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The Stack Effect

Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Thriller / P18 / Het
Fabeltiere & mythologische Geschöpfe
27.12.2020
04.12.2021
20
59.628
28
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Dieses Kapitel
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27.12.2020 4.027
 
Das Hotelzimmer lag dunkel und verlassen vor ihr. Hadil warf einen Schulterblick in den hellbeleuchteten Gang, dann schob sie den Putzwagen vor. Sie tastete nach dem Lichtschalter, zog die Vorhänge beiseite und enthüllte die Sicht auf den Norre Katts Park. Nachdem sie das Fenster geöffnet hatte, wechselte sie die Bettwäsche. Auf dem Nachttisch lag ein Flyer, der Hovs Hallar als Ausflugsziel bewarb. Er war mit einer handgeschriebenen Notiz versehen. Zögerlich griff Hadil danach. Aus Augenwinkeln zur angelehnten Tür schielend zog sie ihr Smartphone aus der Gesäßtasche. Sie fotografierte die Vorder- und Rückseite des Flyers.

Hadil putzte das Bad. Am Waschbecken stand ein Kulturbeutel. Sie hielt für zwei Sekunden Blickkontakt mit sich selbst, als sie im Badezimmerspiegel prüfte, ob ihr Rücken frei war. Konzentriert schob sie den offenstehenden Reißverschluss auf. Zahnpasta, Mascara, ein einzelner Tampon und eine Packung Aspirin kamen zum Vorschein.

Routiniert staubsaugte Hadil den Teppichboden des Flurs. Im Kleiderschrank befand sich nichts, die Tür des Safes war unverschlossen. Neben der Zimmertür standen Wanderschuhe, am Haken hing eine Winterjacke. Hadil ließ den Staubsauger an, während sie im Sichtschutz der Tür die Jacke absuchte. Ihre Fingerkuppen ertasteten eine Schachtel. Zoloft, entnahm sie der Verpackung. Die junge Frau knipste sie ab und schob sie zurück in die Tasche.

Am Fuße des Doppelbettes lag eine Reisetasche. Hadil öffnete die Seitentasche und fand einen deutschen Reisepass sowie ein zerfleddertes Taschenbuch, in dem ein Briefumschlag steckte. Ihr Herz schlug schnell. Sie klappte den Pass auf, um ihn abzulichten. Die Kamera entschied sich für den Autoblitz. Hadil fuhr zusammen. Sie musste die Prozedur ohne Blitz wiederholen, um die Personalien auf der Passfolie sichtbar zu machen. Gelächter im Flur erschallte und ließ sie aufhorchen. Schritte zogen an der offenen Tür vorbei, dann wurde es still. Sie strich eine schwarze Strähne hinters Ohr, durchblätterte das Buch, merkte sich die Seitenzahlen, zwischen denen der Brief gesteckt hatte, und fotografierte Titelseite und Klappentext. Zuletzt drehte sie den Brief in ihrer Hand. Der Umschlag war frankiert und adressiert, aber nicht zugeklebt. Leider, dachte Hadil. Bisher hatte ihr Gewissen geschwiegen, doch als sie das mit feiner Handschrift beschriftete Briefpapier aufschlug, spürte sie, wie tief sie in die Privatsphäre eines Menschen eindrang.

25.000 Schwedische Kronen.

Hadil hielt ihr Smartphone über die Seiten des Briefes. Vorsichtig faltete sie das Papier zusammen, schob den Umschlag ins Buch und verstaute es mit dem Pass in der Seitentasche.

Im Gang ließ sie die Zimmertür in die Angel fallen. Das elektrische Schließgeräusch erklang. Hadil war ganz alleine auf dem Flur. Einmal wischte sie über jedes Foto, das sie gemacht hatte. Das war das letzte Zimmer gewesen, das er sehen wollte. Die Bilder schickte sie an die Nummer mit der +47er-Vorwahl.



Fünf Stunden später löschte Hadil das Licht im Wäscheraum. Sie wechselte ein paar letzte Worte mit Kerstin, die Nachtschicht am Empfang hatte, als sie das Vibrieren in ihrer Gesäßtasche vernahm. „Ich glaube, ich habe meine Kopfhörer vergessen“, sagte sie mit einem Lächeln zu Kerstin und ging zurück in den Wäscheraum. Vorsichtshalber schloss sie sich ein, bevor sie ihr Handy hervorholte.

Ich muss dich um einen letzten Gefallen bitten, Hadil. Ruf mich an.

Er nahm direkt ab. „Hadil.“

„Ja.“ Nervös spielte sie an der Knopfleiste ihrer Bluse herum.

„Hast du die schwarzen Chipkarten bei dir?“

„Ja.“

„Geh noch einmal ins Zimmer 219 und versteck eine davon in der Reisetasche.“

„Das geht nicht.“ Hadils Stimme war ein gehetztes Wispern. „Es ist schon spät. Was, wenn der Gast zurück ist?“

„Kannst du das vorher herausfinden?“

Angestrengt dachte Hadil nach. Theoretisch könnte sie Kerstin fragen. Vielleicht wurde das Kommen und Gehen der Gäste automatisch erfasst. Die Vorstellung behagte ihr nicht. „Nein.“

„Nein? … Nun, Hadil. Du musst dir etwas einfallen lassen.“

„Das war so nicht ausgemacht. Ich hätte früher wissen müssen, was ich mit den Chipkarten-“

„Hadil“, knurrte er. „Löse das Problem. Es muss nicht die Reisetasche sein. Hauptsache irgendetwas, was der Gast beim Auschecken mitnehmen wird. Schreib mir, wenn du es geschafft hast.“

„Bitte, ich bitte dich, ich bin auf diesen Job angewiesen, das-“

Er hatte aufgelegt.

Hadil fluchte auf Arabisch. Sie sank gegen die Tür in ihrem Rücken und versuchte, sich zu konzentrieren. Sie finde ihre Kopfhörer nicht und glaube, sie in Zimmer 219 liegen gelassen zu haben. Ob Kerstin nachsehen könne, ob der Gast zurück sei. Aber warum ausgerechnet Zimmer 219?

Zimmer 219. Gedanklich ging Hadil ihre Tour im zweiten Stockwerk durch. Die 219 war das letzte Zimmer gewesen, in dem sie Fotos gemacht hatte. Sie könnte vorbeigehen, anklopfen und auf das Beste hoffen. Aber es war fast 22:00 Uhr. Was, wenn es sich um einen komplizierten Gast handelte, der sich beschweren würde? Der Stress bescherte Hadil Übelkeit. Sie griff sich an den Bauch und verließ den Waschraum.

„Kopfhörer gefunden?“, fragte Kerstin lächelnd.

„Ja.“ Hadil lächelte steif zurück.

„Ah, super. Ich könnte niemals ohne Kopfhörer nach Hause laufen. Ich muss immer Musik hören.“

„Ja, ich muss nur noch …“, begann Hadil. Ihr Blick glitt der Rezeption entlang.

Der Sensor der Eingangstür blinkte und ließ die Glasscheiben auffahren. Eine junge Frau betrat die Halle und avisierte direkt den Fahrstuhl.

Hadil stutze. Wenn das mal kein gnädiges Zeichen Gottes war! Sie schob ihre Hand in die Jackentasche, wo sie die Chipkarten in einem Druckverschlussbeutel ertastete.

„Guten Abend“, grüßte Kerstin.

Die Frau grüßte zurück, ohne aufzusehen.

„Oh wie schön dein Rucksack ist!“, rief Hadil und ging auf die Frau zu. Derweil grub sie mit dem Fingernagel ein Loch in das Plastik und schaffte es, eine Chipkarte zwischen Zeige- und Mittelfinger zu klemmen.

„Sorry?“, erwiderte die Frau.

Hadil verstand, dass sie kein Schwedisch sprach. Sie wechselte auf Englisch und zeigte auf den senfgelben Kånken. „Dein Rucksack. Er gefällt mir richtig gut. Die Farbe ist toll.“ Ihre Blicke trafen sich. Jetzt bestand für Hadil keinen Zweifel mehr. Sie hatte das Gesicht auf dem deutschen Reisepass gesehen.

„Sicher?“ Die Frau ließ den Rucksack von ihrer Schulter sinken, um ihn zu begutachten.

Hadils Blick haftete an ihrer bleichen Nase, dann an den müden Augen hinter den Brillengläsern.

„Willst du ihn haben?“, fragte die Frau unvermittelt.

Ohne es zu wollen, entwich Hadil ein verlegenes Lachen. Die Frau musste scherzen. „Oh nein, nein. Nur ansehen. Welche Größe ist das?“ Sie strich ungeniert über den harten Stoff. Ein Adrenalinschub raste durch ihr Blut, als ihre Finger entlang des offenen Seitenfachs glitten und den Chip darin verschwinden ließen. Wie beiläufig erwischte sie das einzelne blonde Haar, das an den Kunstfasern haften geblieben war, um demonstrativ zu Boden zu schnippen.

„Ich weiß es nicht. Aber im Ernst, ich denke schon seit einer Weile, dass der Rucksack zu klein für mich ist. Wenn du willst, kannst du ihn haben. Ich schenke ihn dir.“

Verblüfft zog sie ihre Hand zurück. Die Frau schien ihrer Bewegung nicht zugesehen zu haben, ihre Augen fixierten Hadils Gesicht. In ihnen schlug Hadil eine unheimlich anmutende Entschlossenheit entgegen. „Das … also, das kann ich nicht annehmen. Aber ich danke dir.“ Hadil nahm einen Schritt rückwärts. „Wie gefällt es dir hier? Hast du schon etwas von der Stadt gesehen?“

Der Ausdruck verlor sich aus den Augen der Frau, ihr Blick kippte ins Leere. Ein emotionsloses Lächeln schlich sich auf ihre Lippen.

„Ich bin beruflich hier. Aber morgen mache ich einen Ausflug nach Schonen.“

„Wie schön. Wohin genau?“

„An die Bjäre-Halbinsel.“

„Hovs Hallar?“

„Ja.“

„Das lohnt sich. Es ist wunderschön. Ich will dich jetzt nicht weiter aufhalten. Ich wünsche dir einen schönen Abend.“

„Vielen Dank.“ Die Frau behielt ihr graues Lächeln bei. „Dasselbe wünsche ich dir.“



Der Kies knirschte unter Hadils Schuhsohlen. Der Park war verlassen. Hadil sah in den bedeckten Nachthimmel. Schneeflocken rieselten durch die Luft. Sie waren so klein, dass sie nur im Laternenlicht sichtbar wurden. Ihr Blick glitt über die schwarze Oberfläche des Nissans. Das Wasser floss lautlos an der Parkpromenade entlang. Mit unterfrorenen Fingern hielt sie das Smartphone gegen ihre Ohrmuschel gedrückt. Er meldete sich mit einem undefinierbaren Laut.

„Ich habe den Chip platziert“, flüsterte Hadil. „Ich habe sie per Zufall an der Rezeption angetroffen und in ein Gespräch verwickelt. Sie wollte …“ Sie zögerte.

Er schwieg.

„Sie hat erzählt, dass sie einen Ausflug nach Hovs Hallar plant.“

„Sonst noch etwas?“

Hadil sah sich um, dann schloss sie die Augen. Du wirst dieser Frau doch nichts antun, oder? Sie fragte nicht. „Nein.“

„Sehr gut, Hadil.“

Hadil schlug ihre Augenlider auf.

„Ich überweise dir das Geld. Du musst alle Spuren unserer Unterhaltung unwiderruflich löschen. Hast du das verstanden?“

„Ja.“

„Gut. Es hat mich gefreut, Hadil.“

Hadil erschauderte beim sanften Klang seines letzten Satzes. Die Verbindung unterbrach.

Nur fünf Minuten vergingen, bis sie eine Push-Nachricht von Swish bekam. 30.000 Kronen waren ihrem Konto gutgeschrieben worden.

*


Elisa stand vor dem frisch gemachten Bett und besah sich ihren Rucksack. Die Ecken waren dunkel verfärbt. Er war ein Geschenk von Franzi, zu Elisas Geburtstag vor zwei Jahren. Und zwar kurz nachdem sich Franzi Geld bei Elisa ausgeliehen hatte, das sie nie zurückbezahlt hatte. Die Erinnerung zauberte ein erschöpftes Schmunzeln in Elisas Gesicht. Sie griff nach dem Henkel und stellte den Rucksack zur Reisetasche auf den Boden. Aus dem Innenfach zog sie eine Flasche Weißwein, die sie beim Buffet an der Hochschule hatte mitgehen lassen. Aus dem anderen Gepäckstück fischte sie ein Buch. Daniel Kehlmanns die Vermessung der Welt, eines ihrer Lieblingsbücher. Sie kroch unter die Decke und schlug es auf. Als Lesezeichen diente ein Brief, der nun auf dem Nachttisch landete. Elisa blieb das letzte Sechstel der Lektüre – perfektes Timing, ein gelungener Abschluss für die letzte Nacht in Schweden. Sie trank direkt aus der Flasche, während sie im Text versank.

Als ihr Handywecker um 07:30 Uhr klingelte, lag Elisa bereits wach. Obwohl es draußen stockfinster war, fühlte sie sich ausgeruht. Gemächlich richtete sie sich auf und hob ihre Beine von der Matratze.

Im Bad wusch sie sich das Gesicht, trank Wasser aus der Leitung und putzte sich die Zähne. Die Zahnbürste landete im Müllbehälter neben der Toilette. Elisa setzte ihre Brille auf. Sie betrachtete ihr Haar, das sie vor der Konferenz auf Schulterhöhe zurückschneiden lassen hatte. Es sah noch gut aus und bedurfte keiner Wäsche. Sie warf einen Blick in den Kulturbeutel und verließ das Bad, ohne ihn mitzunehmen.

Aus dem Rucksack zog sie einen Laptop und setzte sich damit an den Schreibtisch. Sie loggte sie sich ins E-Banking-Portal ein. Auf ihren beiden Konten befanden sich insgesamt 7.453 Euro. Elisa überwies die Rücklagen auf ihr laufendes Konto. Sie gab einen Zahlungsauftrag von drei Monatsmieten an ihre Mitbewohnerin Tina ein und datierte ihn auf Montag. Im Kopf rechnete sie aus, wie viel Geld auf ihrem Konto blieb, wenn sie die noch ausstehenden Rechnungen berücksichtigte und ein kleines Polster zurückließ. Das Ergebnis tippte sie ins Eingabefeld eines neuen Zahlungsauftrages, wählte Franzi als Empfängerin und setzte das Ausführungsdatum ebenfalls auf Montag.

Elisa öffnete den VPN Client, um auf den Server der TU München zuzugreifen. Sie überprüfte den letzten Zeitpunkt, an dem ihre Arbeitsordner mit dem Server synchronisiert wurden. Zufrieden schloss sie alle Fenster. Sie summte ein leises Lied vor sich hin und ließ den Computer die Daten auf der Festplatte löschen. Sich von der Tischplatte abstoßend erhob sie sich, um das Ladekabel aus dem Rucksack zu holen. Der Bildschirm informierte sie, dass der Laptop eine Stunde brauchen würde. Perfekt, dachte Elisa. Genug Zeit, um in Ruhe zu frühstücken.



Nach 09:00 Uhr klopfte Elisa an die Hotelzimmertür Nummer 217. Erst beim dritten Anlauf vernahm sie Geräusche aus dem Raum.

„Ja?“, kam’s genervt, bis er sie erkannte. „Oh, du bist es.“

Elisa betrachtete sich Linus‘ verschlafenes Antlitz. „Tut mir leid, dass ich dich wecke. Ich gehe gleich und will mich verabschieden. Kannst du meinen Computer mitnehmen?“ Sie hob den Laptop hoch. „Ich mag die Vorstellung nicht, ihn bis am Sonntag mitschleppen zu müssen.“

„Klar.“ Linus zog den Laptop an sich. Derweil versuchte er, unauffällig hinter sich ins dunkle Zimmer zu linsen.

„Danke.“ Elisa war überzeugt, dass er nicht alleine geschlafen hatte. Sie hatte ihn gestern Abend lange genug dabei beobachtet, wie er mit der schwedischen Doktorandin geflirtet hatte.

Linus musterte Elisa. „Kein Problem. Du machst das richtig. Ich hätte den Rückflug auch einen Tag später legen sollen. Was hast du eigentlich gestern Abend gemacht? Du warst auf einmal weg. Du hast den besten Teil des Abends verpasst.“

„Ich hatte einen wunderschönen Abend mit Wein und einer guten Lektüre.“ Elisa lächelte ihn an und dieses Mal war es ein ehrliches Lächeln.

„Na wenn du meinst.“

„Komm gut nach Hause, Linus.“

„Ja, du auch. Wir sehen uns am Montag.“

„Ja.“



Elisa stieg aus ihren Winterstiefeln. Sie stellte sie neben die Reisetasche, deren Inhalt sie unter die Lupe nahm. Ihren Pass verstaute sie in den Rucksack. Die dreckige Unterwäsche entsorgte sie im Mülleimer, die saubere Kleidung packte sie gemeinsam mit den Stiefeln in die Tasche. Kehlmanns Roman verbannte sie ins Innenfach des Kånkens, nachdem sie den Brief herausgezogen hatte.

Bepackt mit dem gelben Rucksack und der Reisetasche verließ sie das Hotel in Richtung des Halmstader Hauptbahnhofes. Dank Google Maps wusste sie, wo sie auf dem Weg dorthin einen Container für Kleiderspenden und einen Briefkasten finden würde.

Elisa überquerte die Brücke über dem Nissan ohne die Reisetasche und den Brief. Sie fühlte sich um einiges leichter. Ein Gefühl, das mit einer schon seit einer Weile schlummernden, sich jetzt leise aufwallenden Euphorie in ihrer Brust einherging. Sie freute sich darauf, mit dem Zug nach Båstad zu fahren. Dort erwartete sie eine zehn Kilometer lange und mit Sicherheit atemberaubende Wanderstrecke zu den Hovs Hallar.

*


Die Dämmerung kroch flach und halbherzig über die Lommabucht. Die Fensterfront, die sich entlang der Nordseite des Penthouses zog, gab den Blick auf den wolkenverhangenen Himmel frei. Zum Fuße des Bettes stand eine Bettbank. Sie war übersäht von leeren und halbvollen Glasflaschen und Gläsern. Zwischen ihnen versteckte sich ein zugestopfter Aschenbecher, in dessen Ausbuchtung eine halb ausgebrannte Tüte steckte. Unter dem Bettrahmen lagen Kleidungsstücke verteilt. Plüschbesetzte Handschellen baumelten vom Nachttisch, fixiert durch eine Bierflasche. Die nackte Schulter einer Frau, die ihren Kopf tief im Kissen vergraben hatte, war den Handschellen zugewandt. Neben ihr lag eine weitere Frau, die sich mit einem Seufzen vom Rücken auf die Seite drehte. Der Ellbogen ihres Armes, den sie unter das Kissen schob, bohrte sich ins Schulterblatt der dritten Person im Bett. Der Mann lag am Rande der Matratze, den Frauen den Rücken gekehrt. Er gab ein unzufriedenes Grummeln von sich und umgriff die zerknüllte Decke vor seiner Brust fester.

Die Stille kehrte in den Raum zurück. Zumindest solange, bis ein Handy, das unter dem Bettrahmen lag, eine Vibration über das Parkett sandte, mit dem Klingelton auf maximaler Lautstärke.

Jesus Christ!“ Die Brünette fuhr aus dem Schlaf und rammte dem Mann den Ellbogen vollends in die Wirbelsäule. „Mach es weg!“

Ihm entwich ein Stöhnen. Sein Arm glitt vom Bett, fahrig tastete er nach der Lärmquelle.

„Loen“, knurrte sie, da ertastete er das Display endlich.

In seiner geistigen Umnachtung erwischte Loen den Sperrknopf des Smartphones nicht. Er packte es und zog es vor sein Gesicht – zu seinem großen Unglück. Durch halboffene Lider erspähte er den Anrufer. Einer, bei dem er es sich nicht leisten konnte, ihn wegzudrücken. Er schüttelte ein Räuspern aus seiner Kehle und schlug die Bettdecke zurück. „Ja?“

„Loen.“

Augenblicklich verdrehte er die Augen. „Ja, so heiße ich. Was gibt’s?“ Er sah sich nach seiner Kleidung um, gab beim Anblick des Raumes sein Vorhaben aber auf.

„Wo bist du?“

Er schloss die Tür hinter sich. „Zuhause.“

„Gut. Ich habe einen Auftrag für dich, Loen.“

„Kann das nicht bis Montag warten?“ In der Küche angekommen, stellte Loen fest, dass die Kaffeemaschine eingeschaltet war. Er brauchte sie lediglich aus dem Standby-Modus zu wecken.

„Nein. Es ist dringend. Du musst sofort los.“

Loen ächzte im Einklang mit dem Rattern der Maschine. „Hinter mir liegt eine harte Woche und eine kurze Nacht. Gib mir eine Pause. Meinetwegen könnte ich morgen-“

„Nein, Loen. Heute. Du fährst so schnell wie möglich nach Båstad.“

Bei allen verfickten Göttern, Båstad, fluchte Loen und rieb sich seine pochende Stirn. „Eldar, ich kann nicht-“

„Doch. Wenn du die ganze Nacht irgendwelche Weiber vögeln kannst, dann kannst du jetzt auch nach Båstad fahren.“

Loen versuchte, sich den dumpfen Kopfschmerz aus dem Gesicht zu massieren und sich nicht provozieren zu lassen.

„Hör zu, wir dürfen keine Zeit verlieren. Fahr direkt los. Wir tracken die Zielperson. Ich übermittle dir die GPS-Daten sobald du im Auto bist.“

„Zielperson?“, hakte Loen stöhnend nach.

„Ja. Eine Frau. Du musst sie abfangen und herbringen.“

Also eine Geiselnahme, schlussfolgerte Loen. „Definiere herbringen.“

Schweigen.

„Definiere herbringen, Eldar.“

„Ich erwarte dich morgen. Sten holt dich am Hafen.“

„Wo verdammt nochmal bist du?“

„Sten erwartet dich in Bodø.“

„Für wen hältst du mich eigentlich? Ich kann nicht in einem Rutsch nach Bodø fahren! Noch dazu mit einer Gei-“ Hastig sah Loen sich um und schlug die Küchentür zu. „Noch dazu mit einer Geisel im Auto.“

„Loen“, knurrte der Mann am anderen Ende der Leitung.

Loen dankte ihm von ganzem Herzen dafür, denn ohne ihn würde er vermutlich pausenlos vergessen, wie sein scheiß Name lautete!

„Wir haben uns möglicherweise nicht richtig verstanden. Ich bitte dich nicht, ich befehle es dir. Du fährst los, holst diese Frau und bringst sie her.“

„Und wie lange muss ich bleiben?“

„Eine Weile.“

„Was ist mit der Firma?“

„Darum habe ich mich gekümmert.“

„War ja klar! Du kannst-“

„Loen, ich verhandle nicht mit dir. Pack deinen Kram und fahr los. Jede Sekunde zählt. Du erhältst auf dem Weg alle Infos, die du brauchst. Und wage es ja nicht, die Sache in den Sand zu setzen!“ Eldar legte auf.

Loens Smartphone klatschte auf dem Küchentresen auf. „Arschloch!“ Mit gespreizten Fingern fuhr er sich durchs Gesicht. Seine Augen brannten beim Blick aufs Meer hinaus. Das traurige Gemisch aus Schnee und Nieselregen wurde vom Wind gegen das Glas geklatscht und lud überhaupt nicht zu einem Ausflug ein.



Als Loen die Tür zum Schlafzimmer öffnete, schob Brianna das Haar der anderen Frau aus ihrem Gesicht. Leidend grinste sie ihn an. „Da bist du ja. Hol mir eine Aspirin und dann komm her, ich brauch dich. Aber wage es ja nicht, danach wieder aufzustehen.“

„Ihr müsst gehen“, informierte er sie knapp. Dabei wäre er jetzt nur zu gerne über sie gekrochen und hätte sie genommen, um im Anschluss nochmals in den Schlaf zu fallen.

„Was?“ Ihre Augenbraue wanderte in die Höhe.

„Ja. Sofort. Ich muss weg. Notfall.“ Er tigerte ums Bett, um Briannas und der Anderen, deren Namen er nicht mehr wusste, Kleidung zusammenzusammeln.

„Dein Ernst?“

„Ja!“ Er warf den Kleiderberg über ihre Beine.

„Milli, steh auf. Wir müssen los.“ Brianna stieß sie an.

„Was?“ Verschlafen hob Milli den Kopf.

„Das Arschloch wirft uns raus.“ Brianna zog einen BH von ihrem Fuß.

Loen verschränkte die Arme vor der Brust und sah sie auffordernd an.

„Ist das das unvergessliche Wochenende, das du uns versprochen hast?“, fauchte Brianna und stieg aus dem Bett. Die Jeans zuknöpfend baute sie sich vor Loen auf. „Unvergesslich wie in: Am Morgen danach unvergesslich schnell wieder rausgekickt worden?“

„Beeilt euch.“ Loen trommelte mit den Fingern gegen seinen Oberarm.

„Tschüss Loen.“ Das Kleid verkehrt herum angezogen tapste Milli aus dem Bett. Der kleine Engel lächelte ihn zuckersüß an.

Jetzt fühlte Loen sich wirklich schlecht.

„Komm!“, kam’s gekeift von Brianna aus dem Flur.

Als er die Tür hinter den beiden Frauen schloss, war das Gefühl nicht weg. Loen schluckte es und machte sich an die Arbeit. In unter zehn Minuten schaffte er es, zu duschen und sich anzuziehen. Die Reisetasche packte er notdürftig. Beim Anblick seines Schlafzimmers wurde ihm elend. Seine Augen blieben an den Plüschhandschellen hängen. Loen beschloss, sie einzupacken. Im Flur öffnete er den Waffenschrank, der sich im Wandschrank verbarg. In der Tasche landeten seine Glock, Munition, Injektionsfläschchen, Spritzen und Kabelbinder.

Loen ließ die Wohnungstür hinter sich zuknallen. Er ging drei Schritte, dann kehrte er und schloss die Tür wieder auf. Mit gequältem Ausdruck auf dem Gesicht suchte er seine Jacke, die nach Rauch stank, auf sein Portemonnaie ab. Er fummelte zwei 500-Kronen-Scheine heraus und schlug sie mit der flachen Hand auf die Schuhbank. Für die Putze, die sich am Montag mit dieser Zumutung von einer Wohnung auseinandersetzen müsste.



Der Tacho des S90 zeigte 20 km/h über der erlaubten Maximalgeschwindigkeit an. Loen raste auf der Überholspur an der Ausfahrt für Helsingborg vorbei. Laute Musik schallte durch das Wageninnere. Die Navigationsapp auf dem Smartphone, das in einer Halterung an der Windschutzscheibe steckte, folgte der Zielperson. Sie war 57 Kilometer von ihm entfernt, 41 Minuten Fahrzeit. Sowohl der Wind als auch der Schneeregen hatten zugenommen, aber die Straßen waren nicht vereist. Ein normaler Zustand an der schwedischen Westküste um diese Jahreszeit. Obwohl Loen mit jedem Jahr indifferenter wurde, dachte er bei dem trostlosen Anblick, wie sehr er diese Region hasste. Von allen vielversprechenden Ländern Europas hatte ihn Eldar ausgerechnet in das bekackte Schweden verbannt. Und dann noch nach Malmö. Wenn es wenigstens Stockholm gewesen wäre.



Gerade als Loens Wagen über den Parkplatz vor dem Naturreservat rollte, wurde der Lärm im Inneren durch einen Anruf unterbunden. Mit der Lenkradtaste nahm er das Gespräch entgegen. Die Distanz zur Zielperson betrug noch 900 Meter.

„Ich hab’s gleich.“ Sein Blick glitt über den verregneten Parkplatz. Er sah zwei verlassene Fahrzeuge. Das Restaurant des angrenzenden Hotels hatte Winterpause. „Ich nehme die Knarre, geh ihr hinterher, zwinge sie, einzusteigen, und so weiter. Du weißt schon.“

„Fahr weiter, Loen.“

„Wieso?“ Genervt zog Loen die Augenbrauen zusammen. „Kannst du mich nicht einfach machen lassen? Ich krieg das schon hin!“

„Fahr auf den Wanderweg.“

Ich hasse es, dachte Loen und sah sich um. Keine Menschenseele. Er drückte das Gaspedal und passierte die Fahrverbotstafel.

„Sobald du sie siehst, hältst du an und steigst aus. Die Knarre brauchst du nicht“, sagte Eldar nach einer Weile.

„Wieso nicht?“ Konzentriert stierte Loen durch die Schreibe. Je näher er der Küste kam, desto stärker schlug ihm der Wind entgegen. Der Regensensor veranlasste den Wagen, auf ein kleineres Scheibenwischerintervall zu wechseln.

„Achtung, unbefestigte Straße“, warnte die elektronische Frauenstimme des Navigationssystems. Zu Loens linker Seite ragten die Felsen der berühmten Klippen zwischen den Bäumen hervor. Die Wiese zog sich einen leichten, aber stetigen Hang hinauf. Das Gras war durchnässt, sodass das Auto zum Allradantrieb wechselte.

„Kannst du sie sehen?“

„Nein.“ Loen kniff die Augen zusammen. „Warte, doch!“ Auf dem höchsten Punkt, keine hundert Meter vor ihm, stand eine Menschengestalt und blickte aufs Meer hinaus. Loen hob den Fuß vom Gaspedal.

„Gut. Hol sie, bevor sie springt. Tot bringt sie uns nichts. Vermassle es nicht.“

„Was?“, entfuhr es Loen, da wurde die Verbindung gekappt.

Lauthals setzte die Musik ein. Mit offenem Mund hockte er hinter dem Steuer und starrte zu der Frau. Jetzt erkannte er, dass sie ihre Jacke auf dem Steinboden niedergelegt hatte.

„Scheiße!“ Er drückte das Gaspedal durch. Der Hybridmotor röhrte, die Räder spulten im Gras und dann schaffte es Loen zum allerersten Mal in seinem verdammt langwierigen Leben, den Motor eines Automaten abzuwürgen. Fluchend stieß er die Tür auf. Der Wagen verfiel in ein Rückwärtsrollen, was ihn gerade noch daran denken ließ, die Handbremse zu ziehen, bevor er losrannte.

„Hey!“, brüllte er in den harten Wind hinein, der ihm das Regenwasser ins Gesicht peitschte.

Sie hörte ihn nicht, hob nur ihren Fuß über den Abgrund, als teste sie schüchtern ihre Balance.

Die Gummisohlen von Loens Boots waren seinem Sprint alles andere als gnädig. Das Adrenalin schoss durch seine Blutbahnen und mit ihm nahm die Unruhe des Meeres zu. Er hörte, wie es wütend seine Wellen gegen die Klippen schlug und er sah, wie sich der Abgrund vor ihm auftat. Weder die Fallhöhe noch das Wasser waren tief genug. Es würde sie einfangen, der Kälteschock würde sie ausknocken und trotz der rauen Flut würde ihr Körper unbarmherzig auf dem Steinstrand aufprallen, bevor die See sie holen würde.

Die Frau trat vor und ließ sich fallen.

Für die darauffolgenden Millisekunden herrschte absolute Stille in Loens Kopf. Wie in Zeitlupe sah er sich zu, wie er ihr hinterhersprang. Die Stille brach, als die größte aller Flutwellen am Steinfels zerbarst. Das Wasser einverleibte sich ihren Körper, der im weißen Wellenschaum verschwand. Loen spürte das Salzwasser auf seinem Gesicht, sein Kopf tauchte unter. Sein Arm erwischte ihre Taille, ehe die schiere Masse des Wassers sie in schwindelerregender Geschwindigkeit auf den Grund drückte.
 
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