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Die Krankheit in mir

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Dr. Alana Bloom Dr. Hannibal Lecter Jack Crawford Will Graham
25.12.2020
17.01.2021
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25.12.2020 4.145
 
Hallo, liebe Freunde hochwertigen Mordes und höchster Küche im Sinne des Kannibalismus,

Ich möchte mich nach einer fast 2-jährigen Schreibpause aus meinem Exil zurückmelden.
Erst einmal möchte ich mich entschuldigen, dass ich Lethe nicht fortgesetzt habe.
Mittlerweile bin ich im letzten Jahr meines Studiums, arbeite wieder in Norddeutschland, habe meine Doktorarbeit abgeschlossen und bin zurück aus meiner Studienstadt in meine Heimat gezogen.

Es hat sich viel verändert, aber meine Faszination für Hannibal Lecter, und seine unorthodoxe Beziehung zu Will Graham, ist nicht abgeflacht. Um die Leser von Lethe noch etwas zu erfreuen, darf ich euch sagen, dass diese Geschichte zum Teil dem Verlauf des dritten Teils von Lethe entspricht. Zumindest in den Grundzügen, wie ich damals überlegt hatte, sie weiter zu schreiben. Vielleicht werde ich irgendwann meine Muße für Lethe wiederfinden - man weiß ja nie. :D Daher ist die Storyline für diese Geschichte auch etwas zu dem ursprünglich gedachten Verlauf abgeändert worden.

Ich wünsche euch allen frohe Weihnachten, und hoffentlich viel Spaß mit dieser Geschichte. Kapitel kommen wahrscheinlich alle 2 Wochen, da ich gerade durch die Corona - Krise sehr eingespannt bin im Krankenhaus, und daher für kein regelmäßiges Update garantieren kann.

In diesem Sinne,
Viel Spaß

PS: Lasst gerne ein Review, einen Favoriteneintrag oder eine Empfehlung da. Ich würde mich sehr freuen, und natürlich auch zeitnah antworten. Mir ist der Austausch mit meinen Lesern ja immer sehr wichtig.

Lieber Gruß,
Bambie
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Salshore, Nantucket Island - 25. Oktober. 2015

Die Rotoren des schwarzen Helikopters wirbelten Staub und Schmutz auf, als der Pilot zum Landeanflug auf den kleinen Landeplatz auf einem Felsplateau ansetzte. Das Felsplateau befand sich am Nordende der Insel, und lief etwa eine halbe Meile weiter nördlich in einen steinigen Kiesstrand aus, an dem sich auch ein kleiner Bootsanleger befand. Es war nicht sonderlich schwer gewesen die Insel, der sie sich im Sinkflug nährten, innerhalb seines Gedankenpalastes zu kartographieren. Später würde ihm dieses Wissen, das er in einem Raum der Größe einer kleinen Nebenkapelle der Basilika Santa Maria Novella abgelegt hatte, sicherlich dienlich sein. Dienlich daher, da es ihm zumindest theoretisch die Flucht von diesem tristen Ort ermöglichen würde. Später, wenn er sich seiner Gefangenschaft vollends bewusst werden würde, würde ihn diese Hoffnung, die existierte, auffangen und nie aufgeben lassen.

Insgesamt war die Vegetation der kleinen Nebeninsel von Nantucket Island, die sich im Privatbesitz der Familie Verger befand, spärlich. Außer einigen, knorrigen Bäumen, die ihre dünnen Äste dem gräulichen Himmel entgegen streckten, und etwas Seegras, das vom Salz und den harschen Winden des Atlantiks ausgeblichen worden war, war die Insel weitestgehend kahl.
Diese Insel stank nach Ödnis, und vor allem nach Gefängnis. Auch wenn sie kein Gefängnis im eigentlichen Sinne war, stank sie dennoch danach. Sie war ein Ort, an den man zum Sterben ging. Ein Ort, an den man die Menschen brachte, deren größte Strafe nicht der Tod, sondern ein Leben in Anonymität und Vergessenheit wäre. Menschen, wie ihn. Großgeister und Meister der Manipulation, die in ihrer extrovertierten Persönlichkeitsstruktur von der Interaktion mit anderen lebten. Man hatte ihn hier her gebracht, um seinen Körper und Geist sterben zu sehen. Hier würde man ihn nicht durch das Geschoss einer SIG P226 niederstrecken, sondern durch die Einsamkeit und Bedeutungslosigkeit, die ihm an diesem Ort innewohnen würde. Das Sterben an diesem Ort würde nicht leicht sein - er würde dahinsiechen, wie ein verwundetes Tier, das sich niederlegt, um zu verenden.

Unter ihm verdichtete sich der aufgewirbelte Stau, bis er nur noch schemenhaft das Felsplateau und das darunter gelegene tundraartige Ödland der Insel sehen konnte. Vor seinen Augen tanzte bunte Punkte, und er presste die Lippen missbilligend zu einer schmalen Linie zusammen, als er seine Finger unter den engen Riemen der Zwangsjacke bewegte. Mittlerweile schnitt ihm die Zwangsjacke unangenehm fest in die Muskeln der bloßen Oberarme ein und ließ seine Hände, wie von tausend Ameisenstichen übersäht, kribbeln.

Er war sich sicher, dass der uniformierte Mann, der ihm in dem Helikopter gegenübersaß und mit einem gehässigen Blick bedachte, die Zwangsjacke bewusst zu eng zugezogen hatte. Er hatte es getan, um seine eigene mickrige Existenz, als dominierendes Exemplar seiner Spezies zu legitimieren. Obwohl es nicht nötig gewesen wäre, hatte der Mann, ihm den Bissschutz angelegt, der ihn dazu zwang seine abgestandene Atemluft zu atmen. Kleine, weiße Wölkchen auf Wasserdampf bildeten sich an der Innenseite der transparenten Plastikmaske. Manchmal löste sich ein Wassertropfen von der Innenseite der Maske, und lief ihm in einer Spur der feuchten Kälte das stoppelige Kinn hinab. Nicht einmal eine Rasur hatten sie ihm zugestanden. Nicht einmal diese Menschlichkeit hatten Alana und Margot Verger besessen, als sie ihn an einem kleinen Militärflughafen in der Nähe von Boston abflugfertig gemacht hatten. Sie hatten ihm nach mehreren Wochen in einem Krankenhausbett einer Intensivstation und etlichen weiteren Tagen  zur Genesung in ihrem privaten Medizintrakt nicht einmal etwas Hygiene zugestanden.

Nicht einmal eine Dusche und eine Rasur. Sie hatten es geschafft. Sie hatten ihn entmenschlicht. Entmenschlicht, wie es die Kolonialisten in der Frührenaissance mit den indigenen Völkern Südamerikas und die späteren Großgrundbesitzer der USA mit der schwarzen Bevölkerung noch wenige Jahrzehnte zuvor, getan hatten. Ebenso wie diese Menschen entmenschlicht worden waren, um sie ohne eine Regung des eigenen Gewissens, zu vernichten - war dies auch Alana Vergers Plan. Ein Plan, der seine Wurzeln tief in die Angst, die Margot und Alana inklusive ihres Sohnes, vor ihm verspürten, geschlagen hatte. Todesangst, da sich alle über die Endlichkeit des Deals, den sie drei geschlossen hatten, bewusst waren. Einen Deal, der Alana nicht nur einen Sohn geschenkt hatte, sondern auch blutig erkaufte Lebenszeit. Lebenszeit, die Tag für Tag weniger wurde. Korn um Korn lief die Zeit, die Alana und Margot noch in ihrer Sanduhr stehen hatten, ab. Jeden Tag nahm die Menge an Sand, die sich im unteren Konus der gläsernen Sanduhr befand, zu. Mit jedem Korn, das fiel, wurde auch ihre Angst größer. Und mit der Angst wurde auch sein Hunger größer - denn er nährte sich von dieser Angst. Würde sich auch noch sehr lange von ihr nähren können. Denn dieser Angst, die Margot und Alana zugleich verspürten, wohnte das Wissen inne, dass er die beiden Frauen in diesen Momenten dominierte. Obwohl er ihnen seit seinem Klippenfall, hinab in die unbeschriebenen Tiefen des Tartaros, physisch unterlegen war, war er ihnen durch ihre beinahe urzeitliche Angst überlegen.

Überlegen weil er den Tod nicht fürchtete, sondern ihn - wenn er kommen würde - mit offenen Armen empfangen würde. Er - Hannibal Lecter - hatte keine Angst vor dem Tod. Er fürchtete nichts. Noch nicht einmal die Bedeutungslosigkeit, in die sie ihn auf diesem Eiland stoßen würden. Denn solange sich nur ein einziger Mensch an ihn erinnern würde, würde er niemals bedeutungslos sein. Niemals. Und er war sich sicher, dass Will an ihn dachte. So sicher, dass ihn dieser erneute pathetische Versuch ihn psychologisch zu brechen, nicht brechen würde. Niemand würde ihn auf die Knie zwingen. Niemals - solange es die kleinste Hoffnung einer Wiedervereinigung mit Will Graham gab. Die Art von Hoffnung, die heller, als jedes Leuchtfeuer brennt. Egal, wie klein, war sie dennoch heller, als alle Dunkelheit des Tartaros zusammen.

Sie hatten ihn in seinem schwächsten Moment, dem Moment, in dem er wahrhaft geworden war - in dem Will Graham wahrhaft geworden war, niedergeschlagen. Sie hatten ihn, der in diesem Moment, wie ein niedergestrecktes Raubtier gewesen war, an sich gebunden. Mit Fesseln an sich gebunden, die schwerer wogen, als es jedes Eisen oder jede Handfessel jemals gekonnt hatten.
Er erinnerte sich noch genau an die vor Selbstzufriedenheit triefende Tonlage, in der ihm Alana diesen Deal in dem privaten Krankentrakt, in dem zuvor Mason behandelt worden war, unterbreitet hatte.

Zuerst hatte sie seine Wunden behandelt, dann hatten sie mit ihm verhandelt. Wobei es keine Verhandlung gewesen war, sondern ein geschickter Zwang - eine weitere geschickte Manipulation. Oh, wie viel Alana doch von Margot und deren dahingeschiedenem Bruder gelernt hatte. Es war eine pathetische, stümperhafte Manipulation gewesen, doch sie hatte dennoch ihre Früchte getragen. Sie hatte gewirkt, weil ihm nichts in seinem Leben - nichts außer Mischa, und Will Graham, jemals so wahrhaft etwas bedeutet hatte.
Wie Tantalus für immer an einen Baum gefesselt worden war, hatten sie ihn für immer an diesem Ort gebunden. Eine gottgleiche Strafe. Eine Strafe, die dem tiefsten Höllenkreis der göttlichen Komödie selbst entsprungen war.

Während die Welt ihn für seine Taten gerne auf dem elektrischen Stuhl, mit der Giftspritze im Arm oder auch einfach nur erhängt in der eigenen Zelle gesehen hätten, sahen ihn die ermittelnden Behörden der USA lieber hier. Abgeschnitten von jeder Zivilisation, aber erreichbar, falls sie ihn noch einmal für eine Ermittlung brauchen sollten. Auch wenn Jack Crawford zumeist ein kleingeistiger Mann war, der den Posten, den er besetzte, nicht immer verdiente, war dies ein wahrhaft kluger Schachzug gewesen. Mit einfachen Mitteln hatte er Hannibal, zumindest für einen kurzen Zeitraum, ins Schachmatt gesetzt. Er würde den Rest seiner bemitleidenswerten Existenz, wie Alana es vor Abscheu triefend formuliert hatte, auf diesem Eiland verbringen - für immer getrennt von Will. Gefangen in seinen Gedanken, was hätte sein können. Was hätte sein könne, wenn Chiyoh vor der Söldnertruppe der Vergers eingetroffen wäre.
Das Schachmatt mit dem sie ihn wahrhaftig in seine Knie gezwungen hatten, war ein wahrhaft maßloses Angebot gewesen. Ein Tauschgeschäft ihrer aller Leben.

„Diese Insel wird dein ewiges Gefängnis sein. Du wirst auf ihr alt, zahnlos und schwach werden. Zu einem Nichts. Die einzige Bedingung dafür, dass wir dir deine mickrige Existenz lassen, ist, dass du Will Graham nie wieder sehen wirst. Du wirst ihn nicht kontaktieren. Wir werden ihn dich nicht kontaktieren lassen. Du wirst an diesem Ort sterben. Grübelnd darüber, was hätte sein können. Grübelnd und allein. Und wenn du eine Möglichkeit des Kontakts zu ihm finden solltest, werden wir prekäre Informationen über ihn weitergeben, die ihn erneut zum Gefangenen des BHCI machen würden. Überlege dir also gut, alter Freund, was du tun wirst.“

Müde von der Tristesse des Eilands, das nur wenige Meilen vor dem Nationalpark Cape Cod, südlich von Boston im Atlantik lag und früher dem Walfang gedient hatte, betrachtete er den uniformierten Mann, der ihm gegenüber saß. Ein selbstgefälliges Lächeln umspielte dessen schmale Lippen, und seinen dunklen Augen wohnte ein kleingeistiger Ausdruck inne. Seine Nase musste mehrfach gebrochen gewesen sein, denn sein Nasenbein war knorpelig zusammengeheilt und hatte eine leichte Linksdeviation. Sicherlich kam daher auch das leichte Pfeifen, das sein Atem erzeugte, wenn dieser durch die Nase entwich, und einen Punkt, in Hannibal anschlug, der ihn irritierte und anwiderte. Dieser Mann, der sich sein Selbstbewusstsein durch seine Uniform erkauft hatte, quiekte, wie ein Schwein. Ein verachtenswertes Schwein. Ein käufliches Schwein. Wenn er dieses Eiland der Scham jemals verlassen würde, würde er alttestamentarische Rache walten lassen, wie auch Mason Verger es wenige Jahre zuvor stümperhaft versucht hatte. Seine Rache würde auf die kleine Familie Verger, deren Lebenszeit schon längst abgelaufen war, mit der Wucht einer gottgleichen Naturgewalt niederfahren. Er würde ihre pathetischen Leben zerschmettern, wie sie das seine zerschmettert hatten. Nicht die dunklen, scharfen Klippen, die den Grund des Atlantiks gesäumt hatten, hatten ihn zerschmettert, sondern Alana und Margot Verger hatten es gewagt dies zu tun.

Gerade in dem Moment, in dem Will sich ihm hingegeben hatte - in dem Will, sich das erste Mal gegen die rigiden Schema der Gesellschaft und seines moralischen Kompass aufgelehnt hatte. Er hatte sein Spiegelbild gesehen - reflektiert in dem stürmischen Blau der Regenbogenhaut von Wills Augen. Endlich war Will wahr geworden. Wahrhaft. Zu Hannibals eigenem Spiegelbild - unersättlich. Unkontrolliert. Frei von jeglichen gesellschaftlichen Konventionen - zu dem Monster, das ihm schon immer innegewohnt hatte und an den Wänden seiner Menschlichkeit gerissen hatte. Ein Monster, da schon vor seiner anti-NMDA-Enzephalitis geboren worden war. Ein Ungeheuer, das schon so alt, wie die Welt selbst, war. Beinahe gottgleich. Und oh, so hungrig. Bereit die Welt mitsamt all ihrer dunklen Süchte und Gelüste zu verschlingen. Das Alpha und Omega alles Bösen. Die Urwurzel allen Übels. Aller Niedertracht. Das Dunkel am Grund des Sees. Die Schwärze in den Augen der Menschen. Die seelenlose Boshaftigkeit, die dem Menschen schon im Paradies - schon seit der Schöpfung - innewohnt hatte. Und hatte Gott den Menschen nicht in seinem Ebenbild geschaffen?

Als der Helikopter auf dem Boden aufsetzte, ging eine Erschütterung durch den Boden, sodass seine Zähne unangenehm fest aufeinander schlugen und ein klackendes Geräusch erzeugten. Mahlend presste er seine Kiefer fest aufeinander, als er das eisenhaltige Aroma frischen Blutes auf seiner Zungenspitze spürte. Er presste seine Zunge gegen seine knöcherne Gaumenplatte, um die Größe des Risses in der Schleimhaut der Zunge einzuschätzen. Aus einem feinen Riss an der seitlichen Zungenspitze, quollen feine Blutstropfen, die er sich langsam die Kehle hinabbringen ließ. Genußvoll schloss er die Augen, und erinnerte sich an all die Schweine, deren Blut er gekostet hatte. Mit einem Anflug von Erregung, die ein Ziehen in seinen Leisten auslöste, dachte er an die Vollmondnacht auf den Klippen zurück, in der er das erste Mal Wills Blut gekostet hatte. Nachdem die Blutgerinnung eingesetzt hatte, und der feine Riss in seiner Zunge kein Blut mehr absonderte, öffnete er die Augen.

Ein sonderbarer Geschmack breitete sich über die feinen Geschmacksrezeptoren seiner Zunge aus, und ließen eine säuerliche Übelkeit in seiner Kehle hinaufsteigen. Magensäure brannte scharf in seiner Kehle, und er musste das Bedürfnis zu würgen, unterdrücken. Irritiert über seine eigene Reaktion nach dem Konsum seines eigenen Blues, sah er hinab auf den durchsichtigen Bissschutz, an dessen Innenseite einige dünne Speichelfäden mit feinen Schlieren frischen Blutes hingen. Erneut musste er würgen, und erneut stieg ihm der sonderbare Geschmack die Kehle hinauf. Ein Geschmack, den sein gustatorisches Gedächtnis zu kennen schien. Ein Geschmack so alt, und archaisch, und doch so neu. Er konnte diesen eigenartigen Geschmack - dieses fein säuerlich, süßliche, beinahe entzündliche Aroma  - nicht zuordnen. Egal wie weit er sich in seinen Gedankenpalast zurückzog, und wie tief er auch in die abertausenden, kathedralenartigen Räume vordrang, fand er keine Antwort auf seine Frage, wo er dieses Aroma schon einmal geschmeckt hatte. Merkwürdigerweise wusste er nur, dass es ein alter, dem Menschen ganz ureigener Geschmack war, den seine Magenschleimhaut, im Zusammenspiel mit der Säure und seinem eigenen Blut dort absonderte.

Manche Erkrankungen führten zu Geschmacksveränderungen, wenn sie das Milieu des Gastrointestinaltrakts entzündlich oder tumorös zersetzten. Aber war er krank? Konnte es sein, dass eine Seuche von ihm Besitz ergriffen hatte? In den Wochen nach seiner intensivmedizinischen Genesung hatte er keine Symptome einer Krankheit an sich bemerkt. Er hatte keinen Nachtschweiß abgesondert, nicht an Gewicht verloren und auch keine subfebrilen Temperaturen angezeigt. Vielleicht hatte er Klippenfall doch bleibende Schäden, über das hinaus, was er selbst bemerkt und was ihm von Alana mitgeteilt worden war, erlitten? Eigentlich war er sich sicher, dass sein Körper von den schweren Verletzungen, die er erlitten hatte, genesen war. Eigentlich. Eigentlich war eine Relativierung seiner Aussage - denn eigentlich war er sich nicht sicher, ob die Behandlung, die Alana ihm zukommen lassen hatte, ausgereicht hatte. Eigentlich war er sich überhaupt nicht sicher. Zweifel machte sich in Hannibals Gedankenpalast breit, und  eine schwarze Wolke verdunkelte die Mosaikfenster, die das Licht in einer Kaskade aus Farben, auf den Boden seines Gedankenpalastes fielen ließen. Plötzlich herrschte in seinem Gedankenplast vollkommene Schwärze, und er irrte irr in den Räumen, die der Zeit seiner Genesung gewidmet waren, umher. Schemenhafte Fetzen längst vergessener, und verdrängter fiebriger Momente huschten an ihm vorbei.

Er  - an eine kontinuierliche Nitrat - Dialyse angeschlossen. Er - mit einem Tubus zur Beatmung im Hals, etlichen Schläuchen in den zentralen Venen seines Halses, einer PEG zur Ernährung innerhalb seines Magen und Dünndarms. Er - mit brennenden Schmerzen im gesamten Bauchraum, nachdem man seinen Bauchraum nach einigen Tagen erneut eröffnet hatte, um die zweizeitig rupturierte Milz zu entfernen. Dann war dort noch das kontinuierliche Piepen des EKG - Streifens eines Monitoring - Geräts für seine Vitalwerte. Und die immer währenden Schmerzen im Nierenlager, wo die Kapsel seiner Niere durch den Aufprall auf das betonharte Wasser, perforiert worden war. Der Phantomschmerz, der die Narbe über seiner entfernten Niere, noch immer neuropathisch kribbeln und brennen ließ. Das scharfe Brennen zwischen seinen Eingeweiden, als die hohen Wellen des Atlantiks ihn gegen einen scharfkantigen Fels am Grund der Klippe geworfen hatten. Er erinnerte sich an alles - an fiebrige Tage der Blutvergiftung, an Tage der Reanimation und auch an Tage des Schmerzes - aber er erinnerte sich nicht an diesen Geschmack.

Dieser  Geschmack, der ihm schwarz vor Augen werden ließ, stammte nicht aus der Zeit, in der er als polytraumatisierter Patient nach Sturz aus über 90 Fuß Höhe um sein Leben gekämpft hatte. Die Wurzel dieses Geschmackes war älter. Er musste aus seiner Jugend, vielleicht auch schon aus seiner Kindheit stammen. Vielleicht auch aus einem früheren Leben. Was dachte er bloß? Fieberte er etwa erneut? Bunte Punkte tanzten vor seinen Augen, und die Schwärze, die sich über seinen Gedankenpalast gelegt hatte, legte sich jetzt ach über sein Bewusstsein. Er verlor die Besinnung. Er trübte langsam ein- War er krank? Wurde er wahnsinnig? War dies die Strafe Gottes dafür, dass er es gewagt hatte dessen Schöpfung anzumaßen? Was passierte hier?

Er driftete immer weiter ab. Hinab in die Schwärze. Hinab in den Tartaros. Immer weiter hinunter, bis er den Boden des tiefsten Höllenkreises erreicht haben würde. Und dort am Grunde des finsteren Abgrundes ein einziger Gedanke, so hell wie tausend Sonnen: Er war krank, und musste Will finden. Nur Will würde ihm helfen können. Nur er - und es blieb nicht viel Zeit. Denn nun - in seinem letzten klaren Moment, bevor er endgültig in die Bewusstlosigkeit glitt, hatte er sich an den Geschmack erinnert. Er hatte sich erinnert, und wollte nun nichts mehr als vergessen. Einfach nur vergessen.
Dann vollkommene Bewusstlosigkeit. Wabernde Schwärze. Und irgendwann vollkommenes Nichts.
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Welmington, Ohio - 27.Oktober. 2015

Das Rattern der Nähmaschine. Melodisch, und einlullend. Eine Kakophonie der klackenden Laute. Helles Morgenlicht fällt durch ein kleines Butzenfenster, dessen Scheiben vom Staub der Jahre milchig geworden ist. Der kleine Kellerraum riecht nach Staub, altem und modrigem Holz, und dem aziden Geruch von gegerbtem Leder. Er sitzt an dem kleinen Holztisch mit den ungleichen Beinen, der direkt neben der hölzernen Kellertreppe steht. Eine hölzerne Klappe, die über die Jahre morsch geworden ist, trennt sein privates Atelier von den Wohnräumen im oberen Stock Eigentlich war dieser Kellerraum, als Vorratsraum gedacht, woran auch immer noch die großen Holzregale an den Wänden, und die drei großen Fässer an der Wand mit dem kleinen Butzenfenster erinnern.

Er nutzt die Regale, und Fässer für die Lagerung von etwas Anderem. Von den Regalen bis zu dem Treppenkasten der Kellertreppe hat er mehrere Wäscheleinen gespannt, auf denen das frisch abgezogen Haut hängt, die er später in den großen Fässern gerben will. Für einen Moment meint er den metallischen Geruch frischen Blutes zu riechen, obwohl er das Blut und die Innereien doch schon vor einigen Stunden auf dem Misthaufen hinter dem Haus entsorgt hat. Irritiert blinzelt er, wodurch ihm einige helle Haarsträhnen einer blonden Langhaar - Perücke in das grobschlächtige Gesicht fallen. Vorsichtig streicht er sich die feinen Strähnen zurück hinter die Ohren, und hält kurz inne. Das melodische Rattern der Nähmaschine verstummt, und er besieht sich sein Werk. Vor ihm liegt ein perfekt geformtes Stück hellen Leders, dessen Kanten er durch eine dicke Doppelstichnaht abgeschlossen hat, um sein Werk vor dem Ausfransen zu schützen. Nie ist sein Werk perfekt. Nie schafft er es das Leder so zu verarbeiten, wie er sich es vorstellt.

Am Unterrand des Leders sind vereinzelte Haare zu sehen, die an die Borsten eines Schweines erinnern. Frustriert schleudert er das Stück Leder gegen die Wand hinter sich, und gibt einen grunzenden Laut von sich. Das ovale Lederstück bleibt an einer alten, einäugigen Schaufensterpuppe in der hintersten Ecke des Raumes - nahe der Luke zur tieferliegenden Klärgrube liegen. Er ist froh, dass die Klärgrube, seitdem das Haus an die örtliche Kanalisation angeschlossen ist, nicht mehr genutzt wird. Früher hat es in diesem Keller immer furchtbar nach Fäkalien gestunken, und er hat sich nur ungern hier unten aufgehalten. Doch seitdem es die Kanalisation gibt, ist er gern hier unten. Hier stört ihn wenigstens niemand, wenn er an seinem Werk arbeitet. Hier unten ist er für sich. Manchmal kommt Princess, sein kleiner Pekinese zu ihm herunter, aber meistens bleibt sie im oberen Stockwerk in ihrem pinken Plüschkörbchen.

Sie mag den Geruch des gegerbten Leders einfach nicht, den er so sehr liebt. Eigentlich kommt sie nur dann zu ihm herunter, wenn er die Haut von den toten Körpern abzieht. Sie hofft dann einen kleinen Bissen des zarten Fleisches, das unter der Haut liegt, zu erhaschen.
Princess weiß eben was gut ist. Besonders gern hat sie das zarte Fleisch aus dem Genitalbereich des Körpers, wenn er die äußeren und inneren Laien ausschält, sodass nur die dünne Haut des weiblichen Genitals überbleibt. Einmal, oh wie böse er dort mit ihr schimpfen musste, hat sie ihm die Brustwarze von einem seiner Lederteile abgefressen. Diesen Teil seines Werkes muss er immer noch ersetzen. Manchmal würde er Princess gerne dafür schlagen, dass ihm dieser wichtige Anteil seines Werkes nun fehlt, doch er kann es nicht. Er liebt sie zu sehr. Und er will auch nicht, dass er, wie seine Mama und sein Papa wird. Besonders nicht, wie sein Papa - denn sein Papa hat ihn immer geschlagen. Besonders dann, wenn er Mamas Sachen anprobiert hat. Oh, wie sehr er doch das blaue Sommerkleid geliebt hat. Und ihre Spitzenunterwäsche. Ganz besonders der rote Slip mit Strumpfhaltern inklusive des dazu passenden BH’s.

Doch er will jetzt nicht an seine Mama und seinen Papa denken. Er will jetzt auch nich an Princess denken, die oben in ihrem pinken Körbchen schläft. Eigentlich will er gerade gar nicht denken. Er ist wütend, dass dieser Teil seines Werkes erneut nicht perfekt ist. Nun muss er erneut losziehen, um ein neues Opfer für die finalen Teile seines ledernen Anzuges zu finden. Gerade diese beiden Anteile seines Anzugs. Die beiden Anteile eines Körpers, die bestimmen, ob jemand Mann oder Frau ist.

Mit schlurfenden Schritten, die so garnicht zu seiner grobschlächtigen, aber großen Status passen wollen, schlurft er zum Treppenabsatz. Dort hält er kurz einen Moment inne, und streicht sich erneut eine blonde Strähne hinter das Haar. Er wird dieses Mal auf die Jagd nach einem jüngeren Opfer gehen. Umso jünger sie sind, umso zarter und unbefleckter ist ihre Haut. Er muss ein Opfer finden, das helles Schamhaar und rosige Brustwarzen besitzt. Ein Opfer, dessen Haut seine Verwandlung perfekt komplementiert. Sie darf nicht verbraucht aussehen. Sie darf nicht anschaffen gegangen sein - denn die Frauen, die anschaffen sehen immer verbraucht aus. Dieses Mal wird er sich ein anderes Opfer suchen müssen. Ein junges Mädchen, dessen Haut noch jugendlich frisch und dehnbar ist. Er muss ein Opfer finden, das die perfekte Hautfarbe besitzt. Einen so hellen Hautton, dass er die wasserstoffblonden Haare seiner Echthaarperücke komplementiert. Vielleicht wird er länger suchen müssen. Vielleicht wird er seine Strategie sie in sein Atelier, hier unten in diesem Keller, zu locken, ändern müssen. Doch er wird sie finden. Vielleicht nicht heute, aber irgendwann. Freudig grunzend stapft er die morschen Treppenstufen hinauf. Staub wirbelt auf, und taucht den Raum für einen Moment in Dunst. Er niest - reibt sich einige Momente über seine breite, mit großen Poren übersäte Nase.

Bald wird er perfekt sein. Bald wird aus ihm eine sie geworden sein, und all die Jungen, die sie nicht angesehen haben, werden ihr nachsehen. Sie wird perfekt sein. Sie öffnet die Holzklappe zu der oberen Etage des Hauses, und Princess blinzelt sie müde aus dem Korb im Flur an. Mehr als ein leises Kläffen, und müdes Knurren bringt Princess nicht hervor, als sie die Luke mit einem lauten Knallen zufallen lässt. Freudig fängt Princess an mit ihrem kleinen Schwanz, dessen Spitze rosa gefärbt ist, zu wedeln, als sie auf die Garderobe im Flur, wo auch eine pinke Lederleine hängt, zu geht.

„Nein.“, sagt sie mit leiser Stimme, die vom Timbre noch immer zu rau und tief für eine Frauenstimme klingt. Ihre Verwandlung ist ja noch nicht abgeschlossen. Doch bald. Bald wird sie ihren Körper, und auch ihre Stimme nicht mehr hassen müssen. Bald ist sie perfekt. Einfach nur perfekt. Endlich wird ihre Mama stolz auf sie - ihre einzige Tochter - sein.
Leise winselnd legt sich Princess zurück in ihr Körbchen, aus dem sie gerade mit wedelndem Schwanz und leuchtenden Knopfaugen aufgesprungen war.

Sie nimmt Princess nie mit auf die Jagd - auch wenn all die jungen Mädchen und Frauen den kleinen weiß-grau melierten Pekinesen lieben. So lange sie keine vollständige Frau ist, möchte sie Princess nicht den gehässigen Kommentaren der anderen Frauen aussetzen. Erst wenn ihre Verwandlung abgeschlossen ist, und sie wunderschön und wahrhaft eine Sie ist, wird sie Princess in der kleinen Provinzstadt ausführen. Dann wird jeder neidisch auf ihre Proportionen, ihr feines Gesicht und ihre schönen, blonden Haare sein. Er dann wird er - oh wie er dieses Wort doch hasst - sich endlich vollständig, als „sie“ bezeichnen dürfen. Noch ist er keine sie. Noch nicht. Zuerst muss er erneut auf die Jagd. Er musste das perfekte Mädchen finden.

Jame Gumb würde endlich zu seiner Frau, zu einer „sie“ werden. So wie seine Mutter, das immer gewollt hatte. So, wie er es immer gewollt hatte.
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