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Block King Kong

von Jadina
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Het
Chiyo Shuzenji / Recovery Girl Chizome Akaguro / Stain OC (Own Charakter) Tensei Iida / Ingenium Tenya Iida
01.01.2021
04.05.2022
25
91.181
9
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02.09.2021 3.334
 
~~ Kapitel 12: Altlasten ~~



Tanaka sah sich neugierig um und ignorierte den Kerl, der sie gerade im Vorbeigehen gefragt hatte, ob er sie einladen durfte. Obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, dass sie noch nie in diesem Viertel gewesen war, sagte sie in aufgeregtem Tonfall: „Das ist ja verrückt. Hier warst du mit ihm? Das passt gar nicht zu dir.“

Sie redete von Shibuya. Vor uns lag die Bar, in der ich vergangene Woche den missglückten Versuch unternommen hatte, Tensei zu vergiften.

„Ich habe diesen Ort bewusst ausgesucht, weil er nicht zu mir passt“, erklärte ich ihr. „Außerdem war die Gefahr von Zeugen hier geringer. Das dachte ich zumindest, bis dieser Twice um die Ecke kam.“

Sie kicherte. „Ich bin echt gespannt, was für ein Typ das ist.“

Prompt bereute ich ein wenig, mich für sie statt Naeko entschieden zu haben. Die Wahl war auf Tanaka gefallen, weil sie deutlich leichter neue Kontakte knüpfte. Es würde sich noch zeigen, ob Twice Block King Kong nützlich sein konnte. Allerdings ging mir ihre unbeschwerte Art auf die Nerven. Ich für meinen Teil spürte ganz deutlich, wie meine Handflächen vor Nervosität schwitzten.

Ich hakte mich bei ihr am Arm ein und neigte den Kopf zu ihr. „Hast du was zur Verteidigung mitgenommen?“

„Klar!“ Sie nickte, was mich immerhin etwas milder stimmte.

Was meine Person anging, so bewaffnete ich mich immer bis unter die Zähne. Ich trug in der Innenseite meines Blazers meine Pistole mit mir herum, hatte Gift dabei und ein Klappmesser, das ich hoffentlich nicht benutzen musste. Ich wollte kein Risiko eingehen, weshalb ich die Umgebung wachsam im Auge behielt. Es stand nicht fest, ob Twice alleine sein würde. Besser, ich beobachtete alles genau.

Wie für einen Freitagabend üblich hatten sich bereits einige Besucher in der Bar eingefunden. Tanaka zog mit ihrer Gesichtsmaske einige Blicke auf sich, war glücklicherweise aber nicht die Einzige, die unerkannt bleiben wollte. Eigentlich trug jeder von uns eine solche während einer Mission, aber ich konnte mir das heute sparen. Twice wusste bereits, wie ich aussah. Während meine Begleitung sich nach einem freien Tisch für uns umsah, verschaffte ich mir einen Überblick über die Gäste.

Den Geschäftsmann konnte ich nicht entdecken. Hinter dem Tresen stand heute jemand anderes, den ich zuvor noch nie gesehen hatte. Auch sonst sah ich kein mir bekannt vorkommendes Gesicht.

Ich folgte ihr nach vorne Richtung Tresen, als auf unserer linken Seite plötzlich ein Schatten erschien. Diesen erkannte ich als den Barkeeper von letzter Woche. Er trug denselben schwarzen Ganzkörperanzug mit den grauen Streifen darauf. Heute war auch die obere Hälfte, die das Gesicht bedeckte, grau. Ich konnte seine Augen nicht sehen und das jagte mir einen unangenehmen Schauer über den Rücken.

Dieses Wiedersehen wurde noch eine Spur unheimlicher, als er auf einmal grüßte: „Verpisst euch! Äh, guten Abend, Shuzenji-san. Darf ich Ihnen und Ihrer Begleitung etwas zu trinken anbieten? Nein, keine Getränke!

Mir fröstelte es. War er Twice? Nun, das erklärte zumindest, wie er von dem Giftanschlag wissen konnte. Und was zur Hölle stimmte nicht mit ihm? Sprach der immer so wirr?

Möglichst unbeeindruckt entgegnete ich: „Danke, aber wir zahlen unsere Drinks selbst.“

Ich empfand es als Nachteil, dass ich wegen des Anzugs kaum seine Gesichtsregungen ausmachen konnte. Er wirkte für den Bruchteil eines Augenblicks beleidigt, bevor er sagte: „Gut, wie Sie möchten. Ich warte dort drüben!“ Dann ging er davon und besetzte einen Ecktisch, der nicht von den Neonröhren an der Decke beleuchtet wurde.

„Das ist er? Den habe ich mir irgendwie anders vorgestellt“, wisperte Tanaka mir zu, als wir die Bar erreichten. „Der wirkt irgendwie paranoid.“

Ich konnte ihr nur heimlich zustimmen. Mir war gar nicht in den Sinn gekommen, dass als Twice eigentlich nur der Barkeeper Sinn machte. Ansonsten hatte sich niemand an diesem Abend für Tensei und mich interessiert. Seine Art zu sprechen irritierte mich ebenfalls.

Sicherheitshalber bestellten wir beide Getränke ohne Alkohol – ich eine Cola, Tanaka einen Lycheesaft. Anschließend warfen wir uns einen letzten, absichernden Blick zu.

„Ich lasse dich das Gespräch führen, Mika“, versprach Tanaka mir. Dies verriet, in was für einer ernsten Situation wir steckten. Normalerweise hielt sie sich weniger bedeckt.

Damit einverstanden nickte ich. Mit unseren Gläsern in der Hand suchten wir Twice an seinem Tisch auf, wo er sich gerade eine Zigarette anzündete. Kurz wunderte ich mich darüber, wie er durch den Stoff des Anzugs rauchen konnte, aber offensichtlich stellte das kein Problem dar. Er bot uns ebenfalls Zigaretten an, aber wir lehnten beide ab. Bei Block King Kong rauchte nur Daisuke.

„Sie sind also Twice“, begann ich das Gespräch.

„Genau der. Ja, das sind wir“, bekräftigte er. „Würden Sie mir bitte Ihre Begleitung vorstellen? Die Tusse interessiert mich nicht! Eigentlich hatte ich erwartet, Sie würden alleine kommen.“

Seine Äußerungen machten mir wirklich Angst. Er sprach von sich selbst als wir? Besaß er eine multiple Persönlichkeit? Mit so etwas kannte ich mich nicht wirklich aus, aber Tanaka würde im Notfall bestimmt wissen, was zu tun war.

„Das ist White.“ Ich nutzte Tanakas Decknamen. „Und wenn es Ihnen recht ist, würde ich Sie darum bitten, mich Jelly zu nennen, anstatt bei meinem echten Namen. Es sei denn, Sie möchten sich erkenntlich zeigen und uns Ihren wahren Namen verraten.“

Twice lachte. „Das ist nicht nötig. White und Jelly reicht mir völlig. Unzureichend!

Diese Decknamen gaben uns eine Art Schutzmantel, der für Tanaka natürlich mehr bedeutete als für mich. Meinen Namen kannte er bereits, woher auch immer. Das sollte ich im Laufe des Gesprächs besser in Erfahrung bringen.

Von Block King Kongs erstem Tag an hatten wir Decknamen besessen. Meiner war die Kurzform von Jellyfish, also der englischen Bezeichnung für eine Qualle. Es lag darin begründet, dass als das giftigste Tier der Welt derzeit die Seewespe galt, eine Quallenart, und der Giftbezug zu mir passte.

Tanakas Name rührte von den Kitteln im Labor und stammte noch aus der Zeit, in der sie unter meinen Fittichen studiert hatte.

Daisuke hieß schlicht 145. Das waren die ersten drei Ziffern seiner Personenkennung, die jeder bei seinem Eintritt in die japanische Armee erhielt.

Hidemi nannten wir Chica. Sie hasste diesen Namen, der auf einen alten Insiderwitz aus der Mittelschule zurückging, war bisher aber zu faul gewesen, sich ernsthaft um einen Neuen zu bemühen.

Naeko war das von uns so liebevoll genannte Brownie, in Bezug auf ihre damalige Gürtelfarbe beim Judo, als wir sie kennengelernt hatten.

„Also Twice ...“ Ich beschloss, gleich mit der wichtigsten Frage ins Haus zu fallen: „Woher kennen Sie meinen echten Namen?“

Vielleicht überraschte die Frage ihn, eventuell hatte er andere zu Beginn erwartet. So zumindest meine Hypothesen, weil es einen Moment dauerte, bis er antwortete: „Oh, das war Zufall! Ich habe Sie im Internet gefunden. Alles geplant! Als Sie letzte Woche hier waren, da kamen Sie mir gleich bekannt vor.“

So ein Scheiß!, fluchte ich in Gedanken. Ich hatte mich so lange wie möglich dagegen gewehrt, ein Dozentenprofil für die Tōdai auszufüllen, damit es auf de Website gestellt werden konnte. Aber irgendwann hatte ich mich dieser Dienstanweisung nicht mehr entziehen können.

„Wissen Sie was?“ Twice grinste so breit, dass es selbst unter seiner Maske sichtbar wurde. „Wie wäre es, wenn wir gleich zum Du übergehen? Immerhin scheinen wir ähnliche Ziele zu verfolgen.“

Ich zog die Augenbrauen hoch. Meinte er das ernst? Ganz betont blieb ich beim Sie und erwiderte: „Wie wäre es, wenn Sie diese Ziele genauer erläutern würden?“

Tanaka neben mir konnte ein Kichern nicht unterdrücken, wofür ich ihr unter dem Tisch möglichst unbemerkt auf den Fuß trat.

„Sie kommen gleich zu den wichtigen Sachen, Jelly. Das gefällt uns.“ Twice legte ein kleines, leeres Fläschchen aus Glas auf den Tisch. „Vergangenen Freitagabend haben Sie versucht, den Turbo Hero um die Ecke zu bringen, nicht wahr? Wir haben es gesehen! Keine Ahnung, ob im Fläschchen Gift war oder einfach nur eine Überdosis von etwas anderem, aber Sie hatten es ganz eindeutig auf seinen Tod abgesehen.“

Ich schwieg. Bei seinem Informationsstand sollte er auch wissen, dass mein Anschlag leider fehlgeschlagen war.

„Irgendetwas hat bei Ihrem Plan nicht funktioniert“, fuhr er fort. „Ingenium ist putzmunter. Aber der Versuch zählt. Das ist der Grund, warum wir Sie heute Abend eingeladen habe, uns zu treffen. Ich möchte Ihnen ein Angebot unterbreiten.“

„Ich bin ganz Ohr“, versicherte ich ihm. Ich spürte ein beklemmendes Gefühl in meiner Brust, das anhielt. Bis jetzt lief das Gespräch einigermaßen glimpflich ab. Doch das gegenseitige Beschnuppern würde nun ein Ende finden.

Im Leben hätte ich nicht damit gerechnet, was Twice nun offenbarte. Er legte die Unterarme auf dem Tisch ab und beugte sich in unsere Richtung. Die Stimme senkte er, als er äußerte: „Seit langer Zeit verfolge ich den Werdegang von Stain. Seine Prinzipien und Ideale sind etwas, das ich teile. Aus diesem Grund habe ich mich vor einer Weile einer vielversprechenden Vereinigung angeschlossen. Sie nennen sich die Schurkenliga und sie sind immer auf der Suche nach neuen Verbündeten. Könnte das nicht auch etwas für Sie und ihre Freundin sein, Jelly?“

Die Schurkenliga also. Beinahe hatte ich es ja schon kommen sehen. Ja, es musste so kommen! Die Schurkengruppen, die es ernst meinten und sich nicht nur einfach irgendwie durchschlagen wollten, waren untereinander irgendwie vernetzt. Zumindest spionierten sie sich gegenseitig aus. Das hier wunderte mich nicht. Früher oder später hätten sie auf Block King Kong stoßen müssen.

Stains Warnung hallte in meinem Hinterkopf wider: Die sind nicht darauf aus, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen, indem sie sie von falschen Helden befreien. Die wollen einfach nur Ärger anzetteln.

Twice wirkte auf mich eigentlich nicht wie jemand, der nur auf Ärger abzielte. Seine Art zu reden hingegen ließ mich daran zweifeln, dass er zu rationalen Entscheidungen fähig war. Wenn er sich kürzlich erst der Liga angeschlossen hatte, konnte er allerdings nicht mehr als ein kleiner Fisch sein. Das wiederum passte nicht zueinander. Welcher Schurkenboss schickte kleine Fische als Headhunter in den Untergrund?

Es gab noch einen anderen Aspekt, der mich beschäftigte. Wer versicherte mir, dass ich nicht draufging, wenn ich dieses Angebot ablehnte? Ich hatte keine Ahnung, wer noch alles zur Liga gehörte. Theoretisch konnte die gesamte Bar voll mit Mitgliedern sein. Dann würden Tanaka und ich es niemals lebend hier herausschaffen.

Ich hätte sie nicht mitnehmen dürfen, dachte ich und verspürte ein ungutes Gefühl, bestehend aus Wut über mich selbst und Sorge um ihr Wohlbefinden. Heute Abend trug ich nicht nur die Verantwortung für mein eigenes Überleben, sondern auch für ihres. Ich durfte nichts tun, was Tanaka in Gefahr brachte.

Aber was war das Richtige? Was sollte ich antworten?

„Du zögerst“, stellte Twice fest, dem das Siezen anscheinend zu dumm geworden war. „Warum? Du teilst Stains Ideologie doch auch! Wie kann man das nicht? Was ist so schwer daran?“

„Woher willst du wissen, ob ich sie teile?“ Mit der Gegenfrage versuchte ich, Zeit herauszuholen.

„Na, weil du mit ihm zusammen warst!“ Twice drückte den Zigarettenstummel im Aschenbecher aus. „So haben wir dich übers Internet gefunden.“

In diesem Moment wünschte ich mir, das Internet wäre nie erfunden worden.

„Es hat eine Weile gedauert, weil wir wirklich uralte Berichte googlen musste, aber irgendwann ist dein Name gefallen“, fuhr Twice fort. „Du hast damals bei der Polizei angegeben, dich wegen seines Fanatismus von ihm getrennt zu haben, aber letzte Woche hast du mir deine wahre Gesinnung bewiesen. Warum sonst solltest du versucht haben, Ingenium umzubringen? Hast du noch Kontakt zu Stain?“

Das überraschte mich. Ich hatte angenommen, er wäre über die Website meiner Arbeitsstelle auf meinen Namen gestoßen. Kein Wunder, dass er so erstaunt geguckt hatte, als ich letzten Freitag mit dem vermeintlichen Giftfläschchen in der Hand an der Bar aufgetaucht war. Als eingefleischter Fan von Stain musste das ein zweites Neujahrsfest für ihn gewesen sein.

Dämliche Altlasten! Obwohl ich das Wiedersehen mit ihm genossen hatte, wünschte ich mir manchmal, diese Beziehung ungeschehen machen zu können. Derzeit hatte ich aber ein anderes Problem, als über meinen Expartner nachzudenken.

Wie bekomme ich Tanaka hier raus?, hämmerte es in meinem Hinterkopf. Die Situation wurde mir immer unangenehmer. Ich wusste gar nichts über diesen Twice. Ich konnte nicht einschätzen, ob er ausrasten würde, wenn ich ablehnte. Nach einer Zusammenarbeit mit der Schurkenliga stand mir nach Stains Warnung so gar nicht der Sinn.

„Können wir uns kurz unter vier Augen besprechen?“, erklang unerwartet Tanakas Stimme.

Eine fantastische Idee! Warum war mir das nicht eingefallen?

Niemals! Klar!“ Twice nickte. „Ich gehe kurz ins Lager und schaue, ob ich was helfen kann. In zehn Minuten sind wir wieder da.“

Mit klopfendem Herzen sah ich ihm hinterher, wie er den Tresen erreichte und durch eine Hintertür verschwand. Kaum geschehen, wandte ich Tanaka den Kopf zu und befahl ihr eindringlich: „Du musst abhauen! Sofort!“

„Spinnst du?“, erwiderte sie und schüttelte den Kopf wie ein trotziges Kind. „Ich lasse dich doch nicht alleine mit dem Spinner zurück!“

„Ich habe mit Stain bereits über die Liga gesprochen. Er hat mich davor gewarnt, Kontakt mit ihnen zu knüpfen. Das hier wird nicht gut ausgehen“, prophezeite ich ihr. „Hau jetzt ab, Tanaka! Ich komme schon zurecht.“

Stur blieb sie sitzen. Zu meinem Entsetzen meinte sie auch noch: „Glaubst du, das wäre echt so schlimm? Ich habe noch nicht viel über die Liga gehört, aber sie haben es immerhin geschafft, den Anschlag auf das U.S.J. an der Yūei zu verüben. Sie scheinen keine Anfänger zu sein. Wir könnten uns das zumindest mal ansehen.“

Bis eben hatte ich erfolgreich verdrängt, dass die Schurkenliga tatsächlich diejenigen waren, die es durch die Sicherheitsbarriere auf das Schulgelände einer der prestigeträchtigsten Oberschulen für Helden geschafft hatten. Für einen Augenblick hörten meine Gedanken auf sich zu drehen, während vor meinem inneren Auge die Bilder aus dem Medien vorüberzogen.

Tanaka hatte recht. Irgendjemand unter ihnen musste Ahnung davon haben, wie man im Schatten überlebte. Trotzdem wollte ich nicht in deren Dunstkreis geraten. Die Liga bestand höchstwahrscheinlich aus Schurken mit Spezialitäten, Block King Kong hingegen aus Normalos. Das war unverhältnismäßig und völlig unverantwortlich meinen Kameraden gegenüber.

Sie unterstützten mich, also oblag es mir als Boss, sie zu beschützen. Was konnte ich schon gegen kampferfahrene Schurken ausrichten? Ich agierte nicht umsonst mit meinem Gift aus dem Verborgenen heraus.

Viel zu früh für meinen Geschmack tauchte Twice wieder bei uns am Tisch auf. Zehn Minuten konnten unmöglich vorüber sein. Der musste geschummelt haben, um uns unter Druck zu setzen. Eigentlich eine gute Taktik, die ich mir merken sollte.

„Also? Wie habt ihr euch entschieden?“, wollte er wissen.

Damit gelangten wir an den heißen Punkt. Ich war mir doch noch gar nicht sicher, was ich tun sollte. Wie vom Blitz getroffen hockte ich auf meinem Stuhl, als Tanaka plötzlich für mich antwortete: „Wir würden die übrigen Mitglieder der Liga, vor allem euren Anführer, gerne erst einmal kennenlernen, bevor wir für alle über eine Zusammenarbeit entscheiden.“

„Wir? Für alle?“ Twice grinste schon wieder so unheimlich. „Ihr seid also nicht bloß zu zweit, sondern mehr Leute?“

Tanaka wurde bewusst, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Am liebsten hätte ich ihr dafür das Genick gebrochen. Was dachte sie sich eigentlich? Sie musste dringend lernen, besser über ihre Worte nachzudenken, bevor sie diese aussprach. Jetzt waren auch Daisuke, Hidemi und Naeko in den Dunstkreis geraten und ein schnelles Verlassen von ebenjenem konnte ich mir nach ihrer Aussage auch abschminken.

Darüber würden wir unter uns sprechen, sobald wir uns an einem sicheren Ort befanden. Ganz sicher.

„Alles klar.“ Twice nickte. „Wir haben uns das fast schon gedacht. Deshalb haben wir eben den Boss kontaktiert. Er hasst es zu warten, aber er wird sich bei euch melden, wenn er denkt, der Zeitpunkt ist günstig.

Da Tanakas Worte einen Rückzieher unmöglich machten, stimmte ich leidvoll zu: „In Ordnung. Wir werden seine Nachricht erwarten.“

„Es war mir eine Ehre, eure Bekanntschaft gemacht zu haben.“ Twice erhob sich und fischte sein Zigarettenpäckchen vom Tisch. „Wir bringen euch zur Tür!“

Ich spürte seinen stechenden Blick im Nacken, während ich mit Tanaka an der Seite vorausging. Seit ihrem Patzer hatte sie kein Wort mehr gesprochen und den Blick nicht vom Boden gehoben. Ich hoffte, sie würde nicht in Tränen ausbrechen, sobald wir die Bar verließen. Das würde nichts an der Sachlage ändern. Jetzt mussten wir sehen, wie wir damit zurechtkamen.

„Bis bald“, verabschiedete Twice uns an der Tür. Ich erwiderte den Gruß höflich, dann machten wir uns vom Acker. Wenn mein Gefühl mich nicht trog, starrte er uns noch eine ganze Weile hinterher. Was er wohl über uns dachte? Bereute er es, uns zu diesem Treffen eingeladen zu haben?

Im Auto geschah schließlich das, was ich bereits vorhergesagt hatte. Tanaka fing zu schluchzen an. „Es tut mir so leid, Mika! Ich habe echt Scheiße gebaut! Jetzt wissen sie, dass es noch mehr Leute außer uns gibt.“

Am liebsten hätte ich sie ordentlich zusammengefaltet, aber ich tat es nicht. Stattdessen redete ich auf sie ein: „Reiß dich mal zusammen, Tanaka! Das bringt doch nichts! Wir sollten lieber darüber reden, was wir machen, wenn wir erneut kontaktiert werden. Ich habe nicht vor, mich ihnen anzuschließen. Da müssen sie schon mit ganz schön was aufwarten, wenn sie uns beeindrucken wollen.“

„Die werden uns eh aus dem Weg räumen, sobald sie in Erfahrung bringen, dass wir Normalos sind“, schniefte sie. „Wir sind denen doch kein bisschen nützlich. Ich war so dämlich! Ich hätte gleich darauf kommen können.“

Den Wahrheitsgehalt konnte ich nicht von der Hand weisen. Im Schatten lebte man gefährlich. Das Leben im Schatten als Normalo war noch gefährlicher. Da ich meine Spezialität nicht im Kampf gebrauchen konnte, von dem Überraschungsmoment einmal abgesehen, galt ich ja quasi als Normalo in der Szene. Der Liga gegenüber taten sich nur Nachteile auf.

Ich fuhr Tanaka zurück zu ihrem Wohnheim in der Nähe des Campus. Immerhin hatte sie aufgehört zu weinen, als wir dort ankamen.

„Es tut mir wirklich leid, Mika“, wiederholte sie, bevor sie ausstieg.

Ich unterdrückte ein Seufzen. Auch wenn sie Mist gebaut hatte, hasste ich es, sie so unglücklich zu sehen. Ich wollte die optimistische Tanaka wieder zurück. Also versicherte ich ihr: „Es ist in Ordnung. Wirklich! Geh jetzt schlafen! Du brauchst Ruhe, um Kraft zu tanken.“

„Was wirst du machen?“, fragte sie.

Darüber hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht. Auf mich warteten so viele Baustellen. Ich musste mich auf das Treffen mit der Liga vorbereiten, so gut ich konnte. Außerdem stand meine Arbeit nicht still und abgesehen davon, hatte ich auch die Sache mit Tensei nicht geklärt. Er hatte schon zweimal zurückgerufen, aber ich war beide Mal nicht drangegangen. Ich wusste ja nicht mal, was ich noch von ihm wollte. Wie sollte ich da mit ihm sprechen?

„Keine Ahnung. Wahrscheinlich auch erst einmal schlafen. Wir hatten beide einen harten Tag.“ Ich bemühte mich um ein Lächeln und endlich stieg Tanaka aus dem Auto aus.

„Wir sehen uns spätestens am Montag, ja? Ich komme in der Mittagspause in deinem Büro vorbei“, versprach sie mir, bevor sie die Tür zuschlug und sich auf den Weg zum Wohnheim machte. Ihre Silhouette verschwand in der Dunkelheit der Nacht.

Ich drehte das Radio auf, während ich nach Hause fuhr. Meistens brauchte ich Ruhe, um meine Gedanken zu ordnen, aber in diesem Augenblick kam mir die Ablenkung gelegen. Wie sollte ich das alles unter einen Hut bekommen?

Zu einem Schluss kam ich relativ schnell: Zuallererst musste ich das Problem mit der Schurkenliga lösen, bevor ich mich dem Rest zuwandte. Die Frage war nur wie. Danach stand Tensei an. Eigentlich hätte ich auch darauf spekulieren können, dass sich die Sache von selbst erledigte, wenn ich mich einfach nicht mehr bei ihm meldete. Aber so eine Person war ich nicht. Wenn ich etwas beendete, dann aufrichtig.

Das wird ein hartes Wochenende, dachte ich und drehte das Radio noch lauter, als ich meinen Block erreichte.

Bisher hatte ich noch alles geschaukelt. Mir würde schon etwas einfallen!


~~*~~*~~


Preview: Um ihn vor der Schurkenliga zu warnen, begibt Mika sich ein zweites Mal auf die Suche nach Stain. Völlig unerwartet kommt ihr dabei ein Held in die Quere? Um wen es sich handelt? Wie Mika reagieren wird? Das alles erfahrt ihr in Kapitel 13: Rettung in letzter Sekunde. Bis dahin – Plus Ultra! ;D
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