Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Block King Kong

von Jadina
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Het
Chiyo Shuzenji / Recovery Girl Chizome Akaguro / Stain OC (Own Charakter) Tensei Iida / Ingenium Tenya Iida
01.01.2021
11.01.2022
19
68.053
8
Alle Kapitel
27 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
22.08.2021 3.796
 
~~ Kapitel 11: Das doppelte Lottchen ~~



Mit gerunzelter Stirn zappte ich durch das Fernsehprogramm. Ich fand nichts. Nicht auf den Nachrichtenkanälen, nicht in Talkshows, ja nicht einmal im Teletext stand etwas geschrieben. Die Morgenpost porträtierte andere Themen. Im Internet gingen Fotos von erfolgreichen Heldenmissionen des letzten Abends herum.

Das konnte doch nicht sein! Wieso berichtete nichts und niemand über Ingeniums Tod?

Am Samstag und Sonntag hatte ich mir dieses Phänomen noch dadurch erklärt, dass seine Leiche bisher nicht gefunden worden war. Da er am Wochenende anscheinend nicht arbeitete, vermisste ihn auch niemand.

Heute, am Montag, konnte diese Erklärung jedoch nicht mehr zutreffen. Wenn der Leiter einer großen Heldenagentur nicht zur Arbeit kam, musste das doch zwangsläufig jemandem auffallen. Mittlerweile liefen die Nachmittagsserien im Fernsehen, als wäre nichts passiert. Vermisste ihn denn gar niemand?

Bei dem Gedanken daran, dass er immer noch tot in dem Bett lag, in dem wir kurz zuvor miteinander geschlafen hatten, wurde mir ganz anders zumute. Der Verwesungsprozess der Leiche sollte längst eingesetzt haben. Wenigstens würde das Gift inzwischen nicht mehr nachweisbar sein.

Das galt natürlich nicht für meine DNA-Spuren. Doch das beschäftigte mich weniger. Selbst wenn Ermittler irgendwann auf meine Spur kamen, hatten sie keine Beweise in der Hand. Tensei war ein Mann im besten Alter gewesen. Eine Frau für ein Schäferstündchen mit nach Hause zu bringen, war etwas ganz Normales.

Rasch schaltete ich den Fernseher aus und massierte mir die Schläfen. Ich bekam langsam Kopfschmerzen, natürlich wieder zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt.

Für heute Abend hatte ich eigentlich ein Treffen von Block King Kong angesetzt, um ihnen von meinem erfolgreichen Anschlag zu berichten. Deshalb verunsicherte es mich umso mehr, dass die Heldenwelt über den Verlust eines berühmten Kollegen eisern schwieg.

Als wäre das nicht genug, lag vor mir auf dem Wohnzimmertisch das nächste Übel. Es handelte sich um einen seltsamen Brief, der an die Adresse meines Büros in der Tōdai geschickt worden war. Den Absender kannte ich nicht, weshalb ich ihn erst zu Hause im Labor unter ausreichenden Sicherheitsvorkehrungen geöffnet hatte. Falls Natsuo mir noch ein letztes, abschließendes Geschenk machen wollte, würde ich ihm ein Schnippchen schlagen.

Tatsächlich enthielt der Brief jedoch nichts weiter als eine Einladung. Eine höchst mysteriöse Einladung, deren Inhalt ich unbedingt mit meinen Kameraden diskutieren musste.

Zunächst warf ich eine Kopfschmerztablette ein und packte sicherheitshalber die Migränemedikamente in eine Tasche. Dazu gesellten sich Wechselklamotten, die ich im Hauptquartier lassen würde. So war ich für alle Fälle gerüstet.

Da ich das Bedürfnis verspürte, mit meiner besten Freundin unter vier Augen zu reden, setzte ich mich ungewöhnlich früh hinters Steuer, um nach Asahi zu fahren. So umging ich glücklicherweise den Berufsverkehr und kam deutlich früher an als erwartet.

Demnach wunderte es mich nicht, dass Hidemi erstaunt dreinsah, als ich zwei Stunden vor dem angesetzten Treffen klingelte.

„Mika? Du bist aber früh dran!“

„Ich weiß“, sagte ich. „Ich wollte vor dem Treffen noch mit dir alleine reden. Ich muss dir was erzählen. Ist Daisuke schon von der Arbeit zurück?“

„Ja.“ Hidemi machte mir Platz und ich trat ein.

Im Wohnzimmer lag Daisuke oben ohne auf der Couch und verfolgte einen Boxkampf im Fernsehen. Die großen Narben auf seiner Brust waren deutlich erkennbar. Wenn ich mir nur vorstellte, was für Schmerzen er nach dieser Operation verspürt haben musste, wurde mir schwindelig. Ich bewunderte ihn zutiefst dafür, dass er das durchgezogen hatte.

„Hey Boss!“, begrüßte er mich und schaltete die Lautstärke leiser. „Früh dran heute, hm?“

„Mädelszeit“, erwiderte ich und schnappte mir den Arm meiner besten Freundin. „Wir sind schon mal oben. Falls Naeko oder Tanaka auch früher auftauchen, wäre ich dir dankbar, wenn du sie bei dir behalten könntest.“

Er zog ein gespielt leidendes Gesicht, aber das nahm ihm keine von uns ab. Kurz darauf fixierte er sich wieder auf seinen Boxkampf und wir verschwanden in die Dachgeschosswohnung.

Im Konferenzraum sank ich in meinem Sessel ein und ließ meine Handtasche auf den Boden fallen, während Hidemi sich aufs Sofa setzte. Jeder besaß seinen Stammplatz.

Neugierig fragte sie: „Was ist los?“

Ich atmete tief durch. Das Gespräch hatte in meinem Kopf schon stattgefunden, aber das gestaltete sich schwieriger, wenn es dann tatsächlich so weit war. Schließlich offenbarte ich ihr: „Ich habe mit Tensei geschlafen und anschließend habe ich ihn umgebracht.“

Für einen Augenblick herrschte Stille im Raum.

„Moment! Was?“ Verwirrt schüttelte sie den Kopf. „Du hattest Sex mit ihm und hast ihn umgebracht?“

„Ja“, bestätigte ich.

„Verstehe ich nicht.“ Sie runzelte die Stirn. „War es ein Unfall? Habt ihr ... keine Ahnung ... Fesselspielchen oder so gemacht?“

„Nein, Hidemi.“ Die Vorstellung war amüsant. „Ich habe ihn vergiftet und dann mit ihm geschlafen, bevor die Wirkung eingesetzt hat. Ingenium ist jetzt Geschichte.“

Ihr rot geschminkter Mund stand ein Stückchen offen, was ihr irgendwie einen leicht dümmlichen Eindruck verlieh. Ich erschrak über die Intensität, mit der sie mich anfuhr: „Bist du verrückt geworden, Mika?“

Verständnislosigkeit herrschte auf meiner Seite. Was ist denn jetzt bitte mit ihr los?

Hidemi ließ mir gar nicht die Möglichkeit, um nachzufragen. Ihre Stimme donnerte auf mich ein: „Shuzenji Mika, du bist wohl komplett bescheuert! Du warst gerade dabei, dich endlich mal wieder zu verlieben. Richtig zu verlieben! So wie damals mit Akaguro! Und du hast nichts Besseres zu tun, als diesen Anwärter zu vergiften?“

Nun sah ich sie völlig baff an und aus meinem Mund drang kein einziges Wort. Machte sie mich gerade allen Ernstes zur Schnecke, weil ich meinen ursprünglichen Plan durchgezogen hatte?

„Bitte sag mir, dass du mich verarschst“, äußerte Hidemi in für sie unnatürlich harschem Tonfall.

„Nein“, entgegnete ich zögerlich. „Ich habe nur das durchgezogen, was eh geplant war.“

Sie wurde bleich und wiederholte: „Du bist wirklich bescheuert. Ich glaub's einfach nicht!“

„Ich verstehe nicht, was dein Problem damit ist“, erwiderte ich barsch. „Ich habe dich damals mit der Informationseinholung beauftragt. Es war klar, dass ich in Ingenium einen Helden sehe, der ausgemerzt gehört. Mit ihm auszugehen ist ein Fehler gewesen.“

„Es ist kein Fehler gewesen!“, hielt Hidemi lautstark dagegen.

Ich spürte, wie ich langsam wütend wurde. Ich verstand nicht, was hier vor sich ging. Also beharrte ich: „Ich habe nur das getan, was für Block King Kong da-“

„Es geht hier nicht um Block King Kong“, fauchte sie und schlug so abrupt die Beine übereinander, dass sie mit dem Knie heftig gegen den Tisch stieß. „Es geht hier um dich, Mika!“

Ich verstand endgültig die Welt nicht mehr. Es war doch nicht der erste Mordanschlag, den ich erfolgreich mit meinem Gift verübt hatte. Wieso tickte sie so aus?

„Es geht nicht um uns“, wiederholte Hidemi und verschränkte die Arme vor der Brust. Ihre blauen Augen funkelten mich mit einer seltsamen Mischung aus Wut und Trauer an. „Es geht um dich, Mika! Um meine beste Freundin! Du hast gerade angefangen, mit Tensei endlich wieder jemanden an dich heranzulassen. Du bist einsam. Ich weiß es! Also warum hast du das getan?“

„Ich bin nicht einsam“, schoss ich zurück und spürte die Wut immer mehr hochkochen. „Ich weiß überhaupt nicht, wie du dazu kommst, so etwas zu sagen. Außer-“

Zum zweiten Mal wurde ich unterbrochen. Ich erschrak, als sie plötzlich aufsprang und zur Tür hinausstürmte. Über ihren Rücken rief sie zurück: „Du bist echt übergeschnappt! Sorry, aber das kann ich mir gerade nicht geben. Ich bin zur Sitzung wieder zurück.“

Türknallen.

Stille.

Fassungslos hockte ich in meinem Sessel und starrte auf die Glasplatte des Wohnzimmertisches. Was zur Hölle spielte sich da gerade ab? So kannte ich sie gar nicht.

Langsam erhob ich mich, verließ die Dachgeschosswohnung und ging ihr nach. Im ersten Stock musste ich jedoch feststellen, dass ich zu spät kam. Ihre Jacke hing nicht mehr am Garderobenhaken.

Daisuke lag immer noch auf dem Sofa. Als ich eintrat, sah er mich wissend an und bemerkte: „Ordentlich gefetzt?“

„Mhm“, machte ich und setzte mich zu ihm. Es dauerte etwas, bis ich meine nächste Frage formuliert hatte: „Ist bei ihr heute was passiert? Sonst ist sie nicht so drauf.“

Er zuckte mit den Schultern. „Nichts, von dem ich wüsste.“

Das half mir wenig weiter. Ich konnte nicht nachvollziehen, was gerade geschehen war. Wie bitte kam meine beste Freundin auf den Gedanken, ich könnte einsam sein? Das stimmte doch gar nicht! Sie sollte lieber froh darüber sein, dass es einen unechten Helden weniger auf diesem Planeten gab.

„Rutsch mal!“, wies ich Daisuke an, schwang die Beine aufs Sofa und lehnte mich gegen ihn.

Den Kopf legte ich auf seiner Schulter ab, wobei ich die Augen schloss. Meine Kopfschmerzen waren nicht besser, aber auch nicht schlimmer geworden. Bevor ich mich versah, nickte ich ein.

Ich wurde von der Türklingel geweckt, woraufhin Daisuke aufstand. Während ich mir noch verschlafen die Brille zurechtrückte, betraten Naeko und Tanaka den Raum. Ich begrüßte beide. Auf die Frage, wo Hidemi sei, konnte ich nicht gescheit antworten, also wich ich aus: „Sie wollte vorhin weg und ist noch nicht zurück.“

„Okay. Beginnen wir trotzdem mit der Sitzung?“ Tanaka sah motiviert drein wie eh und je. „Du hast gesagt, es gäbe Neuigkeiten?“

„Die gibt es in der Tat.“ Ich streckte mich und beschloss, nicht auf Hidemi zu warten. Wenn sie meinte, wie ein Kleinkind wegrennen und schmollen zu müssen, war das nicht mein Problem. Die anderen würden sich bei der Nachricht von Ingeniums Tod bestimmt nicht so doof anstellen.

Zu viert verließen wir die Wohnung im ersten Stock und gingen hinauf in unseren Konferenzraum. Tanaka hatte Cake Pops mitgebracht, die wir mit Begeisterung verspeisten. Für Hidemi ließen wir zwei übrig, Anstand besaßen wir noch, bevor ich mit der Berichterstattung begann.

Weil ich es unnötig fand, um den heißen Brei herumzureden, fiel ich sogleich mit der Tür ins Haus: „Am Freitagabend habe ich den Turbo Hero Ingenium erfolgreich vergiftet.“

Wie vom Donner gerührt starrten die drei mich an. Naeko fand als Erste ihre Stimme wieder. Ihr Tonfall ließ nicht erahnen, wie viel sie davon im Vorhinein gewusst hatte. Sie meinte: „Toll! Freut mich, dass du einen Treffer landen konntest.“

„Wow! Davon wusste ich gar nichts!“ Daisuke blickte empört drein und zündete sich prompt erst einmal eine Zigarette an. „Wann bitte hast du angefangen, das zu planen?“

„Schon vor einer ganzen Weile. Ich hatte Hidemi noch mit der Informationsbeschaffung beauftragt, bevor sie ... Na ja, das erzählt sie euch lieber selbst.“ Ich biss mir auf die Zunge, beinahe hätte ich mich verplappert. Schnell fuhr ich fort: „Ich bin froh, dass jetzt einer weniger auf unserer Liste steht. Wenn ihr also Vorschläge habt, wen wir uns als Nächstes vornehmen sollen, immer her damit.“

Daisuke wirkte etwas weniger empört, trotzdem noch überrascht. Naeko sah zufrieden drein. Zwischen ihnen stach ganz deutlich Tanakas ungläubige Miene hervor. Als ich mich ihr zuwandte, sagte sie auch schon: „Nicht, dass ich dir nicht glauben würde, Mika, aber von Ingeniums Tod stand gar nichts in den Nachrichten.“

„Ja, das hat mich auch irritiert“, gab ich zu. „Wahrscheinlich haben sie seine Leiche bisher nicht gefunden. Er ist bei sich zu Hause gestorben, da das Gift zeitverzögert gewirkt hat. Es wird also nur eine Frage der Zeit sein, bis sie ihn finden und das die große Schlagzeile wird.“

Plötzlich hörte ich Schritte und wie eine Tür knallte. Während wir uns alle verwundert umdrehten, stand Hidemi im Raum. Sie atmete heftig, wirkte aber nicht mehr wütend. In der Hand hielt sie ihr Handy.

„Mika, hast du schon angefangen?“, wollte sie wissen und starrte mich mit einem Blick an, den ich nicht recht deuten konnte.

„Ja“, antwortete ich. „Gerade habe ich von dem Anschlag auf Ingenium erzählt.“

„Er ist nicht tot.“ Sie zog ihre Jacke aus und setzte sich. „Tut mir leid, Mika, aber ich musste das prüfen. Ich habe in seiner Agentur angerufen und so getan, als wollte ich einen Termin für ein Bewerbungsgespräch vereinbaren. Seine Sekretärin hat gesagt, dass er heute Morgen ganz normal zur Arbeit erschienen ist.“

Ich starrte zurück, als hätte sie gerade einen üblen Witz gemacht. Dieses Mal fragte ich misstrauisch: „Verarschst du mich gerade?“

„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Irgendetwas muss schiefgelaufen sein.“

„Es kann nichts schiefgelaufen sein“, hielt ich dagegen. „Ich habe den Kellner bestochen, damit er das Gift in seinen Drink kippt. Ich habe alles gesehen! Das Fläschchen war hinterher leer.“

Irgendetwas lief hier gewaltig schief. Hidemi sah nicht so drein, als würde sie lügen. Es gab ja auch keinen Grund für sie, warum sie in dieser Angelegenheit lügen sollte.

Naeko mischte sich ein und schlug vor: „Ruf ihn doch einfach an, Mika!“

„Hä? Du hast seine Nummer?“, platzte es aus Tanaka heraus. Wäre die Sachlage nicht so verdammt ernst, hätte ich bei ihrem empörten Tonfall gelacht.

Kurz sah ich entschuldigend zu ihr: „Ja, aber das ist eine lange Geschichte. Ich ... Ich ... Okay, wartet!“

Mit wenigen Handgriffen holte ich mein Handy aus meiner Tasche. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, als ich den Bildschirm entsperrte und auf meine Kontakte ging. Innerlich fror ich, während die Verbindung aufgebaut wurde.

„Hey Mika!“, meldete sich seine Stimme nach einigen Freizeichen. Eindeutig seine Stimme, seine verdammte Stimme! Das konnte nicht sein! Das war unmöglich!

Ohne zu antworten, legte ich auf, schaltete mein Handy sofort stumm und ließ es zurück in meine Tasche gleiten. Ich blickte in die Runde meiner Mitstreiter, als hätte ich gerade einen Geist gesehen.

Daisuke drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus, kippte das Fenster und meinte: „Also halte ich fest: Ingenium ist aus irgendeinem Grund nicht an deinem Gift gestorben, Boss.“

„Ich verstehe das nicht! Der Kellner hat doch ... Ich habe gesehen wie ... Das Fläschchen war vollständig entleert!“, brabbelte ich vor mich hin, sank gleichzeitig in den Sessel zurück.

Absichtlich sah ich nicht zu Hidemi herüber. Fühlte sie sich nun erleichtert, dass er noch lebte? Zufrieden? Glücklich?

„Ähm, Mika?“, setzte Tanaka an, verstummte jedoch sofort wieder. Weil alle ihre Aufmerksamkeit ihr zuwandten, errötete sie etwas. Schließlich äußerte sie doch: „Das ist nur eine theoretische Frage, ja? Es ist nur ... Bist du sicher, dass in dem Fläschchen auch wirklich Gift gewesen ist?“

Die Antwort lag mir schon auf der Zunge, als mir plötzlich heiß und kalt zugleich wurde. Ich fischte meine Handtasche vom Boden und riss den Reißverschluss der Außentasche auf. In meine Hand fiel ein Fläschchen. Eine durchsichtige Flüssigkeit füllte es bis oben hin und mit schwarzem Permanentmarker stand auf dem Glas dünn S14 geschrieben.

„Ich habe dem Kellner versehentlich das Gegenmittel gegeben, das außer Kopfschmerzen und Übelkeit dann rein gar nichts bewirkt hat“, erkannte ich den Fehler im System.

Totenstille kehrte ein.

Meine Hände zitterten noch heftiger als zuvor. Ich hatte ihn gar nicht umgebracht? Tensei lebte tatsächlich noch?

„Das doppelte Lottchen“, meinte Naeko plötzlich und seufzte leise auf. „Kennt ihr das? Es ist eine Kindergeschichte aus Europa, die ganz gut dazu passt. Du hattest zwei Fläschchen, die einander so ähnlich sahen, dass dir dieses Versehen passiert ist.“

„Davon geht die Welt nicht unter, Boss“, versicherte Daisuke mir. „Dann töten wir ihn eben beim nächsten Mal.“

„Wir töten ihn gar nicht mehr“, sagte Hidemi auf einmal, wodurch sich alle Augen ihr zuwandten. Sie hingegen beachtete Daisuke, Tanaka und Naeko nicht. Ihre Aufmerksamkeit galt nur mir.

Schweigend starrten wir einander an. Die Wende konnte ich mir selbst nicht erklären, aber letztendlich gab ich nach: „Ingenium ist vorerst von der Liste runter.“

Es blieb nicht ungesehen, dass Naekos Augen sich für den Bruchteil eines Augenblicks verengten, bevor sie ausdruckslos nach einem von Hidemis Cake Pops griff. Tanaka und Daisuke blickten verwirrt drein. Letztgenannter äußerte: „Okay. Gut, deine Entscheidung, Boss.“

Ich atmete tief durch. Tensei war nicht tot. Das kam einer halben Katastrophe gleich. Wie zur Hölle sollte ich ihm das nächste Mal gegenübertreten? Ich hatte mit ihm geschlafen. Mit einem Helden!

Es gab nur eine Lösung für dieses Dilemma: Ich musste den Kontakt zu ihm abbrechen. Das würde leider nicht so einfach sein, da er ja wusste, wo ich wohnte. Aber irgendwie sollte mir das schon gelingen.

„Es gibt da noch eine zweite Sache“, fuhr ich mit der Sitzung fort und schob den Gedanken an Tensei hinten an. Aus meiner Handtasche kramte ich den Briefumschlag, der am Morgen in meinem Postfach in der Tōdai gelegen hatte. „Der hier ist an mein Büro geschickt worden. Wir müssen gemeinsam entscheiden, was wir damit anfangen.“

Vorsichtig zog ich das Schreiben aus dem Umschlag, faltete es auf und las es vor: „Ich weiß, was du am Freitagabend versucht hast. Selbst wenn es nicht funktioniert hat, bleibt deine Intention bestehen. Ich glaube, wir sind auf einer Wellenlänge. Triff mich nächsten Freitag in der Bar! Twice.“

„Wer oder was ist Twice?“, fragte Tanaka in die Runde.

Naeko zuckte mit den Schultern, Daisuke entgegnete zeitgleich: „Nie gehört!“

„Wer auch immer dieser Twice ist, er hat dann wohl deinen Anschlag auf Ingenium beobachtet und für gut befunden“, sagte Hidemi und schürzte die roten Lippen. „Bestimmt stammt er aus dem Schurkenmilieu. Vielleicht ist er ein Anhänger von Stain?“

„Vielleicht ist es Stain selbst?“, mutmaßte Tanaka.

„Das denke ich nicht“, verneinte ich sofort. „Stain hätte keinen Grund, einen Alibinamen zu verwenden.“

„Warum nicht?“ Fragend sah sie mich an. „Wenn ich er wäre, würde ich meine Spuren auch verwischen. Immerhin bin ich der meistgesuchte Schurke des Landes.“

Ich überlegte tatsächlich einen Moment lang, nicht mehr auf diese Frage einzugehen oder ihr eine Ausrede aufzutischen. Allerdings war es schlimm genug, dass ich meine Mitstreiter in der Angelegenheit mit Tensei nicht offen auf dem Laufenden halten konnte. Da musste ich mir nicht auch noch eine Lügengeschichte über Stain ans Bein pinkeln.

„Bisher war es nicht von Belang, euch darüber aufzuklären, deshalb seid bitte nicht sauer, dass ich es euch erst jetzt sage.“ Ich schlug die Beine übereinander. „Akaguro Chizome hat mit mir zusammen damals Block King Kong gegründet.“

Ich hatte meine Kameraden noch nie so still und überrascht gesehen. Sogar Hidemi, die Kenntnis über meine frühere Beziehung zu ihm hatte, konnte ihr Erstaunen nicht verbergen.

„Krass! Du hast gesagt, du würdest ihn aus der Mittelschule kennen, aber das ... Krass!“, entfuhr es Tanaka mit runden Augen. „Warte mal! Warum hast du dann nach ihm gesucht?“

Zugleich wollte Naeko wissen: „Warum ist er ausgestiegen?“

Nur mit Mühe konnte ich ein Seufzen unterdrücken. Es musste also die ganze Wahrheit her. Demnach gestand ich ihnen: „Er und ich waren sehr lange ein Paar. Vor sechs Jahren habe ich mich von ihm getrennt, weil ich seinen Fanatismus nicht teilen konnte. Da ich seine Einstellung inzwischen aber verstehe, hegte ich die Hoffnung, er würde zurückkommen. Das hat er aber leider abgelehnt.“

„Das ist jetzt ein Witz, Boss!“ Daisuke schien das gar nicht lustig zu finden.

Tanakas Augen glupschten so hervor, sie sah aus wie ein Goldfisch, den man etwas zu kräftig an der Schwanzflosse gezogen hatte. „Ihr wart mal zusammen?“

„Es ist kein Witz, Daisuke.“ Ich hasste Gespräche solcher Art. „Wir waren ein Paar. Fast zehn Jahre lang, um genau zu sein. Ich wurde nach meiner Trennung sogar einmal wegen ihm von der Polizei verhört. Wenn man nur intensiv genug im Internet recherchiert, stößt man zwangsläufig auf meinen Namen.“

„Krass!“, wiederholte Tanaka, die zu mehr anscheinend nicht mehr fähig war.

Naeko klaute Hidemi das letzte Cake Pop und sah sie merkwürdig vorwurfsvoll an. „Du wusstest das, oder?“

Sie nickte, nahm mich aber in Schutz: „Bitte vergesst nicht, dass Mika und ich in dieselbe Mittelschule gegangen sind, nur in unterschiedlichen Klassen. Damals sind es zwar nur Gerüchte gewesen, aber ich habe es quasi von Anfang an mitbekommen.“

„Das ist komplett bekloppt.“ Daisuke schien sich nicht anders zu helfen zu wissen, als sich direkt die nächste Zigarette anzuzünden. „Unser Boss war mit einem Serienkiller zusammen.“

Langsam ging mir das Gespräch auf die Nerven. Ich wusste, dass sie diese Neuigkeit erst einmal verdauen mussten, aber trotzdem gab es wichtigere Dinge. Deshalb sagte ich energisch: „Ich verstehe eure Überraschung, aber wir müssen uns Gedanken über Wichtigeres machen. Wie sollen wir mit der Einladung verfahren?“

Immerhin kamen sie so wieder zur Besinnung und konzentrierten sich auf das Wesentliche. Nachdem ich jedem Zeit gegeben hatte, um darüber nachzudenken, bestimmte ich: „Wir machen eine Runde und jeder gibt erst einmal seine Einschätzung ab. Naeko, du beginnst!“

Sie nickte und tat zögernd ihre Meinung kund: „Ich denke, Hidemi hat recht. Der Kerl, der diese Einladung geschrieben hat, wird ein Schurke sein. Einerseits könnte er einen guten Kontaktmann abgeben. Andererseits birgt das ein Risiko für uns. Wir können uns als Normalos schließlich schlecht wehren.“

Es war untypisch für sie, dass sie sich in dieser Angelegenheit nicht eindeutig positionierte. Nichtsdestotrotz ging die Reihe weiter.

„Ich denke, du solltest die Einladung annehmen und hingehen. Wer weiß, was das für ein Typ ist. Vielleicht ist er Block King Kong nützlich.“ Tanaka sah ungewohnt ernst drein. „Ich finde aber, du solltest nicht alleine gehen, Mika. Wir sind ein Team und das soll dieser Twice ruhig sehen, damit er nicht auf falsche Gedanken kommt.“

Tanaka erwies sich typischerweise als Feuer und Flamme für die Vergrößerung unseres Kontaktkreises. Ihre Worte überraschten mich nur hinsichtlich des Punktes mit der Begleitung. Sonst äußerte sie häufig, ich würde meinen Kram ja alleine hinbekommen.

„Ich würde sie unbeantwortet lassen. Naeko hat schon alles gesagt. Ich finde das Risiko zu hoch“, meinte Hidemi und drehte gedankenverloren an einer blonden Haarsträhne herum.

Die Gesichter wandten sich abschließend Daisuke zu. Er überlegte ungewöhnlich lange, bevor er äußerte: „Ausnahmsweise muss ich Tanaka zustimmen. Ich finde auch, dass du klären solltest, wer dieser Twice ist. Aber nicht alleine, irgendjemand sollte mitkommen.“

Damit gab es zwei Stimmen dafür, eine dagegen und eine Enthaltung. Das stimmte mich nachdenklich. Eigentlich hatte ich mir im Vorhinein überlegt, die Einladung abzulehnen. Ich vermutete ebenfalls einen Schurken dahinter, vielleicht sogar einen, der eine eigene Gruppe am Laufen hielt. Mit dem organisierten Verbrechen hingegen wollte ich Block King Kong nicht in Kontakt bringen. Dadurch gerieten meine Kameraden nur unnötig in Gefahr.

„Wie siehst du das, Mika?“, fragte Hidemi mich gezielt.

Ich erzählte ihnen, was mir durch den Kopf ging. Daraufhin entstand eine heftige Diskussion zwischen ihnen, der ich schweigend lauschte. Viele Argumente dafür und dagegen wurden ausgetauscht.

Nachdem ich mir alles in Ruhe angehört hatte, entschied ich mich dafür, meine ursprüngliche Meinung zu ändern. „Alles klar, ich werde hingehen. Und ja, ich denke darüber nach, wen von euch ich mitnehmen werde.“

Meistens begleitete mich Daisuke, aber da sich der Name Twice für mich nach einem Mann anhörte, glaubte ich, dass ich mit einer weiteren Dame besser aufgestellt sein würde. Hidemi fiel raus, da sie als Polizistin nicht in dieser Bar gesehen werden sollte. Ich musste mich im Laufe der Woche also nur zwischen Naeko und Tanaka entscheiden.

Ausnahmsweise störte mich diese Entscheidungsfindung nicht das geringste bisschen. Solange ich mit dieser Sache beschäftigt war, musste ich mich nicht damit auseinandersetzen, wie es mit Tensei weitergehen sollte.


~~*~~*~~


Preview: Mika trifft auf Twice. Wer begleitet sie bei diesem Treffen? Warum ist er an ihr interessiert? Wird es zu einer Einigung kommen? Was hat Stain mit der Sache zu tun? Das alles erfahrt ihr in Kapitel 12: Altlasten. Bis dahin – Plus Ultra! ;D
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast