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Block King Kong

von Jadina
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Het
Chiyo Shuzenji / Recovery Girl Chizome Akaguro / Stain OC (Own Charakter) Tensei Iida / Ingenium Tenya Iida
01.01.2021
19.06.2022
29
102.620
9
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Dieses Kapitel
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23.10.2021 3.994
 
~~ Kapitel 15: Reise in die Vergangenheit ~~



Am Tag nach dem Sportfest fühlte ich mich so gut wie schon lange nicht mehr. Was so viel gemeinsame Zeit mit den besten Freunden doch alles auslösen konnte. Die Vorlesung und meine Seminare flogen nahezu an mir vorbei. Es kam mir vor, als wäre ich gerade erst zur Arbeit gekommen, da entschwand ich auch schon wieder in den Feierabend.

Beschwingt und guter Laune fuhr ich nach Hause. Ich ließ das Fenster etwas herunter, es wurde endlich wärmer, und sang sogar zur Dudelei des Radios mit. Meine neue Laborgruppe schien vielversprechend zu sein und ich freute mich schon darauf, mit den Studenten gemeinsam die nächsten Wochen zu füllen.

Just hörte ich mein Handy in meiner Handtasche bimmeln, aber ich ignorierte es. Ich telefonierte fast nie am Steuer. Höchstens wenn ich im Stau steckte, was genau genommen nicht einmal dann in Ordnung ging, aber nie, wenn ich aktiv fuhr. Manchmal wünschte ich mir eine Fernsprechanlage. Wenn ich irgendwann meinen geliebten Sirion ersetzen musste, würde ich mir einen Neuwagen kaufen, der über eine solche verfügte.

Zu Hause angekommen entging ich haarscharf einem Verhör von Frau Itō, die in ihrem Vorgarten kniete und irgendwelche zarten Pflänzchen in die Erde setzte. Ich grüßte sie höflich, lenkte das Gespräch aber auf die Pflanzen, bevor sie mir Fragen zu Tensei stellen konnte. Begeistert erzählte sie mir von ihren Erdbeeren. Anschließend verschwand ich schnell nach drinnen.

Apropos Tensei, bisher hatte er mir nicht geantwortet und das störte mich. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er von der Leistung seines jüngeren Bruders beim Sportfest enttäuscht war. Über den dritten Platz musste Tenya sich wahrlich nicht schämen. Nein, mit Sicherheit gab es einen guten Grund für sein Schweigen. Wenn er einen harten Arbeitstag gehabt hatte, schlief er sich mit Sicherheit erst einmal aus.

Die Handtasche ließ ich an der Garderobe liegen und ging geradewegs in die Küche weiter. Trotz Hidemis Drohung hatten wir es gestern nicht mehr geschafft, all die zubereiteten Snacks zu vertilgen. Aber das war nun wirklich kein Problem. Ich hatte einfach alles eingefroren, das nicht mehr länger im Kühlschrank aufbewahrt werden konnte. So würde ich mir für einige Zeit keine Gedanken um meine Mahlzeiten machen müssen.

Nachdem ich eine Kleinigkeit gegessen hatte, setzte ich mich auf die Couch und breitete die Arbeitsaufgaben vor mir aus, die meine Studenten vergangene Woche abgegeben hatten. Mein Büro war seit Natsuos Anschlag noch nicht wieder gänzlich hergestellt worden, deshalb hatte ich die Arbeit mit nach Hause nehmen müssen. Da ich in diesem Semester allerdings mit guten, fleißigen Studenten gesegnet worden war, gab es gar nicht viel zu korrigieren.

Mir blieb unerwartet viel Freizeit. Was sollte ich tun? Fernsehen? In letzter Zeit liefen selten spannende Sendungen. Lesen? Mein zuletzt begonnenes Buch hatte mich irgendwie nicht gepackt und mir stand weniger der Sinn danach, ein Altes anzufangen.

Schlussendlich entschied ich mich dafür, hinunter ins Labor zu gehen. Seit dem misslungenen Anschlag auf Tensei hatte ich dort keine Zeit mehr zugebracht. Meine Forschungen lagen blank.

Manchmal braucht es Abstand, um Dinge wieder klarer zu sehen.

Diese alte Lebensweisheit stammte von meiner Großmutter. Früher hatte ich sie oft gefragt, wie sie mit Fehlschlägen in ihrem Leben umging. Oma Chiyo war von sehr geduldiger Natur, viel geduldiger als ich, und nahm die Dinge meist so, wie sie kamen. Oft hatte es mir in schwierigen Situationen geholfen, mit ihr darüber zu sprechen. Was das anging, kannte sie mich wohl besser als meine eigene Mutter.

Als ich mich an meinen Schreibtisch im Labor setzte und meine zuletzt gemachten Notizen überflog, brauchte ich eine ganze Weile, um mich daran zu erinnern, was ich hier eigentlich fabriziert hatte. Manchmal fragte ich mich, ob ich überhaupt noch auf dem richtigen Weg war. Gab es überhaupt eine Möglichkeit, Quirks zuverlässig und dauerhaft zu zerstören?

Niemand hatte je herausgefunden, warum Spezialitäten irgendwann aufgetreten waren. Es gab sehr viele Theorien dazu, mitunter auch einige Verschwörungstheorien, die lachhaft bis völlig verrückt klangen.

Genau so, wie keiner wusste, wo Spezialitäten eigentlich herkamen, konnte auch niemand sagen, ob sie irgendwann wieder verschwinden würden. Meistens waren Normalos Kinder von Eltern, die beide über besondere Fähigkeiten verfügten. Wenn Normalos allerdings Kinder mit einem Partner bekamen, der eine Spezialität besaß, so konnte deren Kind meistens auch eine Fähigkeit entwickeln. Sogar wenn zwei Normalos Kinder bekamen, war es nicht unmöglich, dass ihre Kinder über eine Spezialität verfügten.

Das alles war nur langweilige Statistik, aber ich beschäftigte mich deshalb damit, weil ich mich fragte, ob unsere Gesellschaft irgendwann wieder frei von Spezialitäten sein würde. Ich hatte schon einige Artikel gelesen, in denen dargelegt wurde, dass die Spezialitäten der Generationen nach mir immer heftiger wurden. Irgendwann musste doch einmal Schluss sein, oder?

Eines Tages würde es einen großen Knall geben, so lautete meine ganz persönliche Theorie. Ich verachtete Menschen mit Spezialität nicht per se, aber ich sah die Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen, die meinen Freunden zuteil wurden, weil sie Normalos waren, und gegen die die wohlwollend gepriesene Heldengesellschaft nichts unternahm.

Wir organisierten uns zu fünft im Untergrund und hatten schon Leute umgebracht. Zu was wären wir imstande, gäbe es ein Netzwerk von systemkritischen Normalos auf der ganzen Welt?

Das sollte nicht bedeuten, dass ich neuerdings größenwahnsinnig wurde. Ich war genug damit beschäftigt, meine vier Freunde im Auge zu behalten, vor allem jetzt, wo leider die Schurkenliga auf uns aufmerksam geworden war. Aber es wäre möglich, dass sich Normalos gegen die jetzige Gesellschaft zur Wehr setzten. Blieb nur die Frage, wie das enden würde.

Auf der einen Seite verfolgte ich diese Ansätze gerne und strickte sie gedanklich auch weiter. Auf der anderen Seite hoffte ich, den Tag des großen Knalls nicht mehr miterleben zu müssen. Der Gedanke, dass irgendwann ein Krieg ausbrechen könnte, in dem Quirknutzer mit ihren Fähigkeiten gegen Normalos vorgingen, gruselte mich. Dieser Stoff wäre geeignet für einen Horrorfilm. Wir waren der Zweiklassengesellschaft nicht so fern, wie alle immer behaupteten. Eigentlich stabilisierte diese sich mit jedem Tag mehr.

Ein Klingeln in der Ferne schreckte mich auf. Erst nach einem Moment des Hinhörens erkannte ich mein Festnetztelefon. Ich besaß ein solches, gab die Nummer aber fast nie heraus. Höchstens meine Ärzte riefen auf dem Festnetz an oder meine Freunde, wenn sie in Schwierigkeiten waren und ich nicht ans Handy ging.

„Mist!“, entfuhr es mir laut. Schon im Auto war ständig mein Klingelton zu hören gewesen. Wie hatte ich das allen Ernstes vergessen können? Was, wenn etwas passiert war?

Vom Labor aus eilte ich hoch in den Flur, doch nicht schnell genug. Das Festnetz verstummte, bevor ich den Hörer abnehmen konnte. Also öffnete ich im Anschluss meine Handtasche und fischte mein Handy heraus.

Hidemi hatte angerufen, dreimal hintereinander, und einmal meine Großmutter. Das war seltsam. Neuerdings rief Oma Chiyo mich ungewohnt häufig an. Da war doch was im Busch!

Ich beschloss, dass meine beste Freundin mir in diesem Moment wichtiger war als meine Großmutter, und rief zuerst Hidemi zurück. Ihre Stimme klang seltsam belegt, als sie dranging.

„Hey Mika! Ich ... Störe ich?“

„Nein, nein“, versicherte ich ihr rasch. Ich bekam ein flaues Gefühl im Magen, das mich stark beunruhigte. „Ist etwas passiert?“

„Ich wollte fragen, wie es dir geht.“ Sie machte eine Pause, fuhr dann zögerlicher fort: „Soll ich zu dir kommen?“

„Ähm, bei mir ist alles in Ordnung“, entgegnete ich und runzelte die Stirn. „Warum fragst du?“

Meine Hände wurden kalt. Irgendetwas stimmte hier nicht. Ich hatte angenommen, dass Hidemi in Schwierigkeiten steckte, aber offenkundig ging sie vom umgekehrten Fall aus. Wieso nahm sie an, ich bräuchte Hilfe?

„Du weißt es noch nicht?“ Sie japste nach Luft. „Oh je, du weißt es noch nicht, Mika?“

Das flaue Gefühl in der Magengegend wurde so schlimm, dass ich anfing, unruhig im Flur auf und ab zu gehen. „Was weiß ich noch nicht? Verdammt, Hidemi, red' nicht um den heißen Brei herum!“

„Ingenium wurde von Stain angegriffen.“

Mit einem Schlag war in meinem Kopf nur noch Leere. Eine seltsame, fürchterliche Leere, die mich in eine Zeit zurückkatapultierte, von der ich glaubte, sie hinter mir gelassen zu haben. Ich kannte dieses Gefühl, diese unerschütterliche, grausame Leere, die einen von den Haarspitzen bis zu den Zehen verschluckte.

„Chizome hat Tensei ...?“ Mehr bekam ich nicht heraus.

Ich hörte anhand ihrer Stimme, dass Hidemi die Tränen in den Augen standen. „Gestern ist es in den Medien wegen des Sportfests untergegangen, aber seit heute Mittag überschlagen sich die Nachrichten“, erzählte sie mir. „Ich dachte, du hast es schon mitbekommen. Soll ich zu dir kommen?“

„Nein“, lehnte ich ab, bevor ich überhaupt über ihre Angebot nachgedacht hatte. Mich beschäftigte etwas ganz anderes. Ich traute mich kaum, den Gedanken in Worte zu fassen. „Ist er ...?“

„Laut den aktuellen Berichten ist er nicht tot, nein“, beruhigte Hidemi mich. „Er muss sehr schwer verwundet worden sein. Anscheinend haben die Reporter noch nicht herausgefunden, in welches Krankenhaus er eingeliefert wurde, aber es muss irgendeines in Tokyo sein. Seine Agentur ist nicht für andere Präfekturen zuständig.“

Diese Nachricht ließ mich ein winziges bisschen Licht am Horizont sehen. Stain hatte die meisten seiner Ziele getötet, aber Tensei war wohl so stark gewesen, dass ihm das bei ihm nicht gelungen war. Nichtsdestotrotz war die Sachlage ernst. Alle, die einen Kampf gegen ihn überlebten, blieben verkrüppelt zurück.

Wie von selbst trugen meine Beine mich ins Wohnzimmer, wo ich mich unsanft auf das Sofa fallen ließ. Ausgerechnet mein Expartner könnte meinen irgendwie-bald-Partner unwiederbringlich so zugerichtet haben? Diesen Gedanken ertrug ich kaum.

„Mika? Soll ich kommen?“, wiederholte Hidemi ihre Frage zum x-ten Mal. „Es ist in Ordnung, Daisuke wird mich bestimmt fahren, wenn ich ihn frage. Ich könnte sofort bei dir sein und so lange bleiben, wie du willst.“

„Nein Hidemi. Schon gut. Ich werde ... Ich ...“

Keine Ahnung, was ich zu tun gedachte. Ich bekam ja nicht einmal das Schlottern meines Körpers in den Griff. Aber ich spürte, dass ich sie jetzt nicht um mich haben wollte.

So war es schon immer gewesen. In solchen Situationen mutierte ich zur Wölfin, die ihre Wunden alleine leckte. Außerdem kam mir in diesem Moment ein anderer Einfall. War der Angriff auf Tensei vielleicht der Grund, weshalb meine Großmutter angerufen hatte? Das würde irgendwie Sinn ergeben. Zudem war meine Großmutter keine beliebige Persönlichkeit im Heldenbusiness. Eventuell wusste sie schon längst, in welchem Krankenhaus Tensei behandelt wurde.

„Ich werde meine Oma anrufen“, sagte ich erstaunlich entschlossen zu Hidemi. „Sie ist bestimmt mit Insiderwissen versorgt. Ich schreibe dir später.“

„Okay.“

Sie machte sich ernsthafte Sorgen, aber sie belagerte mich wenigstens nicht mehr mit ihrem Angebot. Darüber war ich wirklich froh. Je verzwickter die Lage wurde, desto weniger mochte ich Gesellschaft haben.

Nachdem ich ihr noch einmal versichert hatte, ich käme zurecht, und ich ihr hoch und heilig versprochen hatte, mich später noch einmal zu melden, legte Hidemi auf. Einen Augenblick lang starrte ich auf den ausgeschalteten Bildschirm meines Fernsehers und atmete einfach nur vor mich hin.

Warum?, fragte ich mich und stützte den Kopf in die Hände. Warum passiert das immer mir? Warum immer, wenn ich gerade ein bisschen glücklich bin?

Es bedurfte mich großer Selbstbeherrschung, nicht einfach in Tränen auszubrechen und mich wie ein Baby auf dem Sofa zusammenrollen. Ich hatte in den vergangenen Monaten viel zu häufig geweint. Das war ich von mir selbst nicht gewohnt. Ich war doch sonst nicht so weich.

Nachdem ich glaubte, mich im Griff zu haben, rief ich meine Großmutter zurück. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie dranging. Ich versuchte mir einzureden, dass ihr Gehör einfach nur schlechter wurde.

„Mika! Du hast also von Akaguros Angriff auf Iida gehört.“ Sie kam ohne Umschweife zur Sache.

„Weißt du irgendetwas, Oma? Wie geht es ihm? Wie stark ist er verletzt? Wird er Schäden zurückbehalten?“, sprudelten die Fragen aus mir heraus. Meine Stimme krächzte, aber immerhin flennte ich nicht wie ein kleines Mädchen. Das bewertete ich halbwegs positiv.

„Ich war gestern nach dem Sportfest bei ihm und heute Morgen auch noch einmal. Er wird durchkommen“, antwortete meine Großmutter. „Akaguro hat ihn übel zugerichtet. Ob er bleibende Schäden behält, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht voraussagen. Auf jeden Fall wird er einige Zeit im Rollstuhl zubringen müssen, da seine Beine zerschmettert wurden.“

Das war meine Großmutter: sachlich und nüchtern. Eigentlich absurd, aber genau diese Art der Berichterstattung half mir dabei, einen kühlen Kopf zu bewahren und nicht völlig durchzudrehen.

Es war keine Hiobsbotschaft. Einige Zeit im Rollstuhl bedeutete nicht, dass er den Rest seines Lebens darin verbringen musste. Wenn sich bisher nicht abschätzen ließ, ob er Schäden behalten würde, war das eher ein gutes Zeichen. Wäre er so übel zugerichtet, dass er auf jeden Fall geschädigt blieb, würde man das jetzt bereits wissen. Und er war nicht tot! Da wir von Stain sprachen, der schon siebzehn Helden getötet und zweiundzwanzig verkrüppelt hatte, musste ich mir das vor Augen halten. Tensei war nicht tot!

„Darfst du mir sagen, in welchem Krankenhaus er liegt?“, fragte ich mit klopfendem Herzen.

„Nein, dürfen tue ich das nicht. Aber was ich darf und was nicht, ist mir in diesem Fall egal. Er liegt im Hosu General Hospital“, offenbarte sie mir. „Willst du hin? Dann rufe ich dort an und sage denen, sie sollen dich zu ihm durchlassen.“

Das Hosu General Hospital lag, gemäß dem Namen, in Hosu, also nicht allzu weit entfernt. Ich wohnte in Suginami. Dazwischen befand sich noch der Bezirk Nakano, aber der war nicht besonders groß. In zwanzig Minuten könnte ich im Krankenhaus sein.

Die Frage war, ob ich das schaffte. Mit Sicherheit würden seine Eltern dort sein. War ich bereit, mich ihnen zu stellen, wenn sie fragten, wer ich war? Wenn sie wissen wollten, mit welchem Recht ich mir herausnahm, dort aufzukreuzen?

Da gab es noch etwas. Es brachte dem Personal auch nichts, wenn ich einen Heulanfall oder gar eine Panikattacke bekam. Ich hasste Krankenhäuser wie die Pest. Es lag nicht am sterilen Geruch, mit dem musste ich auch im Labor zurechtkommen. Das Problem bestand in der Atmosphäre. Wann immer ich im Krankenhaus war, sah ich meinen Bruder in jedem der Betten liegen.

Oh Gott! Tenseis Bruder!, schoss es mir durch den Kopf und beinahe hätte ich das Handy fallen gelassen. Der kleine Tenya war jetzt in fast derselben Situation wie ich vor zehn Jahren.

Niemand, der nicht selbst seinen Bruder oder seine Schwester verloren hatte, wusste, wie sich das anfühlte. Die Angst, wenn man denjenigen in diesem Zimmer zurücklassen musste. Diese schreckliche Angst, die einem das Herz zuschnürte und die Luft zum Atmen raubte. Die Angst vor dem, was die Zukunft brachte.

„Mika-chan?“ Meine Großmutter war noch am Telefon. „Soll ich jetzt dort anrufen?“

Ich sah Iida Tenyas Gesicht vor mir. Er war fünfzehn oder sechzehn Jahre alt, noch jünger, als ich es damals gewesen war. Diese Erkenntnis brachte mich schlussendlich dazu, meine Entscheidung zu fällen. „Entschuldige bitte, ich musste nachdenken. Ja, ich wäre dir sehr dankbar, wenn du das Personal informieren könntest. Ich werde mich gleich auf den Weg machen.“

Nachdem ich aufgelegt hatte, verschwand ich kurz ins Badezimmer. Meiner Meinung nach sah ich aus wie eine Vogelscheuche, aber das war mir in diesem Moment ganz egal. Ich trug schnell ein bisschen mehr Deodorant auf und putzte meine Zähne. Anschließend rauschte ich die Treppe hinunter, zog meine Schuhe sowie eine leichtere Jacke an und nahm meine Handtasche vom Haken. Mein Portemonnaie war noch darin, Handy und Schlüssel schmiss ich achtlos hinein.

Unter lautem Hupen und etwas riskanterer Fahrweise als üblich drängelte ich mir meinen Weg bis nach Hosu durch. Vor dem Krankenhaus erblickte ich keinen einzigen Reporter. Vermutlich hielten sie diese mit einer Finte ab Abstand. Wenn in irgendeinem anderen Krankenhaus das Gerücht umging, dass Tensei dort behandelt wurde, hatte er hier seine Ruhe.

Das Auto stellte ich in der Tiefgarage ab. Parkgebühren waren mir gerade einmal egal. Wozu verdiente ich als alleinstehende Frau sonst so viel Geld? Im Aufzug nach oben strich ich noch einmal meine Haare glatt und zupfte ein ausgefallenes von meiner Jacke.

In der Eingangshalle war erstaunlich wenig los. Ich musste gar nicht lange warten, bevor ich mich am Empfang melden konnte. Dort zeigte ich dem jungen Mann meinen Ausweis und senkte die Stimme: „Guten Tag, mein Name ist Shuzenji Mika. Ich bin hier, um Iida Tensei zu besuchen. Recovery Girl wollte Sie anrufen und vorab über mein Erscheinen informieren.“

„Ja, das stimmt.“ Er warf einen flüchtigen Blick auf meinen Ausweis und gab ihn mir zurück. „Er liegt auf Station drei in Zimmer einundachtzig. Bitte desinfizieren Sie sich gründlich die Hände, bevor Sie die Station betreten, Shuzenji-san. Die Kollegen dort wissen Bescheid.“

„Natürlich! Danke.“ Ich packte meinen Ausweis wieder ein und ging hinüber zu den Aufzügen.

Station drei war zweigeteilt: In den Zimmern fünfzig bis fünfundsiebzig, die rechte Seite, lagen Patienten der Kardiologie. Links hingegen, mit den Nummern sechsundsiebzig bis neunzig, befand sich die Intensivstation.

Dort musste man klingeln, um sich Zutritt zu verschaffen. Wie es mir aufgetragen worden war – und wie es der gesunde Menschenverstand bereits gebot – desinfizierte ich mir gründlich die Hände, bevor ich die Klingel betätigte.

Eine ältere Krankenschwester öffnete mir. Ich wiederholte meinen Namen und sie bat mich freundlich lächelnd herein. Sie brachte mich zum Wartezimmer, dann sagte sie: „Seine Familie ist gerade bei ihm. Bitte warten Sie kurz hier. Ich sage Ihnen Bescheid, sobald sie herauskommen.“

Ein kurzes Nicken meinerseits folgte. Sie verschwand und ich setzte mich auf einen Stuhl. Vermutlich wusste Tenseis Familie nicht einmal von mir, aber ich verzichtete darauf, der Krankenschwester dies zu sagen. Wenn sie nicht wollten, dass ich ihn sah, würde ich das akzeptieren. Es ging mir vor allem darum, die Gelegenheit zu bekommen, mit Tenya zu sprechen.

Ich wusste genau, wie er sich momentan fühlte. Ich kannte diese Angst und die Hilflosigkeit, die einen von innen auffraß. Im Gegensatz zu Isamu würde Tensei überleben, aber trotzdem krochen dieselben Emotionen in mir hoch. Diese Schatten lauerten überall, jederzeit bereit, wieder aus der Versenkung hervorzukriechen und sich auf ihr Opfer zu stürzen.

Sämtliche Zeitschriften auf dem Tisch blieben von mir unbeachtet. Ich schickte Hidemi eine kurze Information über meinen Aufenthaltsort und sendete meiner Großmutter einen Dank, bevor ich das Handy lautlos schaltete.

Die Zeit verstrich quälend langsam. Ich hatte so lange nur auf das Ticken der Wanduhr geachtet, dass ich erschrocken zusammenzuckte, als plötzlich eine Frau vor mir auftauchte.

Es musste Tenseis Mutter sein. Sie besaß dieselben dunkelblauen Haare und unzählige Mimikfältchen rund um die Augen. Den strengen Zug um den Mund hatte sie definitiv ihrem jüngeren Sohn vererbt. Ihre Handgelenke waren seltsam globig, doch als sie die Hände vor der Brust zusammenfaltete und sich verbeugte, sah ich, dass sie dort ihre Motoren hatte.

Rasch stand ich auf und tat es ihr gleich. Dabei stellte ich mich mit meinem Namen vor.

„Shuzenji? Sind Sie ...?“ Fragend blickte sie mich an.

„Ja, ich bin Recovery Girls Enkelin“, bestätigte ich. Da die Iida-Familie ausnahmslos aus Helden bestand, war es kein Wunder, dass sie sofort stutzig geworden war.

„Ich bin Iida Anzu, Tenseis Mutter.“ Sie wirkte misstrauisch. „Als er das letzte Mal zum Abendessen nach Hause gekommen ist, hat er uns erzählt, er hätte eine Frau kennengelernt. Aber ich habe nicht erwartet, Sie so schnell zu treffen. Vermutlich hat Ihre Großmutter Ihnen gesagt, wo wir sind.“

Ihre Worte überraschten mich. Tenseis Eltern wussten Bescheid? Damit hatte ich nicht gerechnet.

„Ich hoffe, ich erscheine Ihnen mit meinem Besuch nicht aufdringlich. Wenn Sie nicht möchten, dass ich ihn sehe, ist das völlig in Ordnung für mich“, sagte ich. „Ich bin vor allem wegen Tenya gekommen.“

„Oh, Sie kennen meinen jüngeren Sohn bereits?“ Anzu klang überrascht.

Ich verneinte und offenbarte ihr: „Tensei hat viel von ihm erzählt. Vor zehn Jahren war ich in einer ähnlichen Situation wie er. Ich möchte Tenya die Gelegenheit geben, mit jemandem über seine Gefühle zu sprechen, der ihn tatsächlich versteht.“

Damit hatte ich viel mehr von mir preisgegeben, als ich es jemals für möglich gehalten hätte. Lange hielt ich dem Blickkontakt von Tenseis Mutter stand. Sie wirkte sehr streng auf mich und hatte sicherlich keine Probleme, ungewollte Menschen auf Abstand zu halten Trotzdem gab sie nach: „Natürlich können Sie ihn sehen. Kommen Sie mit, Shuzenji-san!“

Das Zittern, das ich so gut unter Kontrolle gehalten hatte, kehrte zurück. Ich folgte Anzu zu Tenseis Zimmer. Als wir dort ankamen, öffnete sie die Tür einen Spaltbreit und winkte jemanden zu sich. Im nächsten Augenblick trat ein Mann zu uns heraus, der ganz eindeutig Tenseis Vater war. Das hätte ich sogar erkannt, hätte ich ihn auf der Straße getroffen. Die einzigen beiden Unterschiede bestanden in dem Leberfleck auf seiner rechten Wange und den Haaren, die bereits mehr grau als schwarz waren.

Anzu äußerte, sie würde uns später einander vorstellen, und bedeutete mir, den Raum zu betreten. Ich kam der Aufforderung nach und schloss leise hinter mir die Tür. Es handelte sich um Einzelzimmer. Der Vorhang vor dem Bett war zugezogen, aber dem Schattenwurf nach zu urteilen befand sich eine weitere Person im Raum.

Bestimmt Tenya.

Meine Beine fühlten sich an, als würden sie jeden Moment unter mir wegbrechen. Ich stakste mehr schlecht als recht auf das Krankenbett zu und umrundete den Vorhang.

Der Anblick zog mir völlig den Boden unter den Füßen weg. Mit den geschlossenen Augen sah Tensei mehr tot als lebendig aus, wie er da unter der Decke lag, an diverse Geräte verkabelt und mit zusätzlicher Sauerstoffzufuhr über die Nase. Er erschien mir bleich und all die Fröhlichkeit war aus seinem Gesicht gewichen.

Tenya, nicht minder blass, blickte mich überrascht an. Im Anschluss daran stand er schnell auf und begrüßte mich auf dieselbe Weise, wie seine Mutter es getan hatte. „Sie sind sicher Shuzenji-hakase. Ich bin Iida Tenya, Tenseis jüngerer Bruder. Ich freue mich, Sie kennenzulernen.“

„Du kannst mich duzen. Mika ist völlig ausreichend“, bot ich ihm an, da ich die Ältere von uns war und es mir zudem seltsam vorkam, den minderjährigen Bruder meines neuen Partners zu siezen.

Wieder überraschte mich mein Bekanntheitsgrad. Ich hatte Tensei unterschätzt. Wo ich Geheimniskrämerei betrieb, war er vermutlich überglücklich gewesen, seiner Familie von uns zu erzählen.

„Danke. Dann gilt das natürlich auch für mich ... äh ... Mika“, sagte er trotzdem noch in ungewohnt höflicher Manier. Er schob seinen Stuhl näher zu mir. „Bitte, setz' dich doch! Ich wollte mir sowieso gerade etwas zu trinken holen.“

„Du musst dich nicht vertrieben fühlen“, erwiderte ich.

„Tenya? Grapefruitsaft?“

Erschrocken fuhr ich zum Krankenbett herum und musste feststellen, dass Tensei die Augen geöffnet hatte. Eine Weile sah er mich seltsam unfokussiert an, aber als er mich erkannte, verzog er die Lippen zu einem schwachen Lächeln.

„Mika.“

Mein Herz setzte einen Schlag aus. Er war ja wach! Das hätte meine Großmutter mir ruhig auch sagen können. Ich trat einen Schritt näher ans Bett, beugte mich vorsichtig herunter und küsste ihn sacht auf die Wange.

„Ich bin gleich wieder da“, stotterte Tenya mit hochroten Wangen und flüchtete aus dem Zimmer.

So nahm ich also doch seinen Stuhl ein und setzte mich. Langsam griff ich nach Tenseis Hand und hielt diese in meinen beiden Händen fest, streichelte mit dem Daumen über seine Knöchel.

Egal, ob diese Situation mir eine Reise in meine traurige Vergangenheit beschert hatte. Egal, wie schrecklich Tensei aussah. Er lebte! Das zählte! Es war mir in diesem Augenblick auch total egal, was alles ungesagt zwischen uns stand, wie viele Probleme ich mit Block King Kong bekommen würde und was ich meinen Kameraden erzählen sollte. Wenn dieser Held mich immer noch wollte, würde ich nicht mehr einfach so verschwinden. Der wurde mich nicht mehr los.


~~*~~*~~


Preview: Mika erhält die Gelegenheit, die Familie Iida besser kennenzulernen. Werden diese sie akzeptieren? Wie wird das Gespräch mit Tenya verlaufen? Und welcher Albtraum ist noch lange nicht vorüber? Das erfahrt ihr in Kapitel 16: Die Iidas. Bis dahin – Plus Ultra! ;D


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Hallo zusammen :-)

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Bis bald!
Jadina
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