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Block King Kong

von Jadina
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Het
Chiyo Shuzenji / Recovery Girl Chizome Akaguro / Stain OC (Own Charakter) Tensei Iida / Ingenium Tenya Iida
01.01.2021
23.05.2022
26
94.285
9
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Dieses Kapitel
4 Reviews
 
02.02.2021 3.677
 
~~ Kapitel 3: Wiedersehen mit einem alten Bekannten ~~



Viel zu früh riss mich der Radiowecker aus dem Schlaf. Fahrig tastete ich auf dem Nachtschrank umher, bis ich den richtigen Knopf fand und dem Lärm ein Ende setzte. Ich würde es nie lernen, meine Brille zuerst anzuziehen.

Im Nachthemd tapste ich ins Bad, zog mich dort aus und stieg unter die Dusche. Das warme Wasser prasselte auf meine Schultern, die sich etwas steif anfühlten. Vermutlich hatte ich mich heute Nacht verlegen.

Daisuke schlief noch, als ich eine Dreiviertelstunde später fertig zurechtgemacht am Wohnzimmer vorbei in die Küche schlich. Ich verputzte die Reste vom gestrigen Abend zum Frühstück, schlüpfte anschließend in Mantel und Schuhe, nahm den Autoschlüssel vom Haken und verließ das Haus.

Eisige Kälte empfing mich draußen. Ich zog die Tagesausgabe der Morgenpost aus dem Briefkasten und machte mich auf den Weg zum Auto. Mein Atem malte weiße Wölkchen in die Luft. Indessen überflog ich die Schlagzeilen.

Helden! Immer nur Helden!, schnaubte ich in Gedanken und fragte mich wieder einmal, warum ich für das Abonnement überhaupt bezahlte. Die Antwort war jedoch denkbar einfach. Die Morgenpost berichtete in erster Linie über die Neulinge und kleinen Fische, nicht nur über die Top Ten. Auch wenn der eine oder andere in dieser Riege es ebenfalls verdient hätte, den Löffel abzugeben, so waren sie für Block King Kong doch eine Nummer zu groß.

Das Auto empfing mich in einem netten Zustand – ich musste erst einmal Eis von den Scheiben kratzen. Der Morgen hielt schließlich einen Höhepunkt des Tages bereit. Als ich den Motor starten wollte, sprang dieser nicht an. Nach dem vierten Versuch gab ich es schließlich auf. Das Freikratzen der Scheiben hätte ich mir sparen können. So ein Ärger!

Ich zog mein Handy aus der Tasche. Gestern hatte ich vergessen, den Akku aufzuladen, aber für einen Anruf würde es noch reichen. Ich wählte die Nummer des Personalamts der Tōdai-Universität, um mich krank zu melden. Ein bisschen tat es mir leid, immerhin hatte ich mich auf die heutigen Seminare gefreut, aber ohne Auto würde ich es niemals pünktlich zur Arbeit schaffen. Da ich ein immenses Problem darin sah, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen, blieb mir nichts anderes übrig, als zu einer Notlüge zu greifen.

Nachdem meine Sachbearbeiterin mir gute Besserung gewünscht hatte, legte ich also auf und stieg wieder aus dem Auto aus. Mit der Zeitung in der einen Hand und meiner Tasche in der anderen, schlurfte ich über den Bürgersteig zurück zu meinem Haus. Erst jetzt fiel mir auf, dass eine dezente weiße Schicht das Trottoir benetzte.

Seit wann schneit es denn? Das erklärt natürlich auch das Eis auf den Autoscheiben.

Als ich den Flur wieder betrat, die Schuhe ins Regal stellte und meinen Mantel an der Garderobe aufhängte, erschien Daisuke im Türrahmen. Verschlafen blinzelte er. „Boss? Was ist los?“

„Dein Auto springt nicht an und ich fahre sicher nicht mit der Bahn zur Arbeit“, antwortete ich und trat an ihm vorbei in die Küche. „Tee?“

„Mhm.“ Er gähnte und fuhr sich mit der Hand durch das Vogelnest von Haaren, das er auf dem Kopf trug.

Seit Daisuke wegen zweier Verletzungen aus der Armee ausgeschieden war, bezog er ein hübsches Sümmchen an Ausgleichszahlungen. In Kombination mit seinen privaten Absicherungen hätte er theoretisch nie mehr arbeiten müssen, tat es aber trotzdem in Form eines Halbtagsjobs in einem Supermarkt. Er behauptete, dass ihm ansonsten die Decke auf den Kopf fiel, und es wäre doch reichlich merkwürdig, wenn er nie das Haus verlassen würde. Da er noch nicht wie ein aufgescheuchtes Huhn in der Gegend herumrannte, schien er heute für die Spätschicht eingeteilt zu sein.

„Du hast nicht zufällig noch Ersatzklamotten von mir irgendwo?“, fragte er, während ich Teewasser aufsetzte.

„Deine Tasche ist in der Kommode im Flur, mittlere Schublade“, antwortete ich. Es kam häufiger vor, dass er spontan hier übernachtete, weshalb die Regelung mit der Notfalltasche existierte.

Auch Hidemi schlief ab und an bei mir, dann allerdings eher aus freizeitmäßigen Gründen. Obwohl wir seit der Mittelschule Kontakt hielten, hatten wir uns erst durch Block King Kong richtig angefreundet. Seither betrachtete ich sie als meine beste Freundin und ich konnte mir ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen.

Just fiel mir ein, dass ich wegen der Informationen über Stain gar nicht danach gefragt hatte, wie das halbjährliche Beurteilungsgespräch mit ihrem Chef gelaufen war - Watanuki Gunzō, Kriminaloberkommissar, Hidemis direkter Vorgesetzter und das mieseste Ekelpaket aller Zeiten. Jegliche Versuche ihrerseits, sich in ein anderes Team versetzen zu lassen, waren bisher gescheitert. Wäre eine Anstellung in Tokyo nicht so verdammt nützlich für unsere Organisation, hätte sie vermutlich schon in eine andere Präfektur gewechselt.

Ich wollte mich umdrehen und Daisuke fragen, ob ein Sencha zum Frühstück sein Einverständnis fand, musste aber feststellen, dass er gar nicht mehr im Raum stand. Vermutlich beschlagnahmte er bereits die Dusche, also nahm ich seine Zustimmung einfach als gegeben an.

Etwas später saß ich eingehüllt in eine flauschige Decke und mit einer Tasse Tee in der Hand auf dem Sofa. Daisuke stand draußen auf der Terrasse und rauchte seine Frühstückszigarette. Durch die geöffnete Glasschiebetür plauderten wir über die Helden, welche die Morgenpost auf der Titelseite ablichtete.

„Wir brauchen dringend eine neue Liste. Sobald wir mit Collide fertig sind, ist die Alte abgearbeitet“, meinte Daisuke, der dank der Dusche inzwischen wach und wieder wie ein Mensch aussah.

Ich dachte an den Artikel, den ich Hidemi zugesteckt hatte, und meinte: „Eine neue Zielperson habe ich schon so gut wie fest gemacht. Aber Vorschläge nehme ich gerne entgegen.“

„Endeavor, Ms. Joke und diese Neue da ... Mount Lady!“ Er wedelte mit der Zeitung herum, auf der ein Bild von einer übergroßen blonden Frau prangte, die eine Spur zu lasziv in die Kamera grinste.

„Hättest du Endeavor nicht aufgezählt, könnte man glatt meinen, dass du was gegen Frauen hast“, warf ich ihm grinsend vor.

Tatsächlich stand Ms. Joke, mit bürgerlichem Namen Fukukado Emi, seit einer Weile unter meiner Beobachtung. Ihre Spezialität brachte Menschen zum Lachen, bloß sah ich sie diese nie an den Orten einsetzen, an denen sie wirklich gebraucht wurde – in den Slums der Großstädte, dort, wo die traumatisierten Kinder im Schatten lungerten.

Wir machten uns noch etwas länger über Mount Lady lustig, von der Daisuke meinte, er hätte sie kürzlich in einem Spot für Haarprodukte gesehen. Ich äußerte scherzhalber, dass er sie wohl mit Uwabami verwechselte, die eigentlich ständig in irgendwelchen Werbesendungen vorkam und mindestens genauso sehr auf die Liste gehörte wie Ms. Joke. Aber bei aller Ehre, Block King Kong konnte sich nicht um alles kümmern.

Nach seiner morgendlichen Zigarette und einer Tasse Tee verabschiedete Daisuke sich. Im Gegensatz zu mir stellten die öffentlichen Verkehrsmittel für ihn kein Problem dar, weshalb er eine Bahnverbindung heraussuchte, die ihn in möglichst kurzer Zeit nach Asahi brachte.

Nachdem er gegangen war, sah ich mir die Wiederholung einer Talkshow im Fernsehen an, bevor ich um die Mittagszeit herum hinunter in mein Labor ging. Dort setzte ich mich an die Analyse meines letzten Versuchs.

Das Ergebnis jenes Versuchs hatte ich an Demantoid getestet, unser letztes Opfer von vor drei Monaten. Da unsere Organisation nur aus fünf Leuten bestand, brauchten wir erhebliche Vorbereitungszeit. Vier erfolgreiche Anschläge in zehn Jahren – unsere traurige Statistik, die unter näherer Betrachtung aber recht erfolgreich klang. Manch andere schafften es niemals, auch nur einen einzigen Helden aus dem Weg zu räumen.

Demantoid hatte sein Schicksal mit einem Fernsehinterview besiegelt, als er einem Reporter die Wahl seines Heldennamens erklärt hatte.

Der Name rührte von seiner Kristallspezialität. Der Demantoid war ein Edelstein aus der Familie der Granate. Entgegen der landläufigen Annahme gab es Granate nicht nur in Rot, sondern manchmal auch in Grün, was auf einen Einfluss von Chrom oder Eisen bei ihrer Entstehung hindeutete. Da jener Held grüne Kristalle erzeugte und der Demantoid zu den seltensten Farbedelsteinen überhaupt gehörte, hatte er sich für diesen Namen entschieden. Laut eigener Aussage wollte er etwas Exklusives, Besonderes und Luxuriöses verkörpern.

Helden, die nach Luxus und Reichtum strebten, gehörten ausgemerzt. Darin bestand kein Zweifel! Beim Heldenberuf sollte es sich um etwas Soziales handeln, nicht um eine Wirtschaftsleistung, mit der man dem maximalen Profit hinterherjagte.

Da ich von Beruf Toxikologin war und meine Spezialität mir bei einem Angriff meinerseits nichts nutzte, tötete ich ausnahmslos mit Gift. Schon seit einigen Jahren forschte ich nach einer Möglichkeit, Spezialitäten über das Verabreichen eines Giftes auszuschalten. Dann müsste ich die sogenannten Helden nicht mehr töten, um sie aus dem Verkehr zu ziehen. Bisher konnte ich leider wenig Erfolg vorweisen. Demantoid starb einen ganz gewöhnlichen Gifttod, ohne dass es seine Spezialität irgendwie beeinflusst hätte.

Ich verstand das einfach nicht. Ich hatte wohl wissend, dass er mein nächstes Opfer sein würde, ein spezielles Gift entwickelt. Es im Genauen zu erklären, würde zu lange dauern, aber grundsätzlich funktionierte die Erzeugung von Kristallen wohl so, dass Demantoid seine Körperflüssigkeiten – ich tippte hierbei insbesondere auf Schweiß und Urin – in übersättigte Lösungen umgewandelt hatte. Das Gift hätte diese übersättigten Lösungen verhindern sollen und damit auch die Auskristallisation. Worin bestand der Fehler?

Letztendlich wusste ich, dass es mir nicht gelingen würde, eine allgemeingültige Substanz zu erschaffen, die alle Spezialitäten auf dieser Welt gleichermaßen außer Kraft setzte. Das war schlichtweg unmöglich. Ich wäre ja schon glücklich darüber, wenigstens einmal Erfolg mit meinen Versuchen zu haben.

An derartige Rückschläge würde ich mich nie gewöhnen und sie machten mich wütend, was im Endeffekt dazu führte, dass ich mich nicht mehr gut auf meine Analysen konzentrieren konnte. Weder im Studium noch während meiner Promotion war ich so oft gescheitert.

Das Wissen, dass mir Gift hinsichtlich der Spezialität bei der Person nicht helfen würde, auf die ich Hidemi angesetzt hatte, verbesserte meine Laune auch nicht. Wie sollte ein Gift eine mechanische Spezialität sabotieren? Das ging einfach nicht! Vielleicht sollte ich als nächstes potenzielles Opfer eines auswählen, das eine bestimmte Art von Quirk hatte, bei dem ein Gift auch funktionieren würde.

Eine ganze Weile hielt ich wilde Ideen auf Papier fest, berechnete Stoffkonzentrationen und zeichnete Formeln auf. Irgendwann schreckte ich auf, als ich meinte, ein Geräusch im Stockwerk über mir zu hören.

Was ist das?

Kerzengerade saß ich auf meinem Stuhl und horchte angestrengt, aber ich hörte nur das Summen eines Monitors im Raum. Hatte ich mir das Rumpeln eingebildet? Der letzte Einbruch in dieser Wohngegend lag eine Ewigkeit zurück, noch dazu würde das kaum einer mitten am Tag versuchen.

Für derartige Fälle war ich vorbereitet. Ich stand auf und schlüpfte aus den Hausschuhen, um auf Socken weniger Geräusche zu verursachen. Aus der obersten Schublade des Aktenschranks rechts vom Schreibtisch zog ich einen Schlagstock.

Naeko trainierte von klein auf Judo, aber früher hatte sie zusätzlich einem Kendōklub angehört, weshalb sie sich auch mit Schlagtechniken auskannte. Alle Mitglieder von Block King Kong beherrschten ein paar Tricks, die uns schon in so manchen Fällen den Hintern gerettet hatten. Ich würde nie eine Kampfmaschine sein, aber ich war noch lange nicht wehrlos.

Mit dem Schlagstock in der Hand verließ ich auf Zehenspitzen das Labor, lauschte weiterhin konzentriert in die Stille. Wenn es sich wirklich um einen Einbrecher handelte, so stieg er vermutlich gleich hoch ins erste Stockwerk, um in meinem Schlafzimmer nach Schmuck und anderen Wertgegenständen zu suchen.

Jeder normale Bürger hätte in einem solchen Fall sofort die Polizei angerufen. Jedoch kam das für mich nicht infrage. Wie sollte ich denn den Beamten mein geheimes Labor im Keller erklären? Nein, ich musste mich selbst wehren.

Meine Hände und Beine zitterten, als ich im Erdgeschoss ankam. Hastig flackerte mein Blick durch den Flur, spähte durch die geöffneten Türen in die übrigen Zimmer und fand im Wohnzimmer schließlich den Zipfel eines Schattens, der dort nicht hingehörte.

Ob Mann oder Frau konnte ich nicht sagen, aber statistisch betrachtet handelte es sich häufiger um Männer. Der Schatten bewegte sich leicht. Vermutlich durchsuchte er gerade den Wohnzimmerschrank.

Ich atmete tief durch, sprach mir selbst stumm Mut zu: Du schaffst das, Mika! Anschließend schlich ich zum Wohnzimmer, verharrte dort für ein paar Sekunden im Schatten der Tür, bevor ich mich mit erhobenem Schlagstock auf den ungebetenen Gast stürzte.

Alles ging ganz schnell.

Der Schatten drehte sich zu mir um, bevor ich ihn erreichte. Eine große Hand umfasste mein Handgelenk. Mit einer einfachen Drehbewegung sorgte er dafür, dass ich den Schlagstock fallen ließ. Die andere Hand fasste nach meiner Schulter und hielt mich auf eine Armlänge Abstand. Schmerzen verspürte ich keine. Unfähig, das Geschehene zu realisieren, starrte ich den Einbrecher an.

„Tut mir leid, Mika. Ich wollte dich nicht erschrecken“, sagte er ruhig und blinzelte zu dem Schlagstock auf dem Boden.

„Chizome?“ Mehr als den Hauch eines Flüsterns bekam ich nicht heraus. Was zur Hölle tat er hier mitten am helllichten Tag? Wie verrückt konnte man eigentlich sein?

„Du warst gestern in Roppongi, gemeinsam mit diesem Mann, der über Nacht geblieben ist und heute Morgen erst das Haus verlassen hat“, stellte Stain die Dinge klar. „Wer ist das? Warum hast du nach mir gesucht?“

Ich bekam keine Antwort heraus, weil ich nicht aufhören konnte, ihn anzustarren. Vielleicht handelte es sich bei Daisukes und meiner erfolglosen Suche von gestern um Schicksal. Obwohl Stain immer wieder in den Nachrichten erwähnt wurde, erschreckte es mich, ihn von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Die Zeit als Schurke hatte ihn dermaßen verändert, dass ich meine erste große Liebe kaum wiedererkannte.

Seine Nase fehlte. Das schwarze Haar hing ihm strähnig ins Gesicht. Er wirkte, als hätte er seit Wochen nicht richtig geschlafen. Zugleich schien sein Blick hellwach und mir entging nicht, dass er mich auch musterte.

„Du bist zu dünn, Mika“, sagte er und ein Schatten huschte über sein Gesicht. „Behandelt der Kerl dich gut genug?“

Bei diesem Ausspruch fand ich endlich meine Stimme wieder und erklärte: „Sein Name ist Daisuke und er ist nicht mein neuer Lebensgefährte, sondern einer meiner Kameraden von Block King Kong.“

Stain wusste von Block King Kong. Damals noch als Vigilante unterwegs, hatte er die Organisation mit mir zusammen gegründet. Doch unsere Ansichten waren irgendwann zu sehr auseinandergedriftet. Mein Schwerpunkt lag auf den Giftforschungen, seiner auf der Ermordung oder zumindest der Verstümmelung falscher Helden.

Wegen seines Fanatismus hatte ich mich damals von ihm getrennt. Da ich inzwischen selbst eine Heldenmörderin war, schien er mir jedoch nicht mehr so fern wie zu jener Zeit. Deshalb hatte ich Hidemi mit Nachforschungen zu ihm beauftragt. Ich könnte einen alten Kameraden, der das Töten für mich übernahm, gut gebrauchen.

„Wir müssen reden!“, meinte ich und spürte Nervosität aufkommen. „Über das, was ich derzeit mit Block King Kong mache. Über deine Morde. Über alles!“

Für den Bruchteil einer Sekunde wirkte er überrascht, doch dann fragte er lediglich: „Hast du was zu essen im Haus?“

„Im Kühlschrank.“ Ich deutete in Richtung Küche, wohin er verschwand. Indessen hob ich den Schlagstock vom Boden auf und drehte diesen nachdenklich in den Händen umher.

Im Leben hatte ich nicht erwartet, dass er mich bei mir zu Hause aufsuchen würde, noch dazu zu einer Uhrzeit, in der jeder Idiot ihn hätte sehen können. Ich war erst nach der Trennung hier eingezogen, mein altes Haus, an dem so viele gemeinsame Erinnerungen mit ihm hingen, längst verkauft.

Woher wusste er überhaupt, dass ich hier wohnte? Woher wusste er, dass Daisuke hier übernachtet hatte? War er uns gestern von Roppongi aus gefolgt? Hatte er die ganze Nacht vor meinem Haus herumgelungert und auf den rechten Zeitpunkt gewartet?

In meinem Kopf existierten Hunderte mögliche Szenarien des Wiedersehens, doch keines davon kam an die Realität heran, die sich mir bot. Wenig später saß ich jedenfalls auf dem Sofa, Stain neben mir. In den Händen hielt er eine Schüssel mit fertig gekauften Reisbällchen, die er so hungrig herunterschlang, als hätte er seit Ewigkeiten nichts mehr zwischen die Zähne bekommen.

Nach dem Essen sah er mich lange schweigend an, bevor er sagte: „Du wolltest über Block King Kong reden? Dir ist hoffentlich klar, dass ich nicht daran denke, zurückzukehren. Falls du deshalb nach mir gesucht hast, muss ich dich enttäuschen. Ich agiere nicht mehr aus dem Verborgenen heraus.“

„Das will ich auch gar nicht“, antwortete ich rasch, obwohl ich damit log.

Seit längerer Zeit stellte ich mir vor, dass er irgendwann zurückkommen würde und wir die Sache wieder gemeinsam in die Hand nahmen. Ich vermisste seine radikale Denkweise, an der ich insbesondere den Pragmatismus und die Nützlichkeit schätzte.

Seine klare Abfuhr glich einem Schlag ins Gesicht, aber vermutlich verdiente ich das nicht anders. Nicht bei dem, was ich mir in der Vergangenheit geleistet hatte.

Da ich ihn wohl nicht umstimmen konnte, blieb mir nur noch eines übrig – mich für meine Fehltritte zu entschuldigen. Demnach nahm ich all meinen Mut zusammen und fuhr fort: „Ich wollte mich entschuldigen für das, was ich damals bei der Trennung gesagt habe. Du hattest recht. Manchmal gibt es keinen anderen Weg, als die falschen Helden mit dem Tod zu bestrafen. Das habe ich inzwischen auch eingesehen.“

Für eine Weile kehrte Stille ein, nur unterbrochen von seinen Kaugeräuschen. Schließlich entgegnete er ehrlich interessiert: „Was ist mit deinen Forschungen?“

Bedeutete das, dass er die Entschuldigung annahm? Stain war noch nie einer von denen gewesen, die sich mit stundenlangem Geschwafel aufhielten oder um den heißen Brei herumredeten. Diese Eigenschaft hatte ich an ihm immer sehr geschätzt.

„Ich komme nicht voran.“ Ich unterdrückte ein Seufzen. „Ich habe schon ein paar Mal Prototypen getestet, aber letztlich konnte ich ihre Spezialitäten nicht ausschalten. Diejenigen, die tatsächlich gestorben sind, hat der ganz normale Gifttod ereilt.“

Er nickte langsam. „Wen hast du zuletzt erfolgreich umgebracht?“

„Demantoid.“

Ich fröstelte etwas, weshalb ich kurz aufstand und die Fußbodenheizung hochdrehte. Anschließend nahm ich wieder auf dem Sofa Platz und zog eine Fleecedecke heran, hüllte mich darin ein. Weil er nichts sagte, fuhr ich fort: „Als Nächster auf meiner Liste steht Collide, aber bei seiner Spezialität macht ein Versuch mit dem Gift keinen Sinn.“

„Collide?“ Sein Mund verzog sich zu einem amüsierten Grinsen. „Gute Wahl!“

Ich warf ihm einen skeptischen Blick zu, wartete darauf, dass er auflachte und somit verriet, dass er das ironisch gemeint hatte. Allerdings geschah das nicht. Er erwiderte meinen Blick völlig neutral, bevor er sagte: „Ich habe derzeit kein konkretes Ziel, aber meine Arbeit ist noch lange nicht beendet.“

Schweigen trat ein. Einmal öffnete ich den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn aber unverrichteter Dinge wieder. Ich wusste nicht ganz, wie ich ihn danach fragen sollte, und er bemerkte es, drängte mich jedoch zu nichts.

Irgendwann stellte ich die Frage einfach: „Hast du von dieser Gruppierung gehört, die sich die Schurkenliga nennt?“

Er nickte. „Ja, das habe ich. Aber wenn du einen Rat hören willst – halte dich fern von ihnen, Mika! Die sind nicht darauf aus, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen, indem sie sie von falschen Helden befreien. Die wollen einfach nur Ärger anzetteln.“

Es handelte sich um seine ehrliche Meinung und ich würde gut daran tun, sie ernstzunehmen. Stain sprach Warnungen nicht einfach so aus. Ich hatte bisher nur Vages über diese Liga gehört und war sowieso der Ansicht, dass sie nicht als Partner infrage kam. Wir brauchten auch nicht unbedingt eine Partnerorganisation. Es würde gewisse Dinge vielleicht nur vereinfachen.

„Wie läuft es mit Block King Kong? Vor Kurzem war doch das zehnjährige Jubiläum. Oder habe ich das falsch ihn Erinnerung?“ Er stellte die leere Schüssel auf dem Wohnzimmertisch ab. „Dieser Daisuke ist also deine rechte Hand?“

„Ich habe keine rechte Hand, aber wenn, dann müsste er sich diesen Posten teilen. Zurzeit sind wir zu fünft, wobei mein Netzwerk aus mehr Personen besteht, die ich nur auf Abstand halte. Mir reichen vier Mitstreiter, für deren Wohl ich verantwortlich bin“, berichtete ich. „Was die Aufträge angeht, läuft es passabel. Wir sind noch nie erwischt worden, aber wir haben es nicht so oft geschafft, unsere Missionen zu beenden. Wenn ich nur mit den Forschungen besser vorankäme ...“

„Isamu wäre stolz auf dich“, sagte Stain und zog die Augenmaske, die er trug, aus. Ich musste schmunzeln, als ich feststellte, dass er ganz gut Falten bekommen hatte.

„Danke“, sagte ich verspätet und schlang die Arme um die angezogenen Knie.

Hidemi, Daisuke, Tanaka und Naeko wussten von der Geschichte meines älteren Bruders, aber Stain hatte ihn tatsächlich persönlich gekannt. Wir waren in der Mittelschule zusammengekommen und beinahe zehn Jahre ein Pärchen geblieben. Er hatte während der schweren Zeit nach dem Tod meines Bruders an meiner Seite gestanden. Wenn ich heute zurückblickte, bereute ich es manchmal, ihn verlassen zu haben.

Ich hatte Isamu damals versprochen, kein Leben mehr im Schatten zu führen. Zu einem großen Teil hielt ich dieses Versprechen bis heute. Nach dem Abschluss der Oberschule war ich an die Universität gegangen, hatte ein Stipendium ergattert und anschließend erfolgreich promoviert. Mein Leben besaß zwei Seiten. Im Licht stand ich als Doktorin der Toxikologie, aber im Schatten war ich einfach nur Mika, die Jagd auf falsche Helden machte, damit andere nie wieder dasselbe Leid erfahren mussten, wie ich es mit meinem Bruder erfahren hatte.

Für Stain gab es keine Notwendigkeit, seine Ziele aus dem Schatten heraus zu verfolgen. Er tat es im Licht und dafür beneidete ich ihn. Heimlich wünschte ich, er würde zu Block King Kong zurückkehren, auch wenn er mir bereits unmissverständlich klargemacht hatte, dass das nicht passieren würde. Mit ihm könnten wir so viel mehr Leute mobilisieren, die ebenfalls unter dem derzeitigen Heldensystem litten. Wir könnten so viele mehr sein, die rebellierend ihre Fäuste erhoben.

Ich zuckte vor Schreck zusammen, als ich seine Hand auf meiner Schulter spürte. Stain rutschte zu mir auf. Plötzlich trennten uns nur noch meine an die Brust gezogenen Beine.

„Du hast dich verändert, Mika“, stellte er fest, klang dabei aber nicht vorwurfsvoll.

„Du hast dich auch verändert, Chizome“, antwortete ich ebenso.

Sein Mund verzog sich zu einem seltenen Grinsen, das mir eine Gänsehaut bescherte. Ich blinzelte einmal, dann ein zweites Mal. Mit dem dritten Blinzeln lag ein schmales Paar Lippen auf meinen, das nach sechs Jahren Abstinenz gruselig angenehm schmeckte. Der dezente Hauch von Blut hatte mich noch nie gestört.


~~*~~*~~


Preview: Mika wird schmerzlich bewusst, dass Vergangenes in der Vergangenheit bleiben muss. Indessen macht Tanaka einen spannenden Fund und Hidemi hegt ganz eigene Pläne in Bezug auf ihre Arbeit. Wie diese drei Geschehen zusammenkommen? Das alles erfahrt ihr in Kapitel 4: Der potenzielle Kamerad. Bis dahin – Plus Ultra! ;D
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