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Block King Kong

von Jadina
GeschichteDrama / P16 / Het
Chiyo Shuzenji / Recovery Girl Chizome Akaguro / Stain OC (Own Charakter) Tensei Iida / Ingenium Tenya Iida
01.01.2021
03.12.2021
17
61.496
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30.09.2021 4.049
 
~~ Kapitel 13: Rettung in letzter Sekunde ~~



Nachdem Tanaka und ich unsere drei Mitstreiter über den Ausgang des Treffens mit Twice informiert hatten, kehrte für einige Tage halbwegs Ruhe ein. Zumindest was das Thema anging.

Da ich wieder einmal unter heftigen Kopfschmerzen litt, verbrachte ich die Zeit größtenteils zu Hause. Dieses Mal überkam es mich so schlimm, dass ich über meine Hausärztin den Kontakt zu einem Spezialisten aufnahm. Leider bekam ich erst einen Termin im August, also in etwas weniger als vier Monaten.

Doch damit leider nicht genug. Probleme gab es noch ganz anderer Art.

Zum Ersten war da meine Großmutter. Keine Ahnung, welcher überirdischen Intuition ich diesen Schlamassel verdankte, aber aus irgendeinem Grund hatte sie mich am Tag nach dem Treffen mit Twice angerufen und mich zu genau dem Thema befragt – ob ich von der Schurkenliga schon gehört hätte, was ich über sie dachte und so weiter. Ich hoffte, ich hatte ihr keinen Anlass zur Beunruhigung gegeben. Ein bisschen skeptisch stimmte mich das schon. Normalerweise fragte sie mich nie zu solchen Themen aus und von sich aus anzurufen, sah ihr auch weniger ähnlich.

Zum Zweiten ließ Tensei einfach nicht locker. Eigentlich müsste man ja meinen, einem erwachsenen Mann würde irgendwann ein Licht aufgehen, wenn die Frau sich einfach nicht mehr zurückmeldete. Pustekuchen! Weil ich konsequent nicht ans Telefon ging, schickte er in regelmäßigen Abständen Nachrichten mit der Bitte, ich solle mich melden.

Daran dachte ich viel zu oft, als mir gut tat. Einerseits wollte ich den Kontakt zu ihm abbrechen. Er arbeitete als Held, das war zu gefährlich. Diese Leier hatte ich jetzt oft genug im Kopf durchgespielt, das brauchte ich nicht zu wiederholen. Andererseits existierte in mir aber auch dieser selten dämliche Anteil Mika, die sich nach seiner Aufmerksamkeit sehnte. Sollte ich jetzt einen erwachsenen Schlussstrich ziehen oder nicht?

Zum Dritten hatte ich mich immer noch nicht mit Hidemi ausgesprochen. Inzwischen konnte ich mich zu dem Gedanken durchringen, ihr zu verzeihen, wenn sie doch nur offen mit mir reden würde. Wenn sie mir erklärte, warum sie es so wichtig fand, dass ich Tensei in meiner Nähe behielt. Ihre Worte, dass ich einsam sei, hatte ich nicht vergessen. Sie gingen mir viel zu oft durch den Kopf.

Eigentlich fand ich das albern. Mich umgaben jede Menge Leute, die ich über alles liebte. Wie konnte ich da einsam sein? Nichtsdestotrotz hatten ihre Worte mich getroffen, also musste da etwas Wahres dran sein.

Zum Vierten und bescheuerter als alles zuvor spielte ich mit dem Gedanken, mich ein letztes Mal auf die Suche nach Stain zu machen. Ich wollte ihn warnen. Da ich bei dem Treffen mit Twice von diesem gezielt danach gefragt worden war, ob ich noch Kontakt zu ihm hielt, hielt ich an der Überzeugung fest, dass sie ihn rekrutieren wollten.

Ganz gleich, ob er das wollte oder nicht, fühlte ich mich schlecht bei dem Gedanken, ihm keine Warnung zukommen zu lassen. Wenn die Leute dort genauso agierten wie Stain, waren die komplett verrückt! Wenn er alleine zu einem solchen Treffen spazierte, würde das übel enden, seine enormen Kampfkräfte hin oder her.

All diese Probleme hielten mich mehr oder weniger auf Trab. Priorität hatte eigentlich das Thema mit Hidemi, aber als ich an diesem Donnerstagmittag mal wieder einen Bericht über Stain im Fernsehen sah, rutschte meine beste Freundin hinten an. Laut der Reportage schien Stain sich immer noch in Tokyo aufzuhalten. Entweder verhielt er sich momentan absichtlich leichtsinnig oder er verfolgte einen speziellen Plan.

Das wiederum eröffnete mir die Möglichkeit, ihn erneut und ohne großen Aufwand zu treffen. Wenn ich es jetzt nicht tat, würde sich die Gelegenheit nicht mehr so schnell bieten. Er besaß schließlich kein Handy, sodass ich ihn nicht einfach anrufen und mich mit ihm verabreden konnte. Wenn ich mir jetzt zu viel Zeit ließ, vertat ich die Chance.

Demnach wunderte ich mich kein bisschen über mich selbst, als ich mich gegen Abend unter Medikamenten hinters Steuer setzte und nach Roppongi fuhr. Ich fand es ziemlich mutig von ihm, so lange ausgerechnet in dieser Region zu verweilen. All Mights Heldenagentur war hier stationiert. Auch wenn die Nummer eins derzeit an der Yūei unterrichtete und sich nicht mehr groß auf Patrouille begab, bedeutete das trotzdem ein großes Risiko. Es musste einen speziellen Grund geben, warum Stain sich hier herumtrieb. Doch welcher?

Keine Ahnung, ob es an dem kürzlichen Treffen mit Twice lag, aber ich musste leidvoll feststellen, dass ich mich mit Daisuke an der Seite wesentlich sicherer gefühlt hatte. Nun alleine und ohne ein konkretes Ziel durch Roppongi zu spazieren, fühlte sich merkwürdig und unangenehm zugleich an.

Manches Mal fühlte ich mich regelrecht angestarrt, konnte aber niemand erspähen, auf dessen Kappe dieses Gefühl ging. Meine Pistole lag zu Hause, was ich nun bereute. Trotz meines Alters wurde ich abends hin und wieder von der Polizei kontrolliert. Vermutlich lag es an meiner geringen Körpergröße. Diese Erfahrungen hatten den Ausschlag dafür gegeben, ohne Waffe loszumarschieren. Wie hätte ich den Beamten denn eine Schusswaffe erklären sollen?

Wie beim letzten Findungsversuch auch versuchte ich, die Orte abzuklappern, an denen ich ihn vermutete. Ohne eine Karte gelang mir das aus dem Gedächtnis eher schlecht als recht. Vermutlich vergaß ich die Hälfte. Nach über einer Stunde kam ich jedenfalls wieder am Ausgangspunkt an und musste missmutig feststellen, erfolglos geblieben zu sein.

Ein zweites Mal würde Stain sicher nicht bei mir zu Hause vorbeischauen, nur weil ich nach ihm suchte. Die Wahrscheinlichkeit dafür wollte ich mir gar nicht erst ausrechnen, so gering erschien sie mir. Unsere letzte Verabschiedung war von seiner Seite aus eine endgültige Verabschiedung gewesen. Wenn ich ihn nicht fand, würde er der Liga zweifelsohne ins offene Messer rennen.

In meiner Verzweiflung tat ich das Nächstbeste, das mir in den Sinn kam, und holte mir an einem der spätabends noch geöffneten Straßenimbisse erst einmal etwas zu essen. Anschließend suchte ich mir einen Sitzplatz auf einer der Bänke, die überall in Roppongi verteilt standen, und machte eine Pause.

Wo konnte ich noch nach ihm suchen? Welche Orte ergaben Sinn? Diese Gedanken beschäftigten mich während des Essens und hätten mich wohl noch eine ganze Weile länger auf Trab gehalten, wäre in diesem Augenblick nicht ein Schatten auffällig unauffällig um die Ecke verschwunden.

Ich sah noch das Ende eines roten, zerrissenen Schals, der mir unweigerlich bekannt vorkam. Als Stain vor einiger Zeit bei mir untergekommen war, hatte ich beim Waschen seiner Sachen diesen Schal als den erkannt, den ich ihm zu unserem einjährigem Jubiläum geschenkt hatte. Kaum zu glauben, dass er immer noch mit dem alten Ding herumlief.

Rasch entsorgte ich die leere Pappbox meines Imbisses im Mülleimer und heftete mich an die Fersen des Schattens. Er lief stets ein gutes Stück voraus und bewegte sich geschickt in der Dunkelheit. Kein Zweifel, ich hatte ihn gefunden! Nun musste ich ihn nur noch einholen und auf mich aufmerksam machen, ohne von ihm ein Messer in den Hals gerammt zu bekommen.

Das erwies sich jedoch als äußerst schwieriges Unterfangen. Zweimal fuhr eine Polizeistreife an mir vorbei und einmal begegnete ich einem patrouillierenden Helden. Er ragte immens in die Höhe, besaß unerklärlicherweise eine muskulöse Brust und zugleich einen ordentlichen Bierbauch. Fast hätte er mich im Vorbeigehen von der Straße geschubst, weil er so viel Platz auf dem Bürgersteig einnahm.

Ich wollte keine Aufmerksamkeit erregen. Zugleich durfte ich nicht langsamer oder unachtsam werden, sonst verschwand Stain im Handumdrehen wieder aus meiner Reichweite. Beinahe ärgerte ich mich über mich selbst. Hätte ich im Vorhinein gewusst, dass ich noch einmal nach ihm suchen würde, hätte ich seine Klamotten beim Waschen mit einem von Daisukes Bewegungssensoren ausgestattet.

Schließlich verschwand er in einer engen Gasse zwischen zwei Häusern. Als ich die Gasse betrat, übermannte mich auf einmal ein Déjà-vu. Genau hier war ich doch letztes Mal auch mit Daisuke hineingelaufen! Es fehlte nur noch die streunende Katze.

Mein Herz machte einen unangenehmen Klopfer zu viel. Gleich würde ich ihm gegenüberstehen. Von hier konnte er nicht fliehen. Daisuke und ich mussten uns beim letzten Mal nur geirrt haben, nichts weiter. Erst mal in der engen Gasse gefangen, kam man nicht mehr ungesehen davon.

Vor Nervosität fing ich zu zittern an, als sein Schatten immer klarere Umrisse bekam. Er stand mit dem Rücken zu mir vor der Hintertür eines Bürogebäudes und bemerkte mich wohl noch nicht. Wie sollte ich ihm erklären, warum ich mich entgegen seiner Warnung doch mit jemandem von der Liga getroffen hatte? Wollte er überhaupt mit mir sprechen?

Ich atmete tief durch und straffte die Schultern. Das würde ich jetzt durchziehen! Wenn er meine Warnung nicht beachtete, traf mich keine Schuld mehr, wenn es zu einer Eskalation mit der Liga kam.

Doch als ich noch näher trat, geschah etwas, womit ich überhaupt nicht rechnete.

Aus dem Nichts sauste plötzlich jemand in einem silbernen Heldenanzug heran, der am ehesten einer Rüstung gleichkam. Bevor ich mich versah, hob derjenige mich auch schon hoch und sprintete unter Zuhilfenahme seiner Spezialität davon. Dampf strömte aus den Armen der Person und die Umgebung flog als ein einziger Farbfilm an mir vorbei.

Bei der Geschwindigkeit wurde mir schwindelig, deshalb schloss ich die Augen. Rasantes Tempo und Kopfschmerztabletten in Kombination gehörten verboten! Als ich sie wieder öffnete, hing ich immer noch in den Armen der Person in der Rüstung. Kurz darauf kamen wir auf dem Flachdach eines Hauses zum Stillstand. Der patrouillierende Held von vorhin wartete dort auf uns. Neben ihm stand eine junge Frau mit zwei sehr langen geflochtenen Zöpfen, die uns besorgt ansah.

Bei ihrem Anblick hegte ich eine ungute Vorahnung, um wen es sich bei diesen Leuten handelte. Das sollte mir sogleich bestätigt werden. Mein Retter zog seinen Helm vom Kopf. Dunkelblaue, verschwitzt in der Stirn klebende Haare kamen zum Vorschein. Dann stieß Tensei hervor: „Das war knapp!“

„Keine Sorge, wir sind von Team Idaten“, beruhigte mich der Dicke. „Sie sind in Sicherheit.“

„Ich habe ihn gesehen. Er ist tatsächlich noch in der Stadt“, sagte Tensei zu den anderen Helden. „Könnt ihr eine Meldung machen? Ich kümmere mich um sie.“

„Natürlich!“ Die junge Frau und ihr Mitstreiter verließen das Dach des Hauses durch das Treppenhaus nach unten und verschwanden somit blitzartig von der Bildfläche.

„Hey Mika!“ Tensei rang sich ein Lächeln ab. „Du hast keine Ahnung, was gerade passiert ist, oder?“

Ich war kurz davor, Chizome endlich einzuholen, damit ich ihn vor der Liga warnen kann. Dann bist du aufgetaucht und hast mich von ihm weggeholt, fasste ich gedanklich zusammen.

Am liebsten hätte ich meinen schmerzenden Kopf auf den Boden geschlagen. Tensei dachte natürlich, dass er mich vor Stain gerettet hatte.

„Auch gut. Weißt du, da war ein übler Schurke in nächster Nähe, deshalb musste ich dich so schnell aus der Gefahrenzone bringen und hatte keine Zeit für Erklärungen“, äußerte er und strich mir eine Haarsträhne hinters Ohr, die sich bei der wilden Flucht aus meinem Zopf gelöst hatte. „Geht es dir gut?“

„Schwindelig“, antwortete ich ausweichend. In Wahrheit war ich stinkwütend. Solche Zufälle passierten immer nur in Filmen, aber nicht in der Realität. Wieso ausgerechnet heute? Warum ausgerechnet jetzt? Ich hätte ihn beinahe gehabt!

„Tut mir leid.“ Er wirkte verlegen. „Ich wollte dort so schnell weg wie möglich. Mit dem Typ ist nicht zu spaßen. Aber sag mal, was hast du eigentlich dort gemacht?“

Da ich mich immer noch über die Wende im Geschehen maßlos ärgerte, fiel mir auf die Schnelle keine bessere Ausrede ein, als zu antworten: „Ich hatte mich verlaufen.“

„Oh.“ Er wirkte überrascht. Dann öffnete er irgendeinen Teil seines Heldenanzugs und zog ein Trinkpäckchen mit Grapefruitsaft hervor, das er mir anbot.

Ich lehnte dankend ab.

Daraufhin steckte er den Strohhalm in die Öffnung und trank es in einem Zug aus. Anschließend meinte er: „Ich bringe dich wohl besser nach Hause. Für heute bin ich hier fertig. Ich habe sowieso nur einen Kollegen vertreten, ist ja eigentlich gar nicht mein Bezirk.“

„Ich kann alleine gehen.“ Ich rappelte mich etwas zu schnell auf. Prompt wurde mir wirklich schwindelig und ich musste mich an Tenseis Schulter festhalten.

„Nichts für ungut, aber nein, ich bringe dich nach Hause.“ Er blickte mich ungewohnt streng an. „Was wäre ich denn für ein Held, wenn ich dich in diesem Zustand alleine loslaufen lasse? Du hast wahrscheinlich gar nichts bemerkt, aber du bist gerade ziemlich haarscharf der Begegnung mit einem üblen Schurken entgangen.“

„Toll!“, entfuhr es mir sarkastisch.Tensei sah mich überrascht an und ich biss mir auf die Zunge. Wenn er jetzt Verdacht schöpfte, dass ich mit Stain zu tun hatte, war dieser beschissene Tag endgültig im Eimer.

Seit unserem Techtelmechtel und meiner überstürzten Flucht in der Annahme, ihn tödlich vergiftet zu haben, herrschte Funkstille von meiner Seite. Wenn er mich nun nach Hause brachte, konnte ich einer Aussprache nicht mehr entgehen.

„Bist du sauer auf mich?“, fragte er und hielt mich sanft am Arm fest. „Das mit dem Schwindel tut mir leid. Ich verspreche dir, ich werde einen Gang runterschalten.“

Blieb mir überhaupt eine Wahl? Tensei gab nicht so schnell auf, ein gewisses Maß an Hartnäckigkeit zeichnete ihn aus. Das sollte ich inzwischen wissen. Ansonsten hätte er sich nicht bemüht, mich trotz meines vorgespielten Desinteresses nicht wieder und wieder zu kontaktieren.

Letztendlich gab ich mich geschlagen. „Na gut. Du weißt ja, wo ich wohne.“ Im Stillen fügte ich an: Eigentlich ist es ein Wunder, dass du noch nicht ungefragt bei mir aufgetaucht bist, weil ich dir nicht geantwortet habe.

Ich fühlte mich bescheuert dabei, von ihm wie ein Kind auf die Arme genommen zu werden. Bei unserem Größenunterschied und seinem körperlichen Zustand war das für ihn sicher ein Klacks. Er bemühte sich wirklich, langsamer zu laufen. Da wir uns aber über die Dächer Tokyos bewegten, machte das keinen Unterschied. Ich kniff trotzdem die Augen zusammen und öffnete sie erst wieder, als er sagte: „Wir sind da!“

Als wäre dieser Tag nicht schon beknackt genug verlaufen, vertrieb sich das Ehepaar Itō ausgerechnet heute die Zeit nicht mit einem Angelausflug, sondern kam gerade vom Einkaufen. Kaum aus dem Auto ausgestiegen, eilte Frau Itō eilte besorgt auf uns zu.

„Shuzenji-san! Geht es Ihnen gut? Ist etwas passiert?“

Die Besorgnis kaufte ich ihr tatsächlich ab und das tröstete mich geringfügig. Dies traf nämlich weder auf ihren Mann noch auf meinen anderen Nachbarn, Herrn Minamisaki, zu. Die interessierten sich nur für sich selbst.

„Nein, es ist nichts passiert. Mir geht es gut“, versicherte ich ihr. Es fehlte mir noch, dass meine Nachbarin vielleicht auf die Idee kam, mich mal wieder zum Teetrinken einzuladen. Das vermied ich so gut, wie ich konnte.

„Den Göttern sei Dank! Sie hatten einen Beschützer.“ Es wirkte fast so, als zwinkerte die Alte. „Sie sind Ingenium, nicht wahr? Ich habe Sie schon ein paar Mal in der Zeitung gesehen.“

Just wurde ich Zeugin davon, dass dieser Umstand Tensei sogar unangenehm zu sein schien. Seine Wangen röteten sich und er lachte verlegen auf. „Ach ja, das kann sein! Manchmal erwischen mich die Reporter, dabei gibt es noch jede Menge anderer Helden, die viel härter arbeiten als ich.“

Ich hing immer noch in seinen Armen, was langsam peinlich wurde. Mit einem undamenhaften Strampeln befreite ich mich aus seinem Griff und stand mit dem nächsten Wimpernschlag wieder auf eigenen Beinen. Da ich im Anschluss fast über meine Füße gestolpert wäre, nutzte Tensei dies als Anlass, um meiner Nachbarin zu entgehen.

„Oh je! Ich glaube, ich bringe sie besser nach drinnen.“ Höflich verneigte er sich. „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Nachmittag.“

Den Blick fest auf mein Haus gerichtet, betraten wir mein Grundstück. Beide atmeten wir aus, als wir in meinem Flur standen und durch das kleine Fenster vor der Treppe sehen konnten, wie die Itōs in ihren eigenen vier Wänden verschwanden.

„Du hast nette Nachbarn.“ Tensei grinste. „Sie haben nicht nach Autogrammen gefragt und auch keine Spekulationen geäußert, ob wir ein Paar sind.“

„Ich glaube nicht, dass die zwei wissen, wie man das Internet bedient, also können sie keine Unwahrheiten verbreiten“, erwiderte ich. Dazu hielt ich die Itōs für zu altmodisch. Das Wort Paar überging ich gnadenlos. Wir waren ganz sicher nicht zusammen, nur weil wir einmal miteinander geschlafen hatten.

Als wäre alles ganz selbstverständlich, folgte Tensei mir ins Wohnzimmer, wo ich mich aufs Sofa fallen ließ. Wenn nur der Schwindel langsam nachlassen würde ...

Eine ziemlich peinliche Stille kehrte ein. Ich hatte es ja geahnt, aber ich wusste auch nicht, was ich sagen sollte. Ich wusste ja nicht einmal, wie ich für ihn empfinden sollte. Auf der einen Seite wollte ich, dass er ganz schnell aus meinem Leben verschwand. Auf der anderen Seite hätte ich ihn am liebsten für den Rest meiner Zeit ganz nahe bei mir.

„Bist du sauer auf mich?“, wiederholte er seine Frage von vorhin.

Ich blinzelte. In welchem Kontext meinte er das jetzt? Kürzlich hatte sich das auf die Rettung bezogen. Warum kam er darauf zurück?

„Wie?“, entgegnete ich verwirrt.

„Na ja“, er setzte sich zu mir aufs Sofa, „du hast dich seit längerer Zeit nicht gemeldet. Einmal hast du mich angerufen, aber dann ist die Verbindung irgendwie abgebrochen, bevor du etwas sagen konntest. Auf meine Nachrichten hast du nicht reagiert. Also dachte ich, du bist vielleicht sauer.“

In diesem Moment hätte ich ihn am liebsten in den Arm genommen. Ehrlich! Es wäre durchaus angebacht gewesen, mir jetzt Vorwürfe zu machen. Wenn man die Sache aus seinen Augen betrachtete, könnte ich auch eine dieser Spinnerinnen sein, die nur mit ihm geschlafen hatte, weil er ein Held war. So schien er über mich allerdings nicht zu denken.

„Nein, ich bin nicht sauer. Es ist nur ...“ Verzweifelt suchte ich nach den richtigen Worten, fand sie aber nicht.

„Das ging zu schnell für dich.“ Schon wieder lächelte er dieses unfassbar sympathische Lächeln, dessen ich mich nicht verwehren konnte.

Langsam nickte ich. Vielleicht traf das den Kern des Problems, wenn man meinen Mordanschlag außen vorließ. Ich hatte nie erwartet, dass ich ihn so schnell so heftig mögen würde.

„Na dann bin ich ja beruhigt.“ Plötzlich rutschte er zu mir auf und legte den Arm um mich. „Ich dachte schon, ich hätte dir wehgetan oder mir sonst irgendeine dumme Aktion geleistet, an die ich mich nicht mehr erinnern kann. Ich habe mich voll erschrocken, als du morgens weg warst. Das hat ganz schön an meinem Ego gekratzt.“

Sein beeinträchtigtes Erinnerungsvermögen ging vermutlich auf das Konto des Gegengifts. Die Schramme im Ego konnte jeder Held mal gebrauchen. Was das anging, unterschied er sich nicht von seinen unmöglichen Kollegen.

Vorsichtig ließ ich mich gegen ihn sinken, aber der harte Heldenanzug stach mir unangenehm in die Seite. Deshalb äußerte ich: „Bleibst du noch länger? Falls ja, wäre es nett, wenn du den Anzug ausziehen könntest.“

„Wenn du mich in T-Shirt und Unterhose ertragen kannst ...“ Schon wieder dieses verschmitzte Grinsen.

Automatisch zuckten meine eigenen Mundwinkel. „Das Einzige, was ich ertragen muss, ist das irgendwann in der Zukunft liegende Verhör durch meine Nachbarin, die wahrscheinlich die ganze Zeit neugierig vor dem Fenster herumlungert und prüft, wann du mein Haus wieder verlässt.“

Sein Mund blieb offen stehen und er gab keinen weiteren Kommentar dazu ab. Stattdessen zog er seinen Heldenanzug aus, sodass ich mich wenig später auf dem Sofa in seine Arme kuschelte und die Flauschedecke über uns zog. Was ich hier tat, fühlte sich unbeschreiblich gut und bescheuert zugleich an.

Tensei hielt meine Hände fest, wobei diese in seinen Riesenpranken nahezu verschwanden. Zum ersten Mal fielen mir bewusst die Motoren an seinen Ellenbogen auf.

Nur selten interessierte ich mich ehrlich für Spezialitäten, weshalb ich fragte: „Wie funktionieren deine Motoren eigentlich?“

„Das ist gar nicht kompliziert. Es sind Verbrennungsmotoren, die meine Geschwindigkeit ordentlich anheizen. Der Kraftstoff, den ich dafür tanken muss, heißt Grapefruitsaft“, erklärte er. „Wenn meine Energie verbraucht ist und ich nicht nachtanken kann, funktionieren auch die Motoren nicht.“

„Grapefruitsaft?“ Mir ging ein Licht auf. „Ach deshalb hattest du vorhin das Trinkpäckchen dabei!“

„Ja, meine Notration. Man weiß schließlich nie, was bei der Schicht so passiert“, sagte er. „Übrigens haben alle in meiner Familie diese Spezialität, nur in unterschiedlicher Ausprägung. Bei meinem kleinen Bruder Tenya befinden sich die Motoren beispielsweise in den Waden und zum Tanken muss er Orangensaft trinken.“

Mir fiel auf, dass er immer wieder seinen Bruder erwähnte. Die beiden schienen eine enge Verbindung zueinander zu pflegen, obwohl ein gewisser Altersunterschied existieren musste, wenn Tensei dreißig war und sein Bruder gerade im ersten Jahr der Oberschule.

„Ich hoffe, ich trete damit nicht in ein Fettnäpfchen, aber hast du eigentlich eine Spezialität, Mika?“, wollte er nun wissen.

Verständnislos sah ich zu ihm auf. „Wieso sollte diese Frage ein Fettnäpfchen sein?“

„Weil du nie darüber redest. Prahlen die Leute nicht normalerweise als Erstes mit ihren Fähigkeiten, wenn sie einander kennenlernen?“, entgegnete er.

„Du hast auch nicht dein Licht unter den Scheffel gestellt“, erinnerte ich ihn an die Gala der Tōdai.

Daraufhin musste er lachen. „Stimmt! Eins zu null für dich! Also, hast du jetzt eine Spezialität?“

Ich sprach nicht gerne darüber und hatte es noch nie viel getan. Meine Großmutter wusste Bescheid, meine Eltern auch und ja, sogar meine Mitstreiter von Block King Kong kannten diese Spezialität. Da ich mich seit dem Tod meines Bruders für Normalos einsetzte, behandelten sie mich trotzdem wie eine von ihnen, wofür ich sehr tiefe Dankbarkeit empfand. Kurzerhand beschloss ich, Tensei nicht anzulügen. Nicht in dieser Hinsicht, wo ich doch noch Block King Kong im Rücken hatte, was ich ihm zwangsweise verschweigen musste.

„Ja, habe ich, aber sie ist nutzlos.“ Ich kuschelte mich enger in seine Arme. „Wenn ich mit übernatürlichen Fähigkeiten angegriffen werde, verlieren diese ihre Funktion. Sie wirken auf mich einfach nicht.“

„Nutzlos? Das klingt doch toll! Kein Wunder, dass du vorhin so entspannt warst. Der Schurke hätte dich also angreifen können und nichts wäre passiert? Unglaublich!“ Er teilte meine Meinung offensichtlich nicht. „Du wärst sicher ein prima Sidekick!“

Helden, die für andere Helden in deren Agentur mitarbeiteten, nannte man Sidekicks. Er selbst besaß nicht wenige davon. Wenn ich über korrekte Informationen verfügte, bestand Team Idaten aus Tensei selbst und fünfundsechzig Sidekicks, denen er als Boss vorstand.

„Ich wäre ganz sicher keine gute Heldin“, lehnte ich ab und dachte dabei an meine schurkenhaften Taten mit Block King Kong. Um das Thema möglichst schnell zu wechseln, fuhr ich fort: „Apropos Helden, wie geht es eigentlich deinem Bruder?“

Er schien nicht zu merken, dass ich die Aufmerksamkeit in diesem Gespräch absichtlich von mir weggelenkte.

„Oh, er ist ziemlich unter Strom. Bald steht das Sportfest an und er will unbedingt eine gute Platzierung erreichen.“

Beim Sportfest handelte es sich um ein gleichermaßen bekanntes und beliebtes Großereignis. Die Schüler sämtlicher Fakultäten an der Yūei maßen ihre Kräfte in einem eigenes gebauten Stadion miteinander. Gerade für diejenigen in der Heldenfakultät bot das die optimale Chance, um Profis auf sich aufmerksam zu machen und ein gutes Angebot für einen Praktikumsplatz zu erhalten.

„Wie hast du damals abgeschnitten?“, fragte ich und versuchte, mir Tensei fünfzehn Jahre jünger vorzustellen.

„Ziemlich gut. Ich wurde Dritter“, erzählte er stolz. „Damals war ich natürlich kein bisschen froh über den dritten Platz, sondern hätte lieber gewonnen. Aber heute sehe ich das entspannter.“

Das konnte ich mir vorstellen. Ehrgeizig, wie ich war, hatte ich es zu Schulzeiten gehasst, wenn andere besser abschnitten als ich.

„Was denkst du, auf welchem Platz dein Bruder landen wird?“

Während Tensei mir ganz genau erzählte, warum Tenya wie abschneiden würde und was er ihm alles zutraute, schloss ich die Augen. Ich konnte seiner Stimme stundenlang lauschen. Er hätte auch über irgendetwas völlig Banales reden können, es würde keinen Unterschied machen.

Fast war ich ein wenig neidisch darauf, dass er noch Zeit mit seinem Bruder verbringen konnte, wohingegen ich ohne meinen auskommen musste. Isamu hätte Tensei bestimmt gemocht.

Irgendwann schreckte er jedenfalls auf. „Oh je, schon so spät? Ich muss los, Mika! Ich habe meinen Eltern versprochen, heute Abend zum Essen vorbeizukommen.“

„Kein Problem“, behauptete ich, obwohl ich ihn lieber bei mir behalten hätte.

Tensei zog seinen Heldenanzug wieder an und ich brachte ihn zur Haustür. Kurz sahen wir einander an und es wirkte ein bisschen unschlüssig. Dann beugte er sich hinunter und küsste mich.

„Schlaf gut“, sagte er.

„Du auch“, erwiderte ich.

Ein letztes Lächeln seinerseits. Dann warf er die Motoren an und spurtete davon.


~~*~~*~~


Preview: Gemeinsam mit ihren Freunden sieht Mika sich die Übertragung des Sportfests im Fernsehen an. Wie wird es Tenseis Bruder ergehen? Hält das Sportfest vielleicht noch weitere Überraschungen für sie bereit? Das alles erfahrt ihr in Kapitel 14: Ein aufregendes Turnier. Bis dahin – Plus Ultra! ;D
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