Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Knave of Hearts

GeschichteMystery, Übernatürlich / P12 / Gen
01.01.2021
24.03.2021
13
24.490
1
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
01.01.2021 1.528
 
Ich blickte in den Spiegel. Graue Augen, durchsetzt mit blauen Sprenkeln, starrten mir entgegen. Umrahmt wurden sie von blondem Haar, das wie immer glatt und langweilig herunterhing. Das ganze Ensemble war mir nur allzu gut bekannt.
Seufzend wandte ich den Blick ab und griff nach meinen beiden Koffern, auf denen zahlreiche Sticker meiner letzten Reisen prangten, unter ihnen natürlich auch einer von Humphrey Smiles' legendärem Konzert letztes Jahr (Humphrey Smiles war schon seit Jahren mein absoluter Lieblingssänger), auf dem ich damals mit meinen besten Freundinnen Charline und Bianca gewesen war. Ich seufzte abermals, als ich an sie dachte. Ich würde sie unglaublich vermissen.
Mein Blick schweifte ein letztes Mal durch mein Zimmer – zu den Plakaten von Humphrey Smiles an den Wänden, die mir Bianca zu meinem 15. Geburtstag geschenkt hatte, dem viel zu leeren Schreibtisch (meine Schulbücher hatte ich alle in Kartons verstaut, die nun im Keller gelagert wurden, und meine Stifte nahm ich mit in die neue Schule) und zu meinem goldumrahmten Spiegel, der perfekt zu dem weißen Holz meiner Schminkkommode (ein Geschenk meiner Tante Dana) passte. Ich unterdrückte den Drang, bei dem Anblick meines leergeräumten Zimmers in Tränen auszubrechen, und verließ es ohne einen weiteren Blick zurück.

»Ich bin fertig«, rief ich meinen Eltern zu. Meine Mutter, eine zierliche blonde Frau, wartete bereits mit dem Autoschlüssel in der Hand auf mich und auch mein Vater, ein braungebrannter Mittvierziger, war schon bereit für die Abfahrt.
Ich stieg in den schwarzen BMW ein und schlug die Tür hinter mir zu, den Blick immer stur geradeaus gerichtet. Ich wagte es nicht, mich ein letztes Mal nach unserem Haus umzublicken. Trotzdem merkte ich, wie langsam Tränen in meine Augen stiegen, als mein Vater den Motor anließ. Ich blinzelte sie weg. Ich würde heute nicht weinen. Heute sollte ich alles hinter mir lassen. Ich sollte glücklich sein, weil ich von nun an eine renommierte Schule gehen durfte, aber ich war es nicht. Mein ganzes altes Leben – meine Freunde, mein Zuhause und meine Familie – wurde von mir fortgerissen. Alles würde sich von nun an ändern. Meinen Eltern zuliebe zwang ich mir trotzdem ein Lächeln auf die Lippen.
Diese unterhielten sich gerade lebhaft vorne im Auto. Ich hörte kurz halbherzig hin. Mein Vater erklärte meiner Mutter, wie ihre Reiseroute aussehen würde, und meine Mutter äußerte ihre Bedenken, dass sie ihren Flug verpassen könnten. So viel also dazu, dass sie gerade dabei waren, ihre einzige Tochter für wer weiß wie lange in ein Internat abzuschieben.
Immer positiv denken, flüsterte mir meine innere Stimme zu. Na, ich konnte es ja zumindest versuchen.

Nach einer halben Ewigkeit, wie es mir schien – ich hatte anscheinend einen Großteil der Fahrt verschlafen –, hatte sich unsere Umgebung verändert. Die Einfamilienhäuser waren verschwunden und an ihre Stelle waren Wälder und Berge getreten. Die Straße war nicht mehr wirklich asphaltiert und glich eher einem Feldweg.
Während unser Auto diesen Weg entlangfuhr, wurde ich ordentlich durchgerüttelt. Mir schien, dass mit jeder Unebenheit ein Stück mehr meines alten Lebens in der Ferne zurückblieb. Bei dem Gedanken daran wurde ich wehmütig. Aber dann wichen alle trübseligen Gedanken in den Hintergrund, als ich meine Augen wieder auf die Umgebung, die aus meinem Fenster sichtbar war, richtete. Dort, am Horizont, glaubte ich, bereits die Umrisse meines Ziels – das Internat »Lumière« – zu erahnen. Aber mein Blick konnte sich auch täuschen.
Nein, ich täuschte mich nicht. Kurz darauf parkten wir vor riesigen, schweren Eisentoren. Ich ließ meinen Blick schweifen. Ein großes Steingebäude, das einer Burg ähnelte und zum Teil von Blätterranken überzogen war, ragte mir entgegen. Auch der Zaun rund um die Schule war teilweise überwachsen.
Vor dem Tor erwartete mich bereits die Schulleiterin. Lächelnd und mit zusammengefalteten Händen stand sie da und schien uns schon zu erwarten. Nach einem kurzen Gespräch mit meinen Eltern widmete sie sich schließlich mir und begrüßte auch mich. Ich umarmte meine Eltern ungelenk zum Abschied und blickte ihnen nach, als sie mit quietschenden Reifen davonfuhren, bis die Schulleiterin, die ihre Hand auf meine Schulter legte, mich den Blick abwenden ließ.
Sie leitete mich durch die großen Eisentüren auf das Schulgelände und von dort über einen kurzen Kiesweg durch ein schweres Mahagoni-Flügeltor ins Innere des Internats, das von diesem Tage an mein Zuhause sein sollte. Im Schulgebäude erklärte sie mir, während sie mich ein wenig herumführte, die grundlegenden Abläufe. Es waren so viele Informationen auf einmal, dass ich mir nicht sicher war, ob ich mir auch alles merken konnte, aber ich tat mein Bestes. Zudem versuchte ich, mir so viel wie möglich von meiner Umgebung einzuprägen und alles in mich aufzusaugen. Das Gebäude war atemberaubend schön, schlichte Steinwände waren von Kerzenhaltern gesäumt, in denen aber moderne Glühbirnen eingefasst waren. Manche der Gänge waren mit weinroten Teppichläufern ausgelegt, wahrscheinlich, um sie edler und heimeliger aussehen zu lassen. Das Gebäude war so verwinkelt, dass ich bezweifelte, mir alle Wege auf Anhieb merken zu können. Es half meinem Orientierungssinn auch nicht dabei, dass mein Gehirn zusätzlich mit den Informationen, die mir die Schulleiterin unablässig gab, beschäftigt und damit ein wenig überfordert war. Sie erklärte mir, wann es Frühstück, Mittagessen und Abendessen gab, wie die Hausordnung aussah (Bettruhe war um 22 Uhr) und dass ich mich, sollte ich etwas brauchen, jederzeit an sie oder eine der Lehrpersonen wenden konnte. Dazu lächelte sie mich freundlich an. Trotzdem merkte ich, wie sich die Trauer wieder in mir ausbreitete. Mir wurde erst jetzt wirklich bewusst, wie sehr sich mein Leben von nun an ändern würde.
Schließlich waren wir wieder in der Aula angekommen. Von dort führte sie mich zu meinem neuen Zimmer, vor dem sie mich mit den Worten, meine Zimmergenossin solle mich noch weiter herumführen, alleine stehen ließ. Mein Blick wanderte gerade über die schlichte Holztür, als diese plötzlich weit aufgerissen wurde.
Treuherzige grüne Augen blickten mir ein wenig überrascht entgegen. »Du musst Chantal Coeur sein!«, rief das fremde Mädchen und schloss mich stürmisch in ihre Arme. An ihrer Schulter – und ihrer voluminösen Lockenpracht – vorbei erhaschte ich einen Blick ins Zimmer. Graue Wände und ein kleines Fenster waren zu sehen, dann schob sich wieder das freudestrahlende Gesicht des Mädchens in mein Blickfeld. Sie nahm mich bei den Händen und zog mich mit sich ins Zimmer.
»Hier ist dein Bett, dort steht dein Schrank und das ist dein Schreibtisch«, sprudelte das Mädchen los und zeigte auf die entsprechenden Möbelstücke. Ich versuchte, sie einzubremsen, aber die Brünette quasselte einfach weiter.
Gedankenversunken, mit der Stimme des Mädchens als Geräuschteppich hinter mir, blickte ich zur geöffneten Tür. Gerade rechtzeitig, um einen Blick auf den Jungen zu erhaschen, der just in diesem Moment über den Gang schlenderte. Als hätte er meinen Blick gespürt, schaute er auf einmal auf und starrte mir direkt in die Augen. Er schüttelte kaum merklich den Kopf, bevor er den Blick wieder abwandte und, als wäre nie etwas gewesen, seinen Weg fortsetzte. Irritiert runzelte ich die Stirn und widmete mich wieder dem Mädchen vor mir, das mich nach wie vor zutextete. Gerade rechtzeitig, wie es schien.
»Ich bin übrigens Greta«, stellte sie sich – endlich – vor. »Hat dir schon einmal jemand gesagt, dass du echt gut zuhören kannst?« Sie grinste mich fröhlich an. Unwillkürlich musste ich ihr Lächeln erwidern und ich wusste, dass ich zumindest schon eine Freundin gefunden hatte.
Dann führte sie mich nochmal durch das Schulgelände und zeigte mir alles, was ich als neue Schülerin aus ihrer Sicht wissen musste. Am Ende schwirrte mir der Kopf noch mehr als vorhin vor lauter Räumen, Gängen und Bezeichnungen für ebendiese und ich hoffte, mir alle Wege gemerkt zu haben. Den mysteriösen Jungen vom Gang sah ich nicht noch einmal, obwohl ich mich immer wieder dabei ertappte, wie ich mich nach ihm umblickte.
Schließlich kamen wir wieder in unserem Zimmer an. Mit einem kurzen Blick auf mein neues Bett fragte ich Greta: »Bist du bis jetzt eigentlich immer alleine in diesem Zimmer gewesen?«
Gretas Blick verdüsterte sich schlagartig. »Hast du mir etwa vorhin nicht zugehört?« Sie atmete einmal tief durch, dann begann sie, scheinbar nochmals, von ihrer alten Zimmergenossin zu erzählen.
Genau in diesem Moment sah ich den Jungen wieder vor unserer Tür. Diesmal grinste er mich breit – fast schon diabolisch – an, bevor er abermals davonschlenderte. »Warte!«, wollte ich rufen, aber bevor ein Ton über meine Lippen kam, war er schon wieder fort.
»Hast du's jetzt verstanden?«, fragte Greta, die ihre gute Laune wiedergefunden zu haben schien.
Obwohl ich erneut überhaupt nichts von ihrer Geschichte mitbekommen hatte, nickte ich zögerlich – ich wollte immerhin meine erste Freundin nicht gleich wieder verlieren. »Und, wie geht es dir damit?«, erwiderte ich und versuchte so, meine Unsicherheit zu überspielen, als plötzlich ein bebrillter Junge seinen Kopf in unser Zimmer steckte. Sein Atem ging schwer und seine Augen waren weit aufgerissen, als er Greta geschockt anblickte.
»G-greta, schnell! Es ist etwas Furchtbares passiert«, schnaufte er und ich merkte, wie Greta bei diesen Worten ungesund blass wurde.
»Es ist schon wieder passiert«, flüsterte sie mit hohler Stimme und rannte in Windeseile an dem Jungen vorbei zur Tür hinaus, der kurz verwirrt innehielt, ihr dann aber doch folgte, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen.
Was ist schon wieder passiert?, ging es mir unwillkürlich durch den Kopf, während ich den beiden verdutzt nachblickte.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast