicht!“

„Doch!“ Sie blickte ungewohnt ernst drein. „Du magst ihn, Mika! Er hat sich an diesem Abend hervorragend um dich gekümmert. Das bist du von Männern, insbesondere von Helden, nicht gewohnt. Deshalb fällt es dir jetzt ungewohnt schwer, darüber zu entscheiden, ob sein Name auf Block King Kongs Liste bleibt.“

Dieses Statement musste ich erst einmal verdauen. Mein innerer Drang dagegen zu protestieren blieb, war aber nicht mehr ganz so dringlich wie zuvor. Hatte meine beste Freundin vielleicht recht? Bestand die Möglichkeit, dass ich Tensei mochte? Dabei lautete mein Grundsatz, Helden aus Prinzip nicht zu mögen.

„Ach Mika! Sei doch nicht immer so hart mit dir selbst.“ Hidemi drückte mich fester an sich. „Dann ist er eben ein Held. Ist doch nicht so schlimm!“

„Aber was werden die anderen sagen?“, fragte ich und malte mir aus, wie ich ihnen beichtete, dass ich neuerdings romantische Verabredungen mit einem Helden wahrnahm.

„Ich werde es ihnen definitiv nicht sagen“, antwortete sie. „Tanaka würde dich auslachen. Naeko würde sagen, dass das so passieren musste, weil das in Filmen auch immer geschieht. Daisuke wird versuchen, dir eine reinzuhauen. Also nein, das bleibt schön unter uns.“

„He, Moment mal! Nur, weil er irgendwie nett zu mir war, heißt das nicht, dass ich ihn von der Liste streiche“, hörte ich mich sagen, ohne groß über die Worte nachzudenken.

Demnach wunderte es mich nicht, dass Hidemi ungläubig die Augenbrauen hochzog. „Du magst endlich mal einen richtigen Mann, aber willst ihn immer noch umbringen?“

Ich schwieg. Woher wollte sie denn wissen, ob es sich bei Tensei um einen richtigen Mann handelte?

Da ich nichts sagte, fuhr sie fort: „Weißt du, vielleicht solltest du dich erst einmal mit ihm treffen. Wenn das Date scheiße läuft, können wir ihn danach wenigstens mit einem Grund umlegen.“

Bei diesen Worten wiederum musste ich doch tatsächlich knapp auflachen. „Hast du mir gerade ernsthaft vorgeschlagen, mich mit einem Helden zu verabreden?“

„Ja.“ Ungerührt nickte sie, was mein Lachen im Keim erstickte.

Meinte sie das ernst? Ich sollte mich tatsächlich mit Tensei treffen, um anschließend zu entscheiden, ob er auf Block King Kongs Liste blieb?

„Du bist verrückt.“ Ich legte ihr die Hand auf die Stirn und tat, als prüfte ich, ob sie Fieber hatte. „Ja, definitiv! Da stimmt irgendetwas nicht. Du solltest dich besser ausruhen.“

Unbeeindruckt schob sie meine Hand beiseite. „Hast du seine Nummer?“

Wie vom Donner gerührt starrte ich sie an. Anfangs hatte ich ja noch angenommen, dass sie bloß scherzte, aber anscheinend war es ihr wirklich ernst damit, dass ich mich mit ihm verabreden sollte.

Abermals schüttelte ich den Kopf. „Vergiss es!“

„Aha, du hast sie also!“, schlussfolgerte Hidemi.

Verdammt, sie kannte mich einfach viel zu gut!

„Er hat mir nach dem Abend noch geschrieben, dass er mich wiedersehen will“, offenbarte ich. „Also ja, ich besitze seine Nummer. Aber ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist. Was, wenn ich mich verplappere?“

„Du? Verplappern? Mika, ehrlich jetzt, du leitest Block King Kong seit zehn Jahren. Du hast Strukturen der Überwachung in Gang gesetzt, Helden ausspioniert, Giftanschläge verübt und einige von den Idioten sogar getötet. Du wirst dich nicht verplappern“, beharrte Hidemi engstirnig. „Gib' mir jetzt dein verdammtes Handy, damit ich ihm in deinem Namen antworten kann!“

„Hey! Die Entscheidungsmacht darüber, ob ich ihn treffen will, obliegt immer noch mir!“ Ich spürte, wie mein Widerstand schwand, und das gefiel mir ganz und gar nicht. Wieso beharrte sie darauf, dass ich mich mit einem Helden verabredete? Was stimmte neuerdings nicht mit ihr? Sie war doch sonst nicht so auf Verkupplungskurs!

„Ja, das stimmt. Aber Mika, du kannst Chizome nicht Ewigkeiten lang hinterher trauern. Du musst in deinem Herzen Platz für einen neuen Mann schaffen, wenn du nicht alleine enden willst. Und das willst du nicht! Da machst du mir nichts vor!“, sagte Hidemi mit aller Deutlichkeit.

Die ersten Herzschläge nach diesen Worten taten weh. Sehr weh. So sehr, dass ich für einen Moment darüber nachdachte, ihr die Freundschaft zu kündigen.

Letzten Endes gewann sie unsere Diskussion damit. Eine halbe Stunde später hatte sie mich mit Tensei für kommende Woche Samstag verabredet. Ich würde mit ihm essen gehen. Mit einem Helden.

Wow, Mika, du bist tief gesunken!, klagte ich mich selbst an, während Hidemi ganz und gar zufrieden über die Wende der Ereignisse schien.

„Du schuldest mir mindestens dreimal Ramen in der Bar!“, sagte ich zu ihr und versuchte, nicht allzu sehr auf die offensichtlich überglückliche letzte Nachricht von Tensei zu starren.

„Warte erst mal ab, was du mir in Zukunft schuldest“, entgegnete sie neckend. „Jetzt schalte mal den Fernseher an! Ich will den Film mit Akio-chan sehen!“


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Preview: Ein medizinischer Notfall verfrachtet Mika für einen Nachmittag zu ihrer Großmutter. Wie kommt sie dorthin? Wen vermutet Recovery Girl als Mikas Date? Warum tut dieser Besuch so gut? Das alles erfahrt ihr in Kapitel 7: Omas Kekse. Bis dahin – Plus Ultra! ;D
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