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An meine Angst.

von Viri
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
26.12.2020
26.12.2020
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Liebe Angst,

ich hasse dich. Ich verabscheue dich aus tiefstem Herzen. Ich weiß, ganz ursprünglich bist du da um zu helfen, aber das tust du schon lange nicht mehr.
Anstatt zu helfen, machst du alles nur noch schwerer.
Anstatt zu helfen, belastest du mich.
Anstatt zu helfen, nimmst du mir alles lebenswerte.
Anstatt zu helfen, machst du mich müde. So unfassbar müde.

Ich kann nicht mehr. Manchmal, da halte ich es noch aus. Aber manchmal, da machst du es mir so schwer, dass ich mir keinen weiteren Tag mehr vorstellen kannst.
Du zerstörst mich.

Wegen dir bin ich in mich gekehrt. Wegen dir rede ich nicht. Wegen dir liegt mein Selbstvertrauen zerbrochen am Boden. Und ab und  an trittst du nach und zerbrichst es in noch kleinere Teile, wenn ich es gerade geschafft habe, ein wenig davon wieder zusammenzusetzen.

Es sollte mir nicht schwer fallen, im Unterricht zu reden. Es sollte mir nicht unmöglich erscheinen, zu telefonieren oder Emails zu verschicken.
Es sollte für mich nicht unmöglich erscheinen, einfach mal raus und spazieren zu gehen.
Weißt du wie gerne ich das mal machen würde? Einfach raus gehen, ohne jeglichen Grund. Einfach frische Luft schnappen und mir die Beine vertreten. Nicht mehr. Aber nein, das geht nicht. Weil du es immer wieder schaffst mir einzureden, dass das jemandem auffallen könnte. Dass jemand schlecht über mich denken könnte, wenn ich das einfach mal mache.
Es sollte mir nicht unmöglich erscheinen, mich zu kleiden wie ich will.
Es sollte mir nicht unmöglich erscheinen, zu sein wie ich bin.

Ich weiß auch, dass ich es eigentlich hinbekommen sollte zu sagen, dass ich nicht dumm bin. Aber auch das lässt du nicht zu.
Aber das ist nicht das größte Problem. Was bringt es mir denn auch schon, irgendwas zu wissen, wenn ich mich nicht mal traue, anderen meine Gedanken mitzuteilen. Es könnte ja falsch sein.

Ich hasse dich so sehr, auch wenn du nur helfen willst. Du schränkst mich ein und hast die längste Zeit verhindert, dass ich mir Hilfe suche.
Die längste zeit hast du auch verhindert, dass ich Hilfe annehme, schließlich steht mir das nicht zu. Schließlich geht es mir zwar nicht blendend, aber nicht beschissen. Schließlich würde ich jemanden, der wirklich Hilfe braucht, nur den Platz stehlen.


Aber jemand, dem ich so unfassbar dankbar bin, dass er mir so sehr beigestanden hat und wahrscheinlich auch verhindert hat, dass ich jetzt nicht mehr hier bin, hat es geschafft, dich zu schlagen.
Er hatte immer ein offenes Ohr, wenn niemand anderes da war. Durch ihn habe ich zu jemand anderem Kontakt bekommen, der mir dabei Hilft mit dir fertig zu werden. Natürlich gab es dort Startschwierigkeiten und es hat Monate gebraucht, bist du nicht mehr so laut warst und ich ihr endlich vertraut habe. Jedoch bin ich langsam an einem Punkt, an dem du die meiste Zeit auf mich wirkst, als könnte ich mit dir fertig werden.
Manchmal habe ich immer noch die Befürchtung, dass du einfach plötzlich in alter Stärke zurückkommst und wieder anfängst, mir meine Tage zu ruinieren.
Die meiste Zeit schaffe ich es jedoch, zuversichtlicher als noch am Anfang des Jahres, als ich an meinem Tiefpunkt war, in die Zukunft zu blicken.
Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich dir für deine übereifrige Art verzeihen kann.

Trotzdem lebe ich nicht plötzlich in einer Illusion und weiß, dass du nicht einfach weg bist. Dass du nicht einfach klein bei gibst und den Mund hältst. Dafür begleitest du mich schon zu lange und stellst immer noch ein zu großes Problem dar.
Nur, weil ich wieder in vollen Klassenräumen sitzen kann, ohne komplett überfordert zu sein und irgendwann den Raum verlassen zu müssen, weil ich dich inzwischen besser aushalte, heißt das nicht, dass du weg bist.
Nur, weil ich inzwischen wieder ab und an ein paar der Dinge schaffe, die du so unmöglich gemacht hast, heißt das nicht, dass du weg bist.

Aber ich bin nun einmal nicht mehr so hoffnungslos wie noch vor ein paar Monaten und das ist so unglaublich viel Wert.



Vielleicht werde ich es nicht schaffen, diesen Text hier online zu lassen. Falls er aber hier bleibt, dann bin ich stolz auf mich, meine Angst ein weiteres mal überwunden zu haben. :)
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