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Ich lass für dich das Licht an

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Chiara Nadolny Ina Ziegler
31.12.2020
17.01.2021
19
26.302
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31.12.2020 1.695
 
Ich lass für dich das Licht an

Disclaimer: Ina und Chiara gehören RTL. Ich leihe sie mir nur aus.

Ich lass für dich das Licht an obwohl's mir zu hell ist
Ich hör mit dir Platten, die ich nicht mag
Ich bin für dich leise, wenn du zu laut bist
Renn' für dich zum Kiosk, ob Nacht oder Tag

Ich lass für dich das Licht an, obwohl's mir zu hell ist
Ich schaue mir Bands an, die ich nicht mag
Ich gehe mit dir in die, schlimmsten Schnulzen
Ist mir alles egal, Hauptsache du bist da

~ Ich lass für dich das Licht an – Revolverheld ~

Fast 10 Jahre war es her. 10 Jahre hatten Ina und Chiara sich nicht gesehen. Und dann war der Anruf gekommen, der Anruf, der alles veränderte. Der Anruf, bei dem Ina vor Schreck fast das Herz stehen blieb.

Es war ein normaler Tag gewesen. Sie hatte gearbeitet, und war gerade Zuhause angekommen. Zuhause, das war ein kleines Häuschen in einem Stadtteil außerhalb von Essen. Auf einen großen, abgelegenen Grundstück, dass sie für sich gekauft hatte. Am anderen Ende des Grundstücks stand das Haus von Lucie und ihrer Familie.

Die Sonne schien, und als sie ihr Auto parkte, hörte sie ihre Nichten rufen und lachen. Sie entschied, dass die obligatorische Dusche kurz warten konnte, und machte sich auf den Weg quer über das Grundstück.

Lucies Kinder Lara und Luisa liefen ihr entgegen. Sie drückte die sieben und fünf Jahre alten Mädchen, und ging dann, um ihrer Schwester einen Kuss auf die Wange zu geben. Im Buggy neben ihr schlief das jüngste Kind. Lia war gerade drei geworden.

„Na, wie war dein Tag?“, fragte Lucie.

Ina ließ sich auf die Decke neben sie fallen. „Lang. Ganz Essen war heute da, glaub ich. Und die Frühjahrssonne hat echt Kraft. Ich bin erledigt.“

„So riechst du auch“, grinste Lucie. Ina knuffte ihre Schwester in die Schulter.

Die Mädchen tobten einem Ball hinterher um sie herum. Ina seufzte. Sie liebte das Kinderlachen so sehr, wie sie ihre Nichten liebte. Hier her zu ziehen, wo sie Ruhe hatten, war vor Jahren die richtige Entscheidung gewesen.

„Ina? Dein Handy.“ Lucie deutete auf das Gerät, das lautlos neben Ina klingelte.

Ina sah auf das Display. Eine Nummer aus Großbritannien. Irritiert sah sie zu Lucie.

„Geh halt ran?“

„Ina Ziegler, hallo?“

„Hallo, hier ist Doktor Smith, vom St. Thomas Hospital in London.“

„Ja?“

„Kennen sie eine Chiara Nadolny?“

Inas Mund klappte auf, doch kein Ton kam heraus.

„Entschuldigung, mein Deutsch ist nicht gut“, sagte der Arzt am anderen Ende der Leitung. „Wir haben hier eine Miss Nadolny. Diese Nummer ist der Emergency Kontakt in ihrem Handy. Kennen sie Miss Nadolny?“

Ina schluckte.

„Hallo?“

„Ja“, sagte sie schließlich leise. „Ich kenne sie.“

Als Lucie den Gesichtsausdruck ihrer Schwester wahrnahm, wies sie ihre Kinder an, ein wenig weiter weg zu spielen. Die Mädchen flitzten davon.

Ina stellte das Telefonat auf Lautsprecher. „Was ist mit ihr?“

„Wir haben sie vor Tagen bekommen. Es gab einen Unfall.“

„Einen Unfall.“

„Miss Nadolny ist verletzt. Sie hatte einen Unfall. Mit einem Auto. Sie ist sehr verletzt. Wir haben sie operiert, aber sie ist… sie braucht Hilfe.“

„Wie schwer verletzt ist sie?“, fragte Ina. Das Blut rauschte in ihren Ohren, eisige Kälte durchzog ihren Körper und ließ sie trotz der Sonne erschaudern.

„Sie hat schlimme Prellungen, drei Rips sind angebrochen. Ein Arm ist gebrochen, und ein Bein. Das ist schwierig gebrochen, und Bänder und Sehnen sind verletzt. Dazu ist ihr Kopf erschüttert.“

Wortlos griff Lucie nach Inas Hand. „Hat sie gebeten, mich anzurufen?“

„Nein. Sie hat kaum wach gewesen. Aber wenn sie aufwacht, braucht sie jemanden.“

Ina schloss die Augen. Sie musste tief durchatmen.

„Niemand war hier- seit letzte Woche“, sagte der Arzt. „Ich weiß nicht, wen ich kann sonst anrufen.“

„Ich komme“, sagte Ina ohne weiteres Zögern. „Schicken sie mir die Adresse. Ich… werde so schnell wie möglich kommen.“

„Dankeschön.“

Als sie aufgelegt hatte, stieß Ina keuchend den angehaltenen Atem aus. Lucie musterte sie. „Du weißt, du musst nicht?“

„Ich… muss“, sagte Ina leise.

„Aber Ina, dieses Corona- Ding…“

„Ja, das… Stimmt. Aber ich mein, die haben jetzt diese paar Fälle da in NRW. Und in England ist das ja auch, aber... Ich…“ Sie schluckte. „Sie ist verletzt, und sie ist ganz allein.“

„Du musst mir versprechen, dass du vorsichtig bist.“

Ina lächelte. „Ich verspreche es. Ich geh jetzt duschen, und dann…“

„… ich sehe, wann ein Flug geht. Und wir bringen dich zum Flughafen.“

Schon 4 Stunden später stieg Ina in den Flieger. Sie war unruhig. Besorgt um Chiara. Trotz der Zeit, in der sie sich nicht gesehen hatten… sie hätte niemals erwartet, wieder von ihr zu hören. Vor fast 10 Jahren war Chiara nach Großbritannien gegangen, um dort zu arbeiten. Sie hatten sich davor getrennt. Und trotzdem, nach all der Zeit hatte sie ihre Nummer behalten, hatte sie als Notfallkontakt angegeben?
Nach all der Zeit würde sie sie noch heute sehen.

Sie wusste nichts über Chiaras Leben. Anfangs hatte sie ihre Erfolge verfolgt, doch sie selbst hatte einen zweiten, und irgendwann einen dritten Streetfoodwagen eröffnet. Als dann Lucies Tochter Lara geboren wurde, hatte sie schließlich so viel Ablenkung, dass sie aufgehört hatte, Chiaras Karriere zu beobachten.

Und doch, jetzt saß sie in einem Flieger nach London, auf dem Weg ins Krankenhaus. Zwar hatte der Arzt gesagt, wie es Chiara ging- aber wie ging es ihr wohl wirklich? Wie würde sie auf Ina reagieren? Wie würde Ina auf Chiara reagieren? Es waren 10 Jahre. Sie waren beide älter. Warum war da niemand, der sie besuchte?

Ina seufzte leise. Sie würde diese Antworten erst bekommen, wenn sie da war.

Der Flieger landete nach etwas mehr als einer Stunde, und sie fand sich im Trubel des Flughafen Heathrows wieder. Überall huschten Menschen mit Gepäck und Masken im Gesicht durch die Gegend. Ina griff ihre Tasche und winkte nach einem Taxi.

Die Straßen waren relativ leer, offenbar begannen auch die Briten, mehr zuhause zu bleiben. In Deutschland hatte man gerade dazu aufgerufen, sich möglichst nicht mit Freunden zu treffen und so viel wie möglich zuhause zu bleiben. Die Geschäfte waren geöffnet, die Menschen gingen regulär zur Arbeit, und heute am Imbiss war von einer beginnenden Pandemie auch wenig zu spüren gewesen.
Ina gähnte. War das wirklich heute Morgen gewesen, wo sie noch hinter der heißen Fritteuse gestanden hatte? Als sie aus dem Fenster sah, kam sie sich fremd vor. Plötzlich war sie in einem Land, das sie kaum kannte, und dass sie auch wenig interessierte. Weit weg von ihrer Komfortzone. Wegen jemandem, die sie 10 Jahre nicht gesehen hatte. Und sie wusste nicht mal, was sie erwartete.

Das Taxi hielt irgendwann am Krankenhaus. Vor der Tür musste Ina ihren Ausweis zeigen, ein Pfleger maß Fieber und checkte ihre Daten mit den hinterlegten Besucherdaten auf seiner Liste. Jemand brachte Ina einen sterilen Kittel und Handschuhe, ihre Tasche wurde in einen Plastikbeutel verpackt, dann wurde sie in die Klinik geführt. Sie kam sich vor wie in einer anderen Welt.

Auch in den Gängen waren wenig Menschen unterwegs, und wenn sie jemandem begegneten, hielten die Leute Abstand. Der Pfleger öffnete schließlich eine Tür.

Im Bett lag Chiara. Sie war blass und schien zu schlafen. Zögernd ging Ina in das Zimmer und stellte ihre Tasche ab. Vorsichtig trat sie ans Bett. Im Gesicht hatte Chiara eine Platzwunde, die genäht worden war. Ihr Arm war mit einem Gips versorgt worden. Das Bein guckte unter der Decke heraus. Metallstangen hielten die Knochen an ihrem Platz, die Wunden waren genäht und steril verbunden.

Inas Blick wanderte zurück zu Chiaras Gesicht. Sie zuckte hin und wieder im Schlaf. Ina zog einen Stuhl näher. Neben den geschlossenen Augen entdeckte sie kleine Fältchen. Die Lippen, die sie einst so sehr geliebt hatte, waren trocken und rissig, die langen Haare waren stellenweise verfilzt.

Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie wusste auch nicht, wie lange sie dort gesessen hatte. Es war längst dunkel, als die Tür aufging, und ein Arzt hereinkam. Er stellte sich als Doktor Smith vor, und reichte ihr einen Umschlag. Darin war ein übersetzter Polizeibericht, da sein Deutsch nicht gut genug war, um alles zu erklären.

Nachdem er gegangen war, brachte ein Pfleger Ina ein Sandwich und etwas zu trinken. Im Rausgehen dimmte er das Licht ein wenig.
Seufzend sank Ina auf den harten Stuhl zurück. Sie zog den Bericht aus dem Umschlag. Als erstes fiel ihr ein Foto entgegen. Ein Foto eines Kleinwagens. Oder das, was davon über war. Übelkeit machte sich in Inas Magen bemerkbar. Im Bericht las sie, dass ein LKW frontal in die Fahrerseite des Autos gerammt war, nur um den Wagen seitlich in ein weiteres Auto zu schieben. Die Schuldfrage war eindeutig geklärt, der LKW-Fahrer hatte die Kontrolle verloren. So wie das Auto aussah, war es ein Wunder, dass Chiara noch lebte, dachte Ina. Die Knochen in ihrem rechten Bein waren zertrümmert, Bänder durch die Belastung gerissen. Ihr Arm war glatt gebrochen und würde ähnlich wie die Rippen unproblematisch heilen. Ob das Bein wieder voll funktionstüchtig werden würde, konnte man jedoch aktuell nicht sagen.

Tränen schossen Ina in die Augen bei dem Gedanken, dass Chiara hätte tatsächlich sterben können. Sie legte den Bericht zur Seite und griff vorsichtig nach ihrer Hand. Sie reagierte nicht.

Ina konnte ihren Blick nicht abwenden, in ihrem Kopf formten sich Bilder des Unfalls. Schließlich gähnte sie. Sie tippte ihrer Schwester noch eine Nachricht, dann lehnte sie sich zurück und versuchte, wenigstens für einen Moment zu schlafen.

Gerädert wurde Ina von einem Geräusch geweckt. Draußen wurde es gerade hell. Sie brauchte einen Moment, bis sie sich orientiert hatte. Als sie aufsah, war Chiara wach und sah sie an.

Es dauerte einen Augenblick, bis Ina etwas sagte. „Hey“, flüsterte sie leise.

„Ina“, gab Chiara zurück, ihre Stimme brüchig.

„Ich… weißt du, wo du bist?“

Chiara nickte.

„Du hattest einen Unfall.“

„Ich… erinnere… mich.“

„Du wurdest sehr verletzt.“

„Hm.“

„Sie sagen, dass du in Ordnung kommst.“

Chiaras Augen schlossen sich. Sie bewegte sich unter der Decke, zuckte aber vor Schmerzen zusammen. Ina rief nach einer Schwester, die ihr ein Medikament gab, und Chiaras Bewegungen wurden ruhiger, bis sie schließlich einschlief.
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