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Block King Kong

von Jadina
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Het
Chiyo Shuzenji / Recovery Girl Chizome Akaguro / Stain OC (Own Charakter) Tensei Iida / Ingenium Tenya Iida
01.01.2021
19.06.2022
29
102.620
9
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Dieses Kapitel
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19.11.2021 4.404
 
~~ Kapitel 16: Die Iidas ~~



In dieser Nacht wurde ich von einem fürchterlichen Albtraum geplagt.

Ich stand auf dem Friedhof in Musutafu vor dem Grab meines Bruders, als plötzlich die Erde bebte. Anschließend schwebte eine silberne Gestalt empor und baute sich vor mir auf.

„Mika!“ Isamus Geist bohrte mir den Finger in die Brust. „Was ist nur los mit dir? Hast du alles vergessen, wofür du stehst? Hast du vergessen, wofür du seit zehn Jahren kämpfst!“

Zu meinem Entsetzen schrie ich zurück: „Aber er ist anders! Er ist so anders als andere Helden, Mu-chan! Bitte gib' ihm eine Chance!“

Auf einmal schwebten über allen Gräbern Geister, die einen immer enger werdenden Ring um mich bildeten, aus dem ich nicht entkommen konnte. Mein Bruder sah mich nicht mehr länger mit den liebenden Augen von früher an, sondern mit einer hässlichen, wutverzerrten Fratze. Sie kamen immer näher, doch ich konnte nicht weglaufen. Immer näher ...

Schweigebadet schreckte ich aus meinem Traum auf. Mein Wecker verriet mir, dass es kurz vor vier war. Viel zu früh, um jetzt schon aufzustehen, aber ich würde sowieso nicht wieder einschlafen.

Irgendwie passierte das doch, aber es machte die Gesamtsituation nicht besser. Als der Wecker klingelte, hätte ich mich am liebsten krankgemeldet, aber ich konnte nicht schon wieder fehlen. Wegen meiner Migräne waren bereits so viele Seminare ausgefallen. Das war nicht nur meinen Studenten gegenüber unfair, sondern nagte auch an meiner Arbeitsmoral. Außerdem wollte ich nicht meine Lehrbeauftragtenstelle gefährden, sonst müsste ich mir einen neuen Job suchen. Ich konnte mir keinesfalls vorstellen, vollständig in die Gerichtsmedizin zurückzugehen. Es reichte, wenn ich dazu Teilseminare anbot.

Schleppend raffte ich mich zum Duschen auf. Frühstück bekam ich keines herunter und ich war so übermüdet, dass ich auf dem Weg zur Tōdai mit dem Auto beinahe einen Unfall gebaut hätte. Im letzten Moment gelang es mir, haarscharf zu bremsen, als jemand vor mir ohne Blinker auf meine Spur wechselte. Ich besaß nicht einmal genug Kraft, um den Deppen anzuhupen.

Noch nie war ich so froh gewesen, mit Chiba meinen eigenen, persönlichen Mitarbeiter zu haben. Er hatte nicht nur die Vorlesung von gestern bereits zusammengeschnitten und auf das Online-Portal hochgeladen, sondern auch alte Klausuren hineingestellt. Das war ein Wunsch einiger Studenten gewesen, die sich an diesem Morgen dafür bedankten.

Zum Glück hatte ich für heute Gruppenarbeiten auf den Plan gesetzt. So musste ich keine Vorträge halten oder großartig Erklärungen abgeben, sondern konnte einfach zwischen den arbeitenden Studenten entlang schlendern und sie beobachten.

Meine Gedanken kreisten unablässig um Tensei. Gestern war ich nicht mehr dazu gekommen, mit Tenya zu sprechen. Ich konnte mir vorstellen, dass die Yūei ihn aufgrund der besonderen Situation für einige Tage beurlaubt hatte. Trotzdem wollte ich nicht zu viel Zeit verstreichen lassen.

Beim Mittagessen in der Kantine setzte Kubota sich zu mir. Lange sah er mich an und aß sein Sukiyaki, ohne etwas zu sagen. Ich mochte es, mit ihm zu schweigen, wobei das eher selten vorkam. Eigentlich war er eine Plaudertasche.

Als wir schon fast aufgegessen hatten, sagte er plötzlich: „Du weißt, was geschehen ist, nicht wahr?“

Die Enomotos waren mit den Iidas seit langer Zeit befreundet, das wusste ich dank der Wohltätigkeitsgala. Aus irgendeinem Grund hatte ich es aber verdrängt. Langsam nickte ich.

„Ja.“

„Mein Sohn hat gestern kurz mit Arata telefoniert. Er hat erzählt, dass du im Krankenhaus warst.“ Beiläufig stocherte er in seinem Reis herum. „Also ist es doch was mit euch jungen Leuten geworden?“

Arata war dann wohl Tenseis Vater. Wieso waren alte Menschen nur so neugierig? Er würde sich sicher bestens mit meiner Großmutter verstehen.

Vorsichtig entgegnete ich: „Ja, da ist etwas.“

Kubota wirkte auf einmal unendlich müde, als er bat: „Lass ihn nicht fallen, Mika! Bitte! Ich weiß, du bist eine anständige Frau. Bleib bei ihm! Das wird eine harte Zeit.“

Erst fand ich es etwas unverschämt, wie er sich in die Sache einmischte. Wir waren zwar Kollegen, die gut miteinander auskamen, aber so nahe standen wir uns dann doch nicht. Doch dann schob ich es auf seine enge Verbundenheit zur Iida-Familie und erwiderte: „Ich weiß und ich werde da sein.“

Er lächelte mich dankbar an. Anschließend wechselte er das Thema, vermutlich, weil wir uns an einem öffentlichen Ort befanden. „Sag mal, wie machen sich deine neuen Studenten so? Du weißt nicht, was letzte Woche passiert ist! Da haben doch in ihren Arbeitsaufgaben tatsächlich zehn Stück denselben Fehler gemacht. Die haben bestimmt voneinander abgeschrieben.“

„Oder eine weniger erfolgreiche Lerngruppe gebildet.“ Ich schmunzelte. Als ich ganz frisch an der Tōdai gewesen war, hatte sich schon einmal etwas in der Art ereignet. Da hatten alle bei einer Person abgeschrieben, die ganz zu Beginn der Formelberechnung einen doofen Fehler gemacht hatte. Ihre Gesichter, als ich das aufgedeckt hatte, waren zu lustig gewesen.

Natürlich mussten auf solch einen Fall Konsequenzen erfolgen. Weil es keine Klausur gewesen war, sondern nur eine Arbeitsaufgabe, hatte es nicht ganz so reingehauen, dass alle wegen Täuschungsversuch mit null Punkten bewertet worden waren. Der nette Kerl, der all seine KomilItōnen hatte abschreiben lassen, tat das in seinem ganzen Studium sicher nie wieder.

Es fühlte sich gut an, mit meinem Kollegen ungezwungen über etwas völlig anderes zu plaudern, wodurch Tensei für eine Weile aus meinem Kopf verschwand. Die letzten beiden Seminare bekam ich auch noch irgendwie herum. Im Anschluss daran fuhr ich direkt von der Tōdai aus nach Hosu ins Krankenhaus.

Ich nahm den Aufzug nach oben, desinfizierte mir die Hände – dank der Seminare zum gefühlt einhundertsten Mal an diesem Tag – und betrat nach dem Klingeln die Station. Die Schwester von gestern hatte auch heute wieder Dienst und nickte mir auf dem Gang freundlich zu.

Zunächst klopfte ich an, bevor ich Tenseis Zimmer betrat. Tensei war wach und unterhielt sich mit seinem Vater, der auf dem Stuhl neben dem Bett saß. Sowohl seine Mutter als auch sein Bruder fehlten. Beide Männer verstummten, als sie mich bemerkten. Bevor ich mich versah, war sein Vater aufgestanden und auf mich zugekommen.

„Wir hatten gestern gar keine Gelegenheit, uns einander vorzustellen.“ Er verbeugte sich. „Ich bin Iida Arata, Tenseis Vater.“ Ich stellte mich ebenfalls vor. Danach fragte er: „Bleiben Sie länger, Shuzenji-san? Dann würde ich kurz einmal telefonieren gehen.“

So nahm ich also seinen Platz ein und Arata verließ das Zimmer. Tensei war immer noch blass, wirkte müde und ausgelaugt. Trotzdem rang er sich irgendwie ein Lächeln ab und krächzte: „Schön, dass du da bist.“

„Wie geht es dir?“ Ich griff nach seiner Hand. Sie fühlte sich ungewohnt kalt an.

„Ich bin müde.“ Wie aufs Stichwort gähnte er. „Die Ärzte sagen, es kommt von den starken Medikamenten.“

„Dann schlaf ein bisschen. Ich bleibe bei dir.“ Ich bemühte mich um ein Lächeln und rang irgendwie die Angst in meinem Herzen nieder, die bei seiner angestrengten Sprechweise aufgeploppt war.

Tensei war nicht Isamu. Tensei würde nicht sterben! Es gab keinen Grund, sich verrückt zu machen. Alles lag im grünen Bereich. Es würde alles gut werden.

Er kam meiner Aufforderung nach und schloss die Augen. Wenige Minuten später schlief er tief und fest. Seine Atmung ging ruhig und gleichmäßig. Ich hoffte, dass er nicht mehr lange auf der Intensivstation bleiben musste. Das Piepsen der Geräte zehrte an meinen Nerven. Zu viele schlimme Erinnerungen wurden davon wachgerufen.

Ich betrachtete sein friedliches Gesicht und war damit auch dann noch beschäftigt, als sein Vater zurückkehrte. Arata brachte einen zweiten Stuhl mit und setzte sich in die Nähe des Fensters.

Unerwartet fragte er: „Sie sehen müde aus. Geht es Ihnen gut?“

„Ja.“ Ich gab mir alle Mühe, überzeugend zu klingen. „Ich bin nur sehr früh aufgewacht heute Morgen und die Arbeit hat ihr Übriges dazu beigetragen.“

„Meine Frau hat mir gestern erzählt, dass Sie Recovery Girls Enkelin sind. Sind Sie auch als Heldin tätig?“, wollte er wissen. „Haben Sie ihn bei einem Auftrag kennengelernt?“

Ich spürte, wie ich nervös wurde. War für das Verhör der neuen Partnerin nicht normalerweise die Mutter zuständig? Auf der einen Seite irritierten mich seine Fragen. Auf der anderen Seite musste ich wohl dankbar dafür sein. Arata besaß dasselbe freundliche Gesicht wie Tensei, wohingegen mich die strenge Miene seiner Frau sicher aus dem Konzept gebracht hätte.

„Nein, ich bin keine Heldin. Ich bin Doktorin der Toxikologie und Lehrbeauftragte an der Tōdai in Tokyo“, erzählte ich ihm. „Wir haben uns bei der Wohltätigkeitsgala der Universität kennengelernt. Tensei war mein Tischherr.“

Arata nickte und schmunzelte plötzlich. „Also hat Kubota da seine Finger im Spiel?“ Auf meine verdutzte Miene hin lachte er leise auf. „Jetzt kommt alles zusammen. Wissen Sie, er ist der Vater meines Freundes Haku, den ich schon seit der Schulzeit kenne. Als ich gestern mit ihm telefoniert habe, um ihm den Stand der Dinge durchzugeben, kam es mir irgendwie so vor, als wüsste er noch etwas über diese Sache, das ich nicht weiß.“

„Ja, Kubota hat das geschickt arrangiert. Veranstaltungen wie diese Gala gehören nicht zu meinen liebsten Zeitvertreiben. Er wollte wohl sichergehen, dass ich nicht vor dem Hauptgang wieder verschwinde, und hat deshalb irgendwie an der Sitzordnung gebastelt.“

Die Erinnerung an diesen Abend stimmte mich fröhlich.

Die Tür öffnete sich und eine Krankenschwester kam herein. Sie trug das Tablett mit dem Abendessen mit sich. Arata erhob sich und meinte zu mir: „Die Besuchszeit ist bald vorbei. Wir sollten ihn besser schlafen lassen. Essen kann er später immer noch.“

Ich war erstaunt darüber, dass Tensei bei seinem gesundheitlichen Zustand überhaupt selbst essen konnte und nicht mit Flüssignahrung versorgt wurde. War er überhaupt in der Lage, alleine zu essen?

Als hätte die Schwester meine Gedanken gelesen, stellte sie das Tablett auf Tenseis Krankentisch ab und beruhigte mich: „Keine Sorge! Ich schaue in einer halben Stunde noch einmal nach ihm. Wenn er bis dahin aufgewacht ist, kümmere ich mich um alles.“

„Wir waren den ganzen Tag abwechselnd bei ihm. Vermutlich wird er jetzt eine Ewigkeit lang schlafen.“ Arata trat einen Schritt näher an mich heran. „Ich weiß, das kommt vermutlich etwas plötzlich, aber meine Frau und ich möchten Sie gerne für heute Abend zu uns nach Hause einladen, Shuzenji-hakase.“

Ich war völlig baff über diese Einladung. Die Iidas wollten, dass ich zu ihnen nach Hause kam? Sofort wurde ich nervös. Stand mir dann das eigentliche Verhör bevor? War das hier nur ein Vorgeschmack gewesen? Na ja, eigentlich blieb mir keine Wahl. Ich würde die Familie beleidigen, wenn ich die Einladung ausschlug.

„Gerne“, stimmte ich also zu. „Sie müssen mich nicht bei meinem Titel nennen.“

„In Ordnung. Sind Sie mit dem Auto gefahren? Dann gebe ich Ihnen die Adresse fürs Navigationsgerät mit. Unser Haus ist ein bisschen schwierig zu finden.“ Er schmunzelte, ganz so, als hätte dieser Umstand bereits zu einigen denkwürdigen Erinnerungen beigetragen.

Also verließen wir zeitgleich das Krankenhaus. In der Tiefgarage tippte ich die Adresse ein. Anschließend fuhren wir getrennt voneinander los und auf die Stadtautobahn. Es ging nach Edogawa.

Die Iidas lebten recht weit im Süden des Bezirks in einer gesicherten Wohnsiedlung mit Blick aufs Meer. Ihr Haus war traumhaft schön und in traditionellem Stil gehalten. Zumindest nahm ich das an. Als ich die Schuhe vor der Haustür auszog und in Gästeschlappen den Eingangsbereich betrat, wurde ich vom Gegenteil überrascht. Innen war es modern ausgestattet.

Ich folgte Arata in das Wohnzimmer, in welchem sich zu meinem Erstaunen eine offene Küche befand. Das kannte ich nur aus meinem Ferienhaus vom letzten Urlaub in den USA. In der Küche hantierte eine ältere Frau herum.

Als sie uns bemerkte, verneigte sie sich so tief, allein vom Anblick begann mein Rücken zu schmerzen.

„Willkommen zurück, Iida-san.“

„Das ist Fumiko, die gute Seele unserer Hauses. Sie hält hier alles am Laufen, während wir den ganzen Tag arbeiten“, klärte Arata mich auf und stellte uns einander vor. „Fumiko, das ist Shuzenji Mika, Tenseis neue Freundin.“

„Es ist mir eine große Ehre, Sie kennenzulernen, Shuzenji-san.“ Vor mir verbeugte sie sich gefühlt noch tiefer, was wirklich unnötig war. Ich war schließlich keine Prominente und schon gar keine Adelige.

Aus irgendeinem Grund verwunderte es mich, dass die Iidas eine Haushälterin angestellt hatten, auch wenn ich das bei genauerer Betrachtung durchaus verstehen konnte. Wenn sowohl Arata als auch Anzu den ganzen Tag als Helden arbeiteten, verbrachten sie wenig Zeit daheim. Der Haushalt machte sich aber nicht von alleine.

Zwischen dem tatsächlichen Wohnbereich und der offenen Küche stand der Esstisch aus dunklem Hartholz. Er sah aus, als hätte er schon einige Jahre auf dem Buckel. Das wiederum machte ihn irgendwie zu etwas Besonderem.

Tenya wuselte um den Tisch herum und stellte Gläser bereit. Einige Schalen mit kalten Speisen waren bereits aufgetischt. Es roch herrlich und mein Magen meldete sich mit einem erfreuten Knurren, von dem ich hoffte, nur ich hätte es gehört.

„Guten Abend, Mika“, begrüßte er mich und ließ seinen Vater mit dieser vertrauten Anrede verdutzt aus der Wäsche schauen.

„Hallo Tenya.“ Ich erinnerte mich daran, ihm noch gar nicht zu seiner Leistung beim Sportfest gratuliert zu haben. „Gestern habe ich das ganz vergessen: Glückwunsch zu deinem dritten Platz beim Sportfest!“

„Du hast es dir angesehen?“ Plötzlich wirkte er etwas verlegen. „Ach, ich ärgere mich ein bisschen darüber. Ich hatte total vergessen, dass Todoroki auch Nahkampfangriffe beherrscht. Ansonsten hätte ich es vielleicht sogar ins Finale geschafft.“

„Ich finde deine Leistung völlig in Ordnung“, sagte Arata und lächelte mir zu. „Der dritte Platz beim Sportfest des ersten Jahrgangs ist quasi eine Familientradition bei uns. Tensei hat damals den dritten Platz gemacht und ich ebenso.“

„Schwelgst du schon wieder in alten Zeiten?“ Anzu war die Treppe heruntergekommen und trat zu uns. „Ah, Shuzenji-san! Sie sind also gekommen. Fumiko sollte gleich fertig mit dem Kochen sein. Bitte setzen Sie sich doch!“

Tenseis Mutter kam mir irgendwie anders vor als der Rest der Familie. Vielleicht lag es daran, dass sie die einzige Frau war, wenn man von der Haushälterin absah. Ihre Aura glich denen der anderen Familienmitglieder eher weniger. Anscheinend gab sie häufig den Ton an. Ja, diese Frau konnte im Falle des Falles bestimmt sehr unangenehm werden.

Gerade, als ich mich setzte, kam Fumiko mit den warmen Speisen, sodass auch die anderen drei Platz nahmen. Ich ließ mir von allen Schalen etwas in meine geben. Die ersten fünf Minuten Stille am Tisch waren problemlos auszuhalten. Danach wurde ich zunehmend nervös.

Ich spürte die Blicke auf mir, vor allem den von Anzu, die mir gegenübersaß. Hin und wieder sah sie auch zu ihrem Gatten auf dem Stuhl neben mir, aber ich fühlte mich eigentlich nonstop beobachtet.

Schließlich hielt ich es nicht mehr aus, lächelte grimmig in die Runde und sagte: „Bitte halten Sie sich nicht zurück. Fragen Sie mich ruhig alles, was Sie wissen möchten.“

Tenya mir schräg gegenüber öffnete den Mund, schloss ihn jedoch unverrichteter Dinge wieder. Bevor er dazu kam, seine Gedanken zu äußern, holte seine Mutter mit der Keule aus. Sie fragte ganz direkt: „Warum sollten Sie gut genug für unseren Sohn sein?“

„Anzu ...“, setzte Arata beschwichtigend an, fuhr aber nicht fort.

Es war nicht so, dass ich es nicht verstand. Sie war seine Mutter und sorgte sich um ihn. Trotzdem hatte ich diese Frage nicht dermaßen konfrontativ erwartet. Sie stimmte mich nachdenklich.

Was machte mich gut genug für Tensei?

Ich sah sie alle nacheinander an: Anzu, Tenya, Arata und schlussendlich wieder Anzu. Ich hegte ein paar Gedanken, was mich auszeichnete, und musste diese nur in eine Reihenfolge bringen. Mir half die Vorstellung, ich würde das hier meiner Großmutter erzählen.

„Ich verstehe, dass Sie sich Sorgen machen, er könnte an die falsche Frau geraten sein. Deshalb lassen Sie mich bitte einige Dinge klarstellen. Erstens bin ich nicht an seinem Geld interessiert.“

Anzus Augenbrauen wanderten in die Höhe, doch davon ließ ich mich nicht beirren.

„Ich habe promoviert und bin seit vielen Jahren Lehrbeauftragte an der Tōdai. Ich verdiene meinen eigenen Lebensunterhalt nicht zu knapp. Zweitens bin ich nicht an seinem Ruhm interessiert.“

Tenyas Stäbchen landeten einen Hauch zu laut auf seinem Teller.

„Ich bin froh, dass mich zu Hause gerade einmal meine direkten Nachbarn kennen und ich nach der Arbeit im Supermarkt einkaufen kann, ohne angesprochen zu werden. Drittens interessiert mich Tenseis Heldenarbeit nicht im Geringsten. Im Gegenteil, das war anfangs“, die Suche nach dem passenden Wort erwies sich als aussichtlos, also musste die Wahrheit her, „sogar ein Problem für mich.“

Eine gefühlte Ewigkeit lang starrte Anzu mich einfach nur an. Ich fühlte mich geradezu durchbohrt von ihrem strengen Blick. Dann wurde ihre Mimik weicher. Sie lächelte nicht, aber sie wirkte nicht mehr ganz so ablehnend.

„Sie sind Ihrer Großmutter sehr ähnlich.“

„Ja“, stimmte Tenya seiner Mutter zu. „Deine Art zu sprechen hat mich gerade total an Recovery Girl erinnert.“

So? War ich meiner Großmutter tatsächlich ähnlich? Nun, da ich ihr näher stand als meinen Eltern, würde mich das nicht einmal verwundern. Bloß sagte mir das zum ersten Mal jemand direkt ins Gesicht.

Arata richtete das Wort an mich. „Warum war sein Heldenjob ein Problem für Sie?“

Dieses Mal brauchte ich mehr Zeit für die Antwort. Ich konnte ja schlecht Block King Kong zwecks Erklärung anbringen. Ich wusste auch nicht, was es war, dass in mir diese harte Ehrlichkeit hervorkitzelte. Aus irgendeinem Grund brachten die Iidas mich dazu, Dinge laut auszusprechen, die ich sonst eher unter Verschluss hielt.

So offenbarte ich auch dieses Mal die Wahrheit. „Weil ich durch den kopflosen Einsatz eines Helden vor zehn Jahren meinen älteren Bruder verloren habe.“

Der Paukenschlag saß. Vor Schreck stieß Tenya sein Glas um. Das Klirren, als dieses auf dem Boden aufkamen, war das einzig hörbare Geräusch im Raum. Fumiko eilte herbei, um die Scherben wegzukehren und ihm ein neues Glas zu bringen.

Anzu blinzelte nicht zu knapp, und wenn mich nicht alles täuschte, war sie sogar eine Spur blasser geworden. Aratas Gesicht konnte ich nicht sehen.

„Jetzt verstehe ich. Als Sie sagten, dass Sie in erster Linie gekommen wären, um Tenya die Gelegenheit zum Reden zu geben, meinten sie das. Nicht wahr?“, äußerte Anzu.

„Bi ... Bitte?“, stotterte der jüngere Sohn der Familie.

„Ja, so ist es.“ Ich wandte mich Tenya zu. „Vor zehn Jahren war ich genau an dem Punkt, an dem du jetzt bist. Ich habe dieselbe Angst und dieselbe Verzweiflung gespürt. Deshalb wollte ich dir anbieten, dass du mir davon erzählen kannst, wenn du es möchtest. Aber gestern ist das irgendwie untergegangen.“

Tenya war sprachlos. Als er merkte, dass das Tischgespräch nicht weiterlief, antwortete er hastig: „Das wäre mir eine große Ehre!“

„Und was machen Sie sonst so? Haben Sie andere Interessen?“, fragte Arata, der anscheinend von diesem heiklen Thema wegkommen wollte.

„Ich lese gerne. Bevorzugt die Romane von Nakahara Mei“, antwortete ich das ungefährlichste meiner sonstigen Beschäftigungen.

„Oh, die liest Mama auch“, warf Tenya ein und spähte vorsichtig zu seiner Mutter hinüber.

Der taktische Zug gelang. Das Verhör wandelte sich mehr und mehr zu einem ungezwungenen Gespräch, während wir über die Romane fachsimpelten. Die schwierigen Themen des Abends hingen nicht mehr länger wie eine Gewitterwolke über unseren Köpfen.

Nach dem Abendessen beschlossen Arata und Anzu, einen Spaziergang zum Schrein zu machen, um dort für die rasche Genesung ihres Sohnes zu beten. Ich blieb mit Tenya zusammen zurück. Obwohl der Abend kühl war, setzten wir uns im Garten auf die Terrasse.

Jeder von uns wurde von Fumiko mit grünem Tee versorgt. Anschließend ließ die Haushälterin uns alleine. Die Sonne war bereits untergegangen, aber mehrere schöne Laternen beleuchteten den Garten um uns herum, sodass wir einander wenigstens in gedimmtem Licht sehen konnten.

„Du musst nichts sagen, wenn du nicht möchtest“, begann ich das Gespräch, das mir selbst schwitzige Hände bereitete. „Aber ich wollte dir wenigstens das Angebot machen.“

Tenya schüttelte den Kopf und bejahte gleichzeitig, was ziemlich dämlich wirkte. Anschließend besann er sich und erklärte mit belegter Stimme: „Ich bin dir sehr dankbar dafür. Aber vorhin am Tisch ... Das war ein Schock für mich. Tensei hat nie was davon gesagt und er hat wirklich ständig von dir geredet.“

„Tensei weiß das gar nicht“, erklärte ich ihm. „Wir hatten bisher keine Gelegenheit, bei der es passend gewesen wäre, diese Geschichte zu erzählen.“

„Willst du sie jetzt erzählen?“ Tenya nippte an seinem Tee.

Ich sah kurz nach oben und erblickte die Sterne am Himmel. Einer von diesen funkelnden, kleinen Punkten war mein Bruder. Sicher war es in Ordnung für ihn. Er würde wollen, dass ich seine Geschichte erzählte. Erst, wenn die Menschen nicht von den Verstorbenen sprachen, gerieten diese in Vergessenheit und starben tatsächlich.

„Mein Bruder war mit dem Zug auf dem Weg ins Büro, wo er gerade für sein Studium ein Praktikum absolvierte. Kurz, bevor sie in den Bahnhof eingefahren sind, gab es einen Schurkenangriff. Der damalige Held Soaker hat einen Kampf begonnen, obwohl der fahrende Zug noch nicht zum Stillstand gekommen war.“ Die Erinnerungen an das Geschehen taten weh. „Es gab eine Kollision und darauf folgend eine Explosion, bei der mein Bruder sehr schwer verletzt wurde. Er war ein Normalo, als konnte er sich nicht selbst helfen. Er ist trotz der Fürsorge meiner Großmutter und der stetigen Behandlung auf der Intensivstation nach einigen Tagen verstorben.“

Für einen Augenblick kehrte Stille ein. Schließlich sagte Tenya: „Ich verstehe jetzt, wieso Tenseies Arbeit für dich anfangs schwierig gewesen sein muss. Hat Soaker jemals den Kontakt zu euch gesucht?“

„Nein. Nie!“ Ich sah dieses Gesicht mit der blauen Maske vor mir und erinnerte mich an die Genugtuung, als mein Gift ihm den Garaus gemacht hatte. „Isamus Tod wurde dem Schurken in die Schuhe geschoben, dabei hat ja nicht er den fahrenden Zug angegriffen. Ich habe sogar versucht, Klage gegen Soaker einzureichen, aber plötzlich waren alle Zeugen mundtot, also hat das Gericht diesen Versuch abgewiesen.“

Tenya klemmte sich die Teetasse zwischen die Beine. Ungeahnt mechanisch gestikulierte er mit den Händen herum, als es aus ihm heraussprudelte: „Ich kenne Soaker nicht, aber ich versichere dir, mein Bruder ist ganz anders. Tensei würde niemals etwas Unbedachtes tun oder jemanden im Stich lassen. Das Wohl der Leute um ihn herum geht ihm immer über sein eigenes. Er ist der beste Held, den man sich vorstellen kann.“

Rasch blinzelte ich eine aufsteigende Träne weg, als mir klar wurde, dass Tenya auf Tensei genauso stolz war wie andersrum. Diese Brüder hatten eine besondere Beziehung zueinander.

„Dein Bruder liebt dich sehr“, sagte ich zu ihm. „Er hat oft von dir gesprochen. Er war so besorgt nach dem Angriff auf das U.S.J. und so stolz darauf, dich beim Sportfest in Aktion zu sehen.“

„Ich weiß.“ Er hörte auf zu gestikulieren. „Ich verstehe einfach nicht, warum Stain ihn angegriffen hat. Warum Tensei? Ihm geht es doch nicht um Geld oder Ruhm. Ihm geht es um Teamwork und Loyalität und Kameradschaft. Warum also?“

Ich schwieg. Der Turbo Hero Ingenium war damals auf der Liste von Block King Kong gelandet, weil ich genau das angenommen hatte. Jemandem, der fünfundsechzig Sidekicks beschäftigte, konnte es nur ums Geschäft gehen. Aus einem anderen Grund koordinierte man doch nicht so viele Angestellte.

Wie dumm ich gewesen war! So dumm! Strunzdumm!

„Wahrscheinlich gibt es auf diese Fragen keine Antworten, weil wir nicht in die Köpfe von durchgeknallten Leuten wie Stain gucken können“, fuhr Tenya fort. Sein Tonfall wurde zunehmend aufbrausender. „Aber es macht mich so wütend. Wie kann man willkürlich Menschen derart verletzen? Wie kann man töten? Das ist doch absurd! Als ob man die Welt durch Blutvergießen verändern könnte.“

Auch darauf konnte ich nichts erwidern. Mir wurde schlecht bei dem Gedanken daran, dass er mich gerade mit Stain in einen Topf warf. Ich selbst hatte mich mit ihm in einen Topf geworfen. Wir beide waren schuld an dem Tod von Menschen, weil wir sie subjektiv beurteilt und für nicht heldenhaft genug befunden hatten. Aber wer entschied eigentlich darüber, wann man ein echter Held war und wann nicht?

Eigentlich hatte dies hier ein Gespräch über Tenyas Gefühle werden sollen, bei dem ich ihm Mut zusprechen und beistehen wollte. Aber es entwickelte sich in eine ganz andere Richtung. Eine, die mir zunehmend auf den Zahn fühlte, obwohl er davon nicht einmal etwas ahnte.

„Wie kann man einfach behaupten, über das Leben von Menschen zu entscheiden? Wie kann man sich das Recht herausnehmen, über ihren Wert zu urteilen?“ Er hatte wieder zu gestikulieren begonnen, so heftig, dass beinahe die Teetasse auf den Dielen der Terrasse gelandet wäre.

Ich bemerkte die rollenden Tränen erst, als sie auf meine Hände und in meinen Tee tropften.

Wie konnte dieser fünfzehnjährige Junge so erwachsene, reife und reflektierte Sachen sagen? Ich kam mir neben ihm vor wie ein dummes Kind, dabei sollte ich diejenige mit Vorbildfunktion sein.

Mein Leben lang hatte ich gekämpft – gegen die Diskriminierung von Normalos, gegen falsche Helden, gegen das ganze System an sich. War ich damit einer Irrfahrt erlegen?

„Mika!“ Er hatte bemerkt, dass ich weinte, und verstummte in seiner Tirade abrupt. „Ist alles in Ordnung? Habe ich etwas Falsches gesagt?“

„Nein Tenya“, schniefte ich. „Du hast nichts Falsches gesagt. Es ist nur ... Deine Worte haben mich sehr berührt.“

Das hatten sie wirklich, viel mehr, als ich es jemals für möglich gehalten hätte. Wenn ich heute Abend hier fertig war, musste ich nachdenken. Über sehr viel. Über mein Leben und wie ich vorhatte, es in den nächsten Jahren weiterzuführen. Wie ich Block King Kong in Zukunft organisieren wollte. Ob ich überhaupt so weitermachen sollte. Ich war wie Stain, zugleich doch nicht. Ich musste Entscheidungen treffen.

„Lass uns reingehen! Hier draußen wird es langsam zu kühl“, schlug Tenya vor. Einen Blick auf seine Armbanduhr werfend, fügte er hinzu: „Oh, es ist schon spät geworden. Musst du morgen arbeiten?“

„Ja.“ Ich nickte.

„Meine Eltern werden sicher gleich zurückkommen. Dann kannst du dich verabschieden.“ Er blickte sehr ernst drein. „Bitte nimm meiner Mutter ihre Fragen nicht übel. Es ist nur ... Tenseis letzte Freundin ... Na ja ...“

Ich hatte alles verstanden, was er mir zwischen den Zeilen sagen wollte. Um ein Lächeln bemüht, entgegnete ich: „Schon gut. Ich verstehe das.“

Das tat ich ausnahmsweise wirklich. Diese Leute hier waren eine Familie. Eine richtige Familie und in einer richtigen Familie passte man aufeinander auf, so wie Isamu früher auf mich aufgepasst hatte.

Eine halbe Stunde später stieg ich ins Auto ein und atmete tief durch. Mein Herz pochte unangenehm in meiner Brust. Mein Kopf war voll mit Gedanken, trotzdem konnte ich keinen von ihnen klar erfassen.

Schlaf, Ruhe und Zeit. Diese drei Dinge brauchte ich, um mein aus den Fugen geratenes Leben wieder auf die Reihe zu kriegen.


~~*~~*~~


Preview: Mika fällt in eine Sinnkrise, die zu deinem denkbar ungünstigen Zeitpunkt kommt. Wie wird es mit Block King Kong weitergehen? Wieso will Daisuke mit ihr reden? Das alles erfahrt ihr in Kapitel 17: Naekos Theorie. Bis dahin – Plus Ultra! ;D
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