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Block King Kong

von Jadina
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Het
Chiyo Shuzenji / Recovery Girl Chizome Akaguro / Stain OC (Own Charakter) Tensei Iida / Ingenium Tenya Iida
01.01.2021
19.06.2022
29
102.620
9
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Dieses Kapitel
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28.01.2022 3.384
 
~~ Kapitel 20: Geständnisse ~~



Am Dienstagabend lag ich völlig fertig in meinem Bett. Das Verhör bei Inspektor Tomioka hatte eine halbe Ewigkeit gedauert, aber gemäß Dans Prophezeiung war ich davongekommen. Vorerst jedoch auf Kaution, da angeblich Fluchtgefahr bestand.

Was mich an der Sache beschäftigte, war, dass ich nicht den leisesten Schimmer besaß, wer die Kaution für mich bezahlt hatte. Ich selbst war es logischerweise nicht und meine Freunde konnten es nicht gewesen sein, sonst hätten sie mir das gesagt. Demnach tippte ich auf meine Großmutter, was mir Sorge bereitete. Wenn sie mich später über die ganze Geschichte ausfragte, würde das sicher unangenehm enden.

Insgesamt war es einfach nur bescheuert. Ich besaß kein wirkliches Motiv, da meine Beziehung zu Stain sechs Jahre zurücklag und ich diejenige gewesen war, die sich getrennt hatte. Zudem verfügte ich über ein wasserdichtes Alibi. Mit Sicherheit war die angebliche Fluchtgefahr der Tatsache geschuldet, dass eine berühmte Heldin die Anzeige getätigt hatte.

Dan gegenüber meldete sich mein schlechtes Gewissen, da in meinem Hinterkopf die ganze Zeit der Gedanke herumgeschwirrt war, dass ich sehr wohl versucht hatte, Tensei umzubringen. Allerdings war das Block King Kongs Aktion gewesen, mehr oder weniger, und keine Beihilfe für Stain. Der kam gut genug alleine zurecht.

Der Mittwoch verging ohne große Ereignisse. Ich telefonierte mit all meinen Freunden, um sie über den Stand der Dinge in Kenntnis zu setzen, und rief meine Großmutter an, um mit ihr zu plaudern. Falls sie die Kaution bezahlt hatte, erwähnte sie es mit keinem Wort.

Am Donnerstag traf mich dann der Schlag, als ich nichts ahnend das Morgenmagazin auf dem ersten Kanal einschaltete und geradewegs einen Sonderbericht über die Festnahme von Stain präsentiert bekam.

Akaguro Chizome war gestern Abend in Hosu festgenommen worden. Vor Ort! Und zwar von niemand Geringerem als Endeavor, der Nummer zwei unter den professionellen Helden.

Erstaunlicherweise tat mir diese Nachricht kein bisschen weh. Kein Stich in der Brust, kein nervöses Magenflattern, nichts. Bedeutete dies, dass ich endgültig über ihn hinweg war?

Der Bericht informierte ausführlich über das Geschehene. Bei dem Einsatz war ein ortsansässiger Held namens Native schwerverletzt worden, aber mir bescherte etwas anderes einen akuten Anflug von Übelkeit. Auf der spärlich beleuchteten Kameraaufnahme aus der Ferne konnte man nicht viel erkennen. Ich war mir jedoch ganz sicher, dass der silberne Heldenanzug einer der Personen, die sich rasch aus dem Bild entfernten, der von Ingenium war. Da es sich nicht um Tensei handeln konnte, musste es folglich Tenya sein.

Seit Anzus Nachricht bei mir eingetroffen war, hatte ich nicht mehr den Versuch unternommen, mich bei Tensei zu melden. Ich hegte Sorge, dass mir das angesichts ihrer Anzeige Schwierigkeiten bereiten könnte. Die folgende Entscheidung fällte ich jedoch aus dem Bauch heraus.

Da der Donnerstag einer meiner kürzeren Tage war, setzte ich mich nach der Arbeit ins Auto und fuhr hinüber nach Hosu. Ich musste wissen, ob es Tenya gut ging. Weil beide Brüder sich vermutlich im selben Krankenhaus aufhielten, schlug ich zwei Fliegen mit einer Klappe.

Falls Anzu da war, musste sie sich mit mir arrangieren. Dan hatte mir versichert, dass es nichts zu befürchten gab, solange keine einstweilige Verfügung mit Kontaktverbot gegen mich vorlag. Von Tenya konnte sie mich eventuell fernhalten, weil sie seine Personensorgeberechtigte war. Tensei hingegen war ein erwachsener Mann, darauf besaß sie keinen Einfluss.

Als ich im Hosu General Hospital ankam, war jedoch weder von Anzu noch von Arata die geringste Spur zu entdecken. Der Mann am Empfang sah schon gar nicht mehr auf, als ich eintrat. Erst als ich ihn ansprach und nach Tenya fragte, blickte er mich verwundert an.

„Nein, ich will gar nicht wissen, wie Sie darüber informiert sein können“, rutschte es ihm heraus, bevor er mir die Zimmernummer nannte.

Tenya lag auf der allgemeinen Station, also konnte er nicht größer verletzt sein. Das ließ einen Hauch von Erleichterung zu. Trotzdem klopfte mein Herz schneller als üblich, und nein, es lag nicht daran, dass ich ausnahmsweise die Treppen nach oben nahm.

Auf dem Schild neben der Tür standen keine Namen, aber es gab drei Einschübe dafür, also musste dies ein Dreibettzimmer sein. Als ich vorsichtig anklopfte, verstummten die Stimmen darin.

Langsam trat ich ein und wurde davon überrascht, dass sich meine Vermutung als wahr erwies. Tenya saß in dem Bett auf der linken Seite des Zimmers, die beiden rechten Betten waren von zwei Gesichtern besetzt, die ich dank des Sportfests kannte – Todoroki Shoto und Midoriya Izuku.

„Mika?“ Verdattert blinzelte Tenya und schob erst einmal seine Brille zurecht. „Aber wie ...? Wie hast du ...?“

Da er nicht wütend reagierte, schien Anzu ihm noch nicht ihre Version der Geschichte über Stain und mich erzählt zu haben. Das war von Vorteil. So würde ich ihr zuvorkommen.

„Intuition“, antwortete ich scherzend, schloss die Tür hinter mir und trat zu ihm heran. Bevor er sich versah, umarmte ich ihn fest. Kaum zu glauben, dass er erst fünfzehn Jahre alt war. Von der Statur her hätte er auch Mitte zwanzig sein können.

Ich konnte nicht in Worte fassen, wie froh ich darüber war, ihn zu sehen. Es reichte, wenn eine Person hier ihren Bruder verloren hatte. Tensei machte gerade wahrlich genug durch.

„Guten Tag. Ich bin Shuzenji Mika, die Freundin von Tenyas Bruder“, stellte ich mich den anderen beiden Jungen im Raum anschließend vor.

Midoriyas Augen wurden sofort von einem seltsamen Leuchten erhellt. „Shuzenji?“

Immer dasselbe, dachte ich. Mir war schon klar, warum ich mich so lange wie möglich aus Kontaktkreisen herausgehalten hatte, die mit Helden verkehrten.

„Ja, Recovery Girl ist meine Großmutter.“

„Wow! Das ist total spannend! Ich wusste, dass sie Kinder hat, aber trotzdem ist das jetzt überraschend. Ich meine, sie ist ja auch nicht mehr die Jüngste, aber sie ist schon so lange im Heldenbusiness aktiv. Eigentlich dachte ich ...“, palaverte Midoriya los, was mich dazu brachte, ihn perplex anzusehen. Da Tenya allerdings entspannt lachte, schien dieses Phänomen häufiger vorzukommen.

„Weiß Tensei, dass du gerade ein Stockwerk unter ihm wohnst?“, fragte ich an Tenya gerichtet.

Der schüttelte den Kopf und verkündete mir fröhlich: „Tensei wurde gestern nach Hause entlassen. Er muss zwar noch einige Wochen im Rollstuhl sitzen, aber es geht ihm ansonsten gut. Es gibt keinen Grund, ihn noch länger hier zu behalten.“

„Oh.“ Ich runzelte die Stirn. Warum hatte er mir nicht Bescheid gesagt? Na ja, darüber konnte ich später nachdenken. Deshalb war ich hergekommen. Stattdessen bohrte ich nach: „Und wissen deine Eltern von deinem Aufenthalt hier?“

Auf einmal blickte Tenya ganz und gar nicht mehr glücklich drein. Bevor er mir antworten konnte, mischte sich jedoch der junge Todoroki ein und sagte in sachlichem Tonfall: „Nein, unsere Eltern wissen nichts davon.“

„Also ahnen sie auch nicht, dass ihr in diese Stain-Sache verwickelt wart, ja?“ Meine Stimme klang strenger als beabsichtigt und führte dazu, dass Tenya schuldbewusst den Kopf hängen ließ. Midoriya verstummte in seinem Gebrabbel abrupt und mir war, als weiteten sich Todorokis Augen für den Bruchteil einer Sekunde. Ich hatte also einen Volltreffer gelandet.

„Woher wissen Sie das?“, fragte Midoriya verunsichert. „Der Polizeichef hat gesagt, dass sie es darstellen wollen, als hätte Endeavor Stain alleine gefangen genommen, weil wir ohne Lizenz und Erlaubnis gehandelt haben.“

„Ich weiß, es war ein Fehler, mich an ihm rächen zu wollen“, gab Tenya seinen idiotischen Plan zu. „Aber mir ist nicht klar, wie du das herausgefunden hast.“

„Als wir beide das letzte Mal telefoniert hatten, habe ich nach deinen Praktikumseinladungen gefragt“, erinnerte ich ihn. „Allerdings kam es mir so vor, als würdest du mich abwürgen wollen. Dann habe ich durch Zufall herausgefunden, dass du dein Praktikum beim generellen Heldenbüro in Hosu machst, also genau in dem Bezirk, in welchem dein Bruder von Stain angegriffen worden ist. Außerdem, und das ist jetzt nicht gegen das generelle Heldenbüro gerichtet, hast du bestimmt bessere Einladungen erhalten. Da habe ich einfach nur eins und eins zusammengezählt.“

Stille kehrte ein. Schließlich gestand Tenya: „Ich habe dich unterschätzt, Mika.“

„Sind Sie auch als Heldin tätig?“, fragte Midoriya neugierig. Irgendwie war er süß, wenn seine Augen so leuchteten.

„Nein. Ich lehre an der Tōdai-Universität in Tokyo“, entgegnete ich und wechselte rasch auf das vorige Thema zurück. „Du hast dich also tatsächlich auf die Jagd nach Stain begeben? Unfassbar! Was machen dann deine Freunde hier?“

Tenya schrumpfte noch ein bisschen mehr zusammen. „Sie haben mich gerettet.“

Ich sah zu Midoriya und Todoroki hinüber. Abgesehen von den Verbänden an Midoriyas Händen wirkten sie unverletzt. Waren die beiden wirklich in einen Kampf gegen Stain verwickelt gewesen? Er musste Mitleid mit ihnen gehabt haben. Anders konnte ich mir nicht erklären, warum sie noch lebten.

„Danke dafür“, sagte ich zu den beiden Heldenschülern und wandte mich wieder Tenya zu. Ich musste die Situation nutzen für den unangenehmen Teil, der mir bevorstand. „Darfst du das Zimmer verlassen? Ich würde gerne über eine ander Sache unter vier Augen mit dir sprechen.“

Tenya wirkte erstaunt, nickte aber. Er trug eine Jogginghose unter dem Krankenhemd und zog noch einen Pullover über. Danach verließen wir den Raum. Kurz bevor die Tür ins Schloss fiel, hörte ich Midoriya einen Kommentar darüber abgeben, dass ich ihn unwahrscheinlich an jemanden erinnerte. Vermutlich meinte er meine Großmutter.

Gemeinsam gingen wir in die kleine Parkanlage des Krankenhauses und suchten uns einen Ort zum Hinsetzen, wo uns keiner störte. Erstaunlicherweise war ich recht unaufgeregt, was ich mir selbst nicht erklären konnte.

„Ich weiß, dass es ein Fehler war.“ Tenya setzte das Gespräch in Gang und zeigte mir seine Hand. „Aus diesem Grund habe ich beschlossen, meine beiden verletzten Finger erst dann operativ richten zu lassen, wenn ich ein richtiger Held geworden bin.“

Er überraschte mich mit seiner Aussage. Nahm er an, dass ich ihm unter vier Augen die Leviten lesen wollte? Irgendwie war das niedlich. Als ob ich mich in seine Erziehung einmischen durfte.

„Ich bin froh, dass du deinen Fehler einsiehst und nichts Schlimmes geschehen ist“, entgegnete ich. „Aber deshalb wollte ich dich nicht sprechen. Ich möchte dir etwas erzählen, bevor es deine Mutter tut.“

„Meine Mutter? Hat sie dich schon wieder ausgefragt?“, wollte er wohl in Erinnerung an das gemeinsame Abendessen von neulich peinlich berührt wissen.

Ich schüttelte den Kopf. Jetzt oder nie! Vorsichtig, aber dennoch deutlich sprach ich die Wahrheit aus: „Deine Mutter hat mich angezeigt. Sie-“

„Sie hat was?“, unterbrach er mich unerwartet. Empörung breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Warum?“

„Ja. Sie hat mich angezeigt.“ Ich sah ihn an und hoffte, ich war stark genug dafür, den Blickkontakt zu halten. „Sie muss mich gegoogelt und herausgefunden haben, dass ich vor sechs Jahren mit Stain zusammen gewesen bin. Also denkt sie wahrscheinlich, ich wäre an dem Anschlag auf Tensei beteiligt.“

Tenya starrte mich an, offensichtlich in der Annahme, sich verhört zu haben. Mit einem deutlichen Anflug von Unwohlsein beobachtete ich, wie sich seine Augen weiteten und er eine Spur blasser wurde.

„Du ... Du warst mit ihm zusammen?“, wiederholte er fassungslos.

„Ich war auch diejenige, die diese Beziehung vor sechs Jahren beendet hat“, sagte ich. „Eigentlich wollte ich es Tensei selbst erzählen, aber ich fürchte, deine Mutter hat das schon getan. Deshalb wollte ich, dass wenigstens du es von mir persönlich erfährst.“

Für einen Augenblick schien die Zeit stillzustehen. Dann sprang Tenya abrupt auf, die bleiche Miene mit roten Flecken übersät. Er blickte über alle Maßen streng auf mich hinunter. „Das ist nicht lustig, Mika!“

„Nein, ist es nicht“, stimmte ich ihm zu. „Ich wurde von der Polizei wegen Beihilfe zu versuchtem Totschlag verhaftet, verhört und bin nur auf Kaution draußen. Ich habe Stain nicht geholfen, deinen Bruder zu verkrüppeln, aber deine Mutter hat mir unmissverständlich mitgeteilt, dass sie mich nie wieder in der Nähe von einem von euch sehen will. Es ist in der Tat kein bisschen lustig.“

Tenya blinzelte angestrengt, die Stirn so stark gerunzelt, dass er mit einem Schlag zehn Jahre älter aussah. Die Ungläubigkeit wich einem Gesichtsausdruck, den ich nicht recht deuten konnte.

„Stain ... du ... Tensei“, brach es quält aus ihm heraus. Bevor ich mich versah, warf er die Motoren an seinen Waden an und rauschte davon. Nur eine aufgewühlte Staubwolke blieb zurück.

Ich sah ihm hinterher und versuchte, meinen vor Schreck rasenden Herzschlag wieder unter Kontrolle zu bringen. Unter allen Szenarien, die ich mir vorgestellt hatte, war das nicht dabei gewesen! Er hätte mich anschreien, beschimpfen, ausfragen oder alles als Scherz abtun können. Aber wegzulaufen?

Vielleicht war das doch der falsche Zeitpunkt, grübelte ich vor mich hin, während ich bewusst sitzen blieb. Wann sonst hätte ich Anzu noch zuvorkommen sollen? Falls Tensei der Darstellung seiner Mutter glaubte, gab es für mich kaum eine Chance, ihm meine Sicht zu schildern. Mit Tenya auf meiner Seite wäre das sicher anders gelaufen. Nun ja, macht nicht den Anschein, als würde der Kurze noch irgendetwas mit mir zu tun haben wollen ...

Meine Finger knetend wartete ich noch eine Weile ab, ob Tenya vielleicht zurückkehrte. Da dies nicht geschah, verließ ich schließlich geknickt das Hosu General Hospital und fuhr nach Hause.

Auf meinem Anrufbeantworter fand ich eine Nachricht der Praxis meiner Gynäkologin mit der Bitte, sich zwecks Terminverschiebung zu melden. Ich schrieb mir eine Notiz ins Handy und taute anschließend etwas zu essen auf. Dabei stellte ich fest, dass ich bald einkaufen musste.

Wegen der vielen Aufregung hatte ich es noch nicht in die Bücherei oder in eine Buchhandlung geschafft, um mir neues Lesematerial zu besorgen. Also kramte ich in den wenigen DVDs herum, die ich besaß, bis ich Tomb Raider gefunden hatte. Früher hatte ich den oft mit Hidemi zusammen geschaut. Dann hatten wir geträumt, so cool und stark wie Lara Croft zu sein! Kurzerhand beschloss ich, dass es mal wieder Zeit war, um ihn mir anzusehen.

Ich war etwa bis zur Hälfte des Films gekommen, als es an meiner Tür klingelte. Da ich erwartete, es würde die Polizei sein, schaltete ich auf Pause und stand auf, um nachzusehen. Zu meinem Erstaunen war es jedoch nicht die Polizei, sondern meine Nachbarin, der ich die Tür öffnete.

„Itō-san. Kann ich etwas für Sie tun?“, fragte ich perplex. Sie trug ihre Gartenhandschuhe und Erde klebte an ihren Schuhen.

„Nein, nein“, verkündete sie mir fröhlich. „Der junge Herr dort vorne meinte nur, dass Sie eventuell schlecht auf ihn zu sprechen sind und die Tür nicht öffnen wollen. Da dachte ich, ich helfe ihm mal und klingele für ihn.“

Mit der kleinen Schaufel in der Hand zeigte sie zum Tor meines Grundstücks, wo ich niemand Geringeren als Tensei erblickte, der in seinem Rollstuhl saß und regelrecht schüchtern winkte.

Ich war völlig baff. Was tat er hier? Wie war er hierher gekommen?

Weil ich nichts sagte, beugte die ältere Dame sich vor und flüsterte: „Mal unter uns, er ist wirklich ein Bild von einem Mann. Bitte sagen Sie mir, dass Sie nicht sauer auf ihn sind.“

„Ich ... Nein! Nein, warum sollte ich?“ Mein Herz flatterte. Dort vorne stand Tensei und wartete darauf, hereinkommen zu dürfen. Hatte seine Mutter ihm nichts gesagt? Oder war ihre Meinung ihm egal?

„Na, dann ist ja alles bestens. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“ Frau Itō klang, als hätte sie soeben im Lotto gewonnen. Mit federnden Schritten, die ich ihr in ihrem Alter gar nicht zugetraut hätte, spazierte sie nach vorne und hielt Tensei das Tor auf, bevor sie sich zurück in ihren eigenen Garten begab.

Auf halber Strecke kam ich ihm entgegen und platzte verwundert heraus: „Wieso dachtest du, ich wäre sauer auf dich?“

Er grinste und fuhr sich verlegen durch die Haare. „Na ja, du bist nicht ans Handy gegangen und hast auch nicht auf meine Nachrichten geantwortet.“

„Mein Ton ist aus.“ Nach meinem Besuch im Krankenhaus hatte ich diesen nicht wieder eingeschaltet. „Kannst du überhaupt hereinkommen? Ich weiß nicht, ob ich den Rollstuhl die vier Stufen hier hochhieven kann.“

„Nein, besser versuchen wir das nicht. Ich dachte, ich könnte mich wie ein heimlicher Liebhaber über die Terrasse einschleichen“, meinte er mit diesem schelmischen Funkeln in den Augen, das mein Herz prompt noch schneller schlagen ließ.

Kurzerhand umrundete er das Haus und ich öffnete ihm von drinnen die Glasschiebetür. Er kam damit nicht nur ins Wohnzimmer hinein, sondern schaffte es auch noch irgendwie, sich unter Zuhilfenahme seiner Spezialität aufs Sofa zu bugsieren, sodass er den Rollstuhl nur noch als Ablage für seine eingegipsten Beine benutzte.

Nachdem ich ihm etwas zu trinken geholt hatte, setzte ich mich zu ihm aufs Sofa und fand mich in seinen Armen wieder. Ein Kuss landete erst auf meiner Stirn, anschließend auf meinem Mund, und er drückte mich fest an sich.

„Ich weiß, was los ist“, sagte er, klang dabei zu meinem Erstaunen relativ belustigt. „Meine Mutter hatte den übelsten Wutanfall des Jahrhunderts. Nur deshalb habe ich mich überzeugen lassen, ihr deine Handynummer zu geben. Es war eine Katastrophe! Ehrlich, sogar mein Vater ist flüchten gegangen, und das tut er sonst nie.“

Seine Arme drückten mich so fest an seine Brust, dass ich den Kopf nicht heben konnte, um ihn anzusehen. Seine ganze Haltung und die Art, wie er das gesagt hatte, ließen mich darauf schließen, dass er kein bisschen wütend oder verletzt war. Irgendetwas stimmte hier doch nicht.

„Natürlich hätte ich das lieber von dir selbst erfahren, aber ich finde, meine Mutter übertreibt“, fuhr Tensei fort. „Nachdem sie mir das erzählt hat, habe ich selbst im Internet recherchiert. Du hast die Beziehung beendet, und das war schon vor sechs Jahren. Es ist eine ganze Menge Zeit vergangen seither. Außerdem bin ich nicht zufällig bei einer Patrouille auf Stain gestoßen, sondern ich habe gezielt nach ihm gesucht. Woher hättest du das wissen sollen? Wir haben nie über meine Arbeit geredet, im Gegenteil, dass ich ein Held bin, hat dich mal so ganz und gar kalt gelassen.“

Kalt gelassen war vielleicht nicht der richtige Ausdruck dafür. Immerhin hatte mir dieser Umstand schon eine Menge Gewissensbisse bereitet. Im Übrigen geschah das auch in diesem Moment. Wenn er wüsste, dass ich vor ein paar Monaten noch einmal intimen Kontakt mit Stain gehabt hätte, würde er das so nicht sagen. Dann wäre er vermutlich auch gar nicht mehr hier.

„Falls du dich übrigens fragst, wer die Kaution für dich bezahlt hat: Das war ich“, gestand er mir plötzlich.

„Echt? Danke!“ Wenn er so früh von der Anzeige gewusst hatte, erklärte das natürlich einiges. „Ich dachte, das wäre meine Oma gewesen.“

„Durchaus möglich, aber nein, ich war schneller.“ Er streichelte über meinen Rücken. „Das lässt du meine Mutter aber besser nicht wissen, sonst flippt sie noch mehr aus. Sie hat sich so sehr darauf eingeschossen, dass es ein bisschen dauern wird, bis man mit ihr wieder sachlich debattieren kann.“

„Ich kann es schon verstehen. Sie liebt dich eben“, äußerte ich zögerlich. „Ich wünschte, sie hätte mich einfach danach gefragt, anstatt mich direkt anzuzeigen.“

Es dauerte einige Minuten, bis er antwortete: „Meine letzte Freundin war leider keine aufrichtige Person. Unsere Beziehung hat nicht sonderlich lange gehalten und die Umstände der Trennung haben insbesondere meine Mutter getroffen. Ich glaube, sie hat sich bei dieser Entdeckung einfach in der Zeit zurückversetzt gefühlt, und dann war es auch noch ausgerechnet Stain. Da sind bei ihr einfach alle Sicherungen durchgebrannt.“

„Ich hoffe, ich kann das alles wieder geradebiegen“, sagte ich, obwohl Tensei nicht den blassesten Schimmer hegte, wie weitreichend diese Aussage eigentlich war und wie viel ich irgendwie regeln musste.

„Bestimmt kannst du das.“

Er drehte den Oberkörper mehr zur mir herum, sodass ich automatisch den Kopf hob und ihn ansah. Schon wieder grinste er so spitzbübisch. Das brachte mich ganz aus dem Konzept.

„Was ist?“, fragte ich und spürte ein Kribbeln im Bauch, als sein Gesicht meinem näherkam, dann jedoch einen Schlenker zur Seite machte.

Sein Atem streifte mein Ohr, als er wisperte: „Ich bin sehr verliebt in dich.“

Das Kribbeln breitete sich in meinem ganzen Körper aus, wanderte bis in die Fingerspitzen der Hand, mit der ich zärtlich durch seine Haare fuhr. Das Herz schlug mir bis zum Hals, als ich es mir endlich eingestand: „Ich bin auch sehr verliebt in dich.“

Er lachte leise, bevor er mir zuraunte: „Heißt das, wir können den Rest des Abends mit Rumknutschen verbringen?“

Die Antwort darauf kam nicht mehr in Form von Worten, sondern war leise, liebevoll und leidenschaftlich.


~~*~~*~~


Preview: Ein zweiter Brief von Twice flattert ins Haus. Gemeinsam mit Tanaka begibt Mika sich erneut zum Treffpunkt in Shibuya, um den Anführer der Schurkenliga kennenzulernen. Dort muss sie feststellen, dass Tanaka eines der Mitglieder kennt. Welche Vereinbarungen werden getroffen? Das erfahrt ihr in Kapitel 21: Die Schurkenliga. Bis dahin – Plus Ultra! ;D
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