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Block King Kong

von Jadina
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Het
Chiyo Shuzenji / Recovery Girl Chizome Akaguro / Stain OC (Own Charakter) Tensei Iida / Ingenium Tenya Iida
01.01.2021
04.05.2022
25
91.181
9
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11.01.2022 2.978
 
~~ Kapitel 19: Anzus Erstschlag ~~



Am darauffolgenden Tag traf ich mich zum Abendessen mit meinen Freunden in Asahi. Ich brauchte ihre Hilfe, wenn ich Tenya davor bewahren wollte, eine große Dummheit zu begehen. Alleine kam ich an dieser Stelle nicht weit. Umso glücklicher war ich, dass sie alle Zeit hatten, obwohl meine Anfrage so kurzfristig eingetrudelt war.

Allerdings schien das Schicksal mir dieses Mal einen Strich durch die Rechnung machen zu wollen. Als hätte ich es geahnt, fühlte ich mich seit meiner Abfahrt in Tokyo seltsam angespannt.

Als wir alle im Versammlungsraum beisammensaßen und mit den von Hidemi köstlich gefüllten Schüsseln ausgestattet waren, begann unsere Besprechung. Ich gab Naeko und Tanaka, die noch nichts über den Grund des Treffens wussten, eine kurze Einführung.

Während ich erzählte, beobachtete ich, wie Naeko die Nase rümpfte. Jedoch beschwerte sie sich nicht, sondern strafte mich mit Schweigen. In Tanakas Augen glänzte der typische Optimismus, der für einen Augenblick den Knoten in meinem Magen zum Verschwinden brachte.

Nachdem die Einführung beendet war und niemand eine Nachfrage stellte, wandte ich mich Daisuke zu. Noch bevor ich fragen konnte, antwortete er:„Schlechte Neuigkeiten, Boss. Ich habe absolut nichts über Stains derzeitigen Aufenthaltsort in Erfahrung bringen können.“

Seine Worte kamen einer geplatzten Bombe gleich. Das war definitiv nicht, was ich mir erhofft hatte! Wozu unterhielten wir Kontakte zu Informanten, wenn diese uns am Ende doch nichts nutzten?

Missmutig entgegnete ich: „Und was ist mit Tenyas Praktikum?“

„Ja, also was den angeht, konnte ich in der Tat ein paar Informationen ergattern.“ Daisuke spähte auf seinen Notizblock. „Er macht sein Praktikum unter den Fittichen eines Helden namens Manual. Angestellt ist er beim generellen Heldenbüro des Bezirks Hosu.“

In Anbetracht der Tatsache, dass sich die Agentur seines älteren Bruders im selben Bezirk befand, wunderte ich mich nicht über den Ort. Trotzdem konnte ich mich des Gedankens nicht verwehren, dass Tenya seine Wahl nicht aus regulären Gründen getroffen hatte. Der Name Manual sagte mir nichts. Ein kleiner Fisch also. Bestimmt gab es bessere Angebote, die Tenya unter normalen Umständen auch genutzt hätte.

„Ist es wahrscheinlich, dass Stain sich noch in Hosu aufhält?“, fragte ich in die Runde, um die Einschätzungen meiner Freunde zu hören.

„Keine Ahnung.“ Hidemi antwortete als Erste. „Einerseits würde ich sagen nein, weil es doch recht gefährlich wäre, nach einem Attentat am Tatort zu verweilen. Andererseits hat sich Stain auch lange in Roppongi aufgehalten, wo All Mights Agentur liegt.“

„Ich halte das für unwahrscheinlich“, tat Naeko ihre Meinung kund. „Sie werden jetzt doppelt und dreifach nach ihm fahnden.

„Gerade Stain traue ich es durchaus zu, auf eine Fahndung zu pfeifen und sein Ding durchzuziehen“, widersprach Tanaka ihr.

Eine Weile ging das so weiter. Ich saß stumm in meinem Sessel und hörte ihnen zu. Daisuke tat es mir gleich. Schlussendlich setzte dieser der Diskussion ein Ende, indem er sagte: „Ich fasse also zusammen: Wir können keine sichere Aussage darüber treffen, wo Stain sich aufhält. Demnach können wir auch nicht einschätzen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass Ingeniums kleiner Bruder und er aufeinandertreffen.“

Das alles passte mir so gar nicht. Ich mochte die Familie Iida! Sogar bei Anzu, die mir gegenüber sehr reserviert agierte, hegte ich das Gefühl, irgendwann mit ihr auszukommen. Stain hatte bereits Tensei verkrüppelt. Er sollte nicht auch noch Tenya wehtun.

Plötzlich bemerkte ich, dass die Unterhaltung zum Erliegen gekommen war. Meine vier Freunde sahen mich stumm an. Ihre Gesichtsausdrücke reichten von besorgt bis mitleidig.

Es war Naeko, die das Gespräch wieder aufnahm und fragte: „Hast du Ingenium von deinem Verdacht erzählt?“

Ich schüttelte den Kopf. So weit kam es noch!

„Ich denke, du solltest das tun“, fuhr Naeko fort. „Ihm gegenüber gibt sein Bruder seine Rachegedanken vielleicht zu. Dass dieser Plan bescheuert ist, wissen wir alle. Aber als Bruder kann man einem viel besser ins Gewissen reden.“

„Naeko hat recht!“, stimmte Tanaka ihr eifrig nickend zu. „Abgesehen davon, ist das alles ja nur ein Verdacht. Nicht, dass ich behaupten will, dein Bauchgefühl wäre nicht richtig, Mika. Aber es muss noch lange nicht so kommen, wie du befürchtest.“

Daisuke stand auf, kippte das Fenster und zündete sich eine Zigarette an. Danach sagte er: „Ausnahmsweise muss ich dem Zwerg recht geben. Rein theoretisch könntest du dich täuschen, Boss. Oder dein Bauchgefühl stimmt zwar, aber Ingenium junior trifft während seines Praktikums gar nicht auf Stain.“

„Ja, ich weiß“, entgegnete ich und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie hatten recht! Alle miteinander! Das Szenario, welches mir vor Augen schwebte, war der schlimmstmögliche Fall, der noch lange nicht eintreten musste.

„Willst du es Ingenium denn wirklich nicht sagen?“, hakte Naeko nach. Sie betonte seinen Heldennamen mit diesem seltsamen Unterton, der mich fürchten ließ, sie würde ihn niemals akzeptieren.

Mit dieser Frage hatte ich mich bereits zur Genüge auseinandergesetzt. Langsam schüttelte ich den Kopf. „Tensei hat genug eigene Sorgen.“

Für einen Moment kehrte Stille ein. Daisuke rauchte vor sich hin, Naeko starrte an irgendeinen Punkt an der Wand und Tanaka kaute unbewusst auf ihrer Unterlippe heran. Dann räusperte Hidemi sich und fragte vorsichtig: „Wann wird er wieder arbeiten können?“

„Vermutlich gar nicht“, antwortete ich wahrheitsgetreu.

„Ist ja auch entspannt, so ein Leben auf der faulen Haut. Nicht so wie bei mir!“, schnaubte Naeko und deutete auf ihre dunklen Augenringe, die von ihrer letzten Schicht übrig geblieben waren.

„Na ja, so ein Angriff von Stain wäre schon die perfekte Begründung, um frühzeitig in Rente zu gehen und dafür keine Kritik zu kassieren“, meinte Tanaka und wandte sich von Naeko weg. Als diese ihr Gesicht nicht mehr sehen konnte, rollte sie mit den Augen.

Natürlich waren meine Freunde immer noch sauer auf mich, weil ich eine Beziehung mit einem Helden am Laufen hatte. Ich verstand das! Trotzdem kam Naekos Bemerkung seltsam rüber.

Vehement betonte ich: „Das war kein Witz! Chizome hat seine Motoren irreparabel geschädigt und mit seinen Beinen scheint auch irgendetwas im Argen zu sein. Derzeit geht seine Familie davon aus, dass er gar nicht mehr als Held arbeiten kann. Und falls es euch interessiert: Er will sich damit nicht abfinden. Also nein, er denkt nicht über eine frühzeitige Pensionierung nach.“

„Krass!“, entfuhr es Tanaka ungläubig. Prompt rutschte ihr Stück Tofu zwischen ihren Stäbchen durch und landete neben ihrer Schüssel.

„Na ja, wir reden von Stain“, meinte Daisuke. „Eigentlich sagt das was über Ingeniums Stärke aus, dass er diesen Kampf überlebt hat.“

Meine Freunde sahen zu Naeko hinüber. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und ruderte kleinlaut zurück: „Entschuldigung, Mika. Was ich gesagt habe, war doof.“

„Wenn wir schon beim Thema sind: Was machen wir jetzt wegen unserer Liste?“ Hidemi nahm sich Reis nach. „Es stehen noch ein paar Namen drauf, aber nichts für ungut, Mika, du bist derzeit im direkten Dunstkreis diverser Helden. Ich weiß nicht, ob es da sinnvoll ist, mit unserer Arbeit weiterzumachen.“

Die Stichhaltigkeit ihrer Argumentation war nicht von der Hand zu weisen. Je länger ich mich in Tenseis Nähe aufhielt, desto mehr Kontakt bekam ich zwangsläufig zu anderen Helden – seiner Familie, seinen Sidekicks. Das war gefährlich für unsere Organisation.

Ich wusste wirklich nicht, wie ich das alles auf die Reihe kriegen sollte. Es gab so viel zu bedenken. So viel, auf das ich achten musste! Außerdem wollte ich meine Freunde nicht hinten anstellen. Daisuke, Tanaka, Naeko und Hidemi waren mir Millionen Mal wichtiger als ein guter Kontakt zu Tenseis Familie. Das stand nicht zur Debatte. Trotzdem wäre es schade, wenn es mit den Iidas nicht klappen würde. Eigentlich empfand ich sie als angenehme Gesellschaft, vor allem Tenya.

Damit war ich wieder beim vorigen Punkt angelangt. Ich wunderte mich über mich selbst, dass ich nicht früher auf diese Möglichkeit gekommen war. Ich sagte zu ihnen: „Wisst ihr was? Ich hatte gerade einen Gedankenblitz. Ich werde einfach Tensei anrufen und ihn unter einem Vorwand um Tenyas Handynummer bitten.“

„Genial!“ Tanaka schlug sich selbst auf den Oberschenkel. „Man, daran habe ich auch nicht gedacht!“

„Notfalls könntest du doch auch im generellen Heldenbüro anrufen. Wenn du sagst, dass du die Freundin seines Bruders bist, werden sie ihn schon mit dir sprechen lassen“, schlug Naeko vor.

„Das ist eine gute Idee.“ Ich war erstaunt. Noch eine Möglichkeit, die mir vorher nicht in den Sinn gekommen war. „Danke!“

Anschließend widmeten wir uns unserem Abendessen. Dabei diskutierten meine Freunde über einen Bericht, der seit heute Nachmittag das Internet sprengte. Angeblich hatte Mount Lady eine heiße Affäre mit Kamui Woods. Diese Diskussion lief auch munter weiter, als ich irgendwann aufstand in der Absicht, mit Tensei zu telefonieren.

Ins Krankenhaus wollte ich heute nicht mehr fahren. Der Tag in der Universität war so anstrengend gewesen, dass mir dafür einfach die Nerven fehlten. Tensei würde mir das hoffentlich verzeihen.

Um in Ruhe telefonieren zu können, ging ich in die untere Wohnung und setzte mich aufs Sofa. Als ich mein Handy entsperrte, erwartete mich eine unangenehme Überraschung. Verwirrt runzelte ich die Stirn.

»Sie sind nicht mehr erwünscht. Wagen Sie es nicht, sich einem meiner Söhne zu nähern. Alles Weitere wird das Gericht regeln. Iida Anzu«

Die Nachricht war erst vor zwei Minuten eingegangen. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Was zur Hölle war los? Es war doch gar nichts vorgefallen.

Ebenso schnell, wie ich nach unten gegangen war, stand ich also wieder oben bei meinen Freunden. Hidemi und Naeko räumten gerade den Tisch ab, Daisuke und Tanaka saßen vor dem Laptop und recherchierten über das eben diskutierte Gerücht. Alle vier sahen mich erstaunt an.

„Du bist schon zurück?“ Naeko blinzelte verdutzt. „Das ging ja schnell.“

„Ich habe eine ziemlich komische Nachricht von Tenseis Mutter bekommen“, sagte ich und las ihnen laut vor, was sie mir eben geschickt hatte.

Eine Weile war es mucksmäuschenstill im Raum. Dann sagte Hidemi besorgt: „Ich glaube, du solltest ganz schnell nach Tokyo zurückfahren und alles, was mit Block King Kong zu tun hat, aus deinem Haus entfernen. Wenn sie dich aus irgendeinem Grund angezeigt hat, wonach es klingt, wird die Polizei sich dort sicherlich umsehen.“

„Warum sollte sie den Boss angezeigt haben?“, fragte Daisuke an Hidemi gerichtet.

Mir kam indessen ein Gedanke, er so fürchterlich war, dass ich mich setzen musste. Krächzend beantwortete ich seine Frage: „Anzu war mir gegenüber eh so misstrauisch eingestellt. Sie muss nur lange genug Google befragt haben, dann hat sie etwas über meine frühere Beziehung zu Stain gefunden.“

„Scheiße! Sie hat rausgefunden, dass du mit dem Kerl zusammen warst, der ihren Sohn verkrüppelt hat? Vielleicht denkt sie, du hängst da mit drin“, brachte Daisuke es auf den Punkt. „Scheiße, Boss!“

„Ey Mika, sorry, wenn ich das so sage, aber das ist wie in einer schlechten Serie“, kommentierte Tanaka unnötigerweise. Auf eine Geste von Daisuke hin hielt sie allerdings sofort den Mund.

„Ich hätte das Tensei so oder so sagen müssen! Aber seine Mutter ... Verdammt! Dass sie mir zuvorkommen könnte, darüber habe ich gar nicht nachgedacht.“ Ich warf einen Blick auf die Uhr an meinem Handy. „Ich fahre sofort los und halte euch auf dem Laufenden.“

In Windeseile hatte ich meine Sachen gepackt und unser Hauptquartier verlassen. Dass ich wegen der Straßensperrung denselben Umweg wie gestern einschlagen musste, trug nicht zur Verbesserung meiner Laune bei.

Wenn Anzu mich tatsächlich angezeigt hatte, weil sie vermutete, dass ich gemeinsame Sache mit Stain machte, musste ich dringend handeln. Hoffentlich war die Polizei nicht schon bei mir zu Hause und wühlte in meinen Sachen herum. Das Labor gab zu viel preis.

Ich fuhr schon beinahe irrational schnell und konnte von Glück sprechen, dass ich nicht geblitzt wurde oder einen Unfall baute. Für einen Augenblick atmete ich erleichtert auf, als ich vor meinem Haus keinen Streifenwagen entdecken konnte. Dieser nicht alltägliche Alltag kostete ganz schön Nerven.

Mir blieb wahrscheinlich nicht viel Zeit, also zog ich schnell Schuhe und Jacke aus, ließ die Tasche im Flur liegen und hastete hinunter ins Labor. Ich kramte alle Unterlagen, die mit Block King Kong zu tun hatten, zusammen und rannte nach oben in die Küche.

Hinter dem Kalender befand sich ein kleines Loch in der Wand. An meinem Schlüsselbund war ein Anhänger in Form eines Affen befestigt. Diesen konnte man auseinanderziehen und hielt dann den winzigen Schlüssel in der Hand. Ich steckte ihn in das Loch und öffnete somit meinen geheimen Safe.

Normale Menschen lagerten in so etwas Wertpapiere, Erbschmuck oder andere wichtige Dinge. In meinem Fall waren es die Laborunterlagen und meine entwickelten Gifte, die ich hineinsteckte, bevor ich ihn sorgfältig verschloss. Man musste schon ganz genau hinsehen, um den Safe zu entdecken. Meine Küche war nicht tapeziert, sondern mit Putz ausgestattet, sodass die Konturen weniger sichtbar waren. Außerdem verdeckte der Kalender alles nötige.

Keine Minute zu früh wurde ich fertig. Als ich mir gerade etwas zu trinken eingeschenkt hatte und hinüber ins Wohnzimmer gegangen war, um den Fernseher einzuschalten, klingelte es an der Haustür.

Sie sind da, wurde es mir bewusst und ich verdrehte genervt die Augen. Kann ich denn nie meine Ruhe haben?

Ich atmete tief durch, um mich zu sammeln. Anschließend ging ich in den Flur und öffnete die Tür. Zwei Beamte standen davor, ein Mann mit dunklen Haaren und eine kleine Frau mit einer starken Brille auf der Nase. Der Mann kam mir irgendwie bekannt vor.

„Shuzenji-hakase?“, fragte der Mann und hielt mir seine Dienstmarke unter die Nase. „Inspektor Tomioka von der Kriminalpolizei der Präfektur Tokyo. Dies ist meine Kollegin, Inspektorin Yukitō. Wir möchten Sie bitten, uns auf die Wache zu begleiten.“

Inspektor Tomioka! Na klar, den kannte ich von Natsuos Einbruch in meinem Büro an der Tōdai. Allerdings schien er sich nicht zu erinnern, dass wir uns bereits einmal begegnet waren.

Selbstverständlich wusste ich, warum sie hier waren, aber ich musste so tun, als hätte ich keine Ahnung. Ob meine schauspielerischen Fähigkeiten dafür ausreichten? Möglichst unschuldig dreinblickend fragte ich: „Geht es um den Einbruch in meinem Büro, Tomioka-san?“

Yukitō räusperte sich. Tomiokas Gesicht nach zu urteilen ging ihm bei dieser Aussage ein Licht auf. Er antwortete: „Nein, es geht nicht um den Einbruch. Uns liegt eine Anzeige gegen Sie wegen Beihilfe zu versuchtem Totschlag vor. Wenn Sie uns bitte begleiten würden?“

Beihilfe zu versuchtem Totschlag? Anzu wollte mich wohl richtig in die Pfanne hauen! Konnte es noch schlimmer werden? Das war mit Abstand der nervenaufreibendste Monat in den letzten zehn Jahren.

„Das ist lächerlich, aber natürlich komme ich mit. Ich würde zuvor gerne meinen Anwalt anrufen. Bitte kommen Sie herein!“, erwiderte ich. Falls meine Nachbarn zu Hause waren, mussten sie nicht unbedingt etwas vom Geschehen mitbekommen.

Die Beamten hielten sich im Flur auf, während ich mein Handy holte und meinen Anwalt anrief. Er hieß Kaguya Dan und ich kannte ihn schon lange. Zehn Jahre zuvor war ich vor Gericht von ihm vertreten worden bei dem Versuch, Soaker für den Tod meines Bruders zur Rechenschaft zu ziehen. Außerdem hatte er mir erfolgreich in einer Rechtsstreitigkeit geholfen, die mein altes Haus betraf.

Seine Sekretärin meldete sich und ich schilderte ihr knapp, aus welchem Grund ich anrief. Sie verschwand kurz und richtete mir anschließend von ihm aus, dass er so schnell wie möglich zur Wache kommen würde.

„Tomioka-san? Auf welche Dienststelle fahren wir? Mein Anwalt möchte das wissen, damit er nachkommen kann“, sagte ich zu ihm, der im Gegenteil zu seiner Kollegin versuchte, sich nicht zu offensichtlich in meinem Flur umzusehen.

„Auf die Dienststelle in Hosu“, antwortete er. Schon wieder Hosu! Alle Fäden liefen dort zusammen.

Ich gab die Information an die Sekretärin weiter. Anschließend nahm ich meine Tasche, prüfte sicherheitshalber, ob meine Migränemedikamente sich darin befanden, und zog anschließend Schuhe sowie Jacke an. „Ich bin soweit.“

Es war ein seltsames Gefühl, von den beiden Inspektoren zu ihrem Auto eskortiert zu werden. Immerhin verzichteten sie auf Handschellen, was ich zu schätzen wusste.

Ich konnte nur deshalb so ruhig bleiben, weil mir klar war, dass diese Vorwürfe unhaltbar waren. Erstens hatte ich nicht gemeinsame Sache mit Stain gemacht, um Tensei umzubringen, und zweitens besaß ich für die Tatzeit ein wasserfestes Alibi. Während Tensei von Stain angegriffen worden war, hatte ich zu Hause gesessen und mit all meinen Kameraden gemeinsam das Sportfest angesehen. Naeko, Hidemi, Daisuke und Tanaka würden problemlos für mich aussagen können. Sogar die Nachrichten, die ich Tensei in der Zeit geschickt hatte, konnten das theoretisch beweisen! Es gab keinen Grund für mich, sich aufzuregen.

Allerhöchstens musste ich mir Sorgen darum machen, wie diese Sache mein Verhältnis zu Tensei beeinflussen würde. Vielleicht war der Ernstfall noch gar nicht eingetreten und seine Mutter hatte ohne sein Wissen gehandelt. Das würde mir sehr entgegenkommen.

Auf der Wache in Hosu angekommen sah ich, dass Dan bereits da war. Sein weißer BMW aus Deutschland, sein ganzer Stolz, stand auf dem Besucherparkplatz. Seit wir uns das letzte Mal gesehen hatte, war er ziemlich ergraut, aber trotzdem noch ein attraktiver Mann. Ein paar Mal hatte ich den Versuch unternommen, Hidemi zu einem Date mit ihm überreden zu wollen. Leider teilte sie meine Meinung bezüglich seiner Attraktivität nicht.

Er begrüßte mich. In den Räumen der Wache wies man uns ein Zimmer zu, wo wir uns einige Zeit in Ruhe besprechen durften.

„Das ist völlig bekloppt“, sagte Dan, nachdem ich ihm die Sachlage geschildert hatte. „Ich verstehe ja, dass die Geschichte mit ihrem Expartner ein gefundenes Fressen für die Mutter Ihres Freundes ist. Trotzdem kann sie nicht ignorieren, dass Sie diese Beziehung vor sechs Jahren beendet haben. Außerdem besitzen Sie ein vernünftiges Alibi. Machen Sie sich keine Sorgen, Shuzenji-san! Ich bekomme Sie da raus.“

Es war, als hätte ich ihn erst gestern gesehen. Er verströmte diese zuversichtliche Aura, die dafür sorgte, dass ich ganz entspannt das Verhörzimmer auf der Wache betreten konnte.

Falls Anzu hoffte, mich hiermit loszuwerden, würde ich sie ordentlich gegen die Wand fahren lassen!


~~*~~*~~


Preview: Mika entdeckt einen ungeheuerlichen Bericht im Fernsehen. Daraufhin kommt es im General Hospital in Hosu zu einem Gespräch mit Tenya, dessen Ende anders verläuft als erwartet. Wer steht schon wieder unangemeldet vor der Tür? Was gesteht Mika sich endlich ein? Das alles erfahrt ihr in Kapitel 20: Geständnisse. Bis dahin – Plus Ultra! ;D
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