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Angst

GeschichteAngst, Freundschaft / P16 Slash
Cem Kaya Paul Richter
25.12.2020
13.01.2021
3
6.018
4
Alle Kapitel
9 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
13.01.2021 2.486
 
Guten Abend!

Leider hatte ich in der letzten Zeit etwas Stress, weshalb ich einen früheren Upload nicht geschafft habe. Das Beantworten der Reviews hole ich auch gleich nach. Danke an ASJUNKI, Loveit234, AJ1305 und rammsteinfan19 für die Reviews! Nun wünsche ich viel Spaß beim Lesen und Mitfiebern.



Kapitelname: Family

Wörterzahl: 2352

Vorkommende Personen: Paul Richter, Cem Kaya, Michael Weber, Klaus Wiebel, OC

Sicht: Paul/Cem




/=/






POV Paul




Micha und ich sind angespannt. Wir wissen nicht, was uns in der Wohnung des Felix Mertens erwartet. Am liebsten wäre mir, wenn wir Cem dort finden würden. Unversehrt, gesund. Micha parkt den Wagen vor den Blocks des Plattenbaus an einem Zaun. Weiter können wir nicht vorfahren. Nun müssen wir noch die richtige Hausnummer finden. Wir haben öfter Einsätze hier, viele sind Polizeibekannt und auf dem Spielplatz wird häufig mit Drogen gedealt oder Kinder werden beklaut.
„Hier ist die 47“, sagt Micha und deutet auf eine Haustür, auf der mit Graffiti ACAB gesprüht wurde.
„Sehr einladend. Geht die Tür so auf oder müssen wir klingeln?“
             Die Tür geht zu unserem Glück so auf, dem Klingelschild zu Urteil müsste Felix Mertens im fünften Stock wohnen. Noch nicht mal einen Fahrstuhl gibt es, auch wenn mich das nicht besonders wundert. Wir gehen also die Treppen hoch.
„Hier steht Mertens“, sage ich letztendlich bei einer Tür im richtigen Stockwerk.
            Ich halte den Spion zu und klingle. Niemand reagiert, sodass ich mehrfach gegen die Tür klopfe. Eigentlich dürfte er ja nicht fliehen können, es sei denn, er besitzt sowas wie Superkräfte. Nach weiterem Sturmklingeln und Klopfen öffnet sich dann letztendlich die Tür und den Mann, der dort steht, erkenne ich sofort wieder. Auch wenn ich ihn heute nur kurz sah, so kenne ich doch das Gesicht. Es kam mir schon auf dem ED-Bild so bekannt vor. Ich habe ihn definitiv schon einmal festgesetzt.
„Oho, was verschafft mir denn diese Ehre?“, höhnt er und richtet die blaue Cap, welche die strubbeligen braunen Haare bedeckt.
           Sein Grinsen spiegelt den Spott über uns wider, die grünen Augen zeigen deutlich, dass er Drogen konsumiert haben muss. Er verschränkt die Arme vor der Brust verschränkt.
„Herr Mertens, können wir mal reinkommen, wir müssen mal mit ihnen reden.“
„Warum? Ich brauche euch nicht reinlassen, ihr habt gar kein Recht dazu“, antwortet er, das Grinsen bleibt.
„Wenn dann heißt das Sie, ja? Wir müssen mal ein Gespräch mit Ihnen führen und das müssen wir nicht unbedingt auf dem Flur machen, oder? Sie kennen die Prozedur doch“, sagt Micha scharf und ich bezweifle, dass Herr Mertens jedes Wort davon verstanden hat.
„Tz… Sie können froh sein, dass ich heute einen guten Tag habe“, er tritt beiseite und lässt uns in die Wohnung.
               Es stinkt nach Alkohol und Gras, vermutlich hat er erst vor Kurzem gekifft. Wir folgen dem Mann in das Wohnzimmer, wo er uns erneut fragt, was wir denn überhaupt von ihm wollen. Wir erklären ihm den Sachverhalt, werfen ihm vor, zur Tatzeit die Schlägerei begangen zu haben, vor der Polizei geflohen zu sein und dass nun unser Kollege vermisst wird.
„Was habe ich damit zu tun? Ja ok, dass mit der kleinen Schlägerei war ich, aber Ihr Kollege hat mich nicht gekriegt. Hab den nach paar hundert Metern abgeschüttelt, weil ich mich versteckt hatte. Keine Ahnung. War’s das dann?“
              Ich lasse meinen Blick durch den Raum schweifen. Auf dem Couchtisch liegt ein Tütchen Gras, welches ich schon mal an mich nehme. Mertens protestiert zwar dagegen, aber das ist mir ziemlich egal, Drogen sind Drogen. Aber ich entdecke da noch etwas auf der Couch. Ein Handy, genauer gesagt ein schwarzes iPhone 11 Pro Max und ich bezweifle stark, dass sich dieser Mensch so ein teures Handy leisten kann. Aber Cem hat genau so ein Handy. Ich sehe wieder zu dem Herrn und kann genau an seiner rechten Hosentasche erkennen, dass er ein Handy darin verbirgt.
„Herr Mertens, haben Sie zufällig zwei Handys?“, frage ich und deute auf das Smartphone auf der Couch.
„Fuck!“, er stürmt aus dem Wohnzimmer, wir ihm hinterher. Doch er läuft nicht aus der Wohnung, sondern in das Schlafzimmer, hat dort plötzlich eine Waffe in der Hand.
„Waffe runter!“, brülle ich und zücke meine Pistole.
           Auch Micha zieht die Waffe, richtet sie auf den Mann.
„Sofort die Waffe runter! Auf den Boden! Hände auf den Rücken, los!“
            Der Mann reagiert, schmeißt die Waffe auf das Bett und legt sich auf den Boden. Sofort nehmen wir den Typen fest, ich nehme die Waffe an mich. Es handelt sich um eine P99 und es würde mich nicht wundern, wenn es Cems Waffe wäre. Ich hole auch das Handy und stecke es erst mal ein, dann bringen wir den Mann nach unten. Im Streifenwagen setzen wir ihn auf die Rückbank, er schweigt sogar mal. Micha knallt die Tür zu und schüttelt den Kopf. Ich sehe Micha an und atme tief aus, hole die Waffe aus meiner Hosentasche.
„Das ist doch mit Sicherheit Cems Waffe, oder?“
„Was macht dich so sicher?“
                Mit der freien Hand ziehe ich das Smartphone heraus. Ich schalte es an und mir strahlt Cems Sperrbildschirm entgegen. Ein Foto von ihm und mir, wir grinsen, feiern, haben gute Laune. Mich macht dieser Anblick sowohl traurig als auch total wütend.
„Beweis genug“, sagt Micha mit ernster Miene.

Wir bringen den Mann zur Wache, setzen uns mit ihm in eines der Büros. Aber er weigert sich zu reden. Er gibt uns dämliche Antworten, hätte die Sachen bloß gefunden. Letztendlich kommt Klaus in das Büro, er hat die Waffe begutachtet.
„Die Pistole konnte als Dienstwaffe unseres Kollegen Kaya identifiziert werden, so auch das Handy. Wo ist unser Kollege?!“
„Keine Ahnung Mann, nehmen Sie doch Ihre Kollegen an die Leine, wenn Sie nicht auf die aufpassen können.“
„Mäßigen Sie Ihren Ton!“, warnt Klaus den Mann scharf, „Wie kommen Sie an die Sachen?“
„Alter, ich habe das schon fünfmal gesagt oder so, ich habe die Sache gefunden. Ich will einen Anwalt.“
„Gut, kriegen Sie. Solange dürfen Sie gerne in unserer Zelle warten.“
„Wie nett.“
                   Er wird von Klaus in eine der Zellen gebracht. Micha und ich bleiben zurück. Ich starre immer wieder auf den Sperrbildschirm. Dieses Foto tut richtig im Herzen weh, wenn ich daran denke, dass es solche Momentaufnahmen nicht mehr geben wird, wenn wir Cem nicht finden. Vielleicht finden wir ihn ja auch, aber tot. Mir wird schlecht und es schnürt mir die Luftröhre zu.
„Paul? Alles okay?“
„Ich muss kurz an die Luft.“
              Ich gehe schnell nach draußen, laufe dabei Stephan fast um. Ich murmle nur ein Sorry, werde schneller. Draußen lehne ich mich an die Hauswand und schließe die Augen, atme ein paar Mal tief durch. Mein Magen und auch meine Atmung beruhigen sich langsam wieder. Micha ist mir nach draußen gefolgt, er umarmt mich einfach.
„Was ist, wenn wir ihn nie mehr finden? Oder wenn doch, dann nur tot?“
„Das wird nicht passieren. Glaub mir Paul, ich habe auch Angst. Aber wir werden ihn finden, ganz bestimmt.“
              Micha har Recht, es sind erst wenige Stunden vergangen. Cem ist auch ein sehr guter Freund für Micha, der selbst sagt, dass Cem wie ein Sohn für ihn sei. Noch einen Moment verweilen wir draußen, ehe wir wieder reingehen.

In dem Moment treten drei Personen in die Wache, ich erkenne sie sofort. Cems Eltern und einer seiner Brüder. Wahrscheinlich hat Klaus sie angerufen.
„Was ist mit meinem Sohn? Wo ist Cem?!“, platzt es aus Sadi – Cems Vater – heraus.
„Familie Kaya, ich werde Ihnen gleich alles erklären. Kommen Sie doch mit in mein Büro. Paul, Micha, ihr kommt auch“, befiehlt uns Klaus.
               Wir folgen ihnen in das Büro, dürfen uns setzen. Klaus erklärt der Familie die Umstände des Vorfalls. Ich sehe Yeliz, Cems Mutter, die Angst an. Sadi hält ihre Hand.
„Wer ist mit ihm gefahren?“, hakt Selim mit wütender Stimme nach.
„Das tut nichts…“, fängt Klaus an, doch ich unterbreche ihn.
„Ich. Ich bin mit ihm gefahren.“
             In dem Moment springt Selim auf und packt mich am Kragen, brüllt mich an.
„DU HAST IHN IM STICH GELASSEN?!“, Klaus und Micha zerren ihn von mir, aber Selim denkt gar nicht daran, sich zu entspannen.
            Ich kann seine Wut verstehen. Selim ist der Älteste der vier Brüder und fühlt sich immer noch verpflichtet für die Sicherheit seiner jüngeren Geschwister. Sadi redet auf türkisch auf ihn ein, wodurch er sich etwas beruhigt. Micha erklärt daraufhin, dass wir Cems Handy und seine Dienstwaffe bei dem Verdächtigen gefunden haben, dieser aber angibt nicht zu wissen, was mit Cem geschehen ist. Ich höre nur halbwegs zu, da mir Selims Worte noch im Kopf nachhallen.
„Herr Wiebel, bitte sagen Sie mir, dass Sie meinen Cem wiederfinden werden“, reißt mich die weinerliche Stimme von Yeliz aus meinen Gedanken, „Ich kann nicht noch einen Sohn verlieren.“
             Sie spricht von Malik, Cems kleinen Bruder. Er ist tot, aber ich weiß nicht warum. Malik ist Cems wunder Punkt und er redet nie über ihn.
„Wir tun alles dafür, dass wir den Kollegen finden. Vertrauen Sie uns. Müssen Sie noch weitere Familienmitglieder benachrichtigen oder sollen wir das für Sie übernehmen?“
„Kemal kriege ich nicht erreicht, aber das übernehme ich schon“, sagt Selim, sieht dann abwertend zu mir, „Paul weiß ja Bescheid.“
              Ich schlucke leise, hoffentlich legt sich seine Wut schnell wieder. Ich möchte mich nämlich nicht unbedingt mit ihm anlegen. Klaus erklärt das Gespräch für beendet, Selim und Yeliz gehen schon mal raus, Sadi bleibt allerdings. Ich bleibe im Türrahmen stehen und lausche dem Gespräch, auch wenn ich das eigentlich nicht tun sollte.
„Bitte entschuldigen Sie Selims Verhalten. Er ist sehr temperamentvoll und hat Angst. So wie wir alle. Sie wissen von Malik?“
„Ja, Cem erzählte mir einst von der Geschichte.“
„Gut. Sagen Sie uns Bescheid, wenn Sie neue Erkenntnisse haben. Bringen Sie mir meinen Sohn lebend wieder, ich bitte Sie“, fleht Sadi verzweifelt.
„Wir tun, was wir können, Herr Kaya.“
             Ich gehe lieber, bevor sie mich doch noch entdecken. Immer noch denke ich über Selims Worte nach, ob ich nicht doch eine Mitschuld an dem Geschehenen trage. Mir wird wieder schlecht, wenn ich so denke, aber ich kann den Gedanken daran nicht loswerden. Doch Micha reißt mich aus meinen Gedanken, der Anwalt von Felix Mertens ist jetzt da. In der Hoffnung, dass der Kerl endlich redet und wir Cem doch noch finden.



POV Cem




Wieder erwache ich aus meinem Schlaf. Wenn man das denn so betiteln kann. Mein Bauch und meine Lunge schmerzen noch mehr als vorher und auch mein Hinterkopf tut von dem harten Betonboden weh. Ich frage mich, wie viel Zeit wohl vergangen sein mag, leider sind hier keine Fenster, durch die man die Tageszeit abschätzen könnte. Ich richte mich langsam und unter Schmerzen an dem Stützpfahl etwas auf, sodass ich angelehnt sitzen kann und ziehe meine Schutzweste aus, die mir aufgrund des Gewichts und der Hitze zur Last wird. Leider hat sie mich aufgrund der geringen Distanz nicht ganz so gut geschützt, aber ich bin ja selbst schuld. Zum ersten Mal kann ich mein blutiges Uniformhemd sehen, an der linken Bauchseite und den linken Rippen ist es rot getränkt. Bei dem Anblick wird mir leicht übel, weshalb ich das Hemd auch lieber anlasse. Dennoch tut es gut, wenigstens ein paar Minuten so zu sitzen, wer weiß, wie lange ich das durchhalte. Wenn ich doch nur an die Funke kommen würde! Ich muss mich irgendwie ablenken, damit ich die Schmerzen nicht so spüre, aber auch damit ich nicht wieder einschlafe. Ich lege meine ohnehin schon blutgefärbte Hand erneut auf die Bauchwunde und ziehe scharf die Luft ein, aber irgendwie muss ich ja die Blutung geringhalten. Mir kommt eine Geschichte in den Sinn, die mir meine Mutter als Kind oft erzählt hat. Ich versuche mich daran zu erinnern und sie mir selbst zu erzählen.

Ein kleiner Hase namens Bunny wollte die große Welt entdecken. So entschied er sich eines Tages, seine sieben Sachen zu packen und hinauszuziehen. Am ersten Tag kam er an einem großen Fluss vorbei, dessen Wasser sein Fell angenehm kühlte. In diesem Fluss schwammen bunte Fische und einen von ihnen fragte „Hallo kleiner Bunny, wohin des Weges?“ Er erzählte dem bunten Fisch von seiner großen Reise, doch der Fisch glaubte nicht an den kleinen Hasen und lachte ihn aus. Bunny brachte das nicht von seiner Idee ab. Am zweiten Tag kam er an hohen Bäumen vorbei, in denen braune Affen lebten. Ein großer Starker fragte ihn sogleich „Kleiner Hase, wohin des Weges?“ Wieder erzählte der kleine Bunny von seiner Reise und wieder wurde er von dem Großen ausgelacht. Bunny machte das traurig und doch setzte er seine Reise fort. So tat er es Tag für Tag, doch keiner glaubte an ihn, bis er am zehnten Tag das schönste Land fand, was seine kleinen Augen jemals sahen. Er fand eine große Wiese, viele andere Hasen, die ihn willkommen hießen und jeden Abend erzählte er ihnen von seiner Reise. Obwohl keiner an den kleinen Bunny geglaubt hat, hat er die Reise geschafft und nun eine neue Welt entdeckt.


Ich darf nicht aufgeben, auch wenn meine Gedanken was anderes sagen. Genauso wie der kleine Hase. Das hier ist jetzt meine Reise, die Reise um das Überleben. Wieder atme ich tief durch, erzähle mir immer und immer wieder diese Geschichte. Ich bin meiner Mutter sehr dankbar, dass sie sich diese Geschichte ausgedacht hat. Ich rufe mir positive Gedanken ins Gedächtnis. Von meiner Kindheit, meiner Jugend, meiner Ausbildung. Momente mit meinen Freunden, mit meiner Familie. Sie zaubern mir ein Lächeln ins Gesicht. Für einen Moment vergesse ich die Schmerzen. Doch im nächsten Moment schlägt es ins Negative um. Mir kommen Bilder in den Kopf, Vorstellungen, wie sie meine Leiche finden. Wenn sie mich denn finden. Wie sie trauern. Wie Paul sich mit Schuldgefühlen plagt. Ich kenne meinen besten Freund, er fragt sich sicher, warum er nicht mit mir gegangen ist. Aber er darf sich nicht die Schuld geben. Diese ganzen Bilder lassen mir Tränen in die Augen steigen, die sich still über meine Wangen bahnen. Ich muss das Schluchzen unterdrücken, dass würde meine Verletzungen verschlimmern. Wenigstens das kriege ich noch grade so hin. Die gekommene Energie ist plötzlich weg, ich fühle mich wieder so kraftlos und meine Augen drohen erneut zuzufallen. Der letzte Gedanke lautet Schlaf nicht ein!
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