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Akkhmaaonu

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Christian "Flake" Lorenz Christoph "Doom" Schneider Oliver Riedel Paul Landers Richard Kruspe Till Lindemann
01.01.2021
23.09.2022
93
473.939
10
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23.09.2022 4.890
 
Ein Oktal ist Conrad jetzt schon auf der Welt. Er ist ein gesundes, zufriedenes Baby, und es könnte alles so schön sein mit unserer großen Familie.

Wenn da nicht...

Wenn da nicht dieser Termin wäre, der mir im Nacken sitzt und mich nachts nicht richtig schlafen läßt.

Nur noch drei Oktale.

So wenig Zeit, und ich habe gerade erst angefangen, ein paar Übungen zu machen, um wieder in Form zu kommen.

Conrad ist satt, und ich lege ihn mir über die Schulter und klopfe sanft seinen Rücken, um ihn aufstoßen zu lassen. Durch die Tür zur Dachterrasse scheint ein abnehmender shashelnuui herein und taucht alles in ein bläulich-silbernes Licht. In Richards Armen regt sich Siarrú. Schmatzend dreht er das Köpfchen und sucht. Schließlich gibt er unwillig ein paar knuckernde Geräusche von sich, als er bei seinem Vater nicht fündig wird. Richard wacht davon halb auf und rüttelt Schneider an der Schulter.

„Keri, Siarrú hat Hunger.“

Schneider blinzelt ein paarmal, bevor sie richtig wach ist, dann befreit sie sich vorsichtig aus Ollis Umarmung und setzt sich auf. Richard legt ihr seinen Sohn in die Arme, schmiegt sich postwendend an Paul und ist sogleich wieder eingeschlafen.

„Beneidenswert“, flüstert Schneider mir lächelnd zu. „Das kann ich nicht. Wenn ich nachts wach werde, bin ich eine Weile wach.“

„Wem sagst du das?“, antworte ich. „Ich muß auch immer die nächste Schlafphase abwarten.“

Vorsichtig, um die anderen nicht zu stören, erhebe ich mich und trage Conrad durch das Zimmer. An der Terrassentür bleibe ich stehen und sehe nachdenklich hinaus. Dabei wiege ich mich beständig in den Hüften, wie man es eben tut, wenn man ein Baby auf dem Arm hat.

Vor meinem geistigen Auge erscheint wieder das Konterfei der verhaßten braunen Ausbilderin.

„Kchchch!“

Das Fauchen, das mir beim Gedanken an sie entfahren ist, war wohl zu laut. Sofort zucken die Köpfe der Jäger hoch. Als Irrú und Olli merken, daß nichts weiter los ist, legen sie sich wieder ihn. Till jedoch erhebt sich und kommt zu mir. Starke Arme schieben sich unter meinen Flügeln durch und legen sich um meine nicht vorhandene Taille. Sein Atem kitzelt in meinem Nacken, als er leise fragt: „Was ist, Herrin? Was beschäftigt dich? Machst du dir Sorgen wegen des Kampfes?“

„Hm.“ Bestätigend bewege ich das Ohr. Ich lehne mich ein bißchen an ihn. „Morgen fangen wir an zu trainieren“, erkläre ich ihm.

Überrascht zieht Till die Luft ein. „Wir?“, fragt er zurück.

„M-hm. Du und ich“, stelle ich klar. „Ich brauche einen Sparringspartner.“

„Ich weiß nicht, Herrin, ob ich da der Richtige bin“, flüstert mir Till ins Ohr, so daß sich meine Nackenhaare aufstellen. „Ich kann zwar ein bißchen boxen, aber ich glaube nicht, daß das in diesem Falle was nützt.“

Mir kommt eine Idee.

„Meinst du, ich sollte besser gegen Paul antreten?“, frage ich ihn grinsend. „Er ist klein und flink und nimmt bestimmt mit Freuden jede Gelegenheit dazu wahr.“

In meinem Nacken spüre ich, daß Till bei dieser Vorstellung ebenfalls grinsen muß.

„Hmm, das könnte funktionieren“, flüstert er amüsiert zurück. „Du mußt nur Richard irgendwas befehlen, was Paul nicht gefällt, dann steht er kampfbereit auf der Matte...“ Er beißt mich sanft in den Nacken. „...und jetzt komm wieder ins Bett, Keri.“

*


„Uff. Das war anstrengend.“

„Ja, aber gut.“

Naß und abgekämpft stehen Richard und ich vor der Uniklinik im Schneematsch. Es ist wieder etwas wärmer geworden, und es taut allenthalben.

Oben auf der Dachterrasse erscheint Flake mit Conrad auf dem Arm.

„Seid ihr fertig?“, ruft er herunter. „Dein Kind hat Hunger!“

„Wir kommen schon!“, ruft Richard zurück.

Ich schüttele mich, daß die Tropfen nur so fliegen, bevor wir das Gebäude betreten. Mein Atem geht immer noch schnell von der Anstrengung.

„Ringen mit Flügeln ist echt schwierig“, keuche ich, „Man muß so höllisch aufpassen, daß man sie sich nicht bricht.“

„Meinst du denn“, will Richard wissen, während wir die Rampe hochgehen „daß dir das bei der Braunen was nützt?“

Anstelle eines Schulterzuckens bewege ich Ohr und Schwanz, um Ungewißheit auszudrücken. „Das kann man nie wissen. Wichtig ist, daß ich schnell wieder in Form komme und meine Reflexe wieder schneller werden. Ich bin zu langsam.“

„Na, dafür, daß du vor drei Oktalen ein Kind geboren hast, bist du schon wieder ganz gut“, meint Richard stirnrunzelnd. „Schneider war jedenfalls nicht so schnell wieder fit.“

„Naja, die hatte ja auch eine größere Bauch-OP“, gebe ich zu bedenken. „Und es hilft ja nix. Ich muß ja...“

Als wir die Wohnung betreten, kommt mir Flake gleich mit meinem Sohn entgegen, der schon unwillig quengelt.

Ich lege mich seitlich auf das Polster und lege den Jungen an. Eifrig beginnt er zu saugen.

Inzwischen hat Richard sich seiner durchnäßten Kleider entledigt und das Bad aufgesucht. Er läßt ein wohliges Ächzen vernehmen, als das warme Wasser über seinen Körper läuft. Dann fängt er an zu singen. Nach der Anstrengung werde ich müde in der Wärme der Wohnung. Das gleichmäßige Plitschern des Wassers und Richards Singen tun ein Übriges und ich döse beim Stillen vor mich hin.

Seit zwei Oktalen trainiere ich nun jeden Tag. Die Ausbildung an der Uni habe ich seit Conrads Geburt unterbrochen. Die Flugstunden kann ich nachholen, aber der Termin für den Kampf rückt unerbittlich näher. Anfangs habe ich mit Till geübt, doch dann bin ich mit Schneider übereingekommen, daß er und Richard einander abwechseln sollten, damit sie nicht zuviel Unterricht versäumen. Überraschenderweise hat Paul sich ebenfalls bereiterklärt, mit mir zu trainieren. Ich bin mir bei ihm nicht sicher, ob er es tut, um zu verhindern, daß Richard gegen mich kämpfen muß, oder ob er wirklich die Gelegenheit nutzt, um ungestraft gewisse Aversionen kanalisieren zu können. Jedenfalls ist er wirklich flink und hält mich ganz ordentlich auf Trab. Gelegentlich bleibt, so wie heute, auch Flake zuhause, um sich in der Zwischenzeit um Conrad zu kümmern, häufig ist es aber auch Rambha, der das übernimmt.

Schon oft habe ich mich vor einem Kampf nicht fit gefühlt, aber diesmal habe ich das Gefühl, ich sei besonders langsam und träge. Es fällt mir schwer, beim Training meinen Kreislauf in Gang zu bringen, und hinterher bin ich immer so unsäglich müde.

Schon oft habe ich mich, kaum daß ich mich von meinen Verletzungen wieder erholt hatte, in den nächsten Kampf gestürzt, und nie habe ich auch nur einen Gedanken daran verschwendet, daß ich ihn verlieren könnte. Doch bei all diesen Kämpfen hatte ich auch nichts zu verlieren.

Und ausgerechnet dieses Mal, wo es mir wichtig ist, ganz entschieden nicht zu verlieren, beschleichen mich Zweifel, ob ich die Braune besiegen kann.

*


Mühsam kriechen die Sonnen über den Horizont. Gerade so mühsam wie ich mich aus dem Bett quäle.

Alle sind schon auf, auch die Kinder. Vor allem die Kinder. Danu und Rranu sind immer zuerst wach.

Ich habe Conrad gestillt und gewickelt und ihn Till in die Arme gelegt, und ich habe das Gefühl, als hätte ich das soeben zum letzten Mal getan.

Da Till beide Hände voll hat, ist es Flake, der mir die Mähne einflicht, damit sie beim Kampf nicht lose um den Kopf herumhängt und stört. Er macht das sehr geschickt, und ich frage mich, ob er auf der Erde seinen Töchtern auch Zöpfe geflochten hat. Die Enden verklebt er mit Harz, das hält besser als irgendwelche Bänder.

Schließlich ist er fertig und drückt mir aufmunternd die Schulter.

Ich erhebe mich und lege die ledernen Manschetten für Hand- und Fußgelenke an.

Jetzt will ich direkt zur Tür hinausgehen, aber ich habe die Rechnung ohne die Männer gemacht.

Flake hält mich zurück und nötigt mir etwas zu essen auf:



„Komm, Herrin, du mußt was essen. Wie willst du denn mit leerem Magen kämpfen?“

Ich will mich weigern, doch Richard drückt mich sanft aber bestimmt auf ein Polster und stellt einen Teller mit Fladenbroten und einen mit Fleisch und Wurzelgemüse vor mich hin.

„Bitte, Keri, Flake hat recht. Du brauchst ein paar Kalorien.“

Bittend sieht er mich an, und natürlich kann ich auch diesmal dem Blick aus seinen faszinierenden grauen Augen widerstehen.

„Also gut.“

Seufzend zwinge ich mich, wenigstens ein Stück Brot und etwas von dem Fleisch zu essen. Irrú hat Tee gekocht und schenkt mir welchen ein. Dankend nicke ich ihm zu.

Normalerweise ist das Frühstück im Hause Rammstein eine laute und fröhliche Angelegenheit. Die Kinder springen herum und erzählen wahre und erfundene Träume, Till singt vor sich hin, die Gitarristen scherzen miteinander, und generell freuen sich alle auf den neuen Tag. Vor allem, seit wir hier in Kchiaaorr sind und die Rückkehr zur Erde in greifbare Nähe gerückt ist.

Doch heute ist alles anders. Still und bedrückt sitzen alle am Tisch, und obwohl sie mich zum Essen genötigt haben, scheinen sie selbst keinen Appetit zu haben. Richard wendet sein Fladenbrot nervös immer wieder hin und her, ohne davon abzubeißen, bis es Till reicht und er einfach seine Hand festhält.

„Mußt du denn unbedingt gegen sie kämpfen, Keri?“, fragt er an Richards statt. „Kannst du denn nicht irgendwie einen Rückzieher machen?“

„Nein, Till“, erwidere ich. „Ich habe eine Herausforderung ausgesprochen. Die kann ich nicht zurücknehmen. Es wird erwartet, daß ich zum Kampf antrete. Und wenn ich antrete, dann will ich auch gewinnen. Irgendwie werde ich mich schon motivieren können. Es ging bisher noch immer.“ Ich trinke noch einen Schluck Tee und stehe dann auf. „Es wird Zeit. Sie wird schon warten.“

Sie kommen ausnahmslos alle mit, heute geht niemand zum Unterricht an die Uni. Stattdessen versammeln wir uns im Garten der Uniklinik bei den Hoxner-Gehegen.

Die Braune ist schon da, und sie hat einige Freundinnen und Verwandte zur moralischen Unterstützung mitgebracht. Als ich sehe, daß sie nicht nur Kinder, sondern auch schon Enkelkinder hat, die sich alle bester Gesundheit erfreuen, versetzt es meinem Herzen einen Stich. Mißmutig knirsche ich mit den Zähnen.

Es hat sich herumgesprochen, daß heute ein Kampf stattfindet, und so landen nach und nach immer mehr Neugierige um uns herum, oder sie bleiben gleich in der Luft und kreisen erwartungsvoll über uns.

Ich straffe mich und grüße meine Gegnerin mit einem knappen Kopfnicken, das sie genauso knapp erwidert. Jetzt habe ich noch etwa eine Minute, um mich zum Kampf zu motivieren.

Ganz bewußt hole die Bilder aus meiner Erinnerung, diese schrecklichen Bilder, die sich mir unauslöschlich in die Netzhaut eingebrannt haben. Wieder sehe ich die Szene vor mir, wie die Braune meine jüngste Tochter totbeißt, und ja – jetzt kommt der Haß, und ich heiße ihn willkommen wie ein warmes Feuer in einer kalten Winternacht.

Ich stoße ein drohendes Knurren aus und spreize kurz die Flügel. Die Braune faucht und erwidert die Geste. Damit sind die Kampfhandlungen offiziell eröffnet.



Lauernd umkreisen wir einander gemessenen Schrittes. Die Braune ist nicht mehr die Jüngste, doch es wäre ein großer Fehler, sie deswegen zu unterschätzen. Sie ist eine gute Ausbilderin und hat große Erfahrung im Kampf. Damit kann sie eventuell fehlende Schnelligkeit kompensieren. Konzentriert sieht sie mich an und macht keine Bewegung zuviel. Allein an ihrer ab und zu zuckenden Schwanzspitze kann man erkennen, daß sie nicht so ruhig ist, wie sie zu sein vorgibt.

Abwechselnd täuschen wir Angriffe an, um abzuschätzen, wie die Gegnerin reagiert. Ich fühle mich immer noch elend langsam, aber, wie ich vermutet habe, ist die Braune auch nicht mehr so schnell, wie sie einmal war. Es ist ja auch sieben Jahre her...

Das gegenseitige Umkreisen und Taxieren zieht sich ihn. Offenbar haben wir beide unabhängig voneinander beschlossen, die andere kommen zu lassen.

Nun, auf diese Weise werden wir nie fertig. Eine von uns muß etwas tun. Ich springe in die Luft und stürze mich mit ausgefahrenen Fußkrallen direkt auf sie. Sie reagiert sofort und hechtet unter mir durch.

Ich muß mich kurz vom Boden abstoßen und drehen, und sehe, wie sie statt der erwarteten Bauchlandung ein kurzes Stück auf allen Vieren galoppiert, und heftig mit den Flügeln schlagend hochzieht.

Jetzt geht es also in der Luft weiter. Wieder umkreisen wir einander und versuchen, Höhe zu gewinnen. Wieder fliegen wir zuerst ein paar Scheinangriffe, doch dann kommt sie schnell auf mich zu und versucht, mir im Vorbeifliegen die Krallen durch das Fell zu ziehen. Schnell rolle ich außer Reichweite und schlage ihr dafür mit dem Schwanz ins Gesicht.

Wieder wenden wir und fliegen aufeinander los. Wieder ein kurzer Schlagabtausch im Vorbeifliegen. Noch ist es keiner von uns gelungen, die Gegnerin mit den Krallen zu verletzen.

Die Zuschauerinnen quittieren gelungene Flugmanöver mit anerkennendem Maunzen und mißglückte mit einem Fauchen. Als ich wieder einmal wende, bemerke ich, daß sich alle Ausbilderinnen der Fakultät für Raumfahrt mitsamt ihren Studentinnen um uns herum in der Luft versammelt haben. Unser Kampf wird heute also als Anschauungsunterricht genutzt.

Na, sollen sie doch, denke ich grimmig, und fliege einen erneuten Angriff.

Die Braune versucht auszuweichen, doch stur bleibe ich auf Kollisionskurs. Sie kann sich in der Luft drehen und wenden, wie sie will – diesmal erwische ich sie.

Hart treffe ich sie mit dem Kopf in die rechte Flanke. Sie krümmt sich in der Luft vor Schmerzen und fällt ein paar Meter, weil sie vergißt, mit den Flügeln zu schlagen. Auch ich muß mich erst einmal kurz schütteln, um wieder einen klaren Kopf zu kriegen. Das gibt aber auch der Braunen Zeit, sich wieder zu fassen und direkt zum Angriff überzugehen.

Von unten zieht sie steil hoch, die ausgefahrenen Krallen zielen auf meinen Bauch. Ich warte, bis sie mich fast erreicht hat, und ziehe dann die Beine an den Körper und lege die Flügel an. Wie ein Stein falle ich auf ihre Krallen, die mir die Schienbeine zerkratzen. Sie weiß, daß sie mich nicht halten kann, und will sich jetzt von mir wegdrücken, doch ich packe ihre Hände und halte sie fest. Geichzeitig drücke ich den rechten Fuß zwischen unsere Körper und halte sie auf Abstand. Meine Fußkrallen graben sich in ihre Bauchdecke. Im Gegenzug schlägt die Braune ihre Fußkrallen wiederholt in meine Oberschenkel und reißt mir tiefe Wunden. Immer noch fallen wir viel zu schnell, da nur sie mit den Flügeln schlägt, und instinktiv versucht, uns in der Luft zu halten.

Trudelnd stürzen wie immer tiefer. Ich kann das kollektive entsetzte Aufkeuchen der anderen Kriegerinnen hören, als wir den letzten vernünftigen Abfangpunkt unterschreiten.

Aber es gibt ja noch den unvernünftigen.

Wenige Meter über dem Boden breite ich ruckartig die Schwingen aus und fliege, so schnell ich kann, vorwärts. Dort befindet sich allerdings das Gebäude der Uniklinik.

Entsetzt weiten sich die Augen meiner Gegnerin, als sie erkennt, daß wir unausweichlich mit der Wand kollidieren werden, und zwar sie zuerst. Ich bringe auch noch das linke Bein zwischen unsere Körper, ziehe knapp vor der Wand hoch und schlage sie dagegen, wobei ich mich mit den Beinen an ihrem Bauch abdrücke. Sie schreit auf, als erst ihre Flügel und dann ihre Rippen brechen. Die Krallen meines rechten Fußes bohren sich in ihre Eingeweide.

Ich lasse sie einfach los, und sie rutscht aus etwa sechs Metern Höhe an der Wand entlang herunter und schlägt hart unten auf.

Ich lande neben ihr und bemerke am Rande, daß ich aus den Wunden an den Oberschenkeln viel Blut verliere.

Die Braune hat sich beim Aufschlag auch noch ein Bein gebrochen, und liegt wie ein Häufchen Unglück mit verdrehten Gliedern in Rambhas Gemüsebeet.

Aber trotz allem ist sie noch bei Bewußtsein, und als sie mich mit schmerzverzerrtem Gesicht ansieht, sehe ich die Angst in ihren Augen.

„Ja, du hast ganz recht“, sage ich sanft zu ihr. „Ich sollte dich totbeißen, gerade so, wie du mein Kind totgebissen hast.“

Grob packe ich sie an ihrem linken Flügel und drehe sie herum. Vor Schmerz stöhnt sie auf, als sich ihre gebrochenen Knochen gegeneinander bewegen.

Doch sie ist tapfer, das muß ich ihr zugute halten. Trotzig sieht sie mir in die Augen und bietet mir ihre Kehle dar. Das Sprechen ist ihr zu mühsam, aber ihre Gedanken empfange ich klar und deutlich.

'Du hast gewonnen. Tu, was du tun mußt.'

Ich drücke meine Reißzähne an ihre Kehle und spüre ihren schnellen, flachen Puls und ihr mühsames Atmen. Tatsächlich ist die Versuchung groß, fester und immer fester zuzubeißen, wie ich es schon so häufig getan habe. Der Haß und das Gefühl des Triumphes verleiten mich dazu.

Doch plötzlich reißt mich der Schrei eines Säuglings aus meinen Gedanken.

Abrupt lasse ich von der besiegten Braunen ab und wende den Kopf.

Durch den Matsch kommt Till mit einem quengelnden Conrad auf dem Arm auf mich zu.

Kann er denn schon wieder Hunger haben? Habe ich so lange gekämpft?

Auch Myrrnarr-Rrriiit, sowie einer ihrer Männer und Rambha sind schon da und haben einen Schweber dabei. Vorsichtig nehmen sie die schwerverletzte Braune auf und legen sie bäuchlings auf den Schwebeschlitten, wobei sie wieder gequält aufstöhnt. Geschickt legt Rambha ihr eine Infusion.

„Fliege voraus und bereite den OP vor“, sagt die Heilerin leise zu ihrem Mann, während Rambha den Schweber schon in das Gebäude schiebt.

Kurz wendet sich Myrrnarr-Rrriiit mir zu. „Deine Wunden sind tief, aber die kann einer eurer Männer selbst versorgen. Am besten geht ihr gleich in das Behandlungszimmer im Erdgeschoß. Dort findet ihr alles Nötige.“

Till gibt mir Conrad in die Arme, und ich will mich in Bewegung setzen, doch da wird mir fast schwarz vor Augen. Geistesgegenwärtig hält mein Mann mich fest und trägt mich mehr, als daß ich laufe, in das Behandlungszimmer. Ich hinterlasse blutige, schlammige Fußtapsen auf dem sauberen Klinikboden.



„Ich bin zu alt für die Scheiße“, flüstere ich, als ich auf der Pritsche liege, Conrad auf mir drauf, der einfach zufrieden ist, wieder bei seiner Mama zu sein. Ein ernst dreinblickender Flake hat schon den Rindenextrakt in der Hand und wäscht meine Wunden aus. Es brennt höllisch.

Till streicht mir über die Stirn.

„Und ich bin stolz auf dich, Herrin“, sagt er und lächelt. „Du hast sie nicht umgebracht.“

Scharf ziehe ich die Luft durch die Zähne, weil es gerade sehr wehtut, was Flake da macht.

„Chhhh! Bedanke dich bei deinem Sohn. Er hat mich im richtigen Augenblick abgelenkt.“

„Ja“, sagt Till, und ich habe den Eindruck, daß er Mühe hat, dabei ernst zu bleiben, „er ist ein guter kleiner Kerl.“ Liebevoll streicht er seinem Sohn über das bemützte Köpfchen.

*


Es ist Abend geworden. Ich liege neben meinem Söhnchen in unserer Wohnung auf dem Polster und fiebere vor mich hin. Man sollte meinen, daß ich, seit mir eine halbe Tchrraao transplantiert wurde, besser mit Krallenverletzungen fertige werde, aber nein. Ich bekomme immer noch jedes Mal Fieber. Meine Nase fühlt sich trocken an, und meine menschliche Körperhälfte schwitzt. Alles tut mir weh, und ich fühle mich schlapp.

Schneider kommt zu mir und legt einen schlafenden kleinen Siarrú neben Conrad. Beiläufig berührt sie mich an der Stirn. Ihre Hand fühlt sich angenehm kühl an.



„Du bist ganz heiß, Awrnatch“, sagt sie, „du solltest noch ein bißchen Rindenextrakt trinken.“

Sie reicht mir eine Schale mit dem bitteren Gebräu, die ich auch folgsam austrinke. Müde schließe ich die Augen. Um mich herum höre ich die beruhigenden Geräusche, die meine Sippe macht. Richard und Paul sind in der Küche und kochen das Abendessen. Man hört sie etwas schnippeln und etwas umrühren und das Klappern von Brettchen und Geschirr. Auf einmal quiekt Paul, weil Richard ihn wohl gezwickt hat. Richard lacht, und kurz darauf hört man einen Klaps und ein empörtes „Hey!“.  Das folgende leise Schmatzen deutet darauf hin, daß die beiden sich mit einem Kuß wieder versöhnt haben.

Till sitzt am Tisch und kratzt mit seiner Schreibfeder über das Pergament. Bei meiner momentanen Hyperakusis erscheint mir das Geräusch überlaut. Irrú steht daneben und liest mit, was Till schreibt.

„Blut?“, murmelt er verwundert vor sich ihn. Doch mich wundert es gar nicht, daß Till ein Gedicht über Blut schreibt, schließlich ist heute wieder einmal genug davon geflossen.

Olli, Flake und Schneider sitzen am anderen Ende des Polsters und unterhalten sich leise.

Danu und Rranu hocken am Boden und spielen etwas mit ihren hölzernen Tierfiguren. Es klingt danach, als müsse das Flambreg gegen den Dino kämpfen, und es sieht sehr danach aus, als würde es den Kampf gewinnen, aber bevor es allzu dramatisch wird, beschließen die beiden, sich lieber wieder zu vertragen und gemeinsam einen Ausflug in die Küche zu machen.

Etwas, das Flake sagt, durchdringt die allgemeine Geräuschkulisse und erweckt plötzlich mein Interesse. Ich versuche mich auf seine Stimme zu konzentrieren.

„...hat sie nicht“, sagt er gerade leise zu Olli. „Hast du nicht mitgekriegt, daß Till den Kleinen gezwickt hat?“

Die Denkvorgänge in meinem fiebrigen Gehirn laufen zäh wie Sirup. Es dauert eine ganze Weile, bis ich verstehe, was Flake da sagt. Olli ist da schneller als ich.

Leise pfeift er durch die Zähne.

„Du meinst, sie hätte...“

„Hätte sie“, stellt Schneider sachlich fest. „Wenn der Kleine nicht genau in diesem Augenblick geschrien hätte, hätte sie zugebissen.“

„Donnerwetter“, murmelt Olli. Ich höre, wie er aufsteht und zu Till an den Tisch hinübergeht.

„Stimmt das?“, fragt er ihn leise, darauf bedacht, daß ich es nicht mitbekomme.

Tills Lächeln kann ich ebenfalls hören, als er genauso leise antwortet:

„Weißt du, Olli-Bo, manchmal muß ein guter nu'tchrri seine Herrin davon abhalten, eine Dummheit zu machen. Und du weißt auch, daß es nichts genützt hätte, wenn einer von uns Erwachsenen geschrien hätte...“

Mit diesen Worten läßt er die Feder wieder über das Pergament kratzen. Das Geräusch dringt in meine fiebrigen Gedanken und erschwert mir die Beantwortung der Frage, die mir Till und Narrminrraao immer wieder stellen:

„Hättest du sie totgebissen, wenn der Kleine nicht geschrien hätte?“

„Hättest du?“

„Hättest du?“

„Hättest du...?“

*


„Ja, ich glaube, du hättest.“

Awrnatchs Gedanken sind laut genug, und Schneider hört sie schon seit einer Weile ganz genau. Wie schon früher reden da wohl auch jetzt die beiden Hälften ihrer Persönlichkeit miteinander – immer, wenn Narrminrraao sich einmischt, versteht sie die Gedanken der anderen Frau am deutlichsten.

Awrnatch schaut nachdenklich zu ihr herüber. Erst nach einer Weile nickt sie langsam und sieht dabei einerseits bedrückt, andererseits aber auch merkwürdig einverstanden mit dieser Erkenntnis aus. Schneider holt tief Luft.

„Till?“ Till schaut auf. „Kommst du mal rüber, bitte?“

Sie hat lange darüber nachgedacht in den letzten Wochen – genau genommen, seit Till sie gebeten hat, ihn Awrnatch zurückzugeben. Sie findet nach wie vor viele gute Gründe, die dagegen sprechen. Doch seit Conrad auf der Welt ist… Till sieht so glücklich aus, wenn er bei ihm und Awrnatch sein kann. Sie hat versucht, ihm zu sagen, dass er es bei ihr selbst, bei ihnen allen zusammen besser hätte, dass er für Awrnatch doch nur die zweite Wahl wäre und sie doch eigentlich viel lieber Richard bei sich hätte. Doch wenn sie ehrlich ist – was genau wäre denn besser an seiner Situation, wenn Schneider ihn behielte? Er gilt im Moment als ihr Mann und weiß doch genau, dass er immer nur ein guter Freund für sie sein wird. Sie kann ihm selbst nicht geben, was er sich wünscht.

Till will aus Gewohnheit neben den Polstern niederknien, als er zu ihnen herüberkommt, doch Schneider schüttelt nur sachte den Kopf. Also bleibt Till stehen und schaut ein wenig unsicher zwischen ihr und Herrin Awrnatch hin und her. Schneider steht auf und sieht ihm lange in die Augen. Schon allein, dass Till den Blick ganz ruhig erwidert, zeigt ihr, dass sie nicht seine Herrin ist und es nie sein wird. Pro forma vielleicht. Aber nicht eigentlich. Er wird nie ihr Mann sein, so wie es Olli und Irrú sind, einfach, weil er sein Herz anderswo verloren hat.

Olli, Flake und Irrú werden mit einem Male ganz still. Selbst das Topfgeklapper aus der Küche hört daraufhin auf.

„Till, ich hab neulich versucht, dir… nun ja, einen Rat zu geben“, beginnt sie. „Ich hab versucht, dir klarzumachen, dass du es besser hättest, wenn wir zwischen uns alles so lassen, wie es ist, und du bei mir bleibst. Ich glaube, das war nicht richtig, denn du hattest gar nicht um einen Rat gebeten. Deshalb…“ Noch einmal atmet sie tief durch. Tut sie das Richtige? Doch die Augen ihres Freundes fangen an zu leuchten, als er zu ahnen beginnt, worauf sie hinaus will. Doch, ist es, sagt sie sich. Egal, welche Regeln auf Akkhmaaonu gelten, als Mensch hat sie kein Recht, ihn nicht selbst seine Wahl treffen zu lassen. „Till, ich geb dich frei. Hier und jetzt.“ Sie hört Irrú ein entsetztes Keri! rufen, doch sie lässt sich nicht beirren. „Ich kann dir nicht befehlen, wen du lieben darfst. Ich geb dich frei, und du kannst gehen, wohin du möchtest, und zusammenleben, mit wem du willst. Es ist dein Leben.“

Till schaut sie an, als könne er es gar nicht glauben.

„Wirklich?“ flüstert er perplex.

„Ihr seid doch jetzt eine richtig Familie“, erwidert Schneider. „Und ich glaube, zum Kämpfen haben wir gerade beide wenig Lust… oder, Herrin?“ fragt sie in Awrnatchs Richtung.

Herrin Awrnatch hat sich aufgesetzt – mühsam und vorsichtig, um ihre frisch verklebten Wunden zu schonen.

„Wahrhaftig nicht“, antwortet sie. „Aber verstehe ich das richtig – du schenkst ihn mir? Trotz… allem?“

Bilder erreichen Schneider, sekundenkurz, Ausschnitte aus dem Kampf, der heute stattgefunden hat. Dazu Gefühle, die ihr selbst fremd sind, wie von einer alten Sucht, der man einmal in einem schwachen Moment nachgibt und die sofort wieder ihr hässliches Haupt hebt, um nach neuer Nahrung zu verlangen. So kurz davor, ihr wieder zu verfallen… da, der Schrei eines Säuglings. Das Verlangen zu töten bleibt ungestillt, doch etwas anderes ist stärker und gewinnt die Oberhand…

„Ja“, sagt Schneider leise. „Oder eher – nein, eigentlich schenke ich ihn dir nicht, weil ich nicht finde, dass es mir zusteht, einen Menschen zu verschenken. Wenn wir das offiziell so nennen müssen, bitteschön. Aber ich möchte, dass er selbst entscheiden kann.  Er braucht mich nicht als Aufpasser. Doch auf jeden Fall tu ich das nicht trotz allem. Im Gegenteil, es ist wahrscheinlich sicherer, wenn Till wieder dein Mann ist.“

„Sicherer – bei einer verrückten Massenmörderin?“ fragt Herrin Awrnatch und legt die menschliche Hälfte ihrer Stirn in Falten.

„Nicht wesentlich sicherer für ihn vielleicht“, sagt Schneider leise. „Aber sicherer für dich, Herrin. Und damit für alle Beteiligten.“

Till lächelt still vor sich hin; er weiß genau, was sie meint. Er legt beide Arme um Schneider und drückt sie an sich.

„Ich bin frei?“ fragt er noch einmal, so leise, dass nur sie es hört.

„Soweit es mich betrifft, ja“, erwidert Schneider. „Ich bin jederzeit für dich da, aber ich will dir nicht im Wege stehen.“

Till löst sich von ihr und kniet dann neben dem Polster nieder, auf dem Herrin Awrnatch liegt.

„Nimmst du mich zurück, Herrin?“ bittet er. „Ich weiß, das du… dass du mich nicht… also, dass ich nicht deine große Liebe bin. Aber du bist meine. Ich tu alles für dich, Herrin. Bitte lass mich wieder dein Sklave sein.“

Herrin Awrnatch lässt sich Zeit mit ihrer Antwort, und für einen Moment sieht Till verunsichert aus. Was, wenn sie jetzt... doch nein, sie lächelt. Ihr Blick wandert zu Baby Conrad, dann zurück zu Till.

„Ach, komm her, alter Jäger“, sagt sie schließlich, und Till lässt sich das nicht zweimal sagen. Er kriecht zu ihr auf das Polster und küsst sie zärtlich.

„Vielleicht… vielleicht kannst du mich ja so mögen, wie eine na’tch ihren nu’tchrri mag, Herrin“, murmelt er.

„Narrminrraao mag dich jedenfalls sehr“, hört Schneider Awrnatch schnurren.

„Ach?“ macht Till erstaunt. Awrnatchs Katzenohr dreht sich bestätigend. Vorsichtig berührt er die menschliche Hälfte ihres Gesichts. „Und du, Herrin?“

„Hm, ich… ich finde, wir geben ein gutes Gespann ab, wir beide. Und eine Kriegerin muss ihre Liebe ja nicht unbedingt auf einen Mann beschränken. Oder, Herrin Schneider?“

Schneider lächelt und schaut auf Olli und Irrú, die inzwischen neben ihr knien. Dann auf Paul und Richard, die neugierig aus der Küchentür gucken. Auf Flake, der auf ihrer anderen Seite sitzt und glücklich vor sich hin grinst.

„Nein, muss sie nicht“, bestätigt sie. „So lange da wenigstens überhaupt ein bisschen Liebe ist und die Herrin sie den Männern auch zeigt…“

Bei diesen Worten schaut Awrnatch Till ein bisschen waidwund an.

„Komisch“, sagt sie, „immer, wenn ich dich zum Mann nehme, ist einer von uns nicht in der Verfassung, das Ritual richtig durchzuziehen.“

Till senkt ergeben den Blick.

„Wann immer du es willst, Keri. Aber kennzeichnen… kennzeichnen könntest du mich schon mal, oder?“

„Na, das krieg ich hin.“

Herrin Awrnatch fährt die Krallen ihrer Kriegerinnenhand aus, doch Till hält sie auf.

„Würdest du… könntest du mich vielleicht lieber beißen, Herrin?“ bittet er und zeigt auf die Stelle auf seinem linken Oberarm, wo sich bereits  ein A und ein CS überlagern.

Alle halten die Luft an, als Herrin Awrnatch beinahe lasziv ihr Raubtiergebiss bleckt und es dann langsam und unaufhaltsam in Tills Arm versenkt. Schließlich hat sie heute schon einmal angefangen zu beißen, und nur Conrads Schreien hat sie am Ende zum Aufhören gebracht. Till schließt die Augen und zittert leicht, doch das ist nur die Anspannung wegen der Schmerzen, nicht aus Angst. Und tatsächlich, nachdem sie tiefe Bissspuren hinterlassen hat, löst Awrnatch ihre Reißzähne vorsichtig aus der Haut ihres Mannes und schaut ihn zufrieden an. Sie scheint selbst froh darüber zu sein, dass ihr das so leichtgefallen ist. Till lächelt.

„Ihr braucht gar nicht so erschrocken zu gucken“, sagt Till nach einer kurzen Stille zu ihnen allen. „Ich wusste, dass sie jederzeit aufhören kann.“

Stolz betrachtet er sein neues Zeichen und legt sich dann zu seiner Herrin und seinem Kind. Paul zerknittert daraufhin sein Gesicht ein wenig, zuckt aber letztendlich doch nur  mit den Schultern.

„Wenn’s dich glücklich macht…“
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