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Das erste Weihnachten von vielen

Kurzbeschreibung
OneshotÜbernatürlich, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
Anthony J. Crowley Erziraphael
25.12.2020
25.12.2020
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25.12.2020 8.371
 
„Bist du an Weihnachten frei?“, fragte Aziraphale so unschuldig wie möglich und schaute zu Crowley, bevor er einen Schluck seines exzellenten Portweins nahm. Crowley, der gerade Zucker in seinen doppelten Espresso rührte, ließ beinahe seinen Löffel fallen und sah ihn an.
„Weihnachten? Ähm… ich glaube schon, ja. Hab nichts mehr auf meinem Terminkalender. Obwohl ich ein wenig Unfug mit dem Server der Taxizentrale treiben könnte.“
„So was wirst du an Weihnachten schön bleiben lassen!“, schalt der Engel.
„Und wieso? Es ist die perfekte Gelegenheit. Kein Bus- oder U-Bahnverkehr in London, jeder braucht ein Taxi an Weihnachten.“
„Aber du bist nicht verpflichtet, für Verstimmung zu sorgen. Nicht mehr.“
Crowley seufzte. Dann legte er seinen Löffel ab, nahm einen Schluck Espresso und verbrannte sich fast die Zunge. Um sie herum war die Geräuschkulisse des Dinnerservice des Ritz vertraut und angenehm.

„So sehr ich es auch hasse, es zuzugeben: du hast wohl recht. Aber warum fragst du mich überhaupt nach Weihnachten?“
„Weil ich… weil ich es wirklich gern mit dir verbringen würde.“
„Warum? Das haben wir noch nie gemacht“, sagte Crowley mit einem Stirnrunzeln.
„Eben darum. Weil wir das noch nie gemacht haben. Aber die Dinge haben sich verändert, und… seit wir jetzt zusammen sind, dachte ich, es wäre… einfach das Richtige.“
Crowley leckte sich die Lippen. Oh… Aziraphale hatte recht.
„Aber wir haben noch nie Jesus Geburt gefeiert. Weder du noch ich.“
„Nein, haben wir nicht. Aber die Hälfte der Weltbevölkerung tut es. Außerdem… kanntest du ihn immerhin besser als ich.“

Crowley schürzte die Lippen, dann griff er nach seinem Wasserglas und nahm einen Schluck, um seine Zunge zu beruhigen.
„Aber du weißt so gut wie ich, dass die Mehrzahl dieser Bevölkerung, die du soeben erwähnt hast, Weihnachten nur feiert wegen der Geschenke, des Essens und der freien Arbeitstage.“
„Das mag so sein. Aber trotzdem ist es… eben Weihnachten.“
„Du willst aber nicht, dass ich einen roten Mantel und einen weißen Bart trage, oder?“
Aziraphale lachte, und Crowley lächelte. Er liebte es, seinen Engel zum Lachen zu bringen.
„Das wird nicht nötig sein, mein Lieber. Keine Bärte oder Mäntel. Nein, ich dachte eher, wir kochen was zusammen.“
„Kochen etwas. Zusammen. Engel, ich hasse es, dich daran zu erinnern. Aber du kannst nicht kochen. Darum isst du stets außer Haus, seit ich dich kenne.“ Crowley versuchte, es nicht zu zeigen, aber er fand die Idee, zusammen ein Weihnachtsessen zu kochen, sehr verlockend.
Aziraphale errötete ein wenig. „Naja, stimmt, ich kann nicht kochen. Aber du kannst es. Ich hab deine Küche gesehen und den Inhalt deines Kühlschrankes. Und ich hab schon köstliche Dinge an dir gerochen, manchmal, wenn du mich besuchst.“
„Ich rieche also köstlich, was?“, grinste Crowley, was den Engel nur noch mehr erröten ließ.
„So hab ich das nicht gemeint!“
Crowley konnte nicht anders, er musste lachen. „Engel, ist schon gut. Ich weiß doch, wie du das gemeint hast. Muss dir nicht peinlich sein. Okay, wir können zusammen kochen. Ich denke mir was aus. Aber wir gehen zusammen einkaufen.“
„Wunderbar. Und nach dem Abendessen können wir zusammen einen Film schauen.“
„Wie Kevin allein zu Haus?“, feixte Crowley.
„Oh, das war einer von deinen. Nein, ich dachte eher an etwas Altmodisches.“

Crowley stöhnte. „Aber bitte nichtIst das Leben nicht schön, Engel, bitte!“
„Und warum nicht? Es ist ein wunderbarer Film!“
„Der ist kitschig! Oh, ich hasse diesen Spruch: Jedes mal, wenn irgendwo ein Glöckchen klingelt, bekommt ein Engel seine Flügel. Wir wissen doch beide, dass das völliger Unsinn ist!“
„Das ist natürlich tatsächlich nicht wahr. Aber trotzdem ist ein Film, der es Wert ist, ihn anzuschauen.“
„Und wie oft genau hast du ihn schon gesehen?“ Crowley leerte sein Wasserglas und hob die  Hand nach dem Kellner für die Rechnung.
„Ich weiß nicht. Wenn du ihn wirklich nicht sehen willst, wie wäre es dann mit Wir sind keine Engel?“
„Jetzt wird’s lächerlich“, grummelte Crowley.
Aziraphale seufzte. Aber er wusste eines: Crowley mochte es leugnen, aber ganz tief drinnen war er auch ein sentimentaler Kerl. Aziraphale kannte seinen Gefährten der letzten sechs Jahrtausende gut genug. Und er freute sich so darauf, Weihnachten mit ihm zu verbringen!

Crowley dachte inzwischen über was ganz anderes nach. Weihnachten bedeutete: Geschenke.
„Was ist mit Geschenken?“, fragte Crowley. Das Schlimmste wäre wohl, wenn er ohne Geschenk ankam, während Aziraphale etwas Besonderes für ihn hatte, mit Bedacht ausgewählt und liebevoll in buntem Geschenkpapier verpackt…
„Oh, da wir beide ja materielle Dinge nicht wirklich benötigen, sollten wir es einfach und klein halten, denkst du nicht? Einfach eine Geste.“
„Eine Geste. Okay.“ Crowley nickte erleichtert. Also würden es ein paar wirklich gute Pralinen wohl tun, so hoffte er. Er kannte seinen Engel lange genug um zu wissen, was ihn zum Lächeln bringen würde.

Als Crowley gerade den Rest seines Espresso trank, kam der Kellner mit der Rechnung. Diesmal war Crowley dran, die Rechnung zu begleichen. Er reichte dem Kellner seine Karte und schlug ein großzügiges Trinkgeld drauf. Der Kellner wünschte ihnen Frohe Weihnachten. Immerhin war schon der 20. Dezember. Aziraphale wünschte ihm dasselbe, und sie nahmen ihre Mäntel. Crowley half Aziraphale in seinen Mantel, was den Engel schon wieder erröten ließ. Eingemummelt in ihre Mäntel und Schals, Crowley mit einem paar teurer Lederhandschuhe, verließen sie das Ritz. Draußen bot Crowley Aziraphale seinen Arm an, so wie er das schon viele male getan hatte. Der Engel hakte sich bei ihm ein, und langsam schlenderten sie Richtung Bentley. Es war nur ein kurzer Spaziergang, die Straßen waren erfreulich leer. Aber es war kalt, und ihr Atem stand als kleine Wolken vor ihren Gesichtern, während sie die Straße entlang gingen. Crowley genoss das Gefühl, seinem Engel nahe zu sein. Es fühlte sich richtig und natürlich für ihn an. Als sie den Bentley erreicht hatten, öffnete Crowley die Autotür für Aziraphale. Mit einem leisen Glucksen setzte sich der Engel ins Auto.

„Du musst das nicht jedes mal tun, mein Lieber“, lächelte er, während Crowley sich selbst in den Fahrersitz fallen ließ.
„Was? Dich nach Hause fahren?“ Crowley startete den Motor.
„Nein. Mir in meinen Mantel helfen. Mir die Tür aufhalten. Versteh mich nicht falsch, das ist schrecklich süß von dir. Aber du musst das nicht tun.“
„Ich möcht’s aber.“ Crowley schaute über seine Schulter und fuhr los.
„Vielleicht sollten wir uns abwechseln. Ich möchte auch mal was nettes für dich tun.“
„Engel, erinnerst du dich daran, was ich dir gesagt hab über mich im Zusammenhang mit nett?“ Crowley hielt seinen Blick auf der Straße. Er fuhr seine üblichen 90 Meilen.
„Sehr gut sogar. Aber das sind doch nette Dinge, die du für mich tust.“
„Das hat nichts mit nett zu tun. Ich hab dir gesagt, ich bin nicht nett. Es ist nur höflich.“
Aziraphale seufzte lautlos. Es war manchmal immer noch schwierig, Crowley dazu zu bringen, sich zu öffnen. Und so beschloss er, lieber das Thema zu wechseln.
„Wann wollen wir denn einkaufen?“
„Da wir einiges an frischen Zutaten brauchen werden, sollten wir das am 23. erledigen.“
„Gut. Bring eine Einkaufsliste mit. Hast du dir schon was überlegt?“
„Ich hab da eine Idee“, lächelte Crowley, aber wollte auch nicht zu viel verraten. Er wandte einen Moment den Kopf, um Aziraphale anzulächeln, dann streckte er die Hand nach ihm aus. Aziraphale nahm sie sofort und hielt sie für den Rest der Fahrt fest.

Als Crowley den Bentley vor der Buchhandlung parkte, ließ er Aziraphales warme Hand nur widerwillig los. Sie wandten sich einander zu. Der Motor des Bentley schnurrte wie ein Jaguar.
„Nun… es war ein wunderschöner Abend. Danke, Crowley. Ruf mich an, und dann treffen wir uns am Montag zum einkaufen.“
„War mir eine Freude. Gute Nacht, Engel.“
Sie beugten sich vor und gaben sich einen sanften Kuss, dann lächelten sie einander an.
„Schlaf gut, mein Lieber“, flüsterte Aziraphale. Er streichelte mit einer Fingerspitze über Crowleys Wange, dann stieg er aus. Crowley sah ihm zu, wie er die Buchhandlung aufschloss, sich noch ein letztes mal umdrehte, um ihm zuzulächeln, und dann im Laden verschwand. Crowley seufzte. Er fühlte noch den sanften Kuss auf seinen Lippen. Als er sah, wie das Licht in Aziraphales Wohnung über dem Laden anging, legte er wieder einen Gang ein und fuhr nach Hause.

Umgezogen in einen schwarzen Seidenpyjama, seine Sonnenbrille auf dem Nachttisch, einen Notizblock auf dem Schoß und einen Stift in der Hand, lehnte sich Crowley im Bett in seine Kissen  und dachte über ein Weihnachtsessen nach. Es sollte etwas festliches sein, aber nicht zu kompliziert. Er kochte zwar ganz gern, wollte aber nicht den ganzen Tag in der Küche verbringen. Nicht mal, wenn Aziraphale ihm half. Endlich schrieb er seine Ideen nieder und begann mit seiner Einkaufsliste. Er kannte die Zutaten der ausgewählten Gänge auswendig, somit musste er nicht großartig was nachschlagen. Er hoffte, dass sein Engel mögen würde, was er ausgesucht hatte. Als er fertig war, legte er seine Notizen neben seine Brille und machte das Licht aus. Er seufzte, während er tiefer in seine Kissen sank. Mit der Spitze des rechten Zeigefingers berührte er seinen Mund, die Stelle, wo Aziraphales Lippen nicht mal eine Stunde zuvor noch gewesen waren. Aziraphale…

Crowley war glücklich mit dem, was sie hatten. Sie konnten sich treffen, wann immer sie wollten, sie mussten sich nicht mehr verstecken oder etwas vorspielen. Sie zeigten einander eine Menge mehr Zuneigung - so wie Arm in Arm zu gehen oder sogar Hand in Hand. Wenn sie im Hinterzimmer der Buchhandlung saßen, teilten sie sich jetzt das Sofa und saßen immer dicht beieinander. Eines Abends war Crowley dort eingeschlafen und war in Aziraphales Armen wieder aufgewacht. Der Engel hatte eine weiche Decke über ihn gelegt. Und dann waren da natürlich noch die Küsse. Er liebte das Küssen. Aber die waren immer noch sehr… züchtig. Nicht, dass es nicht ein wunderbares Gefühl war zu wissen, dass Aziraphale ihn gerne küsste. Es war nur, dass Crowley sich fragte, ob das schon alles war oder ob noch mehr Intimität auf sie wartete. Sie hatten noch nie darüber gesprochen. Ein Fehler, das wusste er. Aber er konnte sich auch nicht überwinden, Aziraphale darauf anzusprechen. Wenn das alles war, was Aziraphale wollte und alles, was er geben konnte, dann würde es Crowley mit Freuden annehmen und damit glücklich sein. Es war viel mehr als zuvor. Und es war gut. Er mochte es. Er mochte die neue Art und Weise, wie sie miteinander umgingen. Das war mehr, als er sich je erhofft hatte. Er war immerhin ein Dämon und verliebt in einen Engel. Er konnte verstehen, wenn Aziraphale ihm nicht mehr geben konnte. Und er wollte ganz sicher nicht, dass Aziraphale - so wie er selbst - fiel. Er war immer noch ein Engel, auch wenn sie jetzt auf ihrer eigenen Seite waren. Wenn es in Zukunft so zwischen ihnen sein würde, nun… dann sollte das so sein.

Crowley schloss die Augen und dachte an Aziraphale. An seine freundlichen blauen Augen. Seine weichen Hände. Sein warmes Lächeln. Seinen Duft nach alten Büchern, Tee und Honig. Aziraphale roch für ihn nach zu Hause. Und Crowley würde immer gern zu Aziraphale nach Hause kommen. Er lächelte, als er an ihr erstes gemeinsames Weihnachten dachte. Und hoffte, dass es ein gutes werden würde. Er würde sein Bestes geben, um es für seinen Engel wunderbar zu machen.

Crowley verbrachte den gesamten Samstag im Chaos von Central London, das sich auf Weihnachten vorbereitete. Normalerweise würde er die Regent und Oxford Street meiden, aber er brauchte ein Geschenk für Aziraphale. Die Pralinen hatte er bereits besorgt, eine große Schachtel voll mit Aziraphales Lieblingssorten. Aber irgendwas sagte ihm, dass er noch was anderes besorgen sollte. Etwas persönlicheres. Und das war leichter gesagt als getan. Denn so wie Aziraphale gesagt hatte: Sie hatten alles, sie brauchten nichts. Eine Geste. Nicht mehr als eine Geste. Etwas nettes. Crowley grollte leise, während er daran dachte, nett zu sein. Aber darum ging es hier doch! Er verließ die Regent Street und wandte sich Carnaby Street zu in der Hoffnung, in einem der vielen kleinen Läden etwas Besonderes zu finden. Die Straßen waren auch hier voll, doch er schlenderte tapfer weiter, schaute in Schaufenster und versuchte, nicht zu viele Leute anzurempeln.

Ein Schaufenster erregte seine Aufmerksamkeit, und er blieb stehen, um genauer zu schauen. Es war ein kleiner Laden, in dem handgearbeiteter Schmuck angeboten wurde, aber auch Dinge wie Schlüsselanhänger, Brieföffner, Serviettenringe oder Geldscheinklammern, alle emailliert. Crowley lächelte, als ihm eine Idee kam. Eine Geste? Das sollte er hinbekommen. Er öffnete die Tür und betrat den Laden. Eine junge Frau sah von dem Zeichenblock auf, auf dem sie etwas skizziert hatte.
„Hallo! Wie kann ich Ihnen helfen?“

Crowley rief Aziraphale am Abend an, um ihm zu sagen, wann er ihn zum Einkaufen abholen würde. Er hatte jetzt eigentlich schon die Nase voll von Weihnachtseinkäufen, denn er hatte sich für Aziraphale noch eine besondere Überraschung überlegt. Die war kein Teil seines Geschenkes. Nur eine Überraschung. Die ihn zwei weitere Stunden in verschiedenen Läden sowie eine Fahrt zum Gartenmarkt gekostet hatte. Aber jetzt sollte damit alles für Weihnachten vorbereitet sein. Abgesehen von den Einkäufen für ihr Abendessen. Sie vereinbarten eine Uhrzeit, wann Crowley Aziraphale abholen würde, und Crowley sagte ihm auch, dass sie hier in seiner Wohnung feiern würden. In Aziraphales kleiner Küche wollte er wirklich nicht kochen. Hier in seiner eigenen Küche würde er sich viel wohler fühlen und er wusste, wo er fand, was er brauchte. Aziraphale war mehr als aufgeregt und stimmte Crowleys Vorschlägen direkt zu.

Montag morgen zehn Uhr, und Aziraphale stand bereits vor seiner Buchhandlung. Er wippte auf den Fußballen auf und ab, während er auf Crowley wartete. Crowley lächelte, als er den Engel entdeckte und stoppte den Bentley direkt vor ihm. Aziraphale zögerte keine Sekunde, einzusteigen.
„Morgen, Engel“, grüßte Crowley und beugte sich für einen Begrüßungskuss zu ihm.
„Guten Morgen, mein Lieber! Hast du gut geschlafen?“
„Exzellent. Bist du bereit zum Einkaufen?“
„Absolut!“

Der freudige Ausdruck auf Aziraphales Gesicht blieb gleich, egal wie überfüllt die Gänge in den Geschäften waren. Crowley ging mit ihm in zwei verschiedene Lebensmittelläden und zum Schluss noch in ein Delikatessengeschäft. Am Ende hatten sie aber alles von Crowleys Einkaufsliste bekommen - und noch ein bisschen mehr. Die ganze Zeit hatte Aziraphale darüber spekuliert, was für ein Essen Crowley sich wohl für sie überlegt hatte. Doch dieser lächelte nur: „Wart’s ab.“ Das machte Aziraphale wahnsinnig. Er bot an, Crowley zu helfen, die Einkäufe nach oben in seine Wohnung zu bringen, doch der Dämon lehnte ab.
„Kein Ding, das krieg ich allein hin. Vergiss morgen nicht den Champagner, Engel.“
„Natürlich nicht. Ich bin dann um drei Uhr bei dir.“
„Okay. Dann bis morgen.“
Aziraphale lächelte ihn an - so strahlend und wunderschön, wie Crowley es niemals bei einem Menschen gesehen hatte. Er fühlte sein Herz ein wenig schneller schlagen. Aziraphale küsste ihn lange und liebevoll, wobei er seine Hand auf seine Wange legte.
„Danke, mein Lieber…“, flüsterte er, ehe er ausstieg. Crowley unterdrückte einen liebeskranken Seufzer. Er war echt verdammt, wenn sogar diese sanften kleinen Küsse ihn sprachlos und überwältigt und weich in den Knien zurückließen. Aber er würde es sich niemals anders wünschen, nun, da er wusste, wie gut es sich anfühlte, einen Engel zu küssen…

Am nächsten Morgen - Heiligabend - war Crowley so aufgeregt, dass er schon vorm Weckerklingeln wach war. Er nahm eine lange heiße Dusche, trank seinen ersten Kaffee und kümmerte sich dann um seine Pflanzen - alle perfekt, und nicht ein Fleck zu sehen. Seine nervöse Energie ließ ihn die gesamte Wohnung nochmal putzen, bis es endlich Zeit war, sich ein frisches Shirt und die neue schwarze Jeans anzuziehen. Er konnte das erste Läuten von Big Ben hören, das ihm sagte, dass es drei Uhr war, als er gleichzeitig die Türklingel hörte. Als er die Tür öffnete, schenkte Aziraphale ihm ein glückliches Lächeln. Er hatte einen großen Korb in der einen Hand, wahrscheinlich mit dem Champagner, um den Crowley gebeten hatte, eine große Tüte in der anderen.
„Hallo mein Lieber! Hattest du schon Mittagessen? Ich hab nämlich bei der kleinen Bäckerei vorbeischaut, die dieses exzellente Brot macht, um das Baguette zu kaufen, das du haben wolltest. Und dabei hab ich auch Croissants besorgt. Frisch aus dem Ofen. Und… ich hab’ auch Butter und Marmelade. Ich dachte, wir könnten noch eine Kleinigkeit snacken?“

Crowley gluckste, dann begann er zu lachen. „Du hattest schon Mittagessen, oder?“
„Naja, ja. Aber ich wollte gern mit dir einen Kaffee trinken und…“
„Schon gut, Engel. Ich hab verstanden.“
Sie gingen in die Küche, und Crowley machte frischen Kaffee. Die Croissants waren tatsächlich exzellent, dank eines klitzekleinen Wunders noch ein bisschen warm, und schmeckten mit etwas Butter und Erdbeermarmelade köstlich. Sie aßen in der Küche und teilten sich nicht nur die Croissants, sondern auch eine Menge kleiner Küsse, die nach Butter und Erdbeeren schmeckten und vielleicht bislang die Besten Küsse überhaupt waren. Als sie fertig und alle Krümel weggewischt waren, stand Crowley auf und streckte die Hand nach Aziraphale aus. „Ich hab noch eine kleine Überraschung für dich. Komm mit, Engel.“
Aziraphale begann direkt zu lächeln. Er liebte Überraschungen. Er folgte Crowley nur zu gern aus der Küche und durch den Flur. Und schnappte nach Luft, als er die Überraschung sah.

In Crowleys Wohnzimmer befand sich ein Weihnachtsbaum, bereits aufgestellt in einem Christbaumständer.
„Oh mein Gott, Crowley!“, rief der Engel aus. Crowley rieb sich mit einer Hand kurz über den Nacken. Auf einmal kam er sich lächerlich vor.
„Du hast uns einen Baum besorgt? Das ist so wunderbar, Darling! Was für eine Riesenübereraschung!“
Crowley erstarrte für einen Moment. Darling. Aziraphale hatte ihn gerade Darling genannt. Er hatte ihn noch nie so genannt. Mein Lieber, mein Bester, Liebster - daran war Crowley schon gewöhnt. Aber Darling war neu, und er fühlte, wie er rot wurde und sein Herz in seiner Brust hämmerte. Aziraphale sah die Farbe in seinen Wangen, als er sich ihm mit einem strahlenden Lächeln zuwandte, aber sagte nichts dazu. Stattdessen nahm er Crowleys Hände.
„Danke. Das bedeutet mir wirklich viel“, sagte der Engel sanft, seine Daumen malten liebevolle Kreise über Crowleys Handrücken.

„Wir müssen ihn noch schmücken. Dachte, das würde dir gefallen. Ich hab alles gekauft, was wir brauchen. Alles in den Kartons da vorn.“ Crowley sah seinem Gefährten in die Augen. Er war so erleichtert, dass er den Baum und all den Baumschmuck besorgt hatte. Aziraphales Freude war ihm die beste Belohnung.
„Das wird Spaß machen. Aber du musst mir helfen.“
Crowley nickte. Aziraphale zog ihn näher, streckte sich und gab ihm einen Kuss. Einen, der wirklich lange dauerte und sich so gut anfühlte! Crowley konnte nicht anders, als ihn vorsichtig ein wenig näher zu ziehen. Dabei gab er dem Engel jede Gelegenheit, sich zurückzuziehen, sollte er es wollen oder brauchen. Doch Aziraphale gab gern nach. Ihre Lippen trennten sich für einen Moment, und als sie sich wieder trafen, waren Aziraphales Lippen leicht geöffnet, so dass Crowley die weiche, feuchte Innenseite seiner Lippen spüren konnte. Und er konnte nicht länger widerstehen. Er war ganz vorsichtig, als er nur seine Zungenspitze über Aziraphales Unterlippe gleiten ließ. Aziraphale keuchte auf, doch zog sich nicht zurück. Im Gegenteil. Er erwiderte den Kuss, und auf einmal trafen sich ihre Zungen und es war, als würde ein Blitz durch Crowleys Körper schießen.

Crowley hatte vor Aziraphale schon andere geküsst. Natürlich hatte er das. Er war ein Dämon. Er hatte auch mit Menschen Sex gehabt. Doch niemals hatte sich Küssen so intim und so wichtig angefühlt. Das Vertrauen, das Aziraphale ihm wieder einmal schenkte, ließ Crowley beinahe in eine dunkle Pfütze zerschmelzen. Erst recht, als er auch noch Aziraphales warme Hand fühlte, die sich auf seine Wange legte. Er kämpfte gegen die Sehnsucht, den Kuss noch weiter zu vertiefen, des Engels süßen Mund noch weiter zu erkunden. Er hatte sich allerdings selbst etwas versprochen: Lass Aziraphale derjenige sein, der bestimmt. Egal was. Und es schien, als sei das genau die richtige Entscheidung gewesen. Denn Aziraphale erlangte mehr und mehr Selbstvertrauen.

Als sich ihre Lippen endlich trennten, waren sie beide erhitzt und außer Atem. Aziraphales Wangen hatte eine wunderschöne rosige Farbe. Er schien über sein eigenes Selbstvertrauen ein wenig überrascht. Er barg sein Gesicht an Crowleys Schulter, um seine Verlegenheit nicht zeigen zu müssen. Sein warmer Atem strich über Crowleys Hals, und der Dämon erschauerte. Seien Hände streichelten über Aziraphales Rücken.
„Alles in Ordnung, Engel?“, flüsterte Crowley.
„Sehr sogar, mein Lieber…“
Crowley schluckte. Er wusste nicht, was er sagen sollte.
„Nur… vielleicht ein bisschen überwältigt“, gab Aziraphale zu.
„Wir können das langsamer angehen lassen. Wir haben Zeit. Hauptsache, du fühlst dich wohl.“
„Oh, ich fühl mich sehr wohl. Das ist nur alles so neu, und… ich bin es einfach  nicht gewöhnt.“
Crowleys sanfte Finger wanderten hinauf und berührten das weiche, kurze Haar über Aziraphales Kragen.

„Du musst es mir sagen, wenn irgendwas zu viel ist. Oder zu schnell. Ich weiß doch, wie sehr du es hasst, wenn dir etwas zu schnell geht…“
Aziraphale lächelte, als er an den Moment dachte, in dem er diese Worte zu Crowley gesagt hatte. Das war mehr als 50 Jahre her. Er wollte seinen Dämon nicht länger warten lassen. Er hatte schon so lange auf ihn gewartet… Aber da er mit Sexualität so überhaupt keine Erfahrung hatte, war er auf Crowleys Hilfe angewiesen. Die der Dämon ihm nur gern anbot - offenkundig.
„Mir geht’s gut. Ich muss mich nur daran gewöhnen. Aber es fühlt sich so gut, dir auf diese Weise nahe sein zu können, mein Lieber…“

Crowley lächelte, dann drückte einen liebevollen Kuss in Aziraphales helle Locken.
„Es fühlt sich tatsächlich wunderbar an. Du fühlst dich wunderbar an. Ich könnte den Rest meiner Tage damit verbringen, dich einfach im Arm zu halten. Dich einfach so berühren zu können. Ich wäre mehr als glücklich.“
„Aber ich will mehr. Ich brauche nur ein wenig mehr Zeit.“
„Alle Zeit der Welt. Wir haben sie doch.“
„Ja.“
Aziraphale sah auf, er hatte sich soweit beruhigt, dass er nicht mehr so peinlich berührt war.
„Sollen wir dann mit dem Baum anfangen?“
„Yep.“ Crowley gab Aziraphale einen Schmatzer auf den Mund, ehe sie einander losließen. Crowley ging rüber zu den vielen Schachteln und öffnete die erste.
„Hoffe, du magst Kitsch. Denn all das hier ist nichts als Kitsch“, grinste er und hielt einen kleinen Engel mit Flügeln aus weißen Federn hoch.
Aziraphale lachte. „Dann lass uns mal sehen, was du gekauft hast.“

Einen Weihnachtsbaum zu schmücken, war wahrscheinlich das Sinnloseste und doch Romantischste, was Crowley jemals mit seinem Engel unternommen hatte. Aziraphale war mehr als glücklich und hatte endlosen Spaß. Der Christbaumschmuck, den Crowley gekauft hatte, ließ Aziraphale wieder und wieder lächeln. Es gab goldene Christbaumkugeln mit Kristallen und Glitzer, Sterne und Schneeflocken, kleine Schleifen und Bänder und natürlich Kerzen. Und dazwischen waren immer wieder diese Engelsfiguren in Weiß und Gold. Aber auch kleine Dämonen und Schwarz und Silber (Aziraphale hatte ein kleines Wunder bemüht, um die Hälfte der Engel in diese in seinen Augen entzückenden Dämonen zu verwandeln und hatte ihnen sogar rote Haare verpasst).

Als sie eine Stunde später fertig waren, platzte Aziraphale vor Stolz.
„Du solltest ein Foto mit deinem Mobiltelefon-Apparat machen. Ich finde, wir haben das großartig gemacht. Das ist unser erster Weihnachtsbaum.“
Crowley lächelte nur und machte ein paar Fotos. Auch ein Selfie mit ihnen beiden vor dem Baum, obwohl es ein wenig schwierig war, Aziraphale zu bringen, in die richtige Richtung und somit in die Kameralinse zu schauen. Es brauchte ein Dutzend Versuche, während denen Crowley grummelte und leise fluchte und Aziraphale lächelte und zappelte. Aber endlich hatten sie ein gutes Foto gemacht. Crowley versprach, es für Aziraphale auszudrucken.

Die nächsten Stunden verbrachten sie in der Küche. Und mit jedem Arbeitsschritt wurde klarer, was für ein Abendessen Crowley geplant hatte. Während ein fabelhaftes Boef bourguignon im Ofen vor sich hin schmorte, bereitete Crowley das Dessert zu, bis sie dann mit der Suppe als Vorspeise begannen. Woher Crowley die Tomaten hatte, war Aziraphale dabei nicht ganz klar. Aber sie schmeckten hervorragend, und während er sie hackte, fand mehr als ein Stück davon den Weg in seinen Mund. Das letzte mal, das er so gute Tomaten gegessen hatte, war damals in Rom gewesen, vor fast 2.000 Jahren.

Aziraphale war überrascht, wie strukturiert Crowley in der Küche arbeitete. Er hatte sich die Ärmel hochgeschoben und benutzte ein Geschirrtuch als improvisierte Schürze, was ihn sonderbar gut aussehen ließ. Er gab Aziraphale klare Anweisungen, der im Konsumieren von Essen sehr viel besser war als bei dessen Zubereitung. Aber das machte nichts, denn Crowley machte das mehr als wett. Sie teilten sich eine Flasche Rotwein - den gleichen Bordeaux, der auch im Boef bourguignon Verwendung gefunden hatte. Die Küche war erfüllt von köstlichen Düften, und während sie arbeiteten, warfen sie sich immer wieder ein Lächeln zu, liebevolle Blicke und tauschten auch immer wieder kleine Küsse.

Als alles saubergemacht war und die Spülmaschine lief, deckte Crowley schnell den Tisch. Da er kein Esszimmer hatte, würden sie in der Küche essen. Aziraphale sah total entspannt aus. Der Engel hatte seinen üblichen Mantel abgelegt und saß nur in seiner Weste am Küchentisch, die Hemdsärmel noch immer bis zu den Ellenbogen aufgerollt. Crowley schenkte ihnen ein weiteres Glas Wein ein, ehe er das frische Baguette in ordentliche Scheiben schnitt und das Brot in einer Schüssel auf den Tisch stellte.

Aziraphale beobachtete ihn bei der Arbeit, einen verträumten Ausdruck auf dem Gesicht. Crowley hatte wunderschöne Hände: stark, mit langen, flinken Fingern. Aziraphale hatte die ganze Zeit bewundert, wie an Crowelys Unterarmen unter der Haut die Muskeln spielten, während er kochte. Der Anblick hatte ihn fasziniert. Er sehnte sich danach, diese Hände zu berühren, diese Unterarme, diesen Bizeps, der noch unter dem engen schwarzen Shirt verborgen war aber sich unter dem weichen Stoff doch deutlich abzeichnete. Er wollte nur zu gern herausfinden, ob die Haut unter diesem Shirt wirklich so weich war, wie sie aussah. Er wollte sie schmecken, wollte an dieser fabelhaften Kieferlinie knabbern, wollte seine Hände in diesem roten Haar vergraben und sanft daran ziehen - einfach um zu sehen, ob er die Reaktion hervorrufen würde, die er so gerne wollte… ein Keuchen, vielleicht sogar ein leises Stöhnen…

Als Crowley die Tomatensuppe servierte, wurde Aziraphale aus seinem Tagtraum gerissen.
„So, Engel, unser erstes Weihnachtsessen. Ich hoffe, es schmeckt dir.“
Aziraphale lächelte ihn strahlend an. „Ich bin sicher, es wird köstlich sein. Wo hast du diese Tomaten her? Ich kann mich nicht erinnern, sie gekauft zu haben.“
Crowley setzte sich Aziraphale gegenüber und trank einen Schluck Wein.
„Hab sie selbst gezogen.“
Aziraphale, dessen Löffel sich schon auf halbem Weg zu seinem Mund befand, hielt inne.
„Du meinst, du hast sie gewundert?“
„Nein. Gezogen. Ich mach mir eigentlich nicht viel aus Gemüse. War nur aus Spaß.“
„Ich wusste, wie gern zu Pflanzen magst, aber Tomaten? Das ist fantastisch!“
„Brauchen nur ein wenig mehr Ermunterung. Vor allem im Winter. Ich dachte, ich probier’s mal aus.“
„Ich habe hier überhaupt keine Tomatenpflanzen gesehen.“
Crowley räusperte sich verlegen. „Ähm… in meinem Schlafzimmer. Muss die ein wenig besser unter Kontrolle halten als die anderen.“

Aziraphale errötete. Oh… Crowleys Schlafzimmer… diese Tomaten waren dem Dämon extrem nah gewesen, während sie gewachsen waren… Waren ihm nahe gewesen, während er geschlafen hatte. Eine Erfahrung, die sich Aziraphale auch wünschte. Er selbst schlief höchst selten. Aber er würde nur zu gern einfach nur neben seinem Dämon liegen und über seinen Schlaf wachen. Vielleicht, nachdem sie sich geküsst hatten, gekuschelt hatten, vielleicht sogar mehr… Hastig nahm er endlich den ersten Löffel seiner Suppe, und der Geschmack explodierte förmlich auf seiner Zunge. Er stöhnte auf, und wie immer ließ dieses Geräusch Crowley schlucken und sich wünschen, er wäre der Grund für dieses Stöhnen…

Die Suppe war tatsächlich unglaublich gut. Aziraphale würde gerne mehr davon essen. Aber da er wusste, was das Abendessen noch beinhalten würde, entschied er sich dagegen. Und das war eine sehr weise Entscheidung. Denn das Boef bourguignon war besser als jedes, das er je in einem Restaurant gegessen hatte. Vielleicht, weil er geholfen hatte, es zu kochen. Vielleicht, weil Crowley die meiste Arbeit übernommen hatte. Vielleicht, weil es ihr erstes gemeinsames Weihnachten war. Und dass es ihnen endlich gestattet war, es auf diese Art miteinander zu verbringen. Aziraphale wollte nicht zu viele Fragen und Zweifel darauf verschwenden. Er wollte es einfach genießen. Und wie er es genoss! Das Dessert war ebenfalls köstlich. Und Aziraphales glücklicher Gesichtsausdruck war für Crowley mehr als genug Belohnung. Nachdem sie den Tisch abgeräumt hatten, machte Crowley ihnen einen Espresso, und sie tranken ihren Wein aus. Ihre Finger berührten sich auf der Tischplatte.

Aziraphale überzeugte Crowley erfolgreich, dass sie auf jeden Fall Spuren im Sand mit John Wayne schauen mussten. Er hatte tatsächlich die DVD gekauft. Nachdem der Dämon ausreichend darüber gegrummelt hatte, gab er nach. Sie schauten den Film auf Crowleys Sofa aneinander gekuschelt. Besagtes Sofa war allerdings hauptsächlich entworfen, um stylisch auszusehen, nicht um bequem zu sein. Nachdem sie den Film schon zur Hälfte gesehen hatten, schnippte Aziraphale mit den Fingern und wunderte ihnen einen Haufen weicher Kissen und eine schöne Decke (kariert, natürlich. Crowley brummte und seufzte, doch musste am Ende zugeben, dass das Sitzen jetzt wesentlich bequemer war).

Nach dem Film machte Crowley für Aziraphale Tee und für sich selbst nochmal Kaffee und zuckte zusammen, als er die Stimme des Engels von sehr, sehr nah hörte: „Wann gibt es denn die Geschenke?“
Crowley wirbelte herum. Aziraphale stand nur einen Schritt hinter ihm. Warum hatte er ihn denn nicht gehört?
„Was?“ Er hasste, wie hoch seine Stimme klang und wiederholte in seiner normalen Stimmlage: „Was? Oh, die Geschenke. Ähm… hab ich noch gar nicht drüber nachgedacht.“ Crowley log, ohne rot zu werden. Er hatte die halbe Nacht darüber nachgedacht. Immerhin waren die Geschenke ja das Wichtigste. Die Traditionen variierten allerdings. Hier in Großbritannien wurden die Geschenke erst am Morgen des ersten Weihnachtstages geöffnet. In anderen Ländern wie Deutschland, wurden die Geschenke schon am Heiligabend geöffnet.

Aziraphale sah Crowley an, seine Augen funkelten, und er lächelte breit. Er sah so aufgeregt aus wie ein Kind. Und wer wäre Crowley, ihm einen Wunsch zu verwehren, den er so offensichtlich hatte?
„Wir… können das ruhig heute machen, wenn du willst. Mir ist alles recht, und das ist schließlich unser Weihnachten. Wir können tun, was immer wir wollen.“
„Exzellent! Aber erst der Tee. Ich habe Plätzchen gebacken.“
„Natürlich hast du das…“, grinste Crowley und beobachtete, wie Aziraphale seinen Korb nahm und aus der Küche trug.

Als Crowley Tee und Kaffee brachte, hatte Aziraphale schon seine Keksdose geöffnet. Und sein Geschenk lag auf dem Wohnzimmertisch, eingewickelt in goldenes Papier und mit einem babyblauen, karierten Geschenkband. Crowley servierte den Tee, doch bevor er verschwinden konnte, um sein eigenes Geschenk zu holen, griff Aziraphale nach seiner Hand.
„Lass uns erst Tee trinken. Und du musst eines dieser Plätzchen probieren. Es ist ein Französisches Rezept.“
Crowley hatte keine andere Chance, als sich zu setzen und seinen Kaffee zu trinken. Da er seinen Engel nie enttäuschen würde, probierte er auch die Plätzchen. Tatsächlich waren sie köstlich. Aber viel besser war es, Aziraphale dabei zuzusehen, wie er aß. Allerdings kehrte Crowleys Blick immer wieder zu Aziraphales Geschenk zurück, das unschuldig auf dem Tisch lag und darauf wartete, von ihm ausgepackt zu werden.  Was war wohl drin? Es war nicht gerade ein kleines Geschenk. Crowley wurde mit jeder verstreichenden Minute nervöser, während Aziraphale fröhlich über vergangene Weihnachtsfeste erzählte.

Während der gesamten folgenden halben Stunde versuchte Crowley, sich zu beruhigen, Aziraphale zuzuhören und nicht vor angestauter Anspannung zu explodieren. Aziraphale dagegen schien die Vorfreude zu genießen, bis sie endlich die Geschenke austauschten. Glücklicherweise bemerkte dann auch der Engel irgendwann, wie nervös Crowley war. Er stellte seine Teetasse auf die Untertasse (Wann hatte sich Crowley überhaupt ein Teeservice angeschafft? Er war ein Kaffeetyp) und griff nach seinem Geschenk.
„Entschuldige, Darling, ich bin ein kleines Plappermaul. Ich denke, wir sollten jetzt die Geschenke auspacken, oder? Bitte sehr, mein Lieber. Frohe Weihnachten.“ Er überreichte Crowley sein Geschenk, der es mit nur leicht zitternden Händen entgegennahm.
„Danke, Engel.“ Das Geschenk war leicht, das Papier knisterte, wo Crowley es festhielt. Es war etwas Weiches darin. Wenn er nicht aufpasste, dessen war sich Crowley sicher, würde er das Papier mit seinem Fingernägeln durchbohren. Also versuchte er, seinen Griff zu lockern. Er legte das Geschenk auf seinen Schoß und öffnete das Geschenkbank, dann löste er die kleinen Klebestreifen und öffnete sein erstes Weihnachtsgeschenk…

Crowley blinzelte - er blinzelte selten - und versuchte zu begreifen, was passierte. Aziraphale sah ihn an, wartete geduldig ab. Crowley seufzte tief und fragte sich selbst, ob er sein eigenes Geschenk in etwas besser durchdachtes wundern konnte, ohne dass Aziraphale es merkte. Er entschied sich dagegen. Aziraphale war kein Dummkopf. Er würde es bemerken.

„Engel, das ist zu viel.“
„Unsinn. Probier es! Ich möchte sehen, ob es dir steht.“ Aziraphale sah gerade einfach unglaublich aus, also konnte Crowley ihm auch nichts abschlagen. Vorsichtig entfaltete er den voluminösen, dunkelroten Kaschmirschal und die dazu passende Mütze. Der Schal war ganz leicht und weich wie feinste Daunen, als er ihn ausschüttelte. Seine Finger glitten über das teure Material. Mit einem schüchternen Lächeln legte er sich den Schal um den Hals und zog ihn zurecht. Aziraphale strahlte ihn an.
„Oh, mein Lieber, das sieht grandios aus! Die Farbe ist perfekt für dich! Jetzt die Mütze.“

Tatsächlich hatte Aziraphale Crowley noch nie mit einer Mütze gesehen. Hüte, ja, natürlich. Was immer gerade in Mode war, Crowley hatte es ausprobiert. Doch sogar während der kältesten Winter hatte er nie eine Mütze getragen. Und das war echt eine Schande, denn als Crowley sich jetzt die Mütze aufsetzte, sah er in Aziraphales Augen fabelhaft aus. Auch viel weicher als gewohnt. Und das ließ sein Herz vor Freude singen.
„Das steht dir so gut! Willst du dich mal ansehen?“
Crowley fühlte, wie ihm Hitze in die Wangen stieg. Dieses offen vorgetragene Lob war auch etwas, an das Crowley sich erst noch gewöhnen musste. Also nickte er und stand auf, um sich im Spiegel im Flur anzuschauen. In genau diesem Spiegel checkte er jeden Tag sein Aussehen, ehe er aus dem Haus ging.

Er konnte nicht anders als zu lächeln, während er Schal und Mütze nochmal viel länger als nötig zurecht zupfte, denn beides fühlte sich einfach zu gut an. Und, so musste er zugeben, es sah auch noch gut aus. Und sie waren sehr warm. Er lächelte sich selbst im Spiegel zu, während er sich versprach, sowohl Schal als auch Mütze so oft wie möglich zu tragen… Als er ins Wohnzimmer zurück ging, sah Aziraphale ihn erwartungsvoll an.
„Was denkst du? Gefällt es dir?“ Aziraphale wippte aufgeregt mit den Knien.
„Sehr. Ich liebe es.“ Crowley setzte sich wieder, dann gab er Aziraphale einen sanften Kuss.
„Danke dir, Engel.“
Jetzt war es Aziraphale, der errötete. „Ich freue mich, dass es dir gefällt.“
„Ich werde beides jeden Tag tragen. Aber hier drin ist es zu warm dafür.“ Vorsichtig nahm er Schal und Mütze ab und faltete beides ordentlich und mit Bedacht zusammen, ehe er das Set beiseite legte. Jetzt war er dran… Er fühlte sich unzulänglich. Aziraphale hatte sein Geschenk mit so viel Liebe ausgesucht, dass er diese noch immer fühlen konnte. Er konnte sich vorstellen, wie viele Stunden Aziraphale in den Läden verbracht haben musste, um genau dieses Geschenk für ihn zu finden. Okay, dann… besser, er brachte es hinter sich…

„Ich… hol nur mal eben mein Geschenk, ja?“, murmelte Crowley, während er wieder aufstand. Aziraphale lächelte - jeder Zentimeter der wunderbare, perfekte, glückliche Engel, der er war. Crowley eilte in sein Schlafzimmer, um sein Geschenk für Aziraphale zu holen. Die Schachtel Pralinen fühlte sich wertiger an als das richtige Geschenk, das nur ein sehr kleines Päckchen war. Crowley seufzte. Das sollte viel einfacher sein, oder? Es war ja nicht das erste mal, dass er Aziraphale etwas schenkte.

Er hörte das leise Rascheln von Blättern in seinem Rücken - die Tomatenpflanze.
„Du hast hier überhaupt keine eigene Meinung zu haben!“, zischte er, und die Blätter hörten auf der Stelle auf zu rascheln. Gemüse war mutiger, als man vermuten würde - so auf einen aufgeregten Dämon zu reagieren… Seufzend ging Crowley zurück ins Wohnzimmer, wo Aziraphale geduldig auf ihn wartete, die Hände im Schoß gefaltet. Sein Lächeln wurde breiter, als er die zwei Päckchen in Crowleys Händen sah.
„Oh, das ist so aufregend, mein Lieber!“, rief er aus. Crowley fühlte, wie ihm noch mehr Röte in die Wangen kroch. Dann setzte er sich wieder und reichte Aziraphale das erste Geschenk. Natürlich erkannte Aziraphale das Packpapier aus seiner Lieblings-Chocolaterie.
„Das ist nur… das eigentliche Geschenk ist das hier, aber…“ Crowley fummelte an dem Geschenkband herum.
„Oh, lass uns erst einen Blick auf dieses hier werfen.“ Aziraphale öffnete das Papier und dann die Schachtel. Der Duft teurer Schokolade ließ ihn tief einatmen.
„Wir werden später ein paar davon essen. Sie werden wunderbar zum Champagner passen. Danke, Darling.“
Crowley konnte nichts sagen. Er hielt Aziraphale wortlos das zweite, viel kleinere Geschenk hin.

Aziraphale nahm die kleine Schachtel, die ordentlich in schwarzes Hochglanzpapier verpackt und mit einem silbernen Geschenkband dekoriert war. Der Engel bewunderte die Schachtel für einen Moment, nahm jedes kleine Detail in sich auf. Sein erstes Weihnachtsgeschenk von Crowley… Endlich begann er, sorgsam das Geschenk zu öffnen. Nachdem das Papier entfernt war, lächelte er, als er die kleine schwarze Pappschachtel bewunderte. Crowley mit jeder Sekunde nervöser. Warum brauchte der Engel so lange, um so ein kleines Geschenk zu öffnen? An diesem Punkt wünschte sich Crowley, der Engel würde sich einfach beeilen. Seine Finger zuckten vor Ungeduld.

Endlich öffnete Aziraphale die kleine Geschenkschachtel. Crowley hielt die Luft an. Warum war er so nervös wegen eines so lächerlich kleinen Geschenkes? Er hätte etwas ganz anderes aussuchen sollen. Vielleicht hätte er irgendwas aus seinem Marmorblock hauen sollen.

„Oh…“ Aziraphale schaute auf den Inhalt des kleinen Geschenks.
„Wofür sind die?“ Er nahm den Schlüsselring mit den drei anhängenden Schlüsseln in die Hand. Der Anhänger an dem Schlüsselring war eine zusammengerollte Metallschlange, die in Schwarz und Rot emailliert war. Crowley räusperte sich.
„Diese zwei silbernen sind… ähm… ich dachte, du hättest gerne dein eigenes Set. Dann musst du nicht jedes mal klingeln, wenn du mich besuchst.“

„Oh mein Lieber…“ Aziraphale lächelte, seine Augen leuchteten. „Du gibst mir die Schlüssel zu deiner Wohnung? Ich fühle mich so geehrt, Crowley. Danke für dein Vertrauen.“ Er lehnte sich vor und gab ihm einen sanften Kuss.
„Und der letzte? Für den Briefkasten?“
„Nein, eigentlich… ist der für das Cottage. In den South Downs. Wo das Cottage ist. Ich meine…“
„Du schenkst mir nicht wirklich ein Cottage?!“, rief Aziraphale, wobei er verwirrt die Stirn runzelte.
„Nein, natürlich nicht. Es ist meins. Mein Cottage.“
„Du hast ein Cottage? Das wusste ich gar nicht! Du musst es mir zeigen, mein Lieber. Vielleicht können wir ja nach Weihnachten einen Ausflug machen?“
„Wenn du möchtest…“
„Seit wann hast du denn ein Cottage?“
„Hab’s vor vielen Jahren nach einer kleinen Versuchung aus einem Impuls heraus gekauft. Ich hab jemanden eingestellt, der sich darum kümmert. Ich hab immer gedacht, ich könnte…“ Crowley wurde rot. Er rieb sich mit einer Hand über den Nacken.
„Ich dachte immer, falls ich jemals Urlaub brauche… Dumm, issst mir auch klar. Ein Dämon auf Urlaub. Alles, was ich da mache, ist, ein bisschen Stress an den Pflanzen auszulassen“, gab er zu. Und war insgeheim traurig, dass er nicht mehr Zeit im Cottage verbrachte. Er hatte es schon vor mehr als 150 Jahren gekauft. Tatsächlich hatte er sein sehr langes Nickerchen nach ihrem Streit über das Weihwasser im St. James’s Park dort gehalten.

Als Crowley die Hand sinken ließ, steckte Aziraphale die Schlüssel in seine Tasche und nahm Crowleys Hände.
„Ich würde mich geehrt fühlen, wenn du es mir zeigen würdest. Und wir können gern einen kleinen Urlaub machen. Wieso auch nicht? Ich denke, wir haben uns eine schöne Zeit zusammen verdient. Und ich danke dir so sehr für die Schlüssel, mein Darling. Ich verspreche auch, nicht in deine Privatsphäre einzudringen. Ich werde die Schlüssel nur benutzen, wenn du auf  mich wartest.“
„Ähm…“ Crowley räusperte sich. Er hatte auf einmal Bilder im Kopf, wie Aziraphale ihn während seiner
privaten Zeit überraschte, und eine Welle der Aufregung durchfuhr ihn und ließ ihn sich vor Verlegenheit winden.
„Du kannst kommen und mich sehen, wann immer du möchtest. Das meine ich ernst. Jederzeit.“
Aziraphale konnte sich nicht länger zurückhalten. Er zog Crowley in eine liebevolle Umarmung.
„Das ist das beste Weihnachten überhaupt. Und vielen Dank für dieses wunderbar ausgesuchte Geschenk.“
„War mir ein Vergnügen…“, quetschte Crowley heraus. Gerade konnte er nicht mehr sagen. Er war viel zu überwältigt von dem Aufruf sehr undämonischer Emotionen, die ihn gerade bis zum Rand ausfüllten. Und es wurde nicht besser, als Aziraphale fortfuhr.

„Ich wollte dich noch etwas fragen, mein Lieber…“ Der Engel zog sich ein wenig zurück, damit er Crowley ansehen und ihm eine der wichtigsten Fragen überhaupt stellen konnte.
„Ja zu allem. Was immer du willst, Engel“, lächelte Crowley.
„Du weißt ja noch nicht mal, was ich fragen will!“
„Wie ich schon sagte: Was immer du willst, du bekommst es.“
„Ich… Ich würde sehr gerne über Nacht bei dir bleiben, wenn ich darf.“
„Ngk…“

Zu sagen, dass Crowley überrascht war, war wahrscheinlich die Untertreibung des Jahres. Und er versuchte immer noch, es zu verstehen, als Aziraphale weitersprach: „Wir könnten ein spätes Frühstück essen, vielleicht einen langen Spaziergang durch den Park machen. Wenn wir wieder  nach Hause kommen, trinken wir zusammen Tee, während wir uns die Ansprache der Queen ansehen. Und wir haben noch den Rest Boef bourguignon. Wir können es uns morgen fürs Abendesse nochmal warm machen. Was sagst du dazu?“
Crowley war völlig überwältigt von all diesen Möglichkeiten. Aziraphale wollte über Nacht bleiben, die Nacht mit ihm verbringen! In seinem Bett höchstwahrscheinlich!

Als Crowley noch immer nicht in der Lage war, einen sinnvollen Satz zustande zu bringen, wich Aziraphales Lächeln. Oh… zu viel zu schnell, wie es aussah.
„Oder wir… Wir müssen auch gar nichts von alldem tun. Wenn du dich damit unwohl fühlst… Ich Dummkopf. Ich sollte es besser wissen und mich nicht so in dein Heim drängen. Aber als du mir die Schlüssel gegeben hast, dachte ich -“
„Nein!“, unterbrach Crowley ihn, der endlich seine Worte wiedergefunden hatte. Aziraphale wollte bleiben? Dann würde er auch bleiben. Dies war immerhin ein wahrgewordener Traum. Etwas, das er sich erhoff hatte, das er aber noch lange nicht für möglich gehalten hatte.
„Nein, Engel. Du bist willkommen, so lange zu bleiben, wie du möchtest. Ich… Ich war einfach überrascht.“ Er sah ihn an mit diesem Ausdruck, von dem er wusste, dass er lächerlich liebestoll war, aber im Moment konnte ihm das nicht egaler sein.
„Ich war überrascht, dass das etwas ist, was du dir wünschst. Jetzt schon wünschst. Ich meine… Ist noch gar nicht so lange her, dass wir uns… naja, das erste mal geküsst haben.“
„Es ist schon ein paar Wochen her. Ich mag das Küssen sehr. Ich liebe es, bei dir zu sein, deine Hand zu halten. Dir nahe zu sein… wie es nie zuvor erlaubt war. Mit dir ein Bett zu teilen, wäre… ein nächster Schritt.“

Für Crowley wäre ein nächster Schritt vielleicht erst mal gewesen, auf dem Sofa miteinander zu kuscheln. Aber wenn Aziraphale diesen Schritt überspringen wollte, dann würde er keine Einwände erheben.
„Du bist mir mehr als willkommen, hier zu bleiben, mein Engel. So lange du willst.“
„Das ruft förmlich nach einem Champagner, oder?“

Sie leerten die Flasche Champagner, während sie einen weitere Weihnachtsfilm schauten (Crowley hatte immerhin jeden Streamingdienst, den es gab, und somit hatten sie beinahe zu viele Möglichkeiten). Während des Films lehnte sich Aziraphale an Crowley, und es fühlte sich perfekt an. Als Aziraphale merkte, wie Crowley sich mehr und mehr entspannte, wusste er, wie müde der Dämon nach diesem aufregenden Tag sein musste. Als der Abspann lief, drückte Aziraphale einen Kuss auf Crowleys Wange.
„Wir können zu Bett gehen, wenn du willst. Ich möchte nicht, dass du auf dem Sofa einschläfst.“
„Ich bin ’kay…“, murmelte Crowley, klang aber nicht sehr überzeugend.
„Du bist hundemüde. Steh auf. Wir gehen ins Bett.“

Crowley zeigte keinen großen Widerstand, als Aziraphale ihn aufforderte, aufzustehen. Sie machten alle Lichter aus, und Aziraphale griff mal wieder in seinen Korb. Als er sich zu Crowley umdrehte, hielt er einen hellblauen Pyjama in Händen, der nur einige wenige karierte Details aufwies. Crowleys Herz begann zu rasen. Das geschah gerade wirklich… Aziraphale würde über Nacht hierbleiben, in seiner Wohnung, seinem Bett. Crowley fürchtete, vor Aufregung zu entkörpern. Aziraphale lächelte, als er sah, wie aufgewühlt Crowley gerade war.
„Ich ziehe mich im Bad um, ja?“
Crowley nickte stumm. Er fühlte sich dumm und sprachlos, ihm war übel, er hatte Angst und war übermütig und glücklich gleichzeitig. Er beobachtete, wie Aziraphale Richtung Bad verschwand. Erst als er die Badezimmertür sich schließen hörte, kam wieder Leben in ihn.

Ein Fingerschnippen steckte ihn in seinen schwarzen Seidenpyjama (und frische Unterwäsche, nur für den Fall der Fälle…), ehe er ins Schlafzimmer hastete, wo er seine Aufmerksamkeit dem Bett zuwandte. Die dunkelgraue Bettwäsche war aus feinster Baumwolle, schien für diese besondere Nacht allerdings nicht angemessen. Fieberhaft überlegte er nach einer besseren Alternative. Diverses Fingerschnippen änderte die Bettwäsche in weiße Baumwolle, dann rote Seide und dann ein beiges Karomuster und am Ende wieder zurück zu dunkelgrauer Baumwolle. Crowley verfluchte sich selbst für seine mangelnde Vorstellungskraft, als Aziraphale an der Schlafzimmertür klopfte.
„Darling?“
Crowley fuhr herum. Er wirkte ein bisschen wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Aziraphale war ein unglaublicher Anblick in seinem Pyjama! Er trug sogar ein paar Hausslipper.
„Auf welcher Seite schläfst du?“, fragte der Engel.
„Ähm… du suchst aus.“
„Okay, dann…“ Aziraphale wählte die rechte Seite des Bettes und glitt unter die Bettdecke. Erwartungsvoll schaute er Crowley an, der noch immer stocksteif da stand. Der Anblick von Aziraphale in seinem Bett stellte wundersame Dinge mit ihm an. Es war ein Anblick, an den er sich sehr schnell würde gewöhnen können. Leider fürchtete er, dass sein Körper ihn während der Nacht durch eine unangemessene Reaktion in Verlegenheit bringen könnte. Ein stilles kleines Wunder änderte Crowley’s Geschlecht. Das war für heute Nacht wohl sicherer. Er sagte sich selbst, dass er sich nicht wie ein verunsicherter Mensch verhalten sollte, und somit setzte er ein Lächeln auf. Mit einem subtilen Schwung seiner Hüften schlenderte er zu seiner Seite des Bettes.

Es fühlte sich komisch an, sich neben Aziraphale zu legen. Sie rutschten beide noch ein bisschen herum, bis sie bequem lagen, ehe Crowley die Nachttischlampe ausknipste. Übernatürliche Fähigkeiten machten es ihnen leicht, einander trotzdem anzuschauen.

„Warum schläfst du nie?“, fragte Crowley und kuschelte sich tiefer in sein Kissen. Er streckte seine Hand aus, und Aziraphale nahm sie.
„Ich wurde als Wächter erschaffen, mein Lieber. Und ein Wächter hält nun mal Wache. Das kann ich aber nicht, wenn ich schlafe. Und das steckt so tief in meinen Knochen… Das letzte mal, dass ich geschlafen habe, ist Jahrhunderte her. Aber ich möchte heute Nacht schlafen. Weil ich neben dir aufwachen möchte. Ich möchte, dass dein Gesicht das erste ist, was ich morgen sehe. Ergibt das überhaupt Sinn?“

Es machte allen Sinn der Welt, denn Crowley fühlte genau das gleiche. Und genau deshalb konnte er sich nicht länger zurückhalten. Er rutschte näher und zog Aziraphale in seine Arme. Er konnte nichts sagen, hielt ihn einfach fest und hoffte, dass Aziraphale verstand, was er ihm wortlos sagen wollte. Er fühlte, wie sich Aziraphales Brust mit einem Seufzen ausdehnte. Schien also zu funktionieren, denn als nächstes fühlte er die Hände des Engels über seinen Rücken streicheln.
„Du fühlst dich wunderbar in meinen Armen an…“, flüsterte Aziraphale, „Ich könnte dich die ganze Nacht so halten.“
„Wenn du möchtest…“
„Sogar sehr. Aber ich möchte auch, dass wir es uns so angenehm wie möglich machen.“
„Was schlägst du also vor?
„Naja, ich habe da von etwas gehört, das sich Löffelchen nennt. Hast du das mal ausprobiert?“

Crowley schluckte schwer und war froh, dass er sein Geschlecht geändert hatte, falls Aziraphale gern der kleine Löffel sein wollte.
„Ähm… Ich hatte… Affären mit Menschen. Aber nichts wie dies. Ich hab niemals Zeit mit ihnen verbracht so wie jetzt mit dir… Aber ich weiß natürlich, wie das funktioniert. Was wäre dir lieber?“
Was für eine sonderbare Unterhaltung!
„Wenn es für dich in Ordnung ist, dann würde ich dich sehr gern festhalten.“
Crowley nickte. „Yeah, sicher. Okay für mich.“
Und somit drehte er sich in Aziraphales Armen und fühlte, wie der Engel ihn an seine weiche Brust und Bauch zog. Oh, dies musste der Himmel sein… Crowley fühlte sich warm und geborgen, und ein Schauer lief ihm über den Rücken, als Aziraphales Atem über sein Ohr und seinen Hals kitzelte. Er legte eine Hand über die von Aziraphale, die direkt über seinem Herzen ruhte.

„Ich hätte nie gedacht, wie gut es sich anfühlen würde, dich so im Arm zu halten“, murmelte Aziraphale. Crowleys Herz füllte sich mit Emotionen. Wenn Aziraphale solche Dinge zu ihm sagte, wusste er nie, was er erwidern sollte. Doch der Engel schien das zu wissen. Seine sanften Lippen drückten einen liebevollen Kuss auf Crowleys Hals direkt über seinem Pulspunkt.
„Ich hoffe, du kannst gut schlafen, Darling. Gute Nacht.“
„Nacht…“, flüsterte Crowley. Er wollte Aziraphale sagen, wie sehr er ihn liebte. Wie viel es ihm bedeutete, dass sie jetzt so zusammen waren. Wenn er nur die Courage aufbringen könnte, seinen Mund aufzumachen und zu sagen…

„Ich liebe dich, Engel.“ Crowley stockte der Atem. Was war denn das? Hatte er das gerade wirklich gesagt? Laut gesagt? Er lag völlig still, wie eingefroren, denn Aziraphale sagte nichts, tat nichts. Oh, Scheiße, er hatte es verkackt. Idiot. Verdammter Idiot! Wie konnte ein Dämon nur so dumm sein? Einem Engel zu sagen, dass er ihn liebte?

Doch dann spürte er, wie Aziraphales Arme sich enger um seinen Körper schlangen und hörte wie er sagte: „Ich liebe dich auch, Crowley…“ Und endlich konnte Crowley wieder atmen. Nicht dass er wirklich atmen musste. Aber einen erleichterten Atemzug zu tun, fühlte sich gut an. Und er fühlte sich, als würde ein Gewicht von seiner Brust genommen, von seinem Herzen. Er fühlte sich, als sei einem Teil von ihm, den er für unverzeihlich gehalten hatte, verziehen worden sei. Wenn ein Engel ihn so lieben konnte, dann war er vielleicht doch kein hoffnungsloser Fall.
„Nochmal Frohe Weihnachten, mein Lieber.“
„Frohe Weihnachten…“, wiederholte Crowley. Und endlich konnte er die Augen schließen. Sein größter Wunsch würde morgen in Erfüllung gehen. Er würde in Aziraphales Armen aufwachen. Und das wäre dann das größte aller Weihnachtswunder.



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Ich wünsche euch allen noch einen schönen zweiten Weihnachtstag!
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