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Hilfsengel e.V.

Kurzbeschreibung
OneshotFantasy, Freundschaft / P6 / Gen
26.12.2020
26.12.2020
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Kalenderwoche 52 von Mozambique:
Engel für eine Nacht
Weil das Christkind zu viel zu tun hat, schickt es einige junge Engel auf die Erde, damit die seine Aufgaben übernehmen. Aus Gründen, die dir freigestellt sind, muss dein Protagonist einem der Engel helfen, damit alle Kinder an Weihnachten auch ihre Geschenke bekommen.

Wochen-Challenge
_________________________

Schallendes Lachen dröhnt durch den Raum und die Gläser werden zum Anstoßen gehoben. Es ist mal wieder der Tag des Heiligen Abends und alle Mitarbeiter und die Chefin des Taxiunternehmens sitzen im Aufenthaltsraum der Firma. Die Zeit ist schon recht fortgeschritten, aber niemand geht nach Hause, weil sie alle auf zwei besondere Gäste warten.
In all der Zeit ist es zur Tradition geworden, dass sie sich immer an diesem Abend mit ihnen treffen, gemeinsam einen heben und die wenigen Angestellten, welche eine eigene Familie haben, bringen diese nun alle Jahre wieder mit hierher.

„Wie spät haben wir es? Müssen wir schon die Fenster öffnen, bevor wieder was zu Bruch geht?“, fragt ein bulliger Taxifahrer mit Vollbart und starrt auf die Wanduhr. Tatsächlich. Langsam sollten sie die Einflugschneise frei machen, was auch direkt geschieht.
Kaum fünf Minuten später fegt ein heftiger Wind durch die Räumlichkeiten und kurz darauf krachen die Glasscheiben zu. Es erklingt ein kurzes Klirren, aber nichts zerplatzt oder zerbricht. Bewundernd sieht die Chefin des Unternehmens die beiden sehnsüchtig erwarteten Besucher an und nickt anerkennend: „Gratulation. Das erste Jahr, in dem ihr nichts kaputt macht, wenn ihr hier ankommt. War der Flug angenehm?“

Glockenhelles Lachen erklingt und schon werden alle von den beiden Neuankömmlingen begrüßt. Ihnen wird traditionell ein gefülltes Schnapsglas gereicht, welches die beiden Besucher mit einem Lächeln entgegen nehmen.

Nachdem sie mit allen angestoßen haben, spricht der Erste die Chefin der Taxifahrer an: „Naja, nach beinahe fünfzehn Jahren Wiederholung sollte das eigentlich auch der Fall sein, findest du nicht? Die Zeit ist aber auch schnell vergangen. Es kommt mir vor, als wäre es erst gestern gewesen, dass wir zusammen gefunden haben.“ Allgemeines Zustimmen erfüllt die Luft und plötzlich steht die Tochter eines Fahrers vor den beiden speziellen Gästen. Sie ist das erste Mal dabei, schaut mit großen Augen nach oben und fragt kindlich unschuldig: „Was war denn vor fünfzehn Jahren, dass ihr hier aufgetaucht seid?“

In jedem Gesicht, welches damals hautnah dabei war, erscheint ein Schmunzeln, manche lachen ungehalten los. Die Geschichte ist so unwirklich, so dumm, wie sie lustig ist. Also setzt sich der zweite Spezialgast auf einen Stuhl und zieht das Kind auf seinen Schoß, ehe er anfängt zu erzählen: „Vor fünfzehn Jahren sahen mein Kollege und ich uns einer schier unmöglichen Aufgabe gegenüber. Beinahe wären ganz viele Kinder an Heilig Abend furchtbar traurig gewesen, weil sie keine Geschenke bekommen hätten, wenn es da nicht diese mutigen Helden, von diesem Taxiunternehme, gegeben hätte. Dein Opa zählte übrigens auch zu. Es ist die Geschichte, wie Hilfsengel e.V. entstand.“


~


Noch einmal wurden alle Speisen überprüft, welche der Cateringservice gebracht hatte. Das Taxiunternehmen Meier veranstaltete dieses Jahr seine Weihnachtsfeier an Heilig Abend, da viele der Fahrer in Bereitschaft waren und somit so oder so nicht nach Hause fahren konnten. Deren Familien kamen später dazu oder aber verschoben die Bescherung auf den nächsten Abend.

Nachdem feststand, dass alles vorhanden war, konnte die kleine Gemeinschaft den Abend solange genießen, bis irgendwann das erste Handy klingeln würde und betrunkene Partygäste einen Abholdienst benötigten.
Die Teller wurden gut gefüllt. Zu essen gab es gebratene Ente, Klöße und Rotkohl. Wer dem nichts abgewinnen konnte, hatte die Wahl zwischen einem deftigen Bohneneintopf, gebackenem Fisch oder aber Knoblauchbrot und Kartoffelsalat. Auch zu trinken gab es allerhand, selbstverständlich handelte es sich jedoch ausschließlich um nicht alkoholische Getränke. Was die Inhaberin in ihrem Schrank versteckte, war eine andere Sache.

Das Buffet war noch nicht lange eröffnet, da stieg die Chefin persönlich auf einen Stuhl und brachte alle mit einem lauten Pfiff zum Schweigen. Sämtliche Aufmerksamkeit richtete sich auf sie und somit konnte sie ihre kleine Ansprache halten: „Ich bin gerührt, dass wir heute alle hier zusammen den vierundzwanzigsten Dezember miteinander verbringen können und auch, dass die Familien meiner Angestellten damit einverstanden waren. Was soll ich großartig sagen? Wir sind zwar nur ein kleines Unternehmen von insgesamt sechs Mann und zwei Frauen, aber ich finde, dass wir ein wirklich gutes Team sind. Da wir dieses Jahr einen guten Gewinn hatten, habe ich mir erlaubt, euch allen auch ein ordentliches Weihnachtsgeld zu zahlen. Nicht zuletzt auch, weil die meisten von euch am heutigen Abend auch noch in Bereitschaft sind. Ich danke euch allen für dieses tolle Jahr und hoffe, dass wir auch noch viele weitere erleben werden.“

„Ein Hoch auf Griselda! Du bist die beste Chefin, die ich jemals haben durfte“, dröhnte die tiefe, brummige Bassstimme von Bruno durch den Saal. Er war der Firmenopa, da er sich lediglich etwas zu seiner Rente dazu verdiente. Der alte Mann konnte es nicht leiden nur zu Hause zu sitzen, hatte sich daher wieder eine Beschäftigung gesucht und war somit beim Taxiunternehmen Meier gelandet.

Auf diesen Satz stimmten die anderen Kollegen ein und sprachen der Firmenleiterin ebenfalls einen Toast aus. Auch danach gab es wieder jede Menge Gelächter, verrückte Anekdoten und Witze. Doch lange sollte es nicht mehr so ruhig und gemütlich bleiben.

~


Sie wussten beide nicht, wie sie das alles bewerkstelligen sollten. Ausgerechnet am heutigen Tag musste natürlich alles schief gehen und somit flogen die zwei jungen Engel Ismael und Herikel schwer beladen durch die Menschenwelt. Eigentlich wären das die Aufgaben von Christkind und Weihnachtsmann, aber von ihnen fehlte jede Spur. Lediglich ein Zettel hing aus, dass alle Engel sich bitte um die Verteilung der Geschenke kümmern möchten.
Nun hatten die beiden geflügelten Wesen jedoch das Problem, dass sie weder eine Ahnung hatten, wo sich die ganzen Adressen der Kinder befanden, noch welches Geschenk zu wem sollte. Natürlich waren alle unterschiedlich eingepackt, aber die Notizen waren so chaotisch und krakelig, dass keiner der beiden sie entziffern konnten. Außerdem waren die Säcke, zwölf an der Zahl, so schwer, dass Ismael und Herikel kaum fliegen konnten und immer wieder nach unten, gen Boden, gezogen wurden.

Keiner von ihnen sprach ein Wort, bis in ihren Gedanken plötzlich die herrische Stimme Gabriels erklang: „Ich habe die beiden Ausreißer gefunden. Ich habe jedoch keine guten Nachrichten für euch alle. Sie sind betrunken und bekommen kaum ein vernünftiges Wort heraus. Ihr seid auf euch allein gestellt.“
Das war nun wirklich das Letzte, was die beiden Engel hören wollten. Zu ihrem Unglück dauerte die geistige Nachricht auch zulange und somit flogen sie direkt in ein Luftloch hinein. Durch das Gewicht der Geschenke wurden sie so schnell in die Tiefe gezogen, dass es auch keinerlei Aussicht auf Auftrieb gab.

Ismael und Herikel fielen. Sie fielen beinahe ungebremst immer weiter Richtung Erdboden. Sie waren von dieser Tatsache so überrascht und auch überfordert, dass sich nicht einmal ein Schrei aus ihren Kehlen lösen konnte. Die zwei Himmelsgesandten konnten nichts anderes tun, als hinab zu starren und auf den Aufprall zu warten. Sie wussten, dass es sie nicht umbringen würde, aber es würde ihnen wohl viele Knochen brechen.
Doch plötzlich erfasste sie ein heftiger Windschub und trieb sie zur Seite. Die geflügelten Sagengestalten dankten Gabriel im Geiste für diese Hilfsleistung, allerdings war es nicht genug. Statt an Höhe zu gewinnen, wurden die Engel immer weiter zur Seite gestoßen und im nächsten Moment konnte man das Klirren von zerberstenden Glas hören, sowie das Brechen von Holz und mehrere, aufgeregte Schreie.

Vollkommen desorientiert und mit schwarzen Flecken vor den Augen umher springend, sahen sich die beiden Abgesandten des Himmels in der neuen Umgebung um. Sie waren in einem Saal gelandet, es roch köstlich und um sie herum… standen Menschen. Da standen zwei Frauen und sechs Männer und starrten die beiden an, als wären sie verrückt geworden.
Doch für die Engel war es ein noch größerer Schock. Kein Erdling durfte von ihrer Existenz wissen. Oder besser gesagt, kein Erdenbürger durfte die Bestätigung erhalten, dass es sie wirklich gab und nun wussten es gleich acht auf Schlag.

Bei Ismael brachen zuerst alle Dämme. In einer Mischung aus Hysterie, Verzweiflung, Ärger und Angst fing der Jungengel an zu weinen und verkroch sich noch weiter an die Wand, an welcher er schon lehnte. Herikel war wie erstarrt und brachte keinen Ton heraus. Aber auch ihm flossen stumme Tränen über die Wangen, während er die Menschen vor sich zurück anstarrte.
Noch größer wurde seine Angst, als ein besonders großer und bulliger Mann auf ihn zukam. Für den Engel sah er wie ein Raubtier aus, in seinen Gedanken wurden seine schneeweißen Flügel bereits gerupft und er misshandelt. Schnell kniff das geflügelte Wesen die Augen zusammen und rollte sich schon halb ein, als nichts weiter geschah, als dass dieser massige Mann seine prankenähnliche Hand auf Herikels schwarzen Haarschopf legte und diesen liebevoll streichelte.

Verwirrte sah der Engel wieder hinauf und erkannte, dass die harten Gesichtszüge des Menschen etwas sanfter geworden waren und nun erklang die dunkle Bassstimme des Fremden: „Ganz ruhig Kleiner. Ich fress´ dich schon nicht auf. Ich hatte gerade Entenbraten.“
Herikel wusste in diesem Moment nicht, ob er lachen oder schreien sollte, aber nun sackte auch er endgültig in sich zusammen und schlug die Hände vor sein Gesicht und weinte hemmungslos.

~


Als die Fensterscheiben plötzlich zerbrachen und zwei unbekannte Gestalten wortwörtlich hineingeweht wurden, erschraken selbst die hartgesottensten Leute unter den menschlichen Anwesenden. Mit gemischten Gefühlen besahen sie sich die geflügelten Wesen und wussten mit der Situation absolut nichts anzufangen. Selbst die schlagfertige Griselda war sprachlos und konnte mit diesem Ereignis nicht umgehen.
Allerdings stellte sich bei fast allen Menschen eine absolute Überforderung ein, als die beiden offensichtlichen Engel nun auch noch anfingen zu weinen und die Erdlinge betrachteten, als würden sie gleich wie wilde Tiere über sie herfallen.

Nur Bruno löste sich aus seiner Starre und ging auf den schwarzhaarigen Engel zu. Der Kleine tat ihm leid, denn egal was ihm gerade passiert war, es musste für ihn ein Schock sein. Seine eigene Tochter erwartete auch gerade ihr erstes Baby und der bullige Mann konnte nichts gegen seine Opainstinkte tun. Also schritt er auf das erstarrte Häuflein Elend zu und begann ihm sanft den Kopf zu streicheln. Natürlich hatte er die Angst in den Augen dieses Wesens gesehen, aber so würde es wohl jedem gehen, der gerade durch ein Fenster gestürzt war.
Bruno musste sich jedoch eingestehen, dass die Worte, dass er gerade Entenbraten hatte und dem Engel daher nichts tun würde, vielleicht doch ein wenig fehl am Platz waren und zuckt demnach selbst zurück, als der Schwarzhaarige vor ihm nun ebenfalls laut anfing zu weinen.

„Du Hohlkopf! Sagst du einer Kuh auch, dass sie ganz ruhig bleiben soll, denn du hast gerade Kalb gegessen, oder was?“, entfuhr es ungehalten der Chefin des Taxiunternehmens. Sie konnte es überhaupt nicht ertragen, wenn Kinder weinten und in ihren Augen waren diese beiden Neuankömmlinge genau das.
Kopfschüttelnd zeigte sie zuerst auf Bruno, dann auf einen weiteren, bulligen Taxifahrer und herrschte die beiden an: „Schnappt sie euch und setzt sie jeweils auf einen Stuhl. Die beiden sind ja vollkommen durch den Wind.“

Gesagt, getan. Während die beiden Männer zugriffen, um die Fremden anschließend auf eine Sitzgelegenheit zu drücken und die Engel losschrien wie abgestochene Schweine, setzte sich Griselda ihnen gegenüber auf den Stuhl. Als die beiden geflügelten Wesen in eine Schockstarre verfallen waren und wie das Kaninchen vor der Schlange dasaßen, schob die Chefin den beiden über den Tisch jeweils ein gefülltes Schnapsglas zu, verschränkte die Arme vor der Brust und sagte: „Nun trinkt erst mal einen. Ihr seht mich ja an, als würde ich euch gleich rupfen.“
Zur Überraschung aller Anwesenden sprang der schwarzhaarige Engel auf und zeigte auf den Alkohol, bevor er immer noch leicht hysterisch rief: „Niemals fasse ich dieses Teufelszeug an! Wegen jenem Gebräu haben wir eh schon genug Scherereien.“

Griselda hob nur eine Augenbraue und kehrte nun ihren Befehlston heraus: „Mach sitz, Pechmarie und trink den Klaren aus. Das beruhigt die Nerven und lockert dich auf.“ Dabei deutete sie dem Fremden in einer nachdrücklichen Geste an, dass er ihrem Befehl Folge zu leisten hatte, was dieser auch sofort tat. Zumindest was das Hinsetzen betraf.
Doch der blondhaarige Engel tat direkt, was die Chefin verlangte. Schneller als alle schauen konnten, hatte er den Alkohol an die Lippen gesetzt, ihn seine Kehle hinabgestürzt und knallte das Glas wieder auf den Tisch. Mit einem leichten Schmunzeln beobachteten die Taxifahrer den Vorgang und Bruno klopfte dem Blonden auf die Schulter: „Als hättest du noch nie was anderes getan.“

„Brummbär, zurück auf deinen Platz in der Reihe“, befahl die Chefin ihrem Angestellten und widmete sich nun wieder den beiden Engeln, „Nun zu dir, Goldmarie. Was verschafft uns die Ehre zweier Engel, welche mit zwölf prall gefüllten Säcken durch unser Fenster krachen und heulen wie die Schlosshunde?“ Auf die Antwort war sie wirklich gespannt, immerhin kam sowas nicht alle Tage vor und laut dem Ausbruch des Schwarzhaarigen Engels musste es eine sehr unterhaltsame Geschichte sein.

~


Herikel konnte nur entsetzt dabei zusehen, wie Ismael den Alkohol trank. Hatten sie nicht schon genug Sorgen wegen diesem Zeug? Und nun widersetzte sich der blondhaarige Engel noch nicht einmal dem Befehl eines Menschen? Doch auch der Schwarzhaarige musste feststellen, dass auch er wieder Platz genommen hatte. Diese Menschenfrau hatte aber auch einen ähnlichen Befehlston wie Gabriel. Doch bevor sich seine Gedanken um die beiden Namen, welche die Frau vor ihnen den Engel gab, drehen konnten, sprudelten die Worte nur so aus seinem Kameraden heraus und Ismael erklärte allen Anwesenden, was geschehen war: „Es ist einfach schrecklich! Es ist der Heilige Abend und wir haben nur eine Notiz vom Christkind gefunden, dass wir Engel uns um die Vergabe der Geschenke zu kümmern haben. Die Schriftstücke sind kaum lesbar, das Christkind und der Weihnachtsmann waren bis vor Kurzem noch verschwunden. Dann gab uns der Erzengel Gabriel die Nachricht durch, dass er die beiden gefunden hat. Betrunken. Unzurechnungsfähig und wir…“ Die Dämme brachen erneut und Ismael ließ den Tränen der Verzweiflung freien Lauf.

Herikel beobachtete, wie die Fremde das Glas von seinem Kameraden wegzog und kopfschüttelnd meinte: „Gut, Freund der Sonne, du bekommst definitiv keinen mehr.“ Dann fixierten sie den Schwarzhaarigen, welcher direkt stramm saß. Sie musste ihm nicht sagen, was sie wollte. Der Engel verstand so und sprach zögerlich weiter: „Die Säcke waren zu schwer und durch die Ablenkung, welche von Gabriels Nachricht bezüglich Christkind und Weihnachtsmann ausging, haben wir das Luftloch zu spät realisiert und sind abgestützt. Dank dem Erzengel hat uns der Wind vor dem Aufprall auf dem Erdboden gerettet und hier rein getrieben. Leider haben wir keinerlei Kenntnis darüber, wo sich die einzelnen Adressen in dieser Stadt befinden, geschweige denn, welches Kind welches Geschenk bekommen soll. Wir… wir konnten die Schrift in keinster Weise entziffern.“
Betrübt konnte der schwarzhaarige Engel nur den Kopf hängen lassen, doch ein Seufzen ließ ihn direkt wieder Aufsehen. Die Menschenfrau hielt ihm die Hand hin und sagte dann: „Ich bin Griselda Meier und ihr beiden seid in die Weihnachtsfeier meines Unternehmens geplatzt. Sämtliche Fahrer sind anwesend. Gib mir mal eure Notizen.“

Vollkommen baff von den Worten der Frau, war Herikel zu keiner Handlung fähig. Doch Ismael hatte die geforderten Informationen direkt aus seinem Gewandt gekramt und auf dem Tisch verteilt. Nachdem der blondhaarige Lockenkopf die gefühlten unendlich vielen Zettel ausgebreitet hatte, sah er flehend zu der Chefin der Taxifahrer. Diese studierte kurz die Zettel und wank dann die andere Frau ran: „Hey Lydia. Komm mal her, Liebes. Wie schnell bekommst du das zusortiert und kannst neue Ausweise anfertigen?“
Ismael bestaunte die zweite Frau. Sie hatte, genau wie er, goldenes Haar, welches glatt bis zu ihren Schultern fiel. Auf der Nase thronte eine rahmenlose Brille und ihre Augen huschten so schnell über die Zettel, dass er kaum folgen konnte. Der Engel wusste zwar, dass es einen Gott gab, aber in seinen Augen war genau jetzt diese Frau seine Göttin, denn noch während sie die Zeilen, ganz offensichtlich ohne große Mühe, lesen konnte, hatte sie alle Paare zusammen gefunden und übereinander gelegt. Ismael bekam kein Wort heraus und starrte die blondhaarige Lydia einfach nur an. Sie musste eine sagenumwobene Heldin sein.

Auch Herikel traute seinen Augen kaum und seinen Ohren noch weniger, als die Frau mit der Brille zu Griselda sprach: „Gib mir fünfzehn Minuten. Dann haben alle Fahren einen Fakeausweis für heute Abend. Teil du sie ein. Ich bin gleich zurück.“ Und schon war sie in ein anderes Zimmer verschwunden.

Herikel griff nach dem ersten Zettelpaar, doch die Schrift konnte er nach wie vor nicht lesen. In den Geschichten die er kannte, war die menschliche Rasse immer als grausam und egoistisch bezeichnet worden. Doch hier wurden sie beide behandelt, als wären sie schon immer da gewesen. Auch die nächsten Worte der Chefin sorgten dafür, dass der Engel seine Gedanken nicht ordnen konnte: „Fertig machen zum Dienst, Jungs. Wir haben heute Nacht einen himmlischen Auftrag. Bruno, du schnappst dir Pechmarie und nimmst ihn auf deiner Tour mit. Harry, du bekommst Goldmarie mit ins Auto. Jeder Fahrer nimmt sich zwei Säcke. Es sind zwölf vorhanden. Lydia wird euch die entsprechenden Adressen in eure Navigationssysteme einspielen.“
Beide Engel beobachteten, wie jeder Mann zur Chefin ging und sich ein Zettelpaar abholte. Es lief wie ein gut geöltes Uhrwerk.

Endlich kamen alle Informationen auch in Herikels Gehirn an und mit einem überraschten Gesichtsausdruck sah er zu der Chefin: „Heißt… heißt das, dass ihr uns helfen wollt? Aber warum? Es ist doch überhaupt nicht eure Aufgabe und eigentlich müssten wir sogar euer Gedächtnis löschen, weil ihr nicht einmal wissen dürft, dass wir existieren.“ Wieder stieg Panik in dem jungen Engel auf, denn dieser Fakt war ein ungeschriebenes Gesetz.
Doch Griselda ließ sich nicht beirren und erteilte zuerst noch weitere Anweisungen: „Sucht die richtigen Geschenke raus und beladet eure Autos und das Ganze mit etwas mehr Tempo, wenn ich bitten darf. Legt einen Zahn zu, sonst mach ich euch Beine, verstanden?“

Was geschah hier gerade? Weder Ismael noch Herikel konnten das Geschehen wirklich einordnen, doch beide fanden sich plötzlich in jeweils einem merkwürdigen Gefährt wieder und die Umgebung flog nur so an ihnen vorbei. Zum ersten Mal in ihrem Leben erfuhren sie tatsächlich so etwas wie Nächstenliebe und das auch noch ausgerechnet von Menschen. In ihrem Inneren brach etwas, als sowohl der Blondhaarige, als auch der Schwarzhaarige daran dachten, dass sie allen ihren Rettern die Erinnerung nehmen mussten.

~


Bruno hatte die erste Adresse bereits angetippt und war auf dem Weg dorthin, als er die angespannte Haltung seines Fahrgastes aus den Augenwinkeln bemerkte. Der fast Siebzigjährige seufzte und suchte schließlich das Gespräch mit dem Engel: „Was bedrückt dich, Kleiner? Wie ist eigentlich dein richtiger Name und der von deinem Freund?“
Zuerst hielt die Stille von Seiten des geflügelten Wesens an, doch schließlich sprach dieser leise: „Herikel und der andere heißt Ismael.“ Es dauerte einen kleinen Moment, doch schließlich hörte Bruno wieder die Stimme seines Begleiters: „Wir müssen euch eure Erinnerungen nehmen, wenn das alles hier vorbei ist. Niemand darf wissen, dass es uns wirklich gibt. Ich… ich möchte es nur nicht tun. Ihr habt uns einfach geholfen, ohne mit der Wimper zu zucken und habt uns wie einen von euch behandelt. Ich verstehe es einfach nicht.“

Der Engel wischte sich einmal durch das Gesicht. In diesem Fall würde es wirklich schwer werden, seiner Aufgabe nachzukommen. Ob Gabriel es bemerken würde, wenn er sich weigerte? Doch das brummige Lachen von Bruno unterbrach seine Gedanken und der bullige Mann reichte ihm ein laminiertes Kärtchen: „Lies dir mal den Namen durch, den Lydia auf die Karten gedruckt hat.“
Herikel tat wie ihm geheißen und seine Augen weiteten sich. In diesem Moment hielt das seltsame Gefährt vor der ersten Adresse und sein Begleiter stieg aus, um das richtige Geschenk aus dem Kofferraum zu holen.

Der Taxifahrer öffnete die Beifahrertür und sah den Engel abwartend an: „Na nun komm schon, Kleiner. Wir gehen da zusammen hin, immerhin ist es nach wie vor deine Aufgabe, nicht wahr?“ Der Rentner lächelte gutmütig und als der Schwarzhaarige ausgestiegen war, drückte Bruno ihm das Päckchen in die Hand und nahm sich selbst das Kärtchen zurück.
Die Aufregung wuchs in beiden Männern an, als der älter Aussehende nun die Klingel betätigte. Es dauerte etwas, bis die Haustür geöffnet wurde, doch schließlich stand dort ein kleines Mädchen, dass die beiden Männer mit großen Augen betrachtete. Besonders Herikel hatte es ihr angetan, welcher nun doch lächeln musste und dem Kind das Geschenk mit den Worten: „Der Weihnachtsmann hat uns geschickt, um dir dein Geschenk zu bringen. Wir wünschen euch fröhliche Weihnachten“, übergab.

Bruno konnte nicht anders als zu grinsen. Der Engel strahlte eine Wärme aus, wie er es bisher selten erlebt hatte. „Aber wieso schickt der Weihnachtsmann denn euch beiden?“, vernahm der Taxifahrer das zarte und naive Stimmchen des Kindes. Sofort ließ er sich auf ein Knie fallen und hielt das laminierte Kärtchen hoch und erklärte der Kleinen: „Auf der Welt leben so viele Kinder, die auf ihre Geschenke warten, dass der Weihnachtsmann in seinem Alter mittlerweile Hilfe braucht. Deswegen gibt es uns. Wir sind vom Hilfsengel e.V. und helfen dem Weihnachtsmann nur in dieser einen Nacht. Wenn du ganz lieb fragst, dann darfst du bestimmt mal die Flügel von Herrn Herikel hier neben mir anfassen.“

Natürlich begannen die Augen des Mädchens zu strahlen und sofort fing sie an, den Engel darum anzubetteln, das Gefieder einmal berühren zu dürfen. Der Schwarzhaarige ließ es zu.
Wieder im Auto angekommen, gab Bruno dem Engel auf seine Frage nun endlich eine Antwort: „Weißt du, Herikel, es muss nicht immer einen Grund geben, warum man hilft. Ihr brauchtet ganz offensichtlich Hilfe, wir waren alle da und was die Chefin sagt, ist Gesetz. Außerdem wäre es grausam, wenn wir zwei weinende Kinder vor die Tür setzen und damit ganz vielen anderen ihre Geschenke verwehren würden. Griselda vertritt die Ansicht, dass man jeden Tag eine gute Tat vollbringen sollte und danach sucht sie sich auch ihre Mitarbeiter aus. Das ist die Erklärung, warum wir euch ohne Wenn und Aber zur Seite stehen und euch auch nicht anders behandeln. Ihr habt genauso viel Gefühl bewiesen, wie wir Menschen. Also gibt es keinen Grund euch anders zu behandeln." Während Bruno dem Engel dies alles sagte, startete er den Motor, wählte die nächste Adresse aus und sie fuhren weiter.

Es lief bei fast jedem Haus genauso ab, wie beim ersten. Manchmal öffneten die Eltern die Tür, mal die Kinder, aber allen erklärten Herikel und Bruno dasselbe. Im Wagen unterhielten sich die beiden ausgiebig und während der Engel in dem brummigen, aber gutmütigen Mann immer mehr einen Freund sah, so kam der Rentner nicht umhin so etwas wie einen Enkel in seinem Begleiter zu erkennen.
Als sie wieder am Startpunkt ankamen, kehrte eine bedrückte Stimmung sowohl bei den Taxifahrern, als auch bei den Engeln ein. Natürlich waren mittlerweile alle aufgeklärt, was nun geschehen würde. Immerhin waren sie über Funk verbunden und hatten sich auf dem Laufenden gehalten und auch die beiden Engel nutzten dies hin und wieder und ließen sich vieles erklären und machten mal einen Spaß, aber nun sollten sie Abschied nehmen.

Nur Griselda behielt die Fassung einiger Maßen und stemmte die Hände in die Hüften: „So ihr zwei. Eure Aufgabe ist beendet und das weit vor Mitternacht. Nun löscht schon unsere Erinnerung und kehrt nach Hause zurück. Es war eine schöne Abwechslung, aber man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Handelt euch nicht noch mehr Ärger ein.“ Doch auch sie war den Tränen nahe, denn sie war selbst Mutter und die beiden Jungengel hatten ihre Mutterinstinkte geweckt.

Zur Überraschung aller war es Herikel, welcher Ismael an der Schulter packte und zurück zog. Mit einem bestimmenden Tonfall, der zum ersten Mal erahnen ließ, dass der Engel wahrscheinlich älter als alle Anwesenden zusammen war, sprach er: „Nein. Wir bleiben bei euch und feiern mit euch zusammen Weihnachten. Ihr habt uns geholfen und ich würde es nur als gerecht empfinden, wenn ihr nun auch von uns ein Weihnachtsgeschenk bekommt. Wir lassen euch eure Erinnerungen. Das soll unser Dank und euer Geschenk sein.“

~


Mit großen Augen sieht das kleine Mädchen, welches Brunos drittes Enkelkind ist, zu dem schwarzhaarigen Engel auf und fragte dann nach: „Also bist du Pechmarie, von der Opa Bruno immer mal wieder erzählt hat? Und der Erzengel Gabriel hat euch nicht bestraft?“
Herikel lachte leise und gab ihr einen Stupser auf die Nase: „Natürlich war Gabriel außer sich vor Zorn. Aber nachdem er sich selbst ein Bild von den hier anwesenden Menschen gemacht hatte, ebbte dieser ab und wir bekamen sogar die Erlaubnis, euch einmal im Jahr besuchen zu dürfen. Einen einzigen Abend im Jahr dürfen wir uns benehmen, wie ihr Menschen und dieser Abend wird immer heute sein.“

Der Arm eines Mitarbeiters, welcher noch nicht so lange im Unternehmen angestellt ist, legt sich um den Hals von Herikel und mit der freien Hand wuschelt der junge Mann dem Engel durch die Haare: „Bla, bla, Blacky. Nun ist aber genug mit nostalgischen Geschichten. Goldie hat schon das nächste, gefüllte Schnapsglas in der Hand. Wird Zeit, dass du auch endlich wieder mit anstößt und dann wollen wir das Gedicht, wie jedes Jahr, hören. Ist das klar?“

Von weiter hinten erklingt Ismaels Lachen und leicht peinlich berührt erwidert er zur Antwort: „Bruder, wir kommen deswegen doch noch in die Hölle. Alkohol und Verspottung des Christkindes. Das kann nicht gut enden.“ Doch beide Engel heben mit den Menschen zusammen die Gläser, als der Schwarzhaarige das Mädchen wieder auf die Füße gestellt hat. Manche stoßen auf Bruno an, andere auf das Saufgelage von Christkind und Weihnachtsmann.

Gerade als Herikel seinen Klaren getrunken hat, spürt er das seichte Zupfen an seinem Gewandt. Sofort wendet er den Blick hinab und betrachtet wieder die Gesichtszüge von Brunos Enkeltochter, welche ihn nun fragend ansieht: „Geht es Opa da oben gut oder fehlt ihm etwas?“
Der Schwarzhaarige beginnt leicht zu lächeln und lässt sich, genau wie Bruno bei den Kindern vor fünfzehn Jahren, auf ein Knie fallen und reicht der Kleinen den alten Ausweis ihres Großvaters und sagt: „Er beobachtet dich jeden einzelnen Tag und ist wirklich stolz auf dich. Immer, wenn ich ihn sehe, erzählt er mir von deinen Fortschritten. Ich glaube, dass er wirklich glücklich ist und er hat dich sehr lieb, Marie.“
Im nächsten Moment spürt der Engel die kleinen Arme des Kindes um seinen Hals. Ganz behutsam nimmt er Brunos Enkeltochter ebenfalls in den Arm und erkennt die Gutmütigkeit ihres Opas in ihr.

„Herikel, nun beeil dich doch mal. Ich sag das Gedicht bestimmt nicht allein auf. Lass Marie los, du kannst sie später noch genug umarmen und ihr von Bruno erzählen“, herrscht Ismael seinen Kameraden an und der schwarzhaarige Engel löst sich von dem Kind.
Schnell stellt er sich neben den blonden Lockenkopf und gemeinsam sagen sie, traditionell wie jedes Jahr, das Gedicht zu Weihnachten auf, welches Ismael vor fünfzehn Jahren, im eigenen Suff, gedichtet hat.

Denkt euch, ich habe das Christkind gesehen.
Es kam aus der Kneipe und konnte kaum stehen.
Auf Geschenke braucht ihr nicht zu hoffen,
es hat das ganze Geld versoffen.
Es wankte hin zum Tannenwald
und hatte den Arsch voll Hannen Alt.

Gestern habe ich´s wieder getroffen,
und stellt euch nur vor, es war schon wieder besoffen.
Ich blieb gleich stehen und sprach es an:
Sag, Christkind, wo ist der Weihnachtsmann?
Christkind sprach: „Auf den brauchst du nicht zu hoffen.
Der liegt im Wald und ist besoffen.“

Gemeinsam gingen wir zum Weihnachtsmann,
mit glasigen Augen sah er uns an.
Er lallte: „Tag lieber Bruder, Tag liebe Schwester,
leckt‘s mich am Asch, bald ist Silvester!“

(Autor unbekannt)
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