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Block King Kong

von Jadina
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Het
Chiyo Shuzenji / Recovery Girl Chizome Akaguro / Stain OC (Own Charakter) Tensei Iida / Ingenium Tenya Iida
01.01.2021
04.05.2022
25
91.181
9
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
20.03.2021 4.333
 
~~ Kapitel 5: Die Gala der Überraschungen ~~



Der Februar zog vorbei, der März hielt Einzug und bevor ich mich versah, stand auch schon das Ende dieses Monats an. Das Leben ging weiter, ereignisreich wie immer: Eintönig und ohne gewichtige Veränderungen, sogleich doch voller Neuigkeiten.

Collide verlor seine Anstellung in Yokohama und zog zurück nach Ōsaka, bevor wir den Mordanschlag auf ihn verüben konnten. So landete auf Block King Kongs Liste also vorerst kein neuer Name und seiner wurde nicht durchgestrichen, sondern in Klammern gesetzt. Nur für den Fall, dass sich die Gelegenheit ein weiteres Mal ergab.

Hidemi hatte sich bezüglich ihrer Anzeige noch nicht entschieden und setzte alles daran, den alltäglichen Terror irgendwie durchzustehen.

Tanaka machte mit ihrer mysteriösen Bekanntschaft namens Natsuo kaum Fortschritte. Inzwischen hinterfragte sie sogar, ob er an der Tōdai wirklich studierte. Manchmal war er tagelang nirgendwo auf dem Campus zu finden, und wenn sie ihn traf, gelang es sogar ihr als angehender Psychologin mehr schlecht als recht, nützliche Informationen über ihn zu erhalten. Ob er wusste, dass wir seine Stain-Mappe besaßen, stand ebenfalls zur Frage. Diese fungierte als Trumpfkarte und ich hatte Tanaka davor gewarnt, sie zu früh auszuspielen.

Der Kerl, auf den ich Naeko angesetzt hatte, wurde bei einem Straßenkampf getötet. Damit gab es einen potenziellen Informanten weniger und in dem Wettcafé, in dem sie als Bedienung arbeitete, gingen selten brauchbare Personen ein und aus.

Daisuke genoss seit zwei Wochen seinen Urlaub. So lautete zumindest die offizielle Version der Geschichte. Ich in meiner Funktion als Boss wusste, dass er eine Internetbekanntschaft besuchte, deren Mann sich gerade beruflich im Ausland aufhielt, und sie trafen sich einzig und alleine, um in aller Seelenruhe miteinander zu schlafen. Moralisch gesehen fand ich das zwar bedenklich, aber ich würde den Teufel tun und mir einbilden, darüber offen urteilen zu dürfen. Moral war wirklich nicht mein zweiter Vorname.

Und ich? Tja, ich besaß das wundervolle Glück, von meinem Kollegen Enomoto Kubota auf die Liste der Teilnehmer für die Wohltätigkeitsgala gesetzt worden zu sein. Hieß, meine momentane Beschäftigung bestand darin, mich in unserem Hauptquartier für den wohl schrecklichsten Abend des Jahres fertigzumachen.

„Du solltest das blaue Kleid anziehen“, sagte Tanaka mit dem Mund voller Chips. Prompt beschwerte Hidemi sich darüber, sie würde das ganze Bett vollkrümeln.

Alle drei Mitstreiterinnen lungerten auf Hidemis Bett herum und beobachteten mich dabei, wie ich in verschiedene Abendkleider schlüpfte, die wir bei einem Ausstatter ausgeliehen hatten. Ich besaß solche Kleidung nicht, da ich sie nie brauchte. Sowieso trug ich lieber Hosenanzüge. Vielleicht fühlte ich mich deshalb so ungewohnt unsicher bei dem Anblick, der mir aus dem Spiegel entgegenstrahlte.

„Nein, das rote Kleid sah besser aus“, entgegnete Hidemi schließlich. „Es war enger und hat dein Dekolleté mehr betont, Mika.“

„Ja, aber genau das will sie doch nicht.“ Tanaka knisterte mit der Chipstüte. „Wen soll sie auf dieser dämlichen Gala schon treffen? Ihre Kollegen kennt sie alle. Ansonsten ist da doch niemand, der ihr gefallen könnte.“

„Wer weiß! Vielleicht trifft sie ja ihren Traummann.“ Naeko schaute verträumt drein, woraufhin die anderen beiden sich ins Fäustchen lachten.

„Ihren Traumhelden.“ Hidemi kicherte und mit diesem Ausspruch fiel meine Entscheidung.

„Wenn das so ist, nehme ich das hier!“ Ich schälte mich aus dem Kleid, das ich gerade anprobiert hatte, und fischte Tanakas Vorschlag vom Stuhl.

Es handelte sich um ein knielanges, dunkelblaues Etuikleid mit komplettem Spitzenbesatz, der von ebenfalls dunkelblauen Pailletten geziert wurde. Eng geschnitten, zeigte es trotzdem nicht zu viel Haut. Es wirkte angemessen und schlicht. Genau das war mein Plan – bloß nicht zu viel Aufmerksamkeit erregen!

Zu dieser Wohltätigkeitsgala erschienen jedes Jahr eine Menge Leute, die ich nicht ausstehen konnte. Vertreter von Wirtschaftsverbänden, Lobbyisten, irgendwelche einflussreichen Pressemenschen und natürlich Helden. Ich wollte gar nicht so genau darüber nachdenken, wie viele schlimme Tischherren ich heute Abend abgreifen konnte. Je häufiger mir das in den Sinn kam, desto größer wurde mein Bedürfnis danach, mich krank zu melden und die Veranstaltung sausen zu lassen.

„Was machen wir mit ihren Haaren?“, fragte Tanaka in die Runde. „Sie kann unmöglich dieselbe Frisur tragen wie immer.“

„Na ja, viele Möglichkeiten haben wir ja nicht“, entgegnete Naeko. „Meistens sind sie lockig und zusammengebunden, also sollten wir sie offen lassen. Aber nicht aalglatt föhnen, das wirkt zu streng. Vielleicht die vorderen Strähnen nach außen drehen?“

„Hallo? Werde ich auch noch gefragt?“, mischte ich mich ein und warf Hidemi, die einfach nur diebisch grinsend mit den Augenbrauen wackelte, einen vernichtenden Blick zu.

Ich hätte es ahnen müssen. Ja, ich hatte im Vorhinein gewusst, dass sie mir auf den Senkel gehen würden, wenn ich sie um ihre Hilfe bat. Dass sie es nahezu zelebrieren würden, mich für diese Veranstaltung herzurichten. Aber ohne ihre Unterstützung bekam ich das nicht auf die Reihe und ich musste immer noch meinen Arbeitgeber repräsentieren.

Also ließ ich die Tortur anstandslos über mich ergehen. Während Tanaka und Naeko sich an meinen Haaren zu schaffen machten und in meinem Schmuckkästchen nach passenden Ohrringen wühlten, schminkte Hidemi mich.

Was das anging, ließ ich nur sie heran. Sie händelte Farben mit viel Fingerspitzengefühl, hatte in der Schule den Kunstklub geleitet. Außerdem kannte sie meinen Geschmack und achtete darauf, dass ich noch immer wie ich aussah und nicht wie ein Clown, den man versehentlich in die falsche Zirkusmanege geworfen hatte.

Als die Folter endlich ein Ende fand, ließ ich mich ein letztes Mal von allen dreien begutachten.

„Oh Mika, du siehst fabelhaft aus!“ Naeko klatschte erfreut in die Hände.

„Lass dir von allen Helden ihre Handynummer geben. Dann spart Hidemi sich bei unserer neuen Liste die Arbeit.“ Tanaka grinste und zupfte noch einmal eine Haarsträhne zurecht.

„Das ist eine Veranstaltung meines Arbeitgebers. Ich werde ganz sicher nicht irgendjemanden anbaggern. Schon gar keinen Helden!“, pflaumte ich sie an, was sie jedoch nur mit einem herzhaften Lachen quittierte.

Meine Begeisterung für diese Veranstaltung hielt sich in Grenzen. Um das zu erkennen, musste man kein Genie sein. Ich verspürte eine seltsame Mischung aus Gereiztheit und Nervosität, die in ihrer Kombination eine ziemlich kurze Zündschnur bildeten.

„Komm Mika! Wir müssen los, wenn du nicht auf den letzten Drücker erst ankommen willst“, wandte Hidemi rasch ein, bevor Tanaka auf diesen Zug aufspringen und eine weitere doofe Bemerkung machen konnte.

Unter Beteuerungen meinerseits, ich würde versuchen, das Beste aus diesem Abend herauszuholen, zog ich Mantel und Pumps an, nahm meine kleine Tasche an mich und verließ hinter meiner besten Freundin die Wohnung.

Sie hatte großzügig angeboten, mich hinzufahren, damit ich nicht schon auf dem Weg von Asahi nach Tokyo einen Nervenzusammenbruch erlitt. Außerdem musste ich nach dem Überfall von Naeko und Tanaka erst einmal wieder Kraft tanken. Von der Gala nach Hause würde ich mir ein Taxi leisten, damit ich sorglos ein Glas Wein trinken konnte. Oder auch eine ganze Flasche, für den Fall, dass ich mit einem grottigen Tischherren gesegnet wurde.

Während der Autofahrt starrte ich aus dem Fenster. Ausnahmsweise verspürte ich heute keine Kopfschmerzen. Den Göttern sei Dank! In den letzten Wochen waren diese wieder häufiger aufgetreten und langsam schlich sich die vage Vorahnung ein, dass Daisuke recht hatte und ich wirklich einen Spezialisten aufsuchen sollte.

Hidemi hörte Radio und summte vor sich hin, sprach mich aber nicht an. Erst, als sie mich absetzte, richtete sie das Wort an mich. Mit einem aufmunternden Lächeln sagte sie: „Du schaffst das, Mika! Du bist eine intelligente, gebildete und attraktive Frau. Es wird alles gut gehen!“

Ich spürte, wie ich errötete. Hastig antwortete ich: „Du übertreibst!“

Sie lächelte noch einmal, bevor ich mich für den Fahrservice bedankend die Autotür schloss und sie davonfuhr. Die letzten zweihundert Meter bis zu der Halle, in dem die Gala stattfand, ging ich zu Fuß. Die Absätze an meinen Schuhen waren noch einmal ein gutes Stück höher als die an denen, die ich für gewöhnlich zur Arbeit trug. Nichtsdestotrotz überragten mich die anderen Frauen, die vor dem Eingang standen und rauchten.

Mit grummelndem Magen betrat ich den Eingangsbereich der Halle und wandte mich nach rechts. Zunächst gab ich an der Garderobe meinen Mantel ab, bevor ich den Galasaal betrat. Ich zeigte einer der Mitarbeiterinnen meine Einladungskarte und sie führte mich an meinen Platz.

Damit man von allen Tischen einen möglichst guten Blick auf die Bühne besaß, auf der heute Abend ein buntes Unterhaltungsprogramm geboten wurde, standen diese in kleinen Grüppchen versetzt. Jeweils acht Personen passten an einen Tisch. An meinem saß noch niemand und so erhielt ich die Gelegenheit, ein weiteres Mal durchzuatmen.

Ein Kellner kam augenblicklich zu mir und ich gab meine Getränkebestellung auf. Dann beobachtete ich die eintreffenden Gäste. Auch wenn es absurd schien, so ärgerte ich mich darüber, dass Daisuke ausgerechnet diese zwei Wochen mit seiner Affäre verbrachte. Die anderen Gäste kamen ausnahmslos in Begleitung. Wäre Daisuke hier, hätte er mich begleiten und den Abend etwas erträglicher machen können.

Kaum am Ende dieses Gedankens angelangt, verwarf ich ihn wieder. Was mein Privatleben anging, hielt ich mich auf der Arbeit völlig bedeckt. Lieber stand ich diesen Abend alleine durch, als dass mein Kamerad fälschlicherweise für meinen Partner gehalten wurde.

Meine Getränkebestellung kam rascher als erwartet. Ich ließ die Flasche Wasser stehen, nahm das Glas Rotwein in die Hand und erhob mich, als ich ein paar Kollegen aus der Biologie entdeckte. Zielgerichtet ging ich zu ihnen hinüber. Ich konnte schließlich nicht den ganzen Abend lang so tun, als wäre ich nicht anwesend.

Wir plauderten ein wenig über die Veranstaltung und über das Bühnenprogramm. Eine Trommelgruppe würde auftreten, ebenso eine bekannte Zither-Spielerin, und natürlich ließ die Geschäftsführung der Tōdai-Universität es sich nicht nehmen, eine Rede zu halten.

Der Saal füllte sich zunehmend und ich entdeckte die ersten Gesichter, die ich nicht leiden konnte. Der Hass auf diese Veranstaltung flackerte ungeahnt heftig auf, als doch tatsächlich Endeavor den Raum betrat, die derzeitige Nummer zwei der professionellen Helden.

Wer hat den Vollpfosten denn eingeladen?

Als hätte er meine Gedanken gelesen, kam er in die Richtung meiner Gruppe. Schnell trat ich den Rückzug an. Ich wollte überhaupt nicht in seiner Nähe sein. Typen wie der waren mir unheimlich.

So kehrte ich an meinen Tisch zurück. Inzwischen saß dort Kubota, dem ich meine Anwesenheit hier verdankte. Allerdings hockte er rechts von mir, womit er nicht mein Tischherr sein konnte. Der wurde üblicherweise auf der linken Seite der Dame platziert.

Wir begrüßten uns und er erzählte mir fröhlich, er hätte seine Enkelin Emi mitgebracht. Kurz darauf stieß ein junges Mädchen von siebzehn Jahren zu uns, die in ihrem rosafarbenen Tüllkleid wie eine kleine Prinzessin aus einem Bilderbuch aussah.

Eine Weile ließ ich mich von ihr über den Alltag in der Universität ausfragen, da sie mir unter der Hand verriet, dass ihr Großvater jedes Mal eine andere Version erzählte. Bald darauf nahmen zwei weitere Gäste, Vertreter einer Spielzeugfirma, an unserem Tisch Platz.

Keiner von ihnen saß links von mir. Ich spürte, wie sich eine schlimme Befürchtung in mir ausbreitete. Entweder war mein Tischerr ein notorischer Zuspätkommer oder die Universität hatte bei der Platzverteilung einen Fehler gemacht und mich neben eine andere Frau gesetzt.

Der erste Gong ertönte und alle noch Herumstehenden nahmen ihre Plätze ein. Dann sah Kubota plötzlich erfreut auf.

„Da kommt er ja endlich!“ Mit dem nächsten Wimpernschlag flüsterte er mir geheimniskrämerisch ins Ohr: „Ich weiß ja, wie sehr du solche Veranstaltungen hasst, also habe ich extra dafür gesorgt, dass er heute dein Tischherr ist.“

Ich folgte seinem Blick und sah einen Mann auf uns zukommen, der mir optisch auf Anhieb gefiel: mindestens einen ganzen Kopf größer als ich, breitschultrig, ein freundliches Gesicht. Die dunkelblauen Haare fielen ihm in die Stirn. Ob er seinen Anzug absichtlich in der passenden Farbe ausgewählt hatte?

Da er mir nicht bekannt vorkam, konnte er kein Kollege sein, weshalb ich Kubota zuflüsterte: „Woher kennt ihr euch?“

„Oh, sein Vater ist mit meinem Sohn zusammen in die Schule gegangen. Er ist schon lange ein enger Freund der Familie“, antwortete er. Als der Neuankömmling uns erreichte, begrüßte er ihn scherzhaft: „Hast du heute Morgen etwa vergessen, deinen Grapefruitsaft zu trinken? Du bist spät dran! Das kenne ich ja gar nicht von dir!“

„Kubota-kun! Wie schön, dich hier zu treffen“, lächelte er mit ehrlicher Freude. „Ja, das stimmt, ich bin etwas zu spät von zu Hause losgefahren. Aber ich habe es ja noch geschafft.“

Anschließend wandte er sich mir zu, doch bevor ich etwas sagen konnte, gab Kubota ihm einen, für den alten Mann unüblich kräftigen, Klaps auf die Schulter. „Darf ich dir deine Tischdame vorstellen? Sie ist meine Lieblingskollegin aus der Toxikologie: Doktor Shuzenji Mika.“

„Die Lieblingskollegin? Oh je! Also werde ich zur Strafe vergiftet, wenn ich heute Abend nicht tüchtig nachschenke.“ Er lachte, faltete die Hände vor der Brust und verbeugte sich leicht. „Es ist sehr angenehm, Sie kennenzulernen, Shuzenji-hakase. Ich bin Iida Tensei.“

„Die Freude ist ganz meinerseits, Iida-san“, erwiderte ich, deutete eine Verbeugung an und bemühte mich um ein Lächeln. In meinem Hinterkopf ratterte mein Gedächtnis. Obwohl ich sein Gesicht definitiv nie zuvor gesehen hatte, kam mir der Familienname doch bekannt vor. Hatte Kubota etwa einmal von ihm erzählt? Oder studierte ein Verwandter von ihm unter meiner Anleitung?

Tensei erwies sich zumindest als wohlerzogen. Beim Hinsetzen rückte er mir meinen Stuhl zurecht. Nachdem er sich selbst gesetzt hatte, nahm er die Flasche Wasser und schenkte mir in das dazugehörige Glas ein.

Höflicher Applaus brandete auf, als das Licht gedimmt wurde und der Direktor der Tōdai-Universität für die Eröffnungsansprache auf der Bühne ans Podium trat. Mit halbem Ohr lauschte ich der Ansprache und zuckte erschrocken zusammen, als der Groschen plötzlich fiel. Die Iida-Familie war mir sehr wohl bekannt, denn sie bestand ausnahmslos aus ...

Helden.“

Dass ich das Wort laut ausgesprochen hatte, begriff ich erst, als Tensei mir fragend das Gesicht zuwandte. Schnell schüttelte ich den Kopf, richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf die Bühne und griff nach meinem Rotweinglas.

Verdammter Dreck! Tanaka, Naeko und Hidemi würden mich so was von auslachen, wenn ich ihnen hiervon erzählte. Den Einstand des Abends hatte ich ohne Katastrophen hinter mich gebracht, nur, damit ich jetzt dank meines Kollegen mit einem Helden als Tischherrn auskommen musste. Das war einfach nicht fair!

Die Ansprache endete und mit ihr kam der erste Gang, eine Suppe mit Garnelen. Kubota, kein Kind von Traurigkeit, verwickelte die übrigen Gäste an unserem Tisch mühelos in ein Gespräch. Emi schien die Spielzeugfirma zu kennen und beteiligte sich an der Unterhaltung. Ich lauschte schweigend.

„Sie haben mich also erkannt“, sagte Tenseis Stimme plötzlich. Er klang amüsiert.

Überrascht wandte ich ihm das Gesicht zu. „Bitte?“

„Sie haben doch während der Ansprache plötzlich das Wort Helden gemurmelt. Damit wurde ich also enttarnt. Normalerweise trage ich ein Kostüm, bei dem man mein Gesicht nicht sieht, und ich bin nicht besonders häufig zu Fernsehauftritten eingeladen. Vermutlich haben Sie es also an meinem Familiennamen erkannt, nicht wahr?“, erklärte er und ich fragte mich, wie man unablässig so freundlich dreinsehen konnte.

„Es stimmt also? Sie sind wirklich ein Held?“, vergewisserte ich mich der Tatsache, nicht versehentlich einem Missverständnis auf den Leim zu gehen.

„Der Turbo Hero Ingenium, Leiter von Team Idaten, ja, das bin ich.“ Er fischte mit dem Suppenlöffel eine Garnele aus seiner Schüssel. „Aber lassen Sie uns nicht darüber reden. Von Helden hört man den ganzen Tag lang. Erzählen Sie mir doch lieber etwas über Ihre Arbeit. Wie lange sind Sie schon an der Tōdai?“

Dank der Berufe meiner Mutter und Großmutter hatte ich mich in meinem Leben schon mit so einigen Helden unterhalten. Seit wann interessierten Helden sich für die Arbeit anderer Leute? Wieso prahlte er nicht mit seinen Erfolgen?

Das Geschehen nahm eine Wende, die mich verwunderte. Zugleich erschütterte mich das. Seinen Heldennamen wusste ich selbstverständlich zuzuordnen. Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich dieser Tatsache mehr Aufmerksamkeit geschenkt, als mir in diesem Moment lieb war.

„Also wenn Sie die Zeit mit einrechnen, die ich dort selbst studiert habe, inklusive meiner beiden Auslandssemester, sind es nun fast dreizehn Jahre. Ich war nach Beendigung des Studiums einige Zeit als Mitarbeiterin in der Forschung angestellt und habe nebenbei promoviert. Lehren tue ich seit fünf Jahren“, erzählte ich ihm. Hoffentlich klang meine Stimme normal.

Mit jedem Satz schien er überraschter zu sein. Er hörte sogar auf seine Suppe zu löffeln und starrte mich mit leicht geöffnetem Mund an. Als ich endete, herrschte für einen Augenblick Stille zwischen uns.

Er runzelte die Stirn, als würde er über etwas nachdenken, bevor er erstaunt äußerte: „Aber das heißt ja ... Wenn Sie direkt nach dem Oberschulabschluss an die Universität gegangen sind, waren Sie ja erst sechsundzwanzig Jahre alt, als Sie promoviert haben, Shuzenji-hakase.“

„So ist es.“ Sein verblüffter Gesichtsausdruck zauberte doch tatsächlich ein Lächeln auf meine Lippen. „Meine Kollegen behaupten, Ehrgeiz wäre mein zweiter Vorname.“

„Unglaublich!“, stieß er hervor und seine Augen leuchteten in einer Art und Weise, die mich sehr an Tanaka erinnerte, wenn sie von ihren Vorlesungen berichtete. „Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit am meisten?“

„Sie meinen an meinem Lehrauftrag, Iida-san?“ Ich überlegte kurz, warum ich mir die vielen Klausuren und Hausarbeiten immer wieder antat. „Es gibt nichts Schöneres als die unschuldige Neugierde junger Menschen.“

Er lachte auf. „Ja, ich weiß, was Sie meinen! Ich habe einen kleinen Bruder, Tenya, der mich ständig über meine Arbeit ausfragt und vor Übereifer platzt. Nächste Woche beginnt das neue Schuljahr und er hat die Aufnahmeprüfung an der Yūei geschafft. Kaum zu glauben, wie schnell die Zeit vergeht.“

„Ihr redet so, als wärt ihr alte Knacker wie ich“, ertönte Kubotas Stimme, die mich dezent zusammenzucken ließ. „Ihr seid in der Blüte eures Lebens! Wenn ich nur wieder die drei vornedran hätte ... Man, oh man, ich würde jeden Tag leben, als wäre es mein Letzter.“

Wie lange bitte hatte mein Kollege schon unserem Gespräch gelauscht? Glücklicherweise kam in diesem Moment ein Kellner an unseren Tisch, um nach dem Rechten zu sehen, wodurch alle kurz abgelenkt wurden.

Mit dem Ausspruch, wenn er wieder die drei vornedran hätte, meinte Kubota wohl den Umstand, wieder dreißig zu sein. Das traf auf mich zu, ich war einunddreißig, aber da sich seine Worte nicht nur auf mich bezogen hatten, musste Tensei also im selben Alter sein.

Weitere Kellner räumten die leeren Suppenschüsseln weg und der Zwischengang kam. Zunächst unterhielten Tensei und ich uns eine Weile über die Veranstaltung und das Programm, wobei ich erfuhr, dass er Klavier spielen konnte. Aber irgendwann wurde es still zwischen uns. Üblicherweise hatte ich gar kein Problem damit zu schweigen, aber dieses Mal ärgerte ich mich über meine Unfähigkeit, das Gespräch am Laufen zu halten.

Nichts überbot die Absurdität, diesen Gedanken auch nur zuzulassen, aber Tensei war irgendwie nicht wie die anderen. Wie andere Helden, das meinte ich. Er war aufmerksam und ein guter Zuhörer, der die richtigen Fragen stellte, ohne zu neugierig oder aufdringlich zu wirken. Zudem hatte er immer noch nicht im Geringsten von seiner Arbeit oder sich selbst erzählt, bis auf die Tatsache, dass sein jüngerer Bruder Tenya bald in seine Fußstapfen treten würde.

Vor dem Hauptgang trat die Zither-Spielerin auf. Ich meinte, sie schon einmal irgendwo gesehen oder gehört zu haben, aber erinnerte mich nicht im Detail. Sie inszenierte einen tadellosen Auftritt, an den ich mich sicher noch lange erinnern würde.

Anschließend nutzte Kubota die Stille zwischen uns, um nach dem Wohlergehen der Familie Iida zu fragen. Die beiden Männer tauschten auch dann noch Neuigkeiten über meinen Kopf hinweg aus, als der Hauptgang serviert wurde.

Zufällig fiel mein Blick auf den Mann mir gegenüber. Schnell sah ich wieder weg, da er mich doch eine Spur zu aufdringlich musterte. Er arbeitete für diese Spielzeugfirma. Vermutlich stellte er Actionfiguren her, da Emi gerade etwas über eine neue Kollektion fragte.

Innerlich lachte ich, als mir der Einfall kam, demjenigen von meinen Mitstreitern, der als Nächstes Geburtstag hatte, die neueste All Might-Puppe zu schenken. Die würde höchstens mit abgerissenem Kopf als Tischdekoration enden, wenn wir Sitzung hatten.

Erst mit dem Dessert kam zwischen Tensei und mir wieder ein Gespräch auf. Er fragte mich, ob ich aus Tokyo stammte. Daraufhin antwortete ich, ich wäre hier geboren und hätte auch den Großteil meiner Zeit hier gelebt, aber die Mittelschulzeit über in der Präfektur Chiba gewohnt. Das schuldete ich einer kurzzeitigen beruflichen Umorientierung meines Vaters.

„Wieso fragen Sie, Iida-san?“, wollte ich im Anschluss wissen.

Schon wieder lächelte er dieses umwerfende Lächeln. „Ich hoffe, ich erscheine Ihnen mit meiner Fragerei nicht als zu dreist, aber Shuzenji ist kein besonders häufiger Familienname. Gebürtig stammen sie auch noch aus Tokyo. Sie sind nicht zufällig mit Recovery Girl verwandt?“

Bei Recovery Girl, mit richtigem Namen Shuzenji Chiyo, handelte es sich um eine pensionierte Heldin und Ärztin, die in der Yūei für angehende Helden die Schulkrankenschwester mimte. Ein leises Seufzen konnte ich nicht unterdrücken. Die Vergangenheit holte einen immer ein.

„Ja, bin ich. Sie ist meine Großmutter väterlicherseits.“

„Was für ein Zufall!“ Er gluckste. „Oh je, wenn Sie wüssten, wie oft Ihre Großmutter mich während meiner Schulzeit wieder zusammennähen musste. Im ersten Semester habe ich sie gefühlt wöchentlich besucht.“

Das wiederum konnte ich mir vorstellen. Ich hatte meine Großmutter zwar seit über einem Jahr nicht mehr besucht, aber mein Verhältnis zu ihr war beileibe nicht so mies wie das zu meinen Eltern. Sie erzählte häufiger von Unfällen der Heldenschüler und meistens konnte ich ihr dabei sogar zuhören, weil sie mit diesem wissenschaftlich geprägten Blick von dem Geschehen berichtete, den ich ebenfalls beherrschte.

Ich beschloss, dass das Gespräch auf gar keinen Fall wieder enden durfte, und so stellte ich eine Frage, die ich unter normalen Umständen niemals ausgesprochen hätte. „Würden Sie mir von Ihrer Schulzeit in der Yūei erzählen?“

Das tat er auch. Mit seinen Geschichten brachte er mich tatsächlich zum Schmunzeln. Das Dessert aß sich nebenbei wie von selbst. Anschließend trat die Trommelgruppe auf und danach hielt die Geschäftsführung ihre Rede. Währenddessen wippte ich mit den Füßen, da diese in den hochhackigen Pumps langsam einschliefen.

Nach der viel zu langweiligen Rede kündigte sich der Eröffnungstanz an, den der Direktor der Universität mit dem weiblichen Ehrengast tanzte. Begleitet wurde dies von einem Orchester, das nun die frei gewordene Bühne besetzte. Der Abend hielt eine weitere Überraschung parat, als Tensei nach dem Eröffnungstanz aufstand und mir höflich die Hand hinstreckte.

„Darf ich bitten?“

Zum zweiten Mal an diesem Abend brachte mich jemand zum Erröten. Beschämt lehnte ich ab: „Danke, aber ich bin keine gute Tänzerin.“

„Das macht doch nichts!“, behauptete er, ohne das Lächeln zu verlieren.

Ich wollte erwidern, dass er wirklich besser jemand anderes zum Tanzen auffordern sollte, da spürte ich plötzlich, wie mir jemand mit der Schuhspitze gegen das Schienbein tippte. Ich sah nach rechts, in der Erwartung, Kubota grinsen zu sehen. Doch der saß gar nicht mehr auf seinem Platz.

Stattdessen hockte dort Emi und funkelte mich auffordernd an. Wollte die Kleine mich vereimern? Wenn man als Siebzehnjährige nicht tanzen konnte, fiel das kaum weiter auf. Wenn man es als Erwachsene nicht konnte und bei einer öffentlichen Veranstaltung trotzdem tat, blamierte man sich bis auf die Knochen.

Aber ich konnte nichts dagegen tun. Letztendlich brachte mich der sture, stumm auffordernde, zugleich verträumte Blick einer Siebzehnjährigen dazu, aufzustehen, meine Tasche auf dem Stuhl abzulegen und mich von meinem Tischherrn tatsächlich auf die Tanzfläche führen zu lassen.

So schwebte ich eher weniger elfengleich in den Armen eines Helden über das Parkett. Eines Helden, der viel zu nett und aufmerksam und bescheiden war. Der sein Licht nicht unter den Scheffel stellte, nicht nur von sich selbst und seiner ach so tollen Arbeit prahlte. Zu allem Überfluss erwies er sich auch noch als ein ziemlich guter Tänzer, was dazu führte, dass ich mir noch dümmer vorkam als eh schon.

Ich atmete erleichtert durch, als er nach dem vierten Tanz fragte, ob ich eine Pause machen wollte. Wieder an unserem Tisch angekommen tauschte ich mit Emi, die an meiner Stelle mit Tensei davonschwebte. Ich nahm mein Handy aus der Tasche und stellte fest, das die Uhr bereits kurz vor Mitternacht anzeigte.

Wo ist die Zeit nur hin?

Tanaka hatte mir eine Nachricht im Messenger geschickt mit der Frage, ob ich schon jemand Spannendes kennengelernt hätte, begleitet von geschlagenen zehn Smileys. Ich schickte eines zurück, das die Zunge herausstreckte, und rief anschließend beim Taxiservice an, um mir einen Wagen für die Heimfahrt zu bestellen.

Woher es rührte, war mir schleierhaft, aber ich verspürte leichte Übelkeit. So beschloss ich, nicht auf die Rückkehr meiner Tischnachbarn zu warten, die sich offenkundig bestens amüsierten. Ich trank mein Glas Wasser aus und ging noch einmal zur Toilette, bevor ich anschließend die Garderobe aufsuchte.

Die kühle Luft, die mich draußen empfing, ließ mich kurzzeitig daran zweifeln, dass der Frühling vor der Tür stand und die Kirschen bereits blühten. Die Übelkeit in meinem Magen verstärkte sich und ich zwang mich regelrecht, aufrecht zu laufen. Vielleicht lag es an der Suppe. Ich vertrug Fisch und Meeresfrüchte öfter nicht gut.

Ich entdeckte mein wartendes Taxi und steuerte darauf zu. Der Fahrer, ein älterer freundlicher Herr, nahm meine Bitte, wegen meines angeschlagenen Magens nicht zu schnell zu fahren, sehr ernst.

Es dauerte zwanzig Minuten, bis ich zu Hause ankam. Meine Füße schmerzten, als ich im Flur aus den Pumps schlüpfte. Was für ein Glück war morgen Sonntag! Müde schleppte ich mich die Treppe hinauf und ins Bad, wo ich mich abschminkte. Die Übelkeit hatte weder nachgelassen noch sich verschlimmert. Ich würde hoffentlich bald einschlafen.

Ich zog mich um und kroch ins Bett. Dort nahm ich ein letztes Mal mein Handy zur Hand. Ich rechnete mit einer Antwort von Tanaka. Deshalb überraschte es mich, eine eingegangene Nachricht von einer unbekannten Nummer zu entdecken.

Für einen Augenblick verharrte mein Finger regungslos über dem Touchscreen, bevor ich die Nachricht öffnete. Beim Lesen weiteten sich meine Augen regelrecht schockiert und mein Herz setzte einen Schlag aus.


»Schade, dass Sie so früh gehen mussten. Kubota hat mir Ihre Nummer gegeben, ich hoffe, das war in Ordnung. Ich würde Sie nämlich sehr gerne wiedersehen :-) Tensei«



~~*~~*~~


Preview: Mika sieht sich neuerdings mit unangenehmen Veränderungen konfrontiert. Wer hat Tanaka bedroht? Welche mutige Tat ist auf Hidemis Konto zu verbuchen? Und warum schuldet die Blondine Mika dreimal Ramen? Das alles erfahrt ihr in Kapitel 6: Entscheidungsmacht. Bis dahin – Plus Ultra! ;D
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