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Block King Kong

von Jadina
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Het
Chiyo Shuzenji / Recovery Girl Chizome Akaguro / Stain OC (Own Charakter) Tensei Iida / Ingenium Tenya Iida
01.01.2021
19.06.2022
29
102.620
9
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Dieses Kapitel
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31.03.2022 4.642
 
~~ Kapitel 23: Von Helden und Schurken ~~



Aufgrund des unfassbaren Umstands, dass unsere Freundin Naeko sich nach ihrem Tod verbrannt hatte und aus ihrer Asche als Säugling wiedergeboren worden war, gab man uns einen Tag Zeit, um zur Ruhe zu kommen und unsere Verletzungen im Krankenhaus behandeln zu lassen.

Nun waren wir alle auf der Polizeiwache in Aoba und warteten auf Tanakas Rückkehr. Sie war als Letzte von uns vier ins Zimmer des Inspektors hineingebeten worden. Glücklicherweise hatte die Nacht uns Zeit gegeben, um uns auf eine Geschichte zu einigen, die wir zum Besten geben konnten.

Wir beschlossen, nichts davon zu sagen, dass es die Schurkenliga gewesen war. Ansonsten hätten wir erklären müssen, weshalb wir wussten, wer außer den bereits bekannten Mitgliedern wie Shigaraki und Kurogiri noch dazugehörte. Stattdessen gaben wir an, unsere Angreifer nicht zu kennen und demnach auch nicht die geringste Ahnung zu haben, weshalb wir angegriffen worden waren. Das war die sicherste Variante.

Daisuke saß auf dem Stuhl neben mir, in einem Babytuch die schlafende Naeko mit sich tragend. Der Säugling an seiner Brust stand ihm. Er war ein Bild von einem Vater! Allerdings schien ihn die Sache ziemlich nervös zu machen. Er hatte sie nur deshalb an sich genommen, weil ich sie nicht zu meiner Vernehmung mit reinnehmen durfte. Die Nacht über war ich in Aoba geblieben, um mich um sie zu kümmern.

Hidemi machte bereits dumme Witze darüber, dass ich ja nun letzten Endes doch zu meinem Kind gekommen war, auch ganz ohne Mann und Schwangerschaftspfunde. Das hatte mich auf den Gedanken gebracht, was Tensei sagen würde, wenn er mich so sehen könnte.

Bei unserer ersten Verabredung war das Thema Kinder auf den Tisch gekommen. Ich wusste, dass er eine Familie gründen wollte, aber was würde er dazu sagen, dass es auf einmal schon ein Kind gab? Ich würde nicht drumherum kommen, ihm von dem Angriff zu berichten und auch darüber, dass Naeko vor Kurzem eigentlich achtundzwanzig Jahre alt gewesen war und einen schwarzen Judo-Gürtel besessen hatte.

„Schläft sie immer noch?“ Fragend sah Hidemi zu Daisuke. Sie war zwischenzeitlich zur Tankstelle gegenüber gegangen, um sich eine Cola zu kaufen. Nicht, dass sie uns auf der Wache nichts zu trinken angeboten hatten. Aber Cola war eben nicht darunter gewesen. Vielleicht hatte sie auch einfach nur die Gelegenheit nutzen und frische Luft schnappen wollen.

Daisuke nickte. „Zum Glück! Ich weiß gar nicht, was ich machen soll, wenn sie zu schreien anfängt.“

„Na ja, entweder ist sie hungrig oder ihre Windel ist voll. Auf jeden Fall braucht sie dann deine Aufmerksamkeit.“ Ich grinste ihn an. „Bist du überfordert?“

„Du kannst sie gerne wieder nehmen.“ Er schenkte mir einen gespielt bösen Blick, lachte dann aber.

Das ließ ich mir kein zweites Mal sagen. Kurzerhand tauschten wir und als Tanakas Verhör endlich endete, saß ich mit Naeko auf der Brust im Gang.

„Sieht aus, als würde sie zu dir gehören, Mika“, sagte Tanaka lächelnd. „Ich bin echt froh, dass sie nicht gestorben ist, aber trotzdem ist das seltsam. Ich meine, sie ist jetzt wieder ein Baby. Sie muss noch einmal in die Schule gehen und wenn sie zwanzig wird, sind wir alle alt.“

Auf diesen Ausspruch hin mussten wir auflachen. Dann erschien Inspektor Megure, bedankte sich bei uns für die Auskunft und sagte uns, dass wir gehen konnten. Er würde sich melden, sollte es Neuigkeiten geben. Da wir davon nicht ausgingen, hatten wir ihn wohl zum letzten Mal gesehen. Das traf hoffentlich auch auf die Schurkenliga zu.

Nachdem wir wieder zurück im Hauptquartier waren, kochte Hidemi etwas zum Mittagessen. Ich fütterte Naeko mit der Flasche. Gestern Abend hatten wir uns kurzfristig mit allen nötigen Dingen eingedeckt. Daisuke und Tanaka suchten derweil im Internet nach einer neuen Wohnung. Offenkundig schien die Liga zu wissen oder zumindest zu ahnen, dass wir hier waren, also mussten wir dringend den Standort wechseln.

Während sie lautstark über ihre gefundenen Ergebnisse diskutierten, wog ich Naeko liebevoll auf dem Arm. Es war so ungewohnt, dass ihre Augen noch blau waren und nicht in dem tiefen Braun strahlten, das ich mit ihr verband. Vielleicht bildete ich mir das nur ein, aber wenn ich sie ganz genau ansah, meinte ich, ihre Gesichtszüge wiederzuerkennen. Sie war jedenfalls absurd niedlich.

„Na-chan?“ Ich lächelte und sie gab einen Laut von sich, der entfernte Ähnlichkeit mit einem Glucksen hatte.

„Hat sie jetzt schon einen Spitznamen bekommen?“ Daisuke schüttelte den Kopf. „Achtung Leute! Wenn das mit dem Boss und Ingenium wirklich ernst ist, können wir in ein paar Jahren einen Kindergarten eröffnen.“

„Erst einmal kriegt Minimum jeder von uns ein Patenkind und dann mal sehen, wie viele Zimmer in seiner Villa noch übrig sind“, schloss Hidemi sich dem an.

Tanaka brüllte vor Lachen, während ich meine Kameraden einfach nur verdattert anstarrte. Das ist jetzt nicht deren Ernst, oder?

„Ha ha“, meinte ich. „So viele Kinder wollte ich nicht bekommen, danke der Nachfrage. Vor allem nicht jetzt. Ich meine, einer von uns muss sich ja um Naeko kümmern, oder? Sie hat doch keine Verwandtschaft.“

„Zumindest keine, der das Jugendamt das Sorgerecht für sie geben würde“, ergänzte Hidemi, woraufhin zustimmendes Schweigen eintrat. Wir alle wussten, dass Naeko einen wesentlich älteren, alkoholkranken Bruder hatte, der sich niemals um sie kümmern konnte.

„Willst du sie adoptieren, Mika?“, fragte Daisuke, dessen Tonfall nun nicht mehr danach klang, als würde er sich über mich lustig machen.

„Alleine wird das kaum möglich sein“, erwiderte ich und spürte einen Stich in der Brust. Ich hatte es nicht geschafft, sie zu beschützen, also war ich es ihr quasi schuldig, mich um sie zu kümmern. Als alleinstehende Frau bekam man jedoch kein Kind vermittelt.

„Du und Ingenium müsst halt einfach ganz schnell heiraten“, neckte mich Tanaka und stieß Daisuke den Ellenbogen in die Seite. „Am besten so eine Las Vegas-Hochzeit über Nacht.“

Die beiden giggelten schon wieder los und ich wandte mich seufzend ab. Hidemi kam aus der Küche und stellte das fertige Essen auf den Tisch. Anschließend kam sie zu mir und umarmte mich. „Hey! Das ist doch alles nur Spaß.“

Ich sah auf den süßen Fratz in meinen Armen hinunter und seufzte leise: „Ich wünschte, ich könnte sie behalten.“

„Wir finden schon eine Lösung.“ Aufmunternd dreinsehend legte Hidemi ihre Hand auf meiner Schulter ab und drückte diese leicht. „Komm essen, Mika!“

Über ein Kleinanzeigenportal hatten wir gestern auf die Schnelle eine Wiege besorgt, in die ich Naeko nun legte. Sorgfältig zugedeckt petzte sie die Augen zusammen. Unverständliches Gebrabbel drang aus ihrem Mund. Während wir aßen, bewegte ich die Wiege mit dem Fuß. Irgendwann schlief sie ein.

„Ich glaube, wir sollten die Zeit für eine kurze Besprechung nutzen, wie wir in den kommenden Wochen agieren sollen“, sagte Hidemi nach einiger Zeit.

Daisuke nickte zustimmend. „Ich werde schauen, dass ich ein neues Hauptquartier finde. Es sollte besser nicht in Asahi sein. Ehrlich gesagt denke ich sogar, wir sollten Yokohama verlassen.“

„Ich bin deiner Meinung“, stimmte Tanaka zu. „Ich werde dir bei der Wohnungssuche leider nicht besonders helfen können, aber du hast recht. Die Liga muss gewusst haben, dass wir hier sind. Die werden uns mit dem Sprinter kaum zufällig über den Weg gefahren sein.“

Darüber wusste die Polizei bereits Bescheid – der Sprinter war ein Leasingfahrzeug gewesen, welches die Liga nur für diesen Tag angemietet hatte. Es gab an Tanakas Theorie wenig zu rütteln.

Ich nickte. „Gut. Danke, dass du das übernimmst, Daisuke.“

„Soweit ich kann, würde ich dich gerne unterstützen“, schloss Hidemi sich an. „Nichts für ungut, aber meine Anwältin sagt, dass ich mindestens bis Ende Juni noch suspendiert bin. Ich bekomme zwar mein Gehalt, aber ich halte es für sicherer, wenn wir zunächst einmal nur eine Wohnung anmieten. Dann könnte diese größer sein, sodass wir sie weiterhin teilen und als Hauptquartier nutzen können.“

Zum Zeichen seines Einverständnisses nickte Daisuke. Anschließend wandte er sich mir zu: „Was wirst du tun, Mika?“

„Ich muss mich mit dem Jugendamt in Verbindung setzen und klären, was wir mit Naeko machen. Wenn es irgendwie möglich ist, möchte ich sie bei mir behalten. Irgendeine Regelung wird sich da mit der Tōdai schon ergeben.“ Aus einem mir unerfindlichen Grund klang das überzeugter, als ich eigentlich war.

„Vielleicht können Ingenium oder deine Großmutter da was machen“, sagte Tanaka. Weil ich sie mit hochgezogenen Augenbrauen ansah, verteidigte sie sich rasch: „Das meine ich ernst! Sie sind beide bekannte Helden. Wenn sie beim Jugendamt ein gutes Wort für dich einlegen, werden die bestimmt nachgeben.“

„Mal sehen“, antwortete ich. „Zuerst muss ich etwas anderes in Angriff nehmen.“

Eines davon war die Beantragung des Sorgerechts für Naeko. Das andere ...


~~*~~*~~


Einige Tage später machte ich mich an die Arbeit. Ich betrat mein geheimes Labor und räumte dort auf. Nicht im Sinne von einem Frühjahrsputz, nein! Mir stand der Sinn nach einer Auflösung. Mein Leben war aus den Fugen geraten und irgendwie musste ich Licht und Schatten wieder vereinen. Dahingehend kam mir zugute, dass ich wegen des Schurkenangriffs krankgeschrieben war.

Bisher nutzte ich den Dachboden meines Hauses als Aufbewahrungsort, aber sobald der als Labor fungierende Kellerraum leergeräumt war, konnten die Sachen dorthin umziehen. Dann würde ich eine Firma beauftragen und den Dachboden ordentlich ausbauen lassen, damit ich diesen anderweitig nutzen konnte. Es gab noch ein freies Zimmer im ersten Stock, aber das erachtete ich als zu klein, weshalb es nicht einmal eingerichtet war.

Eventuell, aber das war wirklich ein Gedanke, der in sehr ferner Zukunft lag, würde ich auch mit Tensei zusammenziehen und mein Haus vermieten.

Ein bisschen mulmig war mir schon zumute, als ich die Gerätschaften abzubauen begann. Die Chemikalien würde ich mit zur Arbeit nehmen und in einem ungesehenen Moment in der Tōdai sicher entsorgen.

Pipetten, Erlenmeyerkolben, Stopfen und Reagenzgläser packte ich in alte Ausgaben der Tokyoer Morgenpost ein und verstaute sie in einem Umzugskarton. Das Meiste hiervon hatte ich auf der Arbeit mitgehen lassen, also fiel es niemandem auf, wenn die Sachen plötzlich wieder auftauchten. Sowieso war nie jemandem aufgefallen, dass sie fehlten.

Wenn ich es recht überdachte, hatte ich mit diesen Forschungen eine Menge Zeit verschwendet. Egal, wie sehr ich das korrupte Heldensystem verachtete, es würde mir niemals gelingen, ein Gift zu entwickeln, das Spezialitäten ausschaltete. Sie gehörten einfach zu unserer Gesellschaft dazu. Wenn ich wirklich etwas verändern wollte, hätte ich einen anderen Ansatz wählen müssen. Aber wie hieß es so schön? Hinterher war man immer schlauer.

Ich fand viel alten Kram, an den ich lange nicht mehr gedacht hatte. Notizen, die noch aus der Zeit meiner Doktorarbeit stammten. Formeln und Berechnungen, die ich nicht mehr zuzuordnen vermochte. Sogar eine Zeichnung von Tanaka, die aus ihrem ersten Semester stammte! Mit einem nostalgischen Lächeln faltete ich diese zusammen und brachte sie ins Erdgeschoss, wo ich sie in meine Tasche steckte. Die musste ich ihr bei unserem nächsten Treffen unbedingt zeigen.

Mit jedem Handgriff verspürte ich Zuversicht. Ich nahm mein Leben wieder in die Hand, erlangte die Kontrolle zurück und würde alles so hinbiegen, wie es für mich passte. Ich schaffte das!

Je leerer das Labor wurde, desto aufgeräumter fühlte ich mich im Inneren. Wahrscheinlich war dieser Vergleich bescheuert, aber er half mir dabei, einen klaren Kopf zu behalten. Irgendwann waren nur noch ein paar Tische, Schränke, ein Regal und mein alter Bürostuhl übrig. Drei große Umzugskisten standen gepackt an der rechten Wand. Sobald die Würgemale an meinem Hals verschwunden waren und ich wieder arbeiten durfte, würden sie mein Haus verlassen.

Das hier war zehn Jahre lang Teil meines Lebens geworden, aber es fühlte sich unsagbar gut an, es loszulassen.

Verschwitzt und mit schmerzendem Rücken stieg ich die Treppe hinauf ins Erdgeschoss und ging in die Küche, um mir eine Cola aus dem Kühlschrank zu holen. Die eiskalte Flüssigkeit rann meine Kehle hinunter und von der Kohlensäure musste ich kurz aufstoßen.

Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal einen Raum in meinem Haus dermaßen ausgemistet hatte. Mir tat alles weh und am liebsten hätte ich mich für ein Schläfchen hingelegt. Jedoch fehlte noch etwas.

Es fühlte sich an wie der Befreiungsschlag, als ich die Cola abstellte, meinen Schlüssel holte und den hinter meinem Wandkalender verborgenen Safe öffnete. Die Fläschchen mit dem Gift blieben drin, nur für Notfälle. Die Unterlagen holte ich jedoch heraus und zerriss sie, bis nur noch Hunderte winzige Fetzen übrig blieben.

Anschließend nahm ich die halb ausgetrunkene Cola wieder an mich, ging hinüber ins Wohnzimmer und stellte das Radio an, drehte es lauter als üblich. Als hätte das Schicksal es so gewollt, lief gerade eines meiner alten Lieblingslieder. Lautstark sang ich mit. Es fehlte nicht viel und ich hätte mit der Cola in der Hand dazu getanzt.

Mein Großvater hatte zu Lebzeiten einmal zu mir gesagt, dass man erst ganz unten ankommen musste, damit man es höher als zuvor schaffte. Solch poetische Sprüche waren ständig von ihm gekommen, weshalb ich das nie für voll genommen hatte. Inzwischen bereute ich es, ihm nicht früher geglaubt zu haben.

Da ich sowieso gerade guter Laune war, ging ich nach einer kleinen Pause dazu über, die Küche zu putzen und anschließend das Wohnzimmer zu staubsaugen. Damit war ich auch dann noch beschäftigt, als es an meiner Tür klingelte. Wer auch immer davor stand, drückte viel zu lange auf die Taste.

Spinnt der?

Ich hatte niemanden erwartet, aber schon gar nicht meine Großmutter, die erst ihren Finger von der Klingel nahm, als ich die Haustür aufriss.

„Na endlich! Das ist jetzt das vierte Mal“, beschwerte sie sich bei mir. „Was zur Hölle machst du, dass du die Klingel nicht gehört hast?“

„Hallo Oma, ich freue mich auch, dich zu sehen“, erwiderte ich betont freundlich und ließ sie herein. „Ich bin am Putzen. Musst du nicht arbeiten?“

„Heute nicht.“ Sie zog die Jacke aus. Eine Bemerkung wegen der Würgemale am Hals, die Shigaraki mir zugefügt hatte, blieb aus.

Ich spürte ein Frösteln. Nicht nach der Ursache einer Verletzung zu fragen, sah meiner Großmutter genauso wenig ähnlich wie dieser unangekündigte Besuch. Irgendetwas war im Busch.

Schnell huschte ich an ihr vorbei, um den Staubsauger beiseite zu räumen. Ich hörte sie eine Bemerkung murmeln, dass sie schon nicht drübergefallen wäre, aber sicher war sicher.

„Möchtest du Tee?“

„Ja, das wäre lieb von dir, Mika-chan.“ Sie nahm auf dem Sofa Platz und ich betrat die Küche.

Während ich den Wasserkocher anschaltete und die Packung mit meinem besten Sencha aus dem Schrank nahm, fragte ich mich, was sie hier tat. Meine Großmutter kam mich fast nie besuchen. Dann hatte sie auch nicht nach den Hämatomen gefragt. Irgendetwas musste passiert sein. Da sie allerdings die Ruhe selbst war, schien sich der Schaden in Grenzen zu halten. Oder es war ganz besonders schlimm, quasi die Ruhe vor dem Sturm.

Nachdem alle Vorbereitungen getroffen waren, saß ich also mit meiner Großmutter bei einer Tasse Tee zusammen. Erst plauderten wir über ein paar Belanglosigkeiten, anschließend riss ich kurz den Schurkenangriff an, aber schließlich beschloss ich, ihr mit einer guten Nachricht den Wind aus den Segeln zu nehmen.

„Ich muss dir übrigens etwas sagen“, fing ich an und spürte, wie ich etwas errötete bei dem Gedanken daran, dass es jetzt wirklich offiziell und ernst war. „Tensei und ich sind zusammen.“

Beinahe hätte ich meine Tasse fallen lassen, als Oma Chiyo plötzlich grinste. „Ich weiß.“

„Was? Woher?“ Empört sah ich sie an.

„Ach, Anzu ist letztens bei mir aufgelaufen, weil sie im Internet auf diesen Artikel über dich und Akaguro gestoßen ist“, erklärte sie mir und ließ einen Zuckerwürfel in ihren Tee plumpsen. „Ich weiß von der Anzeige, aber nachdem ich ihr den Kopf gewaschen habe, hat sie die hoffentlich zurückgezogen.“

Das erklärte natürlich alles! Ich konnte kaum glauben, dass Anzu bei meiner Großmutter gewesen war, um sie mit ihren Rechercheergebnissen zu konfrontieren. Natürlich würde der Rückzug der Anzeige erklären, warum die Polizei nicht noch einmal bei mir gewesen war, um mich erneut zu verhören. Tensei hatte die Kaution dann wohl in der Zwischenzeit zurückerhalten.

„Allerdings muss ich dir auch etwas sagen“, äußerte Chiyo und blickte auf einmal gar nicht mehr amüsiert drein. Im Gegenteil, so ernst hatte ich sie seit Langem nicht mehr gesehen. Sie wirkte beinahe sogar müde. Ich rechnete mit diversen schlimmen Sachen, lebensbedrohlichen Erkrankungen und dergleichen, nicht aber damit, dass sie sagen würde: „Ich weiß von deiner Tätigkeit im Untergrund.“

Wie ein Paukenschlag hallten diese Worte in meinen Ohren wider. Ich war so schockiert über diese Aussage, dass ich überhaupt nicht fähig war, irgendetwas zu antworten. Meine Großmutter streckte die Hand nach mir aus, zog diese aber hastig wieder zurück.

„Nichts für ungut, Mika, aber die Yūei ist bereits von der Schurkenliga angegriffen worden. Deshalb hat sich Inspektor Megure bei uns gemeldet, um nachzufragen, da er glaubt, dieser Angriff auf dich wurde ebenfalls von der Liga begangen. Grund dafür ist, dass beim Eintreffen der Polizei kein einziger Schurke mehr vor Ort war, sie aber ihren Fluchtwagen zurückgelassen haben. Wir wissen, dass der Liga ein Schurke namenes Kurogiri angehört, der eine Warpspezialität besitzt.“

Dabei handelte es sich dann wohl um die seltsamen schwarzen Löcher, durch welche die Schurken vor Eintreffen der Polizei abgehauen waren. Das erklärte Einiges.

Chiyo machte eine kurze Pause, fuhr dann fort: „Die Schurkenliga gehört momentan nicht zu jenen Verbindungen, die willkürlich Zivilisten angreifen. Du bist keine Heldin, was zwangsläufig bedeutet, dass du dich in ihrem Milieu bewegen musst. Das trifft vermutlich genauso auf deine Freunde zu, nicht wahr? Du, Rumi, Hidemi ... Ihr seid alle Schurken!“

„Er heißt Daisuke“, erwiderte ich das Erstbeste, das mir in den Sinn kam. Gänsehaut überzog meine Arme, aber sie war keinesfalls angenehm. Ich fröstelte noch stärker als zuvor.

„Also stimmt es? Du bist wirklich eine Schurkin?“ Meine Großmutter sah mit einem Schlag noch müder, regelrecht abgekämpft aus. Sie stieß ein Seufzen aus. „Ich hätte es wissen müssen! All die Jahre hatte ich gehofft, du würdest zurechtkommen. Deine Erfolge an der Universität, deine ordentlich gepflegten Freundschaften, deine Lehrbeauftragtenstelle ... Ich dachte, du wärst über Isamus Tod hinweggekommen. Da habe ich mich grundlegend getäuscht.“

Mir war schlecht. Ich wünschte, sie würde mich anschreien, mich beschimpfen oder mir Vorwürfe machen. Stattdessen saß sie da, die Teetasse mit den Händen umklammert, und sagte das alles ganz sachlich, als würden wir bloß über das Wetter plaudern.

Unwillkürlich dachte ich an Tenyas Reaktion bei unserem letzten Gespräch und ich beschloss, dass ich mich ganz deutlich abgrenzen musste. Demnach betonte ich: „Ich bin nicht wie Stain, Oma:“

Aus den warmen braunen Augen, die mein Vater und ich ebenfalls besaßen, sah sie mich mit neutralem Gesicht an. „Wie viele Menschen hast du schon getötet, Mika?“

Eine Antwort blieb ich ihr schuldig. Niemals hätte ich erwartet, dass ausgerechnet meine Großmutter mir auf die Schliche kommen würde, noch dazu wegen Kleinigkeiten. Es war nicht so, dass man mich auf frischer Tat ertappt hatte oder ich in eine Falle gelaufen war. Es handelte sich schlichtweg um die Kombination verschiedener Beobachtungen.

„Mindestens einen, nicht wahr?“ Enttäuschung zeichnete sich in ihren Augen ab. „Auf jeden Fall Soaker.“

Meine Unterlippe zitterte. Tränen standen mir in den Augen. Bevor ich mich versah, platzte es aus mir heraus: „Es tut mir leid, Oma, aber ich bereue das nicht. Nicht in diesem Fall! Aber ich bin bereits dabei, mein Leben zu ändern.“

Sie stellte die Teetasse auf dem Tisch ab, so ruckartig, dass sie diese umwarf und sich die heiße Flüssigkeit auf dem Tisch verteilte, von wo aus sie über den Rand hinweg und auf den Laminatboden tropfte.

„Du hast tatsächlich getötet! Ich fasse es nicht! Du bist wirklich eine Schurkin!“

„Die Welt ist voll von Helden, die tief im Inneren nichts als Schurken sind. Wenn Schurken verehrt werden, kann das, was ich getan habe, gar nicht falsch sein!“, hielt ich dagegen und spürte, wie die Tränen zu laufen begannen. „Glaubst du, das ist einfach so passiert? Jahrelang hatte ich noch Albträume über Mu-chans Tod. Und als ich den Mut fand und Soaker angezeigt habe, waren plötzlich alle Zeugen stumm. Ich hatte die Nase so voll von dem korrupten Heldensystem. Ich konnte das nicht mehr länger ertragen!“

Zum Ende hin war ich aufgesprungen und schrie sogar. Umso erdrückender wirkte die Stille, die sich im Anschluss über uns legte. Ich vernahm ein Rauschen in meinen Ohren und war mir ganz sicher, dass ich mir die aufkommenden Kopfschmerzen nicht einbildete.

Gänzlich unerwartet rollten auch bei meiner Großmutter die Tränen. Es warf mich völlig aus der Bahn, dass sie sich plötzlich entschuldigte: „Es tut mir so leid, Mika! Es tut mir so wahnsinnig leid!“

Das letzte Mal in meinem Leben, dass ich sie hatte weinen sehen, war vor zehn Jahren bei Isamus Beerdigung gewesen. Ich wusste überhaupt nicht, was ich tun sollte. Das hier überforderte mich.

„Es tut mir so leid“, wiederholte sie schluchzend und wischte sich mit ihren zitternden, runzeligen Händen die Tränen weg. „Es ist auch meine Schuld! Ich hätte mich viel mehr um dich kümmern müssen. Ich hätte wissen müssen, dass du das alleine gar nicht verkraften kannst. Ihr habt euch so nahegestanden, du und Isamu, und deine Eltern waren nur mit sich selbst beschäftigt. Wenn ich einfach mehr an deiner Seite gewesen wäre ...“

Meine geliebte Großmutter so am Boden zu sehen, tat auf eine Weise weh, für die keine Worte der Beschreibung existierten. Langsam sank ich aufs Sofa zurück, näherte mich ihr an. Nachdem sie nicht wegrutschte, umarmten wir uns fest und weinten beide, bis die Tränen irgendwann versiegten.

Warum ich das tat, wusste ich mir letztlich selbst nicht zu erklären, aber ich offenbarte ihr: „Es war Isamus letzter Wunsch, Oma. Dass ich gegen das Heldensystem aufstehe. Dass ich mich gegen die Diskriminierung von Normalos starkmache. Ich habe ihm das am Sterbebett versprochen.“

„Wie sehr dein Bruder auch als Normalo abgewertet wurde, er hätte sicherlich niemals gewollt, dass du zur Mörderin wirst“, entgegnete sie und löste sich aus der Umarmung. So fix und fertig wirkte sie auf einen Schlag zwanzig Jahre älter. „Mika, sei ehrlich mit mir: Wie viele Menschen hast du getötet?“

„Vier.“

Für einen Augenblick presste sie die Lippen fest zusammen, bevor sie sich absicherte: „Alles Helden?“

„Ja.“

Ihr Atem rasselte, als sie tief Luft holte, um die Wahrheit irgendwie händeln zu können. Ihr Blick wanderte im Raum umher, als würde sie nach etwas suchen, das ihr helfen konnte. Schließlich fragte sie: „Gehe ich recht der Annahme, dass du nicht vorhast, dich bei der Polizei zu stellen?“

„Warum sollte ich das tun?“ Ich blinzelte. „All diejenigen, die ich umgebracht habe, hatten den Tod verdient.“

„Egal, was diese Menschen getan haben, nichts ist mehr wert als das Leben. Niemand entscheidet über den Tod und niemand hat ihn verdient“, redete sie auf mich ein.

Bilder von Isamu erschienen in meinem Kopf – er auf der Intensivstation, bleich, das unerträgliche Piepsen der Geräte, seine letzten gequälten Worte. Zynisch konterte ich: „Das sagst du jetzt nur, weil du Ärztin bist!“

„Nein, Mika!“ Ungewohnt scharf wies sie mich zurecht. „Das sage ich, weil ich ein Mensch bin.“

„Bin ich also keiner mehr?“ Unwillkürlich rutschte ich auf dem Sofa ein Stück zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

Lange antwortete meine Großmutter gar nicht. Sie sah mich an, als würde sie versuchen, mich bis auf den Grund meiner Seele zu durchleuchten. Schließlich äußerte sie: „Du brauchst eine Therapie, Mika.“

„Was?“ Ich hatte mich wohl gerade verhört.

„Du brauchst dringend eine Therapie, um das aufzuarbeiten, was rund um deinen Bruder geschehen ist“, wiederholte Chiyo und stellte behutsam die umgefallene Teetasse wieder auf.

„Ich brauche keine Therapie, Oma“, betonte ich.

Sie schwieg und starrte mich mit diesem Blick an, den ich aus meiner Kindheit hasste. Die konsequente Stille wog schwerer als jede Lautäußerung. Ich beschloss, darauf zu warten, dass sie etwas sagte. Meiner Meinung nach war alles zum Thema Therapie gesagt.

„Du bist meine Enkelin und ich liebe dich“, fing sie schließlich an. „Aber ich bin auch eine Heldin und habe einen Eid geschworen, meinen Beruf immer gewissenhaft auszuführen. Ich sage das hier also nur ein einziges Mal: Ich erwarte, dass du dich in Therapie begibst! Ansonsten werde ich dich ungeachtet unseres Verwandtschaftsverhältnisses verpfeifen. Du hast einen Monat Zeit für den ersten Termin. Wenn du Adressen brauchst, kann ich für dich welche heraussuchen.“

Fassungslosigkeit machte sich in mir breit. „Ist das dein verdammter Ernst?“

„Ja.“ Sie erhob sich. „Ich werde jetzt gehen. Danke für den Tee. Du kannst mich anrufen, wenn du eine Entscheidung getroffen hast.“

Ich war so perplex aufgrund ihres plötzlichen Verhaltens, dass ich nur aus Gewohnheitsgründen aufstand und sie zur Tür brachte. Zum Abschied umarmte sie mich nicht, was in Anbetracht der Ereignisse kein Wunder war. In aller Seelenruhe spazierte sie aus meinem Haus hinaus, durchquerte meinen Garten und war irgendwann hinter der Hecke verschwunden, die mein Grundstück vor der Straße abschirmte. Fast als wäre sie zu einem ganz normalen Kaffeeklatsch bei ihrer Enkelin gewesen.

Fast.

Doch ich war mir ganz sicher, dass in ihren Augen immer noch Tränen geglitzert hatten und sie sich innerlich alles andere als fest entschlossen gefühlt hatte. Das hier war für sie genauso schwer wie für mich.

Wenn sie allerdings glaubte, mich erpressen zu können, täuschte sie sich ganz gewaltig. Es gab keinerlei Zeugen für dieses Gespräch und niemanden, der mich mit einer Aussage belasten würde. Und es war nicht so, als hätte ich das Szenario, abtauchen zu müssen, nicht schon einhundert Mal im Kopf durchgespielt. Es war nicht das, was ich wollte, aber ich würde notfalls zu dieser Möglichkeit greifen, wenn es keine Alternative gab.

Ich schloss die Haustür, atmete tief durch und ging danach mein Handy holen. Eigentlich wollte ich Hidemi anrufen, um ihr vom Geschehen zu erzählen, fand jedoch eine kürzlich eingegangene Nachricht von Daisuke: »Haben neue Wohnung gefunden :-D In Kawasaki, Preis und Lage top! Besichtigung übermorgen.«

Das freute mich einerseits sehr, andererseits kam diese Neuigkeit zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Ich besaß gerade keinerlei Nerven, um mir Gedanken um ein neues Hauptquartier zu machen. Ich wusste nicht einmal, wie ich Block King Kong in Zukunft leiten sollte, nein, ob es für meine Gruppe überhaupt noch eine Zukunft gab.

Die Drohung meiner Großmutter war eindeutig gewesen. Wenn ich nicht in einem Monat einen Ersttermin bei einem Psychologen abgeleistet hatte, würde sie mich wegen vierfachen Mordes und vermutlich auch Bildung einer terroristischen Vereinigung anzeigen. Zwar wog ich mich einigermaßen in Sicherheit, was das anbelangte, aber mir kam meine gemeinsame Vergangenheit mit Stain nicht gerade zugute. Außerdem wollte ich auf keinen Fall meine Freunde in diese Sache involvieren. Zu guter Letzt würde eine solche Anzeige definitiv dazu führen, dass ich das Sorgerecht für Naeko nicht bekam.

Regungslos stand ich im Flur und sah zu keinem bestimmten Punkt, die Arme vor der Brust verschränkt. Was sollte ich tun? Würde ich es schaffen, meine Großmutter wegen einer Therapie anzulügen? Würde ich eine Therapie anschließen können, ohne dass Block King Kong dabei zur Sprache kam? Vielleicht sollte ich Tanaka über die Schweigepflichten von Psychologen ausfragen. Sie konnte mir da sicher Antworten liefern.

Da mir nichts Besseres einfiel, tat ich genau das. Ich rief meine ehemalige Mentee an und fragte sie, ob wir uns bei mir oder alternativ an einem Ort treffen könnten, wo wir ungestört sprechen konnten. Heute war sie schon beschäftigt, aber sie schlug mir für morgen vor, einen Spaziergang durch den Ueno Park zu machen.

Die Verabredung mit ihr verschaffte mir ein wenig Erleichterung. Wenn ich es schaffen würde, eine Therapie zu machen, ohne Block King Kong zur Sprache zu bringen, durchquerte ich damit quasi die Grauzone meiner Großmutter. Sie hatte nicht explizit gefordert, dass ich meine Gruppe auflösen sollte, nur, dass ich eine Therapie beginnen sollte. Nicht einmal von einem Abschluss jener war die Rede gewesen.

Ich straffte die Schultern und beschloss, jetzt zur nächsten Buchhandlung zu fahren und mich mit neuem Lesestoff einzudecken. Die nächsten Wochen würden auf jeden Fall nicht langweilig werden.


~~*~~*~~


Preview: Mika deckt ein Geheimnis auf. Bei ihrem Spaziergang mit Tanaka kommen zudem ein unerwarteter Plan und eine folgenschwere Entscheidung zur Sprache. Wege werden neue Abzweigungen einschlagen! Wie die übrigen Mitglieder von Block King Kong darin verstrickt sind? Das alles erfahrt ihr in Kapitel 24: Auf zu neuen Ufern. Bis dahin – Plus Ultra! ;D
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