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Libellen bei Sonnenuntergang

von Suiren
GeschichteMystery, Romance / P18 / MaleSlash
Chuya Nakahara Osamu Dazai
31.12.2020
31.12.2020
1
9.043
9
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
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31.12.2020 9.043
 
A/N: Diese kleine Geschichte ist für meine liebe Jessica Christiane, die hier selbst eine richtig tolle FF schreibt und mir immer wieder eine große Unterstützung ist. In dieser Geschichte sind Zitate aus dem Roman „The setting sun“ des großartigen Schriftstellers Osamu Dazai und ein Teil des Gedichts „Dedicated to a dragonfly“ des wunderbaren Dichters Chuuya Nakahara enthalten, leider nur von mir selbst übersetzt.
Jedenfalls wünsche ich allen nur das Beste für das neue Jahr und viel Vergnügen beim Lesen :3

Liebe Jessica Christiane, ich hoffe, dass du Spaß beim Lesen hast und vielleicht hin und wieder ein bisschen über unsere Helden lachen kannst. Danke für alles! ❤

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Es war wie fliegen.
Würde Chuuya nicht den Lenker in seinen Händen und Dazais Brust und Hüften an seinem Rücken spüren, dann wäre es ja tatsächlich so, als würde er fliegen, schneller als jedes andere Lebewesen es konnte.
Auf seinem roten Motorrad rasten sie über den Asphalt und hörten nichts außer dem lauten Rauschen des Fahrtwindes, sahen nichts anderes als die Landschaft, die so schnell an ihnen vorbeizog, dass sie zu einem Strudel verschwamm.
Es war einfach herrlich…
Chuuya seufzte genüsslich auf, doch als er seine Augen wieder öffnete, erkannte er inzwischen einzelne Bäume, die den einsamen Waldrand neben der Straße säumten. Automatisch, ohne sich zu fragen, warum das Motorrad plötzlich langsamer wurde, gab er mit seiner Hand mehr Gas – doch das Motorrad wurde nicht schneller, sondern im Gegenteil, immer langsamer.
»Verdammter Mist!«, fluchte Chuuya, als erst das Rauschen des Windes immer leiser wurde und schließlich das laute Brummen und das Zittern des Motors erstarben. Das Motorrad rollte immer langsamer werdend weiter die Straße hinunter. Chuuyas hektischer Blick huschte verzweifelt zu den Armaturen, wo die Tanknadel auf das Symbol eines leeren Tanks zeigte.
Obwohl er bereits ahnte, dass es hoffnungslos war, versuchte er erneut den Motor zu zünden, doch der stotterte und gluckse nur, bevor er wieder gänzlich verstummte.
»Scheiße!«, schimpfte der Rothaarige, während er das Gefühl hatte, dass sich sein Bauch unter den locker um seine Taille geschlungenen Unterarmen seines Partners verkrampfte. Das Motorrad war inzwischen so langsam geworden, dass Chuuya den Lenker hin- und her bewegen musste, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, während er auf den linken Straßenrand zusteuerte.
Wenig später betätigte er die Bremsen, sodass sie am Rande des Asphalts zum Stehen kamen und stellte die Füße auf dem Boden ab, um das Motorrad in Position zu halten.
Mit gesenktem Kopf wartete der Rothaarige darauf, dass Dazai abstieg und tatsächlich war das Gefühl von Dazais Brust und Hüften in seinem Rücken im nächsten Moment verschwunden.
Plötzlich fror er.
»Was ist das Problem?«, stellte der Brünette die Frage, vor der seinem Partner am meisten graute.
»… Der verfluchte Tank ist leer…«, antwortete er so barsch, dass sich kaum jemand getraut hätte, darauf zu antworten – kaum jemand außer Dazai.
»Oh, der verfluchte Tank ist leer, sagst du, Chuuya?«, hörte er ihn scheinheilig nachfragen. Ohne Dazai anzusehen, oder ihn mit einer anderen Reaktion zu würdigen, schwang sich nun auch der Rothaarige von seinem Motorrad und stellte es ab.
»Wie lästig«, seufzte Dazai genervt, »Aber was soll’s. Ich rufe meine Untergebenen an, damit sie uns abholen.« Er begann an seiner Hose und seinem Mantel nach seinem Handy zu tasten, aber wurde schon bald etwas fahriger.
»Hat Mister Perfect etwa sein Handy vergessen?«, fragte der Rothaarige nicht ohne Schadenfreude. Sein Partner antwortete nicht, gab es aber schließlich auf, sich selbst nach dem Handy abzutasten.
»Dann ruf du jemanden an«, verlangte er ungeduldig.
Chuuya grinste, doch als er sich in die Tasche seiner Hose fasste, um sein Handy herauszuholen, erstarrte auch er – denn es war verschwunden. Dabei hatte er es doch hundertprozentig sicher in diese Tasche eingesteckt! Beunruhigt fasste er sich auch noch in die andere Tasche seiner Hose, doch auch dort konnte er es nicht finden.
»Scheiße…«, murmelte er mit hängen gelassenem Kopf, »Ich muss es verloren haben…«
Er wusste genau, was jetzt kommen würde – und so kam es auch.
»Großartig, Chuuya! Ganz toll!«, lobte Dazai sarkastisch und klatschte verächtlich in seine badagierten Hände, »Herzlichen Glückwunsch!«
»Tu nicht so, als wäre das allein meine Schuld«, zischte der Rothaarige verärgert.
»Du hast doch dein Handy verloren«, erinnerte sein Partner und verdrehte genervt die Augen.
»Und du hast deines vergessen!«
»Aber warst nicht du derjenige, der sich verfahren hat? Warst nicht du derjenige, der verabsäumt hat, das Motorrad voll zu tanken?«
»Der Tank war voll, als wir losgefahren sind!«, protestierte Chuuya empört darüber, dass sein Partner es überhaupt wagte, ihm indirekt zu unterstellen, dass er zu wenig mitgedacht hatte.
»Wäre das wahr, dann wären wir doch jetzt nicht gestrandet«, warf Dazai mit scharfer Stimme ein, »Spar es dir mich anzulügen, es funktioniert ja doch nicht. Lügen haben kurze Beine, Chuuya, wie man an dir sieht!«
»Halt die Klappe! Oder ich schleudere dir das Ding gleich entgegen!«
»Versuch es doch!«, forderte ihn Dazai ärgerlich heraus. Doch nur zur Warnung aktivierte Chuuya seine Kräfte und berührte das abgestellte Motorrad, denn in Wahrheit würde er es nie über sich bringen, seinen Partner ernsthaft zu verletzen.
»Wird das heute noch was?«, fragte Dazai genervt und breitete auffordernd seine Arme aus.
»Tss«, machte der Rothaarige nur und ließ von der Maschine ab, »Ich würde dir doch nur einen Gefallen tun, wenn ich dich umbringe, du Suizidfanatiker. Außerdem wäre es schade um mein Motorrad…«
Er wandte sich von seinem Partner ab, doch er wusste, dass Dazai ihm folgte, als er begann, am Straßenrand entlang zu gehen.
»Nun verpassen wir die Neujahrsfeier«, bemerkte Dazai trocken, nachdem sie ein paar Meter zurückgelegt hatten.
»Wenn wir schnell sind, schaffen wir es vielleicht noch. Also spar dir deinen Atem fürs Laufen, statt ihn fürs Jammern zu verschwenden!«, riet ihm Chuuya gereizt.
Seine Hände hatte er vor Ärger zu Fäusten geballt, während er auf seine Schuhe hinunter starrte, deren Spitzen bereits weiß vom Staub der groben, weißen Kiesel am Straßenbankett waren.
Warum war er nur so wütend?
Es lag an Dazai, ohne jeden Zweifel, es war Dazais Schuld – er konnte eben nicht mit ihm, nur eben leider auch nicht ohne ihn. Aber was war es eigentlich, das Dazai an sich hatte, das ihn verrückt machte und immer gleich emotional reagieren ließ? Vielleicht die Tatsache, dass der Brünette nie das tun konnte, was er wollte und ihn immerzu verspottete?
»Ich dachte, die Neujahrsfeier würde dir nichts bedeuten?«, fragte Chuuya desinteressiert.
»Da musst du wieder mal was falsch verstanden haben«, meinte Dazai hochmütig, »Auf der Party gibt es gutes Essen in rauen Mengen, also natürlich wäre ich gerne hingegangen. Was mir nichts bedeutet, ist das neue Jahr an sich.«
»Warum nicht?«
»Warum sollte es? Im neuen Jahr wird nichts geschehen.«
»Das kann niemand wissen, nicht mal so ein Klugscheißer wie du«, entgegnete Chuuya trotzig.
»Letztes Jahr geschah nichts. Vorletztes Jahr geschah nichts. Und das Jahr davor geschah nichts.*«, meinte Dazai und seufzte genervt, bevor er beschloss, das Thema zu wechseln.
»Wie lästig, durch die Botanik stapfen zu müssen, aber… Tja, ich schätze, mit seinem Hund spazieren zu gehen ist etwas, das ein Hundebesitzer ab und zu eben tun muss!«, hörte Chuuya seinen Partner hinter sich sagen. Sofort fuhr er wütend herum.
»Hauptsache, du kannst hie und da an einem Baum dein Bein heben… Aber aus Dankbarkeit könntest du für mich auch mal mit deinem Schwanz wedeln, das wird doch nicht zu viel verlangt sein…«, plapperte Dazai munter weiter, scheinbar nicht merkend, dass sich in Chuuyas Gesicht vor Zorn eine kleine Falte zwischen seinen zusammengezogenen Augenbrauen gebildet hatte. Auch seine Wangen waren so rot angelaufen, dass sie dunkler als sein Haar waren. Doch obwohl er Dazai inzwischen auch mit der Faust drohte, grinste dieser umso breiter.
»Halt die Klappe, ich meine es ernst!«, knurrte Chuuya, bevor er sich wieder umdrehte, und umso angespannter weiter stapfte, »Hör endlich auf mit dem Mist, ich bin nicht dein Hund!«
»Wenn ich mich recht erinnere, hast du eine Wette verloren«, sagte der Brünette streng, dann kehrte sein Lächeln in seine Stimme zurück, »Außerdem magst du es ja eigentlich, meinen Hund zu spielen.«
»Was du dir nur immer wieder einbildest…«, murmelte der Rothaarige.
»Ach ja? Habe ich letzten Freitagabend etwa geträumt, als wir in meinem Arbeitszimmer auf ein paar Gläschen zusammengesessen sind?«
Chuuya wusste, dass sein Partner gerade grinste und am liebsten hätte er ihm dieses dreckige Grinsen mit der Faust aus dem Gesicht geschlagen, doch stattdessen tat er, als hätte er Dazais letzte Bemerkung nicht gehört. Mit Zähneknirschen überspielte er, dass das Rot seiner Wangen gerade nicht nur von seinem Ärger kam…

»Weißt du, Chuuya, eigentlich habe ich mir immer einen Hund gewünscht«, erzählte Dazai, »Aber ich habe mir vorgestellt, dass es ein treuer, gehorsamer und zutraulicher Hund wäre. Nicht so ein widerspenstiger, bissiger Köter wie du…«
Von dem Alkohol, den er getrunken hatte, waren seine Augen ein wenig glasig und die Wangen leicht gerötet, als er über den Tisch hinweg zu seinem Partner blickte. Obwohl der Wein auch Chuuya in einen dumpfen, betäubenden Rausch versetzt hatte, machte sein Herz jetzt einen Sprung. In ihm wuchs der Wunsch, dass diese haselnussbraunen Augen noch verschleierter und diese Wangen noch röter wurden…
Er wollte es unbedingt wieder erleben, wie der junge Mann, der immer gerne die Kontrolle hatte, richtig hilflos wurde und ihn anbettelte…
»Unartige Köter kastriert man, damit sie braver werden, ist das nicht so?«, fragte Dazai nachdenklich, dann grinste er wölfisch, »Ja, ich glaube, das macht man so…«
»Du redest nur noch dummes Zeug«, warf Chuuya barsch ein, »Vielleicht solltest du jetzt aufhören zu trinken. Du hattest offenbar mehr als genug…«
Als er langsam von seinem Stuhl aufstand und näher zu Dazai kam, grinste dieser verschlagen.
»Willst du mich davon überzeugen, dass ich dann etwas verpassen würde?«
Sichtlich amüsiert lehnte er sich in seinem bequemen Stuhl zurück und spreizte die Beine einladend. Chuuya erwiderte das Grinsen, legte seine linke Hand auf die Schulter seines Partners und setzte sich verkehrt herum auf seinen Schoß.
»Kann ja nicht schaden, oder?«, fragte er halbherzig.
Ein wohliges Seufzen entfloh Dazais Kehle, während sich seine bandagierten Hände wie von allein auf Chuuyas Wangen legten und sein Gesicht mit sanfter Bestimmtheit näher zu dem des Brünetten dirigierten. Ungeduldig versiegelte Dazai ihre Lippen miteinander. Er fühlte, dass Chuuya dabei lächelte und die Hände hinter seinem Nacken verschränkte. Seine Hände hatte Dazai an den Seiten seines Partners platziert und ließ sie langsam hinunter rutschen, bis sie an den Hüften des Rothaarigen innehielten.
»Warum musst du mich immer so sehr ärgern?«, fragte Chuuya leise, nachdem sie ihre Münder wieder von einander gelöst hatten.
»Tut mir ja leid«, antwortete Dazai in einem verspielten Ton, der seinen Partner wissen ließ, dass es ihm überhaupt nicht leidtat, »Verzeih mir. Ich sehe einfach so gerne, wie du wütend wirst. In deinen Augen lodert dann dein Feuer auf, weißt du? Und ich mag dein Feuer, Chuuya, ich mag es, wie es mir meine Finger verbrennt… und wie es mich verschlingt… Da fühle ich mich so… lebendig…«
Der Rothaarige hielt verwundert inne. Nie wusste er, was wirklich in seinem Partner vorging, doch dieser Moment war einer der wenigen, in denen er das Gefühl hatte, dass Dazai ehrlich zu ihm war und ihm einen Einblick in die Abgrundtiefen seiner Seele gewährte.
»…Du bist wirklich ein selbstquälerischer Spinner…«, murmelte er, weil er nicht wusste, was er sonst darauf antworten sollte.
Langsam beugte er sich zu Dazai hinunter, vergrub seine Finger in seinen brünetten Locken und verwickelte ihn in einen leidenschaftlichen Kuss. Dazais Zunge tastete sich zwischen seinen geöffneten Lippen nach vorne, um die Konturen derer seines Partners nachzufahren und so Einlass zu erbitten. Doch anstatt ihm diesen zu gewähren, entließ Chuuya seine eigene Zunge, um mit ihr die seines Partners in dessen Mund zurückzudrängen. Aber Dazai ergab sich ihm nicht kampflos und versuchte immer wieder, die Kontrolle über den Kuss zu erlangen – und wie üblich schreckte er auch nicht davor zurück, alle Register zu ziehen, um zu gewinnen...
Hinterhältig krallte der Brünette seine Hände fest in den Hintern seines Partners, sodass Chuuya unwillkürlich aufstöhnte. Diesen Moment nutzte Dazai sofort aus, um Chuuyas Zunge unter seine zu zwingen. Erst, als er merkte, dass dem Rothaarigen allmählich der Atem ausging, ließ er triumphierend von seinen Lippen ab. Plötzlich wirkte Dazai überhaupt nicht mehr betrunken, wie er ungeduldig begann, Chuuyas Jackett und Hemd aufzuknöpfen. Gierig streiften seine Lippen über die weiche, blasse Brust des Rothaarigen und nahmen den verführerischen Duft der Haut auf. Chuuya drückte fordernd seinen Rücken durch, um seinem Partner näher zu sein und streckte die Arme kurz aus, sodass Dazai ihm das Hemd ausziehen und es danach achtlos auf den Boden werfen konnte. Sofort waren seine Hände wieder auf Dazais Körper, öffneten nun zittrig sein Hemd, während er den Rothaarigen von den Schlüsselbeinen ausgehend zu seiner linken Brustwarze hinunter küsste und an ihr leckte.
Zufrieden hörte Dazai, wie die Atmung seines Partners lauter und schwerer wurde. Doch das alleine reichte ihm noch lange nicht, also nahm er die rosige Knospe behutsam zwischen die Zähne und begann sie zu reizen, bis sie härter wurde.
»Kannst du nicht ein bisschen für mich stöhnen, hm?«, fragte er ungeduldig an der Brust seines Partners.
»Wenn du mich stöhnen hören willst, tu etwas dafür«, grinste Chuuya frech.
Verlangend vergrub sein Partner seine linke Hand in den rostroten Haarschopf, wickelte die langen weichen Strähnen um seine Finger und zog an ihnen den Kopf des kleineren Mannes nach hinten, sodass ihm Chuuyas Hals völlig ausgeliefert war.
Augenblicklich streckte sich Dazai nach ihm, küsste gierig die samtige, empfindliche Haut, saugte und knabberte an ihr. Währenddessen spürte der Brünette, wie Chuuyas rechte Hand in seinen Schritt fand und sein bestes Stück durch die Stofflagen hindurch zu massieren begann. Leise stöhnte Dazai auf. Darin war der Rothaarige wirklich geschickt!
Unter dem Druck von Chuuyas Fingern wurde seine Männlichkeit rasch zunehmend härter, ebenso wie dessen eigene. Wohlige Laute entkamen ihrer beider Kehlen und fachten ihre Lust noch mehr an, ganz so, als würde man Öl ins Feuer gießen.
Im Grunde hatte Dazai schon lange die Freude am Leben verloren und so fand er die meisten Dinge lästig und langweilig – es gab wirklich nicht vieles, das seine Begeisterung wecken konnte. Doch Chuuya mit seinem feurigen Temperament setzte seine Naturgesetze außer Kraft. Die Leidenschaft für Chuuya tobte in ihm wie ein Sturm und entriss ihm all seine Fesseln.
»Beeil dich, Dazai«, drängte Chuuya ungeduldig, stöhnend in die brünetten Locken seines Partners, »Ich brauch dich jetzt in mir… und nicht erst in drei Stunden, wenn du soweit bist.«
»Sei still. Hunde können nicht sprechen«, erinnerte Dazai trocken.
»Aber Hunde können beißen«, warf sein Partner belustigt ein. Noch bevor der messerscharfe Verstand des anderen Mannes die Gelegenheit bekam, zu begreifen, hatte e0r sich Chuuya schon leicht nach vorne gebeugt, um die Haut an Dazais Nacken vorsichtig zwischen die Zähne zu nehmen. Er zog nur kurz und sachte an Dazais Haut, verspielt und neckend. Kaum hatte er wieder abgelassen, löste Dazai seine Hand aus dem Haar seines Partners, holte aus und schlug sie leicht auf den Hintern des kleineren Mannes, sodass das dumpfe Geräusch für einen Moment die Stille in dem düsteren Zimmer ausfüllte.
Vor Überraschung, nicht vor Schmerz, stöhnte der Rothaarige leise auf.
»Chuuya...«, genüsslich ließ Dazai sich den Namen seines Partners auf der Zunge zergehen, »Du bist wirklich ein ungezogener Hund… Mach auf meinem Tisch ›Sitz‹. ›Siiiiiitz‹!«
Mit finsterem Gesichtsausdruck erhob sich der kleinere Mann vorsichtig vom Schoß seines Partners, damit auch er aufstehen konnte. Gleichzeitig schoben sie sich ihre Hosen von den Hüften.
»Und jetzt ›Sitz‹!«, befahl Dazai wieder. Er sah seinen Partner nicht an, sondern widmete sich wieder seinem Hemd, das der Rothaarige nur bis zur Hälfte aufgeknöpft hatte. Dabei ruhte sein strenger, glasiger Blick auf Chuuya, der sich so eben ohne Widerrede auf die Tischplatte des Schreibtisches hievte.
»Guter Hund~«, lobte der Brünette, als er sich seinem Partner näherte, bis er zwischen dessen nackten Beinen stand. Genervt verdrehte Chuuya seine blauen Augen.
»Was bist du nur für ein ekliger Perverser, dass es dich antörnt, mit mir zu reden wie mit einem Hund, während wir es tun…«, murmelte er.
Er blickte über Dazais Schulter, wie der Brünette lustlos und ungeduldig in der obersten Lade seines Schreibtisches herumwühlte, bis er endlich das gefunden hatte, wonach er suchte. Nachdem er die weiße Tube und eine kleine Schachtel neben Chuuya abgestellt hatte, schenkte er seinem Partner ein hochmütiges Lächeln.
»Wir machen das so, wie ich es will. Das hier ist schließlich mein Arbeitszimmer«, erklärte er.
All das hier – der Reiz des Verbotenen, die Küsse, die er immer noch auf seiner Haut spürte, Chuuyas nackter Körper willig vor ihm, Chuuyas erregte Stimme, dieser öffentliche Ort, all das ließ Dazais Herz bis zum Hals schlagen.
»Das nächste Mal machen wir es in deinem Zimmer, dann kannst du bestimmen…«
Als Dazai mit zwei Fingern gleichzeitig vorsichtig in den Körper des kleineren Mannes eindrang, schloss dieser genüsslich die Augen. Er atmete langsam aus, lächelnd, während die Finger immer tiefer in ihm versanken und dann begannen, ihn vorsichtig zu dehnen.
»Du bist gut darin geworden, locker zu lassen«, hörte er Dazai mit entlegener Stimme nachdenklich feststellen.
»Und du bist gut darin geworden, mich richtig anzufassen«, stichelte Chuuya zurück.
»Nicht wahr? Übung macht den Meister«, lächelte sein Partner zurück. Er krümmte seine Finger ein wenig und übte leichten Druck auf das Innere des Rothaarigen aus, immer wieder, bis Chuuya plötzlich herzhaft aufstöhnte. Dazai spürte, wie ihm das Becken seines Partners entgegen zuckte und lächelte triumphierend.
»Nochmal«, bat der Rothaarige, »Mach das nochmal.«
»Vergiss es. Ich bestimme.«
»Mistkerl«, keuchte Chuuya. Wieder einmal hatte er das Gefühl, dass Dazai ihm nur etwas gab, um es ihm dann wieder wegnehmen und vorenthalten zu können.
Denn statt seiner Bitte nachzukommen, führte sein Partner noch einen dritten Finger in den kleineren Körper ein.
Während Dazai seinen Partner mit der rechten Hand weiter dehnte, umschloss Chuuyas nun mit seiner Hand das Glied des Brünetten und bewegte sie auf und ab, um Dazai ebenfalls zu reizen. Tatsächlich beendete Dazai das Vorspiel danach rasch und entzog seinem Partner die Finger.
»Genug«, murmelte er fiebrig. Keuchend wehrte er Chuuyas Hand in seinem Schoß ab, um hastig ein Kondom über seine Männlichkeit zu streifen und danach großzügig Gleitgel aufzutragen.
Chuuya stützte sich auf den Ellbogen auf, um zusehen zu können, wie Dazai Stück für Stück tiefer in ihm versank.
Ein Schauer jagte dem Rothaarigen über den Rücken, als er den Druck des Fremdkörpers in sich spüren konnte. Immer noch war es ein seltsames Gefühl, ein wenig unangenehm, aber nicht schmerzhaft. Sein Partner ließ ihn sich daran gewöhnen und wartete mit sichtlicher Anspannung darauf, dass Chuuya sein Becken auffordernd gegen seines drängte.
»Okay… Kann losgehen«, keuchte er schließlich und streifte die Haarsträhnen, die ihm ins Gesicht gefallen waren, zurück.
Beide Hände grub Dazai in die Hüften des anderen Mannes, ehe er sich vorsichtig ein Stück weit aus ihm zurückzog, um gleich wieder in ihn zu versinken.
Der Rothaarige seufzte wohlig auf und spitzte die Lippen, um zu zeigen, dass er einen Kuss wollte. Dieses Mal erfüllte ihm Dazai seinen Wunsch, in dem er sich weiter vorbeugte und ihre Münder miteinander versiegelte. Ein langer, saugender Kuss entstand, doch er geriet schnell außer Kontrolle, als Dazai sich vorsichtig zu bewegen begann. Scheinbar zufrieden löste Chuuya schließlich den Kuss, um sich auf die Tischplatte zu legen und den Kopf auf die Seite fallen zu lassen. Er starrte an die Wand, während Dazais Blick auf ihm lag. Der Brünette fand für den Anfang einen eher gemütlichen Rhythmus für ihre Bewegungen. Chuuya zog die Beine an und begann sich an der Tischkante festzuhalten, damit sein Körper nicht bei jedem von Dazais Hüftstößen auf der Tischplatte von seinem Partner wegrutschte. Er wollte dafür sorgen, dass Dazai stattdessen sogar noch tiefer in ihn eindringen konnte.
Gelegentlich stöhnte einer der beiden jungen Männer auf, während der Brünette immer weiter die Geschwindigkeit und Kraft seiner Bewegungen steigerte, sobald der Widerstand in Chuuyas Becken so weit nachgab, um es zuzulassen. Es fiel Dazai immer leichter, sich in seinem Partner zu bewegen, lediglich kleine Schweißperlen, die von seiner Stirn tropften, zeugten von der Anstrengung und der Hitze, die er dabei empfand.
Er würde es nicht mehr lange aushalten… Zögernd nahm Dazai seine rechte Hand von Chuuyas Hüfte, um sie um dessen Männlichkeit zu schließen und sie im Takt seiner Bewegungen zu massieren.
Immer wieder stöhnte der Rothaarige auf und jedes Mal ließ es seinen Geliebten selbstgefällig lächeln.
»Du siehst so heiß aus, Chuuya«, bemerkte er keuchend, während er mit glasigem Blick in das Gesicht seines Partners starrte, dessen gerötete Wangen vom Schweiß glänzten. Chuuyas rotes, gewelltes Haar lag gefächert um seinen Kopf auf der dunklen Tischplatte.
»Und du siehst ganz schön fertig aus, Dazai«, keuchte Chuuya schadenfroh grinsend, »Brauchst du eine Pause?«  In Wahrheit erfreute ihn aber, welch fiebriger Gesichtsausdruck auf Dazais Gesicht lag und welch lüsterne Geräusche aus seiner Kehle drangen. Ein wenig beleidigt begann der Brünette wieder in den Körper des kleineren Mannes unter sich zu stoßen. Minutenlang schien seine Hüfte nur noch vor- und zurückzuschnellen, bis die Beine seines Partners zu zucken begannen und sich dann sein ganzer Körper anspannte und aufbäumte. Mit einem langgezogenen Stöhnen ergoss sich Chuuya in Dazais Hand, die sich daraufhin wieder haltsuchend in seine Hüfte krallte.
Der vom Höhepunkt verkrampfte Körper seines Partners drückte Dazais Glied nun so fest, dass der Brünette es kaum noch schaffte, sich zu bewegen, selbst, wenn seine Lust, sein Instinkt, ihn dazu trieben, weiterzumachen. Mühsam schob er seine Männlichkeit zwischen den angespannten Muskeln hin und her, bis er den Kopf in den Nacken warf und ebenfalls Erlösung fand.
Chuuya seufzte schwer, blieb aber ruhig liegen, bis sein Partner sich aus ihm zurückgezogen hatte. Erst dann setzte er sich auf und streifte sich erneut die roten Haarsträhnen aus seinem Gesicht, die durch den Schweiß auf seiner Haut klebten. Er neigte den Kopf in der Hoffnung, von Dazai noch einen letzten Kuss zu erhalten, doch stattdessen drehte dieser ihm den Rücken zu, während er zwei Taschentücher aus der Box in seiner Schreibtischlade zupfte und das Kondom abstreifte. Chuuya streckte seinen Arm nach seinem Hemd aus, zog es an sich und schlüpfte zögernd hinein. Nun, wo seine Haut auskühlte, war ihm plötzlich kalt.
Er hatte wieder das Gefühl, dass Dazai den Akt nicht so genossen hatte wie er selbst und wieder brannten ihm die selben Fragen auf der Seele, die er noch nie laut zu stellen gewagt hatte. Doch langsam war er sicher, dass die Wahrheit, wie auch immer sie aussehen würde, nicht schlimmer an seinem Herzen nagen konnte, als die Ungewissheit. Wenigstens eine einzige Antwort wollte er heute erhalten. Genau! Er würde sich langsam vorantasten, jedes Mal eine neue Antwort…
»Dazai?«, begann er schließlich, als der andere Mann soeben seine Unterwäsche und Hose wieder anzog.
»Hm?«, machte der Brünette nur, um zu signalisieren, dass er halbwegs zuhörte.
»Bin ich eigentlich der Einzige?«, fragte der Rothaarige leise.
Dazai schloss seinen Reißverschluss, dann hob er den Kopf und sah irrigiert über seine Schulter nach hinten zu seinem Partner.
»Was?«, fragte er verwirrt.
»Ich frage mich... ob du noch mit anderen fickst, oder gefickt hast...«
»Wie kommst du darauf?«
»Ich bin nicht blöd, Dazai, auch wenn du gerne so tust.«
»Ach nein?«, fragte Dazai spöttisch lächelnd, »Dann lass mal hören. Zu welchen brillanten Verdächtigungen bist du gekommen?«
»Tu nicht so scheinheilig. Ich merke doch, wie Akutagawa dir hinterherhechelt. Der Junge ist jederzeit bereit, für dich die Beine breit zu machen… und so wie du Oda ansiehst, würdest du dich auch von ihm flachlegen lassen.«
So bitter die Vorstellung für Chuuya war, so oft schlich sie sich in seine Gedanken, wenn ihm das Gefühl kam, dass er es wieder nicht geschafft hatte, Dazai das zu geben, was er gebraucht hätte. Schließlich hatte der Rothaarige sich gewünscht, für seinen geliebten Partner der Erste... und vor allen Dingen der Einzige zu sein.
»Und wenn es so wäre? Was, wenn ich mit Odasaku und Akutagawa ficke?«, fragte Dazai so ruhig, dass dieses schmutzige Wort noch viel weniger zu ihm zu passen schien, als ohnehin schon, »Wärst du dann in deinem männlichen Stolz gekränkt? Oder sogar eifersüchtig?«
»Und wenn es so wäre?«, stellte Chuuya provokant die Gegenfrage, ohne irgendetwas direkt zuzugeben.
Dazai zögerte einen Augenblick, aber kurz, bevor er sich näher zu seinem Partner beugte, kräuselten sich seine Lippen zu einem spöttischen, sadistischen Lächeln.
»Hast du geglaubt, der Sex mit dir wäre etwas Besonderes? Hast du etwa geglaubt, ich tue es aus Liebe zu dir, Chuuya?«, fragte er so leise, dass seine Stimme noch viel kälter wirkte, »Haha. Oh, armer kleiner Mann… Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, aber es geht mir nur um meine Befriedigung, nichts weiter. Besitzansprüche, Liebe, Beziehung – das interessiert mich nicht. Vergiss das gleich wieder, damit wir weiterhin Spaß haben können…«
Chuuya war es gewohnt, von seinem Partner verspottet zu werden, doch dieses Mal war es selbst für Dazais Verhältnisse so grausam, dass es ihm heiße, brennende Tränen in die Augen trieb. Nur, weil er zu stolz war, sich jetzt noch völlig vor seinem Partner die Blöße zu geben, verbarg er seinen Schmerz hinter kochender Wut.
»Du verdammtes Arschloch!«
Noch ehe Dazai sich vollständig zurückgezogen hatte, hatte Chuuya ihm ins Gesicht geschlagen. So fest, dass das Klatschen den ganzen Raum erfüllte und der Brünette zwei Schritte zur Seite taumelte. Einen Augenblick lang starrte er Chuuya nur still an, dann begann heißes, zähflüssiges Blut aus seiner Nase zu laufen. Er versuchte, es mit seiner rechten Hand aufzufangen, bevor es seine breit lächelnden Lippen erreichen konnte, während er immer noch abwartend zu seinem Partner blickte, der seine schmerzende Faust kurz schüttelte und dann locker ließ.
»Aua«, sagte Dazai verspätet, »Du weißt doch, dass ich alles hasse, was wehtut.«
»Raus«, befahl Chuuya mit leiser, doch schneidender Stimme.
»Aber das ist mein Arbeitszimmer…Ich lasse mich doch nicht aus meinem eigenen Arbeitszimmer werfen, schon gar nicht von so einem kleinen Hündchen«, sagte Dazai tonlos, »Und überhaupt… Wieso regst du dich eigentlich so auf?«
»RAUS!«, wiederholte der Rothaarige lautstark. Als er sah, dass sein Partner zum Widerspruch ansetzte, griff er nach dem Locher, der auf dem Schreibtisch stand und warf ihn nach Dazai, der ihn gerade noch rechtzeitig mit dem Arm abwehren konnte. Mit einem geräuschvollen Poltern landete der Locher auf dem Boden und öffnete sich dabei, sodass die ausgestanzten kleinen Papierkreise sich wie weißes Konfetti zu seinen Füßen verstreuten. Sofort ergriff Chuuya die Heftmaschine und zielte mit ihr ebenfalls auf den Brünetten, doch als er sie warf, war Dazai längst ausgewichen und so schlug die Heftmaschine eine Delle in die Wand, bevor sie laut klappernd zu Boden fiel.
»Oho… Da gehe ich doch besser«, meinte Dazai. Grinsend ergriff er im Vorbeigehen sein Hemd und seinen Mantel und ging hastig zur Tür.
»Gute Nacht, Chuuya~«, flötete er, bevor er auf den Flur verschwand und die Tür hinter sich abschloss. Als der Rothaarige endlich alleine war, atmete er durch und sah noch einmal hoch zu dem neuen Wurfgeschoss in seiner Hand – der teuren, metallischen Federschachtel, in der Dazai seine Füller aufbewahrte. Frustriert pfefferte Chuuya sie zu Boden, sodass sie laut schepperte. Das Mafiamitglied hoffte, dass die Füller zu Bruch gegangen waren, bevor er sein Gesicht frustriert hinter seinen Händen verdeckte. Heiße Tränen liefen seine Wangen hinunter und hatten bereits sein Kinn erreicht, bevor er ungeduldig ein paar Taschentücher aus der Box zupfte, um damit seine Wangen abzuwischen.
»Dieser verdammte Dreckskerl«, murmelte Chuuya, während allmählich sein Stolz zurückkehrte und ihn mahnte, weder aufzugeben, noch nachzugeben und erst recht noch nicht einmal zuzugeben, wie sehr ihn Dazais Worte verletzt hatten.
Letztendlich hatte es zwei Gläser Rotwein gebraucht, um den Schmerz halbwegs wegzuspülen…

Warum Dazai nun wieder damit anfing, fragte sich Chuuya grimmig, während er weiter am Straßenrand lang entlang stapfte.
Minuten lang herrschte Schweigen zwischen ihnen und so war das einzige Geräusch, das sie hörten, das Knirschen der Kiesel unter ihren Schritten.
Erst, als sie hinter sich das laute Rauschen eines herannahenden Autos hörten, hob der Rothaarige den Kopf und blickte über seine Schulter nachhinten, wo am Horizont ein silbern glänzendes Auto aufgetaucht war und sich ihnen mit schneller Geschwindigkeit näherte.
»Bestimmt können wir ein Stück mitfahren!«, meinte Chuuya zuversichtlich an seinen Partner gewandt.
»Gottseidank. Ich hab das Gassigehen mit dir echt satt«, murmelte Dazai, während der andere seine Arme ausstreckte und so dem Autofahrer deutete, dass er anhalten sollte.
Tatsächlich wurde der silberne Wagen immer langsamer und hielt schließlich wenige Meter vor den beiden jungen Männern am Straßenrand an. Während Dazai und Chuuya ihre Schritte beschleunigten, wurde die Fahrertür geöffnet, damit eine junge Frau aus dem Wagen aussteigen konnte. Sie hatte ihr langes, dunkles Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden und trug eine Sonnenbrille, die sie soeben in Richtung ihrer Nase hinunter schob, damit sie über ihren Rand hinwegsehen konnte. Ihren schlanken, anmutigen Körper hatte sie in ein knappes, schwarzes Kleid gequetscht und dank der hohen Absätze ihrer Schuhe war sie um einen Kopf größer als der Rothaarige.  
»Hallo und Danke, dass Sie angehalten haben!«, sagte Chuuya freundlich, als sie nur noch ein paar Schritte von einander trennten, »Unser Motorrad ist leider liegengeblieben und wir konnten nicht telefonieren… Könnten Sie uns kurz telefonieren lassen? Oder uns ein Stück Richtung Yokohama mitnehmen?«
Die dunkelroten Lippen der jungen Frau kräuselten sich zu einem breiten Lächeln.
»Oje, das klingt, als hätten Sie heute einen schlechten Tag«, meinte sie ruhig, »Aber selbstverständlich können Sie ein Stück mitfahren und telefonieren ist auch kein Problem. Für die werte Port Mafia mache ich doch alles. Äh… Mein Handy sollte in meiner Tasche sein… Einen Augenblick bitte…«
»Vielen Dank«, erwiderte Chuuya. Er atmete erleichtert auf. Während die junge Frau in ihrer Handtasche zu kramen begann, drehte sich der Rothaarige triumphierend zu seinem Partner um.
»Na, was sagst du jetzt, dass ich uns eine Mitfahrgelegenheit organisiert habe?«, fragte er nicht ohne Stolz, »Du hingegen hast wieder mal nur in die Luft geschaut…«
Dazai schüttelte belustigt den Kopf, doch plötzlich gefror seine Miene zu Eis und sein Blick wurde starr.
»Chuuya, pass auf!«, rief er entsetzt und stürzte nach vorne. Verwundert und verständnislos drehte der Rothaarige seinen Kopf und blickte hinter sich zu der jungen Frau, als diese bereits eine kleine Pistole aus der Tasche gezogen hatte und auf die beiden Mitglieder der Port Mafia zielte. Ehe Chuuya reagieren konnte, knallte der abgefeuerte Schuss laut durch die friedliche Landschaft, während ihn gleichzeitig eine Wucht zu Boden riss.
Alles ging so schnell. Chuuya hörte die Frau noch fluchen, bevor er sich in einer engen Umarmung mit seinem Partner wiederfand und sie den Abhang hinunterrollten, immer schneller und schneller werdend. Dornen von Büschen schlugen in ihr Fleisch und zogen lange Kratzer, scharfe Kanten von Steinen schürften ihre Haut auf, der Staub der trockenen Erde brannte in ihren Augen. Sie fielen ein kleines Stück durch die Luft und landeten schließlich unsanft auf dem Boden. Inmitten einer hellen Staubwolke fand sich Chuuya plötzlich auf Dazai liegend wieder. Er hustete, seine Augen tränten und in seinem Kopf drehte sich alles, doch sein verschwommener Blick war auf das blasse Gesicht des Brünetten gerichtet. Dazai lächelte ihm schwach zu, dann fielen seine Arme, die Chuuya bisher gehalten hatten, einfach kraftlos zu Boden.
»Dazai«, sprach der Rothaarige seinen Partner besorgt an und wurde gleich von einem Hustenanfall gebeutelt, »Alles in Ordnung mit dir?«
Bevor der andere Mann antworten konnte, peitschten weitere Schüsse durch die Luft. Eine der Kugeln schlug direkt neben ihnen in der Wiese ein. Reflexartig beugte sich Chuuya beschützend über den Rumpf seines Partners, während er versuchte, mit seinen Fingernägeln die Pistolenkugel auszugraben, bevor die Staubwolke sich legen und ihre genaue Position preisgeben würde. Als Chuuya die Kugel endlich zwischen seinen Fingern hielt, richtete er seinen Oberkörper auf, sodass er über den sich legenden Staub die Frau ins Visier nehmen konnte. Über den Abhang gebeugt zielte sie mit ihrer Waffe auf die Stelle, an der die beiden Mafiamitglieder lagen. Sie erblickte Chuuya und schoss erneut, doch dieses Mal war er darauf vorbereitet und konnte die Kontrolle über die Schwerkraft der Kugel übernehmen, bevor sie ihn verletzt hatte. Mit seiner übernatürlichen Fähigkeit schoss der Rothaarige beide Kugeln zurück auf die Angreiferin. Er konnte hören und sehen, wie sie daraufhin getroffen zusammenbrach.
Ein letztes Mal hustete der Rothaarige, doch er war erleichtert, als er sich wieder zu seinem Partner umdrehte. Inzwischen hatte sich der Staub wieder vollkommen gelegt. Mit einer dünnen, weißen Schicht bedeckte er Dazais leichenblasses Gesicht und seine dunkle Kleidung, doch Chuuya drehte sich der Magen um, als er erkannte, dass der Brünette schwer atmete. Etwas stimmte nicht, absolut nicht…
»Dazai!«, rief der Rothaarige entsetzt und suchte mit seinen schreckgeweiteten, meerblauen Augen den Körper seines Partners nach Verletzungen ab. Tatsächlich entdeckte er jetzt den dunklen Blutfleck, der sich auf Dazais weißem Hemd am Bauch ausbreitete. Locker lag seine einbandagierte Hand darauf, doch die Verbände leuchteten geradezu rot von dem Blut, das sie aufgesogen hatten.
»Du Idiot! Du hast die Kugel für mich abgefangen«, erkannte Chuuya voller Entsetzen, während er hastig den kraftlosen Arm seines Partners zur Seite schob und das von Blut durchtränkte Hemd aufknöpfte, bis er die Schusswunde freigelegt hatte. In seinen Augen schwappten die Tränen wie Wasser in einem vollen Glas, sodass die tiefe, runde Wunde, aus der das dunkle Blut sickerte, vor seinem Blick verschwamm.
»… Ein Hundebesitzer… muss doch… auf seinen… Liebling… aufpassen«, presste Dazai angestrengt und mit ungewöhnlich tiefer, heiserer Stimme hervor. Tatsächlich brachte er noch ein schwaches Lächeln zustande, doch an seinen zuckenden Mundwinkeln und den zusammengezogenen Augenbrauen konnte Chuuya erkennen, dass sein Partner starke Schmerzen hatte.
»Ist nicht so schlimm, keine Sorge«, bemühte sich der Rothaarige den Verletzten zu beruhigen, »Ich bring dich schnell zu einem Arzt und dann bist du gleich wieder fit…«
Mit zittrigen Händen begann Chuuya den Verband vom Unterarm seines Partners zu wickeln, ihn zusammenzufalten und auf die Wunde zu drücken, um die Blutung zu stillen.
»Autsch«, machte Dazai gequält, »Nicht so fest… Ich hasse doch alles, was wehtut…«
»Besser ein bisschen Schmerz als zu verbluten, oder?«, antwortete der Rothaarige gereizt. Der Schreck darüber, wie rasch sich der Verband vollkommen mit dem Blut getränkt hatte und die Angst, dass es nicht gelingen würde, seinen verletzten Partner rechtzeitig zu einem Arzt zu bringen, ließen seine Nerven blankliegen.
Chuuya wusste, dass er dringend etwas unternehmen musste!
Aber wenn er seinen Partner trug, könnte er wegen dessen Neutralisierungsfähigkeit seine eigene übernatürliche Fähigkeit nicht einsetzen. Und um ohne übernatürliche Fähigkeit den Abhang mit Dazai auf den Armen hochklettern zu können, war der Abhang definitiv zu steil.
»Hör zu, Dazai, ich laufe schnell hoch und hole das Auto dieser Frau«, beschloss der Rothaarige deshalb, »Halte einfach kurz durch.«
»… Kannst du mich nicht lieber gleich töten, bevor ich noch mehr Schmerzen leiden muss?«, fragte Dazai gequält. Chuuya griff die rechte Hand des Brünetten und legte sie an die Stelle, wo immer noch Blut aus der Schusswunde sickerte.
»Nein! Und jetzt hör auf zu jammern! Drück da drauf«, befahl er, bevor er sich von seinem Partner abwandte und sich ein paar Schritte entfernte. Mit seiner übernatürlichen Fähigkeit katapultierte sich der Rothaarige den Hang hoch, sodass er direkt am Straßenrand neben dem Auto landete.
Er sah die junge Frau, die sie angegriffen hatte, am Boden und unregelmäßig atmen, neben ihrer Hand lag immer noch die kleine Pistole. Die Angreiferin versuchte danach zu greifen, als sie Chuuya näher kommen sah, aber bevor sie die Waffe zu fassen bekam, hatte Chuuya die kleine Pistole bereits fort getreten, sodass sie außer Reichweite schlitterte.
»Warum?«, fragte er tonlos.
Die sterbende Frau rang sich ein Lächeln von den Lippen.
»… Die Port Mafia… hat meine Eltern auf dem Gewissen…«, presste sie zittrig hervor und holte danach brüchig Luft. Chuuya sah, dass beide Kugeln ihre Brust durchdrungen haben mussten und dass für die junge Frau somit jede Hilfe zu spät kommen würde.
»Ach so«, sagte er möglichst tonlos, »Tut mir leid für dich. Ich nehme jetzt dein Auto. Leb wohl…«
Die Frau hustete.
»Warte! Kannst du mich nicht… erlösen?«, fragte sie mit verbrauchter Stimme.
»Nein… Ich tu dir doch keinen Gefallen, nachdem du meinen Partner verletzt hast. Leide ruhig noch ein paar Minuten… und dann stirb«, antwortete der Rothaarige trocken und wandte sich erneut ab. Er hörte, dass die junge Frau daraufhin freudlos zu lachen begann, aber es klang eher nach einem erstickten Gackern. Mit schnellen Schritten lief Chuuya zu dem silbernen Auto, dessen Fahrertür immer noch offen stand und schwang sich hinter das Lenkrad. Er schlug die Tür zu und drehte den Schlüssel, der noch im Schloss steckte, bis der Motor zündete.
Erleichtert legte der Rothaarige den ersten Gang ein und gab Gas, während er das Auto den Abhang hinunterlenkte. Mit Hilfe seiner übernatürlichen Fähigkeit fuhr der Wagen zielsicher und ohne Schwierigkeiten den steilen Abhang hinunter zu Dazai. Chuuya hielt an, nahm den eingelegten Gang heraus, zog die Handbremse an und öffnete die Beifahrertür, bevor er ausstieg und zu seinem Partner lief.
»Dazai, geht es dir gut?«, fragte er, um zu überprüfen, ob der Brünette noch bei Bewusstsein war.
»… War schon mal besser… um ehrlich zu sein«, lächelte Dazai schwach.
Chuuya erwiderte das Lächeln kurz.
»Kannst du deine Arme und Beine bewegen?«, fragte er dann wieder etwas ernster. Es war sehr schwer einzuschätzen, wie schwerwiegend Dazais tiefe Schusswunde wirklich war, doch er wollte wenigstens wissen, ob er seinen verletzten Partner transportieren konnte. Angespannt beobachtete Chuuya, wie Dazai eine Gliedmaße nach der anderen bewegte und war ein wenig erleichtert, da der Angeschossene offenbar nicht an der Wirbelsäule verletzt war.
»Ich trag dich jetzt ins Auto«, kündigte Chuuya an, bevor er seine Arme unter den Rücken des Brünetten schob.
»Das schaffst du doch gar nicht…«, meinte Dazai geringschätzig, »Du bist zwar klein, aber lange nicht so stark wie eine Ameise.«
»Schnauze!«
»Ich versuche, selbst zu gehen.«
Da Chuuya seine übernatürliche Fähigkeit nicht einsetzen konnte, um Dazai hochzuheben, musste er ihn aus eigener Kraft hochstemmen und stützen, während sich der Brünette schmerzgeplagt zum Wagen schleppte. Dazais Schultern waren hochgezogen, sein Rücken vollkommen erstarrt und steif und sein Rumpf zitterte immer wieder leicht. Die paar Schritte, bis sie das Auto erreichten, fühlten sich für den angespannten Rothaarigen wie eine kleine Ewigkeit an, aber die größte Schwierigkeit, nämlich Dazai auf den Beifahrersitz zu schaffen, lag noch vor ihnen. Letztendlich wusste Chuuya nicht mehr, wie es gelang, aber er war erleichtert, als sein Partner endlich am Beifahrersitz saß und angeschnallt war, die rechte Hand hielt er immer noch auf die blutgetränkten Verbände gedrückt. Eilig setzte sich der Rothaarige wieder auf den Fahrersitz, legte den ersten Gang ein und fuhr über den schmalen Feldweg, der sich nahe dem Abhang befand. Dazai stöhnte immer wieder schmerzgeplagt, weil das Auto über den unebenen, steinigen Weg rüttelte, während immer wieder kleine Steinchen lautstark gegen das Metall der Karosserie prallten und das Auto in eine dichte, weiße Staubwolke gehüllt wurde.
»Du darfst nicht einschlafen«, sagte Chuuya angespannt, »Erzähl mir irgendwas… Oder von mir aus verspotte mich auch. Aber sag etwas.«
»… Ich mag Rosen am liebsten, aber sie blühen in allen vier Jahreszeiten. Ich frage mich, ob Menschen, die Rosen am liebsten haben, vier Mal hintereinander sterben müssen.*«
»Häh?«, machte der Rothaarige gereizt, »So ein Unsinn. Als hätte das eine etwas mit dem anderen zu tun. Und überhaupt, darüber brauchst du dir keine Gedanken machen. Das findest du erst irgendwann heraus, aber nicht in nächster Zeit! Du machst mich echt fertig, Dazai, kannst du denn nicht einmal an etwas Positives, Schöneres denken?«
Dazai lächelte erschöpft.
»Kann ich nicht… Wenn dir nicht passt, was ich sage, dann sag du doch etwas«, erwiderte er schwach.
Der Rothaarige durchforstete seinen Kopf nach etwas Beruhigendem, Tröstendem, während er auf die Straße sah und endlich auf eine asphaltierte Straße abbiegen konnte. Nachdem die beiden hochrangigen Mafiamitglieder die Staubwolke hinter sich zurückgelassen hatten, stieg er aufs Gaspedal, sodass er und sein Partner in die weichen, ledernen Autositze gepresst wurden.
Endlich fiel ihm ein Gedicht ein, dass er wohl einmal in der Schule auswendig gelernt haben musste. Sich darauf zu konzentrieren, war eine willkommene Ablenkung von seinen rasenden Sorgen um Dazai.
»Gegen einen makellosen Herbsthimmel
erhebt sich eine purpurne Libelle in die Luft
während ich auf einer Wiese stand
nichts im schwindenden Abendlicht
Und weit weg ist ein Fabrikschornstein durch seine Rauchschwaden
verschwommen in diesem Abendlicht
Ein hoher schwerer Seufzer kommt dann auf
Kauere mich nieder und greife nach einem Stein
Während sich die Kühle in meine Handfläche presst,
beginnt sich aber der Stein zu erwärmen
badend in dem schwindenden Licht…**«
Der Rothaarige ließ seinen Blick kurz von der Straße abschweifen, um zu seinem Partner zu blicken, der soeben schwach lächelte.
»Schön«, lobte er mit erstickter Stimme.
»… Das Ende habe ich leider vergessen«, gab der Rothaarige widerwillig zu.
Dazai erwiderte nichts darauf, doch aus seinem Augenwinkel beobachtete er, wie hochkonzentriert sein Partner auf die Straße starrte, die er entlang raste. Auch, wenn Chuuya versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen, Dazai konnte sehen, wie ihn Sorge und Verzweiflung plagten. Irgendwie rührte es ihn. Chuuya kämpfte gerade mit allen Kräften um ihn, um sein Leben, um seine Gesundheit.
»Keine Sorge, in ein paar Minuten sind wir zuhause…«, sagte der Rothaarige beruhigend, nicht nur allein an den Verletzten, sondern auch an sich selbst gerichtet, »… dann kümmert sich jemand um deine Wunde.«
Dazai holte tief Luft.
»Chuuya… Ich liebe dich.«
Für einen Augenblick war es ganz still in dem Auto, das soeben in eine Kurve raste, leicht von der Straße abkam und dann auf der Geraden wieder beschleunigte. Dieses Mal war es der Rothaarige, der brüchig ausatmete.
»… Was redest du«, murmelte er unsicher, »Du musst dir wohl auch den Kopf gestoßen haben, wenn du Unsinn –…«
»Ich liebe dich wirklich«, bekräftigte Dazai, ohne seinen Partner anzusehen. Seine Stimme klang so tonlos, dass der Rothaarige wieder nicht sicher sein konnte, ob Dazai gerade ehrlich war, oder ihn wieder nur auf den Arm nehmen wollte.
»Noch am Freitag hast du gesagt, dass du kein Interesse an Liebe und Beziehungen hättest. Du hast gesagt, dass es dir nur um deinen Spaß ginge«, erinnerte Chuuya bitter, »Mir egal, ob du da gelogen hast, oder jetzt lügst, aber hör endlich auf, dich über mich lustig zu machen! Sogar jetzt kannst du es nicht lassen! Du bist so ein Mistkerl, du bist so ein Idiot, du…«
Chuuya brach mitten im Satz ab, als ihm die momentane Situation und die schwere Verletzung seines Partners wieder bewusst wurden. Seine Wangen glühten vor Zorn, während in seinen Augen heiße Tränen brannten, doch er zwang sich, wieder auf die Straße zu blicken und sich von nichts ablenken zu lassen. Dort, vor ihnen am Horizont, begannen bereits die hohen Gebäude Yokohamas aufzuragen. Sie waren gleich zuhause!
Dazai lachte schwach auf.
»Ich… Ich… habe das gesagt, weil ich mich auf keine Beziehung einlassen wollte, aber… dass ich dich liebe… ist die Wahrheit.«
»Heb dir das für später auf«, brummte der Rothaarige.
Dazai spürte, wie ihm allmählich das Bewusstsein zu schwinden begann und es erschien ihm auch verlockend, diesen brennenden Schmerz in seinen Eingeweiden gegen einen langen, tiefen Schlaf zu tauschen…
»Ich habe Angst, weil ich so deutlich vorhersehe, wie mein Leben verrottet, wie ein Blatt, das verrottet ohne vom Baum zu fallen.*«
»Nichts verrottet heute, kapiert?«, schärfte Chuuya seinem Partner ein, während er ihm einen kurzen, aber festen Blick zuwarf und das Gaspedal des Wagens durchtrat.

Weiß.
Alles war weiß und so… rein… die Welt vor Dazais Lidern, die sich wie schwere Bühnenvorhänge langsam hoben.
»Na? Gut geschlafen?«
Taub… wie durch Watte und langsam… Ein Gesicht… ein blasses leeres Gesicht, weiße Haut und strähniges, schwarzes Haar…
»Herr Mori? … Bin ich tot?«
Die Worte fielen träge und undeutlich aus Dazais Mund und seine Lippen waren noch ohne Gefühl.
»Nein, bist du nicht. In ein paar Wochen bist du wieder ganz der Alte.«
Wenn er gekonnt hätte, würde der Brünette nun niedergeschlagen lächeln.
»Schade«, murmelte er.
»Tja, sieht wieder mal so aus, als würde dich der Tod einfach nicht wollen, Dazai«, meinte das Oberhaupt der Port Mafia ruhig.
»Nicht mal der Tod meint es also gut mit mir«, seufzte der Brünette schwer, »Jetzt werde ich nur wieder Schmerzen haben. Wo ich es doch so hasse, wenn es wehtut…«
»Nana, kein Grund weinerlich zu werden, Dazai. Ich habe dich an einen Tropf gehängt. Du hast also die nächsten Stunden keine Schmerzen…«
»…Danke.«, krächzte Dazai, während er aus dem Augenwinkel beobachtete, wie Mori an einem dünnen Schlauch, der zu einem Infusionsbeutel führte, hantierte. Dann wandte sich der Schwarzhaarige wieder seinem Untergebenen zu.
»Dein Hals wird eine Weile trocken sein. Das kommt von der künstlichen Beatmung während der Narkose… Willst du was trinken?«
»… Nein…«
»Na schön… Jetzt, wo du wach bist, kann ich ja gehen. Die Neujahrsfeier ruft. Ich lasse euch zwei Hübschen dann mal alleine.«
Mori lächelte vielsagend, bevor er sich umdrehte und in Richtung der Tür ging.
Plötzlich war Dazai hellwach. Sogar sein Herz… konnte er schlagen spüren, Hitze verzehrte ihn. Hastig richtete er seinen Oberkörper auf und spürte daraufhin sofort den stechenden Schmerz in seinem Bauch, dort, wo er angeschossen worden war. Der Schmerz war so heftig, dass ihm für einen Augenblick der Atem wegblieb und es einige qualvolle Sekunden dauerte, bis er endlich wieder nachließ.
Als er sich wieder gefasst hatte, entdeckte Dazai am Fuße seines Bettes den roten Haarschopf seines Partners. Chuuya hatte sich wohl mit einem Stuhl an sein Bett gesetzt und musste irgendwann eingeschlafen sein. Dem Brünetten wurde plötzlich ganz warm ums Herz und seine Aufregung legte sich, denn sie wich einer angenehmen, friedlichen Ruhe. Dazai wusste nicht, woher es kam, aber auf einmal hatte er das Gefühl, dass nichts mehr unerträglich wäre, wenn Chuuya einfach nur bei ihm sein würde.
Er zögerte einen Moment, doch dann siegte wieder seine Frechheit. Sanft begann er mit seinem Fuß immer wieder leicht gegen die Unterarme des Rothaarigen, auf denen sein Kopf ruhte, zu stoßen, bis Chuuya davon geweckt wurde. Noch im Halbschlaf richtete Chuuya sich auf und sah sich kurz verwundert um, bis ihm wieder einzufallen schien, wo er war und was passiert war, bevor er eingeschlafen war.
Sein besorgter Blick huschte zu Dazai, der in seinen Kissen halb lag und halb saß und Chuuya erwartungsvoll ansah.
»Dazai«, seufzte Chuuya tief erleichtert auf, »So ein Glück… Der Boss sagte, es war knapp, aber es wurden keine großen Adern verletzt. Wahrscheinlich wirst du wieder gesund…«
Der Brünette nickte.
»Ja… Das habe ich schon gehört. Aber was machst du hier?«, fragte er, als ob er es nicht bereits wüsste, »Warum gehst du nicht auch zur Neujahrsfeier?«
»… Ein Hund… gehört doch zu seinem Herrn«, erwiderte Chuuya schließlich und rang sich ein halbherziges Lächeln von seinen Lippen, während sein Partner breit grinste.
Mit viel Kraft konzentrierte sich Dazai darauf, den anderen jungen Mann durch seine getrübte Wahrnehmung zu sehen, denn immer noch flossen Farben ineinander und verschwammen die Konturen. Aber er glaubte zu sehen, dass Chuuya lächelte.
»Hast du Durst?«, fragte der Rothaarige schließlich.
»Ja…«
Dazai zog seine spröden, aufeinander klebenden Lippen ein wenig weiter auseinander, als er es bisher zum Sprechen gebraucht hatte. Es fühlte sich an, als ob sie davon aufrissen – und tatsächlich schmeckte er auch schon Blut.
Chuuya stand auf und näherte sich seinem Partner langsam, in seiner Hand hatte er eine kleine Flasche Wasser mit einem Strohhalm, die er nun näher zu Dazais Gesicht führte.
Der Brünette schloss die Augen, als er die Finger spürte, die ihm den Strohhalm zwischen die Lippen und in den Mund schoben. Vorsichtig begann er zu saugen, bis das kühle Wasser langsam in seinem Mund floss und seine staubtrockene Kehle wiederbelebte.
Hinter Dazais geschlossenen Lidern war es dunkel… verbannt waren die kahlen Wände, die sein Bett umzingelten... Nur Chuuyas blasses Gesicht mit den strahlendblauen Augen konnte er immer noch vor sich sehen und er hoffte, dass es noch ganz lange dort blieb… für immer… in seinem Kopf, der sich so vollgestopft anfühlte und doch im Moment gähnend leer war.
Als Dazai schließlich genug getrunken hatte und den Kopf zur Seite drehte, stellte Chuuya die Flasche auf dem Beistelltisch ab.
»Stört es dich, wenn ich mich ein bisschen zu dir lege?«, fragte der Rothaarige und fügte gleich danach eine Erklärung hinzu, »Der Stuhl ist so unbequem…«
»Nein, mach nur.«
Das breite Krankenhausbett war groß genug für sie beide. Und es herrschte immer noch Platz zwischen ihnen, als Chuuya schließlich seitlich neben Dazai lag. Der Rothaarige berührte die Hand seines Partners nur ganz leicht, doch sein Lächeln war umso seliger. Er hätte ewig hier neben Dazai liegen bleiben und seine Finger streicheln können.
»Ich werde dich schon wieder gesundpflegen, Dazai«, versprach er leise, »Aber wehe, du nutzt mich wieder schamlos aus…«
»So etwas würde ich nie tun«, antwortete der Brünette scheinheilig.
»Das tust du andauernd«, erinnerte Chuuya düster.
Obwohl der Himmel hinter dem Fenster langsam immer dunkler und dunkler wurde, schien für die beiden die Zeit still zu stehen, zumindest, bis es plötzlich an der Tür klopfte.
»Ja?«, fragte Dazai laut, sodass die Tür knarrend zur Seite schwang. Chuuya war überrascht, als er erkannte, dass ausgerechnet Akutagawa derjenige war, der soeben aus dem Schatten des Flurs und näher an das Krankenbett trat. Im schwachen Licht, das die Nachttischlampe ausstrahlte, wirkte Akutagawa noch blasser und schmaler, als er ohnehin schon war.
»Dazai-sama… Entschuldigen Sie bitte die Störung. Ich wollte nur nach Ihnen sehen und fragen, ob ich etwas für Sie tun kann.«
Seine Haltung war leicht gebeugt und sein Blick voller Sorge, doch als er plötzlich Chuuya im Krankenbett seines Mentors erblickte, richtete sich sein Körper kerzengerade auf und weiteten sich seine Augen vor Überraschung.
»Verzeihung, ich habe nicht gewusst, dass Sie bereits Besuch haben…«, sagte er hastig und machte eine rasche Verbeugung, dann erst wandte er sich direkt an den Rothaarigen, »Guten Abend, Nakahara-sama…«
»Hallo, Akutagawa-kun…«, erwiderte Chuuya angespannt, wieder kam diese seltsame Eifersucht in ihm auf. Er war sicher, dass es Dazai gefiel, wie demütig, hörig und aufopferungsvoll Akutagawa sich ihm gegenüber zeigte, während Chuuya selbst nicht zu solcher Demut fähig war…
»Lieb von dir, dass du extra hergekommen bist, Akutagawa«, sagte Dazai mit einer Strenge in der Stimme, die sein Partner in dieser Situation nicht verstehen konnte, »Aber du kannst ruhig wieder gehen. Amüsiere dich getrost nach Herzenslust auf der Neujahrsparty… Chuuya kümmert sich bereits rührend um mich, wie du sehen kannst.«
»Jawohl, Dazai-sama«, sagte der Schwarzhaarige gehorsam, obwohl Chuuya das Gefühl hatte, dass sich Akutagawas Laune schlagartig verschlechtert hatte. Fast war es, als könnte der Rothaarige sehen, wie die unheilvollen Gewitterwolken vor Akutagawas Blick aufzogen.
»Dazai-sama, dann sind Sie und Nakahara-sama -…«
»Ja, wir sind Partner… Partner in jeder Hinsicht. Wir stehen uns sehr nah, das ist doch mehr als offensichtlich«, lächelte der Verletzte anzüglich.
»Freut mich für Sie«, presste Akutagawa gereizt hervor, »Dann lege ich Ihnen nur noch Ihr Handy hin und verabschiede ich mich. Rufen Sie mich jederzeit an, wenn Sie etwas brauchen…«
Dazai sah zu, wie der Schwarzhaarige das Handy aus der Tasche seines Mantels zog und es schließlich auf den Beistelltisch legte.
»Danke. Wir sehen uns demnächst«, sagte Dazai tonlos.
»Wiedersehen, Akutagawa-kun«, sagte Chuuya und fragte sich selbst, warum sein Ton nur so abweisend war, wenn er nicht mehr eifersüchtig war? Es gab doch gar keinen Grund mehr auf Akutagawa eifersüchtig zu sein – oder war er einfach nur schon so an diese Eifersucht gewöhnt?
»Alles Gute für das neue Jahr«, sagte Akutagawa ruhig. Erneut verbeugte er sich hastig vor dem Bett, bevor er sich von seinem Mentor und dessen Partner abwandte, um wieder das Krankenzimmer verlassen zu können. Mit Akutagawa verschwand auch die Anspannung in Chuuyas Muskeln.
Seufzend, als ob dieses kurze Gespräch mit seinem Lehrling ihn sehr viel Kraft gekostet hätte, ließ sich Dazai zurück in die Kissen sinken.
»Partner in jeder Hinsicht?«, fragte der Rothaarige skeptisch nach.
»Da kommst du ja früh drauf«, meinte Dazai spöttisch.
»Du kannst doch nicht einfach alleine beschließen, dass wir in jeder Hinsicht Partner sind und das dann noch rausposaunen! Was fällt dir ein?«, protestierte Chuuya.
»Siehst du? Deswegen wollte ich dir eigentlich nicht sagen, dass ich dich liebe. Deswegen wollte ich keine Beziehung mit dir, das macht alles nur noch komplizierter, mühsamer und nerviger…«
»Hey, wer ist hier nervig und mühsam?«, wollte Chuuya beleidigt wissen.
Dazai wollte gerade antworten, als das Jaulen und Knallen eines Feuerwerkskörpers ihm zuvor kam. Für einen Augenblick wurde das kahle Krankenzimmer in einem hellblauen Licht erleuchtet, bevor es allmählich wieder dunkler wurde.
»Das Feuerwerk zur Neujahrsfeier…«, murmelte der Rothaarige und sah zum Fenster. Immer öfter ertönte nun das Knallen der Raketen, die mit ihren glühenden Schweifen in Richtung des Mondes zischten und dann in allen Farben barsten. Für einen Moment ließen sie bunte Blüten auf dem schwarzen Nachthimmel erblühen, bevor die verglühenden Funken wie leuchtend bunte Scherben vom Himmel hinunter rieselten.
»Prosit Neujahr, Dazai.«
»Dir auch alles Gute für das neue Jahr. Nur schade, dass wir keinen Sekt zum Anstoßen haben, sondern nur lauwarmes Wasser aus der Plastikflasche«, seufzte Dazai genervt, »So fängt das neue Jahr gleich gut an…«
Chuuya grinste kopfschüttelnd.
»Hey, gib mir mal mein Handy. Ich rufe Akutagawa an, damit er uns mit Häppchen und Alkohol von der Neujahrsparty versorgt.«
»Ich glaub nicht, dass deinem Arzt das recht wäre…«, warf der Rothaarige schmunzelnd ein, dann wurde er wieder ernster, »Dazai… Du hattest nie etwas mit Akutagawa, oder?«
»Natürlich nicht. Er ist dafür noch zu jung… Außerdem hätte es mir nichts gebracht. Schließlich ist Sex ohne Liebe nicht besser als Selbstbefriedigung, oder?«, fragte er.
»Du Idiot…«, antwortete Chuuya verlegen, »Warum hast du mir das nicht gleich letzten Freitag gesagt?«
»… Ich dachte, du würdest mich dann vielleicht auslachen«, erwiderte Dazai schulterzuckend, »Und wenn es etwas gibt, das ich noch mehr hasse als alles, was wehtut, dann ist es ausgelacht zu werden…«
»…. Gut, das verstehe ich ja… ein bisschen…«, murmelte der Rothaarige.
»Du weißt, ich bin ein wenig wehleidig, Chuuya, darum wollte ich dir meine Liebe erst gestehen, wenn ich mir deiner sicher war… Ich wollte dich erst ›besiegen‹ und ›erziehen‹, damit du mir später nicht das Herz brichst, wenn du verstehst.«
»Idiot«, schimpfte der Rothaarige, ehe er seinen Partner sanft in die Seite boxte und sich dann über ihn beugte, um ihn zu küssen. Dieses Mal war es aber kein schlampiger, hungriger Kuss, sondern ein hingebungsvoller, in den Chuuya all die Gefühle, die er für seinen Partner hegte, legte. Zögernd erwiderte Dazai ihn, indem er seine Lippen zart gegen die des Rothaarigen schmiegte und dessen Atem kostete.
Als Chuuya den Kuss schließlich löste, beugte er sich nicht zurück, sondern flüsterte lächelnd sanfte Worte gegen Dazais Mundwinkel: »Ich liebe dich auch, du Idiot…«


* aus „The setting sun“ von Osamu Dazai
** aus „Dedicated to a dragonfly“ von Chuuya Nakahara
 
 
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