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Die Expansion der Botmutter

GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P16 / Gen
27.12.2020
17.04.2021
18
39.396
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27.12.2020 1.871
 
Ich stand wieder am Fluss, zurück an dem Abend, der mein letzter im meinem normalen Leben sein würde. Es war schummrig. Ein rauher Wind fuhr über das Wasser. In den dunklen Wolken über der Stadt betrachtete ich die Blitze, doch dies war kein normales Gewitter. Ab und an sah ich ungläubig, wie so etwas wie gigantische Roboter in einem Kampf aus den Wolken hervorkamen und wieder darin verschwanden. Ich konnte den Blick nicht davon abwenden und versuchte, eine logische Erklärung zu finden für das, was ich sah und was nicht sein konnte. Jedes Mal, wenn sie verschwanden, überlegte ich, ob meine Nerven mir einen Streich gespielt hatten und es nichts Anderes als Blitze und Wolken waren, die ich gesehen hatte, doch sobald sie wieder auftauchten, belehrte mich der Anblick eines Besseren.



Ein heftiger Schlag teilt mir mit, dass meine Aufmerksamkeit in der Realität gebraucht wird und ich verlasse die Simulation. Meine Sensoren zeigen an, dass sich außerhalb der Kapsel kein Sauerstoff befindet: Wo bin ich? Meinen Berechnungen zufolge muss ich mich im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter befinden. Ich habe irgendwie auf ein Wunder gehofft, dass ich ihn einfach passieren würde. Nun gut, muss ich damit klarkommen.

Ich suche mit Hilfe meiner Datenbank und einigen Berechnungen das größte Objekt in der weiteren Nähe - es ist Ceres. Ich könnte in ein paar Wochen dort sein - leider hat mein Impakt mir meine Geschwindigkeit genommen. Ceres hat nur wenig eigene Gravitation. Ich kann es nicht nutzen, um auf meine alte Geschwindigkeit zu kommen, doch wenigstens wird es meine Reise zur Erde insgesamt verkürzen. Ich transformiere notgedrungen in meine Botgestalt - ich kann nicht leiden, wie ich darin aussehe, wie sie meine Gefühle unterdrückt und meine Gedanken verändert und vor allem bin ich darin anhand meiner Energiesignatur auffindbar, die sonst größtenteils von meinem menschlichen Fleisch abgeschirmt wird. Ich halte es kurz: Klappe meine Antriebe aus, beschleunige in Richtung Ceres auf einer kalkulierten Bahn, bei der ich nicht mit anderen Himmelskörpern zusammenstoßen werde und transformiere wieder in meine Kapselform.



In meiner Kapselform ist mein menschliches Fleisch in Hibernation und braucht weder Nahrung noch Schlaf. Ich vertreibe mir die Zeit mit Simulationen und versetze mich zurück nach Cybertron. Wie so oft.

"Siehst du das?"

Wir standen am Rand einer metallenen Straße - wie unnötig zu erwähnen, denn alles war aus Metall hier - darunter ging es hunderte Meter abwärts bis zur nächsten Ebene der Stadt, mit eigenen Straßen und Häusern und weiteren Abgründen - ich bekam Angst vor der Tiefe und hielt respektvollen Abstand von der Kante. Doch es war kein schönes Metall, es war stumpf und hässlich.

Viele der Häuser und Straßen zierten Rostflecken. Neben mir stand ein zehn Meter hoher, grauer, humanoider Roboter. Er zeigte auf einen Stadtteil, der besonders stark verfallen war. Unter seinem eigenen Gewicht war das Gebäude unten eingesackt, die Straße an den rostigsten Stellen hinabgebogen bis zur Ebene darunter, wo das schiefe Gebäude, das über mehrere Ebenen erwuchs, nur noch von den Straßen selbst am endgültigen Einstürzen gehindert wurde.

Mit leuchten roten Augen - ich meine optischen Sensoren - schaute mich der Roboter an. "Das ist alles deine Schuld. Jetzt gib mir den Würfel, damit ich den Schaden begrenzen kann."

"Ich ... ich kann nicht." Und etwas leiser: "Und ich sehe nicht, warum ich es versuchen sollte, wenn du damit meine Heimat zerstörst."

"Ich dulde keinen Widerspruch!", brüllte er wütend, packte mich und schleuderte mich fort.

In hohem Bogen flog ich durch die Luft, zerstörte Straßen und Häuser sausten an mir vorüber.

Kurz vor dem Aufprall, der meinen menschlichen Körper zerschmettert hätte, erwachte ein neuer Überlebensinstinkt und ich transformierte in meine Botgestalt - ich sollte "Congestalt" sagen, doch ich weigerte mich, mich als Decepticon zu bezeichnen. Metall umschloss meinen menschlichen Körper, formte lange Klauen und Hinterbeine mit hohen Sprunggelenken - das hatte sich an diesem Ort als nützlich erwiesen. Da ich viel auf allen Vieren lief, weil ich so schneller war, schob sich als Ausgleich ein langer Schwanz aus.

Megatron hatte mich zur Strafe in die Arena geworfen, eine große Halle, deren Dach schon eingestürzt war und in Trümmern herumlag. Die Wände wurden von den Zuschauertribünen gesäumt - schräge Rampen führten von den Eingängen hinauf zu riesigen Stufen, sodass Cons jeglicher Form und Größe Zutritt und Sitzplatz fanden. Ein Decepticon etwas größer als ich erwartete mich bereits mit gezogenem Schwert im Ring und griff an.

Es war ein ungleicher Kampf. Ich hatte keine Waffen, keine Antriebe zu dem Zeitpunkt, keine besonderen Funktionen. Ich duckte mich auf alle Viere, um einem Hieb auszuweichen, sprang weg, lief um ihn herum. Zumindest verschaffte es mir Zeit, mir einen Plan zu überlegen. Leider war ich vollkommen uninspiriert.

Der Con trieb mich schließlich - wie hatte ich das übersehen können? - in eine Ecke und versetzte mir ein paar gewaltige Hiebe, die meine Hülle zerbeulten und meine Mechanik beschädigten, sodass mein Botkörper mir nicht mehr gehorchte. Wenigstens hielt sich der Schmerz, den ich fühlte, im Vergleich mit der Beschädigung stark in Grenzen. Für einen Cybertronier war das nichts. Dann ließ er von mir ab. Sie waren alle angewiesen, mich leben zu lassen.

Völlig benommen kam ich teilweise zu Bewusstsein als sie mich über die Straße schleiften. Dunkel hörte ich Megatrons Stimme mit Abscheu: "Du kannst es nicht mal mit dem schwächsten meiner Untertanen aufnehmen. Du bettelst darum, dass ich das Leben von Würmern verschone. Sie sind nichts wert im Vergleich zu uns. Ich lasse nicht zu, dass dein Egoismus das Fortbestehen unserer Spezies gefährdet. Zum Dok."

Sie schleiften mich zum "Labor" des Doktors, einem Raum voller Schrott eines kniehohen Cons, der auf seinen sechs spitzen Beinen herumlief wie ein widerliches Insekt.

"Auf den Tisch mit ihr", befahl er und die anderen beiden Cons verließen die Hütte. Anders als der Name vermuten ließ, bestand seine Aufgabe nicht darin, mich zu reparieren - mein Gesundheitszustand, meine maschinelle Unversehrtheit waren ihnen vollkommen egal.

"Wie geht es dir?", fragte er, lief mit seinen pieksigen Beinen über mich - ohne mich zu treffen, aber schon der Gedanke war schmerzhaft - und riss ein paar der am meisten beschädigten Teile ab. "Vollkommen kaputt!"

Ich warf einen Blick auf meine Sensoren. Um ein paar aussagekräftige Messwerte zu bekommen, versuchte ich meinen menschlichen Körper aus der Hibernation zu wecken und er antwortete mit Schmerz, daher ließ ich ihn wieder schlafen. Mein menschlicher Körper war stark verletzt, aber am Leben. Es war mir nicht möglich, in meine Menschengestalt zu transformieren, wenn ich zu sehr verletzt war. Ich fand das gruselig und fragte mich, was wohl wäre, wenn mein menschlicher Körper starb. Würden meine Sensoren dann das verrottende Fleisch messen ...

"Könnte besser sein", antwortete ich schließlich auf seine Frage danach, wie es mir ging. Einfach nur, weil ich wusste, dass es ihn nicht interessierte.

"Halt den Mund", erwiderte er und begann, irgendwelche Kabel an meinem Oberkörper anzuschließen. "Hier, mach dich nützlich und wirf deine Messungen auf den Bildschirm."

Er wollte meine Lebensfunktionen überwachen, damit ich nicht aus Versehen starb, solange sie nicht an den Allspark gelangt waren. Ich tat ihm den Gefallen. Da Roboter nicht schliefen und ich nicht ertragen konnte, wie er an meinem Körper herumbastelte, schaltete ich meine Außensensoren ab und speiste eine Simulation in mein Gehirn, um mich wie mit einem Traum selbst zu beschäftigen.



Als ich nach dem nächsten Aufschlag meine Aufmerksamkeit wieder auf die Gegenwart richte, wundere ich mich - Sauerstoff? Eine für Menschen annehmbare Atmosphäre und Temperatur? Ich transformiere in meine Menschengestalt und staune nicht schlecht, als ich über mir Meter um Meter Stein und Metall entdecke, Tunnel und Rohre, die ich durch meine Landung beschädigt habe, eindeutig menschlich. Nur in großer Ferne über mir sehe ich einen dunklen Fleck, was der Himmel sein könnte. Wie ist das alles möglich? Hm, meine Uhr sagt, dass seit meiner Flucht von Cybertron über 300 Jahre vergangen sind. So lange ... Es sieht aus, als hätten die Menschen mittlerweile persönlich den Gürtel erreicht. Gut, dann muss ich nicht selbst zur Erde fliegen, sondern kann bequem per Raumschiff reisen.

Ich versuche aufzustehen, doch meine Muskeln sind noch nicht auf Betriebstemperatur erwärmt - ich bewege sie so gut es geht, um die Erwärmung zu beschleunigen. Schnell, ich höre oben bereits Stimmen von Leuten, die den Schaden begutachten, den ich verursacht habe. Und das Zischen von entweichendem Sauerstoff. Ich schiebe ein paar Trümmer von mir herunter und kratze mich dabei an einem Rohr, das halb aus der "Wand" schaut. Schnell zwänge ich mich in den nächstbesten Spalt und mache mich kriechend aus dem Staub, bevor mich jemand hier findet und unangenehme Fragen stellt.

Nach einigem Gezwänge, Geschiebe und Gelaufe durch Gänge mit Rohren, Schrott und Trümmern gelange ich schließlich durch eine Tür in den Tunnel eines Eisenbahnsystems, von dort wandere ich weiter und schleiche mich in einem unbeobachteten Moment auf den Bahnsteig. Mit Erleichterung stelle ich fest, dass die Menschen noch aussehen wie früher und die meisten sind genauso dreckig wie ich, weswegen mich niemand beachtet - auf Ceres ist das Wasser wohl knapp bemessen, natürlich. Allerdings verstehe ich kein Wort von dem, was sie sagen, höchstens vereinzelt. Aus den Augenwinkeln entdecke ich Kameras und versuche, mein Gesicht von ihnen abgewandt zu halten, nur für alle Fälle. Ich erreiche die "Straße", wo sich Leute dicht gedrängt zwischen Häusern mit Reklameschildern und Marktständen tummeln.

Ich bin überglücklich, wieder unter Menschen zu sein und grinse über beide Ohren. Hier bin ich normal, alle ignorieren mich, niemand starrt mich an. Ich tue, als würde ich mich nach den Waren umsehen, betrachte aber eigentlich die Stadt an sich und mache mich mit den Gegebenheiten vertraut. Viele Leute haben elektronische Geräte dabei - ach, das ist nur weiterentwickelte menschliche Technologie, so wie unsere Smartphones von damals, nur noch fancier mit dem durchsichtigen Gehäuse und mit den Hologrammen, die sie in die Luft projizieren können. Es wird oft damit bezahlt, doch auch Münzgeld wird noch verwendet, außerdem sehe ich recht wenig Überwachungskameras - gut, gut.

Ich betrete ein Elektronikgeschäft und tue, als würde ich mich für diese Smartphones interessieren. Aufgeregt surfe ich zu einem Musikshop, um die neuen kulturellen Errungenschaften zu bewundern und vielleicht ein paar alte Perlen von der Erde wiederzufinden - mal schauen, ob meine notdürftigen Rekonstruktionen sehr weit vom Original entfernt liegen. Doch die aktuelle Musik klingt mehr oder weniger wie früher, nur irgendwie noch langweiliger. Was für eine Enttäuschung.

Dann suche ich nach Informationen über die lokale Sprache - okay, das lateinische Alphabet wird noch verwendet und an die weiterentwickelte Form von Englisch werde ich mich gewöhnen. Ich öffne ein Wörterbuch über Gürtler Kreol, das auf Ceres weit verbreitet ist. Ich finde keine Möglichkeit, das W-Lan auszuschalten - wie auch immer das heutzutage heißt und welche Technologie dahinter steht - also muss es auf den langsamen Weg gehen. Ich scrolle durch das komplette Wörterbuch und leite die visuellen Informationen direkt an mein internes System weiter, wo ich sie abspeichere. Sofort setze ich mein System auf die Daten an und lerne die Sprache. Genau genommen haben nun meine maschinellen Teile die Sprache gelernt - mein Gehirn ist nach wie vor menschlich und sehr langsam dagegen im Lernen, doch da beide gut miteinander vernetzt sind, macht das keinen Unterschied. Auf die gleiche Weise eigne ich mir die moderne Variante des Englischen an.
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