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Block King Kong

von Jadina
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Het
Chiyo Shuzenji / Recovery Girl Chizome Akaguro / Stain OC (Own Charakter) Tensei Iida / Ingenium Tenya Iida
01.01.2021
19.06.2022
29
102.620
9
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Dieses Kapitel
1 Review
 
04.05.2022 3.471
 
~~ Kapitel 25: Familie ~~



„Uäh!“

Mit einem Schlag war ich hellwach. Aus reiner Gewohnheit sah ich auf den digitalen Wecker auf meinem Nachtschrank. Halb sechs.

Könnte schlimmer sein, dachte ich und gähnte ausgiebig. Eine kurze Nacht lag hinter mir. Naeko war noch nicht in der Lage durchzuschlafen und hatte mich bereits zwei Mal aus den Federn geholt.

Die Wiege stand vielleicht eineinhalb Meter von meinem Bett entfernt. Trotzdem brauchte ich gefühlt eine Ewigkeit, bis ich mich aufrappelte und zu ihr tapste. Ich nahm den Säugling auf den Arm und wog ihn sachte hin und her. Das Schreien verklang allmählich.

Sie roch nach einer vollen Windel, also ging ich mit ihr ins Bad, um sie auf der Kommode zu wickeln. Mit den Handgriffen war ich noch etwas ungeübt, weshalb das einen Moment dauerte. Immerhin hörte Naeko dann gänzlich auf zu schreien.

Natürlich wusste ich, dass Säuglinge sehr anstrengend sein konnten, aber ich musste zugeben, dass ich die Sache etwas unterschätzt hatte. Nach dieser Nacht fühlte ich mich ziemlich gerädert.

Unten in der Küche bereitete ich uns beiden Frühstück zu. Ich brauchte definitiv noch mehr Ausstattung für sie. Einen Hochstuhl aus zweiter Hand bekam ich sicherlich übers Internet, aber ein bisschen Spielzeug und ein Babybett würden bald nötig sein.

Nach dem Frühstück legte ich sie in die Wiege und duschte ausgiebig, um irgendwie richtig wachzuwerden. Anschließend zog ich mich an, trocknete meine Haare und dann verließ ich mit Naeko im Tragetuch das Haus.

Ich musste zum Supermarkt gehen, um einzukaufen. Selten statte ich dem Laden um die Ecke einen Besuch ab, weil der einfach nicht gut sortiert war. Für heute reichte es jedoch. Die Kassiererin guckte ziemlich verdutzt und beglückwünschte mich zu meinem süßen Nachwuchs. Als ich den Supermarkt verließ, war ich mir sicher, dass in den nächsten Tagen die schönsten Gerüchte in meiner Wohngegend herumgeistern würden.

Den Vormittag verbrachte ich damit, das Internet nach Berufspsychologen in meiner Umgebung zu durchforsten. Einer war mir vom Bild her sofort unsympathisch, aber nach einer Weile fand ich jemanden, den ich mir vorstellen konnte. Ich rief in der Praxis an und vereinbarte einen Kennenlerntermin. Trotz meiner Annahme, dass man bei Psychologen mit horrenden Wartezeiten rechnen musste, bekam ich den Termin binnen drei Wochen. Wahrscheinlich lag es an meiner privaten Versicherung. Damit würde sich meine Großmutter hoffentlich zufrieden geben.

Nach dem Mittagessen wollte ich es mir gerade mit meinem neuen Buch auf der Terrasse bequem machen, da klingelte es. Ich erwartete keinen Besuch und spürte sofort, dass ich heute reizbarer war als sonst.

Vielleicht sollte ich die Klingel abstellen, überlegte ich aufgrund der vielen unangekündigten Besuche der letzten Wochen.

Meine Laune sank noch tiefer, als ich die Tür öffnete und mich Hidemi und Daisuke gegenüberfand, beide ungewohnt formell gekleidet.

„Hey“, sagte Hidemi. „Wir wollten dich wegen der Besichtigung abholen.“

„Was für eine Besichtigung?“, fragte ich verwirrt.

„Na, unsere neue Wohnung.“ Sie sah kurz zu Daisuke hinüber. „Wir hatten doch angeboten, dass wir sie weiter als Hauptquartier nutzen können.“

Das stimmte zwar, aber meine Motivation, mir mit den beiden kürzlich enttarnten Turteltauben ihre neue Wohnung anzusehen, war nicht sonderlich hoch. Just in diesem Augenblick erwachte Naeko aus ihrem Nickerchen.

„Wartet kurz!“, wies ich die beiden an.

Ich eilte nach drinnen, um nach ihr zu sehen. Glücklicherweise hörte sie sofort auf zu schreien, als ich sie aus der Wiege hob. Mit dem Säugling auf dem Arm kehrte ich zur Haustür zurück.

„Ich komme nicht mit“, sagte ich zu meinen Freunden. „Nichts für ungut, aber Naeko hält mich genug auf Trab. Auf Block King Kong müsst ihr bei der Wahl übrigens keine Rücksicht nehmen. Wir brauchen erst einmal kein Hauptquartier mehr.“

Misstrauisch fragte Daisuke: „Warum?“

Es wäre nicht fair, ihn mit einer Ausrede abzuspeisen, also offenbarte ich: „Tanaka hat mir gestern ihren Ausstieg verkündet.“

„Sie ist ausgestiegen?“ Hidemi runzelte die Stirn. „Einfach so?“

„Wir haben über ihre Gründe dafür gesprochen und es ist in Ordnung“, betonte ich. Weder sie noch Daisuke wussten davon, dass meine Großmutter uns auf die Schliche gekommen war. Die beiden ahnten gar nicht, was ich mir gestern noch für die Zukunft überlegt hatte. Aber ich wollte dieses Gespräch nicht zwischen Tür und Angel führen.

„Nicht zu fassen! Ich hoffe, die Kleine hat sehr gute Gründe dafür!“ Daisuke schnaufte, weshalb Hidemi ihm beruhigend die Hand auf die Schulter legte.

Ja, ein Gespräch mit ihnen war ganz dringend nötig. Ich wusste, wie viel insbesondere Daisuke unsere Gruppe bedeutete. Je länger sich das hinzog, desto schlimmer würde seine Reaktion ausfallen. Deshalb sagte ich: „Hört mal! Wir drei sollten uns bald zusammensetzen. Ich muss eu-“

„Also war es das, ja?“, unterbrach er mich ruppig. „Komm schon, Boss! Verarschen kann ich mich alleine! Du hast schon seit Längerem vor, mit Block King Kong aufzuhören. Tanakas Ausstieg ist für dich doch gerade im rechten Moment gekommen.“

„Nicht so laut“, zischte Hidemi warnend und warf einen nervösen Blick hinüber zu dem Grundstück der Itōs, wo sich glücklicherweise nichts regte.

„Nein, Daisuke. So ist das nicht“, setzte ich an, aber er hörte mir gar nicht mehr zu.

Stattdessen kehrte er auf dem Absatz um und stürmte davon. Als wäre das nicht schon schlimm genug, prallte er beim Verlassen des Grundstücks gegen jemanden, der gerade hereingekommen war.

„Tut mir leid! Das war keine Absicht“, entschuldigte Tensei sich. Für einen Moment stand das Geschehen still und die beiden Männer starrten einander an. Auf der Straße fuhr ein Krankentransporter davon. Schließlich gab Daisuke einen undefinierbaren Laut von sich, bevor er seinen Weg fortsetzte und aus unserem Sichtfeld verschwand.

„Ich weiß, er hat es nicht so gemeint. Er hat nur Angst vor Veränderungen“, versuchte Hidemi, seine Reaktion zu entschuldigen.

„Schon gut.“ Ich unterdrückte ein Seufzen. Streit mit Daisuke war das Letzte, was ich momentan gebrauchen konnte. „Du solltest ihn einholen, sonst kommt ihr noch zu spät zu eurer Besichtigung. Schick mir eine Nachricht, ob die Wohnung sich gelohnt hat, ja?“

Hidemi nickte und umarmte mich zur Verabschiedung. Auf dem Weg nach draußen stellte sie sich kurz bei Tensei vor, dann eilte sie ihrem Freund hinterher.

Tensei kam mit dem Rollstuhl vorgefahren. Sein Gesichtsausdruck machte seiner Mutter alle Ehre und sogleich brachte er den Stein ins Rollen, indem er fragte: „War das der Vater deines Kindes? Hat er dich so zusammengeschlagen?“

„Naeko ist nicht mein Kind“, antwortete ich perplex. „Und zusammengeschlagen hat mich auch keiner. Wie kommst du darauf?“

„Die Hämatome an deinem Hals. Ehrlich, Mika, was ist passiert?“

„Oh, das!“ Unwillkürlich fasste ich mir an den Hals. „Ich bin vor ein paar Tagen in einen Schurkenangriff geraten. Aber das hier sieht schlimmer aus, als es ist. Eigentlich ist dieser Schurkenangriff auch der Grund, warum Naeko bei mir ist.“

„Ach, wirklich?“ Tensei zog die Augenbrauen so hoch, dass sie fast in seinem Haaransatz verschwanden. „Zufälligerweise war mein Vater gestern mit einem Kollegen in Yokohama unterwegs und hat ganz zufälligerweise gesehen, wie du das Baby ins Auto geladen und dabei mit diesem Typen gestritten hast.“

Arata war vor Ort gewesen? Daran konnte ich mich nicht erinnern. Falls er vorbeigegangen war, hatte ich ihn nicht bemerkt.

Mein Freund war eindeutig sauer auf mich, weshalb ich sagte: „Das ist eine längere Geschichte. Willst du nicht erst einmal reinkommen?“

„Nein!“ Er wandte den Rollstuhl in Richtung Tor um. „Ich dachte, du bist anders als andere Frauen. Da habe ich mich wohl getäuscht.“

Das ist nicht sein Ernst! Schockiert sah ich zu, wie er sich umwandte und Anstalten machte, mein Grundstück zu verlassen. Vielleicht war es dem Schlafmangel zuzuschreiben, vielleicht auch der Tatsache, dass ich momentan insgesamt unter Anspannung stand. Jedenfalls platzte mir der Kragen und ich brüllte ihm hinterher: „Daisuke kann gar nicht Naekos Vater sein! Er hat nämlich eine Muschi!“

Wäre dies ein Film, hätte das Echo meiner Worte noch ewig widergehallt. Tensei erstarrte augenblicklich in der Bewegung und drehte dann ganz langsam wieder den Rollstuhl zu mir um.

Aufgrund meiner Lautstärke war Naeko aufgewacht und schrie nun lauter herum als zuvor. Wenn das in den nächsten Wochen so weiterging, würde sie mein einziges Kind bleiben. Meine Ohren klingelten jetzt schon besorgniserregend.

Tensei fuhr zu mir zurück und blieb direkt vor den vier Treppenstufen zur Eingangstür stehen. Misstrauisch schaute er zu mir hinauf. „Wie meinst du das?“

Nun konnte ich ein Seufzen nicht mehr unterdrücken. Hierbei handelte es sich um ein wohlgehütetes Geheimnis meines besten Freundes. Außer mir wussten nur Hidemi und meine Großmutter davon. Letztgenannte nur deshalb, weil wir sie um ihren fachlichen Rat gebeten hatten. Jedoch schuldete ich meinem Partner wohl eine Erklärung.

„Komm erst mal auf die Terrasse“, forderte ich ihn auf, zog die Haustür zu und begab mich an besagten Ort.

Naeko ließ sich glücklicherweise mit ihrer Flasche beruhigen. Noch hatte ich den Dreh nicht so ganz heraus, ihre Bedürfnisse direkt zu erkennen, aber das wunderte mich auch nicht. Ich versorgte zum ersten Mal ein Kind.

Tensei blickte nicht mehr allzu wütend drein, als ich auf der Terrasse ihm gegenüber in meinem Sonnenstuhl Platz nahm. Nichtsdestotrotz fragte er: „Wie hast du das eben gemeint, Mika?“

„So, wie ich es sagte. Daisuke kann gar nicht Naekos Vater sein, weil er eine Muschi hat. Oder besser: hatte.“ Augenblicklich erinnerte ich mich an unsere erste Begegnung in dieser Bar. „Als ich ihn kennenlernte, hieß er offiziell noch Rumi und war eine Frau. Inzwischen liegen eine Hormontherapie und mehrere Operationen hinter ihm. Aber ein Kind zeugen, das kann er definitiv nicht.“

„Der eben war ... Der war mal eine Frau?“ Überraschung zeichnete sich auf Tenseis Gesicht ab. „Oh! Das ... das hätte ich nie gedacht!“

„Es ist auch nicht so, dass er durch die Welt spaziert und es jedem haarklein erzählt. Ich wäre dir also dankbar, wenn du darüber Stillschweigen bewahren könntest“, entgegnete ich und legte Naekos halb ausgetrunkenes Fläschchen beiseite. „Und jetzt zu diesem niedlichen Monster hier!“

Genau wie bei Daisuke, kamen bei Naeko sofort Erinnerungen hoch, obwohl ich den Schurkenkampf am liebsten vergessen würde. Ich wusste noch genau, wie fertig ich gewesen war, als wir alle gedacht hatten, sie wäre gestorben. Das blaue Feuer, das in den Himmel ragte, die Asche, der gellende Schrei frisch geborenen Lebens ... Nach wie vor erschien mir das alles völlig absurd.

„Diese junge Dame heißt Aorikawa Naeko und war kürzlich noch achtundzwanzig Jahre alt“, erklärte ich Tensei. „Sie ist eine Freundin von mir, die bei dem Schurkenangriff von neulich getötet wurde. Bis dato hatten wir immer angenommen, sie wäre ein Normalo, aber nach ihrem Tod hat sie sich plötzlich verbrannt und wurde aus ihrer Asche wiedergeboren.“

„Haben sie die Schurken gekriegt?“, wollte er wissen. Ich schüttelte verneinend den Kopf, weshalb er noch anfügte: „Sie hat sich selbst verbrannt? Wie ein Phönix? Unfassbar!“

„Ja, das hat uns auch alle erstaunt.“ Mit einem liebevollen Lächeln sah ich auf das winzige Köpfchen hinunter. „Weil Daisuke ziemlich überfordert mit Kindern ist, haben wir beschlossen, dass sie vorerst bei mir bleibt. Außerdem weiß ich, wie es um ihre familiären Verhältnisse steht, und deshalb habe ich beim Jugendamt das Sorgerecht für sie beantragt.“

Er runzelte die Stirn. „Warum adoptierst du sie nicht einfach?“

„Weil es wahrscheinlich nicht geht. Ich bin alleinstehend“, erwiderte ich.

„Hm.“ Tensei runzelte die Stirn so stark, dass er mehr denn je wie seine Mutter aussah. „Ich könnte versuchen, ein gutes Wort für dich einzulegen.“

Das wollte ich nicht, wenn es sich vermeiden ließ. Ich wollte mich nicht auf den Vorteilen seines Heldendaseins ausruhen. Demnach fiel meine Antwort aus. „Danke, aber ich werde erst einmal hören, was das Jugendamt generell dazu meint. Alles weitere können wir dann immer noch besprechen.“

Ob ihm diese Antwort gefiel, war nicht aus seiner Miene herauszulesen. Für einen Moment kehrte Ruhe ein. Wenn Frau Itō jetzt über die Hecke gespäht hätte, wäre sie vermutlich überglücklich. Wir zwei wie ein altes Ehepaar und die kleine Naeko in unserer Mitte. Allerdings erwies sich diese Stille als trügerisch.

Irgendwann meinte Tensei: „Meine Mutter hatte übrigens recht.“

Dass er die Anzeige meinte, machte wenig Sinn. Deshalb entgegnete ich verwirrt: „Womit?“

„Hiermit!“ Er hob die Arme, wodurch mir zum ersten Mal auffiel, dass seine Ellenbogen nicht mehr in Verbände eingewickelt waren. „Es gibt Tage, da schaffe ich es nicht einmal, die Motoren zu zünden. Außerdem haben mir die Ärzte prophezeit, dass ich extrem vorsichtig sein muss, selbst wenn die Brüche in den Beinen verheilt sind. Meine Konchen waren wohl derart zertrümmert, dass das Risiko eines erneuten Bruchs stark erhöht ist.“

Zwar wusste ich von seinen Eltern um seine nicht sehr rosigen Zukunftsaussichten. Trotzdem erschreckte mich das Ausmaß der Schäden, die Stain angerichtet hatte.

„Meine Karriere als Held ist vorbei“, brachte Tensei es auf den Punkt.

„Das tut mir so leid, Tensei! Was willst du jetzt tun?“ Zwar war ich mir sicher, dass es seiner Familie nicht an Geld mangelte, aber er konnte sich unmöglich mit dreißig schon zur Ruhe setzen. Da wurde man doch verrückt.

„Ich denke, ich werde ins Management von Team Idaten umsteigen. All den Bürokram kann ich ja trotzdem erledigen“, sagte er. Ungeachtet der ernsten Lage schmunzelte er plötzlich. „Ich wollte Tenya anbieten, meinen Heldennamen zu übernehmen, wenn er das möchte. Vielleicht will er Team Idaten ja später leiten. Das wäre prima!“

Unwillkürlich musste ich daran denken, wie sehr die beiden Brüder einander verehrten. „Er wird ausflippen.“

„Ja, vermutlich wird er das“, stimmte Tensei zu. Falls er traurig über das Ende seiner aktiven Karriere war, merkte man es ihm kaum an.

Eigentlich wollte ich ihn fragen, wer der Agentur vorstehen sollte, solange Tenya sich noch in der Ausbildung befand. Dazu kam ich aber nicht. Tensei wechselte das Thema und äußerte vorsichtig: „Kann ich dich noch was zu deinen Freunden fragen?“

„Klar.“

„Ich hoffe, das kommt jetzt nicht komisch rüber, aber die waren beide ganz anders, als ich sie mir vorgestellt habe.“ Tensei knetete seine Finger. „Ich dachte, deine Freunde sind so wie du. Ach, keine Ahnung! Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll.“

Sofort verspürte ich das Bedürnis, meine Freunde zu verteidigen. „Das kam dir nur so vor. Daisuke und Hidemi sind eigentlich beide sehr entspannte, vernünftige Menschen. Nur weißt du ja bereits, dass es gestern zwischen ihm und mir gekracht hat. Außerdem müssen die beiden umziehen und gucken sich gerade eine neue Wohnung an. Nervosität hat da bestimmt eine Rolle gespielt.“

„Ja, wahrscheinlich hast du recht. Es war wohl einfach ein ungünstiger Zeitpunkt für unsere erste Begegnung“, sagte Tensei. „Sag mal, wollen wir vielleicht zu mir fahren?“

Diese Frage kam nun wirklich so abrupt, dass ich ihn skeptisch beäugte. „Wollen wir das?“

Er lachte auf. „Tenya hat gefragt, ob er heute nach der Schule vorbeikommen kann, und ganz zufällig wollte er wissen, ob du auch da bist. Habe ich da was verpasst?“

„Oh, wir hatten eine kleine Meinungsverschiedenheit“, gestand ich ihm und erhob mich aus dem Stuhl. „Klar können wir das! Ich muss nur ein paar Sachen für Naeko zusammenpacken.“

„Ich muss eh den Transport bestellen. Mein Rollstuhl passt niemals in dein Auto. Dann können wir auch die Wiege mitnehmen und du könntest über Nacht bleiben“, schlug er mir mit diesem spitzbübischen Grinsen vor, in das ich mich Hals über Kopf verliebt hatte.

„In Ordnung“, sagte ich zu und spürte dieses angenehme Herzklopfen bei dem Gedanken daran, heute Nacht in seinem Arm einzuschlafen.

Eineinhalb Stunden später fuhren wir hinüber in den Bezirk Chiyoda, wo Tensei lebte. Ein Gerüst an seinem Haus und diverse herumstehende Arbeitsmaterialien auf dem Grundstück verrieten, dass umfangreiche Bauarbeiten im Gange waren.

„Sicherheitshalber baue ich es rollstuhlgerecht um“, erklärte er mir auf meine Nachfrage hin. „Nichts für ungut, aber sollte ich aus irgendeinem Grund noch einmal in diesem nervigen Ding landen, will ich darauf vorbereitet sein.“

Die Rampe hoch in sein Haus schaffte er es eigenständig. Allerdings brauchte er drei Anläufe, weil er dazu seine Spezialität nutzte, diese aber nicht sofort reagierte. Die wohl größte Veränderung war zu meinem Erstaunen ein Treppenlift, der unter näherer Betrachtung sehr viel Sinn ergab.

Bei meinem ersten Aufenthalt hier hatte ich vorrangig sein Schlafzimmer von innen gesehen. Ich versuchte, mich nicht zu neugierig umzugucken. Tensei war jedenfalls wesentlich traditioneller eingerichtet als seine Eltern, aber trotzdem noch recht modern. Das Haus versprühte eine Atmosphäre, in der ich mich auf Anhieb wohlfühlte.

Tensei erwies sich um die Mittagszeit herum als genauso grottenschlechter Koch wie ich. Schlussendlich ließen wir es bleiben und bestellten Essen bei einem Lieferservice. Das ließ ihn darüber scherzen, dass wir wohl eines Tages auch eine Haushälterin brauchten, wenn wir überleben wollten.

Nach dem Essen sahen wir uns einen Film zusammen an, wobei wir auf dem ausgezogenen Sofa lagen, ich in seinem Arm, und Naeko schlief auf seiner Brust. Das Kind stand ihm unfassbar gut, sogar noch besser als Daisuke. Einmal erwischte ich mich zu meinem Erschrecken bei dem Gedanken, dass ich nichts dagegen hätte, jetzt sofort ein Kind mit ihm zu machen, damit Naeko ein Geschwisterchen bekam.

Ungewisse Zeit später erklang eine Melodie, ähnlich der eines Handys oder einer Türklingel. Verwirrt blinzelte ich. Auf dem Sofa befand sich niemand außer mir. Der Rollstuhl stand nicht im Zimmer. Als ich mich aufsetzte, rutschte eine dünne Decke von meinen Schultern. War ich während des Films eingeschlafen? Wo steckte Tensei?

Naeko lag in ihrer Wiege und brabbelte munter vor sich hin. Als ich zu ihr ging und sie herausnahm, strahlte sie mich an. Sie grinste das niedlichste Babygrinsen aller Zeiten und mein Herz machte einen Hüpfer.

„Du bist so süß, Na-chan!“, verkündete ich ihr zum x-ten Mal, seit ich sie bei mir hatte, hob sie höher und stupste ihre Nase mit meiner an.

Just in diesem Augenblick ertönte eine bekannte Stimme im Hausflur. Einen Wimpernschlag später betrat Tenya das Wohnzimmer, dicht gefolgt von Tensei im Rollstuhl. Als der Jüngere mich mit dem Säugling auf dem Arm sah, zog er ein Gesicht, als hätte man ihn von hinten mit einem vollgesogenen Tafelschwamm abgeworfen.

„Hm, eigentlich wollte ich dir das viel früher sagen, aber ... Überraschung! Das ist deine Nichte Naeko“, veralberte Tensei seinen jüngeren Bruder gekonnt.

Ich musste mir krampfhaft das Lachen verkneifen, weil Tenya so hastig zu seinem Bruder herumfuhr, dass ihm beinahe die Brille von der Nase gerutscht wäre. Mit seltsam mechanischen Handgesten redete er auf Tensei ein: „Das hättest du mir wirklich früher sagen können! Wissen Mama und Papa das! Was ist mit deinen Kollegen? Wieso hat mir niemand was gesagt? Du hast versprochen, dass ich sowas als Erster erfahre! Bei den Göttern, ich bin Onkel?“

Tensei rieb sich gespielt nervös über den Nacken. „Nun, um ehrlich zu sein, war das ein Unfall und Mama war ziemlich sauer, deswegen wollte ich dich da erst einmal raushalten.“

„Oh!“ Es fehlte nicht viel und der sonst so beherrschte Fünfzehnjährige hätte sich wohl die Haare gerauft. Rasch trat er zu mir heran und umarmte mich. „Es tut mir so leid, Mika! Ich habe mich wie der größte Idiot benommen. Wenn ich gewusst hätte, dass ihr schon ein Kind miteinander habt, wäre ich beim letzten Mal nicht abgehauen.“

Es half alles nichts. Als sich mein Blick mit dem von Tensei kreuzte, konnten wir beide nicht mehr an uns halten. Wir prusteten los wie zwei betrunkene Teenager, füllten das gesamte Haus mit unserem schallenden Gelächter.

Eine ganze Weile amüsierten wir uns, bis Tenya endlich ein Licht aufging. „Ihr habt mich reingelegt?“

„Seine Idee!“ Ich zeigte auf Tensei. „Ich bin unschuldig! Aber deine Entschuldigung nehme ich trotzdem an, Tenya.“

„Es tut mir leid, Brüderchen! Das war einfach die perfekte Gelegenheit“, grunzte Tensei vergnügt.

„Diese junge Dame hier heißt Naeko. Genau genommen, ist sie auch nicht mein Kind. Ich habe allerdings das Sorgerecht für sie beantragt“, klärte ich Tenya auf und berichtete ihm knapp von den Geschehnissen, die zu diesem Umstand geführt hatten.

„Wenn ihr das Spiel durchgezogen hättet, wäre ich nie dahinter gekommen, dass es nur ein Spaß war“, sagte Tenya schlussendlich. „Zusammen wirkt ihr drei wie die perfekte Familie.“

Er sagte das mit einer Ernsthaftigkeit, die ihn nicht nur auszeichnete, sondern die auch eine seltsame Wärme in mir erzeugte.

Dieselbe Wärme spürte ich auch am Abend noch, als Tenya längst in die Yūei zurückgefahren war und ich Naeko im Wohnzimmer in den Schlaf schaukelte. Anschließend stellte ich das Babyfon auf und ging nach oben ins Schlafzimmer, wo Tensei sich bereits umzog.

Als ich auf der Bettkante saß und meine Bluse auszog, wanderten zwei große Hände über meinen nackten Bauch. Ich hielt seine Hände fest und verschränkte meine Finger zwischen seinen. „Was wird denn das?“

„Ich möchte mit dir schlafen.“ Ein umwerfendes Lächeln folgte, begleitet von funkelnden Augen, denen ich einfach nicht widerstehen konnte.

Mein Herz begann, schneller zu klopfen. „Du hast zwei eingegipste Beine, Liebling.“

Zärtliche Küsse, weich wie eine Feder, übersäten meinen Nacken. „Ist das wirklich ein Hinderungsgrund für Schmuddelkram?“

Schmuddelkram. Ich musste kichern. „Nein, ganz und gar nicht.“


~~*~~*~~


Preview: Der Umzug von Daisuke und Hidemi steht bevor. Mika stellt sich dem Kennenlerntermin beim Psychologen. Es scheint, als wäre endlich alles in Ordnung. Und warum entsteht eine Diskussion rund ums Dessert? Das alles erfahrt ihr in Kapitel 26: Sekundenkleber. Bis dahin – Plus Ultra! ;D
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