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Block King Kong

von Jadina
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Het
Chiyo Shuzenji / Recovery Girl Chizome Akaguro / Stain OC (Own Charakter) Tensei Iida / Ingenium Tenya Iida
01.01.2021
04.05.2022
25
91.181
9
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03.12.2021 3.041
 
~~ Kapitel 17: Naekos Theorie ~~



Am Samstag der darauffolgenden Woche gab es im Hosu General Hospital Neuigkeiten, die mich erst einmal ordentlich in Rage brachten. Als ich dort eintraf, fand ich Tenseis Zimmer nämlich verlassen vor.

Sofort spürte ich, wie mein Magen rebellierte und der kalte Schweiß bei mir ausbrach. Wieso hatte niemand mir etwas gesagt? Ging es ihm schlechter? War er in ein anderes Krankenhaus verlegt worden?

Mit raschen Schritten eilte ich zum Personalraum der Station. Mein Herz klopfte unangenehm fest in meiner Brust, als ich anklopfte. Eine Krankenschwester kam heraus und sah mich fragend an. „Wie kann ich ihnen helfen?“

„Wieso ist mein Freund nicht in seinem Zimmer?“, platzte ich hervor. „Iida Tensei?“

„Oh! Er wurde heute Morgen verlegt“, erklärte sie mir und lächelte breit. „Es geht ihm inzwischen so gut, dass eine weitere Behandlung auf dieser Station nicht nötig ist.“

Mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich hasste Krankenhäuser allgemein, aber die Intensivstation ganz besonders. Rasch ließ ich mir von ihr sagen, auf welche Station er gebracht worden war. Erleichtert atmete ich aus, als ich der Intensivstation den Rücken zukehrte. Hoffentlich würde ich nie wieder einen Fuß hineinsetzen müssen!

Tensei lag nun auf der Station für Spezialitätenschäden. Dort sah man die verrücktesten Dinge. Während ich nach seiner Zimmernummer suchte, kam mir ein Junge im Grundschulalter entgegen, der seinen Kopf unter den Arm geklemmt trug.

Ich fand sein Zimmer und klopfte an, bevor ich den Raum betrat. Zwei Betten standen darin, aber eines war leer. In dem anderen saß Tensei, irgendein Magazin auf dem Schoß und einen Kugelschreiber zwischen die Lippen geklemmt.

„Hey Liebling.“ Er strahlte nahezu, als er mich erblickte.

„Hey.“ Weil der Stift zwischen seinen Lippen steckte, küsste ich ihn zur Begrüßung auf die Wange. „Ich habe gehört, du bist wieder fit.“

Er zog eine Grimasse, lachte aber anschließend auf. „Fit wie ein Turnschuh! Mir fällt hier schon die Decke auf den Kopf.“

Das konnte ich mir nur zu gut vorstellen. Weil er starke Medikamente nahm, schlief er auch viel. Umso ausgeruhter fühlte er sich natürlich in seinen Wachphasen.

„Was liest du da?“, fragte ich und schielte neugierig zu dem Magazin auf seinem Schoß, während ich mich auf einen der im Raum stehenden Stühle setzte.

„Ach das.“ Tensei hob das Heft hoch, damit ich es ansehen konnte.

Perplex blinzelte ich. Keine Ahnung, was ich erwartet hatte. Vielleicht ein Sportmagazin oder etwas in dieser Richtung. Tatsächlich handelte es sich jedoch um ein Kreuzworträtselheft. Eines dieser fürchterlich langweiligen Dinger, mit denen mein Großvater sich immer seine Sonntagnachmittage vertrieben hatte.

„Guck nicht so! Das ist nicht hier gelandet, weil ich darum gebeten habe“, verteidigte Tensei sich mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Immer noch verwirrt entgegnete ich: „Sondern?“

„Tenya hat es mir mitgebracht“, erklärte er mir. „Mein kleiner Bruder denkt wohl, mein Gehirn würde einrosten, wenn ich es nicht täglich auf Trab halte.“

„Er will eben, dass du deine Vorbildfunktion nicht vernachlässigst.“ Ich schmunzelte. In meinem Kopf konnte ich mir bildlich vorstellen, wie Tenya ihm das Heft mit feierlicher Miene überreichte und dabei noch einen motivierten Vortrag hielt.

„Hör bloß auf damit! Ich bin so schlecht in Kreuzworträtseln“, beschwerte er sich und hielt mir das Heft hin.

Ich nahm es entgegen und überflog die aufgeschlagene Seite. Wenige Spalten waren von ihm ausgefüllt worden, einige Lücken taten sich auf.

„Das hier heißt Suspension“, ich zeigte auf die Reihe Kästchen ganz oben links, „und die gesuchte Frucht darunter ist die Ananas.“

Tensei ließ den Kopf hängen. „Verdammt! Sollten wir mit meiner Familie jemals ein Gesellschaftsspiel spielen, bei dem es ums Allgemeinwissen geht, muss ich auf jeden Fall verhindern, dass du in einem Team mit Tenya landest.“

„Du übertreibst“, entgegnete ich amüsiert und reichte ihm das Heft zurück. Kreuzworträtsel sagten mitnichten etwas darüber aus, wie schlau jemand war. Die meisten Wörter wiederholten sich sowieso, also konnte man sie nach einer Weile auswendig.

„Wie geht es dir denn? Viel zu tun in der Universität?“, fragte Tensei, klemmte den Kugelschreiber als Lesezeichen ins Heft und legte es auf seinem Nachtschrank ab.

„Der übliche Wahnsinn.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Aber hey, in diesem Semester ist noch kein Laborunfall geschehen und niemand hat seinen Sitznachbarn in die Luft gesprengt.“

Seine Mundwinkel zuckten. „Ist das schon mal passiert?“

Augenblicklich erinnerte ich mich an den ohrenbetäubenden Knall und die monströse Rauchwolke. An den fürchterlichen Geruch, die Sprinkleranlage und wie ich völlig durchnässt eine Viertelstunde später aus dem Labor gestolpert war. Alle meine Studenten hatten sich glücklicherweise rechtzeitig in Sicherheit gebracht.

„Ja, einmal ist das vorkommen. In meinem ersten Lehrsemester. Danach war ich bei meinem Kollegen und habe mich zwei Stunden lang darüber ausgeheult, ob ich überhaupt geeignet bin“, erzählte ich ihm vom schlimmsten Tag meines Lebens als Lehrbeauftragte. Bis heute war ich Kubota etwas dafür schuldig, dass er mein Händchen gehalten und mich einfühlsam getröstet hatte.

„Jeder macht doch mal Fehler“, sagte Tensei. „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Außerdem glaube ich, dass du eine hervorragende Lehrerin bist und dich ordentlich um deine Studenten kümmerst.“

Ich dachte an Tanaka und lächelte in mich hinein. „An der Tōdai wird es jedenfalls nie langweilig.“


~~*~~*~~


Der Tiefschlag kam an diesem Tag unerwartet. Er schwappte über mich wie eine Welle, die im Sturm ein Boot umriss.

Vor etwa einer Stunde war ich aus dem Krankenhaus zurückgekommen. Obwohl wir über nichts Trauriges gesprochen hatten, lag ich seither teilnahmslos auf dem Sofa und starrte an die Zimmerdecke. Die Welt drehte sich ohne mich weiter. Vor lauter Gedankenspiralen bekam ich aktue Kopfschmerzen. Doch egal, wie sehr ich mich anstrengte, ich schaffte es nicht, meinen Geist für wenigstens fünf Minuten ruhig zu halten.

Daran war nur das Gespräch mit Tenya schuld, das mir unwillkürlich in den Sinn gekommen war. Die unfassbar erwachsenen Dinge, die er gesagt hatte, verschwanden einfach nicht aus meinem Gedächtnis. Seit ich meinen Hausflur betreten hatte, musste ich ständig darüber nachdenken.

Beinahe war es lächerlich, wie sehr mich plötzlich die Angst quälte, dass die Iidas irgendwie von meiner früheren Beziehung zu Stain erfahren könnten. Er hatte ihren älteren Sohn und Bruder fast umgebracht. Das würden sie mir niemals verzeihen.

Diese Angst war allerdings bei Weitem nicht so groß wie jene, dass das Tensei zu Ohren kam. Früher oder später würde ich es ihm selbst sagen müssen. Dann erklärte sich vielleicht auch, warum mich ausgerechnet dieser Angriff so betroffen machte.

Keine Ahnung, weshalb ich nicht früher drauf gekommen war, aber wenn man es nüchtern betrachtete, so hatte mein Exfreund meinen neuen Freund verkrüppelt. Tensei behauptete zwar, er würde bald wieder in seine alte Form zurückfinden, aber wir alle wussten es besser.

Die Motoren an seinen Armen sahen gar nicht gut aus. Bisher war es ihm von den Ärzten untersagt worden, ihre Funktion zu testen, aber lange würde die Überprüfung nicht mehr auf sich warten lassen. Hoffentlich kam dann nicht der große Knall.

Im Übrigen erwartete dieser große Knall mich auch. Am Morgen hatte Daisuke bereits angerufen und mit seltsam belegter Stimme gefragt, ob wir uns heute treffen könnten. Natürlich hatte ich zugesagt, zusammen mit der Ankündigung, in Asahi zu übernachten. Inzwischen bereute ich diesen Plan.

Normalerweise rief Daisuke nie an und bat um ein Vieraugengespräch. Das war in unserer langjährigen Freundschaft nur zweimal vorgekommen, nämlich als er während seiner Therapie eine Schulter zum Ausheulen gebraucht hatte. Demnach befürchtete ich, dass er mich nach meinem Verhältnis zu Tensei befragen wollte. Das behagte mir ganz und gar nicht.

Trotzdem half es alles nichts. Ich hatte zugesagt, also musste ich auch hinfahren. Eine Verabredung kurzfristig abzusagen, war nicht mein Stil. Das kam nicht infrage.

In Asahi angekommen tankte ich voll, da der Sprit in Yokohama immer deutlich günstiger war als in Tokyo. Anschließend musste ich einen Umweg fahren, da eine der Haupstraßen wegen Bauarbeiten gesperrt worden war. Ich schätzte mich glücklich, dass ich mich in beinahe allen Bezirken von Yokohama inzwischen ganz gut auskannte. So verfuhr ich mich wenigstens nicht.

Ein flaues Gefühl hielt Einzug in meiner Magengegend, als ich vor dem Haus ankam. Der köstliche Duft, der mir aus der Ramen-Bar entgegen strömte, lenkte mich kurz ab. Das war jedoch nicht ausreichend, um meine Nervosität zu bändigen.

Vielleicht machte ich mir völlig umsonst Sorgen. Es konnte auch gut sein, dass Daisuke nur wieder einen Tiefpunkt erreicht hatte. Seine Therapie war zwar lange beendet, aber das musste ja nichts bedeuten. Wenn die Hormone verrückt spielten, taten sie das eben. Außerdem war ich nach der Aktion vorhin wirklich die letzte Person auf Erden, die sich über eine Sinnkrise beschweren durfte.

Um meine Ankunft anzukündigen, klingelte ich, bevor ich die Tür aufschloss. Daisuke kam mir im Flur entgegen, was ungewöhnlich war. Ich fragte scherzend: „Hast du jemand anderes erwartet?“

„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Entschuldige, ich ... Egal!“

Er trug einen Dreitagebart und wirkte ungewohnt zerstreut, was mir Sorgen bereitete. Zudem war Hidemi nicht anwesend, was meine Nervosität verstärkte. Das hier konnte in alle Richtungen verlaufen und ich war nicht vorbereitet auf eine Grundsatzdiskussion mit ihm.

Zu meinem Erstaunen sagte Daisuke: „Lass uns hochgehen! Hidemi kann jeden Moment zurückkommen. Sie wollte spazieren gehen. Ich will nicht, dass sie von unserem Gespräch irgendetwas mitbekommt.“

Es schien also um ihn zu gehen. Einerseits beruhigte mich das, andererseits war es gleichermaßen beunruhigend. Daisuke war ein Ruhepol. Seit er seine Therapie beendet hatte, war er derjenige von uns, der immer stark blieb. Ich wusste nicht, ob ich genug Kraft besaß, auch noch ihn aufzufangen. Ich musste mich doch schon um Tensei kümmern und zusehen, dass ich nicht selbst auf der Strecke blieb.

Gemeinsam betraten wir die Dachgeschosswohnung. Seit der letzten Sitzung von Block King Kong schien niemand mehr hier gewesen zu sein. Die Luft stand in den Räumen. Schnell ging ich zu den Fenstern und kippte diese.

Daisuke führte mich in unseren Besprechungsraum. Dort kippt er ebenfalls das Fenster, stellte den Aschenbecher auf den Tisch, zündete sich aber keine Zigarette an. Ein sehr verräterisches Zeichen.

In meinem Sessel sitzend, schlug ich die Beine übereinander. Eine Weile schwiegen wir beide, bis ich fragte: „Ist etwas passiert? Du wirkst zerstreut.“

Er wich meinem Blick nicht aus, sondern starrte in einer Art und Weise zurück, die bei mir Unbehagen verursachte. Schließlich antwortete er: „Naeko hat mir alles über dich und Ingenium erzählt. Ich weiß jetzt Bescheid.“

Auf der einen Seite hatte ich erwartet, dass es so kommen würde. Auf der anderen Seite wusste ich nicht, was sich sagen sollte. Also entschied ich mich, erst einmal genauer nachzufragen: „Was hat sie dir alles erzählt?“

„Na, eben alles! Dass du ihn bei dieser Wohltätigkeitsgala kennengelernt hast. Dass du ihn datest. Dass ihr vermutlich ein Paar seid!“

Er machte eine Pause, aber ich antwortete nicht.

„Und ich weiß auch, dass Hidemi da ihre Finger im Spiel hat. Warum sonst sollte sie bei unserer letzten Sitzung darauf bestanden haben, dass er von der Liste runterkommt, obwohl dein erster Anschlag fehlgeschlagen war?“ Er fuhr sich durch die Haare. „Ich verstehe davon nur die Hälfte. Du wolltest ihn umbringen, aber irgendwie wolltest du das auch nicht. Was ist hier eigentlich los?“

Ich schluckte schwer. Dieses Theater hätte ich mir sparen können. Das letzte Treffen mit allen im Hauptquartier musste für Naeko nach einer Farce ausgesehen haben. Erst erzählte ich stolz, ich hätte Ingenium getötet, nur damit sich dann vor aller Augen herausstellte, dass mir ein dummer Anfängerfehler unterlaufen war.

Vielleicht hätte ich zuerst mit ihr sprechen sollen. Um ehrlich zu sein, hatte ich mir angesichts von Stains Angriff auf Tensei darum jedoch keinerlei Gedanken gemacht. Das hier war nun die Retourkutsche. Ich hätte wissen müssen, dass sie es früher oder später einem unserer Kameraden erzählen würde. Genau genommen war es nur allzu logisch, dass sie Daisuke eingeweiht hatte. Tanaka wäre direkt ausgerastet und hätte mich nicht um ein Vieraugengespräch gebeten.

Es würde keinen besseren Zeitpunkt mehr geben, um die Sache zuzugeben. Also gestand ich ihm: „Ja, ich wollte Ingenium umbringen, und ja, inzwischen will ich das nicht mehr. Ich habe mich in ihn verliebt, Daisuke.“

„Scheiße!“, fluchte er und schlug auf die Armlehne des Sofas. „Boss, das ist nicht dein Ernst!“

„Doch, ist es. Ich habe lange damit gehadert und tue es immer noch, aber ja, ich habe mich in ihn verliebt. Er ist anders als andere Helden“, sagte ich und beobachtete mit einem Stich in der Brust, wie mein Kamerad sich verzweifelt übers Gesicht fuhr.

„Sag mir, dass das nicht wahr ist! Sag mir, dass du nur mit deiner Beute spielst, bis du den finalen Zug machst!“ Seine schmalen Lippen waren zu einem einzigen Strich zusammengekniffen.

Seine Reaktion überraschte und verunsicherte mich gleichermaßen. Natürlich hatte ich nicht erwartet, dass er begeistert sein würde und sich sofort mit Tensei anfreunden wollte. Aber offensichtlich ging für ihn gerade die Welt unter, was ich nicht ganz nachvollziehen konnte.

„Er weiß nichts von Block King Kong und ich habe nicht vor, ihm in absehbarer Zeit davon zu erzählen“, versuchte ich ihn zu beruhigen.

Auf einmal sackte er völlig in sich zusammen. Es fehlte nicht viel und Daisuke hätte zu heulen begonnen. Er bebte, was mich völlig erstarrt in meinem Sessel sitzen ließ. Schließlich presste er zwischen den Zähnen hervor: „Du tust es für Hidemi, oder?“

„Hä?“, entfuhr es mir versehentlich. Jetzt war ich völlig verwirrt. Was hat meine beste Freundin damit zu tun?

„Verdammt, Naeko hatte also recht mit ihrer Vermutung. Nicht du bist diejenige, die hier hinter unseren Rücken die Fäden zieht. Es ist Hidemi.“ Er hob den Kopf und ich sah die Tränen in seinen Augen glitzern. „Sie hat Naeko und Tanaka nur knapp von der Anzeige gegen ihren Chef erzählt, aber ich weiß, dass es alles andere als gut für sie aussieht. Ihre Kollegin hat die Aussage verweigert. Das Blatt wendet sich gerade und es scheint, als würde Watanuki mit einer Verleumdungsklage gegen sie Erfolg haben.“

Wie vom Donner gerührt starrte ich ihn an und hoffte, man sah mir mein Entsetzen nicht an. Sleimok hatte eine Gegenklage eingereicht? Davon wusste ich überhaupt nichts! Kein Sterbenswörtchen hatte Hidemi mir erzählt.

„Wenn Hidemi einen bekannten, in Zaster schwimmenden Helden als Befürworter in petto hat, sieht die Sachlage schon wieder ganz anders aus. Deshalb wollte sie unbedingt, dass du dich mit Ingenium triffst. Deshalb wollte sie, dass er von Block King Kongs Liste runterkommt. Und du hast all das ihr zuliebe mitgemacht, weil du ihre beste Freundin bist.“ Er lachte bitter auf. „Scheiße Boss! Deine Eier hätte ich gerne!“

Ich bekam meine Mimik nicht mehr in den Griff, gab mir aber auch nicht wirklich Mühe dabei. Naeko hatte Daisuke eingeredet, dass Hidemi Tensei als Unterstützer in der Sache mit ihrem Chef haben wollte und ich ihm aus diesem Grund eine Liebesaffäre vortäuschte? Bei allem Respekt für ihre ausgeprägte Fantasie, das war das Bescheuertste, das ich seit langem gehört hatte.

„Die letzten Jahre waren nicht umsonst, oder?“, flehte Daisuke mich an. „Bitte! Wenn Hidemi ihrem Chef das Genick gebrochen hat, machst du mit Ingenium Schluss und alles ist wie früher.“

„Ich habe keine Ahnung, wie Naeko sich diese bekloppte Geschichte zusammengereimt hat. Nein, Daisuke, nichts davon stimmt! Ich bin mit Tensei zusammen, weil ich das will.“ Er wirkte so verzweifelt, dass ich aufstand, mich neben ihn aufs Sofa setzte und den Arm um seine Schultern legte. „Natürlich waren die letzten fünf Jahre nicht umsonst. Wir haben eine Menge geschafft. Ich habe nicht vor, Block King Kong aufzugeben. Ich habe nicht vor, euch aufzugeben.“

Er stieß meinen Arm weg.  „Du kannst nicht mit einem Helden zusammensein und gleichzeitig weiter Jagd auf seinesgleichen machen.“

„Ja, das stimmt.“ Diese Worte waren wahr. „Aber ich bekomme das schon irgendwie hin.“

Bevor ich mich versah, war er aufgestanden. „Block King Kong ist mein Leben! Ihr seid meine einzigen Freunde, nein, meine Familie! Ihr alle! Bitte nimm mir das hier nicht weg, Mika!“

Lange sah ich ihn an und erinnerte mich zurück an den Tag, an dem ich ihn das erste Mal getroffen hatte. Hidemi und ich waren ausgegangen. Sie war von irgendjemandem angesprochen worden und so hatte ich mich, allein zurückbleibend, nach einer interessanten Bekanntschaft umgesehen. Ich wusste noch, wie verzweifelt er damals gewesen war, gerade ausgeschieden aus der Armee, ohne ein Zuhause, ohne einen Ort, wo jemand auf ihn wartete.

Nach fünf Sätzen hatte ich herausbekommen, dass er ein Normalo war, und fünf weitere Sätze später hatte ich ihn eingeladen, doch mal mit zu einem unserer Treffen zu kommen. Naeko und Tanaka waren damals noch nicht bei Block King Kong gewesen, nur Hidemi und ich.

In den vergangenen fünf Jahren war ich mit ihm durch viele Höhen und Tiefen gegangen. Ich hatte seine Therapie mitgemacht, all seine hormongesteuerten Anfälle ausgestanden, mit ihm geweint und gelacht. Manchmal glaubte ich, dass es weniger der Hass auf Helden war, der Daisuke zu mir gebracht hatte, sondern die Tatsache, dass es ansonsten nirgendwo auf dieser Welt einen Platz für ihn gab.

„Natürlich werde ich dir unsere Familie nicht wegnehmen“, schwor ich ihm, stand ebenfalls auf und umarmte ihn so fest, wie ich nur konnte. „Ich werde Block King Kong nicht für Tensei kaputtmachen und ich werde auch mit Naeko reden, um ihr diese Dummheit auszutreiben. Bitte beruhige dich jetzt, Daisuke! Es ist alles in Ordnung!“

Er erwiderte die Umarmung, krallte seine Hände so fest in meine Bluse, dass ich fürchtete, die Nähte könnten reißen. Der vertraute Duft nach seinem Deodorant und Zigaretten hüllte mich ein. Irgendwann wisperte er: „Ich gönne es dir. Ich gönne dir einen Mann, der dich glücklich macht. Aber ich muss mich erst damit abfinden, dass er ein Held ist.“

„Kein Problem“, versicherte ich ihm. Mir war es ja nicht anders ergangen.

„Du bist echt knallhart, Boss!“ Plötzlich lachte er, löste sich aus der Umarmung und klopfte mir auf die Schulter. „Eine wie dich gibt es kein Zweites mal auf dieser Welt.“

„Vermutlich nicht, nein.“ Ich bemühte mich um ein Grinsen. Dann knurrte mein Bauch und ich sagte den Satz, der verräterisch oft fiel, wenn ich mit meinen Freunden zusammen war: „Lass uns von unten Ramen holen!“


~~*~~*~~


Preview: Der Iida-Familie steht ein großer Knall bevor. Gerät Mika zwischen die Fronten? Kann sie den Unfug von Naeko ausbügeln? Was wird Hidemi sagen, wenn sie diese mit den von Daisuke preisgegebenen Informationen konfrontiert? Und bildet sie sich nur ein, dass etwas mit Tenya nicht stimmt? Das alles erfahrt ihr in Kapitel 18: (K)Ein Held. Bis dahin – Plus Ultra! ;D
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