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Ein Mann im Schnee

von Nicorla
GeschichteAllgemein / P16
01.01.2021
20.01.2021
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13.01.2021 830
 
Sie konnten dunkle Rauchschwaden sehen, als sie auf das Dorf zugingen. Es sah fast so
aus, als hätte jemand feuchtes Stroh in Brand gesteckt. "Was geht da vor sich?", fragte
Batch und Rin sah zu Scar. Dieser wiederum hieß die Gruppe stehenbleiben: "Wir
sollten vielleicht nicht am helllichten Tag hineingehen. Wer weiß, was uns erwartet."
"Wir müssen davon ausgehen, dass sie uns bereits gesehen haben. Es gibt hier weit
und breit kaum Deckung", gab die junge Frau zu bedenken, doch auch die beiden
Soldaten waren dafür, sich dem Dorf erst abends, im Schutz der Dunkelheit, weiter zu
nähern. Also ließen sie sich nieder hinter einem der wenigen Felsgebilde nieder und
warteten auf den Abend.

Leise und vorsichtig näherten sie sich den ersten Hütten. Yuri schlich voran, gefolgt
von Scar und Rin, während Batch ihnen den Rücken deckte. Es waren keine Menschen
auf der Straße, doch nach den ersten ärmlichen Behausungen, die teils nur aus
Tüchern und grob aufgeschlichteten Steinen bestanden, sahen sie die ersten
bewaffneten Männer stehen. Sie mussten also unauffällig bleiben, weswegen sie sich
im Schatten hielten, während sie sich dem Ortszentrum näherten. Als sie den freien
Platz sichteten, standen dort mehrere aufgerichtete Holzpfeiler, an denen ishvalische
Männer festgebunden waren. Sie sahen alle ziemlich mitgenommen aus und wirkten
kraftlos. Um sie herum waren mehr Waffen tragende Gestalten positioniert, die sie
offenbar bewachten. Rin war außer sich vor Zorn, doch sie konnte sich beherrschen.
Scar, der ihren Ärger offenbar spürte, legte ihr besänftigend die Hand auf die Schulter,
obwohl er selbst vor unterdrückter Wut leicht zitterte. Yuri bedeutete ihnen im fahlen
Licht, sich wieder zurückzuziehen.

Als sie außerhalb Sicht- und Hörweite waren, wisperte der Soldat: "Wir sollten uns
einen Plan überlegen. Wenn wir unvorsichtig sind, werden diese Kerle wahrscheinlich
kein Problem damit haben, das ganze Dorf abzubrennen." Rin raunte leise: "Wir sind
nur zu viert, sie sind uns zahlenmäßig überlegen. Ich habe allein auf dem Weg hierher
sechzehn bewaffnete Männer gezählt." Batch überlegte: "Es wäre gut, wenn wir den
Rest des Dorfes auch auskundschaften, damit wir wissen, mit wieviel Mann wir es in
Summe zu tun haben." Die anderen stimmten zu und schließlich wurde beschlossen,
dass die beiden Soldaten sich dieser Aufgabe annehmen würden, während Scar zu
Rins Schutz mit ihr an dieser Stelle zurückbleiben sollte. So machten sie es und die
beiden Ishvaler versteckten sich zwischen zwei Hütten, wo sie das Licht
vorbeigehender Patroullien nicht treffen würde. Scar warf seinen Umhang über sie
beide, sodass es im Zweifelsfall so wirken würde, als läge in dem schmalen
Zwischenraum nur etwas abgedecktes Gerümpel.

Es verging eine lange Zeit, in der mehrfach bewaffnete Männer mit Laternen an ihnen
vorbeigingen. Jedes Mal hielten die beiden Versteckten den Atem an, um sich mit
keinem Lebenszeichen zu verraten. Es war unbequem, so zusammengekauert, doch
Rin war ruhig, da Scar bei ihr war. Seine Nähe gab ihr die Kraft, dieses
nervenaufreibende Unterfangen gelassen durchzustehen. Endlich hörten sie hinter
sich das Wispern von Batch, der offenbar zurückgekehrt war und kurz darauf stieß
auch Yuri wieder zu ihnen. Gemeinsam kamen sie auf zweiunddreißig Bewaffnete, die
sich in dem Dorf aufhielten. Das war eine große Übermacht, der sie gegenüber stehen
würden. Sie zogen sich aus dem Dorf zurück und begaben sich zurück hinter die
Felsen, die ihnen schon bis zum Abend als Schutz gedient hatten. Dort beratschlagten
sie, was sie tun sollten und entwickelten schließlich einen waghalsigen Plan. Bis zum
Morgengrauen waren es noch einige Stunden, weswegen die Männer beschlossen,
dass sie sich noch etwas ausruhen sollten. Sie teilten sich in die Wache ein, sodass
jeder noch einige Minuten Schlaf erhalten konnte.

Kaum war der Morgen angebrochen, waren sie auf den Beinen. Rin klopfte sich den
Staub aus den Kleidern und kramte in ihrem Rucksack. Während die Männer ihr eisern
den Rücken zukehrten - die Soldaten schon allein, weil Scar sie sicherheitshalber mit
grimmigen Blicken bedacht hatte -, legte sie das Priesterinnengewand an, das ihr zum
Geschenk gemacht worden war. Als sie fertig war, verstaute sie ihre anderen
Kleidungsstücke mit etwas Mühe in der Tasche, die sie dann an Yuri weiterreichte.
Danach machten sie und Scar sich auf den Weg zum Dorf, während die beiden
Soldaten außerhalb, getarnt mit ihren wüstenfarbenen Umhängen, Stellung bezogen.

Der sich langsam aufheizende Sand unter ihren nackten Füßen schien augenblicklich
abzukühlen, wenn sie auf ihn trat, stellte sie mit gelinder Überraschung fest und
dankte in Gedanken Ishvala, dass sie ihr den Weg bereitete. Hoch erhobenen Hauptes
schritt sie vorwärts, während der Mönch dicht neben ihr lief und eine finstere Miene
zog. Das lag zum Einen an seiner Rolle als Leibwache, zum Anderen aber vornehmlich
daran, dass ihm der Plan wirklich nicht gefiel. Er fand es zu riskant, Rin weitestgehend
ungeschützt in dieses Dorf gehen zu lassen. Doch es blieb ihnen nicht viel übrig. Als die
Sonne bereits ihren Weg am Himmel aufgenommen hatte, erreichten sie die ersten
Hütten und sahen sich schon nach kurzer Zeit mehreren Waffen gegenüber, die auf sie
gerichtet waren.
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