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Akkhmaaonu

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Christian "Flake" Lorenz Christoph "Doom" Schneider Oliver Riedel Paul Landers Richard Kruspe Till Lindemann
01.01.2021
11.06.2021
25
105.142
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04.06.2021 4.542
 
„Next!“

Die Kette, die Flake mit Paul verbindet, fällt klirrend zu Boden. Die beiden jungen Männer in ihrer Mitte werden noch ein bisschen blasser, und Till muss sie mit eisernem Griff davon abhalten, sich vor Angst wieder aneinander zu kuscheln. Auch Schneider spürt, wie ihm die Furcht die Wirbelsäule hinauf kriecht und sein Herz im Galopp zu schlagen beginnt. Was wird jetzt mit ihnen geschehen? Bis auf den Anzugträger vom Anfang und einen von oben bis unten tätowierten Hell-Angels-Typen, der da drinnen auch Krach geschlagen haben muss, sind zwar alle Männer wieder aus dem Raum herausgekommen, aber… Noch dazu verspürt er einen jetzt wirklich unangenehmen Druck auf der Blase. Flake, der das gleiche Problem hat, ist inzwischen entschieden grün im Gesicht und geht, als habe er einen Stock verschluckt.

Nacheinander betreten sie so den kleinen Raum. Das erste, was Schneider sieht, sind der Anzugmann und der Tätowierte, die ganz hinten reglos am Boden liegen. Dann gewahrt er drei der Aliens und die Frau, die vorhin die Verhaltensmaßregeln verkündet hat. Sie hat ein Klemmbrett in der Hand und wartet offenbar auf ihren Einsatz, worin auch immer der bestehen mag. Eine der Katzen postiert sich mit gezogenem Blaster an der Tür, eine zweite schließt ihre Fesseln auf. Sie scheint einen Generalschlüssel dafür zu haben, denn sie benutzt für jedes Paar Handschellen den gleichen.

„Vollständig ausziehen“, weist sie die Menschenfrau in leicht genervtem Ton an.

Sie tun es; sie haben ja keine Wahl – die Wache an der Tür hat zusätzlich zu ihrer Waffe auch die Krallen ihrer rechten Hand ausgefahren, und sie alle haben heute erst mehrere eindrucksvolle Demonstrationen der Wirkung dieser Krallen gesehen. Olli und Paul tun mit relativer Gleichmut, wie ihnen geheißen, Till widerwillig, Richard mit einem weiteren besorgten Blick auf Schneider, Flake mit gequältem Gesichtsausdruck und die Jungen schlotternd vor Angst. Schneider schluckt und tut es ihnen schließlich gleich.

Sie stellen sich in einer Reihe auf, und Schneider wird unfreiwillig an seine Musterung für die Armee erinnert. Auch damals hat ihm das Herz bis zum Hals geschlagen, weil er befürchtet hat, sein… Geheimnis, seine körperliche Besonderheit preisgeben zu müssen. Damals hatte er in dieser Beziehung noch überhaupt kein Selbstbewusstsein besessen und wäre vermutlich vor Scham in den Erdboden versunken, wenn es jemand herausgefunden hätte. Erst als er sich endlich Richard anvertraut und anschließend viele Monate lang sehr viel Schönes erlebt hatte, war ein großer Knoten in seiner Brust geplatzt. Der Knoten, den es mit sich brachte, dass ausgerechnet er, Christoph Schneider… als Zwitter, mit zwei verschiedenen, vollständig ausgeprägten Genitalien zur Welt gekommen ist.

Doch dass er bisher bei den wenigen Menschen, die er in dieser Sache ins Vertrauen gezogen hat, auf mehr Akzeptanz als Ablehnung gestoßen ist, wird ihm vor den Katzen wohl nichts nützen, ebenso wenig, wie es den beiden Jungen etwas nützen wird, auf ihr Recht auf freie Entfaltung oder dergleichen mehr zu pochen. Das schwule Pärchen erwartet ein grausames Schicksal, wenn ihre Neigung herauskommt. Was mag Schneider selbst erwarten?

Inzwischen ist die dritte Außerirdische vor Till hingetreten und mustert ihn von oben bis unten. Till kann es einfach nicht lassen, die Aliens provozieren zu wollen, und versucht mit grimmigem Gesicht, ihr in die Augen zu schauen und sie so seine Verärgerung spüren zu lassen. Doch sie sieht gar nicht hin, und wenn, dann ignoriert sie Tills Gemütsverfassung komplett. Stattdessen lässt sie ihn kurz die Arme heben, um, wie es aussieht, an ihm zu riechen, und seinen Mund öffnen, vielleicht, um nachzusehen, ob er gute Zähne hat, so wie man es bei Pferden tut. Sie schaut sich auch den großen, blutunterlaufenen Fleck auf seinem Rücken an, den der Blaster ihm verpasst hat, doch dieser kommt ihr wohl nicht behandlungsbedürftig vor. Die Menschenfrau fragt einstweilen gelangweilt nach Dingen wie Medikamenten, chronischen Krankheiten und Implantaten wie Herzschrittmachern; Tills verneinende Antworten scheint sie auf der Liste auf ihrem Klemmbrett zu notieren. Am Ende sagt sie etwas Kurzes in der Sprache der Aliens, und diejenige, die die Inspektion durchgeführt hat, nimmt einen einfachen, schwarzen Edding-Stift in die Hand, mit dem sie ein Zeichen aus Strichen und Punkten auf Tills Brust anbringt. Dann wendet sie sich Richard zu.

Schneider wagt es, ein wenig tiefer zu atmen. Die Katze hat Till nicht besonders genau angeschaut, ihn so gut wie gar nicht berührt. Vielleicht gibt es Hoffnung.

Richard ist schnell fertig und bekommt ebenfalls ein Zeichen auf die Brust. Auch an Olli hat kein Alien etwas auszusetzen. Doch dann ist der erste der beiden Jungen dran. Bei ihm stutzt die Inspekteurin, schaut mehrmals zwischen ihm und seinem Freund hin und her. Schneider riskiert einen Seitenblick.

Oh je. Die Jungs haben jeder ein Tattoo. Das ist den Außerirdischen prinzipiell egal, aber diese Tattoos passen zusammen. Sie sind gleich groß, bei dem einen links auf dem leicht vorstehenden Hüftknochen, beim anderen rechts. Zwei kurze Schriftzüge in der gleichen, geschwungenen Schrift. Bei dem Kleineren steht da „Mika“. Beim Größeren „Pepe“.

Die Inspekteurin faucht etwas. Die Menschenfrau faucht etwas zurück. Daraufhin werden die Jungs einer viel genaueren Überprüfung unterzogen. Sowohl Schneider als auch die Kollegen schauen in einer Art stillem Einverständnis stur geradeaus, denn es ist für diese armen Kerlchen sicher schon schlimm genug, dass sie sich an ihren intimsten Körperstellen regelrecht beschnüffeln lassen müssen. Doch trotzdem bekommen natürlich alle mit, wie man sie untersucht, und auch, dass dem Großen, offenbar „Mika“, dabei Tränen nur so übers Gesicht rinnen, besonders, als die Ärztin, oder was immer sie ist, seinem Freund prüfend einen Finger in dem Po steckt, nachdem sie ihre rechte Hand mit einer Art Schutzschicht aus einer Sprayflasche überzogen hat. Dann einen zweiten. Einen dritten. Dass der Junge dabei nicht schreit, scheint ihr zu bestätigen, dass er derlei gewohnt ist. Ihr Schwanz peitscht unwillig über den Boden, dann nimmt sie ihren Edding und versieht auch die Jungs mit Zeichen aus Strichen und Punkten. Dazu schreibt sie beiden noch etwas auf den Bauch, bevor sie sich Flake zuwendet.

Schneider wird übel. Was, wenn es dieser Kreatur einfällt, ihre Finger auch in ihn hineinzustecken? Er weiß, wie das ist, wie er sich dabei fühlt. Wenn er schon in dieser Angelegenheit zum Arzt geht, um die notwendigen Vorsorgeuntersuchungen machen zu lassen, muss er sich geistig wenigstens einen Tag lang darauf vorbereiten können, sonst braucht er danach fast eine Woche, um dieses Erlebnis im Kopf wieder beiseitezulegen. Jetzt würde es ihn völlig überrumpeln.

„Prrroblemmm?“ fragt die Katze einstweilen ihren Keyboarder, wahrscheinlich, weil der inzwischen wirklich vollkommen starr und verkrampft dasteht.

„Muss pinkeln“, nuschelt Flake zur Antwort. Er wird nicht verstanden. „Pee. Piss“, versucht er zu präzisieren. Der Außerirdischen ist das egal, doch sie betrachtet ihn nachdenklich.

Ob sie wohl überlegt, warum Flake so knochig ist? Jedenfalls nimmt sie ein Gerät zur Hand, eine Art kleinen Monitor, welcher unten mit zwei hauchdünnen Nadeln besetzt ist. Flake muss seinen linken Arm ausstrecken; dann keucht er plötzlich.

„Autsch!“

Die Katze hat die Nadeln durch seine Haut hindurch direkt in eine der bläulich durchschimmernden Venen gestochen. Nach wenigen Sekunden knackt es leise, und Zeichen erscheinen auf dem Monitor. Ob diese Anlass zur Besorgnis geben, lässt die Ärztin nicht verlauten, doch sie schaut daraufhin interessiert in Flakes Mund und sagt etwas.

„Sie fragt, welcher Zahn wehtut“, lässt die Menschenfrau sich vernehmen.

Schneider ist erstaunt. Flake klagt in der Tat seit ein paar Tagen über Zahnweh und darüber, dass sein Zahnarzt seit Monaten spurlos verschwunden ist. Sicher hat die Blutuntersuchung, denn eine solche hat das Monitorgerät wohl vorgenommen, eine Entzündung angezeigt. Doch Flake hat eine Zahnarzt-Phobie und schüttelt nur panisch den Kopf.

„Keiner!“ ruft er.

Doch das glaubt ihm die Katze nicht. Sie muss auch nur ein paar mal an verschiedenen Stellen klopfen, bis sie das Problem gefunden hat. Eine der Aufseherinnen schiebt Flake einen Stuhl in die Kniekehlen, so dass er einknickt, und hält ihm dort mit eisernem Griff beide Arme hinter der Lehne fest. Die Inspekteurin zwingt ihm den Mund auf und schiebt ihm einen kleinen Keil zwischen die Zähne; dann nimmt sie ein stiftförmiges Etwas zur Hand und schiebt es ebenfalls in seinen Mund. Flakes Kopf ruckt zur Seite. Er schreit kurz auf, doch die Ärztin hält seinen Kopf an den Haaren in Position, man sieht ein schwaches Licht durch seine Wange leuchten, und nur ein paar Sekunden später klappt ein perplex wirkender Flake den Mund wieder zu.

„Dein kaputter Zahn wurde desintegriert“, informiert ihn die Menschenfrau in kühlem Ton.

Daraufhin bekommt auch Flake sein Zeichen auf die Brust, dazu ein Kreuz auf seine linke Wange.

Bei Paul ergibt die Inspektion eine kleine, blutverkrustete Wunde am linken Oberarm, die er sich bei seiner Gefangennahme zugezogen hat. Die Blutspuren werden rasch mit einem feuchten Tuch abgewischt, dann nimmt die Ärztin etwas wie eine kleine Phiole aus dem Koffer in der Ecke. Diese zerbricht sie und lässt den Inhalt auf den Schnitt tropfen, den sie mit der anderen Hand zusammendrückt. Ansonsten stellt sie an Paul nichts fest, worum sie sich kümmern will, und auch seine Tattoos sind ihr schnuppe, weil niemand sonst die gleichen hat.

Jetzt ist Schneider dran. Er versucht, nicht allzu große Angst zu zeigen, doch er kann nicht verhindern, dass sich sämtliche Muskeln, die sich auch nur in der Nähe seiner Genitalien befinden, so fest anspannen, dass sie wehtun. Zumindest hat das den Effekt, dass sich die überzählige Öffnung zwischen seinen Beinen nahezu schließt, und zum Glück kommt niemand auf die Idee, dass es dort an ihm irgendetwas Interessantes zu sehen gäbe. Auch er wird zwar nach seinem „Prrroblemmm“ gefragt, weil er so starr dasteht, doch auch er antwortet mit „need to pee“ und wird daraufhin nicht weiter angefasst, sondern nur so oberflächlich untersucht wie die Kollegen. Die Angst weicht endlich ein wenig, jedoch nur, um seinem Bedürfnis, zur Toilette zu gehen, wieder mehr Raum zu geben.

Mit dem Anbringen des Strich-Punkt-Codes auf seiner Brust sind sie schließlich alle begutachtet, und die zweite Wärterin legt ihnen nacheinander wieder Handschellen und Fußfesseln an. Allerdings werden sie diesmal nicht wieder aneinander gekettet und dürfen auch ihre Hände vor dem Körper haben anstatt hinter dem Rücken. Dann öffnet sich die Tür, wo schon zwei neue Katzen stehen, die ihren Trupp in den Raum führt, in dem schon diejenigen warten, die vor ihnen inspiziert wurden.

Es sind weniger Menschen hier drin, als Schneider angenommen hatte. Ein paar der Gesichter, die ihm vorhin im Bus aufgefallen sind, fehlen. Was mag mit ihnen geschehen sein? Ob das diejenigen sind, die bei dieser seltsamen Musterung sozusagen durchgefallen sind? Die Diabetiker, die Herzpatienten, die sonst in irgendeiner Form Kranken oder Alten? Der ehemalige Lebensmittelladen hat einen zweiten Ausgang, in einen Lagerraum vielleicht. Ob die Aussortierten dort irgendwo sind?

Ihre neuen Aufseherinnen werfen beim Hereinkommen nur kurze Blicke auf sie, doch die beiden Jungen fallen ihnen auf, vielleicht wegen der Schriftzeichen, die die Ärztin angebracht hat. Sie werden von ihnen sofort getrennt und mit sehr bestimmender Geste angewiesen, sie in verschiedenen Ecken des Raumes auf den Boden zu setzen.

Flake wendet sich an eine von ihnen.

„Pinkeln?“ fragt er und erntet einen ausdruckslosen Blick. Des besseren Verständnisses wegen nimmt er seinen Schwanz in die gefesselten Hände und macht dazu ein zischendes Geräusch.

Die Aufseherin peitscht ungeduldig mit dem Schwanz und schubst Flake in eine Richtung, in die offensichtlich niemand sonst gehen will und aus der es auch stark nach Urin riecht. Richtig, da steht ein Eimer auf dem Boden, schon ziemlich voll und ziemlich ekelhaft, aber sowohl ihm als auch Schneider ist das inzwischen egal. Die Erleichterung ist enorm, als der Druck auf der Blase endlich, endlich nachlässt.

„Was macht dein Mund?“ murmelt Schneider Flake in diesem relativ unbeobachteten Moment zu.

Flake scheint mit der Zunge die Lücke in seinem Gebiss zu betasten.

„Die hat mir am Anfang einen Schock drauf verpasst, dass ich dachte, mein Zahn explodiert, aber einen Moment später war alles taub. Ich merke immer noch nichts davon. Und der Zahn ist einfach weg. Ganz präzise in Atome zerlegt. Die anderen sind alle noch heil.“

Kurz hat Schneider den Gedanken, dass sich die Aliens hier auf der Erde eigentlich sehr beliebt hätten machen können, wenn sie in Frieden gekommen wären. Bestimmt haben sie auch Möglichkeiten, kranke Blinddärme oder Koronarthrombosen auf diese Weise zu zerstrahlen, ohne komplizierte oder schmerzhafte Operationen durchführen zu müssen. Doch er muss nur den Blick heben, um zu sehen, dass Flake sicher schon Glück hatte, an eine von ihnen zu geraten, sie ihn wenigstens betäubt hat, bevor der Zahn entfernt wurde. Ob es den Menschen, die sie so mir nichts, dir nichts zu ihrem Eigentum erklärt haben, gut oder schlecht geht, scheint diese Wesen nicht besonders zu interessieren.

Die Wache zum Beispiel, die ihnen am nächsten steht. Sie befindet wohl den Eimer für voll oder für stinkend genug, und wen sucht sie sich aus, um ihn hinaustragen zu lassen? Pepe, die kleinere Hälfte des homosexuellen Pärchens, der sich durch die vorhin erfolgte Untersuchung sicher wie vergewaltigt fühlt und der leise schluchzend in der Ecke sitzt. Sicher haben die Schriftzeichen auf seinem Bauch etwas zu bedeuten wie „vermutlich schwul, zum Schikanieren freigegeben“. Er wird leichenblass, als sie auf ihn zugeht, seine Knie zittern, als sie ihn hochzieht, und seine Gesichtsfarbe wechselt ins Grüngelbliche, als er vor dem Eimer steht.

„Carry!“ faucht ihn die Wärterin an. „Carry out!“

Der Junge gehorcht und wird von ihr zur Tür und schließlich hinaus gebracht. Sein Freund in der anderen Ecke folgt ihm mit den Augen. Den ziemlich verweinten Augen.

„Mann, warum lassen die uns nicht einfach auf Klo?“ schnaubt Flake entrüstet während sie sich vorsichtig wieder zu den Kollegen begeben. „Da könnte man einfach die Spülung drücken und brauchte den armen Jungen nicht mit diesem Geruch zu quälen. Hast du gesehen, der sah aus, als würde er jeden Moment in den Eimer kotzen.“

„Ist wahrscheinlich einfacher, einen Einzelnen auf dem Weg zum Klo zu bewachen, als wenn alle drei Minuten ein anderer rausgebracht werden will“, erwidert Richard. „Die beiden tun mir echt leid. Habt ihr gemerkt, was sie vorhin mit dem Kleinen gemacht haben?“

Dabei legt er instinktiv einen schützenden Arm um Paul. Till zieht eine Augenbraue hoch.

„Jungs, ehrlich, macht euch bitte nicht verdächtig, ja?“ zischt er Richard an. „Sonst sitzt ihr beiden nämlich ganz schnell in der gleichen Scheiße.“

Bei dem Gedanken daran, dass einem seiner Freunde etwas Ähnliches geschehen könnte, man ihnen auch einfach an den Schwanz fassen oder ein paar Finger in den Arsch rammen würde, verursacht ein brodelndes Wutgefühl in Schneiders Magengegend, und auch er selbst bekommt das Bedürfnis, sie zu beschützen und festzuhalten.

„Till, lass sie“, bittet er deshalb leise. „Wer weiß, wie lange wir einander noch haben… Schau, es geht anderen Leuten ebenso…“

Tatsächlich, überall sieht man Freunde, die einander in der ausweglosen Situation beizustehen versuchen und sich wärmend und tröstend im Arm halten. Dagegen unternehmen die Aufseherinnen nichts, so wie sie bisher noch jede Gefühlsregung ihrer Gefangenen ignoriert haben. Sicher wissen sie, intelligent, wie sie sind, dass Menschen Herdentiere sind und sie ebendiese Menschen in eine für sie bedrohliche Situation gebracht haben, in der sie sich jetzt artgemäß verhalten. Und dass jetzt keiner ihrer Gefangenen Lust darauf haben kann, schwulen oder überhaupt irgendwelchen Sex zu haben, ist ihnen sicher auch klar. Jedenfalls trennen sie keine der kleinen Gruppen. Nur den von ihnen als homosexuell Identifizierten – es gibt noch zwei weitere Männer mit dem besonderen Schriftzug auf dem Bauch, die ebenfalls voneinander und von allen anderen abgesondert sitzen müssen – erlauben sie keinen Kontakt zu anderen.

Sie lassen sich zu sechst auf dem Boden nieder und lehnen sich einer an den anderen an. Es ist viel zu kalt in diesem Raum, um sich lange nackt darin aufzuhalten, aber auch das ist den Aliens schnuppe. Sie haben schließlich Fell. Auch die so geteilte Körperwärme hilft nicht genug, ist aber besser als nichts. Schneider rückt dicht an Olli heran. Der hat seit dem Moment, in dem er mit ansehen musste, wie man seine wahrscheinlich tödlich verletze Frau weggetragen und auch sein Kind fortgeschafft hat, kein einziges Wort mehr gesprochen und ist nach wie vor wie betäubt. Sein dünner Körper ist von einer durchgehenden Gänsehaut überzogen und er zittert, aber er kauert sich nicht zusammen wie alle anderen, um den Wärmeverlust zu minimieren. Er sitzt einfach nur da und starrt ins Leere. Schneider legt ihm eine Hand auf die Schulter.

„Olli, zieh mal die Beine an“, fordert er ihn auf. Sein Freund gibt durch nichts zu erkennen, dass er ihn gehört hat, kommt aber dann doch der Bitte nach. Bevor er seine Arme um die eigenen Knie schlingen kann, schiebt ihm Schneider seinen eigenen rechten Arm zwischen Brust und Oberschenkel und schmiegt sich an ihn. Nach einer weiteren Minute tut Olli das Gleiche auch bei Schneider. Es ist praktisch seine erste eigene Regung seit seinem ganz persönlichen Super-GAU vom Nachmittag. Langsam, ganz langsam vertiefen sich seine bisher kaum spürbaren Atemzüge auf ein normales Maß.

Neben sich nimmt er Flake wahr, hinter sich Richard, Till und Paul. Auch sie versuchen, einander zu wärmen und beizustehen. Erschöpft von den sich überschlagenden Ereignissen des Tages legt Schneider den Kopf auf seine Knie und verfällt in einen unruhigen Dämmerzustand.

*


„Alle herhören!“

Die Stimme der Frau reißt Schneider aus dem Halbschlaf.

„Ihr werdet jetzt nach draußen gebracht. In eurem eigenen Interesse solltet ihr der Person, die euch führt, zügig und in einer geordneten Dreierreihe folgen. Je schneller ihr das tut, desto schneller kommt ihr ins Warme. Jeder Fluchtversuch ist aussichtslos. Das gesamte Flughafengelände wird aus der Luft überwacht. Wer sich widersetzt, stirbt. Wenn ihr an eurem Bestimmungsort angekommen seid, werdet ihr euch leise auf die euch zugewiesenen Plätze setzen und den Anweisungen der dort anwesenden na’tch Folge leisten. Jetzt stellt euch auf.“

Mühsam kommen sie alle auf die Beine. Schneider schaut sich um. Der Raum ist inzwischen sehr voll, die Luft schlecht, die Stimmung angespannt. Der Befehl, sich aufzustellen, wird erstaunlich schnell befolgt, denn jeder will heraus aus diesem Mief und wohl auch aus dieser Ereignislosigkeit. Seit ihrem Eintreffen am Flughafen müssen mehrere Stunden vergangen sein.

Instinktiv bilden sie wieder ihren Sechserhaufen. Nicht nur Schneider schaut sich dabei suchend nach den beiden schwulen Jungen Pepe und Mika um, doch sie sind im Gewimmel nicht auszumachen.

„Ich muss schon wieder pinkeln“, beschwert sich Flake schlaftrunken.

„Ick ooch“, meldet sich Paul.

„Aber doch nicht jetzt“, knurrt Till.

Das Gedränge lichtet sich langsam, als Dreiergruppe um Dreiergruppe durch die Tür hinaus in die Halle tritt. Schneider und die Kollegen finden sich im letzen Viertel einer langen Reihe wieder, die sich schon bis zur Ausgangstür nach draußen erstreckt und sich flott voran bewegt. Es müssen alles in allem wohl etwa dreihundert Männer sein, die die Außerirdischen gefangen genommen habe. Wo mag das gute Dutzend Frauen abgeblieben sein, das zu Beginn mit ihnen in der Eingangshalle war?

Die kalte Herbstnacht trifft auf seinen nackten Körper und macht ihn frösteln, als er zusammen mit Olli und Till nach draußen kommt.

„Scheiße, ist das kalt“, hört er Richard hinter sich flüstern, doch die Reihe bewegt sich weiter, flankiert von Wärterinnen und sicherlich auch aus der Schwärze des Nachthimmels heraus beobachtet. Immer weiter, auf einem grell beleuchteten Pfad, auf das kuppelförmige Etwas zu, das sie in der Dämmerung haben schimmern sehen.

Beim Näherkommen erkennen sie schließlich, um was es sich eigentlich handelt. Aus diesem neuen Blickwinkel gesehen ist es gar keine Kuppel, und schon gar kein Gebäude. Es ist der glatte obere Teil eines ihrer Raumschiffe. Diese Erkenntnis löst bei nicht wenigen der Gefangenen Panik aus, denn damit ist wohl klar, dass man vorhat, sie tatsächlich ins All zu entführen. Sie beginnen zu schreien und aus der Reihe auszubrechen, doch die Aliens vereiteln jeden Fluchtversuch sofort. Nur einer schafft es, ein paar Meter weit zu rennen, doch er wird von einer aus der Dunkelheit herabstoßenden Gestalt gepackt, ein Stück hochgerissen und genau vor dem Eingang des Raumschiffes einfach mit Schwung abgeworfen. Der Mann schreit auf; sicher hat er sich wehgetan. Doch die Wärterinnen führen die Kolonne einfach über ihn hinweg. Zwar versuchen alle, ihn nicht zu treten, als sie zu der offenen Luke hineingeführt werden, aber man knufft ihn unabsichtlich noch genug, um ihn zum Wimmern zu bringen.

Sie sind alle wie in Trance, als sie ins Innere des Schiffes kommen. Man betritt es durch eine Art Vorraum, um dann in etwas wie eine Lagerhalle zu gelangen, die links und rechts mit überdimensionalen Regalen ausgestattet zu sein scheint, deren kleinste Fächer schon die Größe von Kleiderschränken haben. Sie kommen vorbei an sorgfältig verstauten Gegenständen jeglicher Art. Fernseher. Computer. Landwirtschaftliches Gerät. Ein Kleinwagen, überhaupt Maschinenteile. Ganze Blöcke irgendwelcher Materialien. Satellitenschüsseln. Uhren. Einfache Steine. Konservendosen. Bretter, Bücher, Topfpflanzen, Haushaltsgeräte… ein unglaubliches Sammelsurium, vermutlich all das, was die Aliens zu Hause nicht kennen.

Die Regale zur Rechten jedoch sind leer. Er schaut an ihnen hoch. Die einzelnen Fächer sind mannshoch, etwa zehn bis zwölf Meter lang und, so weit es zu erkennen ist, etwa fünf Meter tief. Sie liegen in drei Etagen übereinander, und auf jeder davon steht bereits eine Katze.

Die Kolonne muss halten, als sie komplett in das Schiff eingetreten ist. Sie füllt den ganzen Mittelgang zwischen den Regalen aus. Alle sehen sich zitternd um und wagen kaum zu atmen, denn die Außerirdischen sind jetzt überall.

„Silence!“ ruft eine von ihnen überfüssigerweise. „You will now be taken to your place. Be quiet and follow. Resist not when you feel fixation, it needed for safety. You struggle, it mean you dead.”

Übersetzerinnen scheint es hier nicht mehr zu geben. Außer den Gefangenen ist kein einziger Mensch zu sehen. Flake hinter ihm schluckt trocken.

„Wisst ihr, wie das aussieht?” flüstert er. „Wie in den Baracken im KZ…“

Richard atmet schwer.

„Mann, Flake, du Idiot, halt doch die Klappe“, verlangt er gepresst. „Als ob’s nicht schlimm genug wäre!“

Einstweilen beginnen die Wärterinnen, sich die Zeichen anzusehen, die man den Gefangenen auf die Brust geschrieben hat. Sie scheinen sie zu benötigen, um den Gefangenen ihre Plätze zuzuweisen; sicher sind es irgendwelche Nummern. Man zeigt jedem, auf welche Ebene er sich zu begeben habe, indem man die entsprechende Anzahl an Fingern hochhält. Die dort wartende Katze bringt dann jeden an den Platz, den das Zeichen wohl angibt.

Wieder vergeht einen Menge Zeit mit Warten, und wieder beginnt Flake leise zu quengeln, er müsse aufs Klo. Doch es bleibt ihnen nichts weiter übrig, als still stehenzubleiben, bis schließlich eins der Wesen zu ihnen kommt.

Weil sie nacheinander untersucht wurden, haben sie wohl auch ähnliche Nummern, jedenfalls bringt man sie ganz nach oben auf Ebene drei, die noch fast leer ist. Eigentlich müssten auch Pepe und Mika hier sein, denkt Schneider, doch von den beiden fehlt jede Spur.

Wie ruhig es hier doch ist, überlegt er weiter. Etwa dreihundert Gefangene, und keiner versucht, die Wärterinnen zu attackieren oder ernsthaften Widerstand zu leisten? Doch dann sieht er die Gesichter vor sich, die er vorhin im Warteraum zu mustern die Gelegenheit hatte. Sehr viele davon waren wie Ollis – starr, ausdruckslos, wie gelähmt. Mit einem Wort: traumatisiert. Wie viele von ihnen mussten heute mit ansehen, wie ihre Frauen getötet oder verstümmelt worden sind? Wie vielen von ihnen ist es ergangen wie Richard, wie viele mussten hören, dass ihre Frauen es vorziehen, allein zu leben, anstatt um sie zu kämpfen? Wie viele konnten, wie Paul, ihre Familien gar nicht erreichen, und wissen nicht, was mit ihnen geschehen sein mag? Ihm selbst, Schneider, geht es ja auch nicht besser. Er steht da und denkt über diese Fragen nach, so als beträfen sie ihn gar nicht. Er ist überhaupt nicht wirklich in seinen eigenen Gedanken präsent und kann auch nicht wirklich etwas anderes fühlen als eine dumpfe Furcht vor dem Unbekannten. Dass er auf die Kollegen aufpassen muss, so wie sie auch auf ihn aufpassen, das weiß er als Tatsache, doch ein Gefühl, das ihn dazu treibt, das auch wirklich zu tun, will sich einfach nicht einstellen.

Die Katze weist ihnen Plätze an, zum Glück nebeneinander und nicht zu zwei Seiten des Ganges. Links neben Schneider sitzen bereits ein paar Gestalten, die mit angezogenen Beinen dahocken und stumm entweder geradeaus starren oder sich ängstlich umsehen. Rechts von ihm sitzt Paul, dann kommen Flake, Olli, Richard und Till. Als das Alien geht, um weitere Menschen herbeizuholen, versucht Richard, den Platz mit Flake zu tauschen, doch beim Zurückkommen bemerkt die Katze diese Aktion und schickt ihn wieder zurück neben Till.

So füllt sich langsam die ganze Ebene. Von hier oben aus kann man den Gang unten nicht erkennen, doch inzwischen müsste er leer sein. Flake beschwert sich wieder, dass er pinkeln müsse, doch wo hier eine solche Gelegenheit sein mag, wagt niemand herauszufinden, denn dazu müsste man aufstehen, und die Aufseherin schubst jeden auf seinen Platz zurück, der das versucht.

Plötzlich wird das Licht schwächer und ein schabendes Geräusch ist zu hören. Tatsächlich, zwischen das gigantische Regal, in dem man sie wie Fracht verstaut hat, und den Gang schiebt sich eine Wand. Nur ein paar vereinzelte Deckenlampen sorgen noch für Licht. Gleichzeitig bemerkt Schneider, wie sich etwas Dünnes, Lebendiges über seine Arme und Beine zu schieben beginnt. Er zuckt zusammen, denn im ersten Moment denkt er an eine Schlange. Doch selbst in der Dämmerung des nun vollkommen vom Gang abgeschotteten Raumes erkennt er schon kurze Zeit später, dass das Etwas aus dem Boden neben ihm herauswächst und kleine Blätter hat. Schon hat es sich um seine Hand- und Fußgelenke geschlungen, und so sehr Schneider auch daran zieht, er kann es weder zerreißen noch vom Boden loslösen. An verschiedenen Stellen des riesigen Regals ertönen panische Schreie.

„Silence!“ befielt die Wache erneut. „Fixation! You not struggle!“

Schneider erinnert sich an das, was vorhin gesagt wurde. „You struggle, it mean you dead.“ Wer sich wehrt, stirbt. Tatsächlich, je fester er an den Ranken zerrt, desto entschlossener ziehen sie sich zusammen. Er stößt Paul, der ebenfalls mit dieser Schlingpflanze kämpft, mit dem Ellbogen an; den hat er gerade noch frei.

„Paul, hör auf, so zu zappeln, das erwürgt dich sonst!“ murmelt er, denn um dessen Hals liegt bereits eine weitere Ranke.

Paul schaut zweifelnd drein, doch er versucht es, und die Pflanze lässt in der Tat von seiner Kehle ab. Doch auch das Stillhalten verhindert nicht, dass sie alle innerhalb kürzester Zeit von den blattbesetzten Tentakeln in eine liegende Position gezwungen werden. Erst dann hört das Wachstum der Pflanze auf.

Eine ihnen allen sehr lang erscheinende Zeit über geschieht nichts. Zumindest nichts anderes, als dass Flake sich leise entschuldigt und sagt, er könne es nicht mehr halten und müsse jetzt leider etwas unter sich lassen, nur um kurz darauf erstaunt auszurufen, dass der Boden alles aufgesaugt habe und wieder völlig trocken sei. Paul, der sein Bedürfnis vorhin auch schon kundgetan hat, versucht zögerlich das Gleiche, und auch er teilt verwundert mit, dass sämtliche Feuchtigkeit sofort verschwinde. In der Tat, es riecht nicht einmal unangenehm.

Plötzlich hört man von außerhalb ihres Gehäuses Geräusche, ein dunkles Surren oder Brummen, nicht übermäßig laut – eher so, als sauge nebenan jemand Staub. Das Letzte, was Schneider sieht, bevor bis auf zwei bläuliche Notlichter alle Lampen ausgehen, ist Paul, der ihm sein Gesicht zuwendet. Eine Hand tastet nach der seinen. Ein kurzer Ruck folgt. Paul fasst ihn fester.

„Wo bringen die uns hin…?“ hört er den Freund noch tonlos fragen, bevor sie alle von einer gewaltigen Kraft so fest auf den Boden gedrückt werden, dass sie nur noch sehr schwer atmen können.

Offenbar hat ihre unfreiwillige Reise soeben begonnen.
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