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Nordlichter - Die Melodie des Herzens

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Het
01.01.2021
16.04.2021
19
61.369
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Dieses Kapitel
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01.01.2021 3.357
 
Vorwort:

Willkommen zu der Fortsetzung meiner Kurzgeschichte Nordlichter - Der Klang der Stille. Es empfiehlt sich die Vorgeschichte zum Besseren Verständnis zu lesen.
In den Kapiteln wird auch häufiger mit Gebärdensprache kommuniziert. Ich habe es weitestgehend wie einen normalen Dialog geschrieben und die Sätze in Gebärdensprache in kursiv gesetzt. »Etwa so«
Was sonst in Kursivschrift steht, sind entweder Gedanken oder Chatverläufe, dort sollte der Unterschied allerdings klar sein.
Die Geschichte wird sowohl aus Calebs, als auch Soreas Sicht erzählt.
Die Rohfassung der Geschichte ist bereits fertig und in der Überarbeitung. Vorläufig wird es ein Upload in der Woche geben.

In dem Sinne, viel Spaß mit dem Kapitel und ein Frohes Neues Jahr


~*~



Ihr Schatten tanzte im Schein der flackernden Flammen. Dutzende Kerzen hingen an verrosteten Wandhalterungen. Der Wind zog durch ein zerbrochenes Buntglasfenster und zerrte an ihrer Kleidung. Sie umschlang ihren Oberkörper mit den Armen. Bis auf das leise Heulen des Windes konnte sie kein Geräusch zu vernehmen. Die Kapelle war wie ausgestorben.
         Ihre Füße trugen sie vorwärts, jeder Schritt schien wie eine schwere Last, während sie sich dem Sarg nährte. Sie war nicht vollständig allein. Es piepste, erst leise, dann lauter und die ersten Nagetiere huschten zwischen den Sitzbänken hin und her. Der einst helle Boden gesäumt von ihrem Kot.
         Sie wollte umkehren, doch es gelang ihr nicht auch nur einen Schritt zurückzugehen. Schwerfällig setzte sie einen Fuß vor den Anderen. Etwas zog sie zu dem Altar. Der Sarg war nahe und sie erklomm die Stufe. Handgeschnitzte Ornamente waren in das dunkle Holz eingearbeitet. Wilde Ranken und aufkeimende Blüten. Manche erstrahlten in voller Pracht. Lilien, ihre Lieblingsblumen. Ihre Hand zitterte, ihre Fingerspitzen streiften das Holz nur für einen Augenblick. Sie zuckte zurück und streckte Sekunden später wieder die Hand aus, fuhr mit zarten Fingerbewegungen über die glatt geschliffenen Verzierungen, spürte jede einzelne Rille unter ihren Fingerkuppen. Ihre blassen Finger berührten eine aufgeblühte Lilie in ihrer Mitte und der Deckel des Sarges sprang auf.
         Sie zuckte zusammen, halb in der Erwartung eines Untoten, der anfangen würde, jagt auf sie zu machen. Kein Laut kam über ihre Lippen. Blut rauschte in ihren Ohren und ihr Herz hämmerte. Sie atmete tief durch und nährte sich dem Sarg erneut, kniff die Augen zusammen, als sie direkt davor stand. Langsam öffnete sie ein Auge, ihr Blick traf die Gestalt im Sarg und ihre Augen weiteten sich.
         Sie taumelte zurück, ihr Fuß rutschte über die Kante der Anhöhe. Mit der Hand bekam sie die Lehne der vordersten Kirchenbank zu fassen und krallte sich daran fest. Nein.. Nein! Das konnte nicht sein! Was sie sah, war schlimmer als rachsüchtige Tote. Die Person im Sarg war ihr Ebenbild. Sie war es, ohne jeden Zweifel.
         Die Türen öffneten sich mit einem lauten Knarren und sie fuhr herum. Die Kapelle füllte sich, gesichtslose Gestalten schritten durch den Raum. Der Wind heulte durch die offene Tür und Regentropfen trommelten gegen die Fensterscheiben. Einige der Gestalten nahmen auf den Bänken platz, andere gingen vor zum Sarg. Niemand nahm Notiz von ihr. Ein Herr mit gekrümmter Haltung legte ein Paar funkelnder Ohrringe in den Sarg. Der Pfarrer trat vor und es gelang ihr, sich von dem Anblick loszureißen. Das Leben kehrte in ihren Körper zurück. Leben, wie makaber.
         Sie rappelte sich auf und rannte los. Draußen strömte der Regen und durchnässte binnen Sekunden ihre Kleider, doch das alles hatte keine Bedeutung mehr. War das wirklich sie gewesen? War sie gestorben? Das konnte nicht wahr sein! Sie konnte noch etwas fühlen, ihren Herzschlag spüren. An den eigenen Tod würde man sich doch erinnern! Sie suchte in ihrem Gedächtnis nach einer Erinnerung, einer leisen Ahnung. Erfolglos. In ihrem Kopf war nichts, nur gähnende Leere.
         Tränen liefen ihr über die Wangen, vermischten sich mit Regentropfen und verschleierten ihre Sicht, machten es nahezu unmöglich, den Weg vor ihr zu erkennen. Sie rannte weiter. Dann trat sie ins Leere. Ihr Herzschlag setzte einen Moment aus, ihr Mund öffnete sich und sie kniff die Augen zusammen. Der Schrei blieb aus. Das Blut rauschte in ihren Ohren, über sich sah sie nur die dicken Regenwolken.
         Der Aufprall presste ihr jegliche Luft aus dem Brustkorb. Sie keuchte, krümmte sich, versuchte verzweifelt Luft in ihre Lungen zu bekommen, bis eine tiefe Schwärze sie erlöste.


Ruckartig fuhr sie hoch, die Hände fest in die Bettdecke gekrallt. Ihr Mund verzog sich zu einem Schrei, doch nur ein kläglicher Laut kam über ihre Lippen. Sie spürte ihr pochendes Herz, das einen stetig schneller werdenden Takt anschlug. Schweiß tropfte von ihrer Stirn. Sorea blinzelt mehrmals, bevor sie sich zurücksinken ließ und gegen das Kopfteil ihres Bettes stieß. Sie rieb sich mit der Hand über ihren Kopf. Nur ein Traum. Die Erkenntnis ließ ihr Herz augenblicklich ruhiger schlagen. Sorea zog die Decke schützend über ihren Körper und schloss die Augen. Es war sinnlos. Sie würde nicht wieder einschlafen.
         Seit vier Jahren hatte sie nicht mehr so intensiv geträumt. Im Nachhinein betrachtet war es einfach nur merkwürdig, doch warum fühlte es sich immer noch real an? Es war absolut ausgeschlossen, dass dieses Ereignis Realität werden würde.
         Blind tastete sie nach ihrem Handy, spürte zuerst nur das glatte Holz ihres Nachttisches, stieß gegen ihre Wasserflasche, die polternd zu Boden fiel, bis sie das ersehnte Gerät in Händen hielt. Sie kniff die Augen zusammen, als sie ihr Handy entsperrte und stellte die Helligkeit herunter. Sorea gähnte und rieb sich über die Augen. Viel besser. Sie öffnete eine neue Notiz auf ihrem Handy und tippte die Details ihres Traumes ein, an die sie sich noch erinnern konnte. Ob ein paar der Dinge eine Bedeutung hatten? Ihr Blick glitt zu der kleinen Anzeige in der oberen, rechten Ecke. Kurz nach fünf Uhr.
         Seufzend schwang sie ihre Beine aus dem Bett und erhob sich. Zu schnell. Sie taumelte, kaum das sie versuchte den ersten Schritt zu gehen und stützte sich an ihrem Nachttisch ab. Ihr Atem ging in ruhigen, regelmäßigen Abständen, bis sie das Gefühl hatte, dass ihr Kreislauf sich stabilisierte. Im Badezimmer kämmte sie sich nur kurz durch die Haare, um ihre wilde Mähne zu bändigen. Einige Strähnen hatten sich verknotet und sie verzog das Gesicht, als sie an ihnen zog. Um halb sechs verließ sie das Haus, ohne das es einer der Bewohner mitbekam.

Ihr Ziel erreichte sie eine viertel Stunde später. Das große, eiserne Tor knarrte, als sie es aufdrückte. Sie hielt inne, als in ihrem Kopf die Bilder der aufschwingenden Kapellentür aufblitze, die mit dem gleichen Geräusch aufgeschwungen waren. Eine Gänsehaut fuhr über ihren Körper. Sorea schüttelte den Kopf und betrat das Gelände.
         Die meisten Menschen empfanden Friedhöfe als unheimlich, besonders bei Dunkelheit. Die Gründe dafür konnte sie nicht nachvollziehen. Für sie hatte die Atmosphäre nichts furchterregendes an sich, nicht mal ihr Traum konnte daran etwas ändern und auch der Gedanke an die hunderten Toten, die nahe der Wege begraben waren, ängstigte sie nicht. Für sie war der Friedhof seit jeher ein tröstlicher Ort. Hier fühlte sie sich den Verstorbenen näher. War das nicht der Sinn der Sache? Wenn sie vor den Gräbern kniete, kam es ihr vor, als würden die Personen neben ihr stehen, und nicht mehrere Meter unter der Erde begraben sein.
         Stille lag über dem Friedhof, als sie die vertrauten Steinwege entlang ging, wie sie es an jedem ersten Samstag im Monat zu tun pflegte. Leises Vogelgezwitscher hallte aus den Bäumen herunter. Lediglich der Friedhofswärter schlenderte über die Wege und nickte ihr zu. Kurz vor der Abbiegung zu ihrem Ziel, kreuzte ihr Weg den eines jungen Mannes, der mit in den Jackentaschen vergrabenen Händen vor einem Grabstein stand. Er pfiff leise eine Melodie - die hohen Töne eines bekannten Trauerliedes und augenblicklich fing die Musik in ihrem Kopf an zu spielen. Ihre Schritte bewegten sich im Takt.
         Sie sah nicht auf, blieb nicht stehen, als sie hinter ihm vorbeilief. Erst als sie einige Meter weiter gelaufen war, wandte sie sich um. Sorea hob den Kopf und begegnete einem stechend grünen Augenpaar, dessen Blick sie fixierte. Die Lippen des jungen Mannes verzogen sich zu einem Lächeln, Grübchen bildeten sich auf seinen Wangen. Er hob die Hand und sie winkte zurück, bevor sie sich abwandte und um die nächste Ecke bog. Wen er wohl besuchte?
         Kühler Wind fegte durch die Baumkronen und zerrte an ihrer Kleidung. Sorea schloss die Augen und atmete die frische Luft tief ein, während sie vorwärts schritt. Sie kannte jeden Winkel, jeden Stein und jede Unebenheit, über die sie früher ständig gestolpert war.
         Es lag eine schwache Schneeschicht auf dem Marmorstein, ein Überbleibsel der Wintermonate. Es war März, nicht mehr lange und die letzten Schneereste würden verschwinden. Mit einer Hand fegte sie den Schnee von ihrem Grab und brachte die in filigranen Buchstaben eingemeißelte Schrift zum Vorschein.

Saana Elina Koskinen
12.02.2001 - 18.10.2013
Geliebte Tochter und Schwester - Du wirst immer in unseren Herzen sein.


Sie kniete vor dem Grab nieder, die Nässe des Schnees fraß sich durch ihre Kleidung, und faltete ihre geröteten Hände zu einem stummen Gebet zusammen. Die letzten Schneereste an ihren Fingern schmolzen zwischen ihren Handflächen. Ich hoffe es geht dir gut, wo deine Seele auch sein mag. Wir werden uns wiedersehen, da bin ich sicher.
         Zu Beginn ihrer Friedhofsbesuche hatte sie dafür gebetet, von der Last des Leidens befreit zu werden. Doch der Schmerz würde immer ein Teil von ihr sein. Die Zeit machte es leichter, konnte ihr dieses Gefühl jedoch nicht nehmen.
         Meine kleine Schwester. Ihre Mundwinkel zuckten schwach nach oben, ein glasiger Schleier legte sich über ihre Augen. Vor drei Jahren hätte sie noch alles getan, um ihr mürrisches Gesicht zu sehen. Es ist nicht fair, dass du so früh aus dem Leben gerissen wurdest.
         Auch Monate nach ihrem Tod, konnte sie das Gefühl der Ohnmacht nicht abschütteln, das sich tief in ihrem Herzen festgesetzt hatte. Sie fühlte sich unvollständig. Es war ungewohnt alles ohne ihre Zwillingsschwester machen zu müssen. Wie sehr sie ihre kleinen Brüder  beneidet hatte, sie besaßen das, was ihr genommen wurde.
         Sorea schlang die Arme um ihren Körper, ihre Schultern bebten. Keiner von ihnen trug die Schuld an dem Unfall. Sie waren kaum alt genug gewesen, um zu verstehen, was vor sich ging. Du fehlst mir, Schwester. Eine Träne tropfte in den Schnee, eine Zweite folgte, bis immer mehr Tropfen ihre Spuren im kühlen Weiß hinterließen. Ich habe beschlossen, ihm von dir zu erzählen.
         Alles, was sie heute noch für Saana tun konnte, war, die Erinnerung an sie in Ehren zu halten, sie zu hüten, wie das kostbarste Gut auf Erden. Caleb war ihr gegenüber ebenfalls offener geworden, auch wenn sie nur wenig über seine Vergangenheit wusste. Zwei Monate waren seit seiner Abreise vergangen und er hielt sein Wort. Sie blieben in Kontakt. Vielleicht würde er anfangen sich ihr weiter anzuvertrauen, wenn sie einen Schritt auf ihn zumachte.
         Ihr Handy fing an zu vibrieren. Sie zog das Gerät aus ihrer Hosentasche und öffnete Calebs Nachricht. Warum war er wach? Bei ihm war es gerade erst vier Uhr morgens.
         Hast du dich schon entschieden? Diesmal nehme ich dir die Wahl nicht ab!
         Sorea schmunzelte. Caleb beherrschte die finnische Sprache mittlerweile ziemlich gut. Natürlich machte er Fehler und sein Wortschatz war noch stark ausbaufähig, aber er hatte in den letzten zwei Monaten mehr Finnisch gelernt, als sie englisch in den letzten zwei Jahren. Eine innere Wärme breitete sich in ihrer Brust aus und strahlte durch ihren Körper. Er nahm solche Mühen auf sich, nur damit sie besser schreiben konnten. Sie griffen immer seltener auf Übersetzungsprogramme zurück. Die Wärme flaute ab und ihr Herz zog sich zusammen. War es nicht unfair, dass sie von ihrer Seite aus kaum an der Sprachbarriere vorankamen?
         Keine Sorge, bis heute Abend habe ich einen Film ausgesucht. Sie fügte noch ein zwinkerndes Emoji an und steckte ihr Handy zurück in die Tasche. Sorea warf einen letzten Blick auf den Grabstein und lächelte. Sie hatte ihr Leben in den Griff bekommen und würde es in vollen Zügen genießen. Genau das, würde ihre Schwester von ihr erwarten. Wir sehen uns. Und danke.

Die Lichter im Haus brannten, als sie zurückkehrte und kaum dass sie die Tür aufschloss, drangen die aufgedrehten Stimmen ihrer Brüder an ihre Ohren. Sobald die Beiden aufwachten, blieb kein Auge geschlossen. Sie streifte sich die Schuhe von den Füßen und wich ihren Brüdern aus, die eine wilde Verfolgungsjagd veranstalteten, während sie sich auf den Weg in die Küche machte.
         »Guten Morgen, mein Engel«. Ihre Mutter beugte sich vor und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. »Du warst heute früh los.«
         Sorea zuckte mit den Schultern und lächelte zart, wobei sie ihren Kopf leicht zur Seite neigte. »Ich konnte nicht mehr schlafen«, gestikulierte sie.
         Ihre Mutter verzog das Gesicht und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich aus ihrem Dutt gelöst hatte. »Hast du schlecht geträumt?«.
         Sorea wich ihrem Blick aus und nickte zaghaft.
         »Schätzchen, mach dir darum keinen Kopf. Es sind nur Träume«. Die Kaffeemaschine fing an zu Piepsen und ihre Mutter griff nach der Kanne mit dem dampfenden Gebräu. »Setz dich ruhig schon an den Tisch, ja? Ich bin gleich soweit«.
         Sorea nickte und nahm ihr die Kaffeekanne ab. In ihrem innersten brodelte es. Sie wollte ihrer Mutter sagen, dass es mehr war, als ein simpler Traum, was geschehen war. Sorea wandte sich ab und verließ die Küche. Sie selbst verstand ihren Traum nicht, wie sollte ihre Mutter schlau daraus werden? Im Wohnzimmer begrüßte ihr Vater sie knapp, während er versuchte Esko und Mauri in Schach zu halten. Zwölf Jahre, was für ein problematisches Alter.
         Das Engegefühl in ihrer Brust kehrte zurück, als sie die Kanne auf dem gedeckten Tisch abstellte und ihre Brüder beobachtete, wie sie über die Couch sprangen und versuchten ihren Vater abzuschütteln. Sie waren im gleichen Alter, in dem Saana verstorben war. Sorea wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Ihr Anblick war wie ein Stich direkt ins Herz.
         Ihre Mutter hatte es vorhergesagt. Egal wie sehr sie bis dahin über die ganze Sache hinweg sein würde, es könnte schlimmer werden, sobald die Jungs das kritische Alter erreichten. Nun bewahrheitete sich ihre Vermutung. Ihre Mutter hatte in solchen Dingen immer recht.
         Ihr Vater hatte den Zwillingen mittlerweile Einheit geboten, die sich verschmitzt grinsend an den Tisch setzten und leise tuschelten. Taari schüttelte nur leicht den Kopf und schob seine Brille zurecht. Sorea spürte, dass er sie ansah und wich seinem Blick aus. Frag nicht.
         Es war nicht nötig. Ein kurzer Blickkontakt mit ihrer Mutter reichte und er wusste, was los war. Taari beugte sich zu ihr und strich ihr durch die Haare. Sie sah zu ihm und zwang sich zu einem Lächeln.
         »Möchtest du dich nochmal hinlegen? Du hast doch sicher keinen Appetit«.
         Sorea schüttelte den Kopf und schaufelte sich etwas Puuro in ihre Schüssel. Sie war ohnehin schon zu dünn. Gedankenverloren rührte sie mit dem Löffel in ihrem Brei und wartete, bis jeder eine Portion auf seinem Teller hatte. Sie schob sich den ersten Löffel in den Mund, den milden Geschmack nahm sie kaum wahr.
         »Naemi und ihr Freund haben uns heute Abend zum Essen eingeladen«. Sorea hob ruckartig den Kopf und sah ihre Mutter an. Veera kicherte hinter vorgehaltener Hand. »Sie und Leevi wollen uns etwas erzählen. Du weißt nicht zufällig etwas, oder?«.
         Sorea schluckte den letzten Rest Brei in ihrem Mund herunter und schüttelte eilig den Kopf. Naemi hatte keinerlei Andeutungen gemacht, dabei hielt sie mit Neuigkeiten nie lange hinter dem Berg.
         »Vielleicht wollen sie endlich heiraten«, schwärmte ihre Mutter. Ihre Augen bekamen einen träumerischen Glanz, während sie sich die Feierlichkeiten in all ihren Einzelheiten ausmalte. Während Esko und Mauri Würgegeräusche machten, legte Taari seiner Frau eine Hand auf die Schulter. »Liebes, werde nicht zu voreilig. Die Beiden werden heiraten, wenn sie soweit sind«.
         »Das weiß ich doch«, entgegnete sie und hielt in einer scherzhaften Geste drohend ihren Löffel in die Luft. »Aber zu viel Zeit sollten sie sich nicht lassen. Ich werde auch nicht jünger und ich will nicht alt und faltig sein, wenn ich meinen ersten Enkel bekomme!«.
         Taari lachte herzhaft auf und Sorea rang sich ein Grinsen ab. Leevi war ein guter Kerl, Naemi konnte es nicht besser treffen und sie freute sich für die Beiden. Doch in ihrem Kopf flüsterte ihr die kleine Stimme immer wieder zu, dass sie nie so etwas wie die Beiden haben würde. Und diese Stimme hinderte sie daran, sich aus vollem Herzen zu freuen, als sie am Abend das Restaurant betrat und den Ring an Naemis Finger sah.

Sie war um 20 Uhr mit Caleb verabredet gewesen. Als ihr Vater den Wagen in der Einfahrt parkte, war es halb zehn. Sie scrollte durch die letzten Nachrichten in ihrem Chat. Er war verständnisvoll gewesen, als sie ihm erklärte, was ihr dazwischen kam und ihr kleiner Filmabend wurde  verschoben.
         Wird es dir auch wirklich nicht zu spät?
         Keine Sorge. Ich schlafe schon nicht ein.

         Sie lächelte, als sie seine letzte Nachricht las. Er konnte wirklich süß sein. Sie hatte morgen nichts vor, also wäre es kein Drama, wenn es eine lange Nacht werden würde. Und ein wenig Ablenkung war genau das, was sie jetzt brauchte.
         In ihrem Zimmer griff sie nach ihrem Laptop und setzte sich auf ihr Bett. Sorea hielt sich eine Hand vor den Mund und gähnte, während das System hochfuhr. Flink gab sie ihr Passwort ein und öffnete den Chat. Caleb war bereits online. Und? Für welchen Film hast du dich entschieden?
         The Last Witch Hunter, tippte sie in das Feld und öffnete den Streamingdienst in ihrem Browser. Der Film war in ihrer Liste gespeichert und sie klickte das Cover an. Die Informationen breiteten sich über ihrem Bildschirm aus. Die Filmabende waren Calebs Idee gewesen. Ihre Möglichkeiten für gemeinsame Unternehmungen waren stark begrenzt, und bezogen sich im Grunde nur auf Onlineaktivitäten.
         Bereits nach dem ersten Abend entwickelte sich die Idee weiter und sie trainierten auf diese Weise ihre Sprachkenntnisse. Die Filme sahen sie abwechselnd auf Finnisch und Englisch an, amüsierten sich über Übersetzungsfehler und wechselten unter der Woche in ihren Chats häufiger die Sprache.
         Sicher? Es wäre eigentlich eine finnische Synchro dran.
         Ja, mir steht heute irgendwie der Sinn danach.

         Auf diese Weise würde sie noch aufmerksamer sein müssen. In ihrem Kopf wäre kein Platz mehr, um sich über den heutigen Tag Gedanken zu machen. Calebs Antwort ließ zu lange auf sich warten. Ihr Herz pochte einen Takt schneller. Hatte er etwas gemerkt?
         Eine neue Nachricht ploppte auf. Keine Frage, nur ein Link für den gemeinsamen Stream. Sie klickte darauf und wenige Sekunden später startete der Film. Danke, dachte sie. Sorea lehnte sich etwas zurück, kuschelte sich in ihre weiche Bettdecke und ließ das Geschehen des Tages hinter sich.
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