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Kalender der Zeit

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
31.12.2020
31.12.2020
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2020 – Das Jahr ohne Zeit


Ich frage mich, wer du wohl gewesen bist, 2020.

Wann sind wir einander begegnet? Wurden wir einander vorgestellt? Ich erinnere mich nicht.

Es müßte ein Jahr her sein, unser erstes Treffen. Die uns gegebene Zeit ist stets die gleiche: Ein Jahr. Ein Jahr, um sich kennen und lieben zu lernen, den Charakter des anderen einschätzen zu können, um Erinnerungen zu weben, eine Freundschaft zu bilden und Abschied zu nehmen.

Ein Jahr.

Nicht mehr und nicht weniger als jedes Jahr, das verging und jedes, das kommt.

Ich kann mich nicht einmal erinnern dich getroffen, geschweige denn dich kennen gelernt zu haben. Hatten wir wirklich genauso viel Zeit miteinander wie jedes Jahr vor dir?

Ich erinnere mich dunkel an den Januar, an die Hoffnung, die du in mir schürtest, weil so viel während deiner Zeit entschieden werden sollte. Es war ein milder Winter, glaube ich. Du fühltest dich warm an, liebevoll fast. Ich habe mich unglaublich auf dich gefreut.

Einen Frühling, so befreiend wie nach einem sechsmonatigen Winterschlaf, während die Welt unter einer dicken Decke Schnee begraben lag. (Ich weiß, diesen Winter hatten wir nicht, aber in meinen Gedanken ist Winter immer weiß.) Einen wunderbaren warmen Sommer, unaufdringlich und warm und friedlich und so voller Lachen. Einen Herbst, bunt und wunderschön, die ganze Zeit mit diesem rauchgeschwängerten Duft, der nur dem Herbst eigen ist. Und ein Winter, der sich unbemerkt über die Lande legt, und erst mit einer hauchfeinen Schneeschicht offenbart wird.

So hatte ich mir dich vorgestellt.

Bist du so gewesen? Ich kann mich nicht erinnern.

Ich erinnere mich an Vögel im Frühling, Sonne im Sommer. Die Vögel waren im Herbst wieder da, sind dann davongeflogen. Der Winter wurde wie immer unter einer grauen Decke begraben.

Aber war das dieses Jahr? Oder war es letztes?

Was ist dieses Jahr passiert? Ein Abenteuer, ich hatte mir ganz fest ein Abenteuer vorgenommen. Ist es geschehen? Wieso erinnere ich mich an dich nicht? Du scheinst ein Fremder zu sein, ein entfernter Verwandter, von dem ich weiß, er existiert, aber getroffen habe ich ihn nie.

Meinst du, wir wären gut miteinander ausgekommen? Wären wir Freunde geworden? Ich hatte fest vor mit dir Freundschaft zu schließen, das weiß ich. Selbst wenn es nur eine einmalige Begegnung gewesen wäre, eine Reise stand an, die uns vielleicht sogar in die Hallen unter dem Einsamen Berg geführt hätte. Vielleicht wären wir sogar einem Drachen begegnet!

Ich habe das Gefühl, ich stand ewig an meiner Tür, Proviant und Gepäck im Rucksack verschnürt, so unzureichend ausgerüstet, wie es vor einer Reise sein muß, damit sie sich in ein Abenteuer wandelt.

Ich wünschte, ich hätte dich kennengelernt. Das Gefühl, das ich mit dir verbinde, ist Bedauern. Das Bedauern, dich nicht kennengelernt zu haben. Bedauern ob der verlorenen Zeit.

Und fliegen.

Nicht diesen Flug der Freiheit, wenn das Fenster weit offen steht, du die Arme ausstreckst, über die nächtliche Stadt fliegst und nach dem Zweiten Stern suchst. Nein. Nicht dieses fliegen.

Wenn man unter Wasser ruhig bleibt, jede Anspannung aus dem Körper verbannt, und die Zeit verstreichen läßt, dann fliegt man. Durch die Bewegungen im Wasser, schweben Arme und Beine sanft vor sich hin. Nach einer Weile löst man sich auf. Das Gefühl, welcher Teil zu dir und welcher zum Wasser gehört, verflüchtigt sich. Du wirst Teil des Wassers. Du wirst schwerelos, formlos, körperlos.

Es ist ein merkwürdiges Gefühl.

Aber ich glaube, so fühltest du dich an.

Schwerelos.

Formlos.

Körperlos.

Ich weiß, etwas ist passiert, aber es geschah weit weg von mir. Es war nicht weit weg, aber es fühlte sich so unfassbar fern an, wie ein Traum, etwas länger nach dem Aufwachen, wenn sich die Details schon verflüchtigt haben und du nur noch weißt: Du hast geträumt. Aber wovon hast du geträumt?

Wer bist du gewesen, 2020? Warst du das Jahr des Traumes?

Wenn ich keine Erinnerungen an dich habe, soll ich dich dann mit Erinnerungen füllen? Eine Vorstellung von dir schaffen, die ich vermissen werde? Wäre das verwerflich? Oder wünschenswert?

Es wäre ein falsches Selbst, eines das nie existiert hat, aber ich würde mit Wohlwollen an dich zurückdenken, mit Sehnsucht statt dem Gefühl beraubt worden zu sein.

Laß uns meine Erinnerungen fälschen! Ich gebe mein Einverständnis dazu, dann ist es in Ordnung. Oder?

Egal.

Wie haben wir uns kennengelernt, was denkst du? Das Jahr beginnt am 1. Januar, aber ich will dich nicht auf einer Silvester-Party treffen. Das Neue Jahr beginnt mit dem ersten Aufwachen! Ich bin früh schlafen gegangen, als man die Luft noch atmen konnte. Die Welt zu Neujahr, wenn die letzten erst ins Bett torkeln, ist so unglaublich friedlich; sie schläft, obwohl sie wach sein sollte. Nicht einmal die Stadtreinigung ist unterwegs, weil die Leute noch nicht ausgefeiert haben und es nur doppelte Arbeit wäre.

Laß uns verabredet gewesen sein! Ich genieße diesen Morgen jedes Jahr mit einem langen Spaziergang durch eine rastlose Stadt, die vor Erschöpfung eingeschlafen ist, aber nie zugeben könnte müde zu sein. Wir haben bestimmt gelacht über den Blödsinn, den die letzten Nachzügler gesungen haben und uns mit ihnen gefreut. Neujahr ist seltsam sorglos. Und dann haben wir uns wie jedes Jahr über die Bescherung gewundert und die Stadtreinigung zu Heiligen erklärt, dafür, daß sie es jedes Jahr schaffen, diesen Schlamassel wieder sauber zu bekommen.

Dann sind wir gelaufen, ohne Karte, zu dem Turm, den man von jedem Winkel unserer Stadt sieht. Es war nicht besonders kalt, jedenfalls für den Winter. Die ersten Sonnenstrahlen haben unsere Haut gewärmt als die Sonne dich begrüßt hat. Wir sind stundenlang gelaufen. Die Welt war ja schlachmatt. Weißt du noch, worüber wir geredet haben?! Haben wir uns auf Anhieb verstanden oder uns vorher ein wenig gekabbelt? Wir haben viel gelacht, glaube ich.

Irgendwann hast du meine Hand genommen und mich mitgezogen, weil du irgendeinen Blödsinn ausgeheckt hattest, den ich mich nicht getraut habe. Da wußte ich, daß du ein Schitzohr bist und mich dieses Jahr in viele Schwierigkeiten bringen wird.

Du hast mir versprochen mich zu ziehen – oder zu schubsen –, sollte ich mich bei irgendwas nicht trauen. Als ob ich so ein schüchterner Mensch wäre!! Da hast du mich dann das erste Mal ausgelacht. … Ich glaube, ich habe dir dafür vors Schienbein getreten. Ja, ich bin mir sicher, dich getreten zu haben. Dein Gejammer lag mir wochenlang in den Ohren. Nicht, daß du nachtragend wärst, du bringst mich nur gerne auf die Palme. (Glaube nicht, das wüßte ich nicht.)

Da haben wir dann Freundschaft geschlossen.

Idiotisch. Was sind wir? Vier?!

Nicht das ich das bei dir bezweifeln würde, du fühltest dich auch manchmal an wie drei! Und in deiner Gegenwart war ich bestimmt auch allerhöchstens fünf. Ich hatte mir vorgenommen ein reschpektabler Erwachsener zu sein! Du und dein schlechter Einfluß!

An dieser Stelle lachst du wieder, stimmt‘s?

Dieses Mal habe ich mich schnell ans Neue Jahr/dich gewöhnt. Ich glaube, wir brauchten etwa fünf Tage, um an der Hüfte zusammenzuwachsen. Fühl dich geehrt! Manchmal habe ich ein altes Jahr so vermisst, oder kam mit dem neuen so schlecht klar, daß ich noch zwei Monate später bei den Daten durcheinander war.

Eine einnehmende Persönlichkeit, ja stimmt. Ich würde es gerne beschönigen, aber leider geht das nicht. Du bist einfach du.

Aber beschweren werde ich mich auch nicht. Ich werde niemals vergessen, mit welchem Gefühl du mich in dieses Jahr geschickt hast. Es war James Newton Howards „Flying“.

Danke.

Die erste Woche fühlte sich an wie ein Flug auf dem Rücken von Fuchur. Und ich habe schon mal auf dem Glücksdrachen gesessen! Ich weiß, wie sich das anfühlt. So verflog der Januar. Und der Februar. Wie im Traum, einem Fiebertraum, in Erwartung des Frühlings.

Im März hast du mich überrascht, da habe ich mich halb in dich verliebt. Aber wie kann man auch jemanden nicht lieben, der einem zum 8.März Blumen bringt. Ich wußte bis dahin nicht, daß du so gut erzogen bist. Das war wunderschön! Weißt du noch welche Blume es war? War es eine Tulpe? Ich glaube, es war eine Tulpe.

Der Frühling war ein einziger tiefer Atemzug. Das Leben, das dann in der Luft liegt, hat einen so einzigartigen Geruch, der sich nicht nachmachen läßt. Nur ganz am Anfang des Frühlings ist er zu riechen. Es liegt noch eine Spur Winter darin und ein Tropfen Regen.

Du standest neben mir, erst verwundert, dann amüsiert und schließlich zappelnd. Zuerst hast du versucht auf mich zu warten, dann war es mit der Geduld vorbei und du hast mich in die Natur gezerrt. Ich habe in dieser Jahreszeit kein einziges Buch geschafft, weil du mich ständig auf die Beine und nach draußen gezogen hast. Und zum ersten Mal seit Ewigkeiten hatte ich eine Bräune bevor der Sommer anfing.

Der Sommer war blau und grün, so wie die vielen Seen und Flüsse in die ich dich gezerrt habe. Und in jedem einzelnen von ihnen sind wir geschwommen. Da warst du das erste Mal maulig. Ich fand heraus, daß du ein wenig eitel bist. Über deine schrumpelige Haut hast du jedes Mal geschimpft.

In der ersten Augustwoche haben wir mit Winnie die Tucks besucht, danach sind wir zu den Beutlins und Brandibocks gepilgert und saßen am ersten September selbstverständlich in einem Zug mit roter Lokomotive auf dem Weg in ein verzaubertes Schloß. Wir sind in diesem Land geblieben, aber in der Zeit zurückgereist, 200 Jahre, so wie ein klassisches Märchen dort nunmal anfängt.

Im Herbst hast du versucht mich zu erschrecken, mit Gruselgeschichten und Spukschlössern. Und ich habe dich ausgelacht, weil mir diese Geschichten Freude bereiten und keine Angst. Dann habe ich den Spieß umgedreht. Du hast das Zeug zum Sopran, weißt du das?

Am Schönsten war der Winter mit dir. In den letzten Jahren konnte ich Weihnachten nie richtig genießen. Entweder kam die Weihnachtsstimmung nicht auf oder mir fehlte die Zeit.

Dieses Jahr habe ich jeden Weihnachtsmarkt mitgenommen, den ich finden konnte. Ich habe dich am Arm mitgeschleift, so wie du mich zu Anfang des Jahres mitgezogen hast. Wir haben so viel Heiße Schokolade getrunken, daß 2021 bestimmt Diabetes bei uns diagnostiziert wird. Die ganze Zeit auf Schokolade zu sein, kann nicht gesund sein.

Doch ich werde mich nicht beschweren. Weihnachten war genauso wie es sein sollte. Umgeben von Freunden und Familie, Lachen und Wärme, und einem wunderschönen Weihnachtsbaum.

Ich denke, dieses Ende kannst du gar nicht schlechtmachen, egal wie viel du (halbherzig) gebrubbelt hast. Du hast es geliebt, glaube nicht, ich hätte das nicht mitbekommen. Aber so ist Weihnachten. Chaotisch. Laut. Witzig. Warm. Und voller Umarmungen. Liebe. Und Lachen.

Dies ist die Erinnerung an dich, die ich einspeichern werde.

Ist das für dich in Ordnung? Ich denke schon, oder? Verzeih, ich kann deinen Charakter so schlecht einschätzen.

Reicht das aus, um sich an dich zu erinnern. Oder wirst du durch mein Gedächtnis geistern, wie all die Träume, die ich nach dem Aufwachen vergaß?



Was meinst du 2020, könnte ich das geträumt haben? Ich wünschte so sehr, ich könnte mich daran erinnern.



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Ich habe nicht mitbekommen wie ich eingeschlafen bin. Oder wann.

Ich glaube, meine klaren Erinnerungen verlieren sich irgendwann im April, höchstens Anfang Mai.

Und dann habe ich geträumt. Lang. Schön. Ruhig. Tief. Friedlich. Ungestört.

Monatelang.

Als ich mitbekam, daß ich träumte, konnte ich nicht aufwachen. Das ist ein furchtbares Gefühl, in einem Traum gefangen zu sein. Es ist nicht schlimm, der Friede dämpft die Empfindungen ab. Es ist nicht wirklich Leid oder Furcht. Der Albtraum ist die Abwesenheit dieser Gefühle, das Wissen, daß sie da sein sollten, während Geister ihrer selbst am äußersten Rand deines Verstandes zupfen.

Das Aufwachen zog sich über Monate, bis weit in den November.

Und auch danach fühlte es sich an wie eine halbe Raunacht: Nicht zeitlos, aber ohne Zeit.

Als ich die Augen aufschlug, lugtest du hinter der Ecke hervor wie ein verschrecktes Kind.

Und mit Bedauern erkannte ich: Unsere Zeit war um.



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2020, Du warst bisher das merkwürdigste Jahr meines Lebens: Ein Jahr außerhalb der Zeit.
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