Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Faszination Fanfiction – eindeutig kein Edensplitter

CrossoverHumor, Parodie / P18 / Mix
Ezio Auditore da Firenze Leonardo da Vinci
31.12.2020
31.12.2020
1
1.282
20
Alle Kapitel
10 Reviews
Dieses Kapitel
9 Reviews
 
 
 
31.12.2020 1.282
 
~*~
Donnerstag, 31.12.2020
in einem abgelegenen Internetcafé
irgendwo in Montreal
~*~


Bene, was hast du diesmal entdeckt?“
Ezio warf zwei in Cellophanfolie verpackte Cornetti auf den Tisch und ließ sich auf den Stuhl fallen, der Leonardo gegenüberstand. Schummriges Licht fiel durch die Panoramascheiben in das Internetcafé, in dem es sich die beiden gemütlich gemacht hatten. Sie waren allein. Das waren sie seit Wochen. Der einzige Vorteil, den die laufenden COVID-Beschränkungen für sie mit sich gebracht hatten, war die Tatsache, sich den Espressovollautomaten mit keinem einzigen Kunden teilen zu müssen.
„Fanfiction“, sagte Leonardo, ohne vom Bildschirm seines MacBooks aufzusehen. Versonnen strich er sich mit dem Finger über das Kinn, während er eine Seite betrachtete, die Ezio von seinem Platz aus nicht einsehen konnte. Seit sie ihre Zeit mit stumpfem Herumhocken verbringen mussten, hatten sie es sich zur Aufgabe gemacht, jeden Tag etwas neues Ungeheuerliches aus dem Internet auszugraben. Professionelle Meerjungfrauen, zum Beispiel. Selbsternannte Künstler, die sich auf Marktplätze stellten, um dort nackt und in aller Öffentlichkeit mit Farbe gefüllte Eier zu legen, die auf dem Pflaster zerplatzten. Oder Menschen, denen es Freude bereitete, in Katzenkostümen durch Straßen und Parks zu laufen und Passanten mit „Nyaaaa!“ anzusprechen. Die Welt war so verrückt. Und daran war nicht einmal dieses vermaledeite Virus Schuld.
„Fanfiction“, wiederholte Ezio und riss sein Cornetto aus der Verpackung. „Ist das wieder so ein Fetisch?“
„Gewissermaßen. Leute schreiben Geschichten zu realen oder fiktiven Personen, die sie aus irgendwelchen Gründen vergöttern … oder hassen. Was genau zutrifft, habe ich noch nicht so ganz rausgefunden.“
„Warum sollte man eine Geschichte zu einer Person schreiben, die man hasst?“, fragte Ezio.
„Keine Ahnung. Aber warum steckt man Harry Potter, Lord Voldemort und Tom Riddle zusammen ins Bett, um sie vögeln zu lassen?“
„Eh … Lord Voldemort und Tom Riddle sind ein- und dieselbe Person.“
„Du erkennst mein Problem.“ Leonardo scrollte tiefer. Falten bildeten sich auf seiner Stirn. „Hogwarts und Krake … Dio mio, was für eine ausgemachte cazzata ist das?“
„Die können zusammen Sex haben?“
„In Fanfictions ist wohl alles möglich.“
„Wer ist denn dabei bitte die Frau?“
„Das Schloss, natürlich.“
„Wie kommst du darauf?“
„Weil es der Krake heißt. Kraken sind männlich.“
„Und wie haben die Sex? Kitzelt der Krake das arme Schloss, bis es seufzend genug Fenster öffnet, damit er seine acht Arme übera–“ Ezio verstummte, als er den vernichtenden Blick sah, den ihm Leonardo über den Rand seines MacBooks zuwarf. „Was?“
„Du klingst wie ein idealer Anwärter für den Fanfiction-Thron.“
Ezio nahm einen Bissen und kaute bedächtig, während er darüber nachdachte, ob Leonardo ihn gerade nur liebevoll gefoppt oder mit Nachdruck beleidigt hatte. „Gibt es auch Geschichten über uns?“, fragte er dann.
„Ich will’s nicht wissen.“
„Wieso nicht?“
Wieder dieser vernichtende Blick. Langsam zog Ezio das zweite Cornetto zu sich und befreite auch dieses von seiner Verpackung. „Na jaaa …“, sagte er gedehnt. „Bei uns gibt es keine Kraken, die man mit irgendjemandem verpaaren könnte.“
„Aber es gibt Cesare Borgia“, erwiderte Leonardo. „Oder Volpe.“
„Als ob du Volpe vögeln würdest!“, schnaubte Ezio.
„Würde ich nicht. Aber es gibt Fans, die sehen ihn gerne mit dir.“
Fast hätte Ezio den Bissen, den er gerade genommen hatte, wieder ausgespuckt. „Iff und Volpe? Waff ftimmt nifft mit denen?“
„Es sind Fanfic-Autoren?“, erklärte Leonardo nachsichtig. Dann erregte ein Eintrag in der Storyliste auf dem Bildschirm seine Aufmerksamkeit. Er verharrte für einige Sekunden, dann verzog er das Gesicht. „Porca puttana, das ist ja widerlich!“
„Was hast du gefunden?“
„Mich mit Michelangelo.“
Zum zweiten Mal binnen einer Minute war Ezio kurz davor, unschuldiges Backwerk wieder auszuspucken. „Die wissen schon, dass dieser Kerl dein Sohn sein könnte?“
„Als ob das das Hauptproblem wäre!“ Leonardo warf die Arme in die Luft. „Er ist ein eingebildeter Schnösel, der sich in Steinstaub wälzt wie ein Bäckerjunge im Mehl! Ein paranoider Egomane, der Muskeln an Stellen setzt, an denen keine sind! Er malt Männer mit Brüsten!“
„Weil er keine Ahnung hat, wie Frauen aussehen.“
„Das macht es nicht besser!“
Ezio kicherte. Dann schlang er seine Hände um seine Kaffeetasse. „Über wen schreiben diese seltsamen Fanfic-Autoren denn noch so?“
„Supernatural. Sam und Dean Winchester.“
„Das sind doch Geschwister?“
„Ja, drum nennt man dieses Pairing wohl auch Wincest.“
„Das ist ja widerlich!“, schnaubte Ezio. „Das klingt wie Vinc–“
Chiudi il becco!
Ezio verstummte und kaute. Zwei Minuten herrschte Stille. Zwei Minuten, in denen Leonardo eine weitere willkürliche Fanfiction im „Neues“-Bereich anklickte und las. Zwei Minuten, die urplötzlich von einem Prusten unterbrochen wurden.
„Was ist jetzt kaputt?“, fragte Ezio.
„Alles!“
„Eh …“
Leonardo hob beide Hände und sank Gesicht voran hinein. Seine Schultern bebten. Ezio bildete sich ein, einige Schnieflaute zwischen hysterischem Gelächter zu vernehmen.
„Was hast du da?“ Er griff nach dem MacBook und drehte es um. Der Bildschirm wurde von einer Textwand eingenommen, die laut Beschreibung zum Star Wars-Fandom gehörte. Ezio beugte sich vor und begann, laut vorzulesen.
„… löste Obi-Wan den Gürtel, um sich von seiner Kleidung zu befreien, die seine Erektion einengte, die so schnell erschienen war wie ein grade aktiviertes Lichtschwert. Langsam streifte er die Hosen tiefer und offenbarte einen stattlichen purpurbehelmten Krieger, der sich lüstern nach Anakin ausstreckte … Hat sein Schwanz Arme, oder was ist das? Ist das so ein Jedi-Ding?“
Leonardo schnieftlachte noch heftiger.
„… schob seine gesamte Länge in den Padawan, um in den Tiefen der Grotte ein Opfer darzubringen, das seiner inbrünstigen Liebe würdig war. Er spürte, wie die Macht ihn erfüllte, ihn einlullte wie eine in Flammen stehende Zuckerwattenwolke, bevor er über die Klippe sprang und die höchsten Genüsse der Lust erfuhr … Ah ja. Ich begeh auch spontanen Selbstmord, wenn ich einen Orgasmus habe!“
Leonardo begann zu heulen. Ezio schüttelte den Kopf und las weiter.
In diesem Moment explodierte die Luft, die sie umgab, in einem Crescendo aus Smaragdgrün und Spahierblau. Anakin sah seinen Obi-Wan aus götteriridigen Augen an, bevor er leise flüsterte ‚Es wird Pierre-Pasqual Jean-Baptiste Marvin Ocean Lullabye Skywalker-Kenobi heißen!‘ … Moment mal. Er hat ihn geschwängert? Der hat einen Kerl geschwängert?!“
Leonardo brach endgültig über dem Tisch zusammen.
„Du weißt doch, Ezio“, begann er und verschluckte sich fast an seinem eigenen Kichern. „Möge die Macht mit dir sein!“
„Ja, und die Pest mit diesem Autor! Cazzo!“ Der Appetit war Ezio vergangen. Angeekelt drehte er das MacBook wieder um und begann, die herumliegenden Cellophanfolien einzusammeln. Am liebsten hätte er das Internet mitsamt seinem fragwürdigen Inhalt gelöscht. Da er dazu leider nicht fähig war, musste er sich eben damit begnügen, realen Müll aus der Welt zu schaffen.
Bene“, seufzte er. „Schlimmer als das kann’s wirklich nicht mehr werden!“
„Glaubst du!“ Leonardo hatte das Scrollen wieder aufgenommen. „Die haben hier noch Twilight … YuGiOh … den Witcher … Naruto … finnische Rockbands … Männerfußball …“
„Und der Ball poppt mit wem?“
„Du bist ein Idiot.“
„Hey, das ist nach der Nummer mit dem Schloss und dem Kraken eine berechtigte Frage!“, erwiderte Ezio. „Wenn so etwas geschrieben wird, würde es mich nicht wundern, wenn es ein Vettel mit einem Michelinreifen treiben oder ein Messi in pinkem Glitzertutu an der Torstange tanzen würde!“
„Ezio …“
Sì?
„Halt die Klappe und registrier dich bitte niemals auf fanfiktion.de.“
„Hm!“

~*~


Mit diesem universellen Schlusswort endet diese kurze Blödelei, die ihren Anfang auf Discord genommen hat und nichts weiter als die Absicht verfolgte, für ein wenig Heiterkeit zu sorgen. Danke für euren Input, Leute. Es war mir ein Vergnügen – ihr seid die Besten! Und für alle, die das hier lesen: Lasst euch die Laune nicht von Schwarzsehern und Verschwörungstheoretikern versauen, haltet euch selbst lieber das Schöne vor und startet beschwingt ins neue Jahr 2021, für das ich euch allen vor allem Gesundheit wünsche. Auf eine neue Zikade Dekade voller unterhaltsamer Einfälle! Bleibt kreativ.

Alles Liebe,
Sesa
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast