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Winterzeit

von LunaJo
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 Slash
Arthur Weasley Ginevra Molly "Ginny" Weasley Harry Potter Molly Weasley OC (Own Character) Severus Snape
29.12.2020
18.01.2021
9
19.172
6
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13.01.2021 1.791
 
„Ähm, Severus … ? Wir müssten uns jetzt langsam auf den Weg machen, oder …?“
Harry gähnte und schielte noch einmal zu der großen Wanduhr in der anderen Wohnzimmerecke. Dann wickelte er sich langsam und unentschlossen aus dem Arm mit dem schwarzen Pullover, der ihn bis eben fest im Griff gehabt hatte. Bis eben hatten sie beide höchst behaglich vor dem Kamin gesessen und ihre Füße am Feuer gewärmt, die beim stundenlangen Laufen durch den Winterwald doch ziemlich kalt geworden waren.
Nun ja, ehrlich gesagt, waren es eher die Pausen gewesen, die ihre Zehen so kurz vor den Gefrierpunkt gebracht hatten und Harry würde wohl noch über Wochen keinen dieser schmalen Pfade entlangschlendern können, ohne vor jedem vierten Baum rote Ohren zu kriegen.
Aber das hatte ja wohl auch so sein sollen und seine Verliebtheit hatte jetzt ungefähr die Höhe des Mount Everest erreicht.
Er konnte praktisch nicht mehr atmen ohne diese großen warmen Hände da auf sich und nun sollte er auf einmal für mindestens anderthalb Stunden wohlerzogen und mit dem gebotenen Abstand neben ihm sitzen? Wie sollte das gehen?
Dementsprechend unlustig kam nochmal seine Frage. Severus schaute ihn an, sah, wie es ihm ging, blinzelte ein bisschen und erwiderte dann energisch und sehr liebevoll: „Ich habe doch gesagt, Sie sollen die Dinge einfach auf sich zukommen lassen, Potter. Also. Vorwärts jetzt. Auf geht es ...“ Dann stand er auf, wickelte seinen verwirrten Liebsten in seine helle Jacke und zog ihn hinter sich her bis zum Grundstück der alten Dame Filch.

Dort wurden sie sehr erfreut und sehr zuvorkommend empfangen. Schon kurz nach der Ankunft steckten sie beide in hellen, warmen Hauspantoffeln und hatten jeder eine warme Weste erhalten, weil es in der guten, sonst kaum benutzten Stube doch ein wenig frisch war.
Harry, der stets empfindlich auf Kälte reagierte, hatte die Schultern hochgezogen und Severus konnte nun nicht anders, als seinen schwarzen Pulloverarm wieder um diese frierenden Schultern herumzulegen, immer mit Blick auf die Hausherrin, ob sich dies alles noch im Rahmen des Erlaubten bewegte.
Diese lächelte jedoch freundlich, brachte Kaffee und Kekse und schob dann mit bedeutsamen Blicken den kleinen Fernseher herein, der auf einem fahrbaren Schrank montiert war und seiner Besitzerin so in allen ihrer vielen Räumlichkeiten zur Verfügung stand.
„Wow“ sagte Harry leise und anerkennend. „Wie funktioniert der denn so, wenn ich fragen darf?“
Die alte Dame musterte ihn ein wenig verwundert.
„Blue tooth und W-Lan, junger Mann“ meinte sie dann lässig. „Falls du schon einmal etwas davon gehört hast.“
Okay murmelte Harry und beschloss eilig für sich, diese Schlappe sehr gelassen hinzunehmen.

Weiterhin hatte er beschlossen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, schnappte sich einen Keks, lehnte sich zurück und schaute, sogar mit einer gewissen Neugier nun, in Richtung des kleinen Bildschirms.
„Sie werden mögen, was ich da habe“ ertönte in diesem Moment die freundliche Stimme ihrer Gastgeberin. „Es ist ein netter kleiner Film und ich meine doch ...“
Sie musterte sie beide.
„Was bitte?“ murmelte Severus, dem diese Worte und vor allem diese Blicke gerade gar nicht gefallen hatten.
Die alte Dame lächelte.
„Nun, Sie werden schon selbst sehen“ meinte sie geheimnisvoll. Dann drückte sie auf die Fernbedienung.
Ein paar bunte Bilder erschienen, eine Hollywood-Werbung und dann eine Werbung für Walt Disney.
„Oh, den kenne ich“ meinte Harry kurz darauf erfreut, schlürfte Kaffee und entspannte sich etwas. Diesen Film, da war er sich ganz sicher, hatte er mit seiner ganzen Kinderschar schon einmal an einem gemütlichen Kinonachmittag zuhause gesehen.

Ein Zeichentrickfilm, na dankeschön dachte Severus stirnrunzelnd. Aber was sollte man erwarten vom Geschmack einer Achtzigjährigen. Die Alten werden wieder wie Kinder und …
Dann erstarrte er förmlich, hatte er doch eben den Titel des Filmes zu Gesicht bekommen.
Die Schöne und das Biest las er noch einmal, was jetzt auch in französisch und arabisch über den Bildschirm flackerte. Unwillkürlich dachte er jetzt wieder an das Gehabe der Alten von vorhin und sein Unbehagen wuchs in dem Maße, wie sein Freund neben ihm sich zu amüsieren schien.
Harry grinste und schlürfte und irgendwann stieß er ihn in die Seite und flüsterte:
„Hey Sev, diese Schmonzette könnte reineweg über uns sein, oder?“
Was du nicht sagst dachte Severus dazu, aber ihm war in diesem Moment überhaupt nicht nach Lachen zumute. Er wurde immer stiller, je länger er den Fortgang der Geschichte verfolgte und spätestens, als er die kleine Blume unter der Glasglocke zu Gesicht bekam, die eins nach dem anderen ihre wunderschönen Blütenblätter verlor, war es ihm so eng im Hals geworden, dass er immer nur schluckte. Und den grausamen Mob aus dem Städtchen, den … den wollte er gar nicht erst sehen. Und auch nicht das, was kurz vor dem Ende passierte.*

Und so kam es, dass er später, nachdem sie sich von Mrs. Filch verabschiedet hatten, mit hochgezogenen Schultern neben Harry herlief, flüchtig den kalten Wind auf der Wange fühlte und immer noch kein einziges Wort herausbrachte. Ihre Schritte knirschten im Schnee, so laut, dass ihnen davon die Ohren klangen und als sie schon wieder an der stachligen Brombeerhecke angekommen waren, blieb Harry stehen und sah ihn forschend an.

„Was ist mit dir?“ fragte er leise. Er vermisste den warmen Arm um seiner Schulter und er konnte sich überhaupt nicht erklären, was mit seinem gerade noch so schnoddrig-charmanten Freund da drinnen gerade passiert war.
Severus sah zu Boden und zog die Schultern noch ein bisschen höher. Dann lief er einfach weiter.
Severus ?!“
Harry war wieder stehengeblieben, aber diesmal vor ihm und hatte ihm die Hände auf die Schultern gelegt. Es ging nicht vor und nicht zurück und es blieb ihm irgendwann nichts mehr weiter übrig, als seinen Blick zu heben, in die grünen Augen zu schauen, in denen das Mondlicht schimmerte und zu flüstern:
„Bin ich denn wirklich so schrecklich ?“
Wie bitte ?“
Harry war so perplex, dass er nicht wusste, was er weiter sagen sollte. Es dauerte ein paar Momente, bis er verstanden hatte, dass sein Gegenüber wohl immer noch in den Bildern des Films herumirrte, die in seinem Kopf schon längst wieder ziemlich weit nach hinten gerutscht waren. Und noch ein paar Augenblicke später wurde ihm klar, so klar, dass ihm fast schon wieder schwindlig wurde, dass sich hinter den schwarzen Augen, den oft schnoddrigen und bösen Worten und der ganzen kühlen Fassade, die ihm fast ein Jahrzehnt Alpträume beschert hatte, wohl ein Mensch versteckte, der so empfindsam war, dass er sich von einer schnöden Filmgeschichte bis ins Mark erschüttern ließ.
Kurz: ein Mensch, der Harry Potter ziemlich ähnlich war.
Und diese Erkenntnis ließ ihn beinahe aus den Schuhen kippen. Und weil er immer noch nicht wusste, was er machen sollte, trat er noch ein Schrittchen näher, so nah, dass er den kratzigen Tweedstoff von Sevs Mantel fühlte, klammerte sich an seine Schultern und murmelte:
„Es tut mir so leid, mein Prinz, dass ich nun kein Ballkleid habe ...“
Dann kicherte er ein bisschen ratlos.
Und das Unglaubliche geschah – die Mundwinkel von Severus Snape kräuselten sich jetzt ein wenig, er legte den Kopf schräg und meinte dann lächelnd:
„Nun … wenn du dich da mal nicht irrst, meine Schöne.“
Dann zog er ihn, so wie vorhin, am Arm und schneller als Harry denken konnte, standen sie schon wieder zuhause im Flur, dann im Schlafzimmer und Severus öffnete eine Schranktür und zog ein schmales Paket heraus.

Harry stutzte, dann nahm er das Paket, schüttelte es ein wenig und begann es aufzuschnüren. Und was er darin fand, ließ ihn nur noch voller Staunen die Augen aufreißen.
Es war ein wundervolles Kostüm, ein Anzug besser, aus dunkelblauem Seidenstoff, auf dem unzählige kleine goldene Sterne funkelten, kurz, er würde darin aussehen, als wäre der zauberhafte Nachthimmel, der draußen über Dorf und Cottage lag, hinab auf die Erde gestiegen.
WOW“ konnte er nur flüstern, bedankte sich lispelnd und verschwand dann im Bad, um sich umzuziehen. Und als er dann wiederkam, genauso funkelnd und strahlend, wie er das vermutet hatte, sah er auch das Strahlen, das in den Augen seines Freundes lag.
„Was bist du schön, Harry“ hörte er ihn leise sagen und genauso fühlte er sich auch, schön und begehrt und dort stand der, der genau zu ihm passte, so wie die Nacht zum dunklen Sternenhimmel, und er schämte sich nicht, dass das auf dem dünnen, schmeichelnden, enganliegenden Stoff seiner Hose jetzt auch ganz genau zu sehen war.
Er ging zu ihm und schmiegte sich in seine Arme, die ihn festhielten und wiegten und er fühlte seine Nähe und, ganz deutlich, dass er ihn genauso wollte und begehrte und als sie sich dann küssten, hörte er die zarten Geigenklänge, die von der Decke herabschwebten und sah jede Menge Mistelzweige über ihren Köpfen. Sie machten ein paar Tanzschritte, hierhin und dorthin und seufzten auch ein bisschen und wären sicherlich auch irgendwann ins Bett getanzt, wenn Harry nicht auf die Idee gekommen wäre, den Mund aufzumachen und zu fragen:
„Wie komm ich denn dazu, Sev ?“

Die Geigenklänge verstummten, Severus blieb stehen und kratzte sich die Nase. Dann schaute er etwas unsicher auf den funkelnden Sternenmann da in seinen Armen. Hatte er ihm nicht schon alles gesagt gerade? Was wollte er noch? Große Worte waren noch nie sein Fall gewesen. Und außerdem: Wollte er ihn wirklich in sein Herz schauen lassen?
Doch die grünen Augen schimmerten erwartungsvoll und die Lippen vor ihm waren feucht und öffneten sich ein wenig, so, als wenn sie ihn gleich wieder küssen wollten und da wurde er schwach und flüsterte in seine dunklen Haare:
„Du bist mein Stern, Harry, auch … auch wenn ich dir das lange nicht gesagt habe. Bitte vergiss das nicht, ja?“
Harry fuhr ein wenig zusammen, vor süßem Schauder, aber vor allem bei den letzten Worten, die so gar nicht zu dem schönen Abend passen wollten. Er hob den Kopf von Sevs Schulter, sah ihn an und murmelte ein bisschen zittrig:
„Warum … warum sollte ich denn ?“
Severus lächelte und schaute zurück und wer ganz genau hinsah, konnte jetzt erkennen, dass ein Hauch von Bitternis und Wehmut in den schwarzen Augen lag.
„Wir ... sind nicht in Hollywood“ sagte er dann leise, so leise, dass Harry noch einmal zusammenfuhr. „Und du bist nicht Belle, oder …?“

Harry erschrak ein wenig. Diese Frage klang merkwürdig, aber er wusste doch ganz gut, was Severus damit gerade gemeint hatte. Ganz kurz erwog er bei sich die Möglichkeit, ihn anzulügen, um den schönen rosa Traum noch ein paar Stunden länger zu genießen.
Aber dann sah er in Sevs Augen, sah, dass sie ehrlich blickten und schüttelte langsam, ganz langsam, den Kopf.
„Nein, Severus“ sagte er leise. „Ich bin Harry.“
Und das war wie ein Erdbeben für ihn.



* für diejenigen von euch, die diesen Film auch noch nicht gesehen haben, gibt es eine kurze Inhaltsbeschreibung bei Wikipedia . Leider hat der Link, den ich euch an dieser Stelle legen wollte, aus mysteriösen Gründen nicht funktioniert.
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