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Die Tragik von Sonnenuntergängen

von ilgiro
GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P12 / Gen
29.12.2020
29.12.2020
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Die Tragik von Sonnenuntergängen


„Man sieht die Sonne langsam untergehen und erschrickt doch, wenn es plötzlich dunkel ist.“ – Franz Kafka


I. Sonnenuntergang


Die erste Sonne sinkt, ohne dass ich es bemerke.

Die erste Sonne ver-sinkt in aller Stille und Plötzlichkeit und ich bemerke es nicht, denn ich erwarte es nicht. Ich erwarte nicht, dass sie aus heiterem Himmel ihren Platz verlässt und kometengleich vom Himmel fällt. Dem Dunkel entgegen, kurz strauchelt und dann leise und ungesehen hinter dem Horizont verschwindet. Ein kurzes Nachglühen am Himmel, dann ist es vorbei.

Ich habe es als selbstverständlich erachtet, zum Himmel hinaufzublicken und dort meine vielen Sonnen zu sehen, die verschieden groß vom Firmament strahlen. Diese Sonne war klein im Vergleich zu manch anderen. Ihr Licht erhellte meinen Himmel, doch nie so sehr wie andere Sonnen, die riesig und rot ihre Wärme aussenden und mich mit ihrem Licht und ihrer Wärme in Zuversicht tauchen und mit Halt geben.

Am Tag danach betrachte ich den Himmel und zähle meine Sonnen, zähle und zähle immer wieder und langsam merke ich, be-merke ich, dass etwas fehlt. Etwas fehlt an  meinem Himmel. Es ist dunkel und ein wenig kühler geworden.

Die erste Sonne ist verschwunden.

Und langsam, Augenblick um Augenblicke, die tropfengleich auf den Fels meines Gewissens einschlagen wie kleine, kalte Sterne, realisiere ich, dass ich mir nie die Zeit genommen habe, diese Sonne näher zu betrachten.

Ich habe den Abstand zwischen uns als etwas normales erachtet. Den Graben, den andere zwischen uns geschaufelt haben, lange vor meiner Geburt, als Gegebenheit angesehen.

Ich habe diese Sonne nie aus der Nähe sehen können, habe ihr Licht nur als fahlen, kühlen Schimmer erfahren, als zarte, blasse Lichtfinger, die sich ab und an nach mir ausstreckten und wenn ich es denn mal bemerkte, habe ich die Hand nachlässig erhoben, um ohne große Anstrengung nach diesen gespenstischen Lichtfäden zu greifen.

Es war eine junge Sonne und ich dachte, dass ich noch Zeit hätte. Irgendwann einmal. Irgendwann einmal würde ich den Arm ausstrecken – ihn wirklich ausstrecken – und nach dem fahlen Licht greifen, die Finger fest darum schließen, um diese Sonne besser verstehen zu können.

Aber niemand hat mit ihrem Untergang gerechnet. Niemand hat ihr Licht schwinden, ihre Wärme versiegen vor-sehen können.

Ich bin eingeschlafen.

Ich bin aufgewacht. Ich habe zum Himmel geblickt und bemerkt, dass du fehlst.

Es ist dunkler geworden an meinem Himmel. Denn mit deinem Untergang haben sich vier andere Sonnen von mir entfernt – weiter entfernt, als ich es jemals für möglich gehalten habe. Ich kann die Hände nach ihnen ausstrecken, ihr Licht reicht nicht mehr zu mir herab. Die Strahlen dieser Sonnen sind kalt und fahl und kühl.

Klein und schwelend hängen sie an meinem Himmel wie weißglühende Stecknadelköpfe.

Es ist dunkler geworden. Nebel ist aufgezogen und verschleiert mir die Sicht. Du und diese vier Sonnen, ihr seid alle meine Mahnmäler geworden. Ihr erinnert mich daran, was geschieht – was geschehen kann – wenn ich die Hände zu langsam nach etwas ausstrecke. Wenn ich denke, dass ich noch Zeit habe, zuzupacken. Wenn ich Zeit als etwas Gegebenes erachte.

Ich sehe hinauf zu meinem Himmel, zähle meine Sonnen und bin noch zu erschrocken, um diese Nachricht zu erfassen.

II. Sonnenuntergang


Die zweite Sonne, die versinkt, ist in ihrer Gestalt einzigartig.

Sie ist nicht wie die anderen: Ist nicht groß, sondern klein. Ganz klein und überstrahlt doch die meisten von ihnen mit ihrem Licht und mit ihrer Wärme, die anders als menschliche Wärme nicht auf mich herabstrahlt, sondern mich von innen auffüllt.

Löwengleich beschreibt diese Sonne einen Bogen über meinen Himmel und lässt ihn in satten Goldtönen erstrahlen.

Ich sehe zum Himmel, sehe wie der Bogen sich unaufhaltsam dem Horizont entgegen neigt. Sich dem Ende zuneigt. Du bist alte Dame, wackelig auf den Beinchen, doch noch immer stolz im Gebaren: So  gehst du deinem Ende entgegen.

Gebeugt vom Alter und müde vom Leben schleicht diese kleine Sonne dahin und blickt dabei nicht zurück. Sie hat nie zurückgeblickt.

Ich weiß, dass es geschieht.

Ich weiß, dass es irgendwann geschieht.

Ich weiß es, aber es fällt schwer, es zu akzeptieren.

Diese Sonne, klein und doch so hell, begleitet mich, begleitet mich fast ein Leben lang.

Ich blicke hinauf an meinen Himmel, strecke die Finger nach ihren Schnurhaardünnen Lichtfingern aus, berühre sie mit Händen, spüre ihre weiche Umarmung, danke allem und jedem, dass sie noch da ist und sammle Erinnerungen.

Ich versuche das Gefühl ihrer Liebkosung in den Fingerspitzen zu konservieren. Ich versuche alles an ihr auf Erinnerungskarton zu bannen, versuche ein gleißendes Abbild in mir zu fixieren, weil ich weiß, dass ich niemals bereit sein werde, ihr Verschwinden einfach so hinzunehmen.

Als ich das nächste Mal in aller Eile ankomme, nach Hause komme und zum Himmel blicke, muss ich feststellen, dass ich zu spät bin. Ich muss feststellen, dass der Zug zu spät angekommen ist.

Ich habe die Sonne verpasst. Sie hat den letzten wackeligen Schritt ohne mich getan. Ist eingeschlafen und danach entschlafen.

Sie ist nicht mehr da. Mein Himmel ist dunkler geworden. Ich sehe nur noch ihre goldene Krone am Horizont, ein kurzes, letztes Aufflimmern von Erinnerungsfetzen, als sie verschwindet.

Einige Tage später pflanze ich Katzenpfötchen auf ihr Grab.

III. Sonnenuntergang


Die dritte Sonne, die versinkt, neigt ihr kränkelndes Haupt gen Horizont, als wollte sie sich davor verneigen. Sie versinkt und kann doch nicht versinken. Sie taumelt auf ihrer Bahn, schleicht, kriecht, strauchelt, schlittert, fängt sich wieder.

Ihr Licht flackert, ist schon lang verkümmert und ruinengleich, bröckelig hält sie ihre Fassade aufrecht: Das Bild einer riesigen Sonne, die tiefrot am Himmel steht. Ihr Licht ist schwach. Doch sie wärmt noch immer.

Ich sehe zu dieser Sonne auf und bete, dass sie bald sinke möge.

Sinke, ver-sinke doch endlich, denke ich flehend und will es sogleich doch nicht.

Ich schäme mich für diese Gedanken und schäme mich dann wieder, dass ich mich dafür schäme.

Ich habe ihr Wankeln mitverfolgt, ihren Sturz, ihren gebeugten Gang übers Firmament.

Anfangs hochaufgereckt und kräftig, dann kleiner und gebückter und schließlich wurde ihr Licht zu einem müden Dämmern. Ein leises Keuchen, ein Flackern, ein Stöhnen – ein finales Seufzen.

Ich erinnere mich daran, an meine Sorge. An meine ständige Panik. An die Prognosen.

Mundschutz. Nicht zu nah ran, nicht umarmen.

Vielleicht noch ein Monat. Maximal zwei.

Handschuhe, Morphinspritze, Krebs im Endstadium, baldiges Nierenversagen.

Sinke, ver-sinke doch endlich!

Geruch von Talkum, Geruch von Desinfektionsspray, Geruch von Watte und gestärkten Bettlaken, Geruch von Seife. Geruch von menschlichem Verfall.

Morphin. Der Geruch von Morphin. Anträge auf Morphin.

Morphinengpässe im Landkreis.

Corona. Corona.

Trag deinen Mundschutz.

Versinke doch endlich!

Trag deinen Schutz und lass es nicht an dich ran. Lass das, was du siehst nicht an dich ran…

Oh bitte, versink doch endlich!

Ich sehe zum Himmel hinauf, sehe die Sonne sinken, sehe sie schlingern, sehe sie kämpfen. Ich weiß nicht, ob sie über den Rand sinkt oder nicht, ob sie darum kämpft zu steigen oder zu fallen.

Doch als ich eines Morgens aufwache, zum Himmel blicke und die große rote Sonne nicht mehr sehe, bin ich erleichtert, dass ich sie nicht mehr sehen muss.

Ich bin erleichtert, dass sie nicht mehr leiden muss.

Ich bin erleichtert und ich schäme mich, dass ich so denke.

Ver-sinke…

Mundschutz. Geruch von Desinfektionsspray, Talkumpuder und Teppichboden. Staub, der im Sonnenlicht schwebt.

Kalte, leblose Hände in meinen lebendigen. Ledrige Haut. Eingefallene Wangen. Geschlossene Augen.

Ver-sink…

Anruf. Noch ein Anruf.

Auflagen. Auflagen. Auflagen für die Abholung, Auflagen für die Trauerfeier, Auflagen für die Beerdigung.

Versinke…

IV. Sonnenuntergang


Riesig steht diese Sonne an meinem Himmel. In mancher Hinsicht ist sogar größer als andere. In vieler Hinsicht sogar die größte von allen. Sie steht an meinem Himmel, flammendgolden, heiß und wärmend, ein Polarstern in meinen dunkelsten Nächten.

Diese Sonne beschreibt keinen vollendeten Bogen. Auf ihrer Bahn über meinen Himmel knickt sie manchmal ein, steigt dann wieder steil empor, pendelt sich ein und gleitet gravitätisch dahin – scheinbar unverwundbar, scheinbar unsterblich. Scheinbar…

Ebenso wie ich hat diese Sonne zwei andere sinken und ver-sinken sehen.

Von ihrem eigenen Himmel sind diese beiden Sonnen zuletzt herabgefallen wie schwere Steine und haben tiefe Krater hinterlassen.

Wir haben beide zugesehen, wortlos und willenlos, zunehmend kraftlos und machtlos, wie es dunkler wurde an unseren Himmeln. Wie kälter wurde um uns herum.

Ich sehe hinauf zu meinem Himmel und zähle meine Sonnen.

In banger Furch hebe ich den Kopf und hoffe, dass diejenigen noch dort sind, die ich nicht entbehren will. Die ich noch nicht entbehren kann.

Ich zähle die größten Sonnen und die, die mir am nächsten.

Es sind weniger geworden.

Es ist dunkler geworden an meinem Himmel und als sich schließlich auch diese Sonne zu neigen beginnt, dem Pfad der zweiten Sonne folgend, schnell sinkend, viel zu schnell fallend, unaufhaltsam wie ein Komet dem Ende zustrebend, breche ich in Tränen aus und kralle mich an ihre lichtgoldene Schleppe fest.

Bleib da! Du darfst nicht gehen! Nicht jetzt!, schreie ich in kopfloser Panik und zerre an den Strahlen der Sonne, ich kralle meine Finger in ihre gleißenden Lichtfäden, in ihre Robe aus Wärme und presse sie an mich. Egal wie viel Zeit vergeht, ich habe das Gefühl, niemals genügend Erinnerungen sammeln zu können. Ich habe das Gefühl, dass diese Sonne noch so viel zu sehen hat; es gibt noch so viel, dass ich dieser Sonne zu sagen, zu zeigen, zu gestehen habe… Ich will es nicht akzeptieren!

Bleib da! Du darfst nicht gehen!

Ich reiße die Hände in den Himmel, greife nach ihr aus, erhasche sie, versuche sie zu mir zu ziehen. Die Sonne strebt ihrem Willen nach dem Horizont entgegen – unaufhaltsam und unabänderlich.

Sie strebt nicht mehr, sie schreitet nicht mehr, sie lässt sich fallen.

Du hast aufgehört etwas zu wollen. Du lässt es nur noch geschehen, wartest ab bis es geschieht. Fast scheint es mir so, als hättest du tief in dir drin nach einem Schalter gesucht, der es beendet, sobald du ihn umlegst. Du warst müde, so müde und allein, so allein. War ich so verblendet und egoistisch genug, um das offensichtliche nicht sehen zu können?

Ich stehe am Boden und sehe die Risse und Falten und Flecken in dieser geliebten Sonne aufbrechen. Sie leidet. Sie leidet ebenso wie ich. Sie leidet tausendmal mehr als ich es je könnte.

Wer bin ich, dass ich ihre Entscheidung infrage stelle?

Wer bin ich, dass ich so egoistisch bin und sie nur aus meinem eigenen Interesse heraus am Leben erhalten will?

Wer bin ich, dass ich ihr vorschreibe, leben zu müssen?

Verzeih mir…

Ich sehe zu ihr auf, sehe zu der Sonne auf. Ich halte sie fest, kralle meine krampfenden Finger fest in ihre Lichtstrahlen. Ich schließe die Augen, umarme sie ein letztes Mal und lasse los. Die Lichtstrahlen gleiten aus meinen Fingern, nicht mehr fassbar, nicht mehr sichtbar…

Ich sehe zu, wie die Sonne versinkt. Wie sie über den Horizont eilt, um zu einem Ort zu kommen, an dem sie schon erwartet wird. Still und mit einem Lächeln auf dem Gesicht hast du den Schalter in dir umgelegt, am gleichen Tag, fast zur selben Stunde, wie schon die dritte Sonne, der du folgtest.

Ich bleibe allein auf der Erde zurück, lege den Kopf in den Nacken, schließe die Augen und weine lautlos. Es ist dunkel geworden an meinem Himmel.

Ich weine, forme lautlose Worte mit den Lippen, und streiche mit der Hand und das glatte Holz ihres Sarges. Ich knie vor ihrem Grab im Wald, streue Blüten hinauf und sage lautlos: Danke. Danke, dass du mich als erste so akzeptiert hast, wie nun mal bin. Danke, dass du mir immer Rat gegeben und mir weitergeholfen hast. Danke, dass ich dir alles erzählen konnte. Danke, für alles!

Ich berühre den Stamm der Ulme, die über dem Grab wächst, sehe die Namen derer, die dort zusammen liegen, und blicke hinauf und hinüber zu den Gräbern der anderen Sonnen, die dort ruhen.

Der Waldboden ist gesprenkelt vom Licht der Sonne, die durch das Blätterdach fällt und Schattenflecke auf die Erde wirft.

Es ist dunkler geworden an meinem Himmel. Doch die Sonnen, die noch hoch am Firmament stehen und strahlen, tun es nun umso intensiver. Ein oder zwei andere Sonnen sind nun soweit in den Hintergrund gerückt, dass ich sie mit bloßem Auge fast nicht mehr erkennen kann. Ich habe aufgehört, nach ihnen greifen zu wollen.

Doch sind auch zwei, drei neue Sonnen hinzugekommen, die ihr Licht noch zaghaft, aber schon rotgolden über meinen Himmel schicken.

Ich sehe hinauf, zähle meine Sonnen, schließe die Augen und hoffe, dass ihr Licht noch lange scheinen möge…



In Gedenken an U.


In Gedenken an J.


In Gedenken an R.


In Gedenken an B.


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„Nie verlässt man sich ganz, irgendetwas von dir geht mit, es hat seinen Platz immer bei mir“ – Trude Herr (Niemals geht man so ganz)
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