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Block King Kong

von Jadina
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Het
Chiyo Shuzenji / Recovery Girl Chizome Akaguro / Stain OC (Own Charakter) Tensei Iida / Ingenium Tenya Iida
01.01.2021
04.05.2022
25
91.181
9
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01.03.2021 3.861
 
~~ Kapitel 4: Der potenzielle Kamerad ~~



Große Hände streichelten über meine nackten Schultern, glitten an meinem Rücken hinab bis zur Taille. Dort angekommen, schlang er die Arme um mich und drückte mich fest an sich. Ein sanfter Kuss landete auf meinem Hals und zufrieden schloss ich die Augen.

Mit dem Kopf an seiner Brust konnte ich seinen Herzschlag hören und stellte fest, dass jener im selben Rhythmus schlug wie meiner. Das ganze Wochenende über hatten wir uns geliebt wie früher und ich wollte diesen Augenblick für immer festhalten, weil ich genau wusste, dass es das letzte Mal sein würde. Sobald ich an diesem Montagmorgen das Haus verließ, würde er wieder aus meinem Leben verschwinden.

Seine Finger kraulten mich zwischen den Schulterblättern, genau dort, wo ich es am meisten mochte. Ich fühlte mich wehmütiger, als es gut für mich war. Heimlich dachte ich, dass ich mir wünschte, die Zeit zurückdrehen zu können. Hätte ich vor sechs Jahren gewusst, wie mein Leben mit Block King Kong verlaufen würde, dann hätte ich ihn nie verlassen. Wir wären vielleicht immer noch ein Paar und ich müsste diesen Weg nicht alleine gehen.

Eigentlich war es absurd. Ich hatte vier enge Kameraden um mich herum, die all meine Entscheidungen mit auf ihren Schultern trugen. Aber trotzdem fühlte ich mich einsam, auf eine Art und Weise, die ich nicht eingehender beschreiben konnte.

Der Wecker piepste los und Stain löste einen warmen Arm von meinem Körper, streckte die Hand aus, um das technische Ungetüm zum Verstummen zu bringen. Für einen Augenblick hing die Stille wie ein Damoklesschwert über unseren Köpfen, bevor er sagte: „Du musst aufstehen, Mika.“

Alles in mir sträubte sich dagegen und so schüttelte ich kaum merklich den Kopf. Ich verfluchte diesen Morgen und die Tatsache, dass ich nicht länger im Bett bleiben konnte als montags üblich, weil ich mein Auto in der Werkstatt abholen musste, bevor ich zur Arbeit fuhr. Ich wollte nicht arbeiten! Lieber wollte ich noch einmal mit ihm schlafen.

Er wirkte auf mich wie eine Droge, von der ich eigentlich losgekommen war, aber dann, in einem unbedachten Moment, hatte ich wieder von ihr gekostet und nun verfiel ich der Sucht aufs Neue. Liebte ich ihn noch? Keine Ahnung. Begehrte ich ihn? Oh ja!

Da ich nicht reagierte, erhob Stain sich schließlich. Ein Murren entfuhr mir, als die Wärme seines Körpers verschwand und ich alleine unter der Bettdecke zurückblieb. Letztlich musste ich der Realität aber ins Auge sehen. Als er begann sich anzuziehen, setzte ich meine Brille auf und verließ ebenfalls das Bett.

Ich duschte alleine und als ich angezogen, noch mit feuchten Haaren, hinunter ins Erdgeschoss kam, stand er abreisefertig im Flur. Seine Kleidung war nicht mehr dreckig, da ich sie in der Zwischenzeit gewaschen hatte, und würde ihm nicht die Nase fehlen, wäre er wohl nicht so sehr aus dem Raster gefallen wie sonst.

„Ich gehe jetzt, Mika“, sagte Stain. Aus seinem Tonfall konnte ich nicht heraushören, wie er darüber dachte oder ob es ihm schwerfiel, mir den Rücken zuzukehren.

Die Bitte Geh nicht! lag mir schon auf der Zunge, aber ich schluckte sie herunter und probierte es mit einem Lächeln, an dem ich grandios scheiterte.

Blitzschnell trat er vor und küsste mich, doch noch bevor ich mich ihm entgegenlehnen konnte, zog der Moment auch schon vorüber. Er öffnete die Haustür und spazierte so unbedarft heraus, als wäre er nur ein normaler Besucher, kein landesweit gesuchter Schwerverbrecher. Er sah kein einziges Mal zurück, was mir mehr wehtat, als ich zuvor vermutet hatte.

Der Gedanke daran schmerzte immer noch, als ich eine halbe Stunde später ebenfalls das Haus verließ und nach fünfzehn Minuten Fußmarsch die Autowerkstatt erreichte. Recht teilnahmslos lauschte ich dem Bericht des Werkstattbesitzers und legte anschließend meine Kreditkarte auf den Tisch.

Eigentlich hätte ich überglücklich sein müssen, in meinem eigenen Auto zur Arbeit zu fahren, aber als ich hinter dem Steuer saß und gerade einmal um den Block gefahren war, brachen die Dämme. Ich hielt in einer Einfahrt an, schaltete den Motor ab und heulte los wie ein kleines Mädchen. Mit beiden Händen hielt ich das Steuer umfasst, so fest, dass meine Fingerknöchel weiß hervortraten. Ich zitterte am ganzen Körper.

Warum nur tat das so weh? Ich war doch in den letzten sechs Jahren bestens ohne ihn ausgekommen. Ich brauchte keinen Mann in meinem Leben!

Es fühlte sich schön an, jemanden an seiner Seite zu haben. Zu wissen, dass jemand auf mich wartete, wenn ich nach einem langen Tag nach Hause kam. Dass ich alles mit dieser Person teilen konnte, gute wie schlechte Gedanken. Dass wir ein gemeinsames Ziel verfolgten.

Aber mein Leben war nach der Trennung nun wirklich nicht den Bach runtergegangen. Ich hatte Block King Kong alleine geführt, ziemlich erfolgreich sogar, wenn ich das mal so festhalten durfte, und mein öffentliches Leben konnte sich durchaus sehen lassen.

Eine feste Beziehung glich dem Sahnehäubchen auf dem Eisbecher, aber mit genug Schokoladensoße, die man selbst darauf schüttete, schmeckte er auch ohne gut.

Irgendwann schreckte mich ein lautes Hupen auf. Das Garagentor der Einfahrt stand offen und ein knallroter Wagen blinkte mit den Lichtern auf. Ich machte eine entschuldigende Geste, startete den Motor und fuhr davon.

Mich unbeobachtet ausheulen zu können, hatte gut getan. Bis ich die Tōdai erreichte, würde ich mich endgültig beruhigt haben. Spätestens mit der ersten Vorlesung würden meine Gedanken an Stain gestorben sein und ich konnte mich wieder auf die wichtigen Dinge konzentrieren. Für heute Abend hatte ich nämlich ein Treffen im Hauptquartier einberufen.


~~*~~*~~


Nach den Vorlesungen und Seminaren schaute ich beim Prüfungsamt vorbei, um mein Postfach zu leeren. Die zu benotenden Hausaufgaben mit der Frist von letztem Freitag füllten es beinahe komplett. Ganz obendrauf lag allerdings der gelbe Brief der Tōdai, den alle Lehrbeauftragten und Dozenten im Februar zugeschickt bekamen.

Jedes Jahr zu Hanami veranstaltete das Kulturbüro der Universität in Kooperation mit der Pressestelle eine Wohltätigkeitsgala, bei der verschiedene Vertreter aus allerlei Bereichen eingeladen wurden. In den vergangenen zwei Jahren hatte ich mich erfolgreich vor diesem Event gedrückt, aber ich befürchtete schon, dass ich dieses Mal nicht drum herum kommen würde. Mein Kollege Enomoto Kubota war zwar ein ganz schöner Schussel, aber solche Dinge vergaß er nicht. Zweifelsohne würde er dafür sorgen, dass ich dieses Mal auf der Liste der Teilnehmer landete.

In meinem Hinterkopf konnte ich schon Hidemis Lachen hören, begleitet von Daisukes hämischen Schnauben und den begeisterten Ausrufen von Naeko und Tanaka, ob sie meine Haare stylen und mich schminken dürften.

Wenn man vom Teufel sprach, sah ich in genau diesem Augenblick Kubota in den Gang einbiegen. Das hätte mich weniger gestört, wäre er nicht in Begleitung einer Kollegin aus der benachbarten Bioinformatik, die ich nicht ausstehen konnte.

Rasch, bevor sie mich registrierten, stopfte ich die Hausaufgaben in meine Tasche und verschwand in die entgegengesetzte Richtung. Als sie um die Ecke bogen, kam ich wieder hervor und machte mich auf den Weg in mein Büro.

Ich verbrachte dort selten viel Zeit. Einerseits war der Raum ziemlich klein, andererseits musste ich ihn teilen. Mein Büromitbewohner hieß Okumura Kouhei. Jedoch habilitierte er gerade und befand sich deshalb häufig auf Tagungen. Außerdem störte mich seine Anwesenheit nicht, da sich unsere Gespräche ausschließlich um die Arbeit drehten. Es gab jedoch keinen besseren Ort, um in Ruhe Hausaufgaben zu benoten, als mein Büro.

Der Trakt der Toxikologie wirkte wie ausgestorben. Sowieso handelte es sich hierbei um ein selten besuchtes Pflaster. Nur wenige Studenten verirrten sich hierher. Wir waren nicht die beliebtesten Mentoren. Umso erstaunter blinzelte ich, als ich feststellen musste, dass eine junge Dame vor meinem Büro stand und auf mich zu warten schien.

Erst auf die letzten paar Meter erkannte ich Tanaka. Sie trug die Haare heute zurückgeflochten, was ich an ihr noch nie gesehen hatte. Es stand ihr, meiner Meinung nach, auch nicht besonders gut, aber vielleicht war es gerade modern. Uns trennten sieben Jahre voneinander und im Gegensatz zu mir hielt sie sich über die neuesten Trends immer auf dem Laufenden.

„Hallo Mika“, begrüßte sie mich mit meinem Vornamen. Wäre jemand hier gewesen, hätte sie natürlich den Nachnamen verwendet, aber so ging das in Ordnung.

„Hallo Tanaka. Ist etwas passiert?“, fragte ich sogleich. Früher war ich ihre Mentorin gewesen, aber inzwischen hatte sie das Fach gewechselt und studierte Psychologie. Sich in der Universität zu treffen, erschien auf den ersten Blick als nichts Ungewöhnliches, was dabei half, den Schein zu wahren. Niemand wusste, dass wir uns auch in unserer Freizeit häufig sahen.

„Nein.“ Sie grinste breit. „Ich habe gute Neuigkeiten! Aber das besprechen wir vielleicht besser im Büro.“

Nickend zog ich den Schlüssel aus der Manteltasche und öffnete die Tür. Okumura glänzte durch Abwesenheit und mit seiner Unordnung, die auf einen fröhlichen Feierabend am Freitag hindeutete. Fachbücher, Kopien und Ordner übersäten seinen Schreibtisch. Ich schüttelte kaum merklich den Kopf, als Tanaka einen Witz über das Chaos machte.

Auf meinem Schreibtisch herrschte gähnende Leere. Das änderte sich, als ich den Stapel Hausaufgaben aus der Tasche zog und in den rechteckigen Schuber bugsierte, dessen Aufschrift mich daran erinnerte, sie möglichst bald zu benoten.

Ich nahm auf meinem Stuhl Platz, sie auf dem von Okumura. Dann forderte ich sie auf: „Also, dann erzähl doch mal!“

Sie spielte an den Enden ihrer schwarzen Zöpfe herum. Plötzlich erinnerte ich mich, wie man ihre Frisur neuerdings nannte. Darüber hatte ich letztens einen Bericht im Fernsehen gesehen. Diese spezielle Form der Flechtzöpfe hieß Boxer Braids. Die Spitzen reichten ihr bei ihrer Haarlänge gerade einmal bis auf die Schultern.

Jedenfalls posaunte Tanaka heraus: „Ich glaube, ich habe ein neues Mitglied für Block King Kong gefunden!“

Mein Herz machte einen freudigen Hüpfer. Ich reagierte jedes Mal so, auch wenn es fast nie vorkam, dass diese Person auch tatsächlich bei uns einstieg. Ich sortierte Anwärter gnadenlos aus. Da ich dieses Mal aber einen gewissen Verdacht hegte, bohrte ich nach: „Ist es der Kerl, von dem du letzte Woche erzählt hast?“

„Bingo!“ Sie grinste noch breiter. „Er benimmt sich immer noch ziemlich geheimniskrämerisch. Er hat mir gesagt, dass er Natsuo heißt, aber irgendwie habe ich das Gefühl, das ist nicht die Wahrheit. Er ist bestimmt einer von uns.“

„Wie genau meinst du das?“, hakte ich nach, obwohl ich eine Vermutung hegte.

Diese wurde sogleich bestätigt, als Tanaka erklärte: „Ich habe ihn noch nie mit seiner Spezialität rumspielen sehen und er redet auch mit niemandem darüber. Also hat er vermutlich keine und versucht, das zu vertuschen. Außerdem ist mir aufgefallen, dass er verdammt gefrustet ist. Immer, wenn irgendjemand in seiner Nähe über Helden redet, bekommt er diesen ominösen Gesichtsausdruck, so als wollte er gleich alle umbringen, die das Wort noch einmal in den Mund nehmen.“

Es war auffällig, dass sie an dieser Stelle stoppte, als würde sie überlegen, ob sie weiterreden sollte. Doch erst, nachdem ich fragend die Augenbrauen hochgezogen hatte, fügte sie noch hinzu: „Einmal ist ihm etwas aus der Tasche gefallen.“ Sie öffnete ihren Rucksack und zog eine DIN-A5 Mappe heraus, die sie mir reichte.

Ich nahm die Mappe entgegen. Sie sah völlig unscheinbar aus, dunkelblau kariert, eben wie eine ganz normale Mappe, die jedem beliebigen Studenten an der Tōdai gehören konnte. Als ich sie jedoch öffnete und den Inhalt begutachtete, blieb mir für einen Moment die Spucke weg.

Innen drin befanden sich ausgeschnittene Zeitungsartikel über Stain, genauer gesagt Berichterstattungen über seine Attacken auf Helden. Auf den ersten Blick schätzte ich rund dreißig Ausschnitte, aber vielleicht waren es noch mehr.

„Mir scheint, als könnte Natsuo sich mit Block King Kongs Ideologie identifizieren“, kommentierte Tanaka ihre Entdeckung. „Na, was sagst du, Mika? Soll ich ihm mal auf den Zahn fühlen?“

„Diese Entscheidung würde ich gerne auf heute Abend vertagen. Ich will hören, was die anderen dazu sagen. Es passt sowieso, da ich euch von meinem Treffen mit Stain erzählen muss“, entgegnete ich und klappte die Mappe wieder zu, verschloss sie mit dem Gummiband, das an ihr befestigt war.

„Oh! Du hast es wirklich geschafft, ihn zu finden?“ Tanaka wirkte ganz und gar begeistert. „Dann wird das ja ein sehr spannendes Treffen. Sag mal, du fährst von hier aus sicher direkt nach Asahi, oder? Kannst du mich mitnehmen?“

„Klar! Wir müssen allerdings einen Zwischenstopp einlegen und Daisuke am Bahnhof abholen. Dann schauen wir bei mir vorbei, damit er seinen eigenen Wagen wieder heimfahren kann“, erklärte ich ihr. „Das ist erst in zwei Stunden. Bis dahin muss ich Hausaufgaben benoten.“

„Kein Problem! Ich habe sowieso noch eine Vorlesung.“ Tanaka stand auf. „Ich mache mich dann los. Bis später, Mika!“

„Gut, machen wir es so. Bis später!“

Ich sah ihr dabei zu, wie sie mein Büro verließ, und wartete, bis die Tür ins Schloss gefallen war. Anschließend stand ich auf und drehte den Schlüssel herum, testete, ob ich auch ja richtig abgeschlossen hatte. Dann nahm ich wieder auf meinem Stuhl Platz und öffnete die Mappe ein weiteres Mal.

Insgesamt handelte es sich um dreiunddreißig Zeitungsausschnitte, womit ich mit meiner Schätzung ganz gut getippt hatte. Sie waren nach dem Datum sortiert worden und die Namen der geschädigten oder getöteten Helden hatte der mysteriöse Natsuo mit gelbem Textmarker angestrichen.

Mit Sicherheit sagen konnte ich es nicht, aber die Zeitungsausschnitte erschienen mir wie Originale. Demnach musste Natsuo den kriminellen Werdegang von Stain schon seit geraumer Zeit eifrig mitverfolgen.

So ein gutes Gefühl hatte ich angesichts eines potenziellen neuen Mitglieds schon Ewigkeiten lang nicht mehr verspürt. Obwohl ich mir einredete, dass ich vorsichtig und misstrauisch bleiben musste, ergriff eine ungeahnte Euphorie Besitz von mir.

Als ich die ersten Hausaufgaben aus dem Ordner zog und meinen Rotstift auspackte, begann ich damit, eine fröhliche Melodie vor mich hin zu pfeifen.

Eineinhalb Stunden später klopfte es an meine Bürotür und Tanakas Stimme ertönte: „Mika? Bist du noch da?“

Ich stand auf und schloss ihr auf. „Entschuldige, ich konnte Störungen nicht gebrauchen.“

Mit den Hausaufgaben war ich fast fertig. Drei von ihnen fehlten noch, das würde ich morgen im Laufe des Tages erledigen. Ich räumte mit wenigen Handgriffen meinen Schreibtisch auf. Währenddessen fragte ich Tanaka nach ihrer Vorlesung.

Sie berichtete mir immer noch vom heutigen Thema – Zwangsstörungen bei Kindern – als wir den Trakt verließen und in der Tiefgarage ankamen. Ich fand es schön, dass sie mir so unbedarft von ihren Lehrinhalten erzählte. Solange sie sprach, musste ich es nicht tun.

Am heutigen Tag verlief die Fahrt zum Bahnhof glücklicherweise besser als beim letzten Mal. Wir erreichten den Bahnhof ein paar Minuten zu früh und warteten im Bereich der Taxis, wobei ich den Motor laufen ließ, damit wir bei einer Beschwerde jederzeit davonfahren konnten.

Daisuke erkannten wir von Weitem und er fand uns sogleich. Als er ins Auto einstieg, stutzte er ob Tanakas Anwesenheit. Bevor ich irgendetwas zur Erklärung sagen konnte, begannen beide, einander in neckender Weise zu piesacken. Manchmal wirkten sie wie Geschwister und das versetzte mir jedes Mal einen Stich.

Wie Mu-chan und ich ...

„Ich bin so aufgeregt, was du zu berichten hast, Mika“, sagte Tanaka, als ich gerade auf die Autobahn fuhr. „Ich hätte echt nicht gedacht, dass ihr Stain so schnell findet.“

„Wie?“ Ich konnte Daisukes verständnislosen Blick in meinem Rücken spüren, ohne in den Spiegel sehen zu müssen.

Ich hatte mich auch für Freitag in der Tōdai krankgemeldet, um möglichst viel Zeit mit Stain zu verbringen. Ich musste erst ab dem dritten Tag ein Attest vom Arzt einreichen, also war das kein Problem gewesen. Allerdings hatte ich auch Daisuke angerufen und den Plan, am Abend noch einmal nach Roppongi zu fahren, abgesagt. Demnach wusste er von gar nichts.

„Ich musste nicht mehr nach ihm suchen. Stain ist am Donnerstag von selbst gekommen, um mit mir zu sprechen“, erklärte ich ihnen. Weil ich in diesem Augenblick in den Rückspiegel sah, bemerkte ich, dass Tanaka mich wie vom Donner gerührt anstarrte, während Daisuke einen beleidigten Flunsch zog.

„Ihr kennt euch?“, brach es erstaunt aus meiner ehemaligen Mentee heraus.

„Ja.“ Ich nickte. „Von früher. Wir waren in der Mittelschule in derselben Klasse.“

„Also hat er mitbekommen, dass wir in Roppongi nach ihm gesucht haben“, schlussfolgerte Daisuke.

Bevor ich auf diese Äußerung eingehen konnte, plapperte Tanaka los: „Echt jetzt? Oh man, davon Hidemi nie etwas gesagt! Dann kennt sie ihn doch auch, oder?“

„Nur vom Sehen. Hidemi ging in unserer Parallelklasse“, schmunzelte ich und beschloss, dass diese Informationen für den Anfang ausreichten. „Mehr gibt es da nicht zu erzählen. Es ist so, wie du gesagt hast, Daisuke. Er hat uns bemerkt und abgewartet, bis er mich alleine erwischt hat. Alles Weitere erfahrt ihr später. Ich habe keine Lust, dieselbe Geschichte zweimal zu erzählen.“

Von meiner früheren Beziehung zu Stain erzählte ich nicht leichtfertig. Zu viele Erinnerungen hingen daran, teils auch sehr schmerzliche.

Aber was ich wollte, bedeutete noch lange nichts. Es konnte immer noch ganz anders kommen.

Als Stain kurz nach unserer Trennung beschlossen hatte, seine Missionen künftig im Licht durchzuziehen, war ich einmal von der Polizei verhört worden. Irgendwelche alten Schulkameraden hatten gemeinsame Fotos von uns an die Presse weitergegeben, durch welche die Polizei auf mich aufmerksam geworden war.

Damals war ich davongekommen, da ich mich wegen seines Fanatismus von ihm getrennt hatte. Aber es bedeutete, dass diese alte Beziehung theoretisch nicht geheim bleiben würde. Man brauchte nur eifrig nach ihm zu googeln, dann würde man früher oder später auf meinen Namen stoßen.

Daisuke und Tanaka nahmen es hin, dass ich jetzt nicht weiter von meinem Treffen erzählen wollte, und verfielen stattdessen in ein Gespräch über Baseball. Sie teilten die Leidenschaft für den Sport und hatten mehr als einmal ein Spiel zusammen besucht. Lustigerweise hielten die Leute Tanaka manchmal für Daisukes Tochter.

Ich hörte mit halbem Ohr zu, während ich nach Asahi fuhr, und lächelte ob ihrer Begeisterung für denselben Sport. Als wir ankamen, plagten mich wieder Kopfschmerzen. So parkte ich das Auto ausnahmsweise direkt vor der Ramen-Bar, anstatt zwecks Verschleierung einen Block weiter zu fahren.

Naeko glänzte durch Abwesenheit, als wir die Wohnung im zweiten Stock betraten. Hidemi drapierte eine große Platte mit Reisbällchen im Versammlungsraum und sah stolz drein, als Daisuke zur Begrüßung fragte, ob sie die selbst gemacht hätte.

„Ja.“ Sie lächelte breit. „Ich hatte heute frei und dachte mir, ihr seid bestimmt hungrig, wenn ihr ankommt.“

Daisuke versicherte ihr, dass sie die Beste sei. Mein Magen gab zur Zustimmung ein lautes Knurren kund.

„Müssen wir echt auf Naeko warten?“ Tanaka beäugte die Reisbällchen mit glänzenden Augen.

„Das solltest du, wenn du nicht mit einer gebrochenen Nase enden willst“, lachte Hidemi und klopfte der Jüngsten in der Runde spielerisch auf die ausgestreckten Hände.

Die Vorstellung, von unserer Judoka auf die Mütze zu bekommen, sorgte dafür, dass Tanaka sich zurückhielt. So nahm sie auf dem Sofa Platz und starrte die Reisbällchen unentwegt an. Wäre sie ein Hund, hätte sie schon längst zu sabbern angefangen.

Daisuke trat ans Fenster, öffnete es und steckte sich eine Zigarette an. Da wir also sowieso auf Naeko warten mussten, wollte ich die Zeit nutzen und Hidemi über ihr Beurteilungsgespräch ausfragen. Als sie das Zimmer verließ, ging ich ihr hinterher und fragte: „Hast du kurz Zeit zum Reden?“

„Klar“, nickte sie. „Ich kenne Tanaka, unseren Fresssack, also habe ich eine zweite Platte Reisbällchen vorbereitet. Komm doch mit runter, da können wir ungestört reden!“

Ihre Worte brachten mich zum Schmunzeln. Der Vorschlag kam mir gelegen, weil wir dann ungestört sprechen konnten, also folgte ich ihr ein Stockwerk tiefer. Dort angekommen sagte ich: „Tut mir leid, dass ich letzte Woche nicht danach gefragt habe. Wie lief denn dein Beurteilungsgespräch mit Sleimok?“

Das Pokémon Sleimok nutzten wir als Codenamen für Watanuki Gunzō, ihren Vorgesetzten. Eigentlich stellte das sogar eine Beleidigung für das Pokémon dar. Sleimok gehörte immerhin zu Ashs Team und war demnach nicht halb so widerwärtig wie Watanuki. Ich erinnerte mich gar nicht daran, seit wann genau wir diesen Codenamen benutzten. Etwa drei Jahre müssten es jetzt sein.

„Danke, Mika“, lächelte Hidemi erfreut. „Ich hatte nicht damit gerechnet, dass überhaupt jemand fragen würde. Na ja, wie soll es schon gelaufen sein? Er hat wie üblich darüber fantasiert, ich würde meine Arbeit besser machen, wäre ich seine persönliche Sekretärin.“

„Der spinnt!“, entfuhr es mir und ich schüttelte den Kopf. Hidemi war eine gute Polizistin, immer freundlich im Umgang mit den Menschen, immer organisiert, immer zuverlässig. Dass er auf solchen Sprüchen beharrte, hatte eine ganze andere Ursache, über die wir beide bestens Bescheid wussten.

Sie holte die Platte mit den Reisbällchen aus dem Kühlschrank und nahm die Folie ab. Für einen Moment kehrte Stille ein, bevor sie zögerlich entgegnete: „Weißt du, Mika, ich habe da über etwas nachgedacht ...“

Mein Magen zog sich zusammen, als bei diesen Worten in meinem Kopf sofort eine Idee aufkam. „Willst du den Job wechseln? Oder die Präfektur?“

„Nein, nein!“, versicherte sie mir schnell und lächelte für den Bruchteil einer Sekunde, bevor sie ernster dreinblickte denn je. „Ich wollte ... Bitte halte mich nicht für verrückt, ja? Ich habe darüber nachgedacht, ihn anzuzeigen.“

Ich musste schlucken. Sie wollte ihren Vorgesetzten anzeigen? Das überraschte mich doch sehr. Verwirrt erkundigte ich mich: „Meinst du eine dienstliche Beschwerde?“

„Ja, das auch. Aber in erster Linie meine ich eine Strafanzeige.“ Hidemis presste die roten Lippen so fest zusammen, dass diese wie ein Strich wirkten. „Sleimok denkt, dass ihm keiner etwas nachweisen kann, aber es gibt ein paar wenige Beweise. Zum Beispiel eine Aufnahme von einer Überwachungskamera, die wir einmal wegen eines Diebstahls ausgewertet haben. Am Tag zuvor sind wir an dem Geschäft vorbeigelaufen und genau in dem Moment hat er mir an den Po gegriffen. Das kann er nicht leugnen! Und eine alte E-Mail von ihm besitze ich auch noch.“

Seit fast drei Jahren wurde Hidemi von ihrem Chef sexuell belästigt. Angefangen hatte es mit Sprüchen und zweifelhaften Komplimenten, inzwischen bedrängte er sie sogar tätlich, wenn niemand ihn dabei beobachten konnte. Es wurde allerhöchste Eisenbahn, dagegen etwas zu unternehmen.

Ich verstand ihre Idee und ihren Wunsch, dass dieser Höllentrip endlich sein Ende fand. Zugleich fürchtete ich, dass sie nicht weit kam. Watanuki würde alles leugnen und es brauchte mehr als nur eine Videoaufnahme, um seine Übergriffe hinreichend zu beweisen.

„Ich habe mich noch nicht entschieden. Es war nur eine Idee“, ruderte Hidemi zurück, vermutlich, weil ich nichts sagte. „Die nächsten zwei Wochen hat er erst einmal Urlaub, von daher kann ich mir in Ruhe überlegen, wie ich vorgehen will. Eventuell würde auch eine meiner Kolleginnen aussagen, die von ihm auch schon einmal belästigt wurde.“

Persönlich war ich viel zu misstrauisch eingestellt, als dass ich auf das Versprechen einer Arbeitskollegin bauen würde. Aber das äußerte ich nicht laut. Ich wollte Hidemi nicht vor den Kopf stoßen. Egal, wie sie sich entschied, ich würde sie unterstützen.

„Sag mir Bescheid, wenn ich etwas für dich tun kann“, sagte ich, was wieder das altbekannte Lächeln auf ihr Gesicht zauberte.

„Hindere Tanaka daran, eine Platte Reisbällchen ganz alleine aufzufuttern“, scherzte sie, nahm die zweite Platte in die Hände und bedeutete mir, die Küche zu verlassen.

Wieder oben angelangt, stellten wir fest, dass Naeko endlich eingetroffen war. So konnte unser abendliches Meeting mit einem Festmahl beginnen.


~~*~~*~~


Preview: Bei der Wohltätigkeitsgala der Tōdai-Universität macht Mika eine unerwartet positive Bekanntschaft. Wer ist der attraktive Mann, der als ihr Tischherr fungiert? Was hat es mit der Nachricht auf sich, die am Ende des Tages auf ihrem Handy eingeht? Das alles erfahrt ihr in Kapitel 5: Die Gala der Überraschungen. Bis dahin – Plus Ultra! ;D
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