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Block King Kong

von Jadina
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Het
Chiyo Shuzenji / Recovery Girl Chizome Akaguro / Stain OC (Own Charakter) Tensei Iida / Ingenium Tenya Iida
01.01.2021
19.06.2022
29
102.620
9
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27.07.2021 3.277
 
~~ Kapitel 10: Der Tanz bei Nacht ~~



Am nächsten Freitagabend begann ich außergewöhnlich früh damit, mich fertigzumachen. Meistens trug ich meine Locken zu einem festen Knoten im Nacken gebunden. Heute föhnte ich sie ordentlich glatt. Schminke nutzte ich nur wenig. Wenn ich es recht in Erinnerung hatte, war es in dieser Bar ziemlich warm. Ich wollte nicht aussehen wie ein Pandabär, weil meine Wimperntusche nach einer Stunde verlief.

Tensei hatte dem Vorschlag, sich auf einen Drink in Shibuya zu treffen, sofort zugestimmt. Natürlich ahnte er nicht, dass dies sein letzter Drink auf Erden sein würde.

Als ich in meinem knielangen, aber eng geschnittenen Kleid das Haus verließ, steckte in dem Außenfach meiner Handtasche das kleine Fläschchen mit der farblosen Flüssigkeit, die dem Spiel ein Ende setzen würde.

Bereits gestern hatte ich nach dem letzten Seminar einen Abstecher zur Bar gemacht und festgestellt, dass dort neues Personal arbeitete. Allerdings sah jenes so aus, als wären sie mit ein paar Tausend Yen durchaus dazu zu bewegen, mir ein bisschen unter die Arme zu greifen. An Geld sollte es nicht scheitern. Ich verdiente wahrlich gut genug.

Es gab viele Gerüchte über Shibuya. Tatsächlich trieben sich dort nicht halb so viele Schurken herum, wie in den Medien immer behauptet wurde. Wenn man aber gezielt auf der Suche war, fand man jemanden, den man in ein krummes Geschäft verwickeln konnte. Man musste nur die richtigen Orte oder Personen kennen.

Zur Sicherheit befand sich in meiner Handtasche auch das Fläschchen mit dem Gegenmittel, nur für den Fall, dass der Barkeeper das Gift für gewollte Drogen hielt und es in beide Gläser kippte.

Ich fuhr mit dem Auto, das Licht funktionierte inzwischen wieder, und fand tatsächlich einen freien Parkplatz. Zwar musste ich von dort aus noch etwa eine Viertelstunde laufen, aber das störte mich nicht. Vielleicht war es für meinen Plan sogar von Vorteil, wenn mein Wagen nicht in der Nähe gesehen wurde.

Die Uhr schlug kurz nach acht. Das Nachtleben in Tokyo erwachte gerade. Unzählige Menschen befanden sich auf den Beinen, bummelten durch das Viertel, zogen von Bar zu Bar und dann weiter in eine Diskothek. Einige Pfiffe ertönten hinter mir, während ich den Treffpunkt ansteuerte.

Tensei stand dort bereits und wartete, als ich eintraf. Er trug eine Lederjacke, das kam unerwartet, aber er sah sensationell gut darin aus. Mein Herz klopfte schon wieder ganz schnell. Dummes Ding!

Dieses Mal küsste ich ihn auf die Wange. Ich würde heute Abend deutlich mehr Gas geben müssen, um ihn abzulenken. Wenn er mir voll auf den Leim ging, würde der Turbo Hero noch vor Mitternacht Geschichte sein.

Er wirkte etwas überfahren von dieser Initiative, aber im Anschluss daran lächelte er. „Schön, dich zu sehen. Wo gehen wir hin?“

„Wir sind schon da.“ Ich hakte mich an seinem Arm unter und führte ihn geradewegs zu der Bar hinter uns.

Verwundert äußerte er: „Hier? Der Laden hat offen?“

Diese Reaktion konnte ich ihm nicht verübeln. Zwecks Reklame hing ein altmodisches Leuchtschild über dem Eingang, jedoch wurden einige Buchstaben nicht mehr richtig erhellt. An der Tür stand mit Graffiti geschrieben Closed. Das hatte nichts mit den Öffnungszeiten zu tun, es handelte sich um den Namen der Bar.

„Er sieht nicht so aus und das ist sein Geheimnis“, antwortete ich zwinkernd und stieß die schwere Holztür auf.

Es war eine der wenigen Bars in Tokyo, in denen man noch rauchen durfte. Natürlich nicht offiziell, aber die Polizei hatte weitaus Besseres zu tun, als jede Bar einzeln zu kontrollieren.

Heitere Stimmen, dicke Luft und Musik aus den Charts begrüßten uns beim Eintreten. Es war schon ziemlich voll hier. Trotzdem gelang es mir, einen kleinen Tisch mit einer Ecksitzbank zu ergattern. Beim Ausziehen meines Trenchcoats ließ ich mir Zeit, dessen bewusst, dass Tensei mich dabei ansah.

Dieses Kleid trug ich nur selten. Ich hatte es mir irgendwann einmal bei einem gemeinsamen Shoppingtrip mit Tanaka gekauft Sie schwor, es würde mir ausgezeichnet stehen. Die runden Augen meiner Begleitung ließen mich vermuten, dass Tensei das ähnlich sah.

„Ich kenne viele Bars in Tokyo, aber die hier ist mir neu“, gestand er, während er versuchte, mich nicht allzu offensichtlich anzustarren. „Was möchtest du trinken?“

Die ganze Woche hatte ich Zeit gehabt, um mich auf diesen Abend in Ruhe vorzubereiten. Es gab einen ausgefuchsten Plan, den ich peu á peu durchzuziehen gedachte. Demnach nutzte ich eine Strategie, die ich von Hidemi kannte, und entgegnete breit lächelnd: „Überrasch mich!“

Damit brachte ich Tensei sichtlich aus dem Konzept. Nachdem er die unerwartete Antwort verdaut hatte, ging er auf das Spiel ein. „Gut! Dann wollen wir doch mal sehen, ob ich was Passendes für dich finde.“

Ich sah ihm dabei zu, wie er zwischen den anderen Besuchern der Bar verschwand, um sich seinen Weg vor zum Tresen zu bahnen. Hier gab es keine Bedienung, sondern man musste seine Getränke selbst holen. Für mich machte das einen Teil des Charmes aus, den dieser Laden mit sich brachte.

Nervosität breitete sich in mir aus, während ich auf seine Rückkehr wartete. Es lag schon einige Jahre zurück, dass ich in dieser Lokalität die Waffen für Daisuke und mich erstanden hatte. Unauffällig sah ich mich nach einem bekannten Gesicht um und fand den Händler von damals. Er trug immer noch diesen merkwürdigen Oberlippenbart und die Brille mit den runden Gläsern. Eine Zigarette steckte zwischen seinen Lippen, aber er sah nicht zu mir herüber, sondern starrte auf sein Handy. Vielleicht würde er heute einen Deal über die Bühne bringen. Ich hoffte, die Aktion verlief reibungslos. Ansonsten würde Tenseis innerer Held mir Probleme bereiten.

Neugierig sah ich seine Auswahl an, mit der er an unseren winzigen Tisch zurückkehrte. Beim Hinsetzen berührte sein Bein meines und grinsend schob er das Glas zu mir hinüber. Er selbst hatte einen Mojito dabei, das erkannte ich sofort. Mein Getränk hingegen war mir fremd.

„Was ist das?“, fragte ich neugierig und taxierte die Kiwischeibe auf dem Glasrand.

„Etwas, das zu dir passt. Der Name dieses Cocktails ist Admiral Red. Er ist ein bisschen süß, zugleich ein bisschen herb und in jedem Fall sehr erwachsen.“ Die feinen Haare in meinem Nacken stellten sich auf, als er sich zu mir beugte und mir frech ins Ohr wisperte: „Im Abgang ist er ganz schön scharf.“

Die funkelnden, blauen Augen kamen meinen so nahe, dass ich die helleren Flecken in seiner Iris sehen konnte. Ohne den Blickkontakt zu lösen, trank ich einen Schluck durch den Strohhalm. Ich schmeckte Erdbeeren, Kiwi und Rum. Er war gut. Dann folgte der Chili, den ich nicht erwartet hatte.

Das brennende Kribbeln breitete sich in meinem ganzen Mund aus. Der Cocktail war scharf, keine Frage, doch glücklicherweise musste ich nicht husten. Trotzdem merkte man mir an, dass ich mit dem Chili nicht gerechnet hatte.

Tensei grinste fies, weshalb ich kurzerhand beschloss, das Spiel auf die Spitze zu treiben. Ich drehte das Glas, sodass der Strohhalm in seine Richtung zeigte, und fragte: „Möchtest du probieren?“

Sein Blick huschte ein paar Mal zwischen dem Glas und mir hin und her. Starrte er mir gerade auf den Mund? Schließlich zögerte er seine Entscheidung heraus. „Vielleicht später.“

Dieses Spielchen aus Neckereien ging noch eine ganze Weile weiter. Inzwischen fühlte ich mich locker, meine Wangen prickelten gerötet und Schmetterlinge feierten eine Fete in meinem Bauch. Ganz, wie ich es geplant hatte, unterschrieb Tensei sein eigenes Todesurteil, nachdem die erste Runde Drinks getrunken war.

Er schob mir die leeren Gläser hin und forderte mich auf: „Jetzt bist du dran! Such mir was aus!“

Ich nahm die beiden Gläser an mich und spazierte mitsamt meiner Handtasche zum Tresen. Der Barkeeper trug einen schwarzen Ganzkörperanzug mit grauen Streifen auf der Brust, weshalb ich nicht einmal sein Gesicht sehen konnte. Er war mir unbekannt, aber ich wusste, auf welche Qualifikationen der Barbesitzer bei der Einstellung des Personals achteten.

„Für mich irgendetwas ohne Alkohol“, bestellte ich, öffnete meine Handtasche und zog ein paar mehr Scheine als nötig hervor. Gemeinsam mit dem gläsernen Fläschchen schob ich sie über den Tresen. „Das hier geht in einen Zombie!“

Der Barkeeper starrte mich an. Es hinterließ ein seltsames Gefühl, da ich seine Augen nicht sehen konnte, aber ich meinte, dass er über meine Schulter zurücksah und Tensei erblickte. Für den Bruchteil einer Sekunde wirkte er wie eingefroren. Dann sagte er in merkwürdig fröhlichem Tonfall: „Immer gerne, die Dame!“

Er ließ sich nichts anmerken und mixte unsere Cocktails zusammen. In meinem landeten verschiedene Fruchtsäfte, die einen schönen Farbübergang von Gelb nach Rot bildeten, aber kein Alkohol. Ich musste einen klaren Kopf behalten. Weil mein Getränk eine ähnliche Farbe hatte wie das für Tensei, steckte der Barkeeper zur Unterscheidung noch eine Ananasspalte auf meinen Glasrand.

Ich musste mich stark zusammenreißen, um nicht zu straucheln, als ich zu unserem Tisch zurückging. Weil ich so klein war, rempelten Leute mich mit den Ellenbogen an. Tunlichst achtete ich darauf, nichts zu verschütten. Der ominöse Barkeeper hatte das Gift bis zum letzten Tropfen in den Zombie gekippt und die Scheine unauffällig unter dem Tresen verschwinden lassen.

Verwirrt begutachtete Tensei meine Auswahl für ihn, als ich unseren Tisch endlich erreichte. Entweder vermochte er nicht mit Sicherheit zu sagen, um welchen Cocktail es sich handelte, oder er zweifelte an meinem Eindruck von ihm.

„Ein Zombie?“, fragte er mit einem weinenden und einem lachenden Auge. „Meinst du das Ernst, Mika?“

Jetzt ging er schon von meinem Nachnamen zu meinem Vornamen über. Das lief besser als erwartet. Wenn ich es genau überdachte, war das allerdings kein Wunder. Wir hatten bisher über nichts von Bedeutung geredet, sondern uns nur gegenseitig angeflirtet. Dieses Treffen schlug eine andere Richtung ein als das Letzte.

Zunächst antwortete ich nicht, sondern trank betont einen Schluck. Der Pfirsichsaft schmeckte gut und lenkte von meiner Beobachtung ab, wie Tensei seinen Zombie probierte. Das Gift wirkte zeitverzögert, aber stark. Wahrscheinlich musste er nicht einmal austrinken, damit es später seine volle Wirkung entfaltete.

Erst, nachdem er getrunken hatte, beugte ich mich etwas vor und beantwortete seine Frage in verschwörerischem Tonfall: „Es ist mein voller Ernst. Er ist schön anzusehen und schmeckt auch gut, aber er ist ziemlich stark. Wenn man also nicht aufpasst, verliert man mit ihm schnell die Kontrolle.“

Bevor ich mich versah, strich er mir eine Haarsträhne hinters Ohr. Zeitgleich flüsterte seine Stimme ganz nahe an diesem: „Möchtest du sie denn verlieren?“ Seine Hand tastete unter dem Tisch nach meiner.

Der Abend erreichte den entscheidenden Punkt. Der Barkeeper hatte das Gift in seinen Drink gekippt und er davon getrunken. Es war alles getan. Ich konnte problemlos aufstehen und gehen. Auf Nimmerwiedersehen!

Wenn es doch nur so einfach wäre. Wenn ich doch nur einen kühlen Kopf behalten könnte. Statt vernünftig zu sein, raunte ich dezent heiser zurück: „Schon passiert.“

Dann ging alles ganz schnell. Meine Hand fand seine und sein Mund fand meinen. Er küsste stürmischer als erwartet. Insgesamt gab es nichts daran zu zweifeln, dass er den Ton angeben wollte, aber das störte mich nicht im Geringsten. Ich ließ es einfach zu.

Irgendwann lösten wir uns voneinander. Wir waren ganz eng zusammengerutscht, sein linker Arm lag um meine Taille, und mein Herz raste so heftig, dass es mir jeden Moment aus der Brust springen konnte.

„Du bist so schön“, sagte Tensei frei und geradeheraus, als hätte er nur eben eine Bemerkung über das Wetter gemacht. „Ich will alles über dich wissen! Ich will die ganze Mika sehen!“

Ich für meinen Teil wollte gar nicht mehr über mich erzählen, als er sowieso schon wusste. In wenigen Stunden würde er gestorben sein. Bis dahin galt es, die Zeit zu nutzen, also küsste ich ihn einfach weiter.

Vor einigen Wochen hatte ich mit meinem Expartner geschlafen und mich dabei so jung gefühlt wie schon lange nicht mehr. Verglichen mit jetzt war das lächerlich gewesen. Bei Tensei stand alles an mir unter Strom, bei jedem Kuss, bei jeder noch so kleinen Berührung seinerseits.

Ich musste die Zeit ausnutzen! Definitiv! Wie lange blieb mir, bis er starb? Vier Stunden? Drei Stunden?

Mit einem eindeutigen Ziehen in der Bauchgegend lehnte ich mich noch mehr gegen ihn und wisperte: „Gehen wir woanders hin?“

Seine blauen Augen funkelten auf eine Weise, die mir den Boden unter den Füßen wegzog. Für den Bruchteil einer Sekunde schien die Welt stillzustehen, bevor er verstand und die heilige Frage der Fragen unter Erwachsenen stellte. „Zu dir oder zu mir?“

In Anbetracht der Tatsache, dass ich in meinem Keller ein geheimes Labor pflegte, fiel die Entscheidung sofort. „Zu dir!“

Im Handumdrehen leerten wir die Gläser, besiegelten sein Schicksal damit endgültig und verließen die Bar. Ohne Strumpfhose fröstelte ich in meinem Kleid. Zugleich war mir sengend heiß. Aufregung erfasste mich. Ich würde das nur einmal mit ihm genießen können. Eigentlich schade.

Eine Weile liefen wir Hand in Hand durch das nächtliche Shibuya. Verspätet merkte ich, dass wir irgendwann nicht bloß zum Knutschen stehen geblieben waren, sondern auch auf den Nachtbus gewartet hatten. Das Herz rutschte mir in die Hose, als mir diese Erkenntnis klar wurde.

Ich war gezwungen, eine Entscheidung zu treffen. Mit der Bahn konnte ich nicht fahren. Das ging einfach nicht! Mit dem Bus hatte ich es seit Ewigkeiten nicht versucht. Ob ich das schaffte? Wollte ich ihn so sehr, dass ich mich dazu überwinden konnte?

Tensei, der von meinem Zögern gar nichts bemerkte, nahm mich einfach an der Hand und zog mich in den Bus hinein. Im Stehraum drängten sich die Leute dicht aneinander. Meine rechte Hand hielt er mich fest und mit dem linken Arm presste er mich an sich. Er roch gut und ich vergrub die Nase an seiner Brust. Höher kam ich nicht. Er war so riesig und ich so klein.

Wo wir ausstiegen, darauf achtete ich kaum. Eine kurze Fahrt lag hinter uns, vielleicht vier oder fünf Stationen. Trotzdem war ich heilfroh, als wir die letzten Meter zu Fuß zurücklegten.

Mich erwartete ein riesiges Haus mit noch größerem Grundstück, das nicht nur von einer hohen Steinmauer umgeben, sondern auch noch mit einer dichten Hecke vor Blicken geschützt wurde.

Drinnen bekam ich gar nicht die Gelegenheit, mich genauer umzusehen. Tensei schnappte mich einfach, hob mich auf seine Arme und sauste dann mit der Geschwindigkeit eines Blitzes die Treppe hinauf in sein Schlafzimmer. Genauso schnell landeten unsere Kleider auf dem Boden.

Seine Hände berührten mich überall. Ausgerechnet dort, wo ich fast niemandem erlaubte, mich anzufassen, fühlten sie sich besonders gut an. Ich sehnte mich nach seiner Nähe wie nie zuvor.

Wir, die zwei Schatten, die in der Nacht spielerisch umeinander herumtanzten, bis sie endlich miteinander tanzten.

Als wir anschließend zur Ruhe kamen, lag er mit dem Kopf auf meiner Brust, die Augen geschlossen, und ich streichelte zärtlich durch seine dunkelblauen Haare. Mondlicht fiel zwischen den Vorhängen ins Zimmer.

Ich wartete, bis er eingeschlafen war, bevor ich mich vorsichtig aus seinem Griff wand und aus dem Bett glitt. Leise wie ein Mäuschen fischte ich meine Kleidung vom Boden und schlich auf Zehenspitzen aus dem Raum. Im Flur zog ich mich an. Bis auf die Schuhe, in die schlüpfte ich erst, als ich das Haus tatsächlich verließ.

Kein einziges Mal sah ich zurück, während ich durch den Vorgarten huschte. Der Kies knirschte unter meinen Sohlen. Frühlingsluft pfiff mir um die Ohren und verdrängte das dröhnende Rauschen darin.

Es hatte sich seit Jahren nicht mehr so schön angefühlt, mit einem Mann zu schlafen. Ich musste Hidemi zustimmen – er war ein Volltreffer! Aber es gab kein Zurück mehr. Das Gift arbeitete bereits in ihm. Wenn ich zu Hause ankam, würde die Wirkung einsetzen. Schwach tröstend redete ich mir ein, dass seine letzten Stunden wenigstens glücklich ausgefallen waren. Zumindest war es so, wenn er genauso gefühlt hatte wie ich.

Da ich keine Ahnung besaß, wo genau ich mich befand, musste ich erst einmal meinen Standort mittels meines Handys orten. Anschließend suchte ich nach der Haltestelle des Nachtbusses. Ich wunderte mich immer noch darüber, mit diesem gefahren zu sein. Vielleicht hatte Tenseis Anwesenheit mir einfach nur die nötige Sicherheit gegeben, aber ich würde es alleine probieren müssen, um darüber Gewissheit zu erlangen.

Als ich die Haltestelle erreichte, änderte sich der Plan. Der nächste Bus fuhr erst in einer halben Stunde. Da konnte ich auch gleich nach Shibuya laufen, es würde auf dasselbe herauskommen.

Der Fußweg führte an einer Parkanlage vorbei. Die Strecke wäre noch kürzer gewesen, wenn ich hindurch gegangen wäre, aber dafür fühlte ich mich nicht sicher genug. Also nahm ich den Umweg über die beleuchtete Hauptstraße.

Gegen halb zwölf erreichte ich Shibuya und den Parkplatz meines Autos. Hinter dem Steuer sitzend, meine Handtasche achtlos auf den Beifahrersitz geschmissen, atmete ich tief durch. Es dauerte einen Augenblick, bis ich begriff, dass meine verschwommene Sicht weder an meinem Alkoholpegel lag noch an einer dreckigen Brille.

Ich weinte.

Tränen rannen mir über die Wangen, tropften von dort herunter und hinterließen Spuren auf meinem Kleid. Langsam ließ ich den Kopf nach vorne sinken, bis meine Stirn gegen das Steuer lehnte, und schluchzte einfach nur vor mich hin.

Das Leben war nicht fair! Wieso hatte Tensei ein Held sein müssen? Wieso war er nicht ein ganz normaler Mann? Dann hätte ich ihn nicht töten müssen! Warum traf es immer mich? Warum konnte ich nicht einmal Glück mit Männern haben? Warum?

Mir war schon klar, weshalb ich alleine durchs Leben ging. Alleine tat es nicht so weh. Alleine trug ich nur die Verantwortung für mich selbst, und für meine Mitstreiter von Block King Kong, aber das tat hier nichts zur Sache.

Mit zitternden Händen startete ich den Motor und parkte aus, stieß dabei fast gegen das Auto hinter mir. Im Schneckentempo kroch ich durch die Straßen, als hätte ich Angst vor dem, was mich zu Hause erwartete.

Meine Straße lag genauso friedlich da wie Tenseis Straße. Beinahe fühlte es sich an, als träumte ich und hätte seinen Wohnort gar nicht erst verlassen. Am liebsten würde ich immer noch in seinem Bett liegen und ihn festhalten, ihn beim Schlafen beobachten und seinen Atem auf meiner Haut spüren.

Doch das ging nicht. Ich hatte meine Entscheidung lange zuvor gefällt. Sie war nicht rückgängig zu machen.

Ich parkte schief ein und stieg aus dem Auto aus. Auf dem Weg zu meinem Haus knickte ich auf dem Bordstein um und schlüpfte infolgedessen geradewegs aus den Pumps. Barfuß lief ich über den Asphalt, betrat mein Grundstück und anschließend meinen Flur.

Kaum dass die Tür hinter mir ins Schloss fiel, lehnte ich mich mit dem Rücken dagegen und sank an ihr herunter, bis ich auf dem Boden hockte. Den Kopf legte ich auf meinen Knien ab. Die Tränen versiegten und machten einer Leere Platz, die mich von innen aufzufressen drohte.

Ich hatte einen Fehler begangen. Einen Fehler, den ich mir jetzt eingestand, wo es kein Zurück mehr gab. Ich hatte einen Mann umgebracht, der anders war als die anderen Helden. Einen, der dieses Schicksal nicht verdiente. Trotzdem hatte ich ihn letztendlich mit seinen Kollegen über einen Kamm geschert.

Ich verfluchte Naeko, deren Misstrauen mich zu dieser Entscheidung bewegt hatte, und ich verfluchte Hidemi, der ich das Schlamassel überhaupt erst verdankte. Zum Schluss verfluchte ich mich selbst, weil ich wusste, dass ich auf Lügen beharrte. Das hier war nicht die Schuld meiner Freundinnen. Ich trug sie alleine.

Wankend richtete ich mich auf. Da ich mich so fühlte, als würde ich es nicht die Treppe hinauf schaffen, schlurfte ich ins Wohnzimmer und ließ mich auf dem Sofa nieder. Eingehüllt in meine flauschige Kuscheldecke starrte ich zur Glasfront hinaus in meinen Garten. Irgendwann schlug die Uhr Mitternacht.

Der Turbo Hero Ingenium tat gerade seinen letzten Atemzug.


~~*~~*~~


Preview: Eine Unheil verheißende Einladung flattert ins Haus. Mika muss erkennen, dass ihr ein fataler Fehler unterlaufen ist. Was ist geschehen? Wer hat die Einladung verfasst? Wird Mika auf das Angebot eingehen? Das alles erfahrt ihr in Kapitel 11: Das doppelte Lottchen. Bis dahin – Plus Ultra! ;D
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